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Ta­rif­ver­hand­lun­gen zwi­schen Ri­tu­al und Ziel­ori­en­tie­rung

Ta­rif­ver­hand­lun­gen ha­ben ih­re ei­ge­ne Dra­ma­tur­gie: Rein­hard Bahn­mül­ler im Ge­spräch mit Ju­lia Giertz

05.05.2012 (dpa) - Ver­hand­lun­gen, Warn­streiks, Streik - sind das nicht ver­al­te­te Ri­tua­le, die ei­nen zü­gi­gen Ta­rif­ab­schluss ver­hin­dern?

Nein, meint ein Ex­per­te der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen. Das ri­tua­li­sier­te Macht­spiel eb­ne den Weg zum Er­geb­nis. Ta­rif­ver­hand­lun­gen wie der­zeit in der Me­tall­in­dus­trie ha­ben nach An­sicht des Ex­per­ten Rein­hard Bahn­mül­ler ih­re ei­ge­ne not­wen­di­ge Dra­ma­tur­gie.

"Ta­rif­ver­hand­lun­gen zwi­schen Ge­werk­schaft und Ar­beit­ge­bern ha­ben ei­ne in­ne­re Lo­gik, sie ge­hor­chen in­ner­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Be­dürf­nis­sen", er­läu­ter­te der In­dus­trie­so­zio­lo­ge der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen in ei­nem Ge­spräch mit der Nach­rich­ten­agen­tur dpa. "Von über­kom­me­nen Ri­tua­len kann kei­ne Re­de sein, weil die ein­zel­nen Schrit­te und Es­ka­la­ti­ons­stu­fen ei­nen Ab­schluss erst er­mög­li­chen."

Der ers­te Akt ei­ner Ta­rif­be­we­gung be­ste­he im Auf­stel­len der For­de­rung durch die Ge­werk­schaft. "Da­bei muss die Spit­ze der Ge­werk­schaft dar­auf ach­ten, dass die Mit­glied­schaft sich mit den Zie­len iden­ti­fi­zie­ren und im Streit­fall mo­bi­li­siert wer­den kann." Des­halb wer­de die For­de­rung auch erst nach Mo­na­ten der Dis­kus­si­on an der Ba­sis und bei De­le­gier­ten­tref­fen auf­ge­stellt. Auch auf Ar­beit­ge­ber­sei­te kommt das Fin­den ei­nes Ent­gelt-An­ge­bo­tes nach Bahn­mül­lers Ein­schät­zung ei­ner "Zer­reiß­pro­be" gleich. "Die In­ter­es­sens­la­ge im Ver­band kann zwi­schen klei­nen und gro­ßen Un­ter­neh­men sehr un­ter­schied­lich sein, au­ßer­dem ste­hen sie in wirt­schaft­li­cher Kon­kur­renz zu­ein­an­der."

Im zwei­ten Akt tref­fen sich die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zu Ver­hand­lun­gen: "Auch wenn die Po­si­tio­nen von An­fang an klar sind, wer­den häu­fig meh­re­re Run­den oh­ne An­nä­he­rung ge­dreht, denn je­de Sei­te muss nach in­nen si­gna­li­sie­ren: Wir ha­ben das Ma­xi­ma­le ver­sucht, die Gren­zen aus­ge­tes­tet." Auf die­se Wei­se ver­such­ten die Ver­hand­lungs­füh­rer, ihr Ge­sicht zu wah­ren: "Sie sind im­mer po­ten­zi­el­le Ver­rä­ter, Grenz­gän­ger, denn sie müs­sen die For­de­run­gen ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on eben­so ver­tre­ten wie ei­nen spä­te­ren Kom­pro­miss." Um das Ri­si­ko zu ver­min­dern, we­gen ei­ner Ei­ni­gung mit der Ge­gen­sei­te "ge­köpft zu wer­den", stimm­ten die­se Spit­zen­funk­tio­nä­re ihr Vor­ge­hen wäh­rend der Ver­hand­lun­gen im­mer wie­der mit Gre­mi­en und Kom­mis­sio­nen im Hin­ter­grund ab.

Auch den drit­ten Akt des Dra­mas, die der­zeit lau­fen­de Warn­streik­wel­le der IG Me­tall, hält Bahn­mül­ler für un­ver­zicht­bar. "Das ist ei­ne Vor­war­nung, ein Mus­kel­spiel, da­mit es nicht zu ei­nem gro­ßen Streik kommt." Zu­gleich las­se die IG Me­tall ih­re Trup­pen für ei­ne wei­te­re mög­li­che Zu­spit­zung sich warm­lau­fen. Warn­streiks dien­ten bei­den Sei­ten als Ba­ro­me­ter für die Stim­mung in den Be­trie­ben. "Ent­we­der fin­det man jetzt in ei­nem letz­ten Akt am Ver­hand­lungs­tisch zu­ein­an­der oder die Streik­ma­schi­ne­rie läuft an", sag­te der Ex­per­te vom For­schungs­in­sti­tut für Ar­beit Tech­nik und Kul­tur.

Im Süd­wes­ten wird am kom­men­den Diens­tag in Sin­del­fin­gen in der vier­ten Run­de wei­ter­ver­han­delt. Ein wei­te­rer Ter­min ist für den 15. Mai an­ge­setzt. Die vier­te Ver­hand­luns­run­de in NRW ist am 11. Mai in Düs­sel­dorf ge­plant. In Nord­rhein-West­fa­len geht es um ei­nen neu­en Ta­rif­ver­trag für 700.000 Be­schäf­tig­te. Bun­des­weit sind rund 3,6 Mil­lio­nen Be­schäf­tig­te be­trof­fen.

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Letzte Überarbeitung: 18. Dezember 2013

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