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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Mobbing, Verwirkung, Ausschlussfrist
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 8 AZR 838/13
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 11.12.2014
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Nürnberg, Endurteil vom 20.7.2011 - 7 Ca 8046/10
Landesarbeitsgericht Nürnberg, Urteil vom 25.7.2013 - 5 Sa 525/11
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

8 AZR 838/13
5 Sa 525/11
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Nürn­berg

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
11. De­zem­ber 2014

UR­TEIL

Förs­ter, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­ter, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

hat der Ach­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 11. De­zem­ber 2014 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Hauck, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Brein­lin­ger, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Win­ter so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Mall­mann und Kandler für Recht er­kannt:


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Auf die Re­vi­si­on des Klägers wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 25. Ju­li 2013 - 5 Sa 525/11 - auf­ge­ho­ben.
Die Sa­che wird zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung - auch über die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens - an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen.


Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Der Kläger nimmt den Be­klag­ten, sei­nen ehe­ma­li­gen Vor­ge­setz­ten, auf Zah­lung ei­nes Schmer­zens­gel­des in An­spruch. Zum Er­satz im­ma­te­ri­el­len Scha­dens sei der Be­klag­te ver­pflich­tet, weil er den Kläger von 2006 bis An­fang 2008 „ge­mobbt“ ha­be.


Der 1958 ge­bo­re­ne Kläger, der das Ers­te ju­ris­ti­sche Staats­ex­amen ab­ge­legt hat, war bei der P GmbH und de­ren Rechts­vorgänge­rin­nen seit dem 23. Ju­li 1990 beschäftigt, zu­letzt als Per­so­nal­fach­be­ra­ter/Fach­be­ra­ter Ar­beits­recht mit ei­nem mo­nat­li­chen Brut­to­ar­beits­ent­gelt von 4.500,00 Eu­ro. Die P GmbH war die Dach­ge­sell­schaft al­ler Ver­sand­han­dels­mar­ken der 2009 in In­sol­venz ge­ra­te­nen A AG, vor­mals K AG. Ei­nem Zwi­schen­zeug­nis vom 31. Mai 2006 zu­fol­ge führ­te der Kläger die ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben „stets zur ... volls­ten Zu­frie­den­heit“ der Ar­beit­ge­be­rin aus, in den Jah­ren 2001 und 2006 er­hielt er für her­aus­ra­gen­de Leis­tun­gen Son­der­prämi­en.


An­fang Ju­ni 2006 wur­de die bis­he­ri­ge Ab­tei­lung des Klägers mit ei­ner wei­te­ren zu ei­ner neu­en Ab­tei­lung zu­sam­men­ge­legt, in der nur noch Voll­ju­ris­ten Sach­be­ar­bei­ter sein soll­ten. Die Ab­tei­lungs­lei­te­rin der neu ge­bil­de­ten Ab­tei­lung war dem Be­klag­ten un­ter­stellt. In die neue Ab­tei­lung wur­de der Kläger nicht auf­ge­nom­men, viel­mehr wur­de auch er dem Be­klag­ten als Vor­ge­setz­ten un­mit­tel­bar un­ter­stellt.
 

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Der Be­klag­te teil­te dem Kläger am 17. Ju­li 2006 mit, dass er sich - ex­tern im We­ge des Out­pla­ce­ments - ei­ne an­de­re Stel­le su­chen sol­le, in der neu ge­bil­de­ten Ab­tei­lung könne er nicht mehr beschäftigt wer­den. Be­wer­bun­gen des Klägers auf an­de­re Stel­len im Un­ter­neh­men blie­ben er­folg­los. In der Fol­ge­zeit lei­te­te der Be­klag­te als di­rek­ter Vor­ge­setz­ter des Klägers ei­ne Rei­he von Maßnah­men ein, die die­ser als „Mob­bing“ in Form der Iso­lie­rung, Her­abwürdi­gung, Schi­ka­ne wer­te­te. Nach­dem der Kläger in zwei E-Mails den Vor­wurf des Mob­bings er­ho­ben hat­te, wur­de er mit Schrei­ben der Ar­beit­ge­be­rin vom 9. März 2007 ab­ge­mahnt, ei­ne wei­te­re, vom Be­klag­ten un­ter­zeich­ne­te Ab­mah­nung wur­de un­ter dem 25. Mai 2007 we­gen Nich­ter­le­di­gung ei­nes Auf­tra­ges aus­ge­spro­chen. In dem da­zu geführ­ten Rechts­streit ei­nig­ten sich die Par­tei­en in der münd­li­chen Ver­hand­lung des Be­ru­fungs­rechts­zugs am 21. Ju­li 2009 dar­auf, bei­de Ab­mah­nun­gen als ge­gen­stands­los zu be­trach­ten.


