Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Ver­fas­sungs­ge­richt be­stä­tigt Ta­rif­un­fä­hig­keit der CG­ZP

Kein Ver­stoß ge­gen das Rechts­staats­prin­zip durch rück­wir­ken­de ge­richt­li­che Fest­stel­lung der CG­ZP-Ta­rif­un­fä­hig­keit: Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Be­schluss vom 25.04.2015, 1 BvR 2314/12

02.06.2015. Seit das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) vor ei­ni­gen Jah­ren fest­ge­stellt hat, dass die Ta­rif­ge­mein­schaft Christ­li­cher Ge­werk­schaf­ten für Zeit­ar­beit und Per­so­nal-Ser­vice-Agen­tu­ren (CG­ZP) kei­ne wirk­sa­men Ta­rif­ver­trä­ge ab­schlie­ßen kann, ist es still um die­se Or­ga­ni­sa­ti­on ge­wor­den.

Denn der we­sent­li­che Zweck der CG­ZP be­stand dar­in, den Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men ex­trem ar­beit­ge­ber­freund­li­che Bil­lig-"Ta­rif­ver­trä­ge" zur Ver­fü­gung zu stel­len, um durch de­ren An­wen­dung den an­sons­ten ein­grei­fen­den Equal-Pay-Grund­satz aus­zu­he­beln.

Vor ei­ni­gen Wo­chen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) ent­schie­den, dass die ge­gen die CG­ZP er­gan­ge­nen Ent­schei­dun­gen des BAG ver­fas­sungs­recht­lich in Ord­nung wa­ren: BVerfG, Be­schluss vom 25.04.2015, 1 BvR 2314/12.

Können Arbeitsgerichte Tarifverträgen rückwirkend die Geltung nehmen?

Ändert ein Bun­des­ge­richt wie der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) oder das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner Grund­satz­ent­schei­dung sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zu ei­ner be­stimm­ten Fra­ge, so legt es manch­mal fest, dass die geänder­te Recht­spre­chung erst ab ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt gel­ten soll. So hat bei­spiels­wei­se das BAG sei­ne 2004 geänder­te Aus­le­gung von ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­men auf Ta­rif­verträge aus­drück­lich nicht auf Ar­beits­verträge an­ge­wandt, die vor 2002 ab­ge­schlos­sen wur­den.

Hin­ter­grund sol­cher Alt­fall­re­ge­lun­gen und Über­g­angs­fris­ten ist die Tat­sa­che, dass die von Ände­run­gen der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung be­trof­fe­nen Bürger in ih­rem Ver­trau­en in den Fort­be­stand der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung geschützt wer­den sol­len, zu­min­dest für ei­ne ge­wis­se Zeit. Denn der Schutz des Ver­trau­ens in ei­ne be­re­chen­ba­re Pra­xis von Behörden und Ge­rich­ten ist Be­stand­teil des Rechts­staats­prin­zips (Art.20 Abs.3 Grund­ge­setz - GG).

An die­ser Stel­le gibt es al­ler­dings ei­nen er­heb­li­chen Un­ter­schied zwi­schen der Rück­wir­kung von Ge­set­zen und der Rück­wir­kung von Ge­richts­ent­schei­dun­gen. Denn während die nachträgli­che Ände­rung be­reits ab­ge­wi­ckel­ter, der Ver­gan­gen­heit an­gehören­der Sach­ver­hal­te ("ech­te Rück­wir­kung") durch ein Ge­setz im All­ge­mei­nen ver­fas­sungs­recht­lich un­zulässig ist, ist ei­ne sol­che Rück­wir­kung ge­richt­li­cher Ent­schei­dun­gen in der Re­gel zulässig.

Die Recht­spre­chung er­zeugt nämlich auch dann, wenn sie von ei­nem Bun­des­ge­richt stammt, kei­ne über den Ein­zel­fall hin­aus­rei­chen­de for­mal­ju­ris­ti­sche Bin­dung der Bürger. Da­her ist die Ände­rung ei­ner ständi­gen höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung mit dem ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­nen Ver­trau­ens­schutz ver­ein­bar, wenn sie aus­rei­chend be­gründet ist und sich im Rah­men ei­ner vor­her­seh­ba­ren Ent­wick­lung hält.

