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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Diskriminierung: Behinderung, Diskriminierung: Einstellung, Schwerbehinderung
   
Gericht: Hessisches Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 8 Sa 1374/14
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 02.06.2015
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Frankfurt am Main, Urteil vom 24.04.2014, 21 Ca 8338/13
Nachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 11.08.2016, 8 AZR 375/15
   

Ak­ten­zei­chen:
8 Sa 1374/14
21 Ca 8338/13
Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main

Te­nor

Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 24. April 2014 - 21 Ca 8338/13 - un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im Übri­gen teil­wei­se ab­geändert und zur Klar­stel­lung wie folgt neu ge­fasst:

Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger ei­ne Entschädi­gung gemäß § 15 Abs. 2 AGG in Höhe von 2.861,96 EUR zu zah­len.

Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Rechts­streits ha­ben zu 1/3 die Be­klag­te und zu 2/3 der Kläger zu tra­gen.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um ei­ne Entschädi­gungs­zah­lung.

Der Kläger ist ua. aus­ge­bil­de­ter Zen­tral­hei­zungs- und Lüftungs­bau­er und staat­lich ge­prüfter Um­welt­schutz­tech­ni­ker im Fach­be­reich Al­ter­na­ti­ve En­er­gi­en. Nach sei­nem Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis vom 12. Ju­li 2011 beträgt der Grad sei­ner Be­hin­de­rung 50.

Die Be­klag­te ist als hes­si­sche Kom­mu­ne ei­ne Körper­schaft des öffent­li­chen Rechts. Sie über­traf im Jahr 2012 die Pflicht­quo­te in § 71 Abs. 1 SGB IX mit ei­nem Be­set­zungs­grad von 11,32 %. Mit­te 2013 veröffent­lich­te die Be­klag­te ei­ne Stel­len­aus­schrei­bung für ei­nen tech­ni­schen An­ge­stell­ten zur Lei­tung des Sach­ge­biets Be­triebs­tech­nik des von ihr un­ter­hal­te­nen Kom­ple­xes „Pal­men­gar­ten“. Die Vergütung der Stel­le soll­te ent­spre­chend der Ent­gelt­grup­pe 11 TVöD, was zum Aus­schrei­bungs­zeit­punkt in Stu­fe 1 € 2.861,96 brut­to mo­nat­lich ent­sprach, er­fol­gen. In der Stel­len­aus­schrei­bung, we­gen de­ren Ein­zel­hei­ten im Übri­gen auf Bl. 52 d. A. ver­wie­sen wird, heißt es aus­zugs­wei­se wie folgt:

„…

Wir er­war­ten: Dipl.-Ing. (FH) oder staatl. ge­pr. Tech­ni­ker/in oder Meis­ter/in im Ge­werk Hei­zungs-/ Sa­nitär- / Elek­tro­tech­nik oder ver­gleich­ba­re Qua­li­fi­ka­ti­on; langjähri­ge Be­rufs- und Führungs­er­fah­rung; fun­dier­te Kennt­nis und si­che­re An­wen­dung der ein­schlägi­gen Re­gel­wer­ke, ins- bes. der Be­trSichV, UVV, MLAR, HausPrüfVO, HBO, VOB, VOL; Führungs- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­kom­pe­tenz; Kom­mu­ni­ka­ti­onsstärke und Teamfähig­keit; so­zia­le Kom­pe­tenz; Durch­set­zungs­vermögen; Ver­ant­wor­tungs- und Ein­satz­be­reit­schaft; selbstständi­ges Ar­bei­ten; gu­te schrift­li­che und münd­li­che Aus­drucksfähig­keit; gu­te Kennt­nis­se der MS- Of­fice-Pro­gram­me; Be­reit­schaft zum ge­le­gent­li­chen Dienst an Wo­chen­en­den und in den Abend- und Nacht­stun­den; Be­reit­schaft zur Wei­ter­bil­dung; in­ter­kul­tu­rel­le Kom­pe­tenz.

Schwer­be­hin­der­te Men­schen wer­den bei glei­cher Eig­nung be­vor­zugt ein­ge­stellt

...

Ih­re aus­sa­gefähi­gen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen rich­ten Sie bit­te bis zum 30.08.2013 un­ter An­ga­be der Kenn­zif­fer X3221/0281 an den:
Ma­gis­trat der Stadt

…“

Mit Schrei­ben vom 14. Au­gust 2013 (Bl. 3 f. d. A.) be­warb sich der Kläger bei der Be­klag­ten auf die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le, wo­bei er un­ter der Grußfor­mel mit Na­men Fol­gen­des auf­nahm:

„An­la­gen:

An­schrei­ben
Le­bens­lauf
Zeug­nis
Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis“

Sei­nem Be­wer­bungs­schrei­ben wa­ren ei­ne Ko­pie sei­nes Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses so­wie ein ins­ge­samt 5-sei­ti­ger ta­bel­la­ri­scher Le­bens­lauf vom 15. Ju­li 2013 bei­gefügt, der aus­zugs­wei­se fol­gen­de An­ga­ben ent­hielt und we­gen des­sen Ein­zel­hei­ten im Übri­gen auf Bl. 5 ff. d. A. ver­wie­sen wird:

BE­RUFSER­FAH­RUNG

10/07 - 09/12 Pro­jekt­sach­be­ar­bei­ter, Fa. A

...

Auf­ga­ben

09/04 - 08/09 Stell­ver­tre­ten­der Be­triebs­lei­ter in Teil­zeit, Fa. B, C

Um­welt­tech­nik, Al­ter­na­ti­ve En­er­gi­en, En­er­gie­be­ra­tung, Hei­zung, Lüftung und Sa­nitär Un­terstützung des Geschäftsführers, ca. 4 Mit­ar­bei­ter in Deutsch­land,

08/04 - 06/06 Wei­ter­bil­dung zum staat­lich ge­prüften Um­welt­schutz­tech­ni­ker, Tech­ni­ker­schu­le, D,

….

10/99 - 10/00 Ober­mon­teur, Fa. Neubeck

...

Auf­ga­ben

08/96 - 10/99 Haus­meis­ter und Tech­ni­scher Lei­ter

Auf­ga­ben

Auf die Stel­len­aus­schrei­bung gin­gen ins­ge­samt 56 Be­wer­bun­gen ein. Aus­weis­lich der Be­wer­berüber­sicht, we­gen de­ren Ein­zel­hei­ten auf Bl. 43 ff. d. A. ver­wie­sen wird, war der Be­klag­ten die Schwer­be­hin­de­rung des Klägers be­kannt.

