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Ver­falls­frist ge­mäß TV-L wird durch Kla­ge nicht ge­wahrt

Soll ei­ne ta­rif­li­che Aus­schluss­frist durch schrift­li­che Auf­for­de­rung zur Leis­tung ge­wahrt wer­den, ge­nügt die Ein­rei­chung ei­ner Kla­ge bei Ge­richt da­zu nicht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 16.03.2016, 4 AZR 421/15

18.03.2016. Wer ei­ne Aus­schluss­frist (Ver­falls­frist) ein­hal­ten muss, muss sei­nen An­spruch frist­ge­mäß "gel­tend ma­chen", und das in al­ler Re­gel schrift­lich. Liegt dem Schuld­ner in­ner­halb der Frist kei­ne schrift­li­che Auf­for­de­rung zur Leis­tung vor, geht der An­spruch un­ter.

Auch ei­ne Kla­ge­schrift ist oh­ne Zwei­fel ei­ne "schrift­li­che Gel­tend­ma­chung" der be­gehr­ten Leis­tung, doch fragt sich, wann hier die Aus­schluss­frist ge­wahrt ist: Schon mit Ein­rei­chung der Kla­ge bei Ge­richt oder erst dann, wenn das Ge­richt die Kla­ge dem Be­klag­ten zu­ge­stellt hat?

Vor­ges­tern hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass die recht­zei­ti­ge Ein­rei­chung ei­ner Kla­ge bei Ge­richt ta­rif­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten nicht wahrt, wenn es um die schrift­li­che Gel­tend­ma­chung von An­sprü­chen geht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 16.03.2016, 4 AZR 421/15.

Was heißt fristgemäße "schriftliche Geltendmachung" eines Anspruchs im Sinne einer tariflichen Ausschlussfrist?

Vie­le Ta­rif- und Ar­beits­verträge ent­hal­ten Aus­schluss­fris­ten, de­nen zu­fol­ge Ansprüche un­ter­ge­hen, wenn sie nicht in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten Frist ge­genüber dem An­spruchs­geg­ner schrift­lich gel­tend ge­macht wer­den. Auch in man­chen Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen und So­zi­alplänen fin­den sich sol­che Ver­falls­fris­ten.

In der Re­gel schrei­ben Aus­schluss­klau­seln vor, dass Ansprüche in­ner­halb ei­ner Frist von z.B. zwei, drei oder sechs Mo­na­ten ge­genüber dem Schuld­ner "schrift­lich gel­tend ge­macht" wer­den müssen und bei Frist­versäum­ung un­ter­ge­hen bzw. ver­fal­len.

Ei­ni­ge Aus­schluss­fris­ten se­hen darüber hin­aus vor, dass die Ansprüche nach er­folg­lo­ser Gel­tend­ma­chung ein­ge­klagt wer­den müssen. Dann liegt ei­ne zwei­stu­fi­ge Aus­schluss­frist vor: Auf der ers­ten Stu­fe ist ei­ne schrift­li­che Gel­tend­ma­chung er­for­der­lich, auf der zwei­ten Stu­fe ei­ne Kla­ge.

In der ar­beits­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ist geklärt, dass un­ter "Gel­tend­ma­chung" ei­ne Auf­for­de­rung zur Leis­tung zu ver­ste­hen ist. Sol­len rückständi­ge Lohn­ansprüche gel­tend ge­macht wer­den, muss der Ar­beit­neh­mer den Ar­beit­ge­ber da­her zur Zah­lung auf­for­dern. Und "schrift­lich" heißt, dass man ein Schrei­ben auf­set­zen muss, wo­bei al­ler­dings ein Fax oder ei­ne E-Mail genügt.

Frag­lich ist je­doch, ob ei­ne Aus­schluss­frist auf der ers­ten Stu­fe, d.h. durch schrift­li­che Gel­tend­ma­chung ge­wahrt ist, wenn der An­spruchs­in­ha­ber ei­ne Kla­ge auf­setzt und die­se in­ner­halb der Frist bei Ge­richt ein­reicht. Wenn man hier § 167 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) an­wen­det, wäre die Frist ein­ge­hal­ten. § 167 ZPO lau­tet:

"Soll durch die Zu­stel­lung ei­ne Frist ge­wahrt wer­den oder die Verjährung neu be­gin­nen oder nach § 204 des Bürger­li­chen Ge­setz­buchs ge­hemmt wer­den, tritt die­se Wir­kung be­reits mit Ein­gang des An­trags oder der Erklärung ein, wenn die Zu­stel­lung demnächst er­folgt."

Al­ler­dings ist die­ser ZPO-Pa­ra­graph für pro­zes­sua­le Anträge und für Kla­gen ge­dacht, al­so z.B. für Kündi­gungs­schutz­kla­gen. Auch mit Kla­gen müssen oft Fris­ten ein­ge­hal­ten wer­den. Und da sich das Ge­richt um die Zu­stel­lung der Kla­ge kümmern muss, sol­len Verzöge­run­gen bei der ge­richt­li­chen Zu­stel­lung nicht dem kla­gen­den Bürger zur Last fal­len.

Aber gilt § 167 ZPO auch für außer­ge­richt­li­che Auf­for­de­run­gen zur Leis­tung, mit de­nen Aus­schluss­fris­ten ge­wahrt wer­den sol­len?

