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Ta­rif­lohn-An­he­bung auf Ta­rif­ni­veau „West“: Schuld­recht­li­che Ab­re­de oder In­halts­norm?

Ein An­spruch auf Ta­rif­lohn­er­hö­hung be­steht nur bei ta­rif­ver­trag­li­cher In­halts­norm, nicht bei nur schuld­recht­li­chem Ta­ri­fin­halt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 24.08.2011, 4 AZR 566/09
04.10.2011. Ge­mäß § 2 Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) wer­den Ta­rif­ver­trä­ge von Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber­ver­bän­den (oder ein­zel­nen Ar­beit­ge­bern) ab­ge­schlos­sen - und re­gel­mä­ßig fort­ge­schrie­ben. Da­her le­gen Ta­rif­ver­trä­ge nicht nur Löh­ne und Ar­beits­be­din­gun­gen ver­bind­lich (ge­set­zes­gleich) fest, d.h. sie ent­hal­ten nicht nur In­halts­nor­men, son­dern sie re­geln auch die Ver­hand­lungs­pflich­ten der Ta­rif­par­tei­en selbst, d.h. ih­re Plä­ne für künf­ti­ge Ta­rif­run­den, Sch­lich­tungs­ver­ein­ba­run­gen und der­glei­chen.

Sol­che ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen, die nur die Ver­trags­par­tei­en selbst be­tref­fen, hei­ßen „schuld­recht­li­che Ab­re­den“. Sie be­grün­den kei­ne Rech­te und Pflich­ten der ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber, son­dern ge­hen nur die Ta­rif­par­tei­en selbst et­was an. Ein ak­tu­el­les Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) zeigt, dass man manch­mal dar­über strei­ten kann, ob ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lung ei­ne In­halts­norm ist (dann kön­nen Ar­beit­neh­mer An­sprü­che aus ihr her­lei­ten) oder aber ei­ne blo­ße Schuld­rechts­ab­re­de (dann be­grün­det sie kei­ne An­sprü­che zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer): BAG, Ur­teil vom 24.08.2011, 4 AZR 566/09.

Tarifvertragliche Inhaltsnorm oder schuldrechtliche Abrede - beim Betriebsübergang kommt´s darauf an...

In­halts­nor­men ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges sind für Ge­werk­schafts­mit­glie­der wich­tig, denn sie le­gen den In­halt und auch die Be­din­gun­gen für den Ab­schluss und die Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses un­mit­tel­bar und zwin­gend fest (§ 4 Abs.1 Satz 1 TVG). Da­mit be­ein­flus­sen sie die Ar­beits­verträge wie ein Ge­setz.

Das gilt auch dann, wenn der Be­trieb, in dem ein ta­rif­ge­bun­de­ner Ar­beit­neh­mer beschäftigt ist, den In­ha­ber wech­selt, d.h. bei ei­nem Be­triebsüber­gang. Ist der Be­triebs­er­wer­ber nicht Mit­glied des ta­rif­sch­ließen­den Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des, wer­den die In­halts­nor­men der Ta­rif­verträge, die für die Ge­werk­schafts­mit­glie­der des Be­triebs bis­her auf­grund bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit von Ar­beit­neh­mer und (al­tem) Ar­beit­ge­ber gal­ten, zum Be­stand­teil der Ar­beits­verträge. Ände­run­gen zum Nach­teil des Ar­beit­neh­mers sind dann frühes­tens ein Jahr nach dem Über­gang möglich, § 613a Abs.1 Satz 2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB).

Das gilt aber nicht für schuld­recht­li­che Be­stand­tei­le ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges. Da­her kann es für Ar­beit­neh­mer bei ei­nem Be­triebsüber­gang wich­tig sein, ob ei­ne be­stimm­te Re­ge­lung „ih­res“ Ta­rif­ver­trags ei­ne In­halts­norm oder „nur“ ei­ne schuld­recht­li­che Ab­re­de ist. Vor kur­zem muss­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schei­den, ob ei­ne Re­ge­lung des Vergütungs­ta­rif­ver­tra­ges (VTV) Nr.7 zum Bun­des­an­ge­stell­ten-Ta­rif­ver­trag - Ta­rif­ge­biet Ost (BAT-O) In­halts­norm oder Schuld­rechts­ab­re­de ist (Ur­teil vom 24.08.2011, 4 AZR 566/09).

Anhebung des Tariflohns auf das Tarifniveau West bis 31.12.2007 - Inhaltsnorm oder Schuldrechtsabrede?

Die Kläge­rin war Mit­glied der Ge­werk­schaft ver.di und im Land Bran­den­burg in ei­nem Kran­ken­haus beschäftigt. Der VTV, der auf das Ar­beits­verhält­nis auf­grund der Ta­rif­bin­dung des Ar­beit­ge­bers un­mit­tel­bar und zwin­gend an­zu­wen­den war, sah seit An­fang 2003 vor, dass der Lohn des Ta­rif­ge­bie­tes Ost stu­fen­wei­se an das Ta­rif­ni­veau „West“ an­genähert wer­den soll­te und dass die­se „An­pas­sung ... bis zum 31. De­zem­ber 2007 ... ab­ge­schlos­sen wird.“

Im Jahr 2005 ging das Ar­beits­verhält­nis durch Be­triebsüber­gang auf ei­nen nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber über. Ab 2008 ver­lang­te die Kläge­rin Be­zah­lung ent­spre­chend dem Ta­rif­ni­veau West. Ih­re Kla­ge blieb aber vor dem Ar­beits­ge­richt Bran­den­burg an der Ha­vel und vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg (Ur­teil vom 25.06.2009, 25 Sa 582/09) er­folg­los. Auch das BAG war der Mei­nung, dass die Ar­beit­neh­me­rin kei­nen An­spruch auf Ta­rif­loh­nerhöhung hat­te.

Denn die strei­ti­ge ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lung ist nach An­sicht des BAG kei­ne In­halts­norm, son­dern nur ei­ne schuld­recht­li­che Ab­re­de, weil statt ge­nau­er Stu­fen für die pro­zen­tua­le An­pas­sung der Löhne auf das West­ni­veau nur ein Zeit­kor­ri­dor be­stimmt wur­de.

Fa­zit: Die bis En­de 2007 um­zu­set­zen­de Lohn­an­pas­sung auf West­ni­veau wur­de im hier strei­ti­gen VTV nicht ab­sch­ließend und kon­kret ge­re­gelt, son­dern nur als Pro­gramm ins Au­ge ge­fasst. Da­von gin­gen wohl auch die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en aus, denn die An­glei­chung der Lohn­ni­veaus „Ost“ und „West“ kam zum 01.01.2008 in Form ei­nes ge­son­der­ten Ta­rif­ver­trags. Das hier be­spro­che­ne BAG-Ur­teil macht außer­dem deut­lich, dass sich die Ar­beits­ge­rich­te bei der Ta­rif­aus­le­gung meist "stur" am Wort­laut der Re­ge­lung ori­en­tie­ren, was oft zu Ent­schei­dun­gen zu­guns­ten der Ar­beit­ge­ber­sei­te führt: Was nicht klipp und klar im Ta­rif­ver­trag „ge­schrie­ben steht“, gilt nicht.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 24. März 2016

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