Mit Schrei­ben vom 22. Au­gust 2013 (Bl. 49 d. A.) in­for­mier­te die Be­klag­te den Kläger über wie folgt über den Ein­gang sei­ner Be­wer­bung:

„Sehr ge­ehr­ter Herr E,

wir bestäti­gen den Ein­gang Ih­rer Be­wer­bung und dan­ken Ih­nen für das ge­zeig­te In­ter­es­se.

Die Prüfung er­for­dert er­fah­rungs­gemäß ei­ne ge­wis­se Zeit.

Wir bit­ten Sie da­her, das Er­geb­nis, über das wir Sie in je­dem Fall be­nach­rich­ti­gen wer­den, ab­zu­war­ten und sich bis da­hin zu ge­dul­den. “

Mit Schrei­ben vom 4. No­vem­ber 2013 er­teil­te die Be­klag­te dem Kläger ei­ne Ab­sa­ge sei­ner Be­wer­bung. In dem Schrei­ben, we­gen des­sen Ein­zel­hei­ten im Übri­gen auf Bl. 50 d. A. ver­wie­sen wird, führ­te sie ua. wie folgt aus:

„In­zwi­schen wur­de über die Be­set­zung der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le ent­schie­den.

Lei­der müssen wir Ih­nen mit­tei­len, dass Sie hier­bei nicht berück­sich­tigt wer­den konn­ten, da es hin­sicht­lich der Erfüllung der fach­li­chen An­for­de­run­gen ei­nen bes­ser qua­li­fi­zier­ten Be­wer­ber gab, der sehr aus­ge­prägte Fach­kennt­nis­se so­wie langjähri­ge Be­rufs­er­fah­rung in al­len ge­nann­ten Ge­wer­ken vor­wei­sen kann und zu­dem im be­son­de­ren Maße über die im An­for­de­rungs­pro­fil ge­for­der­te langjähri­ge Führungs­er­fah­rung verfügt

…“

Mit sei­ner am 15. No­vem­ber 2013 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­nen und der Be­klag­ten am 7. De­zem­ber 2013 zu­ge­stell­ten Kla­ge hat der Kläger die Zah­lung ei­ner Entschädi­gung we­gen Dis­kri­mi­nie­rung als schwer­be­hin­der­ter Mensch gel­tend ge­macht. Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, be­reits im Hin­blick auf die un­ter­blie­be­ne Ein­la­dung zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch sei da­von aus­zu­ge­hen, dass die ab­leh­nen­de Ent­schei­dung sei­ner Be­wer­bung zu­min­dest auch we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung er­folgt sei. Da­bei sei ei­ne Entschädi­gung in Höhe von drei Brut­to­mo­nats­gehältern an­ge­mes­sen.

Der Kläger hat be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG zu zah­len, de­ren Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird, die al­ler­dings € 8.585,88 nicht un­ter­schrei­ten soll­te.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat be­haup­tet, der Kläger sei bei der Aus­wah­l­ent­schei­dung für die zu be­set­zen­de Stel­le nicht we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt wor­den.

Die Be­klag­te hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der Kläger sei für die Be­set­zung der Stel­le of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net ge­we­sen, da er nicht das An­for­de­rungs­pro­fil der Stel­len­aus­schrei­bung erfüllt ha­be. Er ha­be in sei­ner Be­wer­bung nämlich nicht die An­for­de­rungs­pro­fi­le „langjähri­ge Führungs­er­fah­rung“ und „Führungs­kom­pe­tenz“ nach­ge­wie­sen. Im Übri­gen ha­be es sich bei der Be­wer­bung nicht um ei­ne Be­wer­bung im Rechts­sin­ne ge­han­delt, weil der Kläger kei­ner­lei Nach­wei­se für die an­geführ­ten Be­rufs­ab­schlüsse bzw. kei­ne Ar­beits­zeug­nis­se bei­gefügt ha­be.

Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main hat der Kla­ge mit am 24. April 2014 verkünde­tem Ur­teil statt­ge­ge­ben. Zur Be­gründung hat es im We­sent­li­chen aus­geführt, der Kläger sei im Rah­men des Be­wer­bungs­ver­fah­rens in un­zulässi­ger Wei­se als schwer­be­hin­der­ter Mensch dis­kri­mi­niert wor­den. Zu­min­dest ließen die un­strei­ti­gen Umstände des Be­wer­bungs­ver­fah­rens ein ent­spre­chen­des dis­kri­mi­nie­ren­des Mo­tiv der Be­klag­ten nach § 22 AGG ver­mu­ten. Der Kläger sei für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le ob­jek­tiv ge­eig­net ge­we­sen. Die Stel­len­aus­schrei­bung der Be­klag­ten ent­hal­te ei­ne Viel­zahl un­ter­schied­li­cher An­for­de­rungs­kri­te­ri­en, oh­ne dass bei je­dem Kri­te­ri­um deut­lich wird, was als zwin­gen­de An­for­de­rung und was le­dig­lich als wünschens­wer­te An­for­de­rung ver­stan­den wird. Ge­ra­de bei den Kri­te­ri­en „Führungs­kom­pe­tenz“ und „Führungs­er­fah­rung“ han­de­le es sich um sol­che, die re­gelmäßig nicht durch Vor­la­ge förm­li­cher Ab­schlüsse bzw. Zer­ti­fi­ka­te nach­ge­wie­sen wer­den könn­ten. Auch sei we­der aus der Stel­len­aus­schrei­bung noch aus dem Pro­zess­vor­trag der Be­klag­ten letzt­end­lich er­kenn­bar, was sie un­ter die­sen Be­griff­lich­kei­ten kon­kret ver­ste­he und was sie von den Be­wer­bern zum Nach­weis der er­war­te­ten Kom­pe­ten­zen kon­kret er­war­tet ha­be. Un­abhängig da­von ha­be der Kläger in sei­nem Le­bens­lauf auf­geführt, dass er in un­ter­schied­li­chen Funk­tio­nen als Vor­ge­setz­ter Mit­ar­bei­ter und Aus­zu­bil­den­de geführt ha­be. Es ha­be sich auch um ei­ne Be­wer­bung im Rechts­sin­ne ge­han­delt. Es sei zu berück­sich­ti­gen, dass der Kläger das an die Be­klag­te ge­rich­te­te Be­wer­bungs­an­schrei­ben vom 14. Au­gust 2013 ta­del­los for­mu­liert ha­be. Auch der dem Be­wer­bungs­an­schrei­ben bei­gefügte ta­bel­la­ri­sche Le­bens­lauf sei sehr um­fas­send und sorgfältig aus­ge­ar­bei­tet wor­den und ge­be ei­nen um­fas­sen­den Über­blick über sei­nen be­ruf­li­chen Wer­de­gang. Für ei­ne nicht ernst­haft ge­mein­te Be­wer­bung des Klägers ge­be es al­lein vor die­sem Hin­ter­grund mit­hin kei­ner­lei An­halts­punk­te. Sch­ließlich ha­be die Be­klag­te im Schrei­ben vom 4. No­vem­ber 2013 die ab­schlägi­ge Be­schei­dung der Be­wer­bung des Klägers auch nicht mit feh­len­den bzw. un­vollständi­gen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen, son­dern mit bes­ser qua­li­fi­zier­ten Be­wer­bern be­gründet. Als an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung für die un­zulässi­ge Dis­kri­mi­nie­rung des Klägers we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung im streit­ge­genständ­li­chen Be­wer­bungs­ver­fah­ren sei ein Be­trag in Höhe von drei Brut­to­mo­nats­gehältern fest­zu­set­zen. Vor­lie­gend recht­fer­ti­ge sich die Fest­set­zung ei­ner Entschädi­gung von drei Brut­to­mo­nats­gehältern vor al­lem auf­grund des Um­stan­des, dass das Be­wer­bungs­ver­fah­ren ab­ge­schlos­sen sei und der Kläger dau­er­haft die Chan­ce der Be­gründung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses mit der Be­klag­ten bezüglich der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le ver­lo­ren ha­be. Darüber hin­aus sei zu berück­sich­ti­gen ge­we­sen, dass die Be­klag­te ihr Fehl­ver­hal­ten bis­her we­der ein­ge­stan­den noch sich beim Kläger we­gen der un­ter­blie­be­nen Ein­la­dung zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ent­schul­digt ha­be.

Ge­gen das Ur­teil vom 24. April 2014, das der Be­klag­ten am 23. Sep­tem­ber 2014 zu­ge­stellt wor­den ist, hat sie mit am 8. Ok­to­ber 2014 bei dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist auf recht­zei­ti­gen An­trag hin bis zum 23. De­zem­ber 2014 durch am 19. De­zem­ber 2014 bei dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet.

Die Be­klag­te macht mit der Be­ru­fung un­ter Wie­der­ho­lung ih­res erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens gel­tend, sie sei nicht ver­pflich­tet ge­we­sen, den Kläger zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den, weil ihm die fach­li­che Eig­nung für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le of­fen­sicht­lich ge­fehlt ha­be. Ih­re Stel­len­be­schrei­bung ent­hal­te nur zwin­gen­de An­for­de­run­gen. Dies gel­te je­den­falls für die ge­nann­te Aus­bil­dung und die ge­for­der­te Führungs­ver­ant­wor­tung. Die vom Kläger durch­lau­fe­ne Aus­bil­dung zum Hei­zungs- und Lüftungs­bau­er sei nur ein klei­ner Teil­aus­schnitt des Ge­wer­kes „Hei­zungs-/Sa­nitär-/Elek­tro­tech­nik“. Ihm feh­le es aber auch an der Führungs­er­fah­rung. In je­dem Fall sei die Höhe der Entschädi­gung vom Ar­beits­ge­richt über­setzt wor­den. Von ihr könne nicht ver­langt wer­den, ihr Fehl­ver­hal­ten ein­zu­ge­ste­hen oder sich zu ent­schul­di­gen. Die­ses Abwägungs­ele­ment lau­fe dar­auf hin­aus, ihr ab­zu­ver­lan­gen, ih­ren zu­min­dest ver­tret­ba­ren Rechts­stand­punkt auf­zu­ge­ben, dass der Kläger of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net sei. Es müsse auch ei­nem öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber möglich sein, sich in der Sa­che zu ver­tei­di­gen, oh­ne dafür im Ge­gen­zug mit ei­ner höhe­ren Entschädi­gung sank­tio­niert zu wer­den. Sie ha­be zu­dem die Rech­te der Schwer­be­hin­der­ten im Übri­gen ge­ach­tet. Sie ha­be nicht nur die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ein­ge­schal­tet, son­dern auch die Agen­tur für Ar­beit. Zu­dem beschäfti­ge sie deut­lich mehr Schwer­be­hin­der­te als nach dem SGB IX er­for­der­lich.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 24. April 2014 - 21 Ca 8338/13 - ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Der Kläger ver­tei­digt die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung un­ter Wie­der­ho­lung und Ver­tie­fung sei­nes erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens. Er trägt vor, ei­ne of­fen­kun­di­ge fach­li­che Nich­t­eig­nung für die zu be­set­zen­de Stel­le ha­be nicht vor­ge­le­gen. Ins­be­son­de­re die Führungs­kom­pe­tenz ei­nes Men­schen könne erst durch ei­nen persönli­chen Ein­druck des Be­wer­bers in ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch er­mit­telt wer­den. An der durch das Ar­beits­ge­richt er­mit­tel­ten Entschädi­gungshöhe sei fest­zu­hal­ten.

We­gen des wei­te­ren Sach­vor­tra­ges der Par­tei­en, ih­rer Be­weis­an­trit­te und der von ih­nen über­reich­ten Un­ter­la­gen so­wie ih­rer Rechts­ausführun­gen im Übri­gen wird ergänzend auf den ge­sam­ten Ak­ten­in­halt Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ist gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 2 b) ArbGG nach dem Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des statt­haft und auch darüber hin­aus zulässig, ins­be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den, § 66 Abs. 1 ArbGG, §§ 519, 520 Abs. 1, 3 und 5 ZPO. In der Sa­che ist die Be­ru­fung zum Teil be­gründet. Dem Kläger steht dem Grun­de nach ein Entschädi­gungs­an­spruch nach § 15 Abs. 2 AGG, § 81 Abs. 2 Satz 1 SGB IX zu. Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten ist die­ser je­doch der Höhe nach zu re­du­zie­ren. Im Ein­zel­nen:

I.

