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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Urlaubsabgeltung, Schwerbehinderung
   
Gericht: Hessisches Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 6 Sa 1944/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 21.04.2010
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Fulda, Urteil vom 13.11.2009, 1 Ca 431/09
   

Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt

Verkündet am:

21. April 2010

Ak­ten­zei­chen: 6 Sa 1944/09
(Ar­beits­ge­richt Ful­da: 1 Ca 431/09)

Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In dem Be­ru­fungs­ver­fah­ren

Be­klag­te und
Be­ru­fungskläge­rin

Pro­zess­be­vollmäch­tigt.:

ge­gen

Kläger und
Be­ru­fungs­be­klag­ter

Pro­zess­be­vollmäch­tigt.:

hat das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt, Kam­mer 6,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 21. April 2010
durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt als Vor­sit­zen­de
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter
als Bei­sit­zer

für Recht er­kannt:

Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­rich­tes Ful­da vom 13. No­vem­ber 2009 – 1 Ca 431/09 – teil­wei­se ab­geändert und die Be­klag­te ver­ur­teilt, an den Kläger 756,14 EUR (in Wor­ten: Sie­ben­hun­dert­sechs­und-fünf­zig und 14/100 Eu­ro) brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 15. Ju­li 2009 zu zah­len. Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

Die wei­ter­ge­hen­de Be­ru­fung der Be­klag­ten und die Be­ru­fung des Klägers wer­den zurück­ge­wie­sen.

 

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Von den Kos­ten des Rechts­streits hat die Be­klag­te 12,5 % und der Kläger 87,5 % zu tra­gen.

Die Re­vi­si­on wird für bei­de Par­tei­en zu­ge­las­sen.

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche.

Der schwer­be­hin­der­te Kläger war seit dem 01. Ju­ni 1978 bis zum 30. April 2006 bei der Be­klag­ten beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­den die Re­ge­lun­gen des Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges für die Kau­tschu­k­in­dus­trie in Hes­sen An­wen­dung.

Dem Kläger stand jähr­lich ein ta­rif­lich ge­re­gel­ter Ur­laubs­an­spruch von 30 Ar­beits­ta­gen so­wie ein Zu­satz­ur­laub für schwer­be­hin­der­te Men­schen in Höhe von 5 Ar­beits­ta­gen zu. Das Ar­beits­ent­gelt des Klägers pro Ar­beits­tag be­trug zu­letzt € 108,02 brut­to. Ta­rif­lich ist ein zusätz­li­ches Ur­laubs­geld pro Ur­laubs­tag in Höhe von € 17,90 brut­to ge­re­gelt.

Der Kläger konn­te we­gen Ar­beits­unfähig­keit zwei Ta­ge Ur­laub des Ka­len­der­jah­res 2004, den ge­sam­ten Ur­laub des Ka­len­der­jah­res 2005 und den an­tei­li­gen Ur­laub des Ka­len­der­jah­res 2006 (bis zum 30. April 2006) nicht an­tre­ten.

Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en en­de­te am 30. April 2006. Der Kläger be­zieht, be­gin­nend mit dem 01. Mai 2006, ei­ne Ren­te we­gen vol­ler Er­werbs­min­de­rung auf Dau­er.

Der Kläger macht nach­fol­gen­de For­de­run­gen gel­tend:

2 Ar­beits­ta­ge à € 108,02 brut­to für das Jahr 2004 (= € 216,04 brut­to)
35 Ar­beits­ta­ge à € 108,02 brut­to für das Jahr 2005 (= € 3.780,70 brut­to)
12 Ar­beits­ta­ge à € 108,02 brut­to für das Jahr 2006 (= € 1.296,24 brut­to)
zusätz­li­ches Ur­laubs­geld in Höhe von € 17,90 für 49 Ar­beits­ta­ge (= € 877,10 brut­to)

Die For­de­rung hat der Kläger vor­pro­zes­su­al mit Schrei­ben vom 15. Ju­li 2009 und pro­zes­su­al mit der am 12. Au­gust 2009 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge gel­tend ge­macht.

