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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Kündigung: Probezeit, Auszubildender, Berufsausbildung, Ausbildung, Probezeit, Probezeitkündigung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 6 AZR 844/14
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 19.11.2015
   
Leit­sätze: Die Dau­er ei­nes vor­aus­ge­gan­ge­nen Prak­ti­kums ist auf die Pro­be­zeit im Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis nicht an­zu­rech­nen.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Paderborn, Urteil vom 13.3.2014 - 1 Ca 1895/13
Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 30.7.2014 - 3 Sa 523/14
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

6 AZR 844/14
3 Sa 523/14
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Hamm

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
19. No­vem­ber 2015

UR­TEIL

Gaßmann, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Sechs­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 19. No­vem­ber 2015 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Fi­scher­mei­er, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Spel­ge, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krum­bie­gel so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Wol­lensak und Kreis für Recht er­kannt:


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1. Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 30. Ju­li 2014 - 3 Sa 523/14 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Der Kläger hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit der Pro­be­zeitkündi­gung ei­nes Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis­ses und um ei­nen An­spruch des Klägers auf Wei­ter­beschäfti­gung.


Die Be­klag­te be­treibt ein Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men mit zahl­rei­chen Fi­lia­len im Bun­des­ge­biet. Es ist ein Be­triebs­rat ge­bil­det, wel­cher für die Fi­lia­le in H zuständig ist.


Der Kläger be­warb sich im Frühjahr 2013 bei der Be­klag­ten um ei­ne Aus­bil­dung zum Kauf­mann im Ein­zel­han­del. Ihm wur­de dar­auf­hin die Auf­nah­me der Aus­bil­dung zum 1. Au­gust 2013 zu­ge­sagt. Als Über­brückung für die Zeit bis zum Aus­bil­dungs­be­ginn bot ihm die Be­klag­te ein Prak­ti­kum an. Am 27. März 2013 schlos­sen die Par­tei­en ei­nen „Prak­ti­kan­ten­ver­trag“. Nach des­sen § 1 soll der Kläger vom 11. März 2013 bis 31. Ju­li 2013 in der Fi­lia­le in H „zum Er­werb von Er­fah­run­gen und Kennt­nis­sen im Fach­be­reich Han­del- Ver­kaufs­vor­be­rei­tung“ ein­ge­setzt wer­den. Es war ei­ne Pro­be­zeit von zwei Mo­na­ten vor­ge­se­hen. Während die­ser Pro­be­zeit er­folg­te kei­ne Kündi­gung. Un­ter dem 22. Ju­ni 2013 zeich­ne­ten die Par­tei­en ei­nen Be­rufs­aus­bil­dungs­ver­trag für die Aus­bil­dung des Klägers zum Kauf­mann im Ein­zel­han­del in der Zeit vom 1. Au­gust 2013 bis zum 31. Ju­li 2016. Es wur­de ei­ne Pro­be­zeit von drei Mo­na­ten ver­ein­bart. Der Kläger nahm die Aus­bil­dung wie vor­ge­se­hen in der Fi­lia­le H auf.


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Mit For­mu­lar­schrei­ben vom 21. Ok­to­ber 2013 in­for­mier­te die Be­klag­te den Be­triebs­rat über die be­ab­sich­tig­te Kündi­gung des Klägers während der Pro­be­zeit. Sie gab an, dass der Kläger seit dem 11. März 2013 bei ihr beschäftigt sei und zwar „als Prak­ti­kant, ab 01.08.2013 als KEH Azu­bi“. Als Grund für die be­ab­sich­tig­te Kündi­gung wur­de mit­ge­teilt: „Herr K hat un­se­ren Er­war­tun­gen auf­grund feh­len­der Ei­gen­in­itia­ti­ve nicht ent­spro­chen. Er wird in­ner­halb der Pro­be­zeit, die am 31.10.2013 en­det, gekündigt.“ Der Be­triebs­rat stimm­te der Kündi­gung zu. Mit Schrei­ben vom 29. Ok­to­ber 2013, wel­ches dem Kläger am glei­chen Tag zu­ging, kündig­te die Be­klag­te das Aus­bil­dungs­verhält­nis zum 29. Ok­to­ber 2013.

Mit sei­ner am 15. No­vem­ber 2013 ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge hat sich der Kläger ge­gen die­se Kündi­gung ge­wandt und sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung ver­langt. Zu­dem hat er den zuständi­gen Sch­lich­tungs­aus­schuss bei der In­dus­trie-und Han­dels­kam­mer O an­ge­ru­fen. Der von die­sem am 13. De­zem­ber 2013 gefäll­te Versäum­nis­spruch wur­de von der Be­klag­ten nicht an­er­kannt.

