Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Kündigungsschutzprozess, Urlaubsabgeltung, AGB-Kontrolle
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Hamm
Akten­zeichen: 19 Sa 700/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 11.11.2011
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Minden, Urteil vom 10.03.2011, 1 Ca 1463/10
   

19 Sa 700/11

1 Ca 1463/10 ArbG Min­den 

 

Verkündet am 11.11.2011:

RBe Fou­zai
als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In Sa­chen

hat die 19. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 11.11.2011
durch die Rich­te­rin am Ar­beits­ge­richt Kröner als Vor­sit­zen­de so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Haa­se und Kry­s­to­fi­ak

für Recht er­kannt:

Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Min­den vom 10.03.2011, 1 Ca 1463/10, un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im Übri­gen teil­wei­se ab­geändert und der Te­nor zur Klar­stel­lung wie folgt neu ge­fasst:

Es wird fest­ge­stellt, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten auf­gelöst wor­den ist, son­dern bis zum 31.01.2011 fort­be­stan­den hat.

 

- 2 -

Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger 2.000,00 € brut­to (Vergütung 16.- 31.12.2010) abzüglich ge­zahl­ten Ar­beits­lo­sen­gel­des in Höhe von 568,20 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 03.01.2011 zu zah­len.

Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger 4.000,00 € brut­to (Vergütung vom 01. – 31.01.2011) abzüglich ge­zahl­ten Ar­beits­lo­sen­gel­des in Höhe von 1.136,40 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 01.02.2011 zu zah­len.

Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger Ur­laubs­ab­gel­tung in Höhe von 2.830,15 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 01.02.2011 zu zah­len.

Der Kläger wird ver­ur­teilt, an die Be­klag­te 496,50 € zu zah­len.

Im Übri­gen wer­den Kla­ge und Wi­der­kla­ge ab­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des ers­ten Rechts­zugs tra­gen der Kläger zu 57 % und die Be­klag­te zu 43 %, die Kos­ten des zwei­ten Rechts­zugs tra­gen der Kläger zu 4 % und die Be­klag­te zu 96 %.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen be­schränkt zur Fra­ge der Ur­laubs­ab­gel­tung.

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um den zeit­lich be­grenz­ten Fort­be­stand des zwi­schen ih­nen be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses, An­nah­me­ver­zugs­lohn­ansprüche, Ur­laubs­ab­gel­tung so­wie Scha­dens­er­satz.

Der am 12.02.1980 ge­bo­re­ne Kläger war seit dem 01.05.2010 als Mit­ar­bei­ter im stra­te­gi­schen Ein­kauf und Pro­dukt­ent­wick­lung bei der Be­klag­ten zu ei­nem mo­nat­li­chen Brut­to­ent­gelt von 4.000,00 € beschäftigt. Der zwi­schen den Par­tei­en

 

- 3 -

ge­schlos­se­ne schrift­li­che Ar­beits­ver­trag, we­gen des­sen vollständi­gen Wort­lauts auf Bl. 6 bis 11 d.A. Be­zug ge­nom­men wird, enthält aus­zugs­wei­se fol­gen­de Re­ge­lun­gen:

„§ 2 Tätig­keit

1. Der Mit­ar­bei­ter wird ein­ge­stellt im Be­reich stra­te­gi­scher Ein­kauf u. Pro­dukt­ent­wick­lung.
Der Mit­ar­bei­ter be­rich­tet di­rekt an die Geschäfts­lei­tung.

2. Der Mit­ar­bei­ter ver­pflich­tet sich, die ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben ge­wis­sen­haft und sorgfältig zu erfüllen, stets die In­ter­es­sen der Fir­ma zu wah­ren und sei­ne vol­le Ar­beits­kraft ein­zu­set­zen.

...

§ 7 Ur­laub

1. Der Mit­ar­bei­ter hat ei­nen An­spruch auf Er­ho­lungs­ur­laub von 28 Ar­beits­ta­gen im Ka­len­der­jahr. Bei Ein- oder Aus­tritt im lau­fen­den Ka­len­der­jahr wird der Ur­laub an­tei­lig gewährt. Der Ur­laub ist nach den be­trieb­li­chen Bedürf­nis­sen in Ab­stim­mung mit der Geschäfts­lei­tung zu neh­men.

2. Der Ur­laub ist im je­wei­li­gen Ka­len­der­jahr zu neh­men. Ist dies aus be­trieb­li­chen Gründen oder krank­heits­be­dingt nicht möglich, kann der Ur­laubs­an­spruch auf das nächst­fol­gen­de Ka­len­der­jahr über­tra­gen wer­den und ist dann bis spätes­tens 31. März zu neh­men.
Ist der Ur­laub bis da­hin, gleich aus wel­chen Gründen, nicht ge­nom­men, verfällt der An­spruch. Die Über­tra­gung des Ur­laubs auf das kom­men­de Jahr be­darf ei­ner schrift­li­chen Ver­ein­ba­rung bis zum En­de des Ka­len­der­jah­res.
...

§ 9 Ver­schwie­gen­heits­pflicht

Der Mit­ar­bei­ter ver­pflich­tet sich, über al­le ver­trau­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten und Vorgänge, ins­be­son­de­re Be­triebs­ge­heim­nis­se ... Still­schwei­gen zu be­wah­ren, ... .

Die be­trieb­li­chen Si­cher­heits­be­stim­mun­gen sind zu be­ach­ten, ins­be­son­de­re sind ver­trau­li­che und ge­heim­zu­hal­ten­de Schriftstücke, Re­zep­tu­ren, Zeich­nun­gen, Mo­del­le usw. un­ter dem vor­ge­schrie­be­nen Ver­schluss zu hal­ten.

 

- 4 -

§ 11 Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses

...
3. Die Kündi­gung muss schrift­lich er­fol­gen. Das Kündi­gungs­schrei­ben soll die we­sent­li­chen Kündi­gungs­gründe ent­hal­ten.

§ 12 Her­aus­ga­be von Fir­men­ei­gen­tum

Al­le die Fir­ma be­tref­fen­den Brie­fe und sons­ti­gen Schriftstücke sind un­ge­ach­tet des Adres­sa­ten eben­so wie al­le sons­ti­gen Un­ter­la­gen, Re­zep­tu­ren, Zeich­nun­gen, No­ti­zen, Bücher, Mus­ter, Mo­del­le, Werk­zeu­ge, Ma­te­ria­li­en so­wie Ko­pie al­lei­ni­ges Ei­gen­tum der Fir­ma. Der Mit­ar­bei­ter ver­pflich­tet sich zur un­verzügli­chen Her­aus­ga­be an die Fir­ma nach An­for­de­rung so­wie nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Ein Zurück­be­hal­tungs­recht ist aus­ge­schlos­sen."

Bei der Be­klag­ten sind et­wa 65 Mit­ar­bei­ter beschäftigt; ein Be­triebs­rat ist nicht gewählt.

Der Kläger war ar­beits­unfähig er­krankt seit dem 13.10.2010.

Während sei­ner Er­kran­kung stell­te ihm die Be­klag­te per Ein­schrei­ben vom 09.11.2010 ei­ne ers­te Ab­mah­nung so­wie mit Ein­schrei­ben vom 10.11.2010 ei­ne zwei­te Ab­mah­nung zu (vgl. Bl. 13, 14 d.A.), wo­bei die mit den Ab­mah­nun­gen er­ho­be­nen Vorwürfe zwi­schen den Par­tei­en strei­tig sind.

Nach Er­halt der Ab­mah­nun­gen er­schien der Kläger zu ei­nem Gespräch mit dem Geschäftsführer, wo­bei die be­glei­ten­den Rah­men­umstände, Gesprächs­ver­lauf und - In­halt wie­der­um strei­tig sind. Fest steht, dass der Kläger während des Gesprächs den Geschäftsführer sinn­gemäß ge­fragt hat, wel­chen Nut­zen er noch in der Auf­recht­er­hal­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses se­he, so­fern kei­ne Ver­trau­ens­ba­sis mehr be­ste­he.

Die Be­klag­te kündig­te an­sch­ließend das be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis mit Schrei­ben vom 15.11.2010 zum 15.12.2010 aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen, oh­ne dass die­se in dem Kündi­gungs­schrei­ben selbst näher erläutert wor­den wären. Der Kläger war noch bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist ar­beits­unfähig er­krankt.

 

- 5 -

Ge­gen die Kündi­gung setzt sich der Kläger mit der am 19.11.2010 beim Ar­beits­ge­richt Min­den ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge zur Wehr.

Mit Schrei­ben vom 22.12.2010 hat­te der Kläger so­dann ei­ne Ei­genkündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31.01.2011 erklärt.

Der Kläger hat erst­in­stanz­lich vor­ge­tra­gen, Gründe für den Aus­spruch ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung bestünden nicht.

So­weit ihm ei­genmäch­ti­ges Han­deln beim Pro­jekt „Ent­wurf ei­ner Ver­pa­ckung für das Pro­dukt Ker­zen-Pen" vor­ge­wor­fen wer­de, so ha­be er sich an die An­wei­sun­gen des Geschäftsführers ge­hal­ten und auf des­sen Ge­heiß das An­ge­bot bestätigt. Be­reits im Ju­ni/Ju­li 2010 ha­be es auf Ver­mitt­lung und Ver­an­las­sung des Klägers ei­nen Ter­min mit der Fir­ma F1 O1 mit dem Ziel der Mo­der­ni­sie­rung des De­signs der Ver­pa­ckun­gen der Be­klag­ten ge­ge­ben. Im Au­gust sei be­reits das ers­te Pro­jekt „Perl­ma­ker" oh­ne Be­an­stan­dung durch den Geschäftsführer ab­ge­wi­ckelt wor­den. In der Fol­ge­zeit ha­be der Geschäftsführer der Be­klag­ten ihn an­ge­wie­sen, als nächs­tes das be­sag­te Pro­jekt „Ker­zen-Pen" ab­zu­ar­bei­ten. Das sei­tens der Be­klag­ten ein­ge­reich­te An­ge­bot (vgl. Bl. 27, 28 d.A.) ha­be dem Geschäftsführer vor­ge­le­gen und sei auf des­sen aus­drück­li­che Wei­sung bestätigt wor­den. Es sei auch re­gelmäßig so ge­we­sen, dass der Geschäftsführer der­ar­ti­ge Auf­träge nicht un­ter­schrie­ben ha­be.

Hin­sicht­lich des Vor­wurfs der ei­genmäch­ti­gen Kom­pe­tenzüber­schrei­tung im Zu­sam­men­hang mit der X1 F2 Group ha­be der Geschäftsführer der Be­klag­ten ihm so­wie dem Kol­le­gen R1 im Vor­gespräch sinn­gemäß vor­ge­ge­ben, sie soll­ten ver­su­chen, die für den ge­platz­ten Auf­trag be­reits ge­leis­te­te An­zah­lung von knapp 100.000,00 USD zurück­zu­er­hal­ten oder aber zu­min­dest Wa­re im Wert der An­zah­lung. Während des Be­such bei den Lie­fe­ran­ten ha­be er aus­ge­han­delt, dass Wa­re im Wert von knapp 50.000,00 USD so­fort ge­lie­fert und ein Be­trag in Höhe von 50.000,00 USD bis 30.08.2011 an die Be­klag­te zurück­ge­zahlt wer­de. Die­ses Ver­hand­lungs­er­geb­nis ha­be der Lie­fe­rant in ei­nem Schrei­ben zu­sam­men­ge­fasst und un­ter­zeich­net. Nach dem Ter­min ha­be er den Geschäftsführer um­ge­hend an­ge­ru­fen

 

- 6 -

und über das Ver­hand­lungs­er­geb­nis in­for­miert, un­mit­tel­bar im An­schluss an den Chi­na-Be­such ha­be der Geschäftsführer zu­dem ein ge­gen­ge­zeich­ne­tes Schrei­ben so­wohl per Post als auch per E-Mail an den Lie­fe­ran­ten nach Chi­na zurück­ge­sandt. Fer­ner ha­be es ei­nen Rei­se­be­richt zu dem Be­suchs­ter­min ge­ge­ben, durch den der Geschäftsführer zusätz­lich über die De­tails der Ver­ein­ba­rung in­for­miert wor­den sei. Ei­ne Vor­ga­be, die Rück­zah­lung spätes­tens bis zum 31.01.2011 zu ver­ein­ba­ren, ha­be es hin­ge­gen nicht ge­ge­ben.

