Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Urlaub
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 9 AZR 425/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 09.08.2011
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Aachen, Urteil vom 8.12.2009, 4 Ca 2559/09
Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 18.05.2010, 12 Sa 38/10
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

9 AZR 425/10 12 Sa 38/10

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am 9. Au­gust 2011

UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 9. Au­gust 2011 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Düwell, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer und Dr. Suckow so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Schmid und Müller für Recht er­kannt:


- 2 -

Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln vom 18. Mai 2010 - 12 Sa 38/10 - wird zurück­ge­wie­sen.

Der Kläger hat die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob dem Kläger Er­ho­lungs­ur­laub aus den

Jah­ren 2005 bis 2007 zu­steht.

Der Kläger ist seit dem 1. Ja­nu­ar 1991 bei der Be­klag­ten, ei­nem Ver

kehrs­un­ter­neh­men mit Sitz in Nord­rhein-West­fa­len, als Bus­fah­rer und Fahr-aus­weisprüfer beschäftigt. Er hat ei­nen jähr­li­chen An­spruch auf 30 Ar­beits­ta­ge Er­ho­lungs­ur­laub. Gemäß § 7 des die Par­tei­en ver­bin­den­den For­mu­lar­ar­beits­ver­trags vom 18. De­zem­ber 1990 (ArbV) fin­den auf das Ar­beits­verhält­nis die für die Be­klag­te gel­ten­den Ta­rif­verträge An­wen­dung.

Der mit Wir­kung zum 1. Ja­nu­ar 2007 in Kraft ge­tre­te­ne Spar­ten­ta­rif­ver-

trag Nah­ver­kehrs­be­trie­be idF des Über­lei­tungs­ta­rif­ver­trags vom 4. Au­gust 2006 (TV-N NW) re­gelt für Ar­beit­neh­mer, die - wie der Kläger - bis 30. Ju­ni 2006 in den Dienst der Be­klag­ten tra­ten, ua. Fol­gen­des:

„§ 15 Er­ho­lungs­ur­laub, Zu­satz­ur­laub

(1) Der Ar­beit­neh­mer hat in je­dem Ur­laubs­jahr An­spruch auf Er­ho­lungs­ur­laub ...

...

(9) Der Ur­laub ist in dem Ur­laubs­jahr zu gewähren und zu neh­men, für das der Ur­laubs­an­spruch be­steht. ...

...“


- 3 -

In den Ka­len­der­jah­ren 2005 bis 2007 er­hielt der Kläger kei­nen Er­ho-

lungs­ur­laub. Ab 11. Ja­nu­ar 2005 war er krank­heits­be­dingt ar­beits­unfähig. Am 9. Ju­ni 2008 nahm er sei­ne Ar­beit wie­der auf.

Im wei­te­ren Ver­lauf des Jah­res 2008 gewähr­te die Be­klag­te dem Kläger

an 30 Ar­beits­ta­gen Er­ho­lungs­ur­laub.

Mit Schrei­ben vom 22. April 2009, das der Be­klag­ten am 24. April 2009

zu­ging, mach­te der Kläger er­folg­los Ur­laub aus den Jah­ren 2005 bis 2007 gel­tend.

Der Kläger hat die Rechts­auf­fas­sung ver­tre­ten, die Be­klag­te sei ver-

pflich­tet, ihm den in den Jah­ren 2005 bis 2007 er­wor­be­nen Er­ho­lungs­ur­laub zu gewähren. § 7 Abs. 3 BUrlG gel­te nur für den Ur­laub des je­wei­li­gen Ka­len­der­jah­res.

Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt

fest­zu­stel­len, dass ihm für die Jah­re 2005 bis 2007 Er­ho­lungs-

ur­laub in Höhe von ins­ge­samt 90 Ur­laubs­ta­gen zu­steht.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie ist der An­sicht,

die Ur­laubs­ansprüche des Klägers sei­en be­fris­tet und des­halb mit Ab­lauf des 31. De­zem­ber 2008 ver­fal­len.

Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit der Re­vi­si­on ver-

folgt der Kläger sein Kla­ge­be­geh­ren wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe

A. Die Re­vi­si­on ist nicht be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die

Be­ru­fung des Klägers ge­gen das kla­ge­ab­wei­sen­de Ur­teil des Ar­beits­ge­richts zu Recht zurück­ge­wie­sen. Die Kla­ge ist zulässig, aber nicht be­gründet.

I. Die Fest­stel­lungs­kla­ge ist zulässig.


- 4 -

1. Der Kläger hat ein recht­li­ches In­ter­es­se dar­an, durch das Ge­richt
fest­stel­len zu las­sen, ob ihm ge­gen die Be­klag­te aus den Jah­ren 2005 bis 2007 re­sul­tie­ren­de Ur­laubs­ansprüche zu­ste­hen (§ 256 Abs. 1 ZPO).

2. Der grundsätz­lich gel­ten­de Vor­rang der Leis­tungs­kla­ge (vgl. BAG

11. De­zem­ber 2001 - 9 AZR 435/00 - zu I der Gründe, EzA ZPO § 256 Nr. 59)

steht der Zulässig­keit ei­ner Kla­ge, mit der ein Ar­beit­neh­mer den Um­fang des

ihm zu­ste­hen­den Ur­laubs ge­richt­lich fest­ge­stellt wis­sen will, nicht ent­ge­gen

(hier­zu ausführ­lich: BAG 12. April 2011 - 9 AZR 80/10 - Rn. 13 bis 15, NZA

2011, 1050).

II. Die Kla­ge ist nicht be­gründet. Dem Kläger steht ein in den Jah­ren 2005

bis 2007 ent­stan­de­ner An­spruch auf Er­ho­lungs­ur­laub nicht zu. Für die von dem Kläger be­gehr­te Fest­stel­lung fehlt es an ei­ner Rechts­grund­la­ge. Selbst wenn der Se­nat zu­guns­ten des Klägers un­ter­stellt, dass ein lang­fris­tig ar­beits­unfähi­ger Ar­beit­neh­mer Ur­laubs­ansprüche, die aus dem Zeit­raum sei­ner Ar­beits­unfähig­keit re­sul­tie­ren, un­ein­ge­schränkt ku­mu­lie­ren kann (da­ge­gen: LAG Hamm 15. April 2010 - 16 Sa 1176/09 - LA­GE BUrlG § 7 Ab­gel­tung Nr. 27), ist der Ur­laubs­an­spruch mit Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res 2008 am 31. De­zem­ber 2008 un­ter­ge­gan­gen. Denn der Ur­laubs­an­spruch, der aus ei­nem frühe­ren Ur­laubs­jahr über­tra­gen wird, tritt zu dem Ur­laubs­an­spruch, der zu Be­ginn des Ur­laubs­jah­res ent­steht, hin­zu. Bei­de zu­sam­men bil­den ei­nen ein­heit­li­chen Ur­laubs­an­spruch. So­fern nicht ab­wei­chen­de ar­beits- oder ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen ein­grei­fen, ist der Teil des Ur­laubs­an­spruchs, der zu Be­ginn des Ur­laubs­jah­res ent­stan­den ist, an das Ur­laubs­jahr ge­bun­den (§ 7 Abs. 3 Satz 1 BUrlG); der Teil des Ur­laubs­an­spruchs, der über­tra­gen wur­de, un­ter­liegt grundsätz­lich dem be­son­de­ren Zeit­re­gime des § 7 Abs. 3 Satz 3 und Satz 4 BUrlG. Der Ur­laubs­an­spruch er­lischt dem­nach trotz lang­wie­ri­ger krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit, wenn der Ar­beit­neh­mer im Ka­len­der­jahr ein­sch­ließlich des Über­tra­gungs­zeit­raums so recht­zei­tig ge­sund und ar­beitsfähig wird, dass er in der ver­blei­ben­den Zeit sei­nen Ur­laub neh­men kann. Da­von ist das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu Recht aus­ge­gan­gen.