Der Kläger hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Kündi­gung vom 29. Ok­to­ber 2013 sei un­wirk­sam. Sie sei erst nach Ab­lauf der Pro­be­zeit erklärt wor­den. Das dem Aus­bil­dungs­verhält­nis vor­aus­ge­gan­ge­ne Prak­ti­kum sei auf die Pro­be­zeit an­zu­rech­nen. Das Prak­ti­kum sei im Zu­sam­men­hang mit dem be­reits zu­ge­sag­ten Aus­bil­dungs­be­ginn am 1. Au­gust 2013 durch­geführt wor­den und ha­be der Vor­be­rei­tung der Aus­bil­dung die­nen sol­len. Tatsächlich ha­be die Be­klag­te be­reits während des Prak­ti­kums mit der Ver­mitt­lung von Aus­bil­dungs­in­hal­ten be­gon­nen. So ha­be er gleich zu Be­ginn des Prak­ti­kums ei­ne Schu­lung zum The­ma Ober­bet­ten ab­sol­viert. Di­rekt im An­schluss dar­an ha­be er Wa­ren ver­kau­fen dürfen. Zu­dem ha­be er im wei­te­ren Ver­lauf des Prak­ti­kums na­he­zu sämt­li­che Schu­lun­gen der vor­ge­se­he­nen Aus­bil­dung be­sucht. Letzt­lich ha­be er „mehr oder min­der“ sämt­li­che Tätig­kei­ten aus­geübt, die ein Aus­zu­bil­den­der oder be­reits aus­ge­lern­ter Mit­ar­bei­ter zu ver­rich­ten hat­te. Da­zu gehörten all­ge­mei­ne La­gertätig­kei­ten, La­ger­wirt­schaft, Kom­mis­sio­nie­rung so­wie das Be­ar­bei­ten von Be­stel­lun­gen und das Er­stel­len von An­ge­bo­ten. Selbst die Pro­spekt­vor­be­rei­tungs­kon­trol­le sei von ihm be­reits spo­ra­disch durch­geführt wor­den.


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Die Be­klag­te ha­be sich da­her be­reits während des Prak­ti­kums, wel­ches sei­ner­seits ei­ner Pro­be­zeit­ver­ein­ba­rung un­ter­fiel, ein vollständi­ges Bild über ihn ma­chen können. Die Ver­ein­ba­rung ei­ner wei­te­ren Pro­be­zeit von drei Mo­na­ten im Aus­bil­dungs­verhält­nis oh­ne An­rech­nung der Prak­ti­kums­zeit sei ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung. Bei Ad­die­rung der Prak­ti­kums­zeit und der drei­mo­na­ti­gen Pro­be­zeit im Aus­bil­dungs­verhält­nis lie­ge fak­tisch ei­ne Pro­be­zeit von fast acht Mo­na­ten vor. Dies sei we­der mit Sinn und Zweck der ge­setz­lich vor­ge­se­he­nen Pro­be­zeit im Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis noch mit den Grundsätzen von Treu und Glau­ben zu ver­ein­ba­ren.


Zu­dem sei die Kündi­gung man­gels ord­nungs­gemäßer Anhörung des Be­triebs­rats un­wirk­sam. Dem Be­triebs­rat sei Art und Um­fang des Prak­ti­kums nicht mit­ge­teilt wor­den. Für die­sen sei da­her nicht über­prüfbar ge­we­sen, in­wie­fern im Rah­men des Prak­ti­kums be­reits Aus­bil­dungs­kennt­nis­se ver­mit­telt wur­den. Der Be­triebs­rat hätte an­sons­ten be­ur­tei­len können, ob die Ver­ein­ba­rung ei­ner wei­te­ren Pro­be­zeit ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung ge­we­sen sei und in­wie­fern er (der Kläger) sich im Rah­men des Prak­ti­kums be­reits als ge­eig­net ge­zeigt ha­be. Die Kündi­gungs­ab­sicht sei nicht hin­rei­chend kon­kret be­gründet wor­den. Was mit der An­ga­be ei­ner an­geb­lich feh­len­den Ei­gen­in­itia­ti­ve ge­meint war, sei für den Be­triebs­rat nicht an­satz­wei­se er­kenn­bar ge­we­sen.


Der Kläger hat des­halb be­an­tragt 


1. fest­zu­stel­len, dass das Aus­bil­dungs­verhält­nis der Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 29. Ok­to­ber 2013 be­en­det wor­den ist;

2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihn bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens zu un­veränder­ten aus­bil­dungs­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen wei­ter zu beschäfti­gen.

Die Be­klag­te hat ih­ren Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trag mit der Wirk­sam­keit der streit­ge­genständ­li­chen Kündi­gung be­gründet. Die­se sei während der nach den ge­setz­li­chen Vor­ga­ben ver­ein­bar­ten Pro­be­zeit erklärt wor­den. Die Zeit des Prak­ti­kums sei auf die Pro­be­zeit nicht an­re­chen­bar. Es hand­le sich um Rechts­verhält­nis­se mit un­ter­schied­li­chen Ver­pflich­tun­gen der Ver­trags­par­tei­en. Auf den ver­ein­bar­ten In­halt und die tatsächli­che Durchführung des Prak­ti­kums


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kom­me es nicht an. Zu­dem sei­en dem Kläger während des Prak­ti­kums nur die übli­chen Prak­ti­kums­in­hal­te ver­mit­telt wor­den. Er ha­be nicht an na­he­zu sämt­li­chen Schu­lun­gen der Aus­bil­dung be­reits während des Prak­ti­kums teil­ge­nom­men. Der Be­triebs­rat sei ord­nungs­gemäß un­ter­rich­tet wor­den. Nähe­re An­ga­ben zu dem Prak­ti­kum sei­en nicht er­for­der­lich ge­we­sen. Die Mit­tei­lung des erst in­ner­halb der Pro­be­zeit im Aus­bil­dungs­verhält­nis ge­bil­de­ten Wert­ur­teils („feh­len­de Ei­gen­in­itia­ti­ve“) sei aus­rei­chend ge­we­sen.


Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit sei­ner vom Se­nat durch Be­schluss vom 11. De­zem­ber 2014 - 6 AZN 814/14 - zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sei­ne Kla­ge­zie­le wei­ter.


Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 29. Ok­to­ber 2013 hat das Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis mit ih­rem Zu­gang am sel­ben Tag gemäß § 22 Abs. 1 BBiG oh­ne Ein­hal­ten ei­ner Kündi­gungs­frist be­en­det. Der Wei­ter­beschäfti­gungs­an­trag fiel dem Se­nat nicht zur Ent­schei­dung an.


1. Nach § 22 Abs. 1 BBiG kann ein Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis während der Pro­be­zeit je­der­zeit oh­ne Ein­hal­ten ei­ner Kündi­gungs­frist gekündigt wer­den. Die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung wur­de form­ge­recht während der im Be­rufs­aus­bil­dungs­ver­trag vom 22. Ju­ni 2013 ver­ein­bar­ten Pro­be­zeit erklärt. Die Zeit der Tätig­keit des Klägers vom 11. März 2013 bis zum 31. Ju­li 2013 auf der Grund­la­ge des sog. Prak­ti­kan­ten­ver­trags vom 27. März 2013 fin­det kei­ne An­rech­nung auf die Pro­be­zeit im an­sch­ließen­den Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis. Dies gilt un­abhängig da­von, ob der Kläger in die­ser Zeit tatsächlich ein Prak­ti­kum ab­sol­viert hat oder ent­ge­gen der ver­trag­li­chen Be­zeich­nung in ei­nem Ar­beits­verhält­nis stand.
 

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a) Nach § 20 Satz 1 BBiG be­ginnt das Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis mit der Pro­be­zeit. Ei­ne An­rech­nung von Zei­ten, in de­nen zwi­schen dem Aus­bil­den­den und dem Aus­zu­bil­den­den be­reits ein an­de­res Ver­trags­verhält­nis be­stand, sieht § 20 BBiG nicht vor. Die Vor­schrift knüpft al­lein an den recht­li­chen Be­stand des Aus­bil­dungs­verhält­nis­ses an. Selbst bei meh­re­ren Aus­bil­dungs­verhält­nis­sen zwi­schen den­sel­ben Par­tei­en be­ginnt dem­nach je­des nach ei­ner recht­li­chen Un­ter­bre­chung neu be­gründe­te Aus­bil­dungs­verhält­nis er­neut mit ei­ner Pro­be­zeit. Ei­ne er­neu­te Ver­ein­ba­rung ei­ner Pro­be­zeit ist nur dann un­zulässig, wenn zwi­schen dem neu­en Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis und dem vor­he­ri­gen Aus­bil­dungs­verhält­nis der­sel­ben Par­tei­en ein der­art en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht, dass es sich sach­lich um ein Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis han­delt. In­so­weit ist § 20 Satz 1 BBiG te­leo­lo­gisch zu re­du­zie­ren (BAG 12. Fe­bru­ar 2015 - 6 AZR 831/13 - Rn. 29 ff.).


b) Dem­ge­genüber ste­hen Zei­ten ei­nes an­de­ren Ver­trags­verhält­nis­ses der­sel­ben Par­tei­en vor Be­ginn des Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis­ses we­der der Ver­ein­ba­rung ei­ner Pro­be­zeit im Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis ent­ge­gen noch fin­det ei­ne An­rech­nung auf die gemäß § 20 Satz 1 BBiG zu ver­ein­ba­ren­de Pro­be­zeit statt. Dies er­gibt sich aus dem kla­ren Wort­laut des § 20 Satz 1 BBiG und dem Zweck der Pro­be­zeit un­ter Berück­sich­ti­gung der un­ter­schied­li­chen Rech­te und Pflich­ten in an­de­ren Ver­trags­verhält­nis­sen.


aa) Die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Pro­be­zeit soll ei­ner­seits si­cher­stel­len, dass der Aus­bil­den­de den Aus­zu­bil­den­den da­hin­ge­hend über­prüfen kann, ob die­ser für den zu er­ler­nen­den Be­ruf ge­eig­net ist (vgl. BT-Drs. V/4260 S. 10) und sich in das be­trieb­li­che Ge­sche­hen mit sei­nen Lern­pflich­ten ein­ord­nen kann. An­de­rer­seits muss die Prüfung, ob der gewähl­te Be­ruf sei­nen Vor­stel­lun­gen und An­la­gen ent­spricht, auch dem Aus­zu­bil­den­den möglich sein (BAG 16. De­zem­ber 2004 - 6 AZR 127/04 - zu II 2 b der Gründe). Letzt­lich soll die Pro­be­zeit bei­den Ver­trags­part­nern aus­rei­chend Ge­le­gen­heit einräum­en, die für das Aus­bil­dungs­verhält­nis im kon­kre­ten Aus­bil­dungs­be­ruf we­sent­li­chen Umstände ein­ge­hend zu prüfen (BT-Drs. 15/4752 S. 35; BAG 12. Fe­bru­ar 2015 - 6 AZR 831/13 - Rn. 28).