Der Kläger hat sich zur Be­gründung der Kla­ge­for­de­rung auf die jüngst zur Fra­ge des Ver­falls von Ur­laubs­ansprüchen bei dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit er­gan­ge­nen Ent­schei­dun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs und des Bun­des­ar­beits­ge­richts be­ru­fen.

 

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Der Kläger hat be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn € 6.170,08 brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 15. Ju­li 2009 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat die An­sicht ver­tre­ten, die Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs und des Bun­des­ar­beits­ge­richts ver­s­toße ge­gen höher­ran­gi­ges Recht. Die Ent­schei­dun­gen sei­en we­der mit der eu­ropäischen Norm (Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG vom 04. März 2003) noch mit dem na­tio­na­len Bun­des­ur­laubs­recht in Ein­klang zu brin­gen. Die durch die Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vor­ge­nom­me­ne Rechts­aus­le­gung be­deu­te ei­ne ei­ge­ne Recht­set­zung, oh­ne dass die­se dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof über­tra­gen wor­den wäre. Des Wei­te­ren hätte - selbst bei Un­ter­stel­lung, dass sich der Eu­ropäischen Ge­richts­hof im Rah­men sei­ner Kom­pe­ten­zen be­wegt - ei­ne Über­tra­gung in na­tio­na­les Recht durch den Ge­setz­ge­ber er­fol­gen müssen und nicht durch na­tio­na­le Ge­rich­te. Die Be­klag­te meint im Übri­gen, dass je­den­falls für den Fall, dass der Ar­beit­neh­mer we­gen dau­ern­der Er­werbs­unfähig­keit aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­schei­det, an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, wo­nach die Ur­laubs­ab­gel­tung ein Sur­ro­gat des Ur­laubs­an­spruchs ist und die­ser grundsätz­li­che vor­aus­setzt, dass der Ar­beit­neh­mer bei hy­po­the­ti­scher Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses den Ur­laub in Na­tu­ra hätte neh­men können, fest­zu­hal­ten ist. Im Übri­gen hat die Be­klag­te die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass der Kla­ge­for­de­rung die Nicht­ein­hal­tung der ta­rif­ver­trag­li­chen Aus­schluss­frist so­wie je­den­falls der rechts­staat­li­che Ge­sichts­punkt des Ver­trau­ens­schut­zes ent­ge­gen­ste­he.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge mit Ur­teil vom 13. No­vem­ber 2009 teil­wei­se statt­ge­ge­ben. Es hat an­ge­nom­men, dass dem Kläger der für das Ka­len­der­jahr 2006 ge­schul­de­te ge­setz­li­che Teil­ur­laub, der sich un­ter Berück­sich­ti­gung der Schwer­be­hin­de­rung des Klägers auf 8,33 Ar­beits­ta­ge be­lau­fe, mit dem rech­ne­risch un­strei­ti­gen ar­beitstägli­chen Ar­beits­ent­gelt in Höhe von € 108,02 brut­to ab­zu­gel­ten sei. Die­sem Ab­gel­tungs­an­spruch stünde, ent­ge­gen der An­sicht der Be­klag­ten, nicht die Nicht­ein­hal­tung der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist ent­ge­gen. Die Dau­er des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs nach § 3 BUrlG und des Zu­satz­ur­laubs für schwer­be­hin­der­te Men­schen

 

