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So­zi­al­plan und Kla­ge­ver­zicht

Ei­ne Prä­mie für den Ver­zicht auf ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge steht auch Ar­beit­neh­mern mit si­che­rer An­schluss­be­schäf­ti­gung zu: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 08.12.2015, 1 AZR 595/14

15.12.2015. Sind Ar­beit­ge­ber zu grö­ße­ren Ent­las­sungs­wel­len ge­zwun­gen, gibt es in der Re­gel ei­nen So­zi­al­plan mit Ab­fin­dungs­re­ge­lun­gen.

Hat man aber als Ar­beit­neh­mer ei­nen si­che­ren So­zi­al­plan­ab­fin­dungs­an­spruch, kann man oh­ne Ri­si­ko Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ein­rei­chen, um ei­ne wei­te­re Be­schäf­ti­gung oder ei­ne Auf­bes­se­rung der So­zi­al­plan­ab­fin­dung zu er­rei­chen. 

Ar­beit­ge­ber wie­der­um ver­su­chen hier ge­gen­zu­steu­ern, in­dem sie zu­sätz­lich zu der Ab­fin­dung den­je­ni­gen Ar­beit­neh­mern Prä­mi­en ver­spre­chen, die kei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge er­he­ben (Kla­ge­ver­zichts­prä­mie).

Wird ei­ne sol­che Kla­ge­ver­zichts­prä­mie in ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung auf­ge­nom­men, muss sie auch Ar­beit­neh­mern zu­gu­te kom­men, de­ren An­schluss­be­schäf­ti­gung nach der Ent­las­sung ge­si­chert ist: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 08.12.2015, 1 AZR 595/14.

Was müssen Arbeitgeber und Betriebsrat bei der Vereinbarung von Klageverzichtsprämien beachten?

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) dürfen So­zi­al­plan­leis­tun­gen, ins­be­son­de­re Ab­fin­dun­gen, nicht vom Ver­zicht des Ar­beit­neh­mers auf die Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge abhängig ge­macht wer­den (BAG, Ur­teil vom 31.05.2005, 1 AZR 254/04).

Denn So­zi­alpläne sol­len gemäß § 112 Abs.1 Satz 2 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) die wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le aus­glei­chen bzw. mil­dern, die den Ar­beit­neh­mern in­fol­ge ei­ner Be­triebsände­rung wie z.B. ei­ner Kündi­gungs­wel­le ent­ste­hen.

Da­ge­gen be­steht der Zweck ei­nes So­zi­al­plans nicht dar­in, dem Ar­beit­ge­ber Pla­nungs­si­cher­heit darüber zu ver­schaf­fen, dass die gekündig­ten Ar­beit­neh­mer in­fol­ge der Kop­pe­lung von Ab­fin­dung und Kla­ge­ver­zicht von Kündi­gungs­schutz­kla­gen ab­se­hen wer­den. Ei­ne sol­che in­di­vi­du­al­recht­li­che "Be­rei­ni­gungs­funk­ti­on" ha­ben So­zi­alpläne laut BAG nicht.

Da­her würden Kla­ge­ver­zichtsprämi­en in So­zi­alplänen auf ei­ne dem Zweck des So­zi­al­plans wi­der­spre­chen­de Schlech­ter­stel­lung der­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer hin­aus­lau­fen, die ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­he­ben. Dies wie­der­um würde ge­gen den be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz bzw. ge­gen § 75 Abs.1 Satz 1 Be­trVG ver­s­toßen.

Den­noch können Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat als ergänzen­de Re­ge­lung zu ei­nem So­zi­al­plan ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung ab­sch­ließen, die Ar­beit­neh­mern als Ge­gen­leis­tung für die Nicht­er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge ei­ne Kla­ge­ver­zichtsprämie zu­kom­men lässt. Ei­ne sol­che Ver­zichtsprämie darf aber kei­ne ver­kapp­te Ab­fin­dung sein und kann da­her im Verhält­nis zur Höhe der So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen höchs­tens in ei­nem klei­nen Auf­geld be­ste­hen.

Bis­lang noch nicht vom BAG geklärt ist die Fra­ge, ob Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen mit Kla­ge­ver­zichtsprämie be­stimm­te Ar­beit­neh­mer­grup­pen von den Prämi­en aus­neh­men können. Oder an­ders­rum ge­fragt: Kann sich die Kla­ge­ver­zichtsprämie auf sol­che Ar­beit­neh­mer be­schränken, bei de­nen dem Ar­beit­ge­ber be­son­ders dar­an ge­le­gen ist, dass sie kei­ne Kla­ge er­he­ben?

Im Streit: Telekom-Arbeitnehmer mit ruhendem Beamtenverhältnis wird betriebsbedingt gekündigt und verlangt Abfindung und Klageverzichtsprämie

Ge­klagt hat­te ein be­ur­laub­ter Be­am­ter der Deut­schen Te­le­kom AG (DT AG), der lan­ge Jah­re als Ar­beit­neh­mer in ver­schie­de­nen Un­ter­neh­men des DT AG-Kon­zerns tätig war, be­vor er 2013 in­fol­ge ei­ner Be­triebs­sch­ließung be­triebs­be­dingt gekündigt wur­de. Sein An­spruch auf amts­an­ge­mes­se­ne Beschäfti­gung und Be­zah­lung als Be­am­ter bei der DT AG war ihm si­cher.