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bb) Dies ist nur un­ter den Be­din­gun­gen des Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis­ses mit sei­nem spe­zi­fi­schen Pflich­ten­ka­ta­log nach §§ 13, 14 BBiG möglich. An­de­re Ver­trags­verhält­nis­se wei­chen hier­von ab.


(1) Dies gilt zum ei­nen für Ar­beits­verhält­nis­se. Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis­se und Ar­beits­verhält­nis­se sind nicht ge­ne­rell gleich­zu­set­zen, weil bei­de Ver­trags­verhält­nis­se un­ter­schied­li­che Pflich­ten­bin­dun­gen auf­wei­sen (BAG 10. Ju­li 2003 - 6 AZR 348/02 - zu 2 a bb der Gründe, BA­GE 107, 72; vgl. auch 16. Ju­li 2013 - 9 AZR 784/11 - Rn. 37, BA­GE 145, 371). Dies berück­sich­tigt § 10 Abs. 2 BBiG, wo­nach die für den Ar­beits­ver­trag gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten und Rechts­grundsätze auf den Be­rufs­aus­bil­dungs­ver­trag nur an­zu­wen­den sind, so¬weit sich aus des­sen We­sen und Zweck und aus dem BBiG nichts an­de­res er­gibt. In­halt ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses ist nach § 611 BGB die Er­brin­gung der ver­trag­lich ge­schul­de­ten Leis­tung ge­gen Zah­lung ei­nes Ent­gelts. Dem­ge­genüber schul­det der Aus­zu­bil­den­de, sich aus­bil­den zu las­sen, während die Haupt­pflicht des Aus­bil­den­den nach § 14 BBiG dar­in be­steht, dem Aus­zu­bil­den­den die zum Er­rei­chen des Aus­bil­dungs­ziels er­for­der­li­chen Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten zu ver­mit­teln. Der Aus­zu­bil­den­de schul­det im Ge­gen­satz zu ei­nem Ar­beit­neh­mer kei­ne Ar­beits­leis­tung ge­gen Zah­lung ei­nes Ent­gelts, son­dern hat sich nach § 13 Satz 1 BBiG zu bemühen, die be­ruf­li­che Hand­lungsfähig­keit zu er­wer­ben, die zum Er­rei­chen des Aus­bil­dungs­ziels er­for­der­lich ist (BAG 12. Fe­bru­ar 2015 - 6 AZR 845/13 - Rn. 37; 18. Mai 2011 - 10 AZR 360/10 - Rn. 13 mwN). Folg­lich ist die in ei­nem vor­her­ge­hen­den Ar­beits­verhält­nis zurück­ge­leg­te Zeit nicht auf die Pro­be­zeit in ei­nem fol­gen­den Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis an­zu­rech­nen (vgl. zu § 13 BBiG aF BAG 16. De­zem­ber 2004 - 6 AZR 127/04 - zu II 2 der Gründe).


(2) Die Dau­er an­de­rer Ver­trags­verhält­nis­se iSd. § 26 BBiG ist we­gen de­ren Un­ter­schie­de zu ei­nem Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis eben­falls nicht auf ei­ne nach § 20 BBiG ver­ein­bar­te Pro­be­zeit an­zu­rech­nen. Dies gilt auch für die hier in Streit ste­hen­de Zeit ei­nes un­mit­tel­bar vor­aus­ge­gan­ge­nen Prak­ti­kums. Auf den In­halt und die Ziel­set­zung des Prak­ti­kums kommt es ent­ge­gen der Re­vi­si­on
 

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nicht an. Ih­re dies­bezüglich er­ho­be­nen Ver­fah­rensrügen sind des­halb un­be­acht­lich.


(a) § 26 BBiG ord­net die An­wend­bar­keit der für das Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis gel­ten­den Vor­schrif­ten der §§ 10 bis 23 und 25 BBiG für Rechts­verhält­nis­se an, die nicht als Ar­beits­verhält­nis­se aus­ge­stal­tet sind und die Per­so­nen be­tref­fen, die ein­ge­stellt wer­den, um be­ruf­li­che Fer­tig­kei­ten, Kennt­nis­se, Fähig­kei­ten oder be­ruf­li­che Er­fah­run­gen zu er­wer­ben. § 26 BBiG er­fasst da­mit nur sol­che Rechts­verhält­nis­se, die im Ge­gen­satz zur Um­schu­lung oder Fort­bil­dung auf die erst­ma­li­ge Ver­mitt­lung be­ruf­li­cher Kennt­nis­se, Fer­tig­kei­ten oder Er­fah­run­gen ge­rich­tet sind, wie dies et­wa bei An­lern­lin­gen, Vo­lontären oder Prak­ti­kan­ten der Fall ist (BAG 12. Fe­bru­ar 2013 - 3 AZR 120/11 - Rn. 12).


