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Ar­bei­ten statt Ur­laub - je­der Drit­te ver­zich­tet auf Frei­zeit

Som­mer­zeit gleich Ur­laubs­zeit? Statt die See­le im Ur­laub bau­meln zu las­sen, ar­bei­ten vie­le Be­schäf­tig­te und las­sen freie Ta­ge ver­fal­len: Ob das im­mer frei­wil­lig ge­schieht, ist schwer zu sa­gen

08.07.2016. (dpa) - Rei­ni­gungs­kräf­te und Bau­ar­bei­ter.

Sie ver­zich­ten laut Deut­schem Ge­werk­schafts­bund be­son­ders oft auf ei­nen Teil ih­res Ur­laubs und ge­hen statt­des­sen ar­bei­ten.

Oft sei­en das Be­schäf­tig­te, die den Ver­lust ih­res Ar­beits­plat­zes fürch­ten.

Er­geb­nis ei­ner ak­tu­el­len Be­fra­gung des DGB: Je­der drit­te Ar­beit­neh­mer in Deutsch­land ver­zich­tet auf Ur­laubs­ta­ge. Fach­leu­te und die Po­li­tik sind alar­miert.

Egal ob am Meer, in den Ber­gen oder Zu­hau­se auf Bal­ko­ni­en: Ur­laub ma­chen ist wich­tig. So sieht es die Vi­ze­prä­si­den­tin des Ver­bands der Be­triebs- und Werks­ärz­te, Anet­te Wahl-Wa­chen­dorf. Sie macht klar: "Wenn man auf Dau­er kei­nen Ur­laub macht, kommt man in ei­nen Er­schöp­fungs­zu­stand". Be­rufs­tä­ti­ge sei­en un­kon­zen­triert, mü­de und mach­ten Feh­ler. Mit der Zeit kä­men sie in ei­ne chro­ni­sche Er­schöp­fung und wür­den rich­tig krank, sagt die Me­di­zi­ne­rin. Kann das im In­ter­es­se von Ar­beit­ge­bern sein?

Die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de (BDA) re­agiert knapp. Die Be­fra­gung des DGB zeich­ne ein "in­ter­es­sens­ge­lei­tet ver­zerr­tes Bild". Es ent­spre­che nicht den tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­sen in der Ar­beits­welt und tue al­len be­trieb­li­chen Ak­teu­ren Un­recht. In Deutsch­land ge­be es kei­nen Ar­beit­neh­mer, des­sen ge­setz­li­cher Ur­laubs­an­spruch nicht er­füllt wer­de.

In der Rei­ni­gungs- und Bau­bran­che ver­zich­tet der DGB-Stu­die zu­fol­ge na­he­zu je­der zwei­te An­ge­stell­te auf ei­nen Teil sei­nes Ur­laubs­an­spruchs. Die Zah­len über­ra­schen den Spre­cher der In­dus­trie­ge­werk­schaft Bau­en-Agrar-Um­welt, Ru­precht Ham­mer­schmidt, we­nig. Weil vie­le in der Bran­che nur be­fris­tet be­schäf­tigt sei­en, hät­ten Chefs oft ein ho­hes Er­pres­sungs­po­ten­zi­al. Er ver­mu­tet, dass die Angst vor ei­nem Job­ver­lust ge­ra­de in Rei­ni­gungs­fir­men sehr hoch ist.

Die Links­frak­ti­on im Bun­des­tag re­agiert prompt: "Wenn Be­schäf­tig­te aus Angst, ih­ren Job zu ver­lie­ren, auf ih­ren Ur­laub ver­zich­ten, dann muss die Bun­des­re­gie­rung ak­tiv wer­den", for­dert die ge­werk­schafts­po­li­ti­sche Spre­che­rin Jut­ta Krell­mann. Die Grü­nen be­zeich­nen die Um­fra­ge­er­geb­nis­se als "völ­lig in­ak­zep­ta­bel".

Den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub ge­be es aus gu­tem Grund, heißt es aus dem Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­um. Es sei "ge­samt­ge­sell­schaft­lich" und "volks­wirt­schaft­lich" sinn­voll und rat­sam, wenn Ar­beit­neh­mer ih­re Ur­laubs­ta­ge auch wirk­lich neh­men.

In der Bau­bran­che hat der Ur­laubs­ver­zicht nach Ein­schät­zung von Ham­mer­schmidt auch an­de­re Grün­de. Nicht we­ni­ge Bau­ar­bei­ter lie­ßen sich Ur­laubs­ta­ge aus­be­zah­len. Sie schuf­ten al­so, statt frei zu ma­chen. Oft­mals hät­ten Ar­beit­neh­mer aber auch nicht die Lob­by, um auf ih­re ge­setz­li­chen An­sprü­che auf Ur­laub auf­merk­sam zu ma­chen. Bau­be­trie­be hät­ten durch­schnitt­lich zehn Mit­ar­bei­ter, sagt der Ge­werk­schaft­ler. Bei Un­ter­neh­men die­ser Grö­ße sei­en Be­triebs­rä­te oft Man­gel­wa­re. Ei­ne Stu­die des In­sti­tuts für Ar­beits­recht und Ar­beits­be­zie­hun­gen in der EU, aus der die ge­werk­schafts­na­he Boeck­ler-Stif­tung zi­tiert, be­sagt: Be­triebs­rä­te tra­gen da­zu bei, dass Ar­beit­neh­mer ih­re Ur­laubs­an­sprü­che aus­schöp­fen.

"Ar­beit darf nicht auf die Kno­chen der Be­schäf­tig­ten ge­hen. Der Ar­beit­ge­ber hat hier ei­ne Sorg­falts­pflicht", sagt An­ne­lie Bun­ten­bach aus dem DGB-Vor­stand. Der Ber­li­ner Fach­an­walt für Ar­beits­recht, Alex­an­der Bre­der­eck, schränkt aber ein: Ar­beit­ge­ber müss­ten sich kei­ne Sor­ge um Kon­se­quen­zen ma­chen, wenn ih­re Mit­ar­bei­ter ih­ren An­spruch auf Ur­laub nicht aus­schöp­fen. Wird der An­spruch auf Ur­laub nicht ge­nom­men oder aus­be­zahlt, ver­fällt er in al­ler Re­gel.

Wie vie­le Ur­laubs­ta­ge Ar­beit­neh­mer so ver­schen­ken, ist un­klar. Das In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung (DIW) er­rech­ne­te im Jahr 2011, dass Be­schäf­tig­te im Schnitt mehr als drei Ur­laubs­ta­ge pro Jahr ver­fal­len las­sen. Nach Ein­schät­zung des DGB dürf­te sich an die­ser Zahl we­nig ver­än­dert ha­ben.

Grund­sätz­lich hat je­der Ar­beit­neh­mer An­spruch auf Ur­laub, so steht es im Bun­des­ar­beits­ge­setz. Wie vie­le Ta­ge pro Jahr Mit­ar­bei­tern zu­ste­hen, hängt von den Ar­beits­ta­gen pro Wo­che ab. Bei ei­ner Fünf-Ta­ge-Wo­che liegt er bei 20 frei­en Ar­beits­ta­gen, bei ei­ner Sechs-Ta­ge-Wo­che sind es 24. Vie­le Ta­rif- oder Ar­beits­ver­trä­ge se­hen je­doch mehr Ur­laub vor.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 10. Oktober 2016

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