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Streik bei Ama­zon - und kei­ner merkt's

Es ist ein Kampf ge­gen Wind­müh­len: Seit vier Jah­ren ruft Ver­di in al­ler Re­gel­mä­ßig­keit beim On­line­rie­sen Ama­zon zu Streiks auf - und kommt nicht vor­an. Ein Ta­rif­ver­trag soll her, doch das Un­ter­neh­men stellt sich taub

07.11.2016. (dpa) - "Die Streiks sind ein Witz." Ger­rit Hei­nemann lässt kein gu­tes Haar an den Plä­nen der Ge­werk­schaft Ver­di, den On­line­rie­sen Ama­zon mit Ar­beits­nie­der­le­gun­gen in die Knie zu zwin­gen - oder zu­min­dest an den Ver­hand­lungs­tisch.

Hei­nemann ge­hört zu den füh­ren­den Ex­per­ten für In­ter­net­han­del in Deutsch­land, ist Pro­fes­sor für Be­triebs­wirt­schafts­leh­re an der Hoch­schu­le Nie­der­rhein in Kre­feld und weiß, wo­von er spricht.

Ei­ne durch­schla­gen­de Wir­kung des Ar­beits­kamp­fes ver­mag er nicht zu er­ken­nen.

Ama­zon ha­be das al­les längst ein­kal­ku­liert, be­tont der Wis­sen­schaft­ler.

Vor we­ni­gen Ta­gen hat­te Ver­di er­neut zu Ar­beits­nie­der­le­gun­gen an den deut­schen Lo­gis­tik­stand­or­ten auf­ge­ru­fen, auch am bun­des­weit größ­ten im ost­hes­si­schen Bad Hers­feld. Das war kei­nes­wegs neu. Streiks bei Ama­zon sind in­zwi­schen zu ei­nem Dau­er­bren­ner ge­wor­den und wer­den seit vier Jah­ren all­jähr­lich im Weih­nachts­ge­schäft hoch­ge­fah­ren. Ver­di for­dert ei­nen Ta­rif­ver­trag nach den Be­din­gun­gen des Ein­zel- und Ver­sand­han­dels für die 11.000 Be­schäf­tig­ten in den Wa­ren­la­gern, bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen und ein En­de von "Un­ter­neh­mens­will­kür". Doch Ama­zon, das sich als Lo­gis­ti­ker sieht, stellt sich quer.

Wäh­rend der Ver­sandrie­se sel­ber von ei­ner "über­schau­ba­ren" Be­tei­li­gung spricht, gibt sich Tho­mas Voß kämp­fe­risch: "Wir ha­ben die Er­fah­rung ge­macht, dass die Ar­beits­ab­läu­fe er­heb­lich be­trof­fen wa­ren und Ama­zon sein Kun­den­ver­spre­chen nicht im­mer ein­lö­sen konn­te", re­sü­miert der Ver­di-Ex­per­te für Ver­sand- und On­line­han­del. Pro Schicht sol­len sich im Schnitt nach sei­nen An­ga­ben 20 bis 30 Pro­zent der Mit­ar­bei­ter am Austand be­tei­ligt ha­ben. Und er kün­dig­te für die kom­men­den Wo­chen wei­te­re Streik­maß­nah­men an. Fle­xi­bel wol­le Ver­di re­agie­ren und dort strei­ken, wo die Auf­trags­vo­lu­men hoch sei­en.

Doch auch den Ge­werk­schaf­tern schwant nichts Gu­tes. Denn ei­ne Flan­ke ist völ­lig of­fen: Die Lo­gis­tik­zen­tren im Aus­land und das weit ver­zweig­te in­ter­na­tio­na­le Netz­werk des Ver­sand­händ­lers. "Ama­zon ist so auf­ge­stellt, bei streik­be­ding­ten Eng­päs­sen aus Lo­gis­tik­zen­tren im be­nach­bar­ten Aus­land lie­fern zu kön­nen", sagt bei­spiels­wei­se Kai Hu­detz, Ge­schäfts­füh­rer des Köl­ner In­sti­tuts für Han­dels­for­schung, der Deut­schen Pres­se-Agen­tur. Da­bei ver­weist er auf Lo­gis­tik­zen­tren un­ter an­de­rem im be­nach­bar­ten Tsche­chi­en und Po­len.

In Deutsch­land be­treibt Ama­zon neun Lo­gis­tik­zen­tren, die Teil des eu­ro­päi­schen Netz­werks sind. Im ost­hes­si­schen Bad Hers­feld be­fin­det sich der bun­des­weit größ­te Stand­ort mit gleich zwei Wa­ren­la­gern. Das ge­sam­te eu­ro­päi­sche Netz­werk ver­fügt nach An­ga­ben von Ama­zon über 31 Lo­gis­tik­zen­tren in sie­ben Län­dern.

Mit­tel­fris­tig sieht Hu­detz ei­nen wei­te­ren He­bel, um streik­be­ding­te Aus­wir­kun­gen zu ver­mei­den, aber auch um Kos­ten im mar­gen­schwa­chen On­line-Ge­schäft zu re­du­zie­ren. Näm­lich: die wei­te­re Au­to­ma­ti­sie­rung und der ver­stärk­te Ein­satz von Ro­bo­tern in den Lo­gis­tik­zen­tren. Die Kun­den ver­lang­ten ei­ne aus­fall­si­che­re Lo­gis­tik, be­tont Hu­detz, sonst "wird es für das Un­ter­neh­men ge­fähr­lich". Das auf­ge­bau­te Ver­trau­en stün­de dann auf dem Spiel. "Uns ist wich­tig, un­ser Lie­fer­ver­spre­chen ein­zu­hal­ten", be­teu­ert auch Ama­zon-Spre­che­rin Anet­te Nach­bar.

Tat­säch­lich schei­nen die Na­del­sti­che von Ver­di den On­line­rie­sen kalt zu las­sen. Der US-Kon­zern baut sein Netz an Lo­gis­tik­stand­or­ten aus, un­ter an­de­rem in Dort­mund (NRW) und Fran­ken­thal (Rhein­land-Pfalz). Bei Auf­trags­spit­zen, wie jetzt um die Weih­nachts­zeit, hel­fen sich die Stand­or­te ge­gen­sei­tig aus. Da­bei bie­te das Un­ter­neh­men at­trak­ti­ve Ar­beits­plät­ze und zah­le gu­te Löh­ne am obe­ren En­de des Bran­chen­üb­li­chen. Des­halb möch­te der On­line­händ­ler die Ge­werk­schaft aus dem Be­trieb her­aus­hal­ten. Und dann re­det Nach­bar Ta­che­les und bringt den Kon­flikt aus ih­rer Sicht auf den Punkt: "Ama­zon und Ver­di pas­sen nicht zu­sam­men."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 8. Dezember 2016

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