Die zulässi­ge Be­ru­fung ist zum Teil be­gründet. Der Entschädi­gungs­an­spruch ist auf ein Brut­to­mo­nats­ge­halt zu re­du­zie­ren.

1. Der auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung ge­rich­te­te Kla­ge­an­trag ist hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Der Kläger ist be­rech­tigt, die Höhe der Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG in das Er­mes­sen des Ge­richts zu stel­len, dem bei die­ser Ent­schei­dung ein Be­ur­tei­lungs­spiel­raum ein­geräumt wird (BAG 17. Au­gust 2010 - 9 AZR 839/08 - EzA SGB IX § 81 Nr. 21). Der Kläger muss le­dig­lich Tat­sa­chen, die das Ge­richt bei der Be­stim­mung des Be­trags her­an­zie­hen soll, be­nen­nen und die Größen­ord­nung der gel­tend ge­mach­ten For­de­rung an­ge­ben (BAG 24. April 2008 - 8 AZR 257/07 - AP AGG § 33 Nr. 2). Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind erfüllt. Der Kläger hat ei­nen Sach­ver­halt dar­ge­legt, wel­cher der Kam­mer grundsätz­lich die Be­stim­mung ei­ner Entschädi­gung ermöglicht, und den Min­dest­be­trag der aus sei­ner Sicht an­ge­mes­se­nen Entschädi­gung mit € 8.585,88 be­zif­fert.

2. Die Kla­ge ist in Höhe ei­nes Be­tra­ges von € 2.861,96 nach § 15 Abs. 2 Satz 1 AGG, § 81 Abs. 2 SGB IX be­gründet, weil die Be­klag­te bei der Be­set­zung der Stel­le ei­nes tech­ni­schen An­ge­stell­ten zur Lei­tung des Sach­ge­biets Be­triebs­tech­nik ge­gen das Ver­bot der Be­nach­tei­li­gung schwer­be­hin­der­ter Beschäftig­ter ver­s­toßen hat.

a) Der Kläger hat so­wohl die Aus­schluss- als auch die Kla­ge­frist ge­wahrt.

aa) Gemäß § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG muss ein An­spruch nach § 15 Abs. 2 AGG in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten schrift­lich gel­tend ge­macht wer­den, wenn kei­ne an­de­re ta­rif­li­che Re­ge­lung be­steht, was vor­lie­gend nicht der Fall ist. Nach § 15 Abs. 4 Satz 2 AGG be­ginnt die Frist im Fall ei­ner Be­wer­bung oder ei­nes be­ruf­li­chen Auf­stiegs mit Zu­gang der Ab­leh­nung. Nach § 61b Abs. 1 ArbGG muss ei­ne Kla­ge auf Entschädi­gung nach § 15 AGG in­ner­halb von drei Mo­na­ten, nach­dem der An­spruch schrift­lich gel­tend ge­macht wor­den ist, er­ho­ben wer­den.

bb) Die Kla­ge ist am 15. No­vem­ber 2013 bei dem Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen und der Be­klag­ten am 7. De­zem­ber 2013 zu­ge­stellt wor­den. Da kei­ne An­halts­punk­te dafür er­sicht­lich sind, dass die schrift­li­che Ab­sa­ge der Be­klag­ten vom 4. No­vem­ber 2013 vor ih­rem Aus­stel­lungs­da­tum ver­sandt wor­den ist, hat der Kläger die Frist in § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG ein­ge­hal­ten. Die nach § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG er­for­der­li­che Schrift­form zur Gel­tend­ma­chung von Scha­dens­er­satz- und Entschädi­gungs­ansprüchen (§ 15 Abs. 1 und Abs. 2 AGG) kann auch durch ei­ne Kla­ge ge­wahrt wer­den. Da­bei fin­det § 167 ZPO An­wen­dung. Es genügt der recht­zei­ti­ge Ein­gang der Kla­ge bei Ge­richt, wenn die Kla­ge "demnächst" zu­ge­stellt wird (BAG 22. Mai 2014 - 8 AZR 662/13 - NZA 2014, 924 ff.). Nicht er­for­der­lich zur Wah­rung der Frist war, dass der Kläger die Entschädi­gungs­zah­lung be­zif­fer­te (vgl. BAG 16. Fe­bru­ar 2012 - 8 AZR 697/10 - NZA 2012, 667 ff.).

b) Das Ar­beits­ge­richt ist zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, dass die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 Satz 1 AGG, § 81 Abs. 2 SGB IX dem Grun­de nach vor­lie­gen. Ar­beit­ge­ber dürfen schwer­be­hin­der­te Beschäftig­te nicht we­gen ih­rer Be­hin­de­rung be­nach­tei­li­gen, § 81 Abs. 2 Satz 1 SGB IX. Nach § 81 Abs. 2 Satz 2 SGB IX gel­ten hier­zu im Ein­zel­nen die Re­ge­lun­gen des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes. Nach § 6 Abs. 1 Satz 2 AGG gel­ten als Beschäftig­te auch Be­wer­be­rin­nen und Be­wer­ber für ein Beschäfti­gungs­verhält­nis. Der Kläger un­terfällt dem persönli­chen An­wen­dungs­be­reich des AGG, da er als Beschäftig­ter gilt und die Be­klag­te Ar­beit­ge­be­rin ist.