So­weit zur Be­gründung der Kündi­gung her­an­ge­zo­gen wer­de, er ha­be in un­zulässi­ger Wei­se Fir­men­un­ter­la­gen noch in sei­nem Be­sitz, so sei die­ser Vor­wurf eben­falls un­zu­tref­fend. Le­dig­lich zu dem die Ab­mah­nung vom 09.11.2010 be­tref­fen­den Vor­gang „Re­fill" ha­be er die Un­ter­la­gen (vgl. Bl. 61-63 d.A.) an sei­nen pri­va­ten E-Mail-Ac­count über­mit­telt, um ge­ra­de auf­grund des er­heb­li­chen Drucks des Geschäftsführers den Vor­gang zum Ab­schluss zu brin­gen und auch am Sams­tag Ver­hand­lun­gen mit dem chi­ne­si­schen Geschäfts­part­ner von zu Hau­se aus zu führen. Mit die­sem Vor­ge­hen sei der Geschäftsführer aus­drück­lich ein­ver­stan­den ge­we­sen; mitt­ler­wei­le ha­be er die Un­ter­la­gen gelöscht.

So­weit die Be­klag­te ihm schließlich als letz­ten Kündi­gungs­grund vor­wer­fe, er ha­be ei­genmäch­tig Pro­gram­me auf sei­nen PC in­stal­liert, die wie­der­um das bei der Be­klag­ten ver­wen­de­te Out­look-Sys­tem un­brauch­bar ge­macht hätten, so wer­de auch die­ser Vor­wurf mit Nach­druck be­strit­ten.
In die­sem Zu­sam­men­hang gel­te es zu berück­sich­ti­gen, dass der ihm über­las­se­ne PC zu­vor von zu­min­dest ei­nem an­de­ren Mit­ar­bei­ter ge­nutzt und nach sei­nem Aus­tritt un­mit­tel­bar dem Nach­fol­ger über­ge­ben wor­den sei. Fer­ner sei der Com­pu­ter für je­den zugäng­lich ge­we­sen, da es bei der Be­klag­ten nur ein ein­heit­li­ches, für al­le Mit­ar­bei­ter be­kann­tes Pass­wort ge­ge­ben ha­be. Es sei ge­ra­de der Geschäftsführer der Be­klag­ten ge­we­sen, der Wert dar­auf ge­legt ha­be, dass im Fal­le von Ur­laub, Krank­heit etc. je­der Mit­ar­bei­ter Zu­griff auf je­den PC ha­be.

Die Ab­mah­nun­gen vom 09. und 10.11.2010 sei­en in­halt­lich un­be­rech­tigt und aus die­sem Grund aus sei­ner Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen.

 

- 7 -

Da das Ar­beits­verhält­nis erst auf­grund der Ei­genkündi­gung zum 31.01.2010 sein En­de ge­fun­den ha­be, sei die Be­klag­te zur Zah­lung des bis da­hin auf­ge­lau­fe­nen An­nah­me­ver­zugs­lohns abzüglich des er­hal­te­nen Ar­beits­lo­sen­gel­des ver­pflich­tet.

Eben­so schul­de die Be­klag­te Ur­laubs­ab­gel­tung für 20 Ur­laubs­ta­ge, da ihm aus­weis­lich der Lohn­ab­rech­nung En­de No­vem­ber noch 15,5 Rest­ur­laubs­ta­ge zu­ge­stan­den hätten, zu de­nen wei­te­re ins­ge­samt 4,6 Ta­ge aus den Mo­na­ten De­zem­ber 2010 so­wie Ja­nu­ar 2011 hin­zu­zu­ad­die­ren sei­en.

Hin­sicht­lich des von der Be­klag­ten gel­tend ge­mach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruchs wer­de zusätz­lich zur Scha­dens­ver­ur­sa­chung als sol­cher auch be­strit­ten, dass sich der Auf­wand für die an­geb­lich not­wen­di­ge Wie­der­her­stel­lung des PCs auf 1.017,21 € be­lau­fen ha­ben soll. Zwei­fel ergäben sich ins­be­son­de­re dar­aus, dass die vor­ge­leg­te Rech­nung der Fir­ma A1 P2 GmbH Ar­beitseinsätze erst für den 27.01.2011, 08.02.2011 und 15.02.2011 auf­wei­se.

Der Kläger hat erst­in­stanz­lich be­an­tragt,

1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 15.11.2010 nicht zum 15.12.2010 auf­gelöst wor­den ist, son­dern bis zum 31.01.2011 fort­be­stan­den hat;

2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die Ab­mah­nun­gen vom 09.11. und 10.11.2010 aus sei­ner Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen;

3. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 2.000,00 € brut­to abzüglich von der Agen­tur für Ar­beit ge­zahl­ter 568,20 € nebst Zin­sen von je­weils fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 01.01.2011;

4. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 4.000,00 € brut­to abzüglich von der Agen­tur für Ar­beit ge­zahl­ter 1.136,40 € nebst Zin­sen von je­weils fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 01.02.2011;

5. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn wei­te­re 3.636,62 € brut­to nebst Zin­sen von je­weils fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 01.02.2011 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat erst­in­stanz­lich be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen und

 

- 8 -

hilfs­wei­se wi­der­kla­gend, den Kläger zu ver­ur­tei­len, an sie 854,80 € net­to nebst Zin­sen seit dem 05.03.2011 zu zah­len.

Der Kläger hat be­an­tragt,

die Wi­der­kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat erst­in­stanz­lich be­haup­tet, nach Er­tei­lung der bei­den Ab­mah­nun­gen vom 09. und 10.11.2010 sei­en noch zwei wei­te­re Vorfälle be­kannt ge­wor­den, bei de­nen sich der Kläger ver­trags- und kom­pe­ten­z­wid­rig ver­hal­ten ha­be.

Zum ei­nen ha­be der Kläger im Sep­tem­ber mit sei­ner Un­ter­schrift ei­nen Auf­trag über ein Ver­pa­ckungs­lay­out für das Pro­dukt Ker­zen-Pen (vgl. Bl. 27, 28 d.A.) er­teilt, oh­ne dies dem Geschäftsführer der Be­klag­ten vor­zu­le­gen und von ihm ge­gen­zeich­nen zu las­sen. Ent­ge­gen der Be­haup­tung des Klägers ha­be des­sen Ein­verständ­nis ge­ra­de nicht vor­ge­le­gen. Die­ses wäre je­doch er­for­der­lich ge­we­sen, da der Kläger selbst kei­ner­lei Un­ter­schrifts- und Ver­tre­tungs­be­fug­nis ge­habt ha­be. Sei­ne Auf­ga­ben­stel­lung ha­be sich al­lein dar­auf be­schränkt, stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen vor­zu­be­rei­ten und ent­spre­chen­de Ent­schei­dungs­vor­schläge der Geschäfts­lei­tung vor­zu­le­gen.

Ein wei­te­rer Kündi­gungs­grund er­ge­be sich auf­grund des ei­genmäch­ti­gen Ver­hal­tens bei der Rück­ab­wick­lung des Auf­trags mit der X1 F2 Group. Im Vor­feld der Chi­na­rei­se sei­en die Rah­men­be­din­gun­gen fest­ge­legt wor­den; es soll­te die ei­ne Hälf­te der ge­fer­tig­ten Pro­duk­te ab­ge­nom­men wer­den und hin­sicht­lich der an­de­ren Hälf­te der be­reits über­be­zahl­te Be­trag zurück ge­zahlt wer­den. Of­fen sei­en nur noch die De­tails der Ver­ein­ba­rung ge­we­sen. In­so­weit hätten der Kläger so­wie Herr R1 die Vor­ga­be be­kom­men, die Rück­zah­lung spätes­tens bis zum En­de des Geschäfts­jah­res, dem 31.01.2011, aus­zu­han­deln. Hier­von sei der Kläger nicht nur ei­genmäch­tig ab­ge­wi­chen und ha­be die Rück­zah­lung erst zum 31.08.2011 aus­ge­han­delt, son­dern er ha­be zu­dem we­der Herrn R1 noch den Geschäftsführer der Be­klag­ten über die­ses ab­wei­chen­de Ver­hand­lungs­er­geb­nis in­for­miert, we­der während der Chi­na­rei­se noch nach der Rück­kehr. Er ha­be ge­ra­de auch kei­nen schrift­li­chen Rei­se­be­richt ge­fer­tigt. Der Geschäftsführer der Be­klag­ten sei da­her da­von aus­ge­gan­gen, dass zum En­de des Geschäfts­jah­res am 31.01.2011 die Rück­zah­lung

 

- 9 -

er­fol­gen wer­de. Ei­ne vom Kläger aus­ge­han­del­te schrift­li­che Ver­ein­ba­rung zur Un­ter­zeich­nung sei dem Geschäftsführer der Be­klag­ten ge­ra­de nicht vor­ge­legt wor­den. Erst nach Aus­spruch der zwei­ten Ab­mah­nung ha­be die Be­klag­te durch Zu­fall Kennt­nis von der sei­tens des Klägers aus­ge­han­del­ten Ver­ein­ba­rung er­hal­ten.

Da­durch dass der Kläger im Pro­zess mit Schrift­satz vom 31.01.2011 zwei An­la­gen, nämlich die Aus­wer­tung „Ver­gleich Re­fill" und die „Über­sicht Lie­fe­ran­ten" vor­ge­legt ha­be, er­ge­be sich ein wei­te­rer Kündi­gungs­grund. Es han­de­le sich hier um fir­men­in­ter­ne Un­ter­la­gen, in de­ren Be­sitz sich der Kläger un­rechtmäßiger­wei­se be­fin­de, und die er hätte her­aus­ge­ben müssen. Of­fen­sicht­lich ha­be der Kläger fir­men­in­ter­ne Un­ter­la­gen aus der EDV der Be­klag­ten für sich zu pri­va­ten Zwe­cken her­un­ter­ge­la­den.

Sch­ließlich sei nach Aus­schei­den des Klägers aus dem Be­trieb fest­ge­stellt wor­den, dass die­ser am 12.08.2010 um 7.10 Uhr das Pro­gramm pdf24, am 27.05.2010 um 7.38 Uhr das Pro­gramm Ban­doo so­wie am 06.05.2010 um 15.01 Uhr das Pro­gramm Win­dows Li­ve Sky­Dri­ve so­wie schließlich mit un­be­kann­tem In­stal­la­ti­ons­da­tum das Win­dows Trei­ber­pa­ket No­kia Mo­dem auf den bei der Be­klag­ten zur Verfügung ge­stell­ten PC auf­ge­spielt ha­be. Die­ser ei­genmäch­ti­ge und un­ge­neh­mig­te Ein­griff in die EDV der Be­klag­ten ha­be den vor­han­de­nen Ke­rio-Out­look-Con­nec­tor der Be­klag­ten beschädigt und so­mit das Out­look-Sys­tem un­brauch­bar ge­macht.

Die in den Ab­mah­nun­gen vom 09.11.2010 so­wie 10.11.2010 er­ho­be­nen Vorwürfe sei­en in­halt­lich voll­umfäng­lich rich­tig und stell­ten je­weils für sich ge­nom­men zwei Kündi­gungs­gründe dar, so dass sie ins­ge­samt sechs Kündi­gungs­gründe vor­ge­tra­gen hätte. Der Kläger selbst ha­be in dem Gespräch mit dem Geschäftsführer sinn­gemäß um sei­ne Kündi­gung ge­be­ten und schon während der Pro­be­zeit so­wie un­mit­tel­bar da­nach ein so an­maßen­des Ver­hal­ten an den Tag ge­legt, dass ei­ne Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses aus­ge­schlos­sen sei.