2007 er­krank­te der Kläger an ei­nem chro­ni­schen Über­las­tungs­syn­drom und De­pres­si­on. Er war an ins­ge­samt 52 Ta­gen in drei Krank­heits­zeiträum­en ar­beits­unfähig. 2008 konn­te der Kläger an 216 Ta­gen nicht ar­bei­ten, im Jah­re 2009 durchgängig bis zum Au­gust. Die Ar­beit­ge­be­rin kündig­te das Ar­beits­verhält­nis, das schließlich endgültig am 28. Fe­bru­ar 2010 en­de­te.


Der Kläger hat be­haup­tet, die letz­te Ein­zel­hand­lung des Mob­bings ha­be am 4. Fe­bru­ar 2008 statt­ge­fun­den, durch sein Vor­ge­hen ha­be der Be­klag­te die er­heb­li­chen krank­heits­be­ding­ten Fehl­zei­ten und die zu­grun­de lie­gen­de schwe­re Er­kran­kung aus­gelöst.


Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt, 


den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an ihn we­gen Mob­bings ein an­ge­mes­se­nes Schmer­zens­geld nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit Rechtshängig­keit zu zah­len, min­des­tens je­doch 10.000,00 Eu­ro.

Zur Be­gründung sei­nes Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trags hat der Be­klag­te ab­ge­strit­ten, ge­genüber dem Kläger Mob­bing­hand­lun­gen vor­ge­nom­men zu ha­ben. Die den Kläger be­tref­fen­den Maßnah­men sei­en der Um­struk­tu­rie­rung ge­schul­det ge­we­sen. Der Be­klag­te hat im Übri­gen die Ein­re­de der Verjährung er-
 

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ho­ben und im Be­ru­fungs­rechts­zug zu­dem die Auf­fas­sung ver­tre­ten, ein et­wai­ger Schmer­zens­geld­an­spruch sei je­den­falls ver­wirkt.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen, da dem Be­klag­ten Mob­bing im Sin­ne der Recht­spre­chung nicht vor­ge­wor­fen wer­den könne. Die Be­ru­fung des Klägers blieb vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt oh­ne Er­folg, das sei­ne Ent­schei­dung aus­sch­ließlich auf den Ge­sichts­punkt der Ver­wir­kung gestützt hat. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sei­nen Kla­ge­an­trag wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on des Klägers ist be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat rechts­feh­ler­haft an­ge­nom­men, der Kläger ha­be ei­nen et­wai­gen An­spruch auf Er­satz des im­ma­te­ri­el­len Scha­dens ver­wirkt.


A. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat sei­ne Ent­schei­dung im We­sent­li­chen wie folgt be­gründet: Wie bei ver­trag­li­chen oder ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten be­gin­ne der ei­ne Ver­wir­kung auslösen­de Zeit­raum mit der zeit­lich letz­ten be­haup­te­ten Mob­bing­hand­lung. Mit der Gel­tend­ma­chung sei­nes Schmer­zens­geld­an­spruchs durch die am 28. De­zem­ber 2010 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­ne Kla­ge ha­be der Kläger „annähernd zwei Jah­re“ zu­ge­war­tet. Da­durch ha­be der Kläger un­ter Ver­s­toß ge­gen Treu und Glau­ben das In­ter­es­se des Be­klag­ten miss­ach­tet, nicht mehr in An­spruch ge­nom­men zu wer­den. Das In­ter­es­se des Be­klag­ten als An­spruchs­geg­ner, dem Do­ku­men­ta­ti­ons­er­for­der­nis zu genügen, fal­le ins Ge­wicht. Die Do­ku­men­ta­ti­ons­er­for­der­nis- und Be­weis­pro­ble­me sei­en der Si­tua­ti­on ver­gleich­bar, die den Ge­setz­ge­ber für Scha­dens­er­satz- oder Entschädi­gungs­for­de­run­gen nach § 15 Abs. 1 und Abs. 2 AGG zu ei­ner zwei­mo­na­ti­gen Gel­tend­ma­chungs­frist (§ 15 Abs. 4 AGG) ver­an­lasst hätte. Der Kläger ha­be nach Ab­schluss des Ver­fah­rens um die bei­den Ab­mah­nun­gen am 21. Ju­li 2009 von ei­ner „zeit­na­hen“ Klärung sei­ner Mob­bing­vorwürfe ab­ge­se­hen. Auch nach Er­halt der Kündi­gung und Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens über das Vermö-


