Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Gehalt: Stundung, Lohn und Gehalt: Stundung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg
Akten­zeichen: 10 Sa 1734/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 17.02.2012
   
Leit­sätze: Die St­un­dung von Ar­beits­ent­gelt ist in der Re­gel auf die Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses be­schränkt.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 21.06.2011, 8 Ca 10626/09
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ber­lin-Bran­den­burg

 

Verkündet

am 17. Fe­bru­ar 2012

Geschäfts­zei­chen (bit­te im­mer an­ge­ben)

10 Sa 1734/11

8 Ca 10626/09
Ar­beits­ge­richt Ber­lin  

G.-K.,
Ge­richts­beschäfti­ge
als Ur­kunds­be­am­ter/in
der Geschäfts­stel­le


Im Na­men des Vol­kes

 

Ur­teil

In Sa­chen

pp

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 10. Kam­mer,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 17. Fe­bru­ar 2012
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt W.-M. als Vor­sit­zen­den
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herrn D. und Frau K.

für Recht er­kannt:

Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Vor­be­halts­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 21. Ju­ni 2011 - 8 Ca 10626/09 - ge­ringfügig ab­geändert und zur Klar­stel­lung neu ge­fasst.

I.
Die Be­klag­te wird un­ter dem Vor­be­halt der rechts­kräfti­gen Ent­schei­dung über die von ihr mit Schrift­satz vom 30. März 2009 erklärte Auf­rech­nung mit Scha­den­er­satz­ansprüchen aus vorsätz­lich be­gan­ge­nen un­er­laub­ten Hand­lun­gen (Land­ge­richt Ber­lin, Az.: 16 O …/08) ver­ur­teilt, an den Kläger

1.
24.627,00 EUR brut­to (vier­und­zwan­zig­tau­send­sechs­hun­dert­sie­ben­und­zwan­zig) abzüglich 1.582,83 EUR net­to (ein­tau­sendfünf­hun­dert­zwei­und­acht­zig 83/100) (Ab­zugs­beträge So­zi­al­ver­si­che­rung gemäß den für Ok­to­ber 2005 bis Ju­ni 2006 er­teil­ten Ab­rech­nun­gen) so­wie abzüglich wei­te­rer 1.100,00 EUR net­to (ein­tau­send­ein­hun­dert) nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 28. Ja­nu­ar 2009 zu zah­len;

2.
702,64 EUR brut­to (sie­ben­hun­dert­zwei 64/100) nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 1. Sep­tem­ber 2007 zu zah­len;

 

- 3 -

II.
Im Übri­gen wird die Be­ru­fung zurück­ge­wie­sen.

III.
Die Kos­ten des Rechts­streits vor dem Ar­beits­ge­richt trägt der Kläger bei ei­nem Ge­samt­ver­fah­rens­streit­wert zu 36,41% und die Be­klag­te zu 63,59%.

Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens trägt der Kläger zu 8,19% und die Be­klag­te zu 91,81%.

IV.
Der Wert des Be­ru­fungs­ver­fah­rens wird auf 24.666,90 EUR fest­ge­setzt.

V.
Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

 

- 4 -

T a t b e s t a n d

Die Par­tei­en strei­ten um Vergütungs­ansprüche des Klägers aus der Zeit von Ok­to­ber 2005 bis März 2007 so­wie Rest­ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche.

Der Kläger ist 36 Jah­re alt (…… 1976) und war nach er­folg­rei­cher Ab­sol­vie­rung ei­ner Aus­bil­dung bei der Be­klag­ten seit Ok­to­ber 2001 dort in der Zeit vom Sep­tem­ber 2004 bis ein­sch­ließlich Au­gust 2007 mit ei­nem mo­nat­li­chen Brut­to­ge­halt von 1.903,00 EUR beschäftigt.

Die zu­letzt noch of­fe­nen Vergütungs­ansprüche in Höhe von 24.627,00 EUR brut­to abzüglich 1.582,83 EUR net­to so­wie abzüglich wei­te­rer 1.100,00 EUR net­to so­wie die Ur­laubs­gel­tung in Höhe von 2.722,73 EUR für 31 Ur­laubs­ta­ge (87,83 EUR je Ur­laubs­tag) sind in rech­ne­ri­scher Höhe un­strei­tig.

Ge­gen die Vergütungs­ansprüche wen­det die Be­klag­te ei­ne fort­dau­ern­de St­un­dungs­ver­ein­ba­rung der Par­tei­en ein.