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nach § 105 Abs. 1 SGB X könne nicht nach §§ 13 Abs. 1 Satz 1 BUrlG, 125 Abs. 1 Satz 2 SGB IX ta­rif­lich zu Un­guns­ten des Ar­beit­neh­mers geändert wer­den. Das Ar­beits­ge­richt hat im Übri­gen Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche für in den Ka­len­der­jah­ren 2004 und 2005 nicht ge­nom­me­ne Ur­lau­be ab­ge­wie­sen un­ter dem Ge­sichts­punkt des Ver­trau­ens­schut­zes. Die in­ner­staat­li­chen Ge­rich­te müssen bei ei­ner Recht­spre­chungsände­rung den nöti­gen Schutz für Rück­wir­kung in Be­tracht zie­hen. Dem­gemäß ha­be die Be­klag­te auf die seit dem Jahr 1992 be­ste­hen­de ge­fes­tig­te Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zum Ver­fall von Ur­laubs­ansprüchen bei dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit ver­trau­en können. Die­ser Ver­trau­ens­schutz stünde der Be­klag­ten nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts gemäß Ur­teil vom 24. März 2009 (- 9 AZR 983/07 - AP Nr. 39 zu § 7 BUrlG) bis zum Be­kannt­wer­den des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 02. Au­gust 2006 zu. Das Ar­beits­ge­richt hat des Wei­te­ren den ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub für das Ka­len­der­jahr 2006 so­wie die Zah­lung des ta­rif­lich vor­ge­se­he­nen zusätz­li­chen Ur­laubs­gel­des als er­lo­schen an­ge­se­hen auf­grund der Nicht­ein­hal­tung der kraft ein­zel­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­me so­wie kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit gel­ten­den Aus­schluss­frist des § 16 des Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges für die Kau­tschu­k­in­dus­trie Hes­sen. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens der Par­tei­en und der Erwägun­gen des Ar­beits­ge­richts wird auf die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung Be­zug ge­nom­men.

Ge­gen die­ses Ur­teil ha­ben die Par­tei­en in­ner­halb der zur Sit­zungs­nie­der­schrift der Be­ru­fungs­ver­hand­lung vom 21. April 2010 fest­ge­stell­ten und dort er­sicht­li­chen Fris­ten Be­ru­fung ein­ge­legt. Der Kläger ver­folgt mit der Be­ru­fung die For­de­rung auf Ab­gel­tung des rest­li­chen Ta­ri­fur­laubs 2004, des ge­setz­li­chen und ta­rif­li­chen Ur­laubs für das Jahr 2005 und die Ab­gel­tung des an­tei­li­gen ta­rif­li­chen Ur­laubs für das Jahr 2006 so­wie wei­ter­hin das ein­ge­klag­te ta­rif­li­che Ur­laubs­geld in vol­ler Höhe. Der Kläger ver­weist dar­auf, dass der ein­schlägi­ge Ur­laubs­ta­rif­ver­trag der Kau­tschu­k­in­dus­trie (Bl. 87 - 91 d. A.) Ver­fall­re­ge­lun­gen ent­hal­te, die de­nen des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes nach­ge­bil­det sei­en, so­dass auch hier die Aus­le­gung von Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie durch den Eu­ropäischen Ge­richts­hof ein­schlägig sei. Der Kläger meint, min­des­tens den Ab­gel­tungs­an­spruch für den an­tei­li­gen ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub in 2006 hätte das Ar­beits­ge­richt da­her zu­er­ken­nen müssen. Der Kläger meint wei­ter, da die EU-Ar­beits­zeit­richt­li­nie aus dem Jahr 2003 da­tie­re, sei ei­ne Recht­spre­chungsände­rung ob­jek­tiv be­reits zu die­sem Zeit­punkt vor­her­seh­bar ge­we­sen. Des­halb sei nicht er­kenn­bar, dass die Be­klag­te über­haupt ein schutz­wer­tes Ver­trau­en auf den Fort­be­stand der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ha­be. Die Ein­las­sung des

 

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Klägers aus der Be­ru­fungs­in­stanz, dass die An­wen­dung der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist dar­an schei­te­re, dass das Ar­beits­verhält­nis nicht be­en­det sei, hat der Kläger aus­drück­lich nicht auf­recht­er­hal­ten.