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gen der Un­ter­neh­mens­grup­pe der Ar­beit­ge­be­rin sei der Kläger nicht ak­tiv ge­wor­den.


B. Die Re­vi­si­on des Klägers ist be­gründet. Die Be­gründung des Be­ru­fungs­ur­teils hält ei­ner re­vi­si­ons­recht­li­chen Über­prüfung nicht stand. Die Vor­aus­set­zun­gen der Ver­wir­kung lie­gen nicht vor. Die Ent­schei­dung stellt sich nicht aus an­de­ren Gründen als rich­tig dar (§ 561 ZPO).

I. Die Kla­ge ist schlüssig. Den Vor­trag des Klägers als zu­tref­fend un­ter­stellt, kommt ein Schmer­zens­geld­an­spruch nach § 823 Abs. 1, § 253 Abs. 2 BGB in Be­tracht.


1. Ein An­spruch auf Schmer­zens­geld we­gen Mob­bings setzt ei­ne hin­rei­chend schwe­re Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts vor­aus (vgl. BAG 28. Ok­to­ber 2010 - 8 AZR 546/09 - Rn. 19 und 30, AP BGB § 611 Mob­bing Nr. 7). Das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht ist das Recht des Ein­zel­nen auf Ach­tung und Ent­fal­tung sei­ner Persönlich­keit. Zum Schutz­be­reich des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts gehört auch der sog. Eh­ren­schutz, der auf den Schutz ge­gen un­wah­re Be­haup­tun­gen und ge­gen her­ab­set­zen­de, entwürdi­gen­de Äußerun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen und die Wah­rung des so­zia­len Gel­tungs­an­spruchs ge­rich­tet ist (ErfK/Schmidt 15. Aufl. GG Art. 2 Rn. 48, 84).


2. Da­bei ist der Kläger nach all­ge­mei­nen Grundsätzen für das Vor­lie­gen der an­spruchs­be­gründen­den Mob­bing­hand­lun­gen, aus de­nen er sei­nen Schmer­zens­geld­an­spruch her­lei­tet, dar­le­gungs- und be­weis­pflich­tig. Dass die be­haup­te­ten Äußerun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen des Be­klag­ten als sei­nes Vor­ge­setz­ten tatsächlich getätigt wor­den sind, muss der Kläger - so­weit strei­tig - be­wei­sen (vgl. BAG 14. No­vem­ber 2013 - 8 AZR 813/12 - Rn. 11; 24. April 2008 - 8 AZR 347/07 - Rn. 41, AP BGB § 611 Haf­tung des Ar­beit­ge­bers Nr. 42).


3. An­ge­sichts des ge­sam­ten - un­strei­ti­gen wie strei­ti­gen - Tat­sa­chen­vor­trags des Klägers lässt sich nicht von vorn­her­ein aus­sch­ließen, dass ei­ne Ge­samt­abwägung sämt­li­cher vom Kläger be­haup­te­ter und ggf. zu be­wei­sen­der Tat­sa­chen - Hand­lun­gen des Be­klag­ten - ei­ne hin­rei­chend schwe­re Persönlich-


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keits­rechts­ver­let­zung er­gibt. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­klag­ten ist die Kla­ge da­her nicht un­schlüssig.


II. Der An­spruch des Klägers auf Er­satz sei­nes im­ma­te­ri­el­len Scha­dens ist nicht verjährt.


1. Für ei­nen Schmer­zens­geld­an­spruch gilt die re­gelmäßige Verjährungs­frist von drei Jah­ren, § 195 BGB. Nach § 199 Abs. 1 BGB be­ginnt die re­gelmäßige Verjährungs­frist mit dem Schluss des Jah­res, in dem zum ei­nen der An­spruch ent­stan­den ist, und in dem zum an­de­ren der Gläubi­ger von den den An­spruch be­gründen­den Umständen und der Per­son des Schuld­ners Kennt­nis er­langt oder oh­ne gro­be Fahrlässig­keit hätte er­lan­gen müssen. In Mob­bingfällen ist da­her der verjährungs­re­le­van­te Zeit­punkt re­gelmäßig auf den Ab­schluss der zeit­lich letz­ten vor­ge­tra­ge­nen Mob­bing­hand­lung fest­zu­set­zen (BAG 16. Mai 2007 - 8 AZR 709/06 - Rn. 60, BA­GE 122, 304).