Nach al­le­dem ha­be das Ar­beits­verhält­nis mit Ab­lauf des 15.12.2010 sein En­de ge­fun­den, so dass die Zah­lung von An­nah­me­ver­zugs­lohn aus­schei­de.

 

- 10 -

Ein Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch bestünde nur in Höhe von 14,5 Ta­gen, mit­hin von 2.636,24 € brut­to.

Von dem Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ab­zu­zie­hen sei je­doch der Be­sei­ti­gungs­auf­wand für die Wie­der­her­stel­lung des vom Kläger ge­nutz­ten PC. In­so­weit wer­de die Auf­rech­nung mit der an die Fir­ma A1 P2 GmbH ge­zahl­ten Rech­nung vom 17.02.2011 in Höhe von 1.017,21 € brut­to bzw. 854,80 € net­to (vgl. Bl. 95 d.A.) erklärt. Die­ser Be­trag wer­de hilfs­wei­se zu­dem mit der Wi­der­kla­ge gel­tend ge­macht.

Mit Ur­teil vom 10.03.2011 hat das Ar­beits­ge­richt Min­den den Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum 31.01.2011 im We­sent­li­chen mit der Be­gründung fest­ge­stellt, dass die sei­tens der Be­klag­ten vor­ge­wor­fe­nen Kom­pe­tenzüber­schrei­tun­gen je­den­falls nicht oh­ne vor­her­ge­hen­de, ein­schlägi­ge Ab­mah­nung ei­ne Kündi­gung recht­fer­ti­gen könn­ten. An ei­ner sol­chen feh­le es, außer­dem sei dem Kläger kei­ne Ge­le­gen­heit ge­ge­ben wor­den, sein Ver­hal­ten ent­spre­chend der Ab­mah­nun­gen an­zu­pas­sen. Die Nicht­her­aus­ga­be fir­men­in­ter­ner Un­ter­la­gen bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses stel­le ei­nen Grund dar, der erst nach Aus­spruch der Kündi­gung ent­stan­den und da­her zu ih­rer Recht­fer­ti­gung nicht mehr her­an­ge­zo­gen wer­den könne. Der Vor­wurf, der Kläger ha­be un­er­laub­ter­wei­se ei­genmäch­tig soft­ware­tech­ni­sche Ein­grif­fe in sei­nem PC vor­ge­nom­men, sei zu un­sub­stan­ti­iert. Auf­grund des fest­ge­stell­ten Fort­be­stan­des des Ar­beits­verhält­nis­ses wur­de die Be­klag­te auch zur Zah­lung des gel­tend ge­mach­ten An­nah­me­ver­zugs­lohns ver­pflich­tet. Fer­ner hat das Ar­beits­ge­richt Ur­laubs­ab­gel­tung für 18 Ta­ge zu­ge­spro­chen, die sei­tens der Be­klag­ten hier­ge­gen erklärte Auf­rech­nung mit dem be­haup­te­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch sei un­zulässig. Die vom Kläger gel­tend ge­mach­te Ent­fer­nung der streit­ge­genständ­li­chen Ab­mah­nun­gen hat das Ar­beits­ge­richt mit der Be­gründung ab­ge­wie­sen, dass nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ein ent­spre­chen­der Ent­fer­nungs­an­spruch nur in Aus­nah­mefällen an­zu­er­ken­nen sei, ein sol­cher je­doch nicht vorläge.
Den hilfs­wei­se wi­der­kla­gend gel­tend ge­mach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch hat das Ar­beits­ge­richt mit der Be­gründung ab­ge­wie­sen, dass die Be­klag­te zum ei­nen schon nicht hin­rei­chend dar­ge­legt ha­be, dass und wann der Kläger die be­haup­te­ten auf

 

- 11 -

sei­nen PC auf­ge­spielt ha­ben soll. Zum an­de­ren sei aus dem Vor­trag der Be­klag­ten nicht er­sicht­lich, dass ge­ra­de durch die Hand­lun­gen des Klägers der­je­ni­ge Scha­den kau­sal ver­ur­sacht wor­den sei, den die Fir­ma A1 aus­weis­lich ih­rer Rech­nung vom 17.02.2011 be­ho­ben ha­ben soll.

Ge­gen das ihr am 01.04.2011 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Be­klag­te mit Schrei­ben, ein­ge­gan­gen beim LAG Hamm am 02.05.2011, Be­ru­fung ein­ge­legt. Die Be­ru­fungs­be­gründung ist am 01.06.2011 ein­ge­gan­gen.

Die Be­klag­te rügt zweit­in­stanz­lich, das Ar­beits­ge­richt ha­be Vor­trag der Be­klag­ten igno­riert und statt­des­sen strei­ti­gen Kläger­vor­trag als rich­tig über­nom­men. Fest­zu­hal­ten sei, dass während der Er­kran­kung des Klägers zunächst die bei­den Vorgänge be­kannt ge­wor­den sei­en, die Ge­gen­stand der Ab­mah­nun­gen vom 09. und 10.11.2010 wa­ren, die zunächst noch An­lass bo­ten, le­dig­lich Ab­mah­nun­gen aus­zu­spre­chen. Als dann aber die wei­te­ren Vorgänge be­kannt ge­wor­den sei­en, wären die Pflicht­ver­let­zun­gen so schwer­wie­gend ge­we­sen, dass ihr die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr zu­mut­bar ge­we­sen sei. Die schwer­wie­gen­den Kom­pe­tenz­ver­let­zun­gen des Klägers stünden fest, da er un­be­strit­ten in der Pro­be­zeit nicht die Be­fug­nis ge­habt ha­be, selbständig Auf­träge zu er­tei­len.
Da der Kläger die im Pro­zess vor­ge­leg­ten Un­ter­la­gen be­reits vor Aus­spruch der Kündi­gung im Be­trieb der Be­klag­ten ent­wen­det ha­be, so sei die­ser Kündi­gungs­grund doch ge­ra­de vor Aus­spruch der Kündi­gung ent­stan­den. Der Kläger räume dies im We­sent­li­chen ja auch ein, er be­haup­te nur oh­ne Be­weis­an­tritt, dies sei ihm von der Be­klag­ten zur Wo­chen­end­ar­beit ge­stat­tet wor­den. Die­ser Vor­trag sei je­doch falsch. Bezüglich des Auf­spie­lens der PC-Pro­gram­me ha­be die Be­klag­te im Kam­mer­ter­min am 10.03.2011 die Aus­wer­tungs­un­ter­la­gen der Soft­ware-Fir­ma A1 P2 GmbH vor­ge­legt (vgl. Bl. 109, 110 d.A.), aus de­nen sich die ex­ak­te Zeit des Auf­spie­lens er­ge­be. Al­le Pro­gram­me hätten mit dem Be­trieb der Be­klag­ten nichts zu tun, son­dern dien­ten aus­sch­ließlich der pri­va­ten Nut­zung durch den Kläger. Die­ser ha­be auch zu dienst­li­chen Zwe­cken ein Te­le­fon No­kia 6670 er­hal­ten. Nur der Kläger ha­be Zu­gang zu sei­nem PC ge­habt, die­ser sei auch pass­wort­geschützt, ne­ben dem all­ge­mei­nen Kenn­wort „S2" ha­be der Kläger von der Com­pu­ter­fir­ma A1 P2 GmbH ein persönli­ches Kenn­wort er­hal­ten; ne­ben ihm hätte nur der Geschäftsführer der Be­klag­ten selbst Zu­griff auf den PC ge­habt.

 

- 12 -

Die auf­ge­zeig­ten Kündi­gungs­gründe würden so schwer wie­gen, dass je­den­falls bei dem kur­zen Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­ne wei­te­re Ab­mah­nung ent­behr­lich wäre. Hin­zu kom­me, dass der Kläger im Gespräch mit dem Geschäftsführer der Be­klag­ten nach ei­ge­nem Vor­trag die „Ver­trau­ens­fra­ge" ge­stellt ha­be, so dass ei­ne wei­te­re ge­deih­li­che Zu­sam­men­ar­beit oh­ne­hin nicht zu er­war­ten ge­we­sen wäre. Die­se Pro­gno­se ha­be sich durch die bei­den später fest­ge­stell­ten Kündi­gungs­gründe (Be­sitz von Fir­men­un­ter­la­gen, Auf­spie­len der PC-Pro­gram­me) be­wahr­hei­tet.

Da der Kläger – un­strei­tig – mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 15.03.2011 Zwangs­voll­stre­ckungs­maßnah­men ankündigt hat, so­weit bis zum 25.03.2011 kei­ne Zah­lung auf das erst­in­stanz­li­che Ur­teil er­fol­ge, ha­be die Be­klag­te die aus­ge­ur­teil­ten Brut­to­beträge nebst Zin­sen aus­ge­kehrt, um die Zwangs­voll­stre­ckung in ihr Vermögen ab­zu­wen­den. Des Wei­te­ren ha­be sie auch 1.704,60 € an die zuständi­ge Bun­des­agen­tur für Ar­beit ge­zahlt. Mit Aus­nah­me ei­nes ak­zep­tier­ten Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs in Höhe von 2.676,84 € brut­to für 14,5 Ta­ge zuzüglich Zin­sen in Höhe von 20,94 € wer­de da­her der Rück­zah­lungs­an­spruch nach § 717 Abs. 2 ZPO gel­tend ge­macht, gleich­zei­tig wer­de die ursprüng­lich erklärte Auf­rech­nung mit dem Scha­dens­er­satz­an­spruch fal­len ge­las­sen und der ursprüng­li­che Hilfs­an­trag un­be­dingt gel­tend ge­macht.

Die Be­klag­te be­an­tragt zu­letzt,

auf ih­re Be­ru­fung das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Min­den vom 10.03.2011 – 1 Ca 1463/10 – teil­wei­se ab­zuändern und

1. die Kla­ge auf Fest­stel­lung, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 15.11.2010 nicht mit Wir­kung zum 15.12.2010 auf­gelöst wor­den ist, son­dern bis zum 31.01.2010 fort­be­stan­den hat, ab­zu­wei­sen;

2. bis auf ei­nen aus­ge­ur­teil­ten Teil­be­trag von 2.676,84 € brut­to (Ur­laubs­ab­gel­tung) nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 01.02.2011 bis zum 25.03.2011 die Zah­lungs­ansprüche ab­zu­wei­sen;

 

- 13 -

3. wi­der­kla­gend den Kläger zu ver­ur­tei­len, an sie 854,80 € net­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 05.03.2011 zu zah­len.

4. Im Fal­le der Auf­he­bung des an­ge­foch­te­nen Ur­teils, den Kläger gemäß §§ 717 Abs. 2 ZPO zur Er­stat­tung der von ihr auf­grund des Ur­teils ge­zahl­ten Ur­teils­sum­me nebst Zin­sen und Kos­ten zu ver­ur­tei­len, und zwar zur Rück­zah­lung ei­nes Be­tra­ges von 6.707,25 € brut­to.

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Der Kläger ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil und führt ver­tie­fend aus, dass er die be­haup­te­ten Pro­gram­me nicht auf den PC in­stal­liert und für die­se auch kei­nen Nut­zen ge­habt ha­be. Des Wei­te­ren ha­be er auch nicht über ein No­kia 6670 verfügt. Im Übri­gen sei das ein­zi­ge Pass­wort für den PC „S2" ge­we­sen, je­der Mit­ar­bei­ter ha­be an sei­nem PC ar­bei­ten können.

We­gen des wei­te­ren Sach- und Streit­stan­des wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Be­ru­fung war über­wie­gend zulässig, je­doch noch in ge­rin­gem Um­fang be­gründet.