- 5 -

1. Un­ter der Prämis­se, dass ein Ar­beit­neh­mer, der über ei­nen lan­gen
Zeit­raum auf­grund von Krank­heit ar­beits­unfähig ist, Ur­laub un­be­schränkt an­sam­meln kann, be­trug der aus den Jah­ren 2005 bis 2007 re­sul­tie­ren­de Ur­laubs­an­spruch des Klägers nach En­de sei­ner na­he­zu drei­ein­halb Jah­re währen­den Ar­beits­unfähig­keit im Jahr 2008 90 Ar­beits­ta­ge. Dem Kläger ste­hen jähr­lich 30 Ar­beits­ta­ge Er­ho­lungs­ur­laub zu.

2. Die­ser Ur­laubs­an­spruch des Klägers ist mit Ab­lauf des Ur­laubs­jah-
res 2008 am 31. De­zem­ber 2008 un­ter­ge­gan­gen.

a) Man­gels ab­wei­chen­der ar­beits- oder ta­rif­ver­trag­li­cher Re­ge­lun­gen ist
der An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf Er­ho­lungs­ur­laub be­fris­tet. So­fern kein Über­tra­gungs­grund nach § 7 Abs. 3 BUrlG ge­ge­ben ist, verfällt der am En­de des Ur­laubs­jah­res nicht ge­nom­me­ne Ur­laub (vgl. BAG 21. Ju­ni 2005 - 9 AZR 200/04 - zu II 1 a der Gründe, AP In­sO § 55 Nr. 11 = EzA BUrlG § 7 Nr. 114; 10. Mai 2005 - 9 AZR 253/04 - zu III 2 a der Gründe, EzA BUrlG § 7 Ab­gel­tung Nr. 13; 20. Ju­ni 2000 - 9 AZR 405/99 - zu II 2 b cc der Gründe, BA­GE 95, 104). Dies gilt je­den­falls in den Fällen, in de­nen der Ar­beit­neh­mer nicht aus von ihm nicht zu ver­tre­ten­den Gründen, et­wa auf­grund von Ar­beits­unfähig­keit (sie­he hier­zu: BAG 24. März 2009 - 9 AZR 983/07 - Rn. 47 ff., BA­GE 130, 119), an der Ur­laubs­nah­me ge­hin­dert ist. Die ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lung des § 15 Abs. 9 Satz 1 TV-N NW, die auf­grund der Ver­wei­sung in § 7 ArbV auf das Ar­beits­ver­hält­nis der Par­tei­en An­wen­dung fin­det, enthält kei­ne von § 7 Abs. 3 BUrlG ab­wei­chen­de Re­ge­lung.

b) Das Fris­ten­re­gime des BUrlG be­ruht auf ei­nem per­pe­tu­ie­ren­den Sys-
tem (vgl. zu ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen: BAG 20. Au­gust 1996 - 9 AZR 22/95 - zu I 4 der Gründe, BA­GE 84, 23). Der Se­nat hat für ei­nen Ur­laubsan­spruch aus dem Vor­jahr, der nach § 7 Abs. 3 BUrlG auf das Fol­ge­jahr über­tra­gen wur­de, an­ge­nom­men, er un­ter­schei­de sich im ge­setz­lich be­fris­te­ten Über­tra­gungs­zeit­raum des § 7 Abs. 3 BUrlG nicht von dem Ur­laubs­an­spruch des lau­fen­den Ur­laubs­jah­res (BAG 10. Fe­bru­ar 2004 - 9 AZR 116/03 - zu III 4 b cc (1) der Gründe, BA­GE 109, 285). Er tritt zu dem am 1. Ja­nu­ar des Ur­laubs­jah­res neu er­wor­be­nen Ur­laubs­an­spruch hin­zu. Er ist ei­nem „Über­trag” in ei­ner