2. Nach dem Vor­trag des Klägers hat sich die letz­te an­geb­li­che Mob­bing­hand­lung im Fe­bru­ar 2008 er­eig­net. Die Verjährungs­frist be­gann dem­nach mit Ab­lauf des 31. De­zem­ber 2008 und en­de­te mit dem 31. De­zem­ber 2011. Die Kla­ge ging per Fax am 28. De­zem­ber 2010 bei Ge­richt ein. Die Ein­re­de der Verjährung ist un­be­hel­flich.


III. An­halts­punk­te für das Ein­grei­fen ta­rif­li­cher oder ge­setz­li­cher Aus­schluss­fris­ten für den vom Kläger gel­tend ge­mach­ten An­spruch lie­gen nicht vor.


1. Ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che oder ta­rif­li­che Aus­schluss­frist, die auch im Fal­le von auf Mob­bing gestütz­ten Ansprüchen gel­ten und zu de­ren von Amts we­gen zu be­ach­ten­dem Ver­fall führen könn­te (vgl. zu­letzt zu der­ar­ti­gen Aus­schluss­fris­ten bei Mob­bingfällen: BAG 26. Sep­tem­ber 2013 - 8 AZR 1013/12 - AP TVG § 4 Aus­schluss­fris­ten Nr. 204; 20. Ju­ni 2013 - 8 AZR 280/12 -), ist we­der vor­ge­tra­gen noch er­sicht­lich.


2. Ei­ne ge­setz­li­che Aus­schluss­frist für Ansprüche we­gen „Mob­bings“ be­steht nicht. Ei­ne ana­lo­ge An­wen­dung an­de­rer ge­setz­li­cher Aus­schluss­fris­ten, et­wa die des § 15 Abs. 4 AGG, kommt nicht in Be­tracht, da es an den Vor­aus-


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set­zun­gen ei­ner Ana­lo­gie­bil­dung fehlt. Dies hat auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­se­hen. Bei § 15 Abs. 4 AGG han­delt es sich um ei­ne Be­stim­mung, die eng aus­zu­le­gen und grundsätz­lich nicht ana­lo­giefähig ist. Wei­ter fehlt es so­wohl an ei­ner plan­wid­ri­gen Re­ge­lungslücke als auch an ei­ner ver­gleich­ba­ren In­ter­es­sen­la­ge. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat nicht ver­kannt, dass dem durch Mob­bing Geschädig­ten grundsätz­lich kei­ne Be­wei­ser­leich­te­run­gen wie dem Dis­kri­mi­nie­rungs­op­fer nach § 22 AGG zu­gu­te kom­men. Es exis­tiert auch kei­ne sons­ti­ge ge­setz­li­che Frist zur Rechts­ausübung wie zB in § 613a Abs. 6 Satz 1 BGB.


IV. Zwar wird auch bei ei­nem An­spruch we­gen be­haup­te­ten Mob­bings die An­wen­dung der all­ge­mei­nen Ver­wir­kungs­grundsätze nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, weil je­des Recht nur un­ter Berück­sich­ti­gung der Grundsätze von Treu und Glau­ben aus­geübt wer­den kann (vgl. BAG 22. Ju­ni 2011 - 8 AZR 752/09 - Rn. 28). Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat je­doch so­wohl ver­kannt, dass vor­lie­gend be­reits die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner Ver­wir­kung nicht ge­ge­ben sind, als es auch die in ständi­ger Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Vor­aus­set­zun­gen selbst nicht an­ge­wen­det hat.