Der Kläger be­an­tragt,

un­ter teil­wei­ser Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Ful­da vom 13. No­vem­ber 2009 - 1 Ca 431/09 - die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn wei­te­re € 5.194,90 brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 15. Ju­li 2009 zu zah­len.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ful­da vom 13. No­vem­ber 2009 - 1 Ca 431/09 - ab­zuändern und die Kla­ge auch im Übri­gen ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te ver­folgt ihr erst­in­stanz­li­ches Ziel auf voll umfäng­li­che Kla­ge­ab­wei­sung wei­ter. Da­bei wie­der­holt sie die schon erst­in­stanz­lich vor­ge­brach­ten Rechts­ausführun­gen.

Die Par­tei­en be­an­tra­gen im Übri­gen,

die Be­ru­fung der je­wei­li­gen Ge­gen­sei­te zurück­zu­wei­sen.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Vor­brin­gens der Par­tei­en in der Be­ru­fungs­in­stanz wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen und den übri­gen Ak­ten­in­halt Be­zug ge­nom­men.


Ent­schei­dungs­gründe

Die Be­ru­fun­gen der Par­tei­en ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ful­da vom 13. No­vem­ber 2009 - 1 Ca 431/09 - ist gem. §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 2 lit. b ArbGG statt­haft. Sie sind form- und frist­ge­recht ein­ge­legt so­wie recht­zei­tig und ord­nungs­gemäß be­gründet wor­den (§§ 66 Abs.1 ArbGG, 519, 520 ZPO).

 

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In der Sa­che ist die Be­ru­fung des Klägers un­be­gründet und die Be­ru­fung der Be­klag­ten teil­wei­se be­gründet. Dem Kläger steht ein Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch für den an­tei­li­gen ge­setz­li­chen Jah­res­ur­laub des Jah­res 2006 in Höhe von 4/12 des ge­setz­li­chen Jah­res­ur­laubs, al­so von 7 Ar­beits­ta­gen à € 108,02 gem. § 7 Abs. 4 BUrlG zu. Im Übri­gen ist die Kla­ge un­be­gründet.

Das Be­ru­fungs­ge­richt folgt - wie schon das Ar­beits­ge­richt - der Recht­spre­chungsände­rung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (vgl. Ur­teil vom 24. März 2009 - 9 AZR 983/07 - AP Nr. 39 zu § 7 BUrlG) zur Aus­le­gung des § 7 Abs. 3 und 4 BUrlG in Fällen krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit, die bis zum En­de des Ur­laubs­jah­res und/oder des Über­tra­gungs­zeit­raums an­dau­ert. In­so­weit wird zunächst zur Ver­mei­dung unnöti­ger Wie­der­ho­lun­gen auf die ausführ­li­che Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 24. März 2009 (- 9 AZR 983/07 - a. a. O., un­ter B. I. und III. 3. d.Gr.) ver­wie­sen.

