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Stel­len­aus­schrei­bung für Be­rufs­an­fän­ger

60jähriger selb­stän­di­ger An­walt schei­tert mit AGG-Kla­ge: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Ur­teil vom 25.07.2014, 10 Sa 503/14

08.08.2014. Im Ok­to­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg die Kla­ge ei­nes 60jährigen An­walts aus Süd­deutsch­land ab, der sich oh­ne Er­folg um ei­ne Stel­le als an­ge­stell­ter An­walt in ei­ner Ber­li­ner Kanz­lei be­wor­ben hat­te (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 31.10.2013, 21 Sa 1380/13 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/059 Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung durch Su­che nach Be­rufs­ein­stei­gern).

Vor knapp zwei Wo­chen ent­schied das LAG Hamm in ei­nem Fall, der ver­mut­lich den­sel­ben Klä­ger, aber ei­ne an­de­re Kanz­lei be­traf, eben­falls ge­gen den An­walt, d.h. es wies sei­ne Ent­schä­di­gungs­kla­ge ab: LAG Hamm, Ur­teil vom 25.07.2014, 10 Sa 503/14.

Haben es ältere Bewerber schwerer, ihre Eignung für eine ausgeschriebene Stelle nachzuweisen?

Gemäß § 11 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) müssen Stel­len­aus­schrei­bun­gen al­ter­s­neu­tral for­mu­liert sein.

Das sind sie nach herr­schen­der Mei­nung nicht, wenn der Ar­beit­ge­ber ge­zielt nach Be­rufs­anfängern oder Be­rufs­ein­stei­gern sucht, denn die sind meis­tens jünger. In die­sem Sin­ne ha­ben z.B. das LAG Schles­wig-Hol­stein (Ur­teil vom 22.11.2012, 4 Sa 246/12) und das LAG Düssel­dorf ent­schie­den (LAG Düssel­dorf, Pres­se­mit­tei­lung 05/14 vom 30.01.2014). Auch ein Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) geht in die­se Rich­tung (BAG, Ur­teil vom 24.01.2013, 8 AZR 429/11, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/017 Stel­len­aus­schrei­bung für "Hoch­schul­ab­sol­ven­ten / Young Pro­fes­sio­nals" dis­kri­mi­niert älte­re Be­wer­ber).

Ei­ne sol­che Stel­len­aus­schrei­bung ist da­her ei­ne ver­bo­te­ne (mit­tel­ba­re) Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters.

Das heißt aber nicht un­be­dingt, dass ei­nem älte­ren Be­wer­ber, der sich auf ei­ne sol­che An­zei­ge hin be­wirbt und ab­ge­lehnt wird, ei­ne Gel­dentschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG zu­steht.

Denn zum ei­nen fragt sich, ob der älte­re Be­wer­ber auch sämt­li­che sach­li­chen, d.h. ob­jek­tiv ge­recht­fer­tig­ten (al­ter­s­neu­tra­len) Stel­len­an­for­de­run­gen erfüllt, und zum an­de­ren sind Entschädi­gungs­ansprüche aus­nahms­wei­se gemäß § 242 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) we­gen "Rechts­miss­brauchs" aus­ge­schlos­sen, wenn sich der Be­wer­ber nur mit dem Ziel be­wirbt, ei­ne Gel­dentschädi­gung zu er­hal­ten. Dann ist sei­ne Be­wer­bung "nicht ernst­haft".

En­de Ju­li hat das LAG Hamm die Kla­ge ei­nes 60jähri­gen selbständi­gen Rechts­an­walts ab­ge­wie­sen, der sich oh­ne Er­folg auf ei­ne Stel­len­aus­schrei­bung be­wor­ben hat­te, mit der ein Be­rufs­anfänger bzw. ein An­walt "mit kürze­rer Be­rufs­er­fah­rung" ge­sucht wur­de.

Im Streit: Kanzlei sucht einen Berufsanfänger bzw. einen Anwalt mit kürzerer Berufserfahrung

Der kla­gen­de An­walt war zum Zeit­punkt sei­ner Be­wer­bung 60 Jah­re und be­trieb seit vie­len Jah­ren als selbständi­ger Rechts­an­walt ei­ne ei­ge­ne Kanz­lei im süddeut­schen Raum.

Er be­warb sich auf ei­ne Stel­len­an­zei­ge, mit der ei­ne in Hamm ansässi­ge Kanz­lei ei­nen Rechts­an­walt im Be­reich des Me­di­zin- und Haf­tungs­rechts such­te. Be­din­gung wa­ren "über­durch­schnitt­li­che Ex­ami­na". Außer­dem hieß es in der Stel­len­an­zei­ge, man su­che ei­nen "Be­rufs­anfänger/in oder ein/e Kol­le­ge/in mit kürze­rer Be­rufs­er­fah­rung".

Nach­dem er ab­ge­lehnt wor­den war, ver­lang­te er ei­ne Entschädi­gungs­zah­lung mit der Be­gründung, er sei we­gen sei­nes Al­ters dis­kri­mi­niert wor­den.

Die Kanz­lei ver­tei­dig­te ih­re An­zei­ge als al­ter­s­neu­tral. Außer­dem ha­be man den Be­wer­ber nicht ein­ge­stellt, weil er we­der das fach­li­che An­for­de­rungs­pro­fil im Me­di­zin­recht noch die ge­for­der­ten über­durch­schnitt­li­chen Ex­ami­na vor­wei­sen könne. Tatsächlich hat­te der An­walt bei­de Ex­amen mit der No­te "be­frie­di­gend" ab­ge­legt.