Der Kläger be­strei­tet die St­un­dungs­ab­re­de. Es ha­be zwar im Som­mer 2006 ein Gespräch des Geschäftsführers der Be­klag­ten mit ihm ge­ge­ben, doch ha­be es sich le­dig­lich um ei­nen Mo­no­log des Geschäftsführers ge­han­delt, zu dem sich der Kläger nicht geäußert ha­be.

Zur Ur­laubs­ab­gel­tung meint der Kläger, dass er ei­ne sol­che für 31 Ta­ge be­an­spru­chen könne. Wie in den Ab­rech­nun­gen aus­ge­wie­sen, sei der Ver­fall des Ur­laubs zum En­de des Ka­len­der­jah­res oder zum En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums nicht prak­ti­ziert wor­den. Es sei auch nicht nur in den Ab­rech­nun­gen der Rest­ur­laub des Vor­jah­res un­be­fris­tet auf­geführt wor­den, son­dern es sei auch so prak­ti­ziert wor­den.

Die Be­klag­te er­wi­dert, dass es auf­grund er­heb­li­cher wirt­schaft­li­cher Schwie­rig­kei­ten der Be­klag­ten mit dem Kläger wie mit ei­ni­gen an­de­ren Ar­beit­neh­mern Ab­spra­chen ge­ge­ben ha­be, dass nur noch ein klei­ne­rer Teil des Ge­hal­tes aus­ge­zahlt wer­de und die übri­ge ge­stun­de­te Vergütung erst wie­der im Jahr 2007 nach­ge­zahlt wer­de, wenn die Be­klag­te ei­nen Ge­winn er­wirt­schaf­te, der zur Be­glei­chung der Ver­bind­lich­kei­ten rei­che. Für den

 

- 5 -

Fall ei­nes un­zu­rei­chen­den Ge­win­nes im Jah­re 2007 wer­de die Fällig­keit auf die Jah­re 2008 oder später her­aus­ge­scho­ben.

Es ha­be zwar wohl mit dem Kläger kei­ne schrift­li­che Ver­ein­ba­rung ge­ge­ben, aber der Kläger sei mit den Kon­di­tio­nen ähn­lich der schrift­li­chen St­un­dungs­ver­ein­ba­rung mit dem Ar­beit­neh­mer K. (Bl. 798-799 d.A.) ein­ver­stan­den ge­we­sen. Nach ei­nem Vor­gespräch des Klägers mit dem Ar­beit­neh­mer G. während ei­ner Rauch­pau­se am 4. Ju­li 2006 sei ei­ne ent­spre­chen­de Ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Geschäftsführer der Be­klag­ten I. R. und dem Kläger zu­stan­de ge­kom­men. Die­se sei mit den ein­zel­nen Ar­beit­neh­mern je­weils in­di­vi­du­ell un­ter­schied­lich zu­stan­de ge­kom­men.

Die Be­klag­te hat ei­ne den Be­haup­tun­gen des Klägers ent­spre­chen­de Hand­ha­bung des Um­gangs mit dem Rest­ur­laub be­strit­ten.

Die Par­tei­en strei­ten in ei­nem Rechts­streit 16 O …./08 vor dem Land­ge­richt Ber­lin u.a. um ur­he­be­recht­li­che und wett­be­werbs­recht­li­che Scha­den­er­satz­ansprüche. Die­ses Ver­fah­ren wird der­zeit vor dem Kam­mer­ge­richt im Ver­fah­ren 24 U …./11 ver­han­delt. Mit die­sen Scha­den­er­satzsprüchen hat die Be­klag­te hilfs­wei­se auf­ge­rech­net.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge mit ei­nem Vor­be­halts­ur­teil vom 21. Ju­ni 2011 statt­ge­ge­ben und die vorläufi­ge Voll­streck­bar­keit aus­ge­schlos­sen. Zur Be­gründung hat es aus­geführt, dass auf­grund der Auf­rech­nung mit ei­ner rechts­weg­frem­den For­de­rung und dem Um­stand, dass die dor­ti­gen Scha­den­er­satz­for­de­run­gen die hie­si­gen Vergütungs­for­de­run­gen er­heb­lich über­stei­gen würden, der ar­beits­ge­richt­li­che Rechts­streit nach Rechts­kraft an das Land­ge­richt ver­wie­sen wer­den sol­le.