Von die­ser Re­gel ist nur dann ei­ne Aus­nah­me zu ma­chen, wenn ei­ne höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung langjährig und ge­fes­tigt war, d.h. wenn das Bun­des­ge­richt über Jah­re hin­weg im­mer wie­der be­tont hat, an sei­ner Recht­spre­chung auch in Zu­kunft fest­hal­ten zu wol­len. In sol­chen Fällen kann es auf­grund des Rechts­staats­prin­zips ge­bo­ten sein, ei­ne Recht­spre­chungsände­rung durch Über­g­angs­fris­ten zu ergänzen und/oder Altfälle von der geänder­ten Recht­spre­chung aus­zu­neh­men.

Mögli­cher­wei­se be­steht die Not­wen­dig­keit von Über­g­angs­fris­ten zur Wah­rung des Rechts­staats­prin­zips auch dann, wenn das BAG als höchs­tes Ar­beits­ge­richt ei­nen in der Ver­gan­gen­heit viel­fach an­ge­wand­ten Ta­rif­ver­trag für nich­tig erklärt.

Im Streit: Die CGZP-Beschlüsse des LAG Berlin-Brandenburg und des BAG aus dem Jahre 2012

Seit An­fang 2004 ist im Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ge­set­zes (AÜG) der Grund­satz der glei­chen Be­zah­lung („equal pay“) von Leih­ar­beit­neh­mern und Stamm­be­leg­schaft fest­ge­schrie­ben, al­ler­dings mit ei­ner Aus­nah­me für den Fall, dass die Zeit­ar­beits­fir­ma auf ih­re Ar­beit­neh­mer ei­nen spe­zi­ell für die "Bran­che" der Leih­ar­beit gel­ten­den Ta­rif­ver­trag an­wen­det. Ein sol­cher Leih­ar­beits­ta­rif­ver­trag kann schlech­te­re Löhne und Ar­beits­be­din­gun­gen vor­se­hen als die­je­ni­gen, die für die Stamm­be­leg­schaft im Ent­lei­her­be­trieb gel­ten (§ 9 Nr.2 AÜG).

Sol­che Bil­lig-Ta­rif­verträge für die Leih­ar­beits­bran­che hat­te seit 2004 die CG­ZP ab­ge­schlos­sen und da­mit den Zeit­ar­beits­fir­men die ju­ris­ti­sche Möglich­keit eröff­net, vom Equal-Pay-Grund­satz ab­zu­wei­chen. Die­se "Ta­rif­verträge" tru­gen der CG­ZP den Ruf ein, ein willfähri­ges U-Boot der Zeit­ar­beits­fir­men zu sein. Ob die CG­ZP über­haupt ei­ne ech­te Ge­werk­schaft und ob ih­re "Ta­rif­verträge" mehr als ein Täuschungs­manöver wären, war da­her seit 2004 in der po­li­ti­schen und ju­ris­ti­schen Dis­kus­si­on.

Im De­zem­ber 2010 sprach das BAG der CG­ZP die Ta­riffähig­keit ab, und zwar aus for­mal­ju­ris­ti­schen Gründen, die mit Mängeln der CG­ZP-Sat­zung zu tun hat­ten (BAG, Be­schluss vom 14.12.2010, 1 ABR 19/10 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/034 BAG: Die CG­ZP kann kei­ne Ta­rif­verträge ab­sch­ließen), doch hat­te die­se Ent­schei­dung kei­ne Ver­bind­lich­keit für die Zeit vor dem 07.12.2009, dem Tag der münd­li­chen Ver­hand­lung in der Vor­in­stanz.

Die Ta­rif­unfähig­keit der CG­ZP für die Zeit da­vor stell­te das BAG in ei­nem wei­te­ren Be­schluss vom Mai 2012 fest (BAG, Be­schluss vom 22.05.2012, 1 ABN 27/12). Ge­nau­er ge­sagt wies das BAG die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ge­gen ei­nen sol­chen Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg vom 09.01.2012 (24 TaBV 1285/11) zurück (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/211 CG­ZP - Ta­rif­verträge endgültig ge­kippt).

