Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Un­bil­li­ge Wei­sun­gen sind un­ver­bind­lich

Un­zu­mut­ba­re Wei­sun­gen müs­sen nicht mehr vor­läu­fig bis zu ei­ner ge­richt­li­chen Ent­schei­dung be­folgt wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 14.09.2017, 5 AS 7/17
Stress am Arbeitsplatz, Burnout, Hamsterrad

19.09.2017. Im Ju­ni die­ses Jah­res frag­te der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) den Fünf­ten Se­nat, ob die­ser an sei­ner um­strit­te­nen ar­beit­ge­ber­freund­li­chen Recht­spre­chung zu den Rechts­fol­gen ei­ner "un­bil­li­gen" Ar­beits­an­wei­sung fest­hält (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/160 Ar­beits­ver­wei­ge­rung we­gen un­zu­mut­ba­rer Wei­sung?).

Die­ser Recht­spre­chung des Fünf­ten BAG-Se­nats zu­fol­ge muss­ten Ar­beit­neh­mer Wei­sun­gen ih­ren Ar­beit­ge­bers, die "nur" we­gen man­geln­der Zu­mut­bar­keit rechts­wid­rig sind, trotz ih­rer Rechts­wid­rig­keit bis zur ge­richt­li­chen Klä­rung be­fol­gen.

Heu­te wur­de be­kannt, dass der Fünf­te Se­nat die­se Recht­spre­chung auf­gibt. Da­mit steht fest, dass un­bil­li­ge Wei­sun­gen künf­tig nich­tig bzw. für den Ar­beit­neh­mer un­ver­bind­lich sind: BAG, Be­schluss vom 14.09.2017, 5 AS 7/17 (Pres­se­mel­dung des BAG).

Was tun bei unbilligen Weisungen?

Ar­beits­an­wei­sun­gen des Ar­beit­ge­bers in Be­zug auf die Ar­beits­in­hal­te, den Ar­beits­ort und/oder die zeit­li­che La­ge der Ar­beits­zeit können aus ver­schie­de­nen Gründen rechts­wid­rig sein.

Zum ei­nen können sie völlig außer­halb des­sen lie­gen, was der Ar­beit­ge­ber an­ord­nen darf, zum an­de­ren können sie zu ein­sei­tig den Ar­beit­ge­ber­in­ter­es­sen die­nen. Im ers­ten Fall ver­s­toßen sie ge­gen den Ar­beits­ver­trag, ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung, ei­nen Ta­rif­ver­trag und/oder ge­gen ein Ge­setz und sind da­her von vorn­her­ein rechts­wid­rig, im zwei­ten Fall er­gibt erst die Abwägung der In­ter­es­sen der Ver­trags­par­tei­en, dass der Ar­beit­ge­ber zu weit ge­gan­gen ist. Dann verstößt die Wei­sung zwar auch ge­gen das Ar­beits­recht, aber "nur" des­halb, weil sie für den Ar­beit­neh­mer un­zu­mut­bar bzw. "un­bil­lig" ist.

Die­se zwei­fa­chen recht­li­chen An­for­de­run­gen, die ei­ne Wei­sung erfüllen muss, kann man aus § 106 Satz 1 Ge­wer­be­ord­nung (Ge­wO) her­lei­ten. Denn nach die­ser Vor­schrift kann der Ar­beit­ge­ber In­halt, Ort und Zeit der Ar­beits­leis­tung

Wie oben erwähnt, war der Fünf­te BAG-Se­nat seit 2012 der Mei­nung, dass Ar­beit­neh­mer rechts­wid­ri­ge An­wei­sun­gen nur dann ver­wei­gern dürfen, wenn sie ge­gen Rechts­vor­schrif­ten ver­s­toßen (Ge­setz, Ver­trag, Be­triebs­ver­ein­ba­rung, Ta­rif). An­ders war es da­ge­gen bei Ar­beits­an­wei­sun­gen, die "nur" un­bil­lig sind. In Be­zug auf sol­che Wei­sun­gen be­stand laut Fünf­tem Se­nat die Pflicht des Ar­beit­neh­mers zur Be­fol­gung, wenn auch nur vorläufig bis zu ei­ner ge­richt­li­chen Klärung (BAG, Ur­teil vom 22.02.2012, 5 AZR 249/11).