Hier­zu hat das BAG im Mai 2014 ent­schie­den, dass § 167 ZPO auf die ge­setz­li­che Zwei­mo­nats­frist zur außer­ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung ei­ner Dis­kri­mi­nie­rungs­entschädi­gung nach dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) an­zu­wen­den ist (BAG, Ur­teil vom 22.05.2014, 8 AZR 662/13 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/189 Frist bei Entschädi­gung für Dis­kri­mi­nie­rung).

Al­ler­dings war kur­ze Zeit später ein an­de­rer BAG-Se­nat der Mei­nung, dass das nicht für die außer­ge­richt­li­che Be­an­stan­dung ei­ner zu ge­rin­gen Be­triebs­ren­ten­an­pas­sung gilt, d.h. hier soll die recht­zei­ti­ge Kla­ge­ein­rei­chung nicht genügen (BAG, Ur­teil vom 21.10.2014, 3 AZR 690/12 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/360 Be­triebs­ren­ten­an­pas­sung und Ver­wir­kung).

Zu ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten hat sich das BAG bis­lang nicht geäußert. Al­ler­dings hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf im Sep­tem­ber 2014 ge­ur­teilt, dass § 167 ZPO auch in sol­chen Fällen gilt (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 12.09.2014, 10 Sa 1329/13, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/378 Kla­ge wahrt Aus­schluss­frist gemäß 167 ZPO).

Jetzt hat das BAG die­se Streit­fra­ge an­ders­her­um be­ant­wor­tet.

Im Streit: Die Ausschlussfrist nach § 37 TV-L

Ein Ar­beit­neh­mer ver­lang­te von sei­nem öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber rückständi­ges Ge­halt für Ju­ni 2013, und zwar per Zah­lungs­kla­ge. Die­se reich­te er am 18.12.2013 beim Ar­beits­ge­richt ein. Zug­stellt wur­de die Kla­ge dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber am 07.01.2014.

Auf das Ar­beits­verhält­nis war der Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst der Länder (TV-L) an­zu­wen­den, und nach des­sen § 37 ver­fal­len Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis, wenn sie nicht in­ner­halb ei­ner Aus­schluss­frist von sechs Mo­na­ten schrift­lich gel­tend ge­macht wer­den. Im Streit­fall lief die­se Frist da­her am 30.12.2013 ab.

Das Ar­beits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg ga­ben der Kla­ge statt (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 29.04.2015, 23 Sa 232/15). Sie mein­ten, dass der frist­ge­rech­te Ein­gang der Kla­ge­schrift bei Ge­richt zur Wah­rung der ta­rif­li­chen Ver­falls­frist aus­ge­reicht hätte, denn § 167 ZPO sei auch auf ta­rif­li­che Ver­fall­fris­ten an­zu­wen­den.

BAG: Soll eine tarifliche Ausschlussfrist durch schriftliche Aufforderung zur Leistung gewahrt werden, genügt die Einreichung einer Klage bei Gericht dazu nicht

Das BAG gab dem Ar­beit­ge­ber Recht und wies die Kla­ge ab. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

§ 167 ZPO ist auf ta­rif­li­che Aus­schluss­fris­ten, die ei­ne bloße schrift­li­che Gel­tend­ma­chung von Ansprüchen vor­se­hen, nicht an­wend­bar, so die Er­fur­ter Rich­ter. Mit die­ser Ent­schei­dung folgt das BAG sei­ner "langjähri­gen Recht­spre­chung". Da­nach hat sich der Ar­beit­neh­mer als Gläubi­ger ei­ner Lohn­for­de­rung den Zeit­ver­lust, der durch die In­an­spruch­nah­me des Ge­richts bei ei­ner Zah­lungs­auf­for­de­rung per Kla­ge ent­steht, selbst zu­zu­rech­nen.

Das we­sent­li­che Ar­gu­ment des BAG lau­tet, dass ei­ne Zah­lungs­kla­ge ja zur Wah­rung ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist nicht zwin­gend er­for­der­lich ist, wenn die ta­rif­li­che Ver­fall­sklau­sel nur die schrift­li­che Gel­tend­ma­chung ei­nes An­spruchs vor­sieht.

Fa­zit: Wer den fris­ten­tech­nisch überflüssi­gen Um­weg übers Ge­richt bzw. über ei­ne Kla­ge wählt, muss die da­mit ver­bun­de­nen Zu­stel­lungs­verzöge­run­gen in Kauf neh­men. Da­mit soll­ten Ar­beit­neh­mer und ih­re Anwälte, die ja zu über 90 Pro­zent von Aus­schluss­fris­ten bzw. von de­ren ne­ga­ti­ven Rechts­fol­gen be­trof­fen sind, le­ben können.

Denn ei­ne Lohn­kla­ge setzt vor­aus, dass man schrift­lich an­gibt, wie viel Geld man ha­ben möch­te und aus wel­chen recht­li­chen Gründen. Wer kurz vor Ab­lauf ei­ner Aus­schluss­frist da­zu in der La­ge ist, soll­te auch kein Pro­blem da­mit ha­ben, dem Ar­beit­ge­ber zur Ein­hal­tung ei­ner Aus­schluss­frist ei­ne Ko­pie der Kla­ge di­rekt per Bo­ten und/oder per E-Mail zu über­mit­teln.

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Letzte Überarbeitung: 14. September 2016

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