(b) Für die Aus­bil­dung in ei­nem an­er­kann­ten Aus­bil­dungs­be­ruf un­ter­sagt § 4 Abs. 2 BBiG, wo­nach nur nach der Aus­bil­dungs­ord­nung aus­ge­bil­det wer­den darf, hin­ge­gen die Ver­ein­ba­rung ei­nes an­de­ren Ver­trags­verhält­nis­ses nach § 26 BBiG (BAG 27. Ju­li 2010 - 3 AZR 317/08 - Rn. 23, BA­GE 135, 187; kri­tisch Ben­ecke NZA 2012, 646). Dies ist der Struk­tur der Be­rufs­aus­bil­dung ge­schul­det. Mit ihr soll be­ruf­li­che Hand­lungsfähig­keit in ei­nem ge­ord­ne­ten Aus­bil­dungs­gang ver­mit­telt wer­den (§ 1 Abs. 3 Satz 1 BBiG). Bei ei­nem Prak­ti­kum ist das nicht der Fall. Ein Prak­ti­kant ist in al­ler Re­gel vorüber­ge­hend in ei­nem Be­trieb tätig, um sich die zur Vor­be­rei­tung auf ei­nen Be­ruf not­wen­di­gen prak­ti­schen Kennt­nis­se und Er­fah­run­gen an­zu­eig­nen (BAG 29. April 2015 - 9 AZR 78/14 - Rn. 18). Da­bei fin­det aber kei­ne sys­te­ma­ti­sche Be­rufs­aus­bil­dung statt (vgl. BAG 13. März 2003 - 6 AZR 564/01 - zu II 2 b der Gründe). Prak­ti­kan­ten sind auch nicht zur Teil­nah­me am Be­rufs­schul­un­ter­richt und an Prüfun­gen ver­pflich­tet (vgl. § 13 Satz 2 Nr. 2, § 15 BBiG).


(c) An der Un­ter­schei­dung von Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis und Prak­ti­kum hat sich durch das Min­dest­l­ohn­ge­setz nichts geändert. Zwar enthält § 22 Abs. 1 Satz 3 Mi­LoG für die­ses Ge­setz mit Wir­kung ab dem 16. Au­gust 2014 nun­mehr ei­ne Le­gal­de­fi­ni­ti­on der Prak­ti­kan­ten­stel­lung in An­leh­nung an den Erwägungs­grund 27 der Emp­feh­lung des Ra­tes der Eu­ropäischen Uni­on vom 10. März 2014 zu ei­nem Qua­litäts­rah­men für Prak­ti­ka (BT-Drs. 18/2010 (neu) S. 24;


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HK-Mi­LoG/Schu­bert/Jer­chel § 22 Rn. 17). Nach § 22 Abs. 1 Satz 3 Mi­LoG ist ein Prak­ti­kum aber kei­ne Be­rufs­aus­bil­dung im Sin­ne des BBiG („oh­ne dass es sich da­bei um ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung im Sin­ne des Be­rufs­bil­dungs­ge­set­zes ... han­delt“).


(d) Mit die­ser ge­setz­li­chen Dif­fe­ren­zie­rung von Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis und Prak­ti­kum ist ei­ne An­rech­nung von Zei­ten ei­nes Prak­ti­kums auf die Pro­be­zeit in ei­nem späte­ren Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis nicht ver­ein­bar (vgl. Her­kert/Töltl BBiG Stand No­vem­ber 2013 § 20 Rn. 6; Rein­artz DB 2015, 1347; Schieckel/Oe­strei­cher/De­cker/Grüner BBiG Bd. I Stand 1. Mai 2015 § 20 nF Rn. 4; Schu­li­en in Hur­le­baus/Baumstümmler/Schu­li­en Be­rufs­bil­dungs­recht Stand Sep­tem­ber 2014 § 20 Rn. 22; Lei­ne­mann/Tau­bert BBiG 2. Aufl. § 20 Rn. 8; Schaub/Vo­gel­sang ArbR-HdB 16. Aufl. § 174 Rn. 86; KR/Wei­gand 10. Aufl. §§ 21 bis 23 BBiG Rn. 43b; LAG Ber­lin 12. Ok­to­ber 1998 - 9 Sa 73/98 - zu II 1 der Gründe). Die Zweck­set­zung von Prak­ti­kum und Pro­be­zeit ist un­ter­schied­lich, es be­steht auch kei­ne re­le­van­te Tei­li­den­tität (aA ErfK/Schlach­ter 16. Aufl. § 20 BBiG Rn. 2). We­gen der grundsätz­li­chen Un­ter­schie­de kommt es auf die Umstände des Ein­zel­falls nicht an. Es ist auch oh­ne Be­deu­tung, ob Prak­ti­kum und Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis in ei­nem in­ne­ren Zu­sam­men­hang ste­hen (aA Ben­ecke in Ben­ecke/Her­genröder BBiG § 20 Rn. 7; Lak­ies in Lak­ies/Ma­lott­ke BBiG 4. Aufl. § 20 Rn. 15). Glei­ches gilt bzgl. der tatsächli­chen Ge­stal­tung des Prak­ti­kums und des Be­suchs ei­nes Be­rufs­schul­un­ter­richts. Die­se Dif­fe­ren­zie­rung ist zu­gleich ein Ge­bot der Rechts­si­cher­heit, denn die Ab­gren­zung ei­nes „an­rech­nungsfähi­gen“ Prak­ti­kums von ei­nem an­de­ren Prak­ti­kum im Ein­zel­fall wäre nur schwer möglich.