Der zuständi­ge 9. Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts geht gemäß die­ser Ent­schei­dung da­von aus, dass nach der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 20. Ja­nu­ar 2009 (- Rs C-350/06 und C-520/06) zur Aus­le­gung von Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Rats vom 04. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (sog. Ar­beits­zeit­richt­li­nie) zu­min­dest ei­ne richt­li­ni­en­kon­for­me Fort­ent­wick­lung des § 7 Abs. 3 und 4 BUrlG zu er­fol­gen hat. Der Eu­ropäische Ge­richts­hof ist als ge­setz­li­cher Rich­ter im Sin­ne von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG zur endgülti­gen Ent­schei­dung über die Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts be­ru­fen. An­ge­sichts die­ser Bin­dung an die Aus­le­gungs­er­geb­nis­se des zuständi­gen Ge­richts der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten ver­bleibt für die na­tio­na­len Ge­rich­te kein wei­te­rer Aus­le­gungs­spiel­raum. Da we­gen Art. 249 Abs. 3 EG die na­tio­na­len Ge­rich­te auch da­von aus­zu­ge­hen ha­ben, dass der Mit­glieds­staat die Ver­pflich­tun­gen, die sich aus der Richt­li­nie er­ge­ben, in vol­lem Um­fang nach­kom­men woll­te, sind die na­tio­na­len Ge­rich­te auch zu ei­ner das Aus­le­gungs­er­geb­nis des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs be­ach­ten­den Aus­le­gung na­tio­na­len Rechts ver­pflich­tet. Der von der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs ge­prägte Grund­satz der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung ver­langt von den na­tio­na­len Ge­rich­ten da­bei mehr als die bloße Aus­le­gung im en­ge­ren Sinn. Der Eu­ropäische Ge­richts­hof geht hin­sicht­lich des Be­griffs der „Aus­le­gung“ nicht von der im deut­schen Rechts­kreis - ab­wei­chend von den Rechts­ord­nun­gen an­de­rer Mit­glieds­staa­ten - übli­chen Un­ter­schei­dung zwi­schen Aus­le­gung im en­ge­ren Sin­ne und Rechts­fort­bil­dung aus. Ei­ne Gren­ze be­steht nur da,

 

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wo die richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung/Rechts­fort­bil­dung ei­ne ein­deu­ti­ge Ent­schei­dung des Ge­setz­ge­bers auf­grund ei­ge­ner rechts­po­li­ti­scher Vor­stel­lun­gen ändern würde und da­mit - nach deut­schem Ver­fas­sungs­recht - die Bin­dung der Ge­rich­te an Recht und Ge­setz (Art. 20 Abs. 3 GG) so­wie das Ge­wal­ten­tei­lungs­prin­zip (Art. 20 Abs. 2 Satz 2 GG) ver­letzt.

Nicht zu­letzt auf­grund des Um­stan­des, dass das Er­for­der­nis der Erfüll­bar­keit der Frei­stel­lung, der Ver­fall des Ur­laubs­an­spruchs und der Sur­ro­gat­cha­rak­ter des Ab­gel­tungs­an­spruchs im Ge­set­zes­wort­laut des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes nicht aus­drück­lich an­ge­legt ist und dem Ge­samt­zu­sam­men­hang nicht in ei­ner Wei­se zu ent­neh­men ist, die je­de an­de­re Aus­le­gung aus­sch­ließt, geht das Bun­des­ar­beits­ge­richt nun­mehr im We­ge richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung des § 7 Abs. 3 und 4 BUrlG da­von aus, dass ein Ur­laubs­an­spruch in Fällen krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit, die bis zum En­de des Ur­laubs­jah­res und/oder des Über­tra­gungs­zeit­raums an­dau­ert, der Ur­laubs­an­spruch nicht er­lischt und bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses auch nicht an die Erfüll­bar­keit des Ur­laubs­an­spruchs bei hy­po­the­tisch fort­ge­dach­tem Ar­beits­verhält­nis ge­bun­den ist.