1. Die Ver­wir­kung ist ein Son­der­fall der un­zulässi­gen Rechts­ausübung (§ 242 BGB). Mit ihr wird die il­loy­al ver­späte­te Gel­tend­ma­chung von Rech­ten aus­ge­schlos­sen. Sie be­ruht auf dem Ge­dan­ken des Ver­trau­ens­schut­zes und dient - wie die Verjährung - dem Bedürf­nis nach Rechts­si­cher­heit und Rechts­klar­heit. Mit der Ver­wir­kung soll das Aus­ein­an­der­fal­len zwi­schen recht­li­cher und so­zia­ler Wirk­lich­keit be­sei­tigt wer­den; die Rechts­la­ge wird der so­zia­len Wirk­lich­keit an­ge­gli­chen (vgl. BAG 12. De­zem­ber 2006 - 9 AZR 747/06 - Rn. 17 mwN).

a) Die Ver­wir­kung ver­folgt nicht den Zweck, den Schuld­ner be­reits dann von sei­ner Ver­pflich­tung zu be­frei­en, wenn des­sen Gläubi­ger länge­re Zeit sei­ne Rech­te nicht gel­tend ge­macht hat (Zeit­mo­ment). Der Be­rech­tig­te muss viel­mehr un­ter Umständen untätig ge­blie­ben sein, die den Ein­druck er­weck­ten, dass er sein Recht nicht mehr gel­tend ma­chen wol­le, so­dass der Ver­pflich­te­te sich dar­auf ein­stel­len durf­te, nicht mehr in An­spruch ge­nom­men zu wer­den (Um­stands­mo­ment). Hier­bei muss das Er­for­der­nis des Ver­trau­ens­schut­zes auf Sei-

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ten des Ver­pflich­te­ten das In­ter­es­se des Be­rech­tig­ten der­art über­wie­gen, dass ihm die Erfüllung des An­spruchs nicht mehr zu­zu­mu­ten ist (so die vom Se­nat zur Ver­wir­kung des Wi­der­spruchs­rechts bei Be­triebsübergängen auf­ge­stell­ten Grundsätze; s. et­wa ak­tu­ell BAG 17. Ok­to­ber 2013 - 8 AZR 974/12 - Rn. 26).


b) Zu­dem hat das Rechts­in­sti­tut der Ver­wir­kung Aus­nah­me­cha­rak­ter. Un­ter­liegt ein gel­tend ge­mach­ter An­spruch nach §§ 195, 199 BGB der kur­zen re­gelmäßigen Verjährung von drei Jah­ren, kann im Rah­men der Ver­wir­kung ei­ne wei­te­re Abkürzung die­ser Verjährungs­frist nur bei Vor­lie­gen ganz be­son­de­rer Umstände an­ge­nom­men wer­den (BGH 20. Ju­li 2010 - EnZR 23/09 - Rn. 22; vgl. 13. Ja­nu­ar 1988 - IVb ZR 7/87 - BGHZ 103, 62; 17. Fe­bru­ar 1969 - II ZR 30/65 - BGHZ 51, 346).


2. Die Be­ur­tei­lung der Fra­ge, ob ein Recht ver­wirkt ist, ob­liegt grundsätz­lich den Tat­sa­chen­ge­rich­ten, die den ih­nen zur Be­gründung des Ver­wir­kungs­ein­wan­des vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halt ei­gen­ver­ant­wort­lich zu würdi­gen ha­ben. Al­ler­dings un­ter­liegt der re­vi­si­ons­recht­li­chen Über­prüfung, ob das Tat­sa­chen­ge­richt die von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Ver­wir­kung be­ach­tet so­wie al­le er­heb­li­chen Ge­sichts­punk­te berück­sich­tigt hat und ob die Be­wer­tung die­ser Ge­sichts­punk­te von den ge­trof­fe­nen tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen ge­tra­gen wird (vgl. BAG 17. Ok­to­ber 2013 - 8 AZR 974/12 - Rn. 28, AP BGB § 613a Nr. 448; 11. No­vem­ber 2010 - 8 AZR 185/09 - Rn. 25; 20. Mai 2010 - 8 AZR 734/08 - Rn. 24).


3. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Ver­wir­kung ver­kannt.

a) Im Zu­ge ei­ner Ge­samtwürdi­gung hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ent­schei­dend auf die für den Be­klag­ten sich er­ge­ben­den „Do­ku­men­ta­ti­ons­er­for­der­nis­se“ und mögli­che Be­weis­schwie­rig­kei­ten bei länge­rem Zeit­ab­lauf ab­ge­stellt.