- 6 -

lau­fen­den Rech­nung ver­gleich­bar (BAG 25. Au­gust 1987 - 8 AZR 118/86 - zu 2 a der Gründe, BA­GE 56, 53). Dau­ert das krank­heits­be­ding­te Hin­der­nis für die In­an­spruch­nah­me an oder tritt ein neu­es in § 7 Abs. 3 Satz 2 BUrlG ge­re­gel­tes Hin­der­nis - drin­gen­de be­trieb­li­che oder per­so­nen­be­ding­te Gründe - an des­sen Stel­le, so bleibt der Ur­laubs­an­spruch durch wei­te­re Über­tra­gun­gen er­hal­ten, es sei denn, ei­ne aus Art. 9 des Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on über den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub vom 24. Ju­ni 1970 (im Fol­gen­den: Übe­r­ein­kom­men Nr. 132 der IAO; Nähe­res da­zu un­ter A II 2 f der Gründe) ab­zu­lei­ten­de Be­gren­zung der Höchstüber­tra­gungs­dau­er greift ein. Zum Ur­laubs­an­spruch gehört folg­lich nicht nur der je­weils neu­es­te, am 1. Ja­nu­ar ei­nes je­den Ka­len­der­jah­res ent­ste­hen­de An­spruch, son­dern auch der in­fol­ge der Über­tra­gung hin­zu­tre­ten­de, noch zu erfüllen­de An­spruch aus dem Vor­jahr. Auf die­se ku­mu­lie­ren­de Wei­se wächst der Ur­laubs­an­spruch an. Nach § 7 Abs. 3 Satz 3 BUrlG be­steht nur die Be­son­der­heit, dass der Ar­beit­ge­ber im In­ter­es­se ei­ner zeit­na­hen Er­ho­lung den An­teil des Ur­laubs­an­spruchs, der vor dem lau­fen­den Ur­laubs­jahr ent­stan­den ist, in­ner­halb des ers­ten Quar­tals gewähren muss. Geht der aus dem Vor­jahr über­tra­ge­ne Ur­laubs­an­spruch trotz Ab­laufs des Über­tra­gungs­zeit­raums - et­wa we­gen an­dau­ern­der krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers (sie­he hier­zu: BAG 24. März 2009 - 9 AZR 983/07 - Rn. 45, BA­GE 130, 119) - nicht un­ter, ist die­ser Teil des Ur­laubs­an­spruchs ge­genüber dem Teil, den der Ar­beit­neh­mer zu Be­ginn des ak­tu­el­len Ur­laubs­jah­res er­wor­ben hat, nicht pri­vi­le­giert. Er un­ter­liegt dem Fris­ten­re­gime des § 7 Abs. 3 BUrlG. Die in den Schluss­anträgen der Ge­ne­ral­anwältin am Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on Trs­ten­jak erörter­te Fra­ge, ob der Ar­beit­neh­mer auf die­se Wei­se Ur­laub über meh­re­re Jah­re hin­weg an­sam­meln kann oder Art. 9 des Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der IAO ei­ne zeit­li­che Be­gren­zung zu ent­neh­men ist (vgl. Schluss­anträge vom 7. Ju­li 2011 - C-214/10 - [KHS AG ge­gen Schul­te]), lässt der Se­nat of­fen. Sie ist im Streit­fall nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich.

c) Kon­se­quenz der Be­fris­tungs­re­ge­lun­gen ist, dass der Ur­laubs­an­spruch

trotz lang­wie­ri­ger krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit er­lischt, wenn der Ar­beit­neh­mer im Ka­len­der­jahr oder im Über­tra­gungs­zeit­raum so recht­zei­tig