I. Die Be­ru­fung ins­ge­samt ist statt­haft und form- und frist­ge­recht ein­ge­legt, §§ 64 Abs. 1, Abs. 2 b, 66 ArbGG i.V.m. § 519 ZPO.

1. Hin­sicht­lich der Anträge zu 1) und 2), die sich ge­gen die Fest­stel­lung des Fort­be­stan­des des Ar­beits­verhält­nis­ses so­wie als Aus­fluss des­sen ge­gen die Zah­lungs­ansprüche für den Zeit­raum bis 31.01.2011 so­wie ge­gen die

 

- 14 -

Ur­laubs­ab­gel­tung rich­ten, liegt auch ei­ne ord­nungs­gemäße Be­ru­fungs­be­gründung gemäß § 64 Abs. 6 ArbGG i.V.m. § 520 ZPO vor.

Nach § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO muss die Be­ru­fungs­be­gründung die Umstände be­zeich­nen, aus de­nen sich die Rechts­ver­let­zung durch das an­ge­foch­te­ne Ur­teil und de­ren Er­heb­lich­keit für das Er­geb­nis der Ent­schei­dung er­gibt. Der Be­ru­fungsführer hat die Be­ur­tei­lung des Streit­falls durch den Er­strich­ter zu über­prüfen und dar­auf hin­zu­wei­sen, in wel­chen Punk­ten und mit wel­chem Grund er das an­ge­foch­te­ne Ur­teil für un­rich­tig hält. Da­bei dürfen im Hin­blick auf die aus dem Rechts­staats­prin­zip ab­zu­lei­ten­de Rechts­schutz­ga­ran­tie kei­ne un­zu­mut­ba­ren An­for­de­run­gen an den In­halt von Be­ru­fungs­be­gründun­gen ge­stellt wer­den, sie muss je­doch auf den Ein­zel­fall zu­ge­schnit­ten sein und im Ein­zel­nen er­ken­nen las­sen, in wel­chen Punk­ten recht­li­cher oder tatsäch­li­cher Art und aus wel­chen Gründen das an­ge­foch­te­ne Ur­teil feh­ler­haft sein soll (vgl. BAG, Ur­teil vom 18.05.2011 – 4 AZR 552/09, EzA-SD 2011, Nr. 17, 15-16); al­ler­dings kann ei­ne schlüssi­ge Be­gründung nicht ver­langt wer­den. Die Be­gründung muss sich nur mit den recht­li­chen oder tatsächli­chen Ar­gu­men­ten des an­ge­foch­te­nen Ur­teils be­fas­sen, wenn sie die­se bekämp­fen will (vgl. BAG, Ur­teil vom 15.03.2011 – 9 AZR 813/09, NZA 2011, 767).

Die­sen An­for­de­run­gen wird das Vor­brin­gen der Be­klag­ten im Hin­blick auf die Kündi­gung ge­recht, da sie sich je­den­falls mit der Be­gründung des Ar­beits­ge­richts zu den ein­zel­nen Kündi­gungs­gründen aus­ein­an­der­setzt und auch das vom Ar­beits­ge­richt an­ge­nom­me­ne Er­for­der­nis ei­ner vor­her­ge­hen­den Ab­mah­nung mit­berück­sich­tigt.

Un­mit­tel­ba­rer Aus­fluss der Fra­ge des Fort­be­stands ist das Be­ste­hen der An­nah­me­ver­zugs­lohn­ansprüche.

Glei­ches gilt aus Sicht der Be­klag­ten er­kenn­bar für die über 14,5 Ta­ge hin­aus­ge­hen­den, et­wai­gen Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche des Klägers. Die Be­klag­te ging er­kenn­bar da­von aus, dass die Ur­laubs­ab­gel­tung für nur 14,5 statt der aus­ge­ur­teil­ten 18 Ta­ge al­lein in Zu­sam­men­hang mit der un­ter­schied­li­chen recht­li­chen Be­ur­tei­lung des Be­en­di­gungs­zeit­punk­tes des Ar­beits­verhält­nis­ses steht.

 

- 15 -

2. So­weit die Be­klag­te je­doch die ursprüng­li­che Hilfs­wi­der­kla­ge in Höhe von 854, 80 EUR nun­mehr als un­be­ding­te Scha­dens­er­satz­wi­der­kla­ge wei­ter­ver­folgt, ist die Be­ru­fung un­zulässig.

Hat das In­stanz­ge­richt sei­ne Ent­schei­dung auf meh­re­re von­ein­an­der un­abhängi­ge, selbständig tra­gen­de recht­li­che Erwägun­gen gestützt, muss der Rechts­mit­telkläger in der Rechts­mit­tel­be­gründung für je­de die­ser Erwägun­gen dar­le­gen, war­um sie nach sei­ner Auf­fas­sung die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung nicht tra­gen, an­dern­falls ist das Rechts­mit­tel un­zulässig (vgl. BAG, Ur­teil vom 19.10.2010 - 6 AZR 118/10, NZA 2011, 62; LAG Hamm, Be­schluss vom 20.11.1997 – 16 Sa 1628/97, ju­ris).

Vor­lie­gend hat das Ar­beits­ge­richt die Hilfs­wi­der­kla­ge zum ei­nen mit der Be­gründung ab­ge­lehnt, es sei be­reits nicht sub­stan­ti­iert vor­ge­tra­gen, dass der Kläger die streit­ge­genständ­li­che Pro­gram­me auf sei­nen PC auf­ge­spielt ha­be, zum an­de­ren je­doch aus­drück­lich und vor­der­gründig dar­auf ab­ge­stellt, die Kau­sa­lität zwi­schen dem be­haup­te­ten Auf­spie­len der Pro­gram­me und der sei­tens der Be­klag­ten vor­ge­leg­ten Rech­nun­gen der Fir­ma A1 GmbH sei nicht dar­ge­legt. Es sei nicht nach­voll­zieh­bar, dass das Auf­spie­len der Pro­gram­me tatsächlich die Ar­bei­ten nach sich ge­zo­gen ha­be, für die die Fir­ma A1 schluss­end­lich 1.017,00 € ver­lang­te. Dies gel­te um­so mehr, als Ar­beits­ta­ge im Ja­nu­ar und Fe­bru­ar 2011 an­ge­ge­ben sei­en.

Mit die­ser Be­gründung des Ar­beits­ge­richts setzt sich die Be­ru­fung über­haupt nicht aus­ein­an­der, ob­schon sie für sich be­trach­tet den Scha­dens­er­satz­an­spruch zu Fall bringt.

Die Be­ru­fung hin­sicht­lich des An­trags zu 3) war da­her un­zulässig.

3. So­weit die Be­klag­te erst­ma­lig in der Be­ru­fungs­in­stanz den An­trag nach § 717 Abs. 2 ZPO ankündigt, war die Be­ru­fung zulässig.

Der An­trag war da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass der Zah­lungs­an­spruch nicht nur für den Fall der Auf­he­bung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils, son­dern auch für den Fall sei­ner Abände­rung ge­stellt ist. Aus­weis­lich des ein­deu­ti­gen Wort­lauts des § 717 Abs. 2 Satz 1 ZPO fin­det er in bei­den Fällen An­wen­dung. Die Be­klag­te be­gehrt

 

- 16 -

aus­drück­lich die teil­wei­se „Abände­rung" des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils. Die Zah­lungs­ver­pflich­tung des Klägers nur für den Fall der Auf­he­bung (und Zurück­ver­wei­sung) des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils würde kei­nen Sinn er­ge­ben.

Der Sa­che han­delt es sich bei dem An­trag nach § 717 Abs. 2 ZPO, der mit Schrift­satz vom 10.11.2011 be­zif­fert und so­mit hin­rei­chend kon­kre­ti­siert wur­de, um die Er­he­bung ei­nes wei­te­ren Wi­der­kla­ge­an­tra­ges i.S.d. § 33 ZPO.

Die Er­he­bung der Wi­der­kla­ge von der durch das erst­in­stanz­li­che Ur­teil be­reits be­schwer­ten Be­klag­ten ist nach § 64 Abs. 6 ArbGG i.V.m. § 533 ZPO zulässig. Hier­nach sind Kla­geände­rung, Auf­rech­nungs­erklärung und Wi­der­kla­ge zulässig, wenn der Geg­ner ein­wil­ligt oder das Ge­richt sie für sach­dien­lich hält und die­se auf Tat­sa­chen gestützt wer­den können, die das Be­ru­fungs­ge­richt bei sei­ner Ver­hand­lung und Ent­schei­dung über die Be­ru­fung oh­ne­hin nach § 569 ZPO bzw. § 67 ArbGG zu­grun­de zu­le­gen hat.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier vor. Der Kläger hat sich nicht nur rüge­los ein­ge­las­sen. Die Er­he­bung der Wi­der­kla­ge nach § 717 Abs. 2 ZPO in der zwei­ten In­stanz ist auch sach­dien­lich. Sie kann darüber hin­aus auf Tat­sa­chen gestützt wer­den, die das Be­ru­fungs­ge­richt sei­ner Ver­hand­lung und Ent­schei­dung oh­ne­hin zu­grun­de zu­le­gen hat. Die An­dro­hung der Zwangs­voll­stre­ckung mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 15.03.2011 ist zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig.

II. Die Be­ru­fung ist, so­weit sie zulässig ist, nur in ge­rin­gem Um­fang be­gründet.

1. Die sei­tens der Be­klag­ten am 15.11.2010 aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung hält ei­ner Wirk­sam­keitsprüfung nicht stand, so dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis erst mit Ab­lauf des 31.01.2011 auf­grund der Ei­genkündi­gung des Klägers sein En­de fin­den konn­te.

a) Gemäß § 1 Abs. 2 KSchG ist die or­dent­li­che Kündi­gung u.a. nur so­zi­al ge­recht­fer­tigt, wenn sie durch Gründe, die in der Per­son oder in dem Ver­hal­ten des

 

- 17 -

Ar­beit­neh­mers lie­gen, be­dingt ist. Die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses muss al­so durch ob­jek­ti­ve Umstände, die Ein­stel­lung oder das Ver­hal­ten des Gekündig­ten im Leis­tungs­be­reich, im Be­reich der be­trieb­li­chen Ver­bun­den­heit, im Ver­trau­ens­be­reich der Ver­trags­par­tei­en oder im Un­ter­neh­mens­be­reich be­ein­träch­tigt sein.

Bei ei­ner Kündi­gung, die auf meh­re­re gleich­ar­ti­ge Gründe gestützt wird, ist zunächst zu prüfen, ob je­der Sach­ver­halt für sich al­lein ge­eig­net ist, die Kündi­gung zu be­gründen. Erst wenn die iso­lier­te Be­trach­tungs­wei­se nicht be­reits zur So­zi­al­wid­rig­keit der Kündi­gung führt, ist im We­ge ei­ner ein­heit­li­chen Be­trach­tungs­wei­se zu prüfen, ob die ein­zel­nen Kündi­gungs­gründe in ih­rer Ge­samt­heit Umstände dar­stel­len, die bei verständi­ger Würdi­gung in Abwägung der In­ter­es­sen der Ver­trags­par­tei­en und des Be­trie­bes die Kündi­gung als bil­li­gens­wert und an­ge­mes­sen er­schei­nen las­sen (vgl. BAG, Ur­teil vom 09.08.1990 – 2 AZR 623/89, ju­ris).

Als ver­hal­tens­be­ding­ter Grund ist ins­be­son­de­re ei­ne rechts-(ver­trags)wid­ri­ge Pflicht­ver­let­zung aus dem Ar­beits­verhält­nis ge­eig­net, wo­bei re­gelmäßig Ver­schul­den er­for­der­lich ist; die Leis­tungsstörung muss dem Ar­beit­neh­mer vor­werf­bar sein. In­so­fern genügt ein Um­stand, der ei­nen ru­hig und verständig ur­tei­len­den Ar­beit­ge­ber zur Kündi­gung be­stim­men kann (vgl. BAG, Ur­teil vom 11.12.2003 – 2 AZR 667/02, NJW 2004, 2545; BAG, Ur­teil vom 17.01.2008 – 2 AZR 536/06, DB 2008, 1274).