Das Ar­beits­ge­richt hat wei­ter aus­geführt, dass der Vergütungs­an­spruch des Klägers der Höhe nach un­strei­tig sei und dass die­ser we­der ge­stun­det, noch verjährt oder ver­wirkt sei.

Der Vor­trag der Be­klag­ten sei in­kon­sis­tent. Denn zunächst ha­be die Be­klag­te an­ge­deu­tet, dass es ei­ne schrift­li­che St­un­dungs­ver­ein­ba­rung mit dem Kläger ge­be. Später ha­be die Be­klag­te sich je­doch auf münd­li­che Ab­spra­chen be­schränkt. Als münd­li­che Ver­ein­ba­rung sei der Vor­trag der

 

- 6 -

Be­klag­ten aber zu all­ge­mein ge­blie­ben, um da­mit ei­ne St­un­dung an­zu­neh­men. Denn es sei da­zu nicht kon­kret ver­ein­bart wor­den, bis zu wel­chem Zeit­punkt die rückständi­gen Gehälter ge­zahlt würden.

An­ge­sichts der vom Kläger zwar nicht ver­ein­bar­ten, aber hin­ge­nom­me­nen Ge­haltskürzun­gen aus wirt­schaft­li­chen Gründen sei es treu­wid­rig, die­sem Um­stand nun­mehr die Ein­re­de der Verjährung ent­ge­gen zu hal­ten.

Da die Kla­ge­for­de­rung aus Sicht der Be­klag­ten noch gar nicht fällig sei, könne sie auch nicht dar­auf ver­trau­en, vom Kläger nicht für die rückständi­ge Vergütung in An­spruch ge­nom­men zu wer­den.

Der Ur­laubs­an­spruch des Klägers be­ste­he in dem in der letz­ten Ge­halts­ab­rech­nung aus­ge­wie­se­nen Um­fang, da die Be­klag­te dem Vor­brin­gen des Klägers, dass das auch der Pra­xis ent­spro­chen ha­be, nicht hin­rei­chend ent­ge­gen­ge­tre­ten sei.

Ge­gen die­ses dem Be­klag­ten­ver­tre­ter am 19. Ju­li 2011 zu­ge­stell­te Ur­teil leg­te die­ser am 19. Au­gust 2011 Be­ru­fung ein und be­gründe­te die­se am 19. Sep­tem­ber 2011.

Die Be­klag­te führt aus, dass den Vergütungs­ansprüchen des Klägers ei­ne wirk­sa­me St­un­dungs­ab­re­de ent­ge­gen­ste­he. Da­zu schil­der­te die Be­klag­te im Ein­zel­nen das Zu­stan­de­kom­men die­ser Ab­re­de so­wie die In­di­vi­dua­lität der mit meh­re­ren Ar­beit­neh­mern ver­ein­bar­ten St­un­dun­gen. Im Ein­zel­nen wird auf den Vor­trag der Be­klag­ten auf Sei­te 5-14 der Be­ru­fungs­be­gründung (Bl. 992-1001 d.A.) ver­wie­sen.

Hin­sicht­lich der Ur­laubs­ab­gel­tung hat die Be­klag­te noch ein­mal aus­drück­lich ih­ren Vor­trag ers­ter In­stanz be­kräftigt, dass es ge­ra­de kei­ne den An­ga­ben in der Ab­rech­nung ent­spre­chen­de be­trieb­li­che Pra­xis ge­ge­ben ha­be.

 

- 7 -

Die Be­klag­te und Be­ru­fungskläge­rin be­an­tragt,

un­ter Abände­rung des Vor­be­halts­ur­teils des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 21. Ju­ni 2011 - Geschäfts­zei­chen: 8 Ca 10626/09 - die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Der Kläger und Be­ru­fungs­be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Der Kläger be­strei­tet den Ab­schluss ei­ner St­un­dungs­ver­ein­ba­rung. Er be­strei­tet hilfs­wei­se die In­di­vi­dua­lität ei­ner sol­chen und meint nach wie vor, dass die Pra­xis der Ur­laubsüber­tra­gung den An­ga­ben in den Vergütungs­ab­rech­nun­gen ent­spro­chen ha­be. Ei­nen kon­kre­ten Fall, bei dem es zum Tra­gen ge­kom­men sei, könne er al­ler­dings nicht nen­nen.