- 7 -

ge­sund und ar­beitsfähig wird, dass er in der ver­blei­ben­den Zeit sei­nen Ur­laub neh­men kann (vgl. ErfK/Dörner/Gall­ner 11. Aufl. § 7 BUrlG Rn. 39m). An­de­ren­falls käme es zu ei­ner nicht ge­recht­fer­tig­ten Pri­vi­le­gie­rung des ehe­mals ar­beits­unfähig er­krank­ten, nun aber ge­ne­se­nen Ar­beit­neh­mers ge­genüber den übri­gen Ar­beit­neh­mern. Während je­ner Ur­laubs­ansprüche jen­seits der Be­fris­tungs­re­ge­lun­gen des § 7 Abs. 3 BUrlG er­wor­ben hätte, obläge es die­sen, den Ur­laub bin­nen der in § 7 Abs. 3 BUrlG be­stimm­ten Fris­ten zu neh­men. Ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung ist sach­lich nicht ge­recht­fer­tigt.

d) In An­wen­dung die­ser Grundsätze ver­fiel der Ur­laubs­an­spruch des
Klägers, der aus dem streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum der Jah­re 2005 bis 2007 herrühr­te, spätes­tens mit Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res 2008. Dies gilt un­abhängig da­von, ob es dem Ar­beit­neh­mer im Fall ei­ner lang­fris­ti­gen Ar­beits­unfähig­keit über­haupt recht­lich möglich ist, Ur­laub un­be­schränkt an­zu­sam­meln. Legt man für die Be­rech­nung der Ar­beits­ta­ge ei­ne Fünf-Ta­ge-Wo­che zu­grun­de und berück­sich­tigt man die für Nord­rhein-West­fa­len gel­ten­den Fei­er­ta­ge, die im Jahr 2008 nicht auf ei­nen Sams­tag oder Sonn­tag fie­len, la­gen zwi­schen der Wie­der­auf­nah­me der Ar­beit am 9. Ju­ni 2008 und dem Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res am 31. De­zem­ber 2008 145 Ar­beits­ta­ge. Der Kläger hätte den Ur­laub, den er für die Jah­re 2005 bis 2007 gel­tend macht (90 Ar­beits­ta­ge), und den Ur­laub, den er am 1. Ja­nu­ar 2008 er­warb (30 Ar­beits­ta­ge), in dem Zeit­raum bis zum 31. De­zem­ber 2008 neh­men können. Der Kläger hat Umstände, die zur Über­tra­gung des Ur­laubs in das Fol­ge­jahr führ­ten (§ 7 Abs. 3 Satz 2 BUrlG) nicht vor­ge­tra­gen; im Übri­gen sind sie nicht er­sicht­lich.

e) Uni­ons­recht steht der zeit­li­chen Be­fris­tung des Ur­laubs­an­spruchs nicht
ent­ge­gen, so­fern der Ar­beit­neh­mer die Möglich­keit hat, den Ur­laubs­an­spruch vor dem En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums zu rea­li­sie­ren. Der EuGH hält ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung, die ei­nen Über­tra­gungs­zeit­raum für den am En­de des Be­zugs­zeit­raums nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub vor­sieht, für zulässig. Denn sie eröff­net ei­nem Ar­beit­neh­mer, der dar­an ge­hin­dert war, sei­nen Jah­res­ur­laub zu neh­men, ei­ne zusätz­li­che Möglich­keit, in den Ge­nuss des Ur­laubs zu kom­men. Die Re­ge­lung darf grundsätz­lich auch den Ver­lust des An­spruchs auf

