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Ver­zicht auf Ur­laubs­ab­gel­tung

BAG er­laubt Ver­zicht des Ar­beit­neh­mers auf Ur­laubs­ab­gel­tung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 14.05.2013, 9 AZR 844/11

14.05.2013. Bis vor ei­ni­gen Jah­ren hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub da­durch ab­ge­si­chert, dass es die ge­setz­li­chen Re­geln über den Ur­laub auch auf die Ur­laubs­ab­gel­tung an­ge­wandt hat. Denn die Ur­laubs­ab­gel­tung ist, so die frü­he­re Recht­spre­chung des BAG, ein "Sur­ro­gat" des Ur­laubs­an­spruchs.

Die­se Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie ver­hin­der­te, dass der Ar­beit­neh­mer auf sei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch ver­zich­ten konn­te. Da das BAG die Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie aber vor ei­nem Jahr auf­ge­ge­ben hat, fragt sich, war­um der Ar­beit­neh­mer nicht auf sei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung ver­zich­ten könn­te.

Er kann ver­zich­ten, so das BAG mit ei­ner Ent­schei­dung vom heu­ti­gen Ta­ge - je­den­falls dann, wenn der An­spruch be­reits ent­stan­den ist: BAG, Ur­teil vom 14.05.2013, 9 AZR 844/11.

Kann man in einem vor Gericht vereinbarten Vergleich auf seinen Resturlaub verzichten?

Kündi­gungs­schutz­kla­gen en­den meist mit ei­nem Ver­gleich, d.h. das Ar­beits­ge­richt fällt kein Ur­teil, son­dern die Par­tei­en ei­ni­gen sich auf die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses im Aus­tausch ge­gen be­stimm­te "goo­dies" für den Ar­beit­neh­mer, die meist in ei­ner Ab­fin­dung be­ste­hen.

Zahlt der Ar­beit­ge­ber aber ei­ne hübsche Ab­fin­dung, will er meist nicht noch ei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung drauf­le­gen. Dann lau­te­te die bis­her übli­che For­mu­lie­rung, die den Ar­beit­ge­ber da­vor schütz­te, ei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung zah­len zu müssen:

"Der dem Kläger zu­ste­hen­de (Rest-)Ur­laub ist in Na­tur gewährt und ge­nom­men wor­den."

Mit die­ser For­mu­lie­rung ei­nig­ten sich Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer dar­auf, dass der Ar­beit­neh­mer sei­nen ge­sam­ten Ur­laub er­hal­ten hat­te, so dass der An­spruch auf Ur­laub durch Erfüllung kraft Ge­set­zes er­lo­schen war. Der Clou die­ser For­mu­lie­rung be­stand dar­in, dass man sich nur über die Tat­sa­chen verständig­te, d.h. die fak­ti­sche Gewährung des Ur­laubs, nicht da­ge­gen über den Un­ter­gang des An­spruchs, denn die­ser trat au­to­ma­tisch kraft Ge­set­zes ein.

Wur­de aber ein sol­cher, d.h. kon­kret auf den Ur­laub be­zo­ge­ner "Tat­sa­chen­ver­gleich" nicht in den ge­richt­li­chen Ver­gleich auf­ge­nom­men, konn­te der Ar­beit­neh­mer später noch sei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung ein­kla­gen. Da­vor schütz­te den Ar­beit­ge­ber auch ei­ne Aus­gleichs­klau­sel nicht, d.h. die Klau­sel:

"Mit dem vor­ste­hen­den Ver­gleich sind al­le wech­sel­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis ab­ge­gol­ten." 

Denn da der Ar­beit­neh­mer nicht auf sei­nen Ur­laubs- und auch nicht auf sei­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ver­zich­ten konn­te, brach­te ei­ne sol­che Aus­gleichs­klau­sel die­se Ansprüche nicht zum Erlöschen. Das hat das BAG nun­mehr geändert.

Der Fall des BAG: Arbeitnehmer und Arbeitgeber einigen sich auf einen Abfindungsvergleich mit Ausgleichsklausel, später verlangt der Arbeitnehmer Urlaubsabgeltung

Der Ar­beit­ge­ber kündig­te im No­vem­ber 2008 das Ar­beits­verhält­nis mit ei­nem ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer, der seit Ja­nu­ar 2006 ar­beits­unfähig er­krankt war, or­dent­lich zum 30.06.2009.