Die­se Über­le­gun­gen grei­fen nicht für den Zu­satz­ur­laub für Schwer­be­hin­der­te. Die sog. Ar­beits­zeit­richt­li­nie be­zieht sich auf den je­dem Ar­beit­neh­mer zu­ste­hen­den be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen. Da­mit ist aus­drück­lich nicht ein Zu­satz­ur­laub für Schwer­be­hin­der­te an­ge­spro­chen. So­weit er­sicht­lich, fin­den sich zum Zu­satz­ur­laub für Schwer­be­hin­der­te auch kei­ne Re­ge­lun­gen im Ge­mein­schafts­recht. Rich­tig ist, dass bis­her der Zu­satz­ur­laub für schwer­be­hin­der­te Men­schen nach § 125 Abs. 1 SGB IX durch­weg den all­ge­mei­nen Grundsätzen des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes in der Aus­le­gung durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt un­ter­lag. Un­ter Be­zug­nah­me der Bin­dung der na­tio­na­len Ge­rich­te an die Aus­le­gung von Ge­mein­schafts­recht durch den Eu­ropäischen Ge­richts­hof und die Ver­pflich­tung zur richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung na­tio­na­len Rechts im Sin­ne die­ser Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs lässt sich ei­ne Recht­spre­chungsände­rung gemäß dem Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 24. März 2009 (- 9 AZR 983/07 - a. a. O.) al­ler­dings nicht be­gründen. Der Zu­satz­ur­laub nach § 125 SGB IX un­ter­liegt da­mit den all­ge­mei­nen Grundsätzen des Ur­laubs­rechts. Dies gilt auch für § 7 BUrlG. Fehlt es an ei­ner güns­ti­ge­ren Re­ge­lung, verfällt ein Zu­satz­ur­laub nach § 125 SGB IX wie der Ur­laub nach dem Bun­des­ur­laubs­ge­setz mit dem lau­fen­den Ur­laubs­jahr, im Fal­le der ge­setz­li­chen Über­tra­gung spätes­tens mit dem 31.03. des Fol­ge­jah­res (§ 7 Abs. 3 BUrlG; vgl. auch ArbG Ber­lin, Ur­laub vom 22. April 2009 - 56 Ca 21280/08 - NZA-RR 411 ff., 413).

 

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Der Kläger kann da­nach trotz der geänder­ten Recht­spre­chung zum Ur­laubs­recht bei krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit bis zum En­de des Ur­laubs­jah­res und/oder des Über­tra­gungs­zeit­raums zunächst nicht Ab­gel­tung der Zu­satz­ur­lau­be ver­lan­gen. Im Wei­te­ren steht dem An­spruch des Klägers auf Ur­laubs­ab­gel­tung des über den ge­setz­li­chen Er­ho­lungs­ur­laubs hin­aus­ge­hen­den Ta­ri­fur­laubs die ta­rif­li­che Aus­schluss­frist des auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en kraft ein­zel­ver­trag­li­cher In­be­zug­nah­me und kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit an­wend­ba­ren Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges für die Kau­tschu­k­in­dus­trie in Hes­sen ent­ge­gen. Nach des­sen § 16 müssen al­le Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis bin­nen ei­ner Frist von drei Mo­na­ten nach ih­rem Ent­ste­hen gel­tend ge­macht wer­den. Bei Aus­schei­den ei­nes Ar­beit­neh­mers sind Ansprüche spätes­tens in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses gel­tend zu ma­chen; wer­den Ansprüche erst später fällig, so be­rech­net sich die Frist von zwei Mo­na­ten vom Tag der Fällig­keit an. Die Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche des Klägers wur­den mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 30. April 2006 fällig. Der Kläger hätte da­her sei­ne Ansprüche auf den ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub in­ner­halb der Frist von zwei Mo­na­ten nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses gel­tend ma­chen müssen. Die ta­rif­li­che Aus­schluss­frist be­zieht sich da­bei grundsätz­lich auf al­le Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis. Die Re­ge­lun­gen der Ver­fall­fris­ten im Ur­laubs­ta­rif­ver­trag, die § 7 Abs. 3 BUrlG ent­spre­chen, ha­ben auf die Gel­tung der ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten kei­nen Ein­fluss. Der Kläger hat auch die ta­rif­li­che Aus­schluss­frist bei Wei­tem nicht ein­ge­hal­ten. Den schon zum 30. April 2006 fälli­gen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch hat der Kläger erst­mals mit Schrei­ben vom 15. Ju­li 2009, of­fen­sicht­lich nach Be­kannt­wer­den der Recht­spre­chungsände­rung gel­tend ge­macht.

