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Ur­laubs­ab­gel­tung nach un­wi­der­ruf­li­cher Frei­stel­lung

EuGH be­grenzt An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung nach län­ge­rer un­wi­der­ruf­li­cher Frei­stel­lung: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 20.07.2016, C-341/15 (Ma­schek)

30.07.2016. Vor zwei Jah­ren hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) ent­schie­den, dass An­sprü­che auf Ur­laubs­ab­gel­tung ver­erb­lich sind, d.h. auf die Er­ben des ur­laubs­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mers über­ge­hen (Ur­teil vom 12.06.2014, C-118/13 - Bol­la­cke, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/212 Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung ist ver­erb­lich).

Denn, so der EuGH da­mals: Aus wel­chen Grün­den des Ar­beits­ver­hält­nis en­det, spielt für die Ur­laubs­ab­gel­tung kei­ne Rol­le.

Kon­se­quen­ter­wei­se hat der EuGH vor zehn Ta­gen klar­ge­stellt, dass ein Be­am­ter, der auf sei­nen An­trag hin pen­sio­niert wird, ei­nen An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung hat, da auch hier die Grün­de für die Ver­trags­be­en­di­gung kei­nen Ein­fluss auf die Ur­laubs­ab­gel­tung ha­ben.

In die­sem ak­tu­el­len Ur­teil hat der EuGH aber auch zu Un­guns­ten der Ar­beit­neh­mer deut­lich ge­macht, dass kein (eu­ro­pa­recht­li­cher) An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung be­steht, wenn der Ar­beit­neh­mer auf­grund ei­ner Ver­ein­ba­rung vor sei­ner Be­ren­tung län­ge­re Zeit be­zahlt frei­ge­stellt war: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 20.07.2016, C-341/15 (Ma­schek).

Urlaubsabgeltung auch nach längerer unwiderruflicher Freistellung unter Fortzahlung der Vergütung?

Im deut­schen Ar­beits­recht bzw. auf der Grund­la­ge des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes (BUrlG) muss ei­ne Ur­laubser­tei­lung vor­ab aus­drück­lich als sol­che be­zeich­net wer­den, d.h. als "Ur­laubs­gewährung", als "un­wi­der­ruf­li­che Frei­stel­lung un­ter An­rech­nung von Ur­laub", als "Be­ur­lau­bung" oder dgl.

Denn da es in § 7 Abs.1 Satz 1 BUrlG heißt, dass "bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs" die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers "zu berück­sich­ti­gen" sind, muss der Ar­beit­ge­ber aus­drück­lich Ur­laub gewähren bzw. er­tei­len. Ei­ne Selbst­be­ur­lau­bung des Ar­beit­neh­mers ist nach deut­schem Ur­laubs­recht eben­so we­nig möglich wie die nachträgli­che "Um­wid­mung" ei­ner be­zahl­ten Frei­stel­lung in ei­ne Ur­laubs­gewährung.

Das hat Fol­gen für die Ur­laubs­ab­gel­tung gemäß § 7 Abs.4 BUrlG. Nach die­ser Vor­schrift ist der Ur­laub ab­zu­gel­ten, d.h. es gibt Geld statt Ur­laub, wenn der Ur­laub "we­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses" nicht mehr gewährt wer­den kann. Hat der Ar­beit­ge­ber da­her den Ar­beit­neh­mer länge­re Zeit ge­gen Be­zah­lung frei­ge­stellt und ver­ein­bart man dann kurz­fris­tig ei­ne Ver­trags­be­en­di­gung, ist der Ur­laub ab­zu­gel­ten, denn die be­zahl­te Frei­stel­lung ist für sich ge­nom­men noch kei­ne Ur­laubs­gewährung.

Al­ler­dings fragt sich, ob das auch für die Aus­le­gung von Art.7 Abs.2 der Richt­li­nie 2003/88/EG gilt. Die­se Vor­schrift ver­bie­tet ein Ab­kau­fen des Ur­laubs­an­spruchs bzw. er­laubt ei­ne fi­nan­zi­el­le Entschädi­gung nur bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Dar­aus lei­tet der EuGH ei­nen An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung ab, wenn der Ar­beit­neh­mer we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne Ge­le­gen­heit mehr da­zu hat­te, den Ur­laub in Na­tur zu neh­men.

Mögli­cher­wei­se ist es mit dem vom EuGH aus Art.7 Abs.2 der Richt­li­nie 2003/88/EG her­ge­lei­te­ten An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung ver­ein­bar, ei­ne un­wi­der­ruf­li­che und be­zahl­te Frei­stel­lung von der Ar­beit nachträglich auf den Ab­gel­tungs­an­spruch an­zu­rech­nen.