Da­ge­gen er­hob der Ar­beit­neh­mer Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Im Ju­ni 2010 schlos­sen sie ei­nen ge­richt­li­chen Ver­gleich, dem zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis zum 30.06.2009 be­en­det wur­de und der Ar­beit­neh­mer ei­ne Ab­fin­dung von 11.500 EUR er­hal­ten soll­te. Außer­dem soll­ten mit Erfüllung des Ver­gleichs wech­sel­sei­tig al­le fi­nan­zi­el­len Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis, gleich ob be­kannt oder un­be­kannt und gleich aus wel­chem Rechts­grund, er­le­digt sein.

Kurz nach Ab­schluss des Ver­gleichs ver­lang­te der Ar­beit­neh­mer vom Ar­beit­ge­ber Ur­laubs­ab­gel­tung für die Jah­re 2006 bis 2008 in Höhe von 10.656,72 EUR. Der Ar­beit­ge­ber war über die­se Ver­dop­pe­lung der Be­en­di­gungs­kos­ten nicht amüsiert und zahl­te nicht. Dar­auf­hin ver­klag­te der Ar­beit­neh­mer den Ar­beit­ge­ber auf Zah­lung der Ur­laubs­ab­gel­tung.

Mit die­ser Kla­ge hat­te er vor dem Ar­beits­ge­richt Chem­nitz kei­nen Er­folg (Ur­teil vom 20.12.2010, 11 Ca 2485/10), wohl aber vor dem Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG), das den Ar­beit­ge­ber im­mer­hin zur Zah­lung von 6.543,60 EUR ver­ur­teil­te (Ur­teil vom 26.05.2011, Sa 86/11).

Be­gründung des LAG: Auch wenn das BAG die Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie auf­ge­ge­ben hat, ver­bie­tet § 13 Abs.1 Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) trotz­dem ei­ne für den Ar­beit­neh­mer ungüns­ti­ge ver­trag­li­che Ab­wei­chung vom Ge­setz. Und ei­ne sol­che Ab­wei­chung wäre auch ein Ver­zicht auf den An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung, so das LAG.

BAG: Hatte der Arbeitnehmer die Möglichkeit, Urlaubsabgeltung in Anspruch zu nehmen, kann er auf die Urlaubsabgeltung verzichten

An­ders als das LAG ent­schied das BAG heu­te ge­gen den Ar­beit­neh­mer, d.h. es wies die Kla­ge auf Ur­laubs­ab­gel­tung ab. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung:

§ 13 Abs.1 BUrlG steht nur sol­chen ein­zel­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern im We­ge, die das Ent­ste­hen von Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüchen von vorn­her­ein aus­sch­ließen. Hat­te der Ar­beit­neh­mer aber wie hier im Streit­fall die Möglich­keit, Ur­laubs­ab­gel­tung in An­spruch zu neh­men, und ent­schei­det er sich dann da­ge­gen, ist ein sol­cher Ver­zicht recht­lich wirk­sam.

Mit die­ser Ent­schei­dung zieht das BAG ei­ne wei­te­re Kon­se­quenz dar­aus, dass es im Som­mer 2012 die Sur­ro­gats­theo­rie kom­plett auf­ge­ge­ben hat (BAG, Ur­teil vom 19.06.2012, 9 AZR 652/10 - wir be­rich­te­ten darüber in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/238 Ur­laubs­ab­gel­tung oh­ne Be­fris­tung zum 31. De­zem­ber).

Fa­zit: Ar­beit­neh­mer können nach Ent­ste­hen des Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs auf die­sen An­spruch ver­zich­ten. Das be­deu­tet, dass ar­beits­ge­richt­li­che Ver­glei­che künf­tig kei­ne spe­zi­el­le Klau­sel über die an­geb­li­che Ur­laubs­gewährung "in Na­tur" ent­hal­ten müssen. Viel­mehr genügt ei­ne ein­fa­che Aus­gleichs­klau­sel, um den An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung un­ter­ge­hen zu las­sen. Das müssen Ar­beit­neh­mer­anwälte wis­sen, wol­len sie ih­re Man­dan­ten rich­tig be­ra­ten.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 30. Oktober 2014

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