Eben­so er­lo­schen sind die Ansprüche des Klägers auf zusätz­li­ches ta­rif­li­ches Ur­laubs­geld. Dies gilt auch, so­weit der Kläger zusätz­li­ches ta­rif­li­ches Ur­laubs­geld für ge­setz­li­chen Ur­laubs be­gehrt, der nach der Recht­spre­chungsände­rung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ab­zu­gel­ten ist. Die Nicht­an­wend­bar­keit von ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten hin­sicht­lich des ge­setz­li­chen Ur­laubs­an­spruchs folgt aus § 13 Abs. 1 Satz 1 BUrlG. Der ge­setz­li­che Ur­laubs­an­spruch als An­spruch auf be­zahl­te Frei­stel­lung von der Ar­beits­leis­tung be­inhal­tet aber nur die Fort­zah­lung des Ur­laubs­ent­gelts (§ 11 BUrlG), nicht ei­nes zusätz­li­chen Ur­laubs­gel­des.

Ei­ne Ab­gel­tung der Ansprüche auf ge­setz­li­chen Jah­res­ur­laub der Jah­re 2004 und 2005 - un­ter­stellt, bei dem Rest­ur­laub aus dem Jahr 2004 han­delt es sich um ge­setz­li­chen

 

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Ur­laub, an­de­ren­falls wäre die­ser Rest­ur­laubs­an­spruch be­reits man­gels Ein­hal­tung der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist ver­fal­len oder so­fern man von Zu­satz­ur­laub aus­ge­hen woll­te, nach § 7 Abs. 3 BUrlG er­lo­schen - ste­hen Ver­trau­ens­schutz­ge­sichts­punk­te ent­ge­gen. Bei Be­kannt­wer­den des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 02. Au­gust 2006 (- 12 Sa 486/06 - LA­GE Nr. 43 zu § 7 BUrlG) war der Ur­laubs­an­spruch der Jah­re 2004 und 2005 nach der bis­he­ri­gen Aus­le­gung des deut­schen Rechts durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt be­reits ver­fal­len. Es ist auch nicht dem Kläger dar­in zu fol­gen, dass schon aus der Richt­li­nie al­lein er­sicht­lich war, dass die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs die Bin­dung ei­nes Ur­laubs­an­spruchs an das Ka­len­der­jahr bzw. den Über­tra­gungs­zeit­raum bis zum 31. März des Fol­ge­jah­res bei ar­beits­unfähig er­krank­ten Ar­beit­neh­mern als nicht mit Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ver­ein­bar an­se­hen würde. In Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ist nämlich schlicht ge­re­gelt, dass die Mit­glieds­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men tref­fen, da­mit je­der Ar­beit­neh­mer ei­nen be­zahl­ten Min­des­t­ur­laub von vier Wo­chen nach Maßga­be der Be­din­gun­gen für die In­an­spruch­nah­me und die Gewährung erhält, die in den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder nach den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten vor­ge­se­hen sind. Wei­ter ist in Art. 7 nur ge­re­gelt, dass der be­zahl­te Min­dest­jah­res­ur­laub außer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht durch ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung er­setzt wer­den kann. Dass es mit die­sem Wort­laut des Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie un­ver­ein­bar sein soll, dass ein grundsätz­lich auch während Ar­beits­unfähig­keit ent­ste­hen­der Ur­laubs­an­spruch dann er­lischt, wenn er während des ge­sam­ten Ur­laubs­jah­res und ei­nes sich an­sch­ließen­den vier­teljähr­li­chen Über­tra­gungs­zeit­raums nicht ge­nom­men wer­den kann, weil der Ar­beit­neh­mer in die­sem Zeit­raum nicht bzw. nicht aus­rei­chend die Ar­beitsfähig­keit wie­der er­langt, ist we­der aus dem Wort­laut noch aus Sinn und Zweck ei­nes be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laubs oh­ne wei­te­res er­sicht­lich.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf dem je­wei­li­gen Ob­sie­gen und Un­ter­lie­gen der Par­tei­en und folgt aus § 92 ZPO.

Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung be­ruht auf § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG.

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