Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Bei Streik kein Lohn - auch nach un­wirk­sa­mer Ar­beit­ge­ber­kün­di­gung

Er­klärt der Ar­beit­ge­ber ei­ne un­wirk­sa­me Kün­di­gung, muss er kei­nen An­nah­me­ver­zugs­lohn zah­len, wenn der ge­kün­dig­te Ar­beit­neh­mer streikt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 17.07.2012, 1 AZR 563/11

21.07.2012. Wer sich an ei­nem recht­mä­ßi­gen Streik be­tei­ligt, muss ar­beits­recht­li­che Kon­se­quen­zen wie Ab­mah­nung oder ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung nicht be­fürch­ten - je­den­falls theo­re­tisch. An­de­rer­seits ist klar, dass man für die Dau­er der Streik­teil­nah­me kei­nen An­spruch auf Lohn bzw. Ge­halt hat: Strei­ken­de Ar­beit­neh­mer ver­lie­ren für die Dau­er des Streiks ih­ren An­spruch auf Be­zah­lung.

Aber gilt das auch in dem Son­der­fall, dass sich ein un­wirk­sam ge­kün­dig­ter Ar­beit­neh­mer an ei­nem Streik be­tei­ligt? Im­mer­hin ge­rät der Ar­beit­ge­ber durch den Aus­spruch ei­ner un­wirk­sa­men Kün­di­gung in An­nah­me­ver­zug. Und das be­deu­tet nor­ma­ler­wei­se, dass er den An­nah­me­ver­zugs­lohn für die Zeit des von ihm ver­ur­sach­ten Ar­beits­aus­falls be­zah­len muss.

Trotz­dem ist der Ar­beit­ge­ber in ei­nem sol­chen Fall nicht zur Lohn­zah­lung ver­pflich­tet, wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem die­se Wo­che ent­schie­de­nen Fall klar­ge­stellt hat: BAG, Ur­teil vom 17.07.2012, 1 AZR 563/11.

Was geht vor - die Teilnahme an einem Streik oder eine unwirksame Kündigung?

Dass man während ei­nes Streiks kein Geld be­kommt, ist klar. An­de­rer­seits behält man sei­nen Lohn­an­spruch, wenn man in­fol­ge ei­ner un­wirk­sa­men Kündi­gung nicht ar­bei­ten kann. Denn für ei­ne un­wirk­sa­me Kündi­gung und den dar­aus fol­gen­den Ar­beits­aus­fall ist der Ar­beit­ge­ber ver­ant­wort­lich.

Aber was ist, wenn bei­des zu­sam­men­trifft - Streik und un­wirk­sa­me Kündi­gung? Be­fin­det sich der Ar­beit­ge­ber auch dann im An­nah­me­ver­zug und muss er dem­ent­spre­chend An­nah­me­ver­zugs­lohn zah­len oder gilt die Re­gel, dass der Ar­beit­neh­mer für die Dau­er ei­ner Streik­teil­nah­me kei­nen Lohn be­an­spru­chen kann? Mit an­de­ren Wor­ten: Was geht vor, Streik oder un­wirk­sa­me Kündi­gung?

Für den Fall des Zu­sam­men­tref­fens von Krank­heit und Streik so­wie von Ur­laub und Streik gibt es be­reits Ent­schei­dun­gen des BAG, de­nen zu­fol­ge sich Ar­beit­neh­mer auch während ei­ner Krank­heit oder während ei­nes Ur­laubs an ei­nem Streik be­tei­li­gen können und dann kei­ne Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall bzw. kein Ur­laubs­ent­gelt ver­lan­gen können. Denn an ei­nem Streik teil­neh­men können auch er­krank­te und be­ur­laub­te Ar­beit­neh­mer, in­dem sie zu Streik­ver­samm­lun­gen ge­hen oder in an­de­rer Wei­se zu er­ken­nen ge­ben, dass sie beim Streik mit­ma­chen wol­len.

An­ders als bei Krank­heit oder Ur­laub be­ruht der Ar­beits­aus­fall in­fol­ge ei­ner un­wirk­sa­men Kündi­gung al­ler­dings al­lein auf ei­ner Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers, so dass man hier ar­gu­men­tie­ren könn­te, dass ei­ne Streik­teil­nah­me nach Aus­spruch ei­ner sol­chen Kündi­gung nichts am An­nah­me­ver­zug des Ar­beit­ge­bers ändert. Dann müss­te er auch den An­nah­me­ver­zugs­lohn zah­len - Streik hin, Streik her.