(e) Für die Nicht­an­rech­nung ei­ner Prak­ti­kums­zeit spricht fer­ner, dass der Ge­setz­ge­ber so­gar bei ge­setz­lich vor­ge­se­he­nen Qua­li­fi­zie­rungs­maßnah­men im Vor­feld ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung ei­ne An­rech­nung auf die Pro­be­zeit im fol­gen­den Aus­bil­dungs­verhält­nis nicht vor­ge­se­hen hat (vgl. LAG Ba­den-Würt­tem­berg 8. No­vem­ber 2011 - 22 Sa 35/11 -). Dies be­trifft die Ein­stiegs­qua­li­fi­zie­rung nach § 54a SGB III, wel­che der Ver­mitt­lung und Ver­tie­fung von Grund­la­gen für den Er­werb be­ruf­li­cher Hand­lungsfähig­keit dient und nach § 54a Abs. 2 Nr. 1


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SGB III auf der Grund­la­ge ei­nes Ver­trags iSd. § 26 BBiG durch­geführt wer­den kann. Auch die Be­rufs­aus­bil­dungs­vor­be­rei­tung nach §§ 68 f. BBiG ist ei­ne vor­ge­la­ger­te Qua­li­fi­zie­rungs­maßnah­me, bzgl. de­ren Dau­er der Ge­setz­ge­ber kei­ne An­rech­nung auf die Pro­be­zeit der späte­ren Be­rufs­aus­bil­dung an­ge­ord­net hat. Dies ent­spricht der Un­ter­schied­lich­keit der Rechts­verhält­nis­se.


(f) Wol­len die Par­tei­en bei der Be­gründung des Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis­ses den Um­stand berück­sich­ti­gen, dass sie sich be­reits im Rah­men ei­nes Prak­ti­kums ken­nen­ge­lernt ha­ben, bleibt ih­nen da­her nur die Ver­ein­ba­rung der Min­dest­pro­be­zeit von ei­nem Mo­nat gemäß § 20 Satz 2 BBiG (vgl. Rein­artz DB 2015, 1347). Ei­ne ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung der An­rech­nung ei­nes Prak­ti­kums, die zu ei­ner wei­ter ge­hen­den Re­du­zie­rung oder zum Ent­fall der Pro­be-zeit führt, wäre gemäß § 25 BBiG nich­tig. Es würde sich um ei­ne Ver­ein­ba­rung han­deln, die zu­un­guns­ten des Aus­zu­bil­den­den von § 20 BBiG ab­weicht. Die Pro­be­zeit ermöglicht, wie aus­geführt, die bei­der­sei­ti­ge Prüfung der Umstände des Aus­bil­dungs­be­rufs. Die Ver­ein­ba­rung ei­ner Pro­be­zeit liegt dar­um ge­ra­de auch im In­ter­es­se des Aus­zu­bil­den­den (vgl. BAG 12. Fe­bru­ar 2015 - 6 AZR 831/13 - Rn. 39; 15. Ja­nu­ar 1981 - 2 AZR 943/78 - zu II 3 c der Gründe, BA­GE 36, 94). Ei­ne Re­ge­lung, die von ei­ner Pro­be­zeit ab­sieht, ist folg­lich un­wirk­sam (vgl. BAG 12. Fe­bru­ar 2015 - 6 AZR 831/13 - Rn. 19). Die ge­setz­li­che Vor­ga­be der Min­dest­pro­be­zeit kann auch nicht da­durch un­ter­lau­fen wer­den, dass ver­trag­lich die An­rech­nung ei­nes Prak­ti­kums ver­ein­bart wird.


c) Dem­nach er­folg­te die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung vom 29. Ok­to­ber 2013 während der im Be­rufs­aus­bil­dungs­ver­trag vom 22. Ju­ni 2013 wirk­sam ver­ein­bar­ten Pro­be­zeit von drei Mo­na­ten.


aa) Nach § 20 Satz 2 BBiG muss die Pro­be­zeit min­des­tens ei­nen Mo­nat und darf höchs­tens vier Mo­na­te be­tra­gen. Dem Ge­setz lässt sich kein An­halts­punkt dafür ent­neh­men, nach wel­chen Kri­te­ri­en und Maßga­ben die Pro­be­zeit zu be­mes­sen ist. In­ner­halb des ge­setz­li­chen Rah­mens ist die tatsächli­che Dau­er der Pro­be­zeit viel­mehr frei ver­ein­bar (BAG 12. Fe­bru­ar 2015 - 6 AZR 831/13 - Rn. 39). Ist die Re­ge­lung der Pro­be­zeit in ei­nem For­mu­lar­aus­bil­dungs­ver­trag des Aus­bil­den­den ent­hal­ten, un­ter­liegt ei­ne Klau­sel hin­sicht­lich der Dau­er der


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Pro­be­zeit ei­ner In­halts­kon­trol­le nach §§ 307 ff. BGB, da es sich in­so­weit um ei­ne nor­m­ausfüllen­de (rechts­ergänzen­de) All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung han­delt. Ein Un­ter­schrei­ten des vom Ge­setz­ge­ber mit § 20 BBiG für den Aus­zu­bil­den­den an­ge­streb­ten Schutz­ni­veaus ist je­doch re­gelmäßig auch dann nicht fest­zu­stel­len, wenn der Aus­bil­den­de die ge­setz­li­che Höchst­dau­er der Pro­be­zeit durch ei­ne AGB-Klau­sel ausschöpft. Dem ge­setz­li­chen Schutz­an­lie­gen und den In­ter­es­sen des Aus­zu­bil­den­den ist grundsätz­lich auch bei ei­ner vier­mo­na­ti­gen Pro­be­zeit noch in vol­lem Um­fang Rech­nung ge­tra­gen. Ei­ne Pro­be­zeit im Um­fang der ge­setz­lich vor­ge­se­he­nen Höchst­dau­er steht dar­um im Ge­rech­tig­keits­kern mit der ge­setz­li­chen Be­wer­tung und Ge­wich­tung der von § 307 BGB geschütz­ten In­ter­es­sen des Aus­zu­bil­den­den im Ein­klang und ist des­halb grundsätz­lich nicht un­an­ge­mes­sen iSv. § 307 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Nr. 1 BGB (BAG 12. Fe­bru­ar 2015 - 6 AZR 831/13 - Rn. 37, 40).