Mit die­ser Mei­nung konn­te der Fünf­te BAG-Se­nat kaum je­man­den über­zeu­gen, und auch vie­le Ar­beits­ge­rich­te und Lan­des­ar­beits­ge­rich­te (LAG) ent­schie­den an­ders, d.h. pro Ar­beit­neh­mer. Denn Ge­richts­ver­fah­ren über die An­ge­mes­sen­heit ei­ner Ar­beits­an­wei­sung können sich jah­re­lang hin­zie­hen, und in der Zwi­schen­zeit müss­ten Ar­beit­neh­mer ei­ne Be­ein­träch­ti­gung ih­rer Rech­te hin­neh­men. Vor al­lem be­steht (ent­ge­gen den Befürch­tun­gen des Fünf­ten Se­nats) kei­ne Ge­fahr, dass Ar­beit­neh­mer all­zu oft (mut­wil­lig) Wei­sun­gen un­ter Be­ru­fung auf ih­re an­geb­li­che Un­bil­lig­keit ver­wei­gern, denn dann ris­kie­ren sie ei­ne Ab­mah­nung des Ar­beit­ge­bers we­gen Ar­beits­ver­wei­ge­rung und bei fort­ge­setz­ter Ver­wei­ge­rungs­hal­tung die frist­lo­se Kündi­gung. Auch Ar­beit­neh­mer, die sich im Recht se­hen, wer­den es sich da­her gut über­le­gen, ob sie ei­nen sol­chen Kon­flikt ris­kie­ren wol­len.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat­te der Zehn­te BAG-Se­nat im Ju­ni 2017 den Fünf­ten Se­nat gemäß § 45 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) ge­fragt, ob er an sei­ner Recht­spre­chung zur vorläufi­gen Ver­bind­lich­keit un­bil­li­ger Wei­sun­gen fest­hal­ten möch­te (BAG, Be­schluss vom 14.06.2017, 10 AZR 330/16, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/160 Ar­beits­ver­wei­ge­rung we­gen un­zu­mut­ba­rer Wei­sung?). Denn da der Zehn­te Se­nat an­de­rer Mei­nung ist, müss­te in die­sem Fall der Große BAG-Se­nat ent­schei­den.

Der Fall des Zehnten Senats: Unzumutbare Versetzung von Dortmund nach Berlin

Im Streit­fall ging es um ei­nen Im­mo­bi­li­en­kauf­mann, der seit 2001 in ei­nem größeren Be­trieb mit et­wa 700 Ar­beit­neh­mern in Dort­mund beschäftigt war und nach länge­rem Streit mit sei­nem Ar­beit­ge­ber von die­sem nach Ber­lin ver­setzt wor­den war. Die Ver­set­zung be­ruh­te auf fa­den­schei­ni­gen Gründen und war ziem­lich of­fen­kun­dig "un­bil­lig" im Sin­ne von § 106 Satz 1 Ge­wO. Der Im­mo­bi­li­en­kauf­mann woll­te nicht in Ber­lin ar­bei­ten und wur­de da­her zwei­mal ab­ge­mahnt. Da er sich da­von nicht be­ein­dru­cken ließ, be­kam er schluss­end­lich im Mai 2015 die frist­lo­se Kündi­gung.

Dar­auf­hin klag­te er ge­gen die Ver­set­zung und die Ab­mah­nun­gen. Sein Ar­gu­ment: Die Ver­set­zung sei un­zu­mut­bar bzw. un­bil­lig. Da­her be­stand kei­ne Pflicht, sie zu be­fol­gen. Die vom Ar­beit­ge­ber be­haup­tet "Ar­beits­ver­wei­ge­rung" gab es da­her nicht, so je­den­falls der Ar­beit­neh­mer, d.h. er hat­te kei­nen Pflicht­ver­s­toß be­gan­gen, der den Ar­beit­ge­ber zu ei­ner Ab­mah­nung be­rech­tigt hätte. Mit die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on hat­te er in der ers­ten In­stanz (Ar­beits­ge­richt Dort­mund, Ur­teil vom 08.09.2015, 7 Ca 1224/15) und in der Be­ru­fung vor dem LAG Hamm Er­folg (LAG Hamm, Ur­teil vom 17.03.2016, 17 Sa 1660/15). Auch die in ei­nem wei­te­ren Ver­fah­ren er­ho­be­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge konn­te er ge­win­nen.