We­gen des wei­te­ren Vor­brin­gens der Par­tei­en in der Be­ru­fungs­in­stanz wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der Be­ru­fungs­be­gründung der Be­klag­ten vom 19. Sep­tem­ber 2011 und des Schrift­sat­zes vom 6. Ja­nu­ar 2012 so­wie auf die Be­ru­fungs­be­ant­wor­tung des Klägers vom 20. Ok­to­ber 2011 und im Schrift­satz vom 2. Ja­nu­ar 2012 so­wie das Sit­zungs­pro­to­koll vom 17. Fe­bru­ar 2012 Be­zug ge­nom­men.


E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e

I.

Die nach § 64 Abs. 2 ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung der Be­klag­ten ist form- und frist­ge­recht im Sin­ne der §§ 66 Abs. 1 ArbGG, 519, 520 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) ein­ge­legt und be­gründet wor­den.


II.

Im Er­geb­nis ist je­doch weit­ge­hend kei­ne an­de­re Be­ur­tei­lung als in ers­ter In­stanz ge­recht­fer­tigt. Die Be­ru­fung ist des­halb über­wie­gend un­be­gründet und da­her weit­ge­hend zurück­zu­wei­sen. Die An­grif­fe der Be­ru­fung sind

 

- 8 -

nicht ge­eig­net, das Er­geb­nis des Rechts­streits grund­le­gend an­ders zu be­ur­tei­len und ge­ben nur An­lass zu fol­gen­den An­mer­kun­gen:

1.
Zwi­schen den Par­tei­en ist zunächst im Kern un­strei­tig, dass sich die Be­klag­te in fi­nan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten be­fand und die Vergütung des Klägers nicht mehr in vol­ler Höhe ge­zahlt hat. Mit die­ser Ver­fah­rens­wei­se hat der Kläger sich ein­ver­stan­den erklärt. Ob das ei­ne aus­drück­li­che Zu­stim­mung oder ei­ne schweig­sa­me aber kon­klu­den­te Zu­stim­mung ge­we­sen ist, kann da­hin­ste­hen. Denn je­den­falls ent­sprach die Ver­fah­rens­wei­se der Par­tei­en ei­ner St­un­dung wie von der Be­klag­ten vor­ge­tra­gen.

1.1
Nach dem ei­ge­nen Vor­trag der Be­klag­ten ori­en­tier­te sich die St­un­dungs­ver­ein­ba­rung zwi­schen den Par­tei­en an ei­ner sol­chen vom 7. Ju­li 2006 zwi­schen der Be­klag­ten und ei­nem an­de­ren Ar­beit­neh­mer. In die­ser ist aus­drück­lich ver­ein­bart, dass der be­ste­hen­de Ar­beits­ver­trag un­verändert fort­be­ste­he. Ei­ne Aus­le­gung die­ser Klau­sel be­deu­tet, dass die St­un­dung auf die Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses be­schränkt war. Da das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en aber am 31. Au­gust 2007 ge­en­det hat­te war da­nach die - der Höhe nach un­strei­ti­ge - Vergütung wie­der fällig.

Hin­zu kommt, dass es sich nach den Ausführun­gen der Be­klag­ten in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung sehr wohl um ei­ne for­mu­larmäßig ver­wen­de­te Ver­ein­ba­rung ge­han­delt ha­ben dürf­te, da die Be­klag­te dar­auf hin­ge­wie­sen hat, dass die Rück­zah­lungs­klau­sel nicht ganz ein­fach zu ver­ste­hen sei und ex­tra von ei­nem In­sol­venz­recht­ler ent­wor­fen wor­den sei.

Das da­nach ge­ge­be­ne Verständ­nis, dass die St­un­dung für den Fall der Leis­tungs­unfähig­keit der Be­klag­ten qua­si le­bensläng­lich er­fol­ge oh­ne dafür ir­gend­ei­ne Ge­gen­leis­tung für den Kläger vor­zu­se­hen, be­nach­tei­ligt den Kläger un­an­ge­mes­sen im Sin­ne des § 307 BGB und macht die St­un­dungs­ver­ein­ba­rung un­wirk­sam.

