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Ver­län­ger­te Kla­ge­frist bei Streit um Be­fris­tung

Kla­ge auf Wie­der­ein­stel­lung oder auf Wei­ter­be­schäf­ti­gung reicht nicht im­mer für Ver­län­ge­rung der Kla­ge­frist ent­spre­chend § 6 KSchG: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 24.06.2015, 7 AZR 541/13

04.01.2016. Hat ein Ar­beit­neh­mer ei­nen zeit­lich be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag und zwei­felt er an der Wirk­sam­keit der Be­fris­tung, muss er sich ir­gend­wann ent­schei­den, ob er ei­ne Be­fris­tungs­kon­troll­kla­ge bzw. Ent­fris­tungs­kla­ge er­he­ben will oder nicht.

Denn drei Wo­chen nach dem En­de der ver­ein­bar­ten Be­fris­tung en­det die ge­setz­li­che Kla­ge­frist.

Klagt der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb die­ser Frist auf Lohn oder Wei­ter­be­schäf­ti­gung, kann er sei­nen Ent­fris­tungs­an­trag auch noch spä­ter stel­len. Das folgt aus ei­ner ent­spre­chen­den An­wen­dung von § 6 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG). Al­ler­dings hilft die­se Vor­schrift nicht in al­len Fäl­len, wie ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) deut­lich macht: BAG, Ur­teil vom 24.06.2015, 7 AZR 541/13.

Wann können sich Arbeitnehmer bei Entfristungsklagen auf die verlängerte Klagefrist gemäß § 6 KSchG berufen?

Dass ein Ar­beits­ver­trag be­fris­tet ist, heißt nicht un­be­dingt, dass die ver­ein­bar­te Be­fris­tung auch wirk­sam ist. Ar­beit­neh­mer können da­her ge­gen die Wirk­sam­keit ei­ner Be­fris­tung kla­gen (Be­fris­tungs­kon­troll­kla­ge, Ent­fris­tungs­kla­ge).

Al­ler­dings muss man ei­ne Ent­fris­tungs­kla­ge spätes­tens drei Wo­chen nach Ab­lauf der ver­ein­bar­ten Be­fris­tung er­he­ben (§ 17 Satz 1 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz - Tz­B­fG). Nach Ab­lauf der dreiwöchi­gen Kla­ge­frist gilt die Be­fris­tung gemäß § 17 Satz 2 Tz­B­fG in Ver­bin­dung mit § 7 KSchG endgültig als rechts­wirk­sam.

Und eben­so wie sich ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge im­mer ge­gen ei­ne be­stimm­te, vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung rich­ten muss, muss auch der Kla­ge­an­trag ei­ner Ent­fris­tungs­kla­ge ge­nau die Be­fris­tung be­zeich­nen, ge­gen die sich der Ar­beit­neh­mer zur Wehr set­zen will.

Das Ge­setz schreibt kla­gen­den Ar­beit­neh­mern bzw. ih­ren Anwälten vor,

  • spätes­tens bin­nen drei Wo­chen nach Ab­lauf der strei­ti­gen Be­fris­tung
  • vor dem Ar­beits­ge­richt Kla­ge auf Fest­stel­lung zu er­he­ben,
  • dass das Ar­beits­verhält­nis auf Grund ei­ner kon­kre­ten Be­fris­tungs­ver­ein­ba­rung
  • nicht zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt be­en­det ist (§ 17 Satz 1 Tz­B­fG ).

Außer­dem muss der Ar­beit­neh­mer al­le Un­wirk­sam­keits­gründe, auf die sich vor Ge­richt be­ru­fen will, be­reits in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt vor­brin­gen. Fällt ihm z.B. erst in der zwei­ten In­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) auf, dass die in dem be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag ent­hal­te­nen "Un­ter­schrif­ten" in Wahr­heit bloße Krin­gel sind und der Ver­trag da­her man­gels Ein­hal­tung der vor­ge­schrie­be­nen Schrift­form (§ 14 Abs.4 Tz­B­fG) un­wirk­sam ist, hat er Pech ge­habt, denn die­sen Un­wirk­sam­keits­grund kann das LAG nicht mehr berück­sich­ti­gen (§ 17 Satz 2 Tz­B­fG in Ver­bin­dung mit § 6 Satz 1 KSchG). 