Dar­le­gungs- und be­weis­pflich­tig dafür, dass der Ar­beit­neh­mer schuld­haft ihm ob­lie­gen­de Ver­trags­pflich­ten ver­letzt hat, ist der Ar­beit­ge­ber. Dies gilt eben­so für Umstände, die ei­nen Ent­schul­di­gungs- oder Recht­fer­ti­gungs­grund für das Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers aus­sch­ließen (vgl. KR-Grie­be­ling, 9. Aufl., § 1 KSchG Rd­nr. 401).

Ge­mes­sen an die­sen Grundsätzen gilt für die sei­tens der Be­klag­ten ins­ge­samt sechs auf­geführ­ten Kündi­gungs­gründe fol­gen­des:

aa) So­weit die Be­klag­te die am 09.11.2010 ab­ge­mahn­ten Vorwürfe „Re­fill", die be­haup­te­te un­zu­rei­chen­de Prüfung der Schreib­qua­lität neu­er Mi­nen­mus­ter, nun­mehr aus­drück­lich auch als Kündi­gungs­grund her­an­zieht, so ist ihr dies ver­wehrt.

 

- 18 -

Durch die Er­tei­lung der ers­ten Ab­mah­nung hat die Be­klag­te vor­lie­gend auf das Recht zur Kündi­gung we­gen des ab­ge­mahn­ten Vor­falls ver­zich­tet.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, der sich die Kam­mer voll­umfäng­lich an­sch­ließt, ver­zich­tet der Ar­beit­ge­ber mit dem Aus­spruch ei­ner Ab­mah­nung in der Re­gel zu­gleich auf das Recht zur Kündi­gung aus den Gründen, we­gen de­rer die Ab­mah­nung er­folgt ist. Et­was an­de­res gilt nur dann, wenn gemäß §§ 133, 157 BGB der Ab­mah­nung selbst oder den Umständen zu ent­neh­men ist, dass der Ar­beit­ge­ber die Sa­che mit der Ab­mah­nung nicht als er­le­digt an­sieht. An­sons­ten er­lischt mit dem Ver­zicht das Recht zur Kündi­gung. Ei­ne späte­re Kündi­gung kann nicht al­lein auf die ab­ge­mahn­ten Gründe gestützt wer­den, son­dern hier­auf nur un­terstützend zurück­grei­fen, wenn wei­te­re kündi­gungs­recht­lich er­heb­li­che Umstände ein­tre­ten oder nachträglich be­kannt wer­den (vgl. BAG, Ur­teil vom 13.12.2007 – 6 AZR 145/07, NZA 2008, 403; BAG, Ur­teil vom 10.11.1988 – 2 AZR 215/88, NZA 1989, 633).

Vor­lie­gend lässt sich we­der dem Ab­mah­nungs­schrei­ben selbst noch dem Vor­trag der Be­klag­ten ent­neh­men, dass der Vor­gang der Mus­ter­mi­nen­prüfung durch die Ab­mah­nung vom 09.11.2010 nicht ab­ge­schlos­sen sein soll­te. Mit­hin ist in­so­weit von ei­nem Ver­zicht auf die­sen Kündi­gungs­grund aus­zu­ge­hen.

bb) Glei­ches gilt für den wei­te­ren Kündi­gungs­grund, der Ge­gen­stand der zwei­ten Ab­mah­nung vom 10.11.2010 ge­wor­den ist.

Hin­sicht­lich des Vor­wurfs, der Kläger ha­be ei­genmäch­tig und kom­pe­ten­z­wid­rig den Be­suchs­ter­min mit Fir­men aus Tai­wan und Schwe­den ver­ein­bart, liegt nach oben skiz­zier­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts eben­falls ein Ver­zicht auf die­sen Kündi­gungs­grund vor, so dass die in­halt­li­che Rich­tig­keit des Vor­wurfs auch kei­ner wei­te­ren Aufklärung be­darf.

cc) So­dann wirft die Be­klag­te dem Kläger vor, er ha­be – wie ihr erst nach Er­tei­lung der Ab­mah­nun­gen be­kannt ge­wor­den sei – be­reits im Sep­tem­ber 2010

 

- 19 -

ei­genmäch­tig und kom­pe­ten­z­wid­rig den Auf­trag für das Ver­pa­ckungs­lay­out des „Ker­zen-Pen" er­teilt.

Die er­teil­ten Ab­mah­nun­gen vom 09. und 10.11.2010 führen nur hin­sicht­lich der zum Zeit­punkt ih­rer Er­tei­lung vor­lie­gen­den und be­kann­ten Gründe zum Ver­zicht auf das Kündi­gungs­recht. Tre­ten wei­te­re Gründe hin­zu oder wer­den sie erst nach der Ab­mah­nung be­kannt, hat zunächst ei­ne ei­ge­ne Prüfung zu er­fol­gen, im Rah­men de­rer ge­ge­be­nen­falls auch un­terstützend auf die be­reits ab­ge­mahn­ten Gründe zurück­ge­grif­fen wer­den kann (vgl. BAG, Ur­teil vom 10.11.1988, aaO; BAG, Ur­teil vom 26.11.2009 – 2 AZR 751/08, ju­ris).

Der Vor­wurf der Be­klag­ten, der Kläger ha­be ei­genmäch­tig und oh­ne da­zu be­fugt zu sein den Auf­trag bezüglich des Ker­zen-Pen ver­ge­ben, mag sei­ner Art nach grundsätz­lich ge­eig­net sein, ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen.

Selbst bei vollständig un­ter­stell­ter Rich­tig­keit des Be­klag­ten­vor­brin­gens sind die dem Kläger ge­mach­ten Vorwürfe je­doch nicht als der­art schwer­wie­gend an­zu­se­hen, dass es aus­nahms­wei­se kei­ner ein­schlägi­gen Ab­mah­nung be­durft hätte.

Für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung gilt das Pro­gno­se­prin­zip. Der Zweck der Kündi­gung ist nicht ei­ne Sank­ti­on für ei­ne be­gan­ge­ne Ver­trags­pflicht­ver­let­zung, son­dern die Ver­mei­dung des Ri­si­kos wei­te­rer er­heb­li­cher Pflicht­ver­let­zun­gen. Die ver­gan­ge­ne Pflicht­ver­let­zung muss sich des­halb noch in der Zu­kunft be­las­tend aus­wir­ken. Ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se liegt dann vor, wenn aus der kon­kre­ten Ver­trags­pflicht­ver­let­zung und der dar­aus re­sul­tie­ren­den Ver­tragsstörung ge­schlos­sen wer­den kann, der Ar­beit­neh­mer wer­de zukünf­tig den Ar­beits­ver­trag auch nach ei­ner Kündi­gungs­an­dro­hung er­neut in glei­cher oder ähn­li­cher Wei­se ver­let­zen. Aus die­sem Grund setzt die Kündi­gung we­gen ei­ner Ver­trags­pflicht­ver­let­zung gemäß § 314 Abs. 2 BGB re­gelmäßig ei­ne Ab­mah­nung vor­aus. Erst wenn ei­ne ord­nungs­gemäße, ein­schlägi­ge Ab­mah­nung vor­liegt und der Ar­beit­neh­mer den­noch er­neut sei­ne ver­trag­li­chen Pflich­ten ver­letzt, kann da­von aus­ge­gan­gen wer­den, es wer­de auch zukünf­tig zu wei­te­ren Ver­tragsstörun­gen kom­men. Ei­ne Aus­nah­me be­steht nur dann, wenn bei ei­ner schwe­ren Pflicht­ver­let­zung dem Ar­beit­neh­mer die Rechts­wid­rig­keit sei­nes Han­delns oh­ne

 

- 20 -

wei­te­res er­kenn­bar ist eben­so wie der Um­stand, dass ei­ne Hin­nah­me die­ses Ver­hal­tens durch den Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen ist (vgl. BAG, Ur­teil vom 31.05.2007 – 2 AZR 200/06, NZA 2007, 922; KR-Fi­scher­mei­er, 9.A., § 626 BGB, Rn­dr. 259 ff.).

Das dem Kläger vor­ge­wor­fe­ne Ver­hal­ten wiegt nicht der­art schwer, dass auf ei­ne Ab­mah­nung ver­zich­tet wer­den könn­te. Dies gilt um­so mehr, als der Kläger un­be­strit­ten vor­ge­tra­gen hat, dass der Kon­takt zu der Fir­ma F1 O1 und dem dor­ti­gen In­ha­ber B1 erst durch ihn zu­stan­de ge­kom­men und be­reits ein Vorgänger­pro­jekt er­folg­reich ab­ge­wi­ckelt wor­den ist. Den dies­bezügli­chen Schil­de­run­gen des Klägers ist die Be­klag­te nicht ent­ge­gen­ge­tre­ten. Es ist so­mit nicht da­von aus­zu­ge­hen, dass der Kläger klamm­heim­lich ir­gend­ei­nen Auf­trag er­teilt hätte, der für die Be­klag­te voll­kom­men über­ra­schend und zu­dem un­erwünscht ge­we­sen wäre. Da­ge­gen spre­chen be­reits die hand­schrift­li­chen No­ti­zen auf dem von der Be­klag­ten vor­ge­leg­ten Auf­trag, die die Berück­sich­ti­gung der Wünsche des Geschäftsführers er­ken­nen las­sen.
Hin­zu kommt, dass aus­weis­lich des Ar­beits­ver­tra­ges zwar dem Kläger kei­ner­lei Un­ter­schrifts­kom­pe­tenz oder fi­nan­zi­el­le Rah­men­vor­ga­ben ge­ge­ben wur­den, um­ge­kehrt sei­ne Be­fug­nis­se je­doch auch nicht ex­pli­zit ein­ge­schränkt wur­den. Im­mer­hin be­zeich­net die Be­klag­te den Pos­ten des Klägers selbst als St­abs­stel­le, die sie in der Pro­be­zeit mit 4.000,00 € do­tiert.

Woll­te die Be­klag­te bei un­ter­stell­ter Rich­tig­keit ih­res Vor­brin­gens zukünf­tig si­cher stel­len, dass der Kläger ei­genmäch­tig auch sol­che Auf­träge wie das Lay­out des „Ker­zen-Pen" nicht ver­gibt, so wäre die Ab­mah­nung ein er­folg­ver­spre­chen­des und mil­de­res Mit­tel ge­we­sen, dem Kläger klar vor Au­gen zu führen, wie er sich künf­tig zu ver­hal­ten hat. An­halts­punk­te dafür, dass er sein Ver­hal­ten nicht ent­spre­chend ei­ner Ab­mah­nung ein­ge­rich­tet hätte, sind we­der vor­ge­tra­gen noch er­sicht­lich.

dd) Ent­spre­chen­des gilt für die Vorwürfe im Zu­sam­men­hang mit der X1 F2 Group.

 

- 21 -

Wie­der­um kann das ge­sam­te Vor­brin­gen der Be­klag­ten als rich­tig un­ter­stellt wer­den - oh­ne vor­her­ge­hen­de, ein­schlägi­ge Ab­mah­nung würde das dann zu be­wer­ten­de Fehl­ver­hal­ten des Klägers kei­ne Kündi­gung recht­fer­ti­gen.