Sch­ließlich würde auch der Zehn­te BAG-Se­nat, der für die Re­vi­si­on zuständig ist, pro Ar­beit­neh­mer ent­schei­den. Da­zu müss­te al­ler­dings der Fünf­te BAG-Se­nat erst ein­mal von sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung abrücken.

Einigkeit beim BAG: Keine Pflicht zur Befolgung unbilliger Weisung

Wie heu­te be­kannt wur­de, hat der Fünf­te Se­nat am Don­ners­tag letz­ter Wo­che sei­ne Recht­spre­chung in Be­ant­wor­tung der An­fra­ge des Zehn­ten Se­nats of­fi­zi­ell geändert (Be­schluss vom 14.09.2017, 5 AS 7/17). In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung heißt es:

"Der Fünf­te Se­nat hat­te bis­her an­ge­nom­men, dass sich ein Ar­beit­neh­mer über ei­ne un­bil­li­ge Ausübung des Wei­sungs­rechts - so­fern sie nicht aus an­de­ren Gründen un­wirk­sam sei - nicht hin­weg­set­zen dürfe, son­dern ent­spre­chend § 315 Abs.3 Satz 2 BGB die Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen an­ru­fen müsse. We­gen der das Ar­beits­verhält­nis prägen­den Wei­sungs­ge­bun­den­heit sei der Ar­beit­neh­mer an die durch die Ausübung des Wei­sungs­rechts er­folg­te Kon­kre­ti­sie­rung ua. des In­halts der Ar­beits­leis­tung vorläufig ge­bun­den, bis durch ein rechts­kräfti­ges Ur­teil die Un­ver­bind­lich­keit der Leis­tungs­be­stim­mung fest­ste­he (BAG 22. Fe­bru­ar 2012 - 5 AZR 249/11 - Rn. 24, BA­GE 141, 34). Der Fünf­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat auf die An­fra­ge mit­ge­teilt, dass er an die­ser Rechts­auf­fas­sung nicht mehr festhält."

Jetzt ist of­fi­zi­ell, was be­reits im Ju­ni die­ses Jah­res klar war: Das Ur­teil des Fünf­ten Se­nats vom 22.02.2012 (5 AZR 249/11) hat kei­ne Gültig­keit mehr. Ar­beits­an­wei­sun­gen, die die In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers nicht aus­rei­chend berück­sich­ti­gen und (nur) aus die­sem Grund, d.h. we­gen "Un­bil­lig­keit" rechts­wid­rig sind, müssen von vorn­her­ein nicht be­folgt wer­den. 

Mit die­ser Klar­stel­lung hat der Fünf­te Se­nat ei­ne überfälli­ge Kor­rek­tur sei­ner Recht­spre­chung zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer­sei­te vor­ge­nom­men. Denn ob ei­ne An­wei­sung von vorn­her­ein ge­gen Rechts­vor­schrif­ten verstößt oder "nur" auf­grund ih­rer Un­zu­mut­bar­keit für den Ar­beit­neh­mer rechts­wid­rig ist - ei­ne Pflicht zur "vorläufi­gen" Be­fol­gung ist recht­lich nicht be­gründ­bar und würde be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer fak­tisch weit­ge­hend recht­los stel­len.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­grün­de ver­öf­fent­licht. Der voll­stän­dig be­grün­de­te Be­schluss des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 15. Dezember 2017

Bewertung: Un­bil­li­ge Wei­sun­gen sind un­ver­bind­lich 5.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Autorenprofil

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2017:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880