Et­wai­ge Be­weis­schwie­rig­kei­ten stel­len je­doch als sol­che kei­nen Ge­sichts­punkt dar, der - al­lei­ne oder in Zu­sam­men­schau mit wei­te­ren Ge­sichts-punk­ten - die An­nah­me der Ver­wir­kung recht­fer­tig­te. Dies würde im prak­ti­schen
 

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Er­geb­nis dar­auf hin­aus­lau­fen, dass die Verjährungs­fris­ten, ins­be­son­de­re lan­ge Verjährungs­fris­ten, kaum noch aus­geschöpft wer­den könn­ten. Das durch Richter­recht ge­schaf­fe­ne In­sti­tut der Ver­wir­kung darf in sei­ner An­wen­dung nicht da­zu führen, dass die ge­setz­li­che Verjährungs­re­ge­lung in wei­tem Maße un­ter­lau­fen wird. Über­dies ist der Gläubi­ger in glei­cher Wei­se den Be­weis­schwie­rig­kei­ten aus­ge­setzt, die durch Zeit­ab­lauf auf­tre­ten. Dem Be­weis­ar­gu­ment könn­te al­len­falls dann Be­deu­tung zu­kom­men, wenn der Schuld­ner im Ver­trau­en dar­auf, dass der Gläubi­ger nach Ab­lauf ei­nes länge­ren Zeit­raums mit Ansprüchen nicht mehr her­vor­tre­ten wer­de, Be­weis­mit­tel ver­nich­tet hat (BGH 26. Mai 1992 - VI ZR 230/91 - zu II 1 b der Gründe, zur 30-jähri­gen Verjährungs­frist; bestätigt durch BVerfG 14. De­zem­ber 2005 - 1 BvR 2874/04 - Rn. 27). Dies muss erst recht gel­ten, nach­dem vom Ge­setz­ge­ber die re­gelmäßige Verjährungs­frist auf drei Jah­re fest­ge­setzt wur­de, § 195 BGB. Zu­dem hat sich vor­lie­gend der Be­klag­te im Ver­fah­ren nicht auf ihm dro­hen­de Be­weis­schwie­rig­kei­ten be­ru­fen. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat mit­hin nicht den Ein­zel­fall und die kon­kre­ten Be­weis­an­trit­te um­fas­send gewürdigt, son­dern rein abs­trak­te Über­le­gun­gen an­ge­stellt.


b) Es kann auch nicht mit dem Ge­sichts­punkt ei­ner „zeit­na­hen Klärung“ vor Ge­richt auf den Ge­dan­ken der Rechts­klar­heit und Rechts­si­cher­heit ab­ge­stellt wer­den, oh­ne dass dies ei­ne nor­ma­ti­ve oder ver­trag­li­che Grund­la­ge hätte. Der Rechts­klar­heit und Rechts­si­cher­heit die­nen be­reits die Verjährungs­vor­schrif­ten, vor al­lem die­je­ni­gen mit kur­zer Verjährungs­frist. Sol­che sol­len möglichst rasch Rechts­si­cher­heit und Rechts­frie­den her­stel­len, den ver­spätet in An­spruch ge­nom­me­nen Schuld­ner vor Be­weis­schwie­rig­kei­ten in­fol­ge Zeit­ab­laufs schützen und ei­ne als­bal­di­ge Klärung der er­ho­be­nen Ansprüche her­beiführen. Die­se, be­reits im Verjährungs­recht berück­sich­tig­ten Ge­sichts­punk­te dürfen nicht als „dop­pel­re­le­van­te To­poi“ noch­mals zur Be­gründung ei­ner Ver­wir­kung her­an­ge­zo­gen wer­den.


4. Im Übri­gen lie­gen auch die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Ver­wir­kung im vor­lie­gen­den Fall er­kenn­bar nicht vor.