Dies folgt auch dar­aus, dass nach (be­strit­te­nen) Be­haup­tun­gen der Be­klag­ten der Kläger we­der ei­nen Rei­se­be­richt ge­fer­tigt, noch während oder nach sei­ner Chi­na­rei­se den Geschäftsführer über die Er­geb­nis­se der Ver­hand­lun­gen in­for­miert ha­ben soll. Wenn die Be­klag­te je­doch ei­nen Mit­ar­bei­ter während sei­ner Pro­be­zeit auf ei­ne Aus­lands­rei­se schickt, um dort Ver­trags­ver­hand­lun­gen zu führen und zum Ab­schluss zu brin­gen, so spricht dies zunächst für ei­nen großzügi­gen Ver­trau­ens­vor­schuss und ein ge­wis­ses Ge­wicht der Po­si­ti­on des Klägers in­ner­halb der Struk­tur der Be­klag­ten. Dies wird verstärkt da­durch, dass der Geschäftsführer – legt man al­lein sein Vor­brin­gen zu Grun­de - we­der zeit­nah den Rei­se­be­richt an­for­der­te, noch ei­ge­ne Nach­for­schun­gen zum Er­geb­nis der Geschäfts­rei­se an­stell­te, son­dern schlicht dar­auf ver­trau­te, der Kläger wer­de schon al­les in sei­nem Sinn ge­re­gelt ha­ben. Ein Mit­ar­bei­ter, dem be­reits in der Pro­be­zeit der­maßen freie Hand ge­las­sen wur­de, muss nicht da­mit rech­nen, dass die Ver­ein­ba­rung ei­nes späte­ren Zah­lungs­ziels bei gleich­zei­tig of­fen­kun­di­gem Des­in­ter­es­se des Geschäftsführers am Ver­hand­lungs­er­geb­nis un­mit­tel­bar die Kündi­gung nach sich zieht.

ee) Die Tat­sa­che, dass der Kläger die als An­la­ge zu sei­nem Schrift­satz ein­ge­reich­ten, von ihm er­stell­ten Ta­bel­len (Bl. 61 – 63 d.A.) in sei­nem Be­sitz hat­te, stellt aus Sicht der Kam­mer ei­ne schuld­haf­te Pflicht­ver­let­zung dar. Dies muss­te dem Kläger auch be­kannt sein, da er aus­weis­lich § 12 des zwi­schen den Par­tei­en ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­tra­ges ver­pflich­tet war, sämt­li­che Un­ter­la­gen in­klu­si­ve Ko­pie nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zurück­zu­ge­ben. Dem Kläger hätte so­mit klar sein müssen, dass die nun­mehr vor­ge­leg­ten An­la­gen un­mit­tel­bar nach Erfüllung ih­res Ver­wen­dungs­zwecks von sei­nem pri­va­ten PC hätten gelöscht wer­den müssen.

Die­se erst später be­kannt ge­wor­de­ne, aber zeit­lich zu­vor ver­wirk­lich­te Pflicht­ver­let­zung kann auch als Kündi­gungs­grund nach­ge­scho­ben wer­den (vgl. BAG, Ur­teil vom 06.09.2007, - 2 AZR 264/06, NJW 2008, 1097).

 

- 22 -

Auch hier gilt aber, dass die­ses Vor­ge­hen oh­ne vor­her­ge­hen­de, ein­schlägi­ge Ab­mah­nung noch kei­ne Kündi­gung recht­fer­tigt.

Zwar ist der Be­klag­ten zu­zu­ge­ben, dass die er­stell­ten Ta­bel­len ins­be­son­de­re Prei­se der An­bie­ter auf­lis­ten, die ge­ge­be­nen­falls auch für die Kon­kur­renz in­ter­es­sant sein könn­ten und so­mit sen­si­ble Da­ten ent­hal­ten. Dass der Kläger die Un­ter­la­gen an­der­wei­tig als zur ei­ge­nen Pro­zessführung ver­wen­det ha­ben könn­te, wird sei­tens der Be­klag­ten je­doch selbst nicht vor­ge­tra­gen. Hierfür feh­len auch jeg­li­che An­halts­punk­te. Die Be­klag­te wirft dem Kläger aus­weis­lich der Be­ru­fungs­be­gründung vor, er ha­be die Un­ter­la­gen während des be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses ent­wen­det. Darüber hin­aus ist sie aber dem Vor­trag des Klägers, er ha­be sich die Da­tei­en auf sei­nen pri­va­ten E-Mail-Ac­count ge­schickt, um auch am Wo­chen­en­de den Auf­trag be­ar­bei­ten zu können und so­mit den Er­war­tun­gen des Geschäftsführers zu ent­spre­chen, nicht kon­kret ent­ge­gen­ge­tre­ten. Erst­mals in der Be­ru­fungs­er­wi­de­rung wird die­sem Vor­trag des Klägers zwar wi­der­spro­chen, oh­ne je­doch nähe­ren Tat­sa­chen­vor­trag oder aber ei­nen Be­weis­an­tritt zu lie­fern. Wie be­reits oben dar­ge­stellt, ist die Be­klag­te als dar­le­gungs- und be­weis­be­las­te­ten Par­tei je­doch auch be­weis­be­las­tet für das Nicht­vor­lie­gen von Recht­fer­ti­gungs­gründen ( vgl. auch BAG, Ur­teil vom 19. 12. 1991 – 2 AZR 317/91, Ju­ris).

ff) Schluss­end­lich wirft die Be­klag­te dem Kläger vor, er ha­be ins­ge­samt vier Pro­gram­me un­be­rech­tig­ter­wei­se auf sei­nen zu dienst­li­chen Zwe­cken zur Verfügung ge­stell­ten PC auf­ge­spielt und da­durch das Out­look-Sys­tem der Be­klag­ten zerstört.

Auch die­ser Kündi­gungs­grund kann grundsätz­lich noch nach­ge­scho­ben wer­den.

Als Nach­weis für das Auf­spie­len durch den Kläger sol­len die im Kam­mer­ter­min vom 10.03.2011 ein­ge­reich­ten An­la­gen (vgl. Bl. 109, 110 d.A.) die­nen.
Mit dem Ar­beits­ge­richt ist je­doch da­von aus­zu­ge­hen, dass die­se An­la­gen für sich be­trach­tet nichts­sa­gend und un­ge­eig­net sind nach­zu­wei­sen, dass zum ei­nen der Kläger persönlich und zum an­de­ren zu den dort auf­geführ­ten Zeit­punk­ten die ge­nann­ten Pro­gram­me auf­ge­spielt hat. Dies lässt sich aus der An­la­ge, ei­ner E-Mail,

 

- 23 -

je­den­falls nicht ent­neh­men. Sie enthält al­lein die Be­haup­tung der In­stal­la­ti­ons­da­ten und ko­pier­te An­ga­ben zu den In­hal­ten der je­wei­li­gen Pro­gram­me. Ei­ne sol­che Auf­stel­lung, die je­den Tat­sa­chen­vor­trag da­hin­ge­hend ver­mis­sen lässt, wie der Ver­fas­ser zu den auf­ge­stell­ten Be­haup­tun­gen kommt, kann von Je­der­mann er­stellt wer­den. Selbst­verständ­lich ist es für ent­spre­chen­de Fach­kräfte oh­ne wei­te­res nach­weis­bar, wann ein Com­pu­ter­pro­gramm auf ei­ne Fest­plat­te auf­ge­spielt wor­den ist. Ge­ge­be­nen­falls mag dies auch durch Mit­ar­bei­ter der Fir­ma A1 P2 erklärt wer­den können. Den­noch muss­te dem Be­weis­an­tritt der Be­klag­ten nicht nach­ge­gan­gen wer­den, da es sich um ei­nen un­zulässi­gen Aus­for­schungs­be­weis ge­han­delt hätte. Die Mit­ar­bei­ter der Fir­ma A1 P2 hätten erst den Tat­sa­chen­vor­trag ge­lie­fert, für de­ren Rich­tig­keit sie ei­gent­lich als Zeu­ge hätte be­nannt wer­den müssen. Des Wei­te­ren ist es auch un­klar, wie über den rei­nen Da­tums- und Zeit­nach­weis hin­aus der Zeu­ge hätte bestäti­gen können, dass aus­ge­rech­net der Kläger die Pro­gram­me auf­ge­spielt hat.

Ergänzend ist an­zu­mer­ken, dass sämt­li­che auf­geführ­ten Pro­gram­me sich sehr wohl auch zur dienst­li­chen Nut­zung eig­nen und et­wa ei­ne übermäßige Pri­vat­nut­zung des PC dem Kläger über­haupt nicht vor­ge­wor­fen wird.
Un­klar ist des Wei­te­ren, ob und wie die auf­ge­spiel­ten Pro­gram­me das Out­look-Sys­tem der Be­klag­ten hätten un­brauch­bar ma­chen sol­len.

Schluss­end­lich gilt wie­der­um, dass selbst bei vollständig un­ter­stell­ter Rich­tig­keit des Be­klag­ten­vor­brin­gens auch die­ses Fehl­ver­hal­ten nicht ge­eig­net ist, oh­ne vor­her­ge­hen­de Ab­mah­nung ei­ne Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen.

b) Zu­sam­men­fas­send bleibt da­her fest­zu­stel­len, dass von den sei­tens der Be­klag­ten be­nann­ten sechs Kündi­gungs­gründen le­dig­lich noch vier her­an­ge­zo­gen wer­den können, wo­bei das un­be­fug­te Auf­spie­len der PC-Pro­gram­me nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert un­ter Be­weis­an­tritt dar­ge­legt wur­de und im übri­gen kei­ner der auf­geführ­ten Gründe für sich be­trach­tet die Kündi­gung oh­ne vor­her­ge­hen­de ein­schlägi­ge Ab­mah­nung nach sich zie­hen könn­te.

Nichts an­de­res er­gibt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten im Übri­gen aus der Zu­sam­men­schau sämt­li­cher Kündi­gungs­gründe. Aus Sicht der hier er­ken­nen­den

 

- 24 -

Kam­mer er­gibt sich bei vollständi­ger Aus­blen­dung des Kläger­vor­trags ei­ne un­kla­re Si­tua­ti­on hin­sicht­lich der dem Kläger ein­geräum­ten Be­fug­nis­se und Kom­pe­ten­zen. Zwar hat die Be­klag­te vor­ge­tra­gen, dem Kläger sei­en kei­ner­lei Voll­mach­ten, Un­ter­schrifts­rech­te etc. ein­geräumt wor­den, er ha­be le­dig­lich dem Geschäftsführer zu­ar­bei­ten sol­len. Dies deckt sich je­doch kei­nes­wegs mit der Ein­ord­nung als St­abs­stel­le, dem An­fangs­ver­dienst von 4.000,00 € so­wie den ihm in der Fol­ge­zeit tatsächlich über­tra­ge­nen Auf­ga­ben.

Sch­ließlich recht­fer­tigt sich kein an­de­rer Schluss dar­aus, dass der Kläger in dem Gespräch mit dem Geschäftsführer der Be­klag­ten nach ei­ge­nen An­ga­ben die „Ver­trau­ens­fra­ge" ge­stellt hat. Un­ge­ach­tet der un­ter­schied­li­chen Dar­stel­lung von In­halt und Ab­lauf des klären­den Gesprächs mit dem Geschäftsführer, er­gibt sich auch aus den Ausführun­gen der Be­klag­ten kein Sach­ver­halt, der den Aus­spruch ei­ner Ab­mah­nung ent­behr­lich ma­chen würde.

Ei­ne den ver­blei­ben­den Kündi­gungs­gründen vor­her­ge­hen­de, ein­schlägi­ge Ab­mah­nung liegt un­strei­tig nicht vor. Die bei­den streit­ge­genständ­li­chen Ab­mah­nun­gen vom 09. und 10. No­vem­ber 2010 la­gen zeit­lich den je­wei­li­gen Vorwürfen nach­ge­la­gert. Dem Kläger kann so­mit nicht vor­ge­hal­ten wer­den, er ha­be trotz vor­he­ri­ger ein­schlägi­ger Ab­mah­nun­gen die be­haup­te­ten Kom­pe­tenzüber­schrei­tun­gen be­gan­gen.