Mit Blick auf die­sen und ver­gleich­ba­re an­de­re Ar­beit­neh­mer mit ru­hend ge­stell­tem Be­am­ten­verhält­nis sah der für die Ent­las­sungs­wel­le auf­ge­stell­te So­zi­al­plan vor, dass be­ur­laub­te Be­am­te gar kei­ne So­zi­al­plan­leis­tun­gen er­hal­ten soll­ten. Im Fal­le des Klägers wäre das ei­ne Ab­fin­dung von rech­ne­risch et­wa 85.000,00 EUR brut­to ge­we­sen.

Auch von ei­ner Kla­ge­ver­zichtsprämie in Höhe von 4.346,00 EUR brut­to, die Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat des ge­schlos­se­nen Be­triebs in ei­ner "Be­triebs­ver­ein­ba­rung Son­der­prämie" fest­ge­legt hat­ten, war der Ar­beit­neh­mer we­gen sei­nes Be­am­ten­sta­tus aus­ge­schlos­sen.

Er klag­te auf Zah­lung bei­der Beträge und zog vor dem Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf (Ur­teil vom 24.01.2014, 13 Ca 5224/13) und vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf im We­sent­li­chen den Kürze­ren (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 02.07.2014, 4 Sa 375/14).

Bei­de Ge­rich­te wie­sen die Ab­fin­dungs­kla­ge nämlich ab, weil sie den Aus­schluss be­ur­laub­ter Be­am­ter von So­zi­al­plan­leis­tun­gen für wirk­sam hiel­ten. Im­mer­hin spra­chen sie dem Kläger die Kla­ge­ver­zichtsprämie zu, denn de­ren Zweck (Pla­nungs­si­cher­heit für den Ar­beit­ge­ber) wird auch erfüllt, wenn Ar­beit­neh­mer mit ru­hen­dem Be­am­ten­verhält­nis von ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge ab­se­hen.

BAG: Eine Prämie für den Verzicht auf eine Kündigungsschutzklage steht auch Arbeitnehmern mit sicherer Anschlussbeschäftigung zu

Das BAG bestätig­te die Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen. In der der­zeit al­lein veröffent­lich­ten Pres­se­mit­tei­lung heißt es zur Be­gründung:

Der hier um­strit­te­ne So­zi­al­plan durf­te Ab­fin­dungs­ansprüche auf Ar­beit­neh­mer be­schränken, die auf­grund der Be­triebs­sch­ließung von Ar­beits­lo­sig­keit be­droht wa­ren, so das BAG. Denn § 112 Abs.5 Nr.2 Be­trVG er­laubt den Aus­schluss sol­cher Ar­beit­neh­mer von So­zi­al­plan­leis­tun­gen, die bei ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber wei­ter­beschäftigt wer­den können.

Dies war hier bei den be­ur­laub­ten Te­le­kom-Be­am­ten der Fall, da sie nach der Be­en­di­gung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se bei der DT AG amts­an­ge­mes­sen ein­zu­set­zen wa­ren. Dem­ge­genüber droh­te den "nor­ma­len" Ar­beit­neh­mern in­fol­ge der Be­triebs­sch­ließung Ar­beits­lo­sig­keit, so die Er­fur­ter Rich­ter.

Da­ge­gen hat­te der kla­gen­de Te­le­kom-Be­am­te An­spruch auf die Kla­ge­ver­zichtsprämie, die in der "Be­triebs­ver­ein­ba­rung Son­der­prämie" fest­ge­legt war. Denn die­se Son­der­zah­lung dien­te al­lein der Pla­nungs­si­cher­heit des Ar­beit­ge­bers. An die­ser Stel­le kommt es aber nur dar­auf an, dass möglichst we­ni­ge der ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mer Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­he­ben, d.h. die Aus­sicht auf ei­ne An­schluss­beschäfti­gung ist hier un­er­heb­lich.

Fa­zit: Kla­ge­ver­zichtsprämi­en können ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer­grup­pen nur dann vollständig von jeg­li­cher Zah­lung aus­sch­ließen, wenn sich nach­wei­sen lässt, dass die An­gehöri­gen der aus­ge­schlos­se­nen Grup­pen im Un­ter­schied zu an­de­ren Ar­beit­neh­mer­grup­pen (so gut wie) gar nicht kla­gen (wer­den). Das war hier bei den Te­le­kom-Be­am­ten nicht der Fall, und tatsächlich hat­ten man­che von ih­nen Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­ho­ben. Außer­dem ist nicht nach­voll­zieh­bar, ob bzw. war­um die Kündi­gungs­schutz­kla­gen der ent­las­se­nen be­ur­laub­ten Be­am­ten ge­rin­ge­re Er­folgs­aus­sich­ten ha­ben soll­ten als die Kla­gen an­de­rer ent­las­se­ner Ar­beit­neh­mer.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

 

Letzte Überarbeitung: 28. November 2016

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