Hier­ge­gen wand­ten sich ei­ni­ge Zeit­ar­beits­fir­men mit ei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de vor dem BVerfG in Karls­ru­he, denn aus ih­rer Sicht ver­stieß die rück­wir­ken­de Fest­stel­lung der Ta­rif­unfähig­keit der CG­ZP ge­gen die Grundsätze der Rechts­si­cher­heit und des Ver­trau­ens­schut­zes und da­mit ge­gen das Rechts­staats­prin­zip (Art.20 Abs.3 GG).

BVerfG: Rechtsstaatsprinzip gewahrt - kein Verstoß gegen Rechtssicherheit und Vertrauensschutz

Das BVerfG wies die Ver­fas­sungs­be­schwer­den zurück (Be­schluss vom 25.04.2015, 1 BvR 2314/12), und zwar mit fol­gen­der Be­gründung:

Die Zeit­ar­beits­fir­men konn­ten auf kei­ne für sie güns­ti­ge höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung ver­trau­en, denn ei­ne sol­che Recht­spre­chung gab es nie. Um­ge­kehrt: Als sich das BAG im De­zem­ber 2012 erst­mals mit der Fra­ge der Ta­riffähig­keit der CG­ZP be­fass­te, kam es zu ei­nem für die CG­ZP und die Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men ungüns­ti­gen Er­geb­nis (Ta­rif­unfähig­keit).

Ein schützens­wer­tes Ver­trau­en in den Fort­be­stand ei­ner höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung konn­te da­her von vorn­her­ein nicht ent­ste­hen. Dar­an ändert auch die et­was über­ra­schen­de Be­gründung der BAG-Ent­schei­dung mit for­mal­ju­ris­ti­schen Sat­zungs­feh­lern nichts, so die Karls­ru­her Rich­ter.

Ergänzend weist das BVerfG dar­auf hin, dass die Ta­riffähig­keit der CG­ZP von Be­ginn ih­rer Tätig­keit an öffent­lich in Fra­ge ge­stellt wur­de. Über die­se Zwei­fel ha­ben sich die kla­gen­den Zeit­ar­beits­fir­men hin­weg­ge­setzt und die Bil­lig-"Ta­ri­fe" der CG­ZP zu ih­rem Vor­teil an­ge­wandt. Da­mit ha­ben sie das Ri­si­ko in Kauf ge­nom­men, dass später ein­mal die Ta­rif­unfähig­keit der CG­ZP fest­ge­stellt wer­den könn­te.

Sch­ließlich konn­ten sich die Zeit­ar­beits­fir­men auch nicht dar­auf be­ru­fen, dass die Ar­beits­agen­tu­ren bei der Er­tei­lung von Er­laub­nis­sen zur Ar­beit­neh­merüber­las­sung Kennt­nis da­von hat­ten, dass die Mus­ter­ar­beits­verträge der an­trag­stel­len­den Zeit­ar­beits­fir­men auf die "Ta­rif­verträge" der CG­ZP ver­wie­sen. Auch dar­aus folgt kein ver­fas­sungs­recht­lich schützens­wer­tes Ver­trau­en der Zeit­ar­beits­fir­men, denn die Ent­schei­dung über die Ta­riffähig­keit ei­ner Ge­werk­schaft liegt al­lein bei den Ge­rich­ten für Ar­beits­sa­chen und nicht bei ei­ner Behörde wie der Ar­beits­agen­tur.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung des BVerfG ist über­zeu­gend und konn­te kaum an­ders aus­fal­len. Hätte das BAG die Ta­rif­unfähig­keit der CG­ZP nicht auch für die Ver­gan­gen­heit fest­ge­stellt, wäre das ei­ne Ein­la­dung an die Ar­beit­ge­ber zu ei­nem Katz-und-Maus-Spiel ge­we­sen: Kaum wird die Ta­rif­unfähig­keit der ei­nen Zeit­ar­beits-"Ge­werk­schaft" fest­ge­stellt, wird schon die nächs­te ge­gründet und schließt neue "Ta­rif­verträge" ab. Ei­nem sol­chen Thea­ter ist mit der ak­tu­el­len BVerfG-Ent­schei­dung der Bo­den ent­zo­gen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 7. Dezember 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Autorenprofil

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880