 

- 9 -

1.2
Selbst wenn man der Auf­fas­sung der Be­klag­ten nicht fol­gen soll­te, dass die St­un­dungs­ab­re­de der Par­tei­en in An­leh­nung an die des an­de­ren Ar­beit­neh­mers er­folgt sei, er­gibt sich aus dem Cha­rak­ter des Ar­beits­verhält­nis­ses als Dau­er­schuld­verhält­nis, dass die St­un­dung grundsätz­lich auf die Dau­er des Be­ste­hens die­ses Ver­trags­verhält­nis­ses be­schränkt ist. Denn ge­ra­de hier woll­ten die Par­tei­en ge­mein­sam die Soft­ware­ent­wick­lung vor­an­trei­ben, um so zu ei­nem wirt­schaft­li­chen Er­folg zu ge­lan­gen, der dann auch die Vergütungs­zah­lun­gen wie­der ab­ge­si­chert hätte. Dass ein Ar­beit­neh­mer aber auch dann, wenn er in­fol­ge sei­nes Aus­schei­dens über­haupt kei­nen Ein­fluss mehr auf die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung ei­nes Un­ter­neh­mens hat, den­noch wei­ter sei­ne Vergütungs­ansprüche im Un­ter­neh­men belässt, wi­der­spricht jeg­li­chem wirt­schaft­li­chen Han­deln und auch jeg­li­cher Le­bens­er­fah­rung. So­fern die Par­tei­en ei­ner St­un­dungs­ver­ein­ba­rung ei­ne St­un­dung über das En­de ei­nes Dau­er­schuld­verhält­nis­ses hin­aus ver­ein­ba­ren wol­len, be­darf die­ses aus­drück­li­cher An­halts­punk­te in der je­wei­li­gen St­un­dungs­ver­ein­ba­rung, wel­che hier je­doch nicht ge­ge­ben sind.

So­weit die Be­klag­te in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung aus­geführt hat, dass der St­un­dungs­zweck die Si­che­rung der Soft­ware­ent­wick­lung („der Er­halt des Ba­bys“) und nicht der Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­we­sen sei und dass zu den St­un­dungs­be­din­gun­gen nur die Leis­tungsfähig­keit der Be­klag­ten er­ho­ben wor­den sei, über­sieht die Be­klag­te ne­ben der un­ter 1.1 be­reits dar­ge­stell­ten un­an­ge­mes­se­nen Be­nach­tei­li­gung des Klägers durch ei­ne sol­che Re­ge­lung, dass der St­un­dungs­zweck nur aus Sicht ei­nes Ver­trags­part­ners dar­ge­stellt wur­de. Es mag zwar sein, dass ein Soft­ware-Ent­wick­ler gern auch das Ge­lin­gen sei­ner Soft­ware er­le­ben möch­te, aber es be­darf ganz be­son­de­rer An­halts­punk­te in ei­ner St­un­dungs­ver­ein­ba­rung wenn die­se von ei­nem al­lein aus al­tru­is­ti­schen Mo­ti­ven her­aus ab­ge­schlos­sen wird. Sol­che An­halts­punk­te sind aber we­der vor­ge­tra­gen noch er­sicht­lich.

1.3
Selbst wenn man der Auf­fas­sung ei­ner grundsätz­li­chen Be­fris­tung von St­un­dungs­ver­ein­ba­run­gen in Dau­er­schuld­verhält­nis­sen nicht fol­gen soll­te, ist zu be­ach­ten, dass ei­nem Gläubi­ger ein außer­or­dent­li­ches Kündi­gungs-

 

- 10 -

bzw. Wi­der­rufs­recht zu­steht, wenn ihm ein Fest­hal­ten an der St­un­dungs­ver­ein­ba­rung nicht mehr zu­ge­mu­tet wer­den kann (vgl. OLG Saarbrücken, Ur­teil vom 21. Ju­li 2005 - 8 U 714/04). Ein sol­cher Wi­der­ruf kann auch kon­klu­dent durch Kla­ge­er­he­bung er­fol­gen (vgl. OLG München, Ur­teil vom 21. De­zem­ber 2009 - 19 U 4050/08).

Mit der Kla­ge­er­he­bung am 22. Ja­nu­ar 2009 hat der Kläger hin­rei­chend deut­lich ge­macht, dass er sich an die St­un­dungs­ver­ein­ba­rung nicht mehr ge­bun­den se­he. Da ein Fest­hal­ten an ei­ner St­un­dungs­ver­ein­ba­rung über das En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses hin­aus in der Re­gel auch nicht zu­mut­bar ist (vgl. oben 1.2), hat der Kläger die an­ge­nom­me­ne St­un­dung spätes­tens mit Zu­stel­lung der Kla­ge am 28. Ja­nu­ar 2009 gekündigt bzw. wi­der­ru­fen.