- 8 -

be­zahl­ten Jah­res­ur­laub am En­de ei­nes Be­zugs- oder Über­tra­gungs­zeit­raums be­inhal­ten. Der EuGH bil­ligt da­mit grundsätz­lich den Re­ge­lungs­zweck des § 7 Abs. 3 Satz 2 und Satz 3 BUrlG, den Ar­beit­neh­mer durch den dro­hen­den Ver­lust des Ur­laubs­an­spruchs an­zu­hal­ten, den Ur­laub als Un­ter­bre­chung der Ar­beit möglichst im lau­fen­den Jahr zu neh­men oder - so­weit dies aus be­trieb­li­chen oder persönli­chen Gründen nicht möglich ist - den zeit­li­chen Ab­stand zum Ur­laubs­jahr ge­ring zu hal­ten. Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. EU L 299 vom 18. No­vem­ber 2003 S. 9) dient da­mit so­wohl der Si­cher­heit als auch der Ge­sund­heit des Ar­beit­neh­mers. Die­ses Re­ge­lungs­ziel er­for­dert ei­ne zeit­na­he In­an­spruch­nah­me des Ur­laubs. Je größer der zeit­li­che Ab­stand zwi­schen Ur­laubs­jahr und Ur­laubs­gewährung ist, des­to größer ist die Ge­fahr, dass der Zweck des Ur­laubs ver­fehlt wird. Ei­ne Aus­nah­me ist - un­ter wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen - le­dig­lich in den Fällen an­ge­bracht, in de­nen die in § 7 Abs. 3 BUrlG be­stimm­te Frist nicht aus­reicht, um den durch Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG gewähr­leis­te­ten Ge­samt­ur­laub als Sum­me aus dem al­ten und neu­en Ur­laub tatsächlich zu neh­men (vgl. EuGH 20. Ja­nu­ar 2009 - C-350/06 und C-520/06 - [Schultz-Hoff] Rn. 43, Slg. 2009, I-179).

f) Die in § 7 Abs. 3 BUrlG ge­re­gel­te Be­fris­tung des Ur­laubs­an­spruchs ist

auch mit den von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land durch die Ra­ti­fi­zie­rung des Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der IAO über­nom­me­nen Ver­pflich­tun­gen ver­ein­bar (vgl. BAG 24. Sep­tem­ber 1996 - 9 AZR 364/95 - zu A II 1 der Gründe, BA­GE 84, 140). Das Übe­r­ein­kom­men wirkt nicht un­mit­tel­bar auf Ar­beits­verhält­nis­se in der Wei­se ein, dass es de­ren In­halt nor­ma­tiv aus­ge­stal­te­te. Viel­mehr hat der Bun­des­ge­setz­ge­ber das deut­sche Ur­laubs­recht durch die Ver­ab­schie­dung des Heim­ar­beitsände­rungs­ge­set­zes vom 29. Ok­to­ber 1974 (BGBl. I S. 2879) den Vor­ga­ben des Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der IAO ent­spre­chend an­ge­passt (ausführ­lich da­zu: BAG 7. De­zem­ber 1993 - 9 AZR 683/92 - zu I 5 der Gründe, BA­GE 75, 171). Da­nach hat der deut­sche Ge­setz­ge­ber die Frist für die In­an­spruch­nah­me des über­tra­ge­nen Teils des Ur­laubs­an­spruchs, die im Verhält­nis zu Art. 9 Abs. 1 des Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der IAO er­heb­lich kürzer ist, nicht geändert. Das steht nicht im Wi­der­spruch zur Vor­ga­be des


- 9 -

Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der IAO; die­ses setzt mit 12 bzw. 18 Mo­na­ten le­dig­lich ei­ne Höchst­frist, die un­ter­schrit­ten wer­den darf, um den Ar­beit­neh­mer zu ei­ner zeit­na­hen Ur­laubs­nah­me an­zu­hal­ten.

g) Ver­trau­ens­ge­sichts­punk­te ver­mag der Kläger nicht mit Er­folg ins Feld

zu führen. Der Kläger kann des­halb nicht ein­wen­den, er ha­be mit der ihn tref­fen­den Ob­lie­gen­heit, den Ur­laub, den er - mögli­cher­wei­se - in den Jah­ren 2005 bis 2007 an­sam­mel­te, bis zum 31. De­zem­ber 2008 zu neh­men, nicht rech­nen müssen. Der Ver­fall von Ur­laub am En­de des Ur­laubs­jah­res re­spek­ti­ve des Über­tra­gungs­zeit­raums ent­sprach der da­ma­li­gen Recht­spre­chung des Se­nats.

B. Der Kläger hat die Kos­ten der oh­ne Er­folg ein­ge­leg­ten Re­vi­si­on zu

tra­gen, § 97 Abs. 1 ZPO.

Düwell Krasshöfer Suckow

G. Müller W. Schmid

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 9 AZR 425/10  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880