Das Ar­beits­ge­richt Hamm wies die Kla­ge ab (AZ: 1 Ca 721/13). Sei­ner Mei­nung nach hat­te die Kanz­lei kon­kre­te Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen, aus de­nen sich er­gab, dass die Ab­leh­nungs­gründe mit dem Al­ter nichts zu tun hat­ten. Denn un­ter "über­durch­schnitt­li­chen Ex­ami­na" ver­ste­he man in Nord­rhein-West­fa­len nur Ex­ami­na mit der No­te "voll­be­frie­di­gend" oder bes­ser, so das Ar­beits­ge­richt, und so gu­te Ex­amens­no­ten hat­te der kla­gen­de An­walt nun ein­mal nicht.

Außer­dem, so das Ar­beits­ge­richt, hat­te der An­walt zwar Be­rufs­er­fah­run­gen im Me­di­zin­recht, war aber bis­her nur auf Pa­ti­en­ten­sei­te tätig. Die be­klag­te Kanz­lei ver­trat da­ge­gen nicht Pa­ti­en­ten, son­dern Ver­si­che­rer.

Ob sich der kla­gen­de An­walt rechts­miss­bräuch­lich be­wor­ben hat­te, ließ das Ar­beits­ge­richt of­fen. Dafür sprach im­mer­hin, dass er sich als In­ha­ber ei­ner gut ge­hen­den Ein­zel­pra­xis auf vie­le of­fe­ne Stel­len be­wor­ben hat­te, die an Be­rufs­anfänger ge­rich­tet wa­ren.

Ge­gen die­ses Ur­teil leg­te der An­walt Be­ru­fung zum LAG Hamm ein.

LAG Hamm: Klagender Anwalt hat keinen Anspruch auf Geldentschädigung

Auch vor dem LAG Hamm hat­te der kla­gen­de Rechts­an­walts kei­nen Er­folg. Mit Ur­teil vom 25.07.2014 wies das LAG sei­ne Be­ru­fung zurück.

Aus der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des LAG erfährt man lei­der nichts über die Gründe für die­se Ent­schei­dung, doch hält das Ge­richt die Po­si­ti­on des Klägers je­den­falls nicht für völlig ab­we­gig.

Denn zum ei­nen schlug das LAG ei­nen Ver­gleich vor, dem zu­fol­ge sich die Kanz­lei zur Zah­lung von 1.750,00 EUR hätte ver­pflich­ten sol­len (was die­se al­ler­dings ab­lehn­te). Und zum an­de­ren ließ es die Re­vi­si­on zum BAG zu.

In ei­nem Par­al­lel­fall, der ver­mut­lich den­sel­ben Rechts­an­walt be­traf, aber ei­ne an­de­re Kanz­lei, hat das LAG Ber­lin-Bran­den­burg eben­falls für die be­klag­te Kanz­lei ent­schie­den (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 31.10.2013, 21 Sa 1380/13 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/059 Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung durch Su­che nach Be­rufs­ein­stei­gern). Da­bei hat­te das LAG Ber­lin-Bran­den­burg - ähn­lich wie das Ar­beits­ge­richt Hamm - da­mit ar­gu­men­tiert, dass die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le auf den kla­gen­den An­walt nicht "pas­sen" würde.

Ein sol­ches "Nicht-zu­ein­an­der-pas­sen" kann man aber in dem vom LAG Hamm ent­schie­de­nen Fall kaum be­haup­ten, denn der An­walt hat­te ja Er­fah­run­gen im Me­di­zin­recht ge­sam­melt. Dass er da­bei bis­her auf der Pa­ti­en­ten­sei­te tätig war und nicht für die Ver­si­che­run­gen, ändert an sei­nem fach­li­chen Pro­fil nichts. Und häufi­ge er­folg­lo­se Be­wer­bun­gen ("AGG-Hop­ping") sind nach der Recht­spre­chung des BAG von vorn­her­ein kein In­diz für ei­ne man­geln­de Ernst­haf­tig­keit der Be­wer­bung.

Bleibt da­her letzt­lich das Ar­gu­ment der Kanz­lei (und des Ar­beits­ge­richts), der An­walt könne mit zwei "be­frie­di­gen­den" Ex­ami­na kei­ne "über­durch­schnitt­li­chen" No­ten vor­wei­sen. An die­ser Stel­le aber käme es aber auf die ge­naue Punkt­zahl an, denn der "Durch­schnitt" der ju­ris­ti­schen Ex­amens­no­ten liegt si­cher­lich un­ter­halb der (sehr an­sehn­li­chen) "Prädi­kats­no­te" voll­be­frie­di­gend.

Fa­zit: An­schei­nend ha­ben es älte­re Be­wer­ber im Er­geb­nis schwer, die Ar­beits­ge­rich­te da­von zu über­zeu­gen, dass sie ernst­haft an ei­ner An­stel­lung in­ter­es­siert sind. Die­se Ent­schei­dungs­pra­xis der Ge­rich­te mag im Ein­zel­fall rich­tig sein, hat aber den fragwürdi­gen Ne­ben­ef­fekt, dass ei­ni­ge Ar­beit­ge­ber die al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­de öffent­li­che Su­che nach "Be­rufs­anfängern" bzw. "Be­rufs­ein­stei­gern" un­ge­niert wei­ter fort­set­zen können.

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Letzte Überarbeitung: 23. November 2016

Bewertung: Stel­len­aus­schrei­bung für Be­rufs­an­fän­ger 5.0 von 5 Sternen (3 Bewertungen)

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