2.
Hin­sicht­lich der Ur­laubs­ab­gel­tung hat die Kla­ge teil­wei­se Er­folg.

2.1
Wie die Be­klag­te zu­tref­fend dar­ge­stellt hat, geht das Bun­des­ar­beits­ge­richt da­von aus, dass man­gels an­der­wei­ti­ger Ab­spra­chen oder Hand­ha­bun­gen ei­ne Ge­halts­ab­rech­nung grundsätz­lich kein Schuld­an­er­kennt­nis enthält.

Der Lohn­ab­rech­nung kann re­gelmäßig nicht ent­nom­men wer­den, dass der Ar­beit­ge­ber die Zahl der an­ge­ge­be­nen Ur­laubs­ta­ge auch dann gewähren will, wenn er die­sen Ur­laub nach Ge­setz, Ta­rif­ver­trag oder Ar­beits­ver­trag nicht schul­det. Erst recht er­gibt sich aus ihr nicht, dass der Ar­beit­ge­ber auf die künf­ti­ge Ein­wen­dung des Erlöschens des Ur­laubs­an­spruchs durch Zeit­ab­lauf ver­zich­ten will. Will der Ar­beit­ge­ber mit der Ab­rech­nung ei­ne der­ar­ti­ge Erklärung ab­ge­ben, so müssen dafür be­son­de­re An­halts­punk­te vor­lie­gen (vgl. BAG, Ur­teil vom 10. März 1987 - 8 AZR 610/84, bestätigt durch Ur­teil vom 18. Ok­to­ber 2011 - 9 AZR 303/10).

Da der Kläger über die An­ga­ben in der Ge­halts­ab­rech­nung hin­aus trotz aus­drück­li­cher Nach­fra­ge in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung kei­ner­lei An­ga­ben zur prak­ti­schen Hand­ha­bung mit zu über­tra­gen­dem Ur­laub ma­chen konn­te, konn­te die die er­ken­nen­de Kam­mer auch kei­ne Ab­wei­chung von dem vom Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend auf­ge­stell­ten Grund­satz er­ken­nen.

 

- 11 -

2.2
Der Kläger hätte zum Aus­schei­den aus dem Ar­beits­verhält­nis ei­nen An­spruch auf 8/12 des ver­trag­li­chen Ur­laubs (16,66 = 17 Ta­ge) oder 12/12 des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs (20 Ta­ge) ge­habt. Der Kläger hat­te Ur­laub vom 15.-26. Fe­bru­ar 2007 (8 Ta­ge), am 30. April 2007 (1 Tag), am 18. Mai 2007 (1 Tag) und vom 20.-31. Au­gust 2007 (10 Ta­ge) gewährt be­kom­men und ge­nom­men.

Da der Kläger un­strei­tig 18 Ta­ge aus dem Jahr 2006 in das Jahr 2007 über­tra­gen und da­von im Über­tra­gungs­zeit­raum 8 in An­spruch ge­nom­men hat­te, ver­fie­len die rest­li­chen 10 Ta­ge am 31. März 2007. Von den 20 Ur­laubs­ta­gen des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs hat­te der Kläger ab dem 1. April 2007 ins­ge­samt 12 in An­spruch ge­nom­men. Die rest­li­chen 8 Ur­laubs­ta­ge wa­ren mit dem Ur­laubs­ent­gelt von 87,83 EUR zu mul­ti­pli­zie­ren. Die­ses er­gab ei­ne Ge­samt­sum­me von 702,64 EUR.


III.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 64 Abs.6 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 92 ZPO. Die Kos­ten des Rechts­streits vor dem Ar­beits­ge­richt wa­ren eben­so wie die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens ent­spre­chend dem je­wei­li­gen An­teil am Ob­sie­gen und Un­ter­lie­gen an­tei­lig zu berück­sich­ti­gen.

Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on gemäß § 72 Abs.2 ArbGG kam nicht in Be­tracht, da die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen nicht vor­ge­le­gen ha­ben.

R e c h t s m i t t e l b e l e h r u n g

Ge­gen die­se Ent­schei­dung ist kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben. Die Par­tei­en wer­den auf die Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gemäß § 72 a ArbGG hin­ge­wie­sen.

 

W.-M.

D.

K.