bb) Vor­lie­gend sieht der For­mu­lar­aus­bil­dungs­ver­trag vom 22. Ju­ni 2013 ei­ne Pro­be­zeit von drei Mo­na­ten vor. Dies ist nicht zu be­an­stan­den. Die ge­setz­li­che Höchst­dau­er wur­de um ei­nen Mo­nat un­ter­schrit­ten. Die Zeit des Prak­ti­kums ist aus den ge­nann­ten Gründen un­be­acht­lich.

cc) Die Kündi­gung er­folg­te gemäß § 22 Abs. 1 BBiG während der Pro­be­zeit. Nach dem Be­rufs­aus­bil­dungs­ver­trag vom 22. Ju­ni 2013 be­gann die­se am 1. Au­gust 2013 und en­de­te bei ei­ner Dau­er von drei Mo­na­ten am 31. Ok­to­ber 2013. Die gemäß § 22 Abs. 3 BBiG schrift­li­che Kündi­gung ging dem Kläger am 29. Ok­to­ber 2013 und da­mit während der Pro­be­zeit zu.

2. Die Kündi­gung ist nicht gemäß § 102 Abs. 1 Satz 3 Be­trVG man­gels ord­nungs­gemäßer Anhörung des Be­triebs­rats un­wirk­sam. Die­ser wur­de mit dem Schrei­ben vom 21. Ok­to­ber 2013 hin­rei­chend über die Gründe der be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung iSd. § 102 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG un­ter­rich­tet.

a) Eben­so wie bei ei­ner Kündi­gung in der War­te­zeit des § 1 Abs. 1 KSchG ist die Sub­stan­ti­ie­rungs­pflicht bei der Anhörung des Be­triebs­rats im Fal­le ei­ner Kündi­gung während der Pro­be­zeit nach § 22 Abs. 1 BBiG al­lein an den Umständen zu mes­sen, aus de­nen der Aus­bil­den­de sub­jek­tiv sei­nen Kündi­gungs-


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ent­schluss her­lei­tet. Dies folgt aus dem Grund­satz der sub­jek­ti­ven De­ter­mi­na­ti­on. Dem­nach ist der Be­triebs­rat im­mer dann ord­nungs­gemäß an­gehört, wenn der Ar­beit­ge­ber ihm die Gründe mit­ge­teilt hat, die nach sei­ner sub­jek­ti­ven Sicht die Kündi­gung recht­fer­ti­gen und die für sei­nen Kündi­gungs­ent­schluss maßgeb­lich sind. Hin­sicht­lich der An­for­de­run­gen, die an die In­for­ma­ti­on des Be­triebs­rats durch den Aus­bil­den­den bei Pro­be­zeitkündi­gun­gen zu stel­len sind, ist des­halb zwi­schen Kündi­gun­gen, die auf sub­stan­ti­ier­ba­re Tat­sa­chen gestützt wer­den, und Kündi­gun­gen, die auf per­so­nen­be­zo­ge­nen Wert­ur­tei­len be­ru­hen, die sich in vie­len Fällen durch Tat­sa­chen nicht näher be­le­gen las­sen, zu dif­fe­ren­zie­ren. In der ers­ten Kon­stel­la­ti­on genügt die Anhörung den An­for­de­run­gen des § 102 Be­trVG nur, wenn dem Be­triebs­rat die zu­grun­de lie­gen­den Tat­sa­chen bzw. Aus­gangs­grund­la­gen mit­ge­teilt wer­den. In der zwei­ten Kon­stel­la­ti­on reicht die Mit­tei­lung al­lein des Wert­ur­teils für ei­ne ord­nungs­gemäße Be­triebs­rats­anhörung aus. Der Aus­bil­den­de ist in die­sem Fall nicht ver­pflich­tet, im Rah­men des Anhörungs­ver­fah­rens nach § 102 Be­trVG sein Wert­ur­teil ge­genüber der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung zu sub­stan­ti­ie­ren oder zu be­gründen. Lie­gen dem sub­jek­ti­ven Wert­ur­teil des Aus­bil­den­den nach Zeit, Ort und Umständen kon­kre­ti­sier­ba­re Tat­sa­chen­ele­men­te zu­grun­de, muss er den Be­triebs­rat über die­sen Tat­sa­chen­kern bzw. die An­satz­punk­te sei­nes sub­jek­ti­ven Wert­ur­teils nicht in­for­mie­ren. Es genügt für ei­ne ord­nungs­gemäße Anhörung, wenn er al­lein das Wert­ur­teil selbst als das Er­geb­nis sei­nes Ent­schei­dungs­pro­zes­ses mit­teilt (vgl. zu ei­ner Kündi­gung während der War­te­zeit BAG 12. Sep­tem­ber 2013 - 6 AZR 121/12 - Rn. 20 ff. mwN; zu­stim­mend Gra­gert Ar­bRAk­tu­ell 2013, 599; ab­leh­nend Müller-Wen­ner AuR 2014, 85).


