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Ver­dachts­kün­di­gung nur bei drin­gen­dem Ver­dacht

Blo­ße Ver­däch­ti­gung ei­ner Un­ter­schla­gung (14,99 EUR) be­rech­tigt den Ar­beit­ge­ber nicht zur Kün­di­gung: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 17.01.2012, 17 Sa 252/11

20.01.2012. Ei­ne Ver­dachts­kün­di­gung be­ruht dar­auf, dass der ge­kün­dig­te aus per­sön­li­chen Grün­den "nicht mehr trag­bar" ist, weil er un­ter dem drin­gen­den Ver­dacht steht, ei­nen gra­vie­ren­den Pflicht­ver­stoß be­gan­gen zu ha­ben. Auf­grund die­ses drin­gen­den Ver­dachts ist es dem­je­ni­gen, der die Ver­dachts­kün­di­gung er­klärt, nicht mehr zu­zu­mu­ten, das Ar­beits­ver­hält­nis wei­ter fort­zu­set­zen. Ei­ne Ver­dachts­kün­di­gung ist da­mit ein Un­ter­fall ei­ner per­so­nen­be­ding­ten Kün­di­gung, denn ein nach­weis­li­cher Pflich­ten­ver­stoß ist ge­ra­de nicht der Kün­di­gungs­grund (und für den Ver­dacht, den man auf sich ge­zo­gen hat, "kann man nichts").

In der Pra­xis wer­den Ver­dachts­kün­di­gun­gen aus­schließ­lich ar­beit­ge­ber­sei­tig aus­ge­spro­chen, und zwar zeit­gleich mit ei­ner au­ßer­or­dent­li­chen (meist frist­lo­sen) Kün­di­gung we­gen ei­nes gra­vie­ren­den Pflicht­ver­sto­ßes. Die Ver­dachts­kün­di­gung dient dann als ju­ris­ti­sches Fall­netz: Soll­te sich der Pflicht­ver­stoß, der Grund für die au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung we­gen der Tat selbst ist bzw. für die "Tat­kün­di­gung", vor Ge­richt nicht nach­wei­sen las­sen, kann ei­ne Ver­dachts­kün­di­gung trotz­dem wirk­sam sein, wenn die Ver­dachts­mo­men­te "drin­gend" sind.

Für ge­kün­dig­te Ar­beit­neh­mer ist ei­ne Ver­dachts­kün­di­gung ei­ne Un­ge­rech­tig­keit, da man ih­nen ja letzt­lich nichts be­wei­sen kann, aber das Ar­gu­ment der herr­schen­den Mei­nung, die Ver­dachts­kün­di­gun­gen für prin­zi­pi­ell zu­läs­sig an­sieht, lau­tet, dass der pri­va­te Ar­beit­ge­ber kei­ne staat­li­che Straf­ver­fol­gungs­or­ga­ne sind. Da­her kann schon der drin­gen­de Tat­ver­dacht die wei­te­re Fort­set­zung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses für den Ar­beit­ge­ber un­zu­mut­bar ma­chen.

Dann müs­sen aber min­des­tens zwei Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne wirk­sa­me Ver­dachts­kün­di­gung vor­lie­gen: Ers­tens muss der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer vor Aus­spruch ei­ner Ver­dachts­kün­di­gung zu den Ver­dachts­mo­men­ten an­ge­hört ha­ben, d.h. dem Ar­beit­neh­mer muss vor­ab die Mög­lich­keit ge­ge­ben wer­den, die Ver­dachts­mo­men­te zu ent­kräf­ten. Und zwei­tens muss der dann ver­blei­ben­de Ver­dacht "drin­gend" sein. Die blo­ße Ver­däch­ti­gung ei­nes Ar­beit­neh­mers durch den Ar­beit­ge­ber ist kein sol­cher drin­gen­der Ver­dacht.

Das hat­te ein Ab­fall­wirt­schaft­un­ter­neh­men aus Le­ver­ku­sen of­fen­bar nicht rich­tig ver­stan­den. Denn das Un­ter­neh­men kün­dig­te ei­nen seit 1997 be­schäf­tig­ten Müll­wer­ker, der als Ver­wie­ger an der Müll­ram­pe tä­tig war. Zu sei­nen Auf­ga­ben ge­hör­te es, sog. Wie­ge­be­le­ge zu er­stel­len. Das Un­ter­neh­men warf dem Müll­wer­ker vor, er sol­le von ei­nem Pri­vat­kun­den am 01.06.2010 ein­ma­lig ei­nen Be­trag von 14,99 EUR ver­ein­nahmt, aber nicht ord­nungs­ge­mäß ver­bucht ha­ben. Um die­sen Vor­wurf zu un­ter­mau­ern be­rief sich das Un­ter­neh­men dar­auf, dass der Ar­beit­neh­mer ei­ne Quit­tung nicht er­teilt hat­te - an­geb­lich um den strei­ti­gen Be­trag selbst zu ver­ein­nah­men.

Das Ar­beits­ge­richt So­lin­gen konnt das nicht nach­voll­zie­hen und ent­schied die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge da­her zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers (Ur­teil vom 11.01.2011, 2 Ca 916/10 lev). Denn al­lei­ne aus der be­haup­te­ten Nich­ter­tei­lung ei­ner Quit­tung kann nicht auf ei­ne Un­ter­schla­gung ge­schlos­sen wer­den, so das Ar­beits­ge­richt. Ein drin­gen­der Tat­er­dacht war nicht nicht ge­ge­ben, weil das vom Un­ter­neh­men ein­ge­setz­te Bu­chungs­sys­tem stör­an­fäl­lig war. Am strei­ti­gen Tag (01.06.2010) war da­her ein ge­nau­er Ab­gleich zwi­schen Wie­ge­be­le­gen und Kas­sen­jour­nal nicht mög­lich. Zu­dem wur­den die Ta­ges­ein­nah­men erst am Abend ge­zählt, und es hat­te zwi­schen der Früh­schicht, in der der ge­kün­dig­te Ar­beit­neh­mer ge­ar­bei­tet hat­te, und der Spät­schicht kei­ne Kas­sen­über­ga­be ge­ge­ben.

Die­se Ent­schei­dung hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düs­sel­dorf vor ein paar Ta­gen be­stä­tigt (LAG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 17.01.2012, 17 Sa 252/11 -Pres­se­mit­tei­lung vom 17.01.2012). Wie zu­vor be­reits das Ar­beits­ge­richt So­lin­gen mein­te auch das LAG Düs­sel­dorf, das Un­ter­neh­men hät­te den Vor­worf der Un­ter­schla­gung nicht be­wei­sen kön­nen. Und auch ei­nen drin­gen­den Tat­er­dacht, der ei­ne Ver­dachts­kün­di­gung recht­fer­ti­gen könn­te, sah das Ge­richt nicht als ge­ge­ben an. Letzt­lich stütz­te das Ab­fall­un­ter­neh­men die strei­ti­ge Kün­di­gung auf ei­ne blo­ße Ver­däch­ti­gung. Das ge­nügt nicht. Auf die Hö­he des an­geb­lich un­ter­schla­ge­nen Be­trags, der mit 14,99 EUR recht ge­ring war, kam es da­her gar nicht an.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­grün­de schrift­lich ab­ge­fasst und ver­öf­fent­licht. Die Ent­schei­dungs­grün­de im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 22. Juli 2016

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