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Ur­laub und Ur­laubs­ab­gel­tung bei Krank­heit - nur 15 Mo­na­te lang?

An­sprü­che auf Ur­laub und Ur­laubs­ab­gel­tung ge­hen 15 Mo­na­te nach En­de des Ur­laubs­jah­res un­ter: LAG Ba­den-Würt­tem­berg (Kam­mern Frei­burg), Ur­teil vom 21.12.2011, 10 Sa 19/11
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03.01.2012. Nach § 7 Abs.3 Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) er­lischt der jähr­li­che Ur­laubs­an­spruch spä­tes­tens im Fol­ge­jahr mit Ab­lauf des ers­ten Quar­tals.

Doch hin­ter dem BUrlG steht ei­ne Eu­ro­päi­sche Richt­li­nie, die laut Eu­ro­päi­schem Ge­richts­hof (EuGH) den Ver­fall des Min­des­t­ur­laubs­an­spruchs von vier Wo­chen aus­schließt, wenn der Ur­laub krank­heits­be­dingt nicht ge­nom­men wer­den konn­te, denn sonst wür­den Ar­beit­neh­mer in­fol­ge ei­ner Krank­heit schlech­ter be­han­delt als an­de­re.

Das BAG pass­te da­her 2009 sei­ne Recht­spre­chung an. Nach­dem der EuGH aber kürz­lich ent­schied, dass ein Ver­fall 15 Mo­na­te nach Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res eu­ro­pa­recht­lich mög­lich ist (Ur­teil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schul­te), hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg das krank­heits­be­ding­te An­sam­meln von Ur­laubs­an­sprü­chen nun zeit­lich be­grenzt (Ur­teil vom 21.12.2011, 10 Sa 19/11).

Kann Urlaub selbst bei langer Krankheit verfallen?

Gemäß § 7 Abs.3, 4 BUrlG muss Ur­laub im lau­fen­den Ka­len­der­jahr ge­nom­men wer­den. Wird er aus be­trieb­li­chen oder persönli­chen Gründen nicht ge­nom­men und dann (aus­nahms­wei­se) auf das Fol­ge­jahr über­tra­gen, verfällt er zum 31. März des Fol­ge­jah­res. Können be­ste­hen­de Ur­laubs­ansprüche we­gen des En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr erfüllt wer­den, gibt es Geld, d.h. ei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung.

Da­hin­ter steht Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung, der vier Wo­chen Min­des­t­ur­laub vor­schreibt. Nach­dem der EuGH An­fang 2009 ent­schie­den hat­te, das Ur­laub des­halb nicht bei lan­ger Krank­heit ver­fal­len kann (EuGH, Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06 - Schultz-Hoff), setz­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die­se EuGH-Recht­spre­chung durch ei­ne richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung von § 7 Abs.3 BUrlG in deut­sches Recht um (BAG, Ur­teil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07). Das "31.-März-Mes­ser" schnei­det seit­dem in Krank­heitsfällen kei­ne Ur­laubs­ansprüche mehr ab.

Bei Lang­zeit­er­kran­kun­gen kann es da­her zu ei­nem jah­re­lan­gen An­sam­meln von Ur­laubs bzw. Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüchen kom­men. Doch En­de No­vem­ber 2011 ent­schied der EuGH, dass Ta­rif­verträge die­ses An­sam­meln von Ur­laubs­ansprüchen auf 15 Mo­na­te ab dem En­de des Ur­laubs­jah­res be­schränken können (Ur­teil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schul­te). Aber ei­ne sol­che 15-Mo­nats­gren­ze lässt sich dem BUrlG nicht ent­neh­men, oder et­wa doch?

LAG Baden-Württemberg: Spätestens 15 Monate nach Ende des Urlaubsjahres verfällt der Urlaub

Im Streit­fall en­de­te das Ar­beits­verhält­nis ei­nes lang­zeit­er­krank­ten Ar­beit­neh­mers in 2010. Sei­ne Kla­ge auf Ur­laubs­ab­gel­tung für Krank­heits­zei­ten vor 2009 hat­te vor dem LAG kei­nen Er­folg, da nach des­sen Auf­fas­sung die Ur­laubs­ansprüche für die­se Jah­re bei sei­nem Aus­schei­den un­ter­ge­gan­gen wa­ren.

Laut LAG-Pres­se­mit­tei­lung meint das Ge­richt, dass das BAG mit ei­ner „richt­li­ni­en­kon­for­men Rechts­fort­bil­dung“ von § 7 Abs.3 BUrlG ab­ge­wi­chen sei und dass so et­was nur in dem Um­fang ge­sche­hen darf, wie dies eu­ro­pa­recht­lich zwin­gend ge­bo­ten ist. Aus dem jüngs­ten EuGH-Ur­teil fol­gert das LAG, dass der Ur­laubs­an­spruch auch in Krank­heitsfällen nach 15 Mo­na­ten, ge­rech­net ab dem En­de des Ur­laubs­jah­res, ver­fal­len darf, und wenn das Eu­ro­pa­recht vom deut­schen Ur­laubs­recht nicht mehr ver­langt, ist eben auch auf Ba­sis des BUrlG nach 15 Mo­na­ten Schluss.

Fa­zit: Die Ar­gu­men­ta­ti­on des LAG ist zwei­fel­haft. Denn in dem zu­letzt vom EuGH ent­schie­de­nen Fall gab es ei­nen Ta­rif­ver­trag, der die Ur­laubs­si­che­rung bei Krank­heitsfällen auf 15 Mo­na­te be­grenz­te. Ei­ne sol­che Gren­ze ein­fach in § 7 Abs.3 BUrlG "hin­ein­zu­le­sen" ist mit den Prin­zi­pi­en der ju­ris­ti­schen Ge­set­zes­aus­le­gung nicht zu ver­ein­ba­ren. Außer­dem stimmt es gar nicht, dass das BAG An­fang 2009 "auf Be­fehl des EuGH" das BUrlG "fort­ge­bil­det" hat, son­dern es ist nur zu der Aus­le­gung zurück­ge­kehrt, die es schon in den 70er Jah­ren prak­ti­ziert hat­te.

Ei­ne recht­lich si­che­re Be­gren­zung des krank­heits­be­ding­ten An­sam­melns von Ur­laubs­ansprüchen gibt es da­her der­zeit nur auf Ba­sis von Ta­rif­verträgen, da Ar­beits­verträge nicht zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers vom BUrlG bzw. der der­zeit (noch) gülti­gen BAG-In­ter­pre­ta­ti­on des BUrlG ab­wei­chen können. So oder so hat sich der Wind aber ge­dreht: Lang­zei­tig er­krank­te Ar­beit­neh­mer müssen bei Be­en­di­gung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se künf­tig wie­der mit deut­lich ge­rin­ge­ren Ur­laubs­ab­gel­tung rech­nen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­li­chet. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 21. September 2016

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