Auf die Wirk­sam­keit der er­teil­ten Ab­mah­nun­gen kommt es da­her er­sicht­lich nicht mehr an. Eben­so we­nig dar­auf, dass dem Kläger nach Aus­spruch der Kündi­gung kei­ne Ge­le­gen­heit ge­ge­ben wur­de, sein Leis­tungs­ver­hal­ten ent­spre­chend dem In­halt der Ab­mah­nun­gen um­zu­stel­len (vgl. da­zu LAG Hes­sen, Ur­teil vom 26.04.1999 – 16 Sa 1409/98, NZA-RR 1999, 637).

Nach al­le­dem war der Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum 31.01.2011 fest­zu­stel­len.

2. Auf­grund des Fort­be­stands des Ar­beits­verhält­nis­ses hat das Ar­beits­ge­richt die Be­klag­te da­her auch zu Recht ver­ur­teilt, an den Kläger gemäß §§

 

- 25 -

615 BGB i.V.m. § 11 KSchG An­nah­me­ver­zugs­lohn für den rest­li­chen De­zem­ber 2010 in Höhe von 2.000,00 € brut­to so­wie An­nah­me­ver­zugs­lohn für den Mo­nat Ja­nu­ar 2011 in Höhe von wei­te­ren 4.000,00 € brut­to abzüglich der auf die Bun­des­agen­tur über­ge­gan­ge­nen Ansprüche von Ar­beits­lo­sen­geld zu zah­len.

Die Zins­for­de­rung folgt aus §§ 286, 288 BGB. Die Höhe der Ansprüche ist auch zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig.

3. Die Be­klag­te war fer­ner zu ver­ur­tei­len, an den Kläger Ur­laubs­ab­gel­tung zu zah­len, und zwar für 15,33 Ta­ge in Höhe von ins­ge­samt 2.830,15 € brut­to.

Dies er­gibt sich aus fol­gen­dem:

a) Aus­weis­lich des Ar­beits­ver­tra­ges stan­den dem Kläger pro Ka­len­der­jahr 28 Ar­beits­ta­ge zu, wo­bei im Ein- und Aus­tritts­jahr ei­ne an­tei­li­ge Gewährung er­fol­gen soll­te. Letz­te­re Ein­schränkung hält je­doch ei­ner Rechts­kon­trol­le nach § 13 Abs. 1 S. 1, 3 BurlG i.V.m. §§ 3, 4 BUrlG nicht stand, so dass sie nach § 306 BGB ins­ge­samt un­wirk­sam ist mit der Fol­ge, dass dem Kläger für das Jahr 2010 der vol­le Ur­laubs­an­spruch in Höhe von 28 Ar­beits­ta­gen zu­stand.

aa) Bei § 7 Zif­fer 1 des zwi­schen den Par­tei­en ge­schlos­se­nen For­mu­lar­ar­beits­ver­tra­ges han­delt es sich um all­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen i.S.d. §§ 305 ff BGB.

bb) Die Re­ge­lung in § 7 S. 1 des For­mu­lar­ver­tra­ges ist nach § 13 Abs. 1 S. 1, 3 und § 3 BUrlG in­so­weit un­wirk­sam, als dar­in im Ein- und Aus­tritts­jahr ei­ne an­tei­li­ge Gewährung des Er­ho­lungs­ur­laubs vor­ge­se­hen ist.

Nach § 7 S. 1 des Ar­beits­ver­tra­ges steht dem Kläger pro Jahr grundsätz­lich ein Ur­laubs­an­spruch in Höhe von 28 Ar­beits­ta­gen zu, der in­so­weit ei­ne zu­guns­ten des Klägers und da­mit zulässi­ge Ab­wei­chung von in § 3 BUrlG enthält, der ei­nen ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs­an­spruch von 24 Werk­ta­gen vor­sieht. Bei der Ge­stal­tung des den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub des § 3 BurlG über­stei­gen­den über­ge­setz­li­chen

 

- 26 -

Ur­laubs­an­spruchs sind zwar die Ver­trags­par­tei­en grundsätz­lich frei, der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laubs­an­spruch nach § 3 BUrlG muss aber in je­dem Fall er­hal­ten blei­ben (BAG, Urt. v. 04.05.2010 – 9 AZR 183/09, NZA 2010, 1011; Urt. v. 24.03.2009 – 9 AZR 983/07, NZA 2009, 538). Die un­ein­ge­schränk­te An­wen­dung des § 7 S. 1 des Ar­beits­ver­tra­ges, der im Ein- und Aus­tritts­jahr nur ei­nen An­spruch auf an­tei­li­gen Er­ho­lungs­ur­laub vor­sieht, würde aber da­zu führen, dass der Kläger, des­sen Ar­beits­verhält­nis am 01.05.2010 be­gann, im Jahr 2010 nur ei­nen an­tei­li­gen Ur­laubs­an­spruch in Höhe von 18,67 Ar­beits­ta­gen (28 Ar­beits­ta­ge : 12 Mo­na­te x 8 Mo­na­te) er­wor­ben hätte, so­dass der un­ab­ding­ba­re ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laubs­an­spruch des Klägers nach § 3 BurlG nicht ge­wahrt blie­be. Denn bei An­wen­dung des § 13 Abs. 1 BUrlG i.V.m. §§ 3,4 BurlG müss­te dem Kläger nach un­un­ter­bro­che­nem sechs­mo­na­ti­gem Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses im Ein­tritts­jahr der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laub von 20 Werk­ta­gen bzw. 20 Ar­beits­ta­gen gewährt wer­den. Dies er­gibt sich auch aus dem Um­kehr­schluss aus § 5 BUrlG, der ei­ne Kürzung des Er­ho­lungs­ur­laubs im Ein- und Aus­tritts­jahr nur in den Fällen vor­sieht, in de­nen in dem je­wei­li­gen Ka­len­der­jahr das Ar­beits­verhält­nis nicht länger als 6 Mo­na­te be­stan­den hat.

Da § 7 Zif­fer 1 des zwi­schen den Par­tei­en ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­tra­ges in­so­weit nicht mit § 13 BUrlG in Ein­klang zu brin­gen ist, als er im Ein­tritt- und Aus­tritts­jahr ei­ne Kürzung des un­ab­ding­ba­ren ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs nach § 3 BurlG vor­sieht, han­delt es sich in­so­weit um ei­ne nicht ge­set­zes­kon­for­me Re­ge­lung. Die zwi­schen den Par­tei­en ge­trof­fe­ne Re­ge­lung ist un­wirk­sam, so dass nach dem all­ge­mein gülti­gen Grund­satz „Rechts­kon­trol­le vor In­halts­kon­trol­le" ei­ne wei­te­re Prüfung nach den §§ 307 ff. BGB nicht mehr statt­fin­det. So hat ins­be­son­de­re auch § 307 Abs. 2 Nr. 1 BGB aus­sch­ließlich die Funk­ti­on, Nor­men des dis­po­si­ti­ven Rechts ei­ner Ände­rung zu ent­zie­hen (vgl. Pa­landt-Grüne­berg, 70. A., § 307 BGB, Rd­nr. 29; Ju­risPK-Lapp/Sa­l­a­mon, 5. A., § 307 BGB, Rd­nr. 42, 61). Die Rechts­kon­trol­le ist da­mit der AGB-Kon­trol­le vor­ge­la­gert, weil sich nur bei ei­ner Ab­re­de, die den ge­setz­lich be­stimm­ten Rah­men pri­vat­au­to­no­mer Ge­stal­tungs­be­fug­nis der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en nicht über­schrei­tet, die Fra­ge nach ih­rer An­ge­mes­sen­heit stellt (Stau­din­ger-Coes­ter § 307 BGB Rd­nr. 19, Neu­be­ar­bei­tung 2006; An­nuß BB 2006, 1333, 1335).

 

- 27 -

cc) Da es sich je­doch um ei­ne all­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung han­delt, rich­tet sich die Rechts­fol­ge der ge­gen § 13 Abs. 1 S. 1, 3 i.V.m. § 3 BurlG ge­set­zes­wid­ri­gen Re­ge­lung nach § 306 BGB, der sei­ner­seits wie­der­um ei­ne spe­zi­el­le Aus­prägung des § 139 BGB dar­stellt. (vgl. BAG, Urt. v. 21.06.2011 – 9 AZR 238/10, ju­ris; Beck’scher On­line-Kom­men­tar-Schmidt, § 306 BGB, Rd­nr. 7; Pa­landt-Grüne­berg, 70. A., § 306 BGB, Rd­nr. 1,2).

Auch wenn § 306 Abs. 2 BGB nor­miert, dass sich, so­fern Be­stim­mun­gen un­wirk­sam sind, der In­halt des Ver­tra­ges nach den ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten rich­tet, be­deu­tet dies nicht, dass nach Maßga­be der je­den­falls vor In­kraft­tre­ten des Schuld­rechts­mo­der­ni­sie­rungs­ge­set­zes gülti­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts nun­mehr der An­spruch auf das ge­setz­li­che Min­dest­maß von 20 Ar­beits­ta­gen ( bei ei­ner 5-Ta­ge-Wo­che) re­du­ziert würde.
Viel­mehr ist die Kürzungs­re­ge­lung des Ar­beits­ver­tra­ges ins­ge­samt als un­wirk­sam zu be­trach­ten mit der Fol­ge, dass nun­mehr nach sechs­mo­na­ti­gem Be­ste­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses für 2010 ent­spre­chend §§ 3, 4 BUrlG der vol­le Ur­laubs­an­spruch ent­steht, der dann nach den ver­trag­li­chen Vor­ga­ben 28 Ta­ge beträgt (wie hier in der Rechts­fol­ge auch LAG Hamm, Ur­teil vom 14.04.2011 – 16 Sa 488/10, ju­ris).

b) Darüber hin­aus ist zu­guns­ten des Klägers für den Mo­nat Ja­nu­ar 2011 ein wei­te­rer Ur­laubs­an­spruch von 2,33 Ta­gen zu berück­sich­ti­gen, so dass ins­ge­samt von 30,33 Ur­laubs­ta­gen aus­zu­ge­hen war, die zunächst auf den Zeit­raum des Be­stan­des des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­fie­len.

c) Aus­ge­hend von den ins­ge­samt 30,33 Ur­laubs­ta­gen, von de­nen wie­der­um drei ge­nom­men wa­ren, sind dem Kläger wei­te­re zwölf Ur­laubs­ta­ge für das Ka­len­der­jahr 2010 ab­zu­zie­hen, die nicht recht­zei­tig gel­tend ge­macht wur­den.

aa) Aus­weis­lich des Ar­beits­ver­tra­ges, der in­so­weit im Ein­klang steht mit § 7 Abs. 3 BUrlG, ist Ur­laubs­jahr das Ka­len­der­jahr.

bb) Nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ver­fie­len Ur­laubs­ansprüche in je­dem Fall, so­fern nicht die Über­tra­gungs­vor­aus­set­zun­gen bis zum 31.03. des Fol­ge­jah­res vor­la­gen. Dies galt auch in dem Fall, dass der Be­stand

 

- 28 -

des Ar­beits­verhält­nis­ses zwi­schen den Par­tei­en strei­tig war und darüber ein Rechts­streit geführt wur­de. Der Ar­beit­neh­mer hat­te nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, gleichgültig ob es sich um ein un­gekündig­tes oder gekündig­tes Ar­beits­verhält­nis han­del­te, den Ar­beit­ge­ber durch die For­de­rung der Ur­laubs­gewährung im Ur­laubs­jahr oder spätes­tens im Über­tra­gungs­zeit­raum in Ver­zug zu set­zen, wenn er den Ar­beit­ge­ber für den mit Frist­ab­lauf ein­tre­ten­den Ver­fall des Ur­laubs­an­spruchs haft­bar ma­chen woll­te (vgl. BAG, Ur­teil vom 21.09.1999 – 9 AZR 705/98, BB 2000, 881; BAG, Ur­teil vom 17.01.1995 – 9 AZR 664/93, BB 1995, 1039).

cc) An die­ser Recht­spre­chung ist ent­ge­gen der An­sicht des LAG Nürn­berg, fest­zu­hal­ten. Das LAG Nürn­berg überträgt die Grundsätze, die nun­mehr bei ei­ner krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit zur An­wen­dung kom­men, auch auf das gekündig­te Ar­beits­verhält­nis (vgl. LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 09.03.2010 – 7 Sa 220/10, ju­ris).