Die Be­klag­te hat den Kläger iSv. 3 Abs. 1 Satz 1 AGG be­nach­tei­ligt, weil sie ihn im Rah­men ih­rer Aus­wah­l­ent­schei­dung nicht in die Aus­wahl ein­be­zo­gen hat und ihm da­mit ei­ne Chan­ce ver­sagt hat. Wie sich auch aus § 15 Abs. 2 AGG er­gibt, ist nicht er­for­der­lich, dass der Be­wer­ber auf­grund des Be­nach­tei­li­gungs­grun­des nicht ein­ge­stellt wor­den ist. Auch dann, wenn der Be­wer­ber selbst bei dis­kri­mi­nie­rungs­frei­er Aus­wahl nicht ein­ge­stellt wor­den wäre, ist ein An­spruch nicht aus­ge­schlos­sen, son­dern nur der Höhe nach be­grenzt (vgl. BAG 13. Ok­to­ber 2011 - 8 AZR 608/10 - AP AGG § 15 Nr. 9). Die un­ter­blie­be­ne Ein­la­dung zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ent­ge­gen § 82 Satz 2 SGB IX ist bei der Be­klag­ten als öffent­li­cher Ar­beit­ge­be­rin ge­eig­ne­te Hilfs­tat­sa­che nach § 22 AGG.

aa) Der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber hat den schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber nach § 82 Satz 2 SGB IX zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den. Die­se Pflicht be­steht nach § 82 Satz 3 SGB IX nur dann nicht, wenn dem schwer­be­hin­der­ten Men­schen die fach­li­che Eig­nung of­fen­sicht­lich fehlt. Ein schwer­be­hin­der­ter Be­wer­ber muss bei ei­nem öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber die Chan­ce ei­nes Vor­stel­lungs­gesprächs be­kom­men, wenn sei­ne fach­li­che Eig­nung zwei­fel­haft, aber nicht of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen ist. Selbst wenn sich der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber auf­grund der Be­wer­bungs­un­ter­la­gen schon die Mei­nung ge­bil­det hat, ein oder meh­re­re an­de­re Be­wer­ber sei­en so gut ge­eig­net, dass der schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber nicht mehr in die nähe­re Aus­wahl kom­me, muss er den schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber nach dem Ge­set­zes­ziel ein­la­den. Der schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber soll den öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber im Vor­stel­lungs­gespräch von sei­ner Eig­nung über­zeu­gen können. Wird ihm die­se Möglich­keit ge­nom­men, liegt dar­in ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung, als sie das Ge­setz zur Her­stel­lung glei­cher Be­wer­bungs­chan­cen ge­genüber an­de­ren Be­wer­bern für er­for­der­lich hält. Der Aus­schluss aus dem wei­te­ren Be­wer­bungs­ver­fah­ren ist ei­ne Be­nach­tei­li­gung, die in ei­nem ursächli­chen Zu­sam­men­hang mit der Be­hin­de­rung steht (BAG 21. Ju­li 2009 - 9 AZR 431/08 - NZA 2009, 1087 ff.).

Ob ein Be­wer­ber of­fen­sicht­lich nicht die not­wen­di­ge fach­li­che Eig­nung hat, be­ur­teilt sich nach den Aus­bil­dungs- oder Prüfungs­vor­aus­set­zun­gen für die zu be­set­zen­de Stel­le und den ein­zel­nen Auf­ga­ben­ge­bie­ten (BAG 16. Sep­tem­ber 2008 - 9 AZR 791/07 - AP SGB IX § 81 Nr. 15). Die­se Er­for­der­nis­se wer­den von den in der Stel­len­aus­schrei­bung ge­for­der­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­merk­ma­len kon­kre­ti­siert (BAG 21. Ju­li 2009 - 9 AZR 431/08 - NZA 2009, 1087 ff.). Bei sei­ner Aus­wah­l­ent­schei­dung und den ge­for­der­ten Qua­li­fi­ka­tio­nen, hat der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber - an­ders als der pri­va­te Ar­beit­ge­ber - al­ler­dings Art. 33 Abs. 2 GG zu be­ach­ten. Hier­nach be­steht nach Eig­nung, Befähi­gung und fach­li­cher Leis­tung An­spruch auf glei­chen Zu­gang zu je­dem öffent­li­chen Amt. Öffent­li­che Ämter in die­sem Sin­ne sind nicht nur Be­am­ten­stel­len, son­dern auch Stel­len, die mit Ar­bei­tern und An­ge­stell­ten be­setzt wer­den. Die in Art. 33 Abs. 2 GG ge­nann­ten Ge­sichts­punk­te der Eig­nung, Befähi­gung und fach­li­chen Leis­tung sind die al­lein maßgeb­li­chen Kri­te­ri­en für die Be­wer­be­r­aus­wahl; an­de­re Kri­te­ri­en sind nicht zulässig. Al­ler­dings be­stimmt Art. 33 Abs. 2 GG nicht, auf wel­chen Be­zugs­punkt sich die­se Kri­te­ri­en be­zie­hen. Dies folgt erst aus dem An­for­de­rungs­pro­fil, wel­ches als Funk­ti­ons­be­schrei­bung des Dienst­pos­tens ob­jek­tiv die Kri­te­ri­en be­stimmt, die der künf­ti­ge Stel­len­in­ha­ber erfüllen muss. Über die Ein­rich­tung und nähe­re Aus­ge­stal­tung von Dienst­pos­ten ent­schei­det grundsätz­lich der Dienst­herr nach sei­nen or­ga­ni­sa­to­ri­schen Bedürf­nis­sen und Möglich­kei­ten. Es ob­liegt da­her auch sei­nem or­ga­ni­sa­to­ri­schen Er­mes­sen, wie er ei­nen Dienst­pos­ten zu­schnei­den will und wel­che An­for­de­run­gen dem­gemäß der Be­wer­be­r­aus­wahl zu­grun­de zu le­gen sind. Erst aus die­sem Zu­schnitt des zu ver­ge­ben­den Am­tes oder Dienst­pos­tens wer­den da­her die An­for­de­run­gen be­stimmt, an de­nen kon­kur­rie­ren­de Be­wer­ber zu mes­sen sind (vgl. BAG 16. Fe­bru­ar 2012 - 8 AZR 697/10 - NZA 2012, 667 ff.; BAG 7. April 2011 - 8 AZR 679/09 - AP AGG § 15 Nr. 6).

