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Ta­rif­li­che Son­der­prä­mie für die Spren­gung von Was­ser­bom­ben

Kei­ne ta­rif­li­che Prä­mie we­gen Spren­gung ei­ner Bom­be für Ar­beit­neh­mer des Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­diens­tes: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 16.07.2014, 10 AZR 698/13

17.07.2014. In vie­len Ta­rif­ver­trä­gen sind be­son­de­re Zu­la­gen für schwe­re, un­an­ge­neh­me oder ge­fähr­li­che Ar­bei­ten vor­ge­se­hen. 

In ei­nem ges­tern ver­han­del­ten Fall muss­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über ei­ne ta­rif­li­che Prä­mie für die Ent­schär­fung von Bom­ben ent­schei­den.

Um­strit­ten war, ob Ar­beit­neh­mer des Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­diens­tes die­se Son­der­zah­lung auch für die Spren­gung ei­ner Was­ser­bom­be ver­lan­gen kön­nen.

Nein, so die Er­fur­ter Rich­ter: BAG, Ur­teil vom 16.07.2014, 10 AZR 698/13.

Gilt auch die Sprengung einer Bombe als "Entschärfung" gemäß Tarifvertrag zur Regelung der Arbeitsbedingungen der im Kampfmittelbeseitigungsdienst beschäftigten Arbeitnehmer des Landes Niedersachsen?

§ 11 des Ta­rif­ver­tra­ges zur Re­ge­lung der Ar­beits­be­din­gun­gen der im Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­dienst beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer des Lan­des Nie­der­sach­sen (TV-Mun-Nds) lau­tet:

"Für die Entschärfung ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder ein­sch­ließlich des et­wa er­for­der­li­chen Trans­ports der noch nicht entschärf­ten Bom­be wird ei­ne Son­der­prämie von 1.080,00 DM, ab 01.01.2002 567,53 €, als zusätz­li­che Ge­fah­ren­zu­la­ge gewährt. Die Son­der­prämie erhält je­der Ar­beit­neh­mer, der un­mit­tel­bar an der Ent­fer­nung des Lang­zeitzünders oder beim Trans­port mit­ar­bei­tet. Die Prämie wird je­doch je Bom­be nur ein­mal ge­zahlt."

Da­zu gibt es ei­ne erläutern­de Pro­to­koll­no­tiz der Ta­rif­par­tei­en, die fol­gen­den Wort­laut hat:

"Der Entschärfung ei­ner Bom­be mit Lang­zeitzünder steht die Entschärfung ent­spre­chen­der See­mu­ni­ti­on (z.B. Tor­pe­dos, Was­ser­bom­ben, See­mi­nen) gleich."

Frag­lich ist, ob die­se Re­ge­lung auch gilt, wenn Ar­beit­neh­mer des Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­diens­tes ei­ne Welt­kriegs-Was­ser­bom­be von ih­rem Fund­ort weg­trans­por­tie­ren und an ei­nem si­che­ren Ort kon­trol­liert spren­gen.

Auch dann ist sie die Bom­be schließlich nicht mehr gefähr­lich und in die­sem Sin­ne "entschärft", und auch dann ris­kie­ren die da­bei ein­ge­setz­ten Ar­beit­neh­mer - al­lein durch den Trans­port der Bom­be - Kopf und Kra­gen, denn oft ist gar nicht klar, wel­chen Zünd­me­cha­nis­mus die Bom­be hat und ob die­ser noch gefähr­lich ist.

An­de­rer­seits wird die ei­gent­li­che Spren­gung ei­ner Bom­be aus si­che­rer Ent­fer­nung vor­ge­nom­men und ist da­her nicht so gefähr­lich wie Entschärfung im ei­gent­li­chen Sin­ne, d.h. wie die Her­aus­nah­me des Zünders aus der Bom­be. Nur dann nämlich ar­bei­tet der Spe­zia­list des Kampfräum­diens­tes un­mit­tel­bar an der Bom­be, die im schlimms­ten Fall hoch­ge­hen und ihn und ggf. mit­hel­fen­de Kol­le­gen töten kann.

Der Streitfall: 104 Wasserbomben werden im Watt vor Wilhelmshaven geborgen und auf einer Sandbank gesprengt

Im Streit­fall ging es um 104 Was­ser­bom­ben der al­li­ier­ten Streit­kräfte, die im zwei­ten Welt­krieg in der Nord­see ihr Ziel ver­fehl­ten und seit­dem im Schlick vor Wil­helms­ha­ven schlum­mer­ten. Im März und April 2011 wur­den sie ge­bor­gen, auf ei­ne Sand­bank ver­bracht und dort kon­trol­liert ge­sprengt.

Ei­ner der dar­an be­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mer des nie­dersäch­si­schen Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­diens­tes ver­lang­te pro Bom­be 567,53 EUR Prämie un­ter Ver­weis auf § 11 TV-Mun-Nds, im­mer­hin stol­ze (104 x 567,53 EUR =) 59.023,12 EUR brut­to.

Das Ar­beits­ge­richt Ol­den­burg (Ur­teil vom 09.07.2012, 4 Ca 89/12 Ö) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen wie­sen die Kla­ge ab(LAG Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 01.07.2013, 13 Sa 1037/12).

BAG: Die bloße Sprengung einer Bombe gibt den Arbeitnehmer des niedersächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienstes keinen Anspruch auf die tarifliche Entschärfungsprämie

Das BAG mein­te zwar wie die Vor­in­stan­zen, dass § 11 TV-Mun-Nds nicht auf den Fall ei­ner bloßen Bom­benspren­gung passt, so dass der Kläger sei­nen An­spruch nicht auf die Spren­gung der 104 Bom­ben stützen konn­te.

Trotz­dem hob das BAG das LAG-Ur­teil auf und ver­wies den Pro­zess an das LAG in Han­no­ver zurück. Denn mögli­cher­wei­se wa­ren die Bom­ben ja mit Zünd­sys­te­men ver­se­hen, die eben­so gefähr­lich sind wie Lang­zeitzünder, und mögli­cher­wei­se wirk­te der Kläger ja an de­ren Trans­port "un­mit­tel­bar" mit. In die­sem Fall, so das BAG, stünde dem Kläger die strei­ti­ge Prämie zwar nicht we­gen des kon­trol­lier­ten Spren­gens zu, aber we­gen des Trans­ports der noch nicht entschärf­ten Bom­ben.

Fa­zit: Es lohnt sich oft nicht, um ta­rif­li­che Zu­la­gen durch die In­stan­zen zu strei­ten, doch hier ging es aus­nahms­wei­se ein­mal um viel Geld. Auch das be­klag­te Land wird den Pro­zess si­cher en­ga­giert wei­ter durchkämp­fen, denn der kla­gen­de Bom­benräum­er war nur ei­ner von meh­re­ren an der Räum­ungs­ak­ti­on be­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mer, d.h. hier hat­te das BAG Hin­wei­se für ei­nen Mus­ter­pro­zess ge­ge­ben.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 4. Dezember 2014

Bewertung: Ta­rif­li­che Son­der­prä­mie für die Spren­gung von Was­ser­bom­ben 4.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

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