Der Vorlagefall: Wiener Beamter ist eineinhalb Jahre unter Fortzahlung der Bezüge freigestellt und wird dann auf seinen Antrag hin pensioniert

Im Streit­fall war Herr Ma­schek, ein Be­am­ter der Stadt Wien, zunächst vom 15.11.2010 bis zum 31.12.2010 ar­beits­unfähig er­krankt. Für die fol­gen­den 18 Mo­na­te, vom 01.01.2011 bis zum 30.06.2012, war er auf­grund zwei­er mit dem Dienst­herrn ge­trof­fe­ner Ver­ein­ba­run­gen un­wi­der­ruf­lich und ge­gen Be­zah­lung von der Ar­beit frei­stellt, da bei­de Par­tei­en da­von aus­gin­gen, dass Herr Ma­schek demnächst auf ei­ge­nen An­trag hin pen­sio­niert wer­den würde. Die ers­te Frei­stel­lungs­ver­ein­ba­rung hat­te man am 20.10.2010, die zwei­te am 21.07.2011 ge­trof­fen.

Nach sei­ner Be­ren­tung ver­lang­te Herr Ma­schek Ur­laubs­ab­gel­tung mit der Be­gründung, er sei "kurz vor dem 30.06.2012" er­neut er­krankt. Die Ma­gis­trats­di­rek­ti­on der Stadt Wien wies den An­spruch zurück und ver­wies auf ein­schlägi­ge Be­am­ten­rechts­vor­schrif­ten, die ei­nen An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung im Er­geb­nis aus­sch­ließen, wenn der pen­sio­nier­te Be­am­te sei­ne Ver­set­zung in den Ru­he­stand selbst be­an­tragt.

Das mit dem Fall be­fass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Wien leg­te dem Ge­richts­hof un­ter an­de­rem die Fra­ge vor, ob ein sol­cher Aus­schluss der Ur­laubs­ab­gel­tung mit Art.7 Abs.2 der Richt­li­nie 2003/88/EG ver­ein­bar ist.

EuGH: War der Arbeitnehmer aufgrund einer Vereinbarung mit dem Arbeitgeber vor seiner Pensionierung bezahlt freigestellt, schreibt das EU-Recht keine Urlaubsabgeltung vor

Der Ge­richts­hof ent­schied zunächst ein­mal (we­nig über­ra­schend), dass der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung ei­nem pen­sio­nier­ten Be­am­ten nicht des­halb ver­wei­gert wer­den darf, weil er auf ei­ge­nen An­trag hin pen­sio­niert wur­de.

Da­bei ver­weist der EuGH auf sein Ur­teil vom 12.06.2014 in der An­ge­le­gen­heit Bol­la­cke (C-118/13, Rn.23), in dem er be­reits deut­lich ge­macht hat­te, dass es für den An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung kei­ne Rol­le spie­len kann, aus wel­chen Gründen ein Ar­beits­verhält­nis be­en­det wird.

Das hat­te auch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt (BVerwG) be­reits Mit­te 2014 so ent­schie­den (BVerwG, Ur­teil vom 30.04.2014, 2 A 8.13): Auf wes­sen Ver­an­las­sung das Dienst­verhält­nis ei­nes Be­am­ten be­en­det wird oder in wes­sen "Ver­ant­wor­tungs­be­reich" der Be­en­di­gungs­grund fällt, ist für den An­spruch auf Ab­gel­tung des vierwöchi­gen Min­des­t­ur­laubs­an­spruchs nach Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG un­er­heb­lich.

In sei­nem ak­tu­el­len Ur­teil macht der Ge­richts­hof al­ler­dings ei­ne wich­ti­ge Ein­schränkung: Ist ein Ar­beit­neh­mer auf­grund ei­ner Frei­stel­lungs­ver­ein­ba­rung vor Be­en­di­gung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses ver­pflich­tet, nicht an sei­nem Ar­beits­platz zu er­schei­nen, erhält er aber den­noch sei­ne Vergütung, so hat er im All­ge­mei­nen kei­nen An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung (es sei denn, er war krank).

Fa­zit: Der EuGH schränkt mit der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung den An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung nach Art.7 Abs.2 der Richt­li­nie 2003/88/EG ein, und zwar für die Fälle ei­ner (länge­ren) un­wi­der­ruf­li­chen Frei­stel­lung un­ter Fort­zah­lung der Vergütung vor Ver­trags­be­en­di­gung. Das ist plau­si­bel, denn sol­che Frei­stel­lun­gen un­ter­schei­den sich nur da­durch von Be­ur­lau­bun­gen, dass die aus­drück­li­che Zweck­be­stim­mung der Be­ur­lau­bung bzw. das Eti­kett "Ur­laub" fehlt.

Das deut­sche Ur­laubs­recht geht nach der­zei­ti­ger Recht­spre­chung der Ar­beits­ge­rich­te über das EU-Recht hin­aus. Denn ein An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung be­steht nach deut­schem Recht auch dann, wenn der Ar­beit­neh­mer länge­re Zeit vor Ver­trags­be­en­di­gung un­wi­der­ruf­lich frei­ge­stellt, aber eben nicht aus­drück­lich be­ur­laubt war.

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Letzte Überarbeitung: 1. November 2016

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