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a) Es kann da­hin­ge­stellt blei­ben, ob das so­ge­nann­te „Zeit­mo­ment“ - der Ab­lauf ei­ner ge­wis­sen länge­ren Zeit­span­ne - erfüllt war. Auch in An­se­hung der knapp be­mes­se­nen, je­doch uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­schluss­frist des § 15 Abs. 4 AGG können die An­for­de­run­gen an das Zeit­mo­ment bei der Ver­wir­kung von Scha­dens­er­satz­ansprüchen auf­grund von Mob­bing­hand­lun­gen nicht her­ab­ge­setzt wer­den.


b) Je­den­falls fehlt es an dem er­for­der­li­chen Um­stands­mo­ment. Der Ein­wand der Ver­wir­kung ist nur dann be­gründet, wenn zu dem Zeit­ab­lauf im Ver­hal­ten des Be­rech­tig­ten be­ru­hen­de, im Fal­le ei­ner kur­zen Verjährung be­son­de­re Umstände hin­zu­tre­ten, die das Ver­trau­en des Ver­pflich­te­ten recht­fer­tig­ten, der Be­rech­tig­te wer­de sei­nen An­spruch nicht mehr gel­tend ma­chen (BGH 18. Ju­li 2014 - V ZR 291/13 - Rn. 22). Ein der­ar­ti­ges spe­zi­fi­sches Ver­hal­ten des Klägers ist we­der er­sicht­lich, noch wur­de es vom Be­ru­fungs­ge­richt an­geführt oder be­legt.


aa) So­weit das Be­ru­fungs­ge­richt das bloße „Zu­war­ten“ des Klägers mo­niert und als treu­wid­rig be­zeich­net, geht dies fehl, weil es vor­lie­gend kei­ne Rechts­pflicht oder auch nur Ob­lie­gen­heit des Klägers gab, zu be­stimm­ten Zeit­punk­ten sei­ne Ansprüche ge­gen den Be­klag­ten ak­tiv durch­zu­set­zen. Das bloße Un­ter­las­sen oder „Nichts­tun“ des Klägers konn­te beim Be­klag­ten nur dann die be­gründe­te Er­war­tung her­vor­ru­fen, er wer­de nicht mehr in An­spruch ge­nom­men wer­den, wenn es ei­ne von dem Be­klag­ten wahr­nehm­ba­re Pflicht zum Han­deln gab. Hierfür ist nichts vor­ge­tra­gen oder er­sicht­lich.


bb) We­der die bloße Tat­sa­che der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch die­je­ni­ge der In­sol­venz der Ar­beit­ge­be­rin stel­len ein Um­stands­mo­ment für sich ge­nom­men dar, das zur Ver­wir­kung führen könn­te. Das vom Be­ru­fungs­ge­richt in die­sem Zu­sam­men­hang her­an­ge­zo­ge­ne Ur­teil zur Ver­wir­kung des An­spruchs auf Zeug­nis­er­tei­lung ist schon we­gen der nicht ver­gleich­ba­ren Sach­ver­hal­te un­be­hel­flich (BAG 17. Fe­bru­ar 1988 - 5 AZR 638/86 - BA­GE 57, 329). Zu­dem la­gen je­nem Ur­teil be­son­de­re Umstände zu­grun­de, auf­grund de­rer sich ei­ne Pflicht zur zeit­na­hen An­for­de­rung ei­nes Zeug­nis­ses er­ge­ben hat­te.
 

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C. Das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist auf­zu­he­ben und der Rechts­streit zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Be­ru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 563 Abs. 1 ZPO), weil der Se­nat in der Sa­che nicht ab­sch­ließend ent­schei­den kann (§ 563 Abs. 3 ZPO). Da das Be­ru­fungs­ge­richt die Ver­wir­kung ei­nes even­tu­ell be­ste­hen­den Schmer­zens­geld­an­spruchs an­ge­nom­men hat, hat es - aus sei­ner Sicht fol­ge­rich­tig - nicht ge­prüft, ob die ma­te­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen ei­nes An­spruchs we­gen ei­ner Ge­sund­heits- oder Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung ge­ge­ben sind. Ob die Rech­te des Klägers auf­grund der von ihm be­haup­te­ten Mob­bing­hand­lun­gen ver­letzt wor­den sind, muss das Lan­des­ar­beits­ge­richt auf­grund ei­ner Güter- und In­ter­es­sen­abwägung un­ter sorg­sa­mer Würdi­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les be­ur­tei­len. Die­se Würdi­gung darf dem Be­ru­fungs­ge­richt nicht ent­zo­gen wer­den (vgl. BAG 20. Ju­ni 2013 - 8 AZR 280/12 - Rn. 26; 28. Ok­to­ber 2010 - 8 AZR 546/09 - Rn. 20, AP BGB § 611 Mob­bing Nr. 7; 16. Mai 2007 - 8 AZR 709/06 - Rn. 63, BA­GE 122, 304).


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