bb) Nach der Mit­te 2013 veröffent­lich­ten Stel­len­aus­schrei­bung such­te die Be­klag­te un­ter der Ru­brik „Wir er­war­ten“ ei­nen „Dipl.-Ing. (FH) oder staatl. ge­pr. Tech­ni­ker/in oder Meis­ter/in im Ge­werk Hei­zungs-/Sa­nitär-/Elek­tro­tech­nik oder ver­gleich­ba­re Qua­li­fi­ka­ti­on; langjähri­ge Be­rufs- und Führungs­er­fah­rung“. Nach sei­nem Le­bens­lauf ist der Kläger ge­lern­ter Hei­zungs- und Lüftungs­bau­er. Die Aus­bil­dungs­ord­nung zu die­sem Be­ruf, den der Kläger in den Jah­ren 1978 bis 1981 er­lern­te, trat am 1. Au­gust 2004 außer Kraft. Der Be­ruf ging in dem Nach­fol­ge­be­ruf An­la­gen­me­cha­ni­ker für Sa­nitär-, Hei­zungs- und Kli­ma­tech­nik auf. Der Kläger hat in der Ver­gan­gen­heit nach Ab­schluss sei­ner Aus­bil­dung ein kon­ti­nu­ier­li­ches In­ter­es­se an sei­ner Wei­ter­bil­dung ge­zeigt, ua. zum Kun­den­dienst­tech­ni­ker so­wie zum Si­cher­heits- und Brand­schutz­be­auf­trag­ten. Er hat an der Tech­ni­ker­schu­le ei­ne Zu­satz­prüfung „Aus­bil­der der Aus­bil­der“ ab­ge­legt. Die da­mit er­wor­be­nen be­rufs- und ar­beitspädago­gi­schen Kennt­nis­se sind aber auch Be­stand­teil ei­ner Meis­ter­prüfung, vgl. § 51 a Abs. 3 HwO. Darüber hin­aus ist er staat­lich ge­prüfter Um­welt­schutz­tech­ni­ker und be­fin­det sich seit dem Jahr 2011 in ei­nem Fern­stu­di­um zum Bau­bio­lo­gen. Da­nach kann vor dem Hin­ter­grund, dass die Be­klag­te nach ih­rem An­for­de­rungs­pro­fil auch ei­ne „ver­gleich­ba­re“ Qua­li­fi­ka­ti­on hat aus­rei­chen las­sen, nicht von ei­nem of­fen­sicht­li­chen Eig­nungs­man­gel aus­ge­gan­gen wer­den.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ist der Kläger in sei­nem Be­rufs­le­ben auch nicht oh­ne Führungs­ver­ant­wor­tung ge­blie­ben. Er war nach sei­nem Le­bens­lauf tech­ni­scher Lei­ter und stell­ver­tre­ten­der Be­triebs­lei­ter. Nach sei­nem Le­bens­lauf hat­te er die­se Funk­tio­nen ins­ge­samt über acht Jah­re in­ne. Auch da­nach ist je­den­falls ein „of­fen­sicht­li­cher“ Eig­nungs­man­gel nicht ge­ge­ben.

Die An­nah­me ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung ver­bie­tet sich schließlich nicht vor dem Hin­ter­grund, dass der Kläger sei­nen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen kei­ne Ar­beits­zeug­nis­se bei­gefügt hat. Dies steht we­der sei­ner fach­li­chen Eig­nung noch dem Vor­lie­gen ei­ner Be­wer­bung ent­ge­gen. Es be­geg­net zwar kei­nen Be­den­ken, wenn ein öffent­li­cher Ar­beit­ge­ber für zu be­set­zen­de Stel­len von vorn­her­ein nur sol­che Be­wer­ber in Blick neh­men will, die auf­grund ih­rer do­ku­men­tier­ten Aus­bil­dungs­er­geb­nis­se in be­son­de­rem Maße befähigt er­schei­nen (BAG 7. April 2011 - 8 AZR 679/09 - NZA-RR 2011, 494 ff). Dies ist hier je­doch nicht ge­sche­hen. Die Be­klag­te hat kei­ne be­stimm­ten Be­ur­tei­lun­gen Drit­ter in ih­rem An­for­de­rungs­pro­fil vor­aus­ge­setzt. Der Kläger wäre dem­nach auch zu ei­nem Gespräch ein­zu­la­den ge­we­sen, wenn er schlech­te Zeug­nis- und Aus­bil­dungs­no­ten er­hal­ten hätte (vgl. hier­zu BVerwG 3. März 2011 - 5 C 16/10 - NZA 2011, 977; ErfK/Rolfs 15. Aufl. § 82 SGB IX Rn. 3). Im Fal­le be­hin­der­ter Be­wer­ber soll im Übri­gen der persönli­che Ein­druck ent­schei­dend sein und nicht die „Pa­pier­form“ (BAG 21. Ju­li 2009 - 9 AZR 431/08 - NZA 2009, 1087 ff.). Der schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber soll den öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber im Vor­stel­lungs­gespräch von sei­ner Eig­nung über­zeu­gen können (BAG 16. Sep­tem­ber 2008 - 9 AZR 791/07 - AP SGB IX § 81 Nr. 15). Da der Le­bens­lauf des Klägers sehr ausführ­lich ge­hal­ten war und al­le maßgeb­li­chen In­for­ma­tio­nen zu sei­nem be­ruf­li­chen Wer­de­gang ent­hielt, liegt nicht nur ei­ne ord­nungs­gemäße Be­wer­bung vor, son­dern auch ei­ne sol­che, die kei­nen of­fen­sicht­li­chen Eig­nungs­man­gel in sei­ner Per­son er­ken­nen lässt.

cc) Die Be­klag­te hat die durch die un­ter­blie­be­ne Ein­la­dung zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ge­eig­ne­te Hilfs­tat­sa­che nach § 22 AGG nicht wi­der­legt, weil sie im Übri­gen ih­re ge­setz­li­chen Pflich­ten erfüllt hat.