 

- 12 -

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ber­lin-Bran­den­burg  

 

Geschäfts­zei­chen (bit­te im­mer an­ge­ben)

10 Sa 1734/11

8 Ca 10626/09
Ar­beits­ge­richt Ber­lin
 

Be­schluss

In Sa­chen

pp

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 10. Kam­mer,
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt
W.-M. am 16. März 2012 be­schlos­sen:

Das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 17. Fe­bru­ar 2012 wird we­gen of­fen­sicht­li­cher Un­rich­tig­keit da­hin­ge­hend be­rich­tigt, dass der klar­stel­len­de Te­nor in I. um ei­ne Zif­fer 3 ergänzt wird, die wie folgt lau­tet:

„Die vorläufi­ge Voll­streck­bar­keit des Ur­teils wird aus­ge­schlos­sen.“

Be­gründung:

Mit Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 21. Ju­ni 2011 - 8 Ca 10626/09 - wur­de die Be­klag­te un­ter teil­wei­ser Ab­wei­sung der Kla­ge im Rah­men ei­nes Vor­be­halts­ur­teils zu Zah­lun­gen an den Kläger ver­ur­teilt. Da­bei han­del­te es sich zum ei­nen um Beträge aus noch nicht ge­zahl­ter Vergütung und zum an­de­ren um Beträge aus ei­ner Ur­laubs­ab­gel­tung. Die vorläufi­ge Voll­streck­bar­keit des Ur­teils wur­de vom Ar­beits­ge­richt in Zif­fer IV. des Ur­teils aus­ge­schlos­sen.

 

- 13 -

Ge­gen die­ses Ur­teil wand­te sich al­lein die Be­klag­te mit dem Rechts­mit­tel der Be­ru­fung. Der Kläger leg­te ge­gen die­ses Ur­teil kei­ner­lei Rechts­mit­tel ein. Im Rah­men des Be­ru­fungs­ver­fah­rens bestätig­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt weit­ge­hend die ar­beits­ge­richt­li­che Ent­schei­dung und änder­te sie nur hin­sicht­lich der Höhe der Ur­laubs­ab­gel­tung. Da das Ar­beits­ge­richt die dem Kläger zu­ge­spro­che­ne Sum­me aus bei­den Rechts­gründen zu­sam­men­ge­fasst te­n­o­riert hat­te, for­mu­lier­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt den Te­nor in verständ­li­che­rer Form, in­dem die bei­den Zah­lungs­gründe ein­sch­ließlich der dar­aus re­sul­tie­ren­den Zins­ansprüche ge­trennt te­n­o­riert wur­den.

Da­bei wur­de of­fen­sicht­lich (§ 319 Abs. 1 ZPO) über­se­hen, dass die Zif­fer IV. im Rah­men des Be­ru­fungs­ver­fah­rens über­haupt nicht an­ge­grif­fen wor­den war und des­halb un­verändert fort­be­stand. Wäre der Te­nor des Ur­teils des Lan­des­ar­beits­ge­richts in der Form for­mu­liert wor­den, dass auf die Be­ru­fung die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung teil­wei­se ab­geändert wor­den und die Kla­ge auch in­so­weit ab­ge­wie­sen wor­den wäre wie der Kläger zu mehr als … ver­ur­teilt wor­den war, hätte der Te­nor Zif­fer IV. selbst­verständ­lich wei­ter Be­stand ge­habt. Die Fra­ge des Aus­schlus­ses der vorläufi­gen Voll­streck­bar­keit war we­der Ge­gen­stand der schriftsätz­li­chen Ausführun­gen der Par­tei­en im Be­ru­fungs­ver­fah­ren noch der Erörte­run­gen in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung. In­so­fern ist es of­fen­sicht­lich, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt an dem Aus­schluss der vorläufi­gen Voll­streck­bar­keit we­der ei­ne Ände­rung vor­neh­men woll­te noch durf­te.

Des­halb war der klar­stel­len­de Te­nor in dem Be­ru­fungs­ur­teil vom 17. Fe­bru­ar 2012 um den Satz „Die vorläufi­ge Voll­streck­bar­keit des Ur­teils wird aus­ge­schlos­sen.“ zu ergänzen.

Ge­gen die­sen Be­schluss ist kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben. Die Zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de ist nicht ver­an­lasst, weil die Gründe des § 574 ZPO nicht vor­lie­gen.

 

W.-M.
Vor­sit­zen­der Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt


 

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 10 Sa 1734/11  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880