b) Bei der Be­triebs­rats­anhörung han­delt es sich um ei­ne aty­pi­sche Wil­lens­erklärung, de­ren Aus­le­gung grundsätz­lich Sa­che der Tat­sa­chen­in­stanz ist (BAG 22. Sep­tem­ber 2005 - 6 AZR 607/04 - zu II 4 b bb (1) der Gründe). Die Aus­le­gung aty­pi­scher Wil­lens­erklärun­gen durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt kann in der Re­vi­si­ons­in­stanz nur dar­auf über­prüft wer­den, ob das Be­ru­fungs­ge­richt Aus­le­gungs­re­geln ver­letzt hat oder ge­gen Denk­ge­set­ze und Er­fah­rungssätze ver­s­toßen, we­sent­li­che Tat­sa­chen un­berück­sich­tigt ge­las­sen oder ei­ne ge­bo­te-


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ne Aus­le­gung un­ter­las­sen hat (BAG 12. Fe­bru­ar 2015 - 6 AZR 845/13 - Rn. 98 mwN).


c) Vor­lie­gend wur­de dem Be­triebs­rat im Anhörungs­schrei­ben vom 21. Ok­to­ber 2013 zur Be­gründung der be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung mit­ge­teilt, dass der Kläger den Er­war­tun­gen der Be­klag­ten auf­grund feh­len­der Ei­gen­in­itia­ti­ve nicht ent­spro­chen ha­be. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist bei Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes der sub­jek­ti­ven De­ter­mi­na­ti­on in re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den­der Wei­se zu der Auf­fas­sung ge­langt, dass dies aus­rei­chend war und dem Be­triebs­rat nicht mehr erläutert wer­den muss­te, auf­grund wel­cher Umstände der Kläger den Er­war­tun­gen der Be­klag­ten nicht ent­spro­chen hat. Die Mit­tei­lung des bloßen Wert­ur­teils reicht vor­lie­gend aus. Die­ses war der An­lass für die Kündi­gung. Wei­te­re In­for­ma­tio­nen wa­ren auch hin­sicht­lich des Prak­ti­kums nicht er­for­der­lich. Der Be­triebs­rat wur­de darüber in­for­miert, dass der Kläger be­reits seit dem 11. März 2013 als Prak­ti­kant beschäftigt war. Ent­ge­gen der Re­vi­si­on muss­ten wei­te­re In­for­ma­tio­nen zur Ver­trags­grund­la­ge so­wie zu Art und Um­fang des Prak­ti­kums nicht be­kannt ge­ge­ben wer­den. Glei­ches gilt für den Um­stand, dass das Prak­ti­kum zur Über­brückung bis zum Aus­bil­dungs­be­ginn vor­ge­se­hen war. Die Re­vi­si­on geht im An­satz un­zu­tref­fend da­von aus, dass dem Be­triebs­rat durch sol­che In­for­ma­tio­nen die Einschätzung hätte ermöglicht wer­den müssen, in­wie­fern sich der Kläger im Rah­men des Prak­ti­kums be­reits als ge­eig­net ge­zeigt hat. Dies ent­spricht der nach An­sicht der Re­vi­si­on vor­zu­neh­men­den An­rech­nung des Prak­ti­kums auf die Pro­be­zeit des Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis­ses. Wie dar­ge­legt, steht das Prak­ti­kum aber in kei­nem recht­li­chen Zu­sam­men­hang mit die­ser Pro­be­zeit. Für die Kündi­gungs­ent­schei­dung ist die Einschätzung der Be­klag­ten hin­sicht­lich der Eig­nung des Klägers be­zo­gen auf die Aus­bil­dung maßgeb­lich. Der Ab­lauf des Prak­ti­kums ist hier­bei grundsätz­lich oh­ne Be­deu­tung. An­de­res könn­te nur gel­ten, wenn die Be­klag­te ih­re Kündi­gungs­ent­schei­dung we­gen kon­kre­ter Vorfälle im Prak­ti­kum ge­trof­fen hätte. Dies ist hier nicht er­sicht­lich.


3. Die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung verstößt ent­ge­gen der Re­vi­si­on auch nicht ge­gen Treu und Glau­ben (vgl. hier­zu BAG 15. Ja­nu­ar 2015 - 6 AZR


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646/13 - Rn. 34). Die Be­klag­te hat le­dig­lich von ih­ren ge­setz­li­chen Rech­ten Ge­brauch ge­macht.

4. Der An­trag auf Wei­ter­beschäfti­gung fiel dem Se­nat nicht zur Ent­schei­dung an. Er ist auf Beschäfti­gung bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens ge­rich­tet. Die­ser Rechts­streit ist mit der Ent­schei­dung des Se­nats ab­ge­schlos­sen (vgl. BAG 20. No­vem­ber 2014 - 2 AZR 755/13 - Rn. 52).

5. Der Kläger hat nach § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­ner er­folg­lo­sen Re­vi­si­on zu tra­gen.

Fi­scher­mei­er 

Spel­ge 

Krum­bie­gel

Wol­lensak 

W. Kreis

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