Der Streitfall: Nicht tarifgebundes Bauunternehmen wehrt sich mit rechtswidrigen Kündigungen gegen Betriebsratsgründung und Firmentarif

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall wehr­te sich ein nicht ta­rif­ge­bun­des Bau­un­ter­neh­men in ziem­lich ra­bia­ter Wei­se ge­gen die Gründung ei­nes Be­triebs­rats und ge­gen Ver­hand­lun­gen über ei­nen Fir­men­ta­rif­ver­trag: Kurz nach­dem die IG Bau An­fang April 2010 die Auf­nah­me von Ta­rif­ver­hand­lun­gen ver­langt hat­te, sprach das Un­ter­neh­men ei­ni­ge Kündi­gun­gen aus, die sich ge­gen die Ar­beit­neh­mer rich­te­ten, die an der Be­triebs­rats­wahl be­tei­ligt wa­ren und/oder in der ge­werk­schaft­li­chen Ta­rif­kom­mis­si­on saßen.

Ei­ne Ar­beit­neh­me­rin, die an der Be­triebs­rats­gründung und den Ta­rif­ver­hand­lun­gen ak­tiv be­tei­ligt war, er­hielt am 09.04.2010 die or­dent­li­che Kündi­gung und wur­de per so­fort von der Ar­beit frei­ge­stellt. Ab dem 13.04.2010 wur­de der Be­trieb be­streikt, und auch die gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin be­tei­lig­te sich am Streik. Im Ver­lauf des Streiks, am 22.04.2010, er­hielt sie ei­ne wei­te­re frist­lo­se Kündi­gung. Al­le vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­nen Kündi­gun­gen wur­den vom zuständi­gen Ar­beits­ge­richt Her­ford Mit­te Ju­li 2010 für un­wirk­sam erklärt.

Dar­auf­hin ver­lang­te die Ar­beit­neh­me­rin vom Ar­beit­ge­ber An­nah­me­ver­zugs­lohn für die Zeit zwi­schen der frist­lo­sen Kündi­gung und der Wie­der­auf­nah­me der Ar­beit Mit­te Ju­li 2010. Aus ih­rer Sicht trug al­lein der Ar­beit­ge­ber die Ver­ant­wor­tung dafür, dass sie während die­ser Zeit nicht ar­bei­ten konn­te. Das Ar­beits­ge­richt Her­ford (Ur­teil vom 15.12.10.2010, 2 Ca 1113/10) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm wie­sen die Kla­ge ab (LAG Hamm, Ur­teil vom 19.05.2011, 8 Sa 155/11). Denn aus ih­rer Sicht war die Streik­teil­nah­me der Kläge­rin ge­genüber der un­wirk­sa­men frist­lo­sen Kündi­gung recht­lich vor­ran­gig.

BAG: Erklärt der Arbeitgeber eine unwirksame Kündigung, muss er keinen Annahmeverzugslohn zahlen, wenn der gekündigte Arbeitnehmer streikt

Die­ser Mei­nung hat sich auch das BAG an­ge­schlos­sen. Die Ar­beit­neh­me­rin zog da­her mit ih­rer Lohn­kla­ge in al­len drei In­stan­zen den Kürze­ren. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des BAG:

Auf­grund des Ur­teils, das der Kündi­gungs­schutz­kla­ge statt­gab, steht zwar fest, dass das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin auch während der Dau­er des Streiks be­stan­den hat­te. Dem­nach könn­te die Ar­beit­neh­me­rin im Prin­zip An­nah­me­ver­zugs­lohn gemäß § 615 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ver­lan­gen. Al­ler­dings war sie we­gen ih­rer Streik­teil­nah­me leis­tungs­un­wil­lig im Sin­ne von § 297 BGB, so das BAG. Die­ser feh­len­de Leis­tungs­wil­le schließt den An­spruch auf An­nah­me­ver­zugs­lohn im Er­geb­nis wie­der aus.

Fa­zit: Erhält ein Ar­beit­neh­mer ei­ne un­wirk­sa­me frist­lo­se Kündi­gung und er­hebt da­ge­gen mit Er­folg Kündi­gungs­schutz­kla­ge, steht ihm für die Zeit vom Zu­gang der Kündi­gung bis zur Verkündung des Ur­teils, das die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung fest­stellt, kein An­nah­me­ver­zugs­lohn zu, wenn er während die­ser Zeit an ei­nem Streik be­tei­ligt.

Da­mit gilt für das Zu­sam­men­tref­fen von Streik­teil­nah­me und un­wirk­sa­mer Kündi­gung das­sel­be was auch für das Zu­sam­men­tref­fen von Streik und Ur­laub so­wie von Streik und Krank­heit gilt: Wer nach außen zu er­ken­nen gibt, dass er sich den strei­ken­den Kol­le­gen an­sch­ließt, kann kei­ne Be­zah­lung ver­lan­gen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ur­teils­gründe veröffent­licht. Das vollständi­ge be­gründe­te Ur­teil fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 19. Mai 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880