Für die Fra­ge, wel­che Tat­sa­chen ge­eig­net sind, die Ver­mu­tung der Be­nach­tei­li­gung zu wi­der­le­gen, sind die Be­son­der­hei­ten des Be­wer­bungs­ver­fah­rens für ein öffent­li­ches Amt iSv. Art. 33 Abs. 2 GG und die ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen des SGB IX zu be­ach­ten. Für den nach § 22 AGG mögli­chen Nach­weis, dass für die Nicht­ein­la­dung ei­nes Be­wer­bers ent­ge­gen § 82 Satz 2 SGB IX aus­sch­ließlich an­de­re Gründe als die Be­hin­de­rung er­heb­lich wa­ren, können nur sol­che Gründe her­an­ge­zo­gen wer­den, die nicht die fach­li­che Eig­nung be­tref­fen. Hierfür enthält die in § 82 Satz 3 SGB IX ge­re­gel­te Aus­nah­me mit dem Er­for­der­nis der „of­fen­sicht­li­chen“ Nich­t­eig­nung ei­ne ab­sch­ließen­de Re­ge­lung. Sie prägt auch die An­for­de­run­gen, die bei Verstößen im Be­wer­bungs­ver­fah­ren bei auf die fach­li­che Eig­nung be­zo­ge­nen Erwägun­gen für den Ge­gen­be­weis zu­grun­de zu le­gen wären (BAG 16. Fe­bru­ar 2012 - 8 AZR 697/10 - EzA AGG § 15 Nr. 17). Die Wi­der­le­gung der in­fol­ge der Ver­let­zung des § 82 Satz 2 SGB IX ver­mu­te­ten Kau­sa­lität setzt da­her den Nach­weis vor­aus, dass die Ein­la­dung zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch auf­grund von Umständen un­ter­blie­ben ist, die we­der ei­nen Be­zug zur Be­hin­de­rung auf­wei­sen noch die fach­li­che Eig­nung des Be­wer­bers berühren (BAG 24. Ja­nu­ar 2013 - 8 AZR 188/12 - NZA 2013, 896 ff.).

Sol­che Umstände hat die Be­klag­te nicht vor­ge­tra­gen. § 82 Satz 2 SGB IX gibt dem ein­zel­nen schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber ei­nen In­di­vi­dual­an­spruch auf Ein­la­dung zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch. Die In­dizwir­kung wird durch die Schlech­ter­stel­lung des Ein­zel­nen aus­gelöst und nicht da­durch auf­ge­ho­ben, dass an­sons­ten im Be­wer­bungs­ver­fah­ren schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber als Grup­pe nicht nach­tei­lig be­han­delt wur­den. Der An­spruch nach § 82 Satz 2 SGB IX ist vom Ge­setz­ge­ber zwin­gend aus­ge­stal­tet wor­den, es han­delt sich um ei­ne ge­setz­li­che Pflicht des Ar­beit­ge­bers. Er hat in­so­weit kein Er­mes­sen, wes­halb ihm we­der ei­ne „freund­li­che“ noch ei­ne „feind­li­che“ Ein­stel­lung zu Be­hin­der­ten un­ter­stellt wer­den kann. Sinn des § 82 Satz 2 SGB IX ist es, den ein­zel­nen schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bern die Möglich­keit zu ge­ben, den Ar­beit­ge­ber in ei­nem persönli­chen Vor­stel­lungs­gespräch von ih­rer Eig­nung zu über­zeu­gen. Die In­dizwir­kung ei­nes Ver­fah­rens­feh­lers wird auch nicht da­durch auf­ge­ho­ben, dass die Be­klag­te bei der Vor­abaus­wahl die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung be­tei­ligt hat. Für den Ge­set­zes­ver­s­toß ist es im Übri­gen un­er­heb­lich, wenn sich der Ar­beit­ge­ber im Übri­gen ge­set­zes­kon­form ver­hal­ten hat, zB. die ge­setz­lich vor­ge­se­he­ne Min­dest­beschäfti­gungs­quo­te schwer­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer ein­ge­hal­ten hat. (vgl. BAG 24. Ja­nu­ar 2013 - 8 AZR 188/12 - NZA 2013, 896 ff.; BAG 17. Au­gust 2010 - 9 AZR 839/08 - AP AGG § 15 Nr. 4).

c) Der Kläger kann nach § 15 Abs. 2 Satz 1 AGG ei­ne Entschädi­gung in Höhe von € 2.861,96 ver­lan­gen. Dies ist der Höhe nach an­ge­mes­sen, weil kein schwer­wie­gen­der Fall ei­ner Be­nach­tei­li­gung vor­liegt.

aa) Nach § 15 Abs. 2 Satz 2 AGG darf die Entschädi­gung bei ei­ner Nicht­ein­stel­lung drei Mo­nats­gehälter nicht über­stei­gen, wenn der oder die Beschäftig­te auch bei be­nach­tei­li­gungs­frei­er Aus­wahl nicht ein­ge­stellt wor­den wäre. In die­sem Fall ist vom Ge­richt zunächst die Höhe ei­ner an­ge­mes­se­nen und der Höhe nach nicht be­grenz­ten Entschädi­gung zu er­mit­teln und die­se dann, wenn sie drei Mo­nats­ent­gel­te über­stei­gen soll­te, zu kap­pen (BAG 19. Au­gust 2010 - 8 AZR 530/09 - EzA AGG § 15 Nr. 10).

Bei der Höhe ei­ner fest­zu­set­zen­den Entschädi­gung ist zu berück­sich­ti­gen, dass sie nach § 15 Abs. 2 AGG an­ge­mes­sen sein muss. Sie muss ei­nen tatsächli­chen und wirk­sa­men recht­li­chen Schutz der aus dem Uni­ons­recht her­ge­lei­te­ten Rech­te gewähr­leis­ten (vgl. EuGH 25. April 2013 - C-81/12 [Aso­cia­tia AC­CEPT] - Rn. 63; 22. April 1997 - C- 180/95 [Draehm­pa­ehl] - Rn. 24, 39 f., Slg. 1997, I-2195; BAG 22. Mai 2014 - 8 AZR 662/13 - NZA 2014, 924 ff.). Die Härte der Sank­tio­nen muss der Schwe­re des Ver­s­toßes ent­spre­chen - in­dem sie ins­be­son­de­re ei­ne wirk­lich ab­schre­cken­de Wir­kung gewähr­leis­tet -, zu­gleich aber den all­ge­mei­nen Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit wah­ren (EuGH 25. April 2013 - C-81/12 [Aso­cia­tia AC­CEPT] - Rn. 63 mwN). Da­bei sind al­le Umstände des Ein­zel­fal­les zu berück­sich­ti­gen. Zu die­sen zählen et­wa die Schwe­re und Art der Be­nach­tei­li­gung, ih­re Dau­er und Fol­gen, der An­lass und der Be­weg­grund des Han­delns, der Grad der Ver­ant­wort­lich­keit des Ar­beit­ge­bers, et­wa ge­leis­te­te Wie­der­gut­ma­chung oder er­hal­te­ne Ge­nug­tu­ung und das Vor­lie­gen ei­nes Wie­der­ho­lungs­fal­les. Fer­ner ist der Sank­ti­ons­zweck der Norm zu berück­sich­ti­gen, so dass die Höhe auch da­nach zu be­mes­sen ist, was zur Er­zie­lung ei­ner ab­schre­cken­den Wir­kung er­for­der­lich ist. Der Ar­beit­ge­ber soll von künf­ti­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen ab­ge­hal­ten wer­den, wo­bei die Entschädi­gung in ei­nem an­ge­mes­se­nen Verhält­nis zum er­lit­te­nen Scha­den ste­hen muss (BAG 19. Au­gust 2010 - 8 AZR 530/09 - EzA AGG § 15 Nr. 10; BAG 18. März 2010 - 8 AZR 1044/08 - AP AGG § 15 Nr. 3; BAG 22. Ja­nu­ar 2009 - 8 AZR 906/07 - AP AGG § 15 Nr. 1).