Auch wenn das Bun­des­ar­beits­ge­richts im An­schluss an das Ur­teil des EuGH vom 20.01.2009 – C-350/06, die Su­ro­gat­theo­rie auf­ge­ge­ben hat und nun­mehr den Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch als rei­nen Geld­an­spruch be­han­delt (vgl. BAG, Ur­teil vom 24.03.2009 – 9 AZR 983/07, ju­ris; BAG, Ur­teil vom 04.05.2010 – 9 AZR 183/09, NZA 2011, 1011), so ändert dies nichts dar­an, dass der Ur­laubs­an­spruch als sol­cher mit Aus­nah­me des Vor­lie­gens von Über­tra­gungs­vor­aus­set­zun­gen auf das Ka­len­der­jahr be­fris­tet ist (BAG, Urt. v. 09.08.2011 – 9 AZR 425/10, PM 64/11).

An­ders als im Fall der krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit, die Ge­gen­stand des Ur­teils des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs war, schei­tert die Erfüllung der Ur­laubs­ansprüche im Fal­le des Be­ru­fens auf ei­ne wirk­sa­me Kündi­gung nicht an der Erfüll­bar­keit in der Per­son des Ar­beit­neh­mers. Zwar ist dem LAG Nürn­berg dar­in zu­zu­stim­men, dass der Ar­beit­ge­ber, der sich auf die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­ruft, gleich­zei­tig die Ver­pflich­tung be­strei­tet, Ur­laub zu gewähren und da­durch die Ur­laubs­nah­me des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers fak­tisch ver­hin­dern wird. Dies ändert aus Sicht der Kam­mer je­doch nichts dar­an, dass es zunächst Sa­che des Ar­beit­neh­mers ist, auf noch für das Ka­len­der­jahr be­ste­hen­de Ur­laubs­ansprüche hin­zu­wei­sen und die Er­tei­lung zu ver­lan­gen, um ge­ge­be­nen­falls

 

- 29 -

später bei fort­be­ste­hen­dem Ar­beits­verhält­nis die Frei­stel­lung im Fol­ge­jahr zu er­lan­gen oder eben bei Be­en­di­gung den Ab­gel­tungs­an­spruch in vol­ler Höhe. Nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung des BAG konn­te we­der ei­ner or­dent­li­chen noch ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gungs­erklärung oh­ne wei­te­res der In­halt bei­ge­mes­sen wer­den, der Ar­beit­ge­ber wer­de, wenn der Ar­beit­neh­mer den Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses gel­tend ma­che, die für die Erfüllung des Ur­laubs­an­spruchs nöti­ge Frei­stel­lung von der Ar­beits­pflicht ver­wei­gern. Es liegt viel­mehr im wohl­ver­stan­de­nen Ei­gen­in­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers, so­bald der Ar­beit­neh­mer Ur­laub ver­langt, ihn vor­sorg­lich von der Ar­beits­pflicht in die­sem Um­fang zu be­frei­en, um die Ku­mu­la­ti­on von An­nah­me­ver­zugs- und Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüchen zu ver­hin­dern ( BAG, Ur­teil vom 21.09.1999 aaO.).
An die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on ändert sich durch die Vor­ga­ben der Recht­spre­chung des EuGH vom 20. 01. 2009 nichts, denn vor­lie­gend geht es al­lein um die Pro­ble­ma­tik, wie der Ar­beit­neh­mer selbst die Ver­wirk­li­chung sei­nes Ur­laubs im Ka­len­der­jahr durch­setzt. Nach der Recht­spre­chung des EuGH steht Art. 7 Abs. 1 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung, die für die Ausübung des mit der Richt­li­nie aus­drück­lich ver­lie­he­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub Mo­da­litäten vor­sieht, nicht ent­ge­gen. Die­se Mo­da­litäten können so­gar den Ver­lust des An­spruchs am En­de des Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Über­tra­gungs­zeit­raums be­inhal­ten. Das gilt al­ler­dings nur un­ter der Vor­aus­set­zung, dass der Ar­beit­neh­mer tatsächlich die Möglich­keit hat­te, den ihm von der Richt­li­nie ver­lie­he­nen Ur­laubs­an­spruch aus­zuüben (vgl. EuGH vom 20. 01.2009 - C-350/06 und C-520/06¬[S3-H2], NJW 2009, 495).
Die Pro­ble­ma­tik der feh­len­den Erfüll­bar­keit im Hin­blick auf § 9 BurlG spielt hier kei­ne Rol­le.

Die bloße, pau­scha­le Gel­tend­ma­chung der Ur­laubs­ansprüche mit der Kla­ge­schrift reich­te nicht aus, zu­mal der Kläger nach ei­ge­nen An­ga­ben bis zum 15.12.2010 ar­beits­unfähig er­krankt war und es der Be­klag­ten da­her ver­wehrt war, in die­sem Zeit­raum Ur­laub zu gewähren.

Die Ur­laubs­ta­ge, die bis zum Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res 2010 noch hätten ver­langt und be­wil­ligt wer­den können, sind da­her ab­zu­zie­hen. Auf den Zeit­raum 16.12. bis 31.12.2010 ent­fal­len zwölf Ar­beits­ta­ge.

 

- 30 -

Mit­hin ver­bleibt ein Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch in Höhe von 15,33 Ta­gen.

c) Nach der For­mel 4.000,00 € x 3 Mo­na­te : 65 Ar­beits­ta­ge er­gibt sich so­mit ein Ge­samt­ab­gel­tungs­an­spruch in Höhe der aus­ge­ur­teil­ten 2.830,15 € brut­to.

Der Zins­an­spruch folgt aus § 286, 288 BGB.

4. Gemäß § 717 Abs. 2 ZPO war der Kläger zu ver­ur­tei­len, an die Be­klag­te über­zahl­te Ur­laubs­ab­gel­tung in Höhe von ins­ge­samt 496,50 € zu zah­len.

Nach § 717 Abs. 2 ZPO i.V.m. § 62 Abs. 2 ArbGG hat der­je­ni­ge, zu des­sen Guns­ten ein vorläufig voll­streck­ba­res Ur­teil er­las­sen wor­den ist, nach ei­ner späte­ren Auf­he­bung oder Abände­rung die­ses Ur­teils dem Geg­ner den Scha­den zu er­set­zen, der die­sem durch die Voll­stre­ckung des Ur­teils oder da­durch ent­stan­den ist, dass er zur Ab­wen­dung der Voll­stre­ckung die ihm auf­er­leg­te Leis­tung er­bracht hat.

Wer aus ei­nem noch nicht rechts­kräfti­gen Ur­teil ge­gen den Pro­zess­geg­ner vor­geht, han­delt auf ei­ge­nes Ri­si­ko. Die ver­schul­dens­un­abhängi­ge Haf­tung, die ihn trifft, wenn das Ur­teil später auf­ge­ho­ben wird, setzt aber vor­aus, dass er über das zum Be­trei­ben des Er­kennt­nis­ver­fah­rens Er­for­der­li­che hin­aus­geht, von dem Ur­teil Ge­brauch macht und et­was un­ter­nimmt, was der Durch­set­zung des Ti­tels dient. Es genügt nicht, dass er es er­wirkt hat, da ihm an­dern­falls der Rechts­schutz in nicht mehr ver­tret­ba­rer Wei­se er­schwert würde.
Ei­nen den Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 717 Abs. 2 ZPO auslösen­de Leis­tung zu Ab­wen­dung der Voll­stre­ckung liegt aber schon dann vor, wenn der Schuld­ner sich da­mit ei­nem ge­gen ihn aus­geübten Voll­stre­ckungs­druck beugt (vgl. BAG, Ur­teil vom 19.03.2003 – 10 AZR 997/01, ZTR 2003, 567).

So liegt der Fall hier.

 

- 31 -

Die Be­klag­te hat un­strei­tig auf das Schrei­ben des Kläger­ver­tre­ters vom 15.03.2011 re­agiert und zur Ab­wen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung die aus­ge­ur­teil­ten Beträge nebst Zin­sen aus­ge­kehrt.

Die Höhe der Zah­lun­gen ist zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig.

Da­hin­ste­hen kann, ob die Be­klag­te tatsächlich auch vom Kläger die an die Bun­des­agen­tur für Ar­beit ge­zahl­ten Beträge zurück­ver­lan­gen könn­te.

Ei­ne Abände­rung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils fin­det nur hin­sicht­lich der Höhe der aus­ge­ur­teil­ten Ur­laubs­ab­gel­tung statt. An­stel­le der erst­in­stanz­lich aus­ge­ur­teil­ten Ur­laubs­ab­gel­tung für 18 Ta­ge zzgl. Zin­sen be­steht le­dig­lich die Ver­pflich­tung zur Ur­laubs­ab­gel­tung in Höhe von 15,33 Ta­gen.

Der Kläger hat da­her an die Be­klag­te zu viel er­hal­te­ne Ur­laubs­ab­gel­tung in Höhe für 2,66 Ta­ge zzgl. der für den Zeit­raum 01.02. bis 25.03.2011 aus­ge­kehr­ten Zin­sen zu er­set­zen, mit­hin ei­nen Be­trag von 496,50 €.

III. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 92 Abs. 1 ZPO und rich­tet sich nach der je­wei­li­gen Quo­te des Ob­sie­gens und Un­ter­lie­gens.

Hin­sicht­lich der Kos­ten für die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung war ergänzend zu berück­sich­ti­gen, dass der Kläger ursprüng­lich den un­be­grenz­ten Fort­be­stand des zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses be­an­tragt, die­sen An­trag je­doch auf den bis zum 31.01.2011 be­grenz­ten Fort­be­stand be­schränkt hat. Hier­in liegt ei­ne teil­wei­se Kla­gerück­nah­me, die hin­sicht­lich der Kos­ten­tra­gungs­pflicht gemäß § 269 ZPO Abs. 3 zu berück­sich­ti­gen war. Glei­ches gilt für die sei­tens der Be­klag­ten erst­in­stanz­lich ver­folg­ten Hilfs­wi­der­kla­ge, die sich ursprüng­lich auf den vol­len Brut­to­be­trag der Rech­nung von 1.017,21 € be­zog.

Die Re­vi­si­on war gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 2 zu­zu­las­sen, wo­bei die Zu­las­sung auf den Kom­plex der Ur­laubs­ab­gel­tung zu be­schränken war, da es sich hier­bei um ei­nen 

 

- 32 -

tatsächlich und recht­lich selbständi­gen, ab­trenn­ba­ren Teil des Ge­samt­streitstof­fes han­del­te, über den eben­so gut durch Teil­ur­teil hätte ent­schie­den wer­den können.

RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von bei­den Par­tei­en

RE­VISION

ein­ge­legt wer­den.

Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Not­frist* von ei­nem Mo­nat schrift­lich beim

Bun­des­ar­beits­ge­richt

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt

Fax: 0361 2636 2000

ein­ge­legt wer­den.

Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss von ei­nem Be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

1. Rechts­anwälte,
2. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
3. Ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der in Num­mer 2 be­zeich­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­rer Mit­glie­der oder an­de­rer Verbände oder

 

- 33 -

Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.

In den Fällen der Zif­fern 2 und 3 müssen die Per­so­nen, die die Re­vi­si­ons­schrift un­ter­zeich­nen, die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

Ei­ne Par­tei, die als Be­vollmäch­tig­ter zu­ge­las­sen ist, kann sich selbst ver­tre­ten.

* ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.

 

Kröner 

Haa­se 

Kry­s­to­fi­ak
/Fou.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 19 Sa 700/11  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880