bb) Un­ter An­wen­dung vor­ste­hen­der Grundsätze ist ei­ne Entschädi­gung in Höhe von € 2.861,96, dh. in Höhe ei­nes Brut­to­mo­nats­ge­halts an­ge­mes­sen.

Bei der Be­mes­sung der Entschädi­gung ist die Kam­mer da­von aus­ge­gan­gen, dass es je häufi­ger und ge­wich­ti­ger der Ar­beit­ge­ber ge­gen Förde­rungs­pflich­ten verstößt, des­to eher ge­recht­fer­tigt ist, den von § 15 Abs. 2 Satz 2 AGG vor­ge­ge­be­nen Höchst­rah­men von drei Mo­nats­vergütun­gen aus­zuschöpfen (BAG 21. Ju­li 2009 - 9 AZR 431/08 - NZA 2009, 1087 ff.). Vor­lie­gend hat die Be­klag­te in der veröffent­lich­ten Stel­len­aus­schrei­bung nicht nur die be­vor­zug­te Ein­stel­lung von Schwer­be­hin­der­ten an­gekündigt, sie hat bei der Sich­tung der Be­wer­bungs­un­ter­la­gen auch be­son­de­re Auf­merk­sam­keit im Hin­blick auf schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber wal­ten las­sen und den nur ein­ge­streu­ten Hin­weis des Klägers auf sei­ne Schwer­be­hin­de­rung zur Kennt­nis ge­nom­men. Denn die­ser hat in sei­nem An­schrei­ben sei­ne Schwer­be­hin­de­rung nicht ge­son­dert erwähnt, son­dern nur un­ter „An­la­gen“ auf sei­nen Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis, der nur in Ko­pie bei­gefügt war, ver­wie­sen. Er hat da­mit sei­ner­seits die Pflicht zur ge­gen­sei­ti­gen Rück­sicht­nah­me auf die In­ter­es­sen und Rech­te des Ver­trags­part­ners (§ 241 Abs. 2 BGB iVm. § 311 Abs. 2 Nr. 1 BGB) ver­letzt.

Will ein Be­wer­ber sei­ne Ei­gen­schaft als schwer­be­hin­der­ter Mensch bei der Be­hand­lung sei­ner Be­wer­bung berück­sich­tigt wis­sen, so hat er den Ar­beit­ge­ber über sei­ne Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft re­gelmäßig im Be­wer­bungs­schrei­ben selbst un­ter An­ga­be des GdB, ggf. ei­ner Gleich­stel­lung zu in­for­mie­ren. Möglich ist auch ei­ne In­for­ma­ti­on im Le­bens­lauf. Dies hat je­doch an her­vor­ge­ho­be­ner Stel­le und deut­lich, et­wa durch ei­ne be­son­de­re Über­schrift, zu ge­sche­hen. Im Fal­le ei­ner Be­hin­de­rung oder Schwer­be­hin­de­rung wird ein Be­wer­ber­merk­mal mit­ge­teilt, über das nicht je­de Be­wer­be­rin/je­der Be­wer­ber verfügt. Durch den Hin­weis sol­len be­son­de­re Förder­pflich­ten des Ar­beit­ge­bers aus­gelöst wer­den. We­gen der Pflicht zur ge­gen­sei­ti­gen Rück­sicht­nah­me auf die In­ter­es­sen und Rech­te des Ver­trags­part­ners ist auch bei ei­ner Be­wer­bung der Ar­beit­ge­ber über die be­son­de­re Si­tua­ti­on des Be­wer­bers klar und ein­deu­tig zu in­for­mie­ren. Da­her sind „ein­ge­streu­te“ oder un­auffälli­ge In­for­ma­tio­nen, in­di­rek­te Hin­wei­se in bei­gefügten amt­li­chen Do­ku­men­ten, ei­ne in den wei­te­ren Be­wer­bungs­un­ter­la­gen be­find­li­che Ko­pie des Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses etc. kei­ne ord­nungs­gemäße In­for­ma­ti­on des an­ge­streb­ten Ver­trags­part­ners (BAG 18. Sep­tem­ber 2014 - 8 AZR 759/13 - NJW-Spe­zi­al 2015, 82 f. mwN.).

Die Be­klag­te hat im Übri­gen in der Ver­gan­gen­heit auch die Pflicht­quo­te in § 71 Abs. 1 SGB IX erfüllt und die vor­lie­gen­de Stel­le der Agen­tur für Ar­beit ge­mel­det. Ein mehr­fa­cher und wie­der­hol­ter Ver­s­toß ge­gen ih­re AGG-re­le­van­ten Pflich­ten aus dem SGB IX fällt ihr da­nach nicht zur Last. Da aber um­ge­kehrt auch dem Sank­ti­ons­zweck in § 15 Abs. 2 AGG Rech­nung zu tra­gen ist, muss der Entschädi­gungs­leis­tung mehr zu­kom­men als rein sym­bo­li­scher Cha­rak­ter. Die Kam­mer hat da­her ei­nen Be­trag in Höhe ei­nes Brut­to­mo­nats­ge­halts für an­ge­mes­sen er­ach­tet.

II.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 92 Abs. 1 Satz 1 ZPO. Die Par­tei­en ha­ben die Kos­ten des Rechts­streits ent­spre­chend ih­rem Ob­sie­gen und Un­ter­lie­gen an­tei­lig zu tra­gen.

Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on folgt aus § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG.

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