Bei al­lem Fris­ten­druck sind die Ar­beits­ge­rich­te im­mer­hin in ei­nem Punkt ge­nerös: Wer in­ner­halb der Drei­wo­chen­frist ei­ne Kla­ge er­hebt, die nur un­ter der Vor­aus­set­zung sinn­voll ist bzw. Er­folg ha­ben kann, dass ei­ne Be­fris­tung un­wirk­sam ist, der kann un­ter sinn­gemäßer ("ana­lo­ger") An­wen­dung von § 6 Satz 1 KSchG auch nach Ab­lauf der Drei­wo­chen­frist noch ei­nen Ent­fris­tungs­an­trag nach­schie­ben (aber nur bis zum En­de der ers­ten In­stanz). Auch dann wahrt er die Drei­wo­chen­frist.

BEISPIEL: Der Ar­beit­ge­ber entlässt ei­nen Ar­beit­neh­mer un­ter Be­ru­fung auf ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Be­fris­tungs­ver­ein­ba­rung zum Jah­res­en­de. Der Ar­beit­neh­mer klagt so­fort An­fang Ja­nu­ar, und zwar auf Wei­ter­beschäfti­gung ab An­fang Ja­nu­ar. Da­bei be­ruft er sich dar­auf, dass die Be­fris­tung nicht rech­tens sei. Erst ei­ni­ge Mo­na­te später reicht er ei­nen wei­te­ren An­trag ein, nämlich den An­trag fest­zu­stel­len, dass sein Ar­beits­verhält­nis nicht auf­grund der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Be­fris­tung zum Jah­res­wech­sel ge­en­det hat. Hier ist die dreiwöchi­ge Kla­ge­frist ana­log § 6 Satz 1 KSchG ge­wahrt.

Al­ler­dings genügt nicht je­der An­trag auf Wei­ter­beschäfti­gung zur Wah­rung der Kla­ge­frist, auch wenn die Wei­ter­beschäfti­gung auf ei­nen Zeit­raum be­zo­gen ist, der nach Ab­lauf der ver­ein­bar­ten Be­fris­tung liegt.

Der Streitfall: Lufthansapilot erhebt nach zunächst verlorenem Kündigungsschutzverfahren Klage auf Wiedereinstellung und Weiterbeschäftigung

Im Streit­fall ging es um ei­nen im No­vem­ber 1947 ge­bo­re­nen Luft­hans­a­pi­lo­ten. In sei­nem Ar­beits­ver­trag war ein Ver­weis auf ei­nen Ta­rif­ver­trag ent­hal­ten, der die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit Ab­lauf des Mo­nats vor­sah, in dem der Pi­lot das 60. Le­bens­jahr voll­endet. Am 30.11.2007 wäre da­her Schicht im Cock­pit ge­we­sen.

Be­reits zu­vor gab es aber Streit, denn die Luft­han­sa kündig­te dem Pi­lo­ten im Fe­bru­ar 2006 außer­or­dent­lich und frist­los we­gen des Ver­dachts ei­nes Dieb­stahls. Die Kündi­gungs­schutz­kla­ge konn­te er in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt Frank­furt ge­win­nen, un­ter­lag aber in der Be­ru­fung vor dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG). Denn das LAG war der (reich­lich merkwürdi­gen) An­sicht, der Pi­lot hätte rich­ti­ger­wei­se ei­ne Kla­ge auf Wie­der­ein­stel­lung er­he­ben müssen. Der Pi­lot ging da­her bis zum BAG, das ihm letzt­lich recht gab und den Fall zurück zum LAG ver­wies, al­ler­dings erst im Mai 2008.

In der Zwi­schen­zeit be­folg­te der Pi­lot den Rat des LAG und er­hob im April 2007 Kla­ge auf Wie­der­ein­stel­lung und auf Wei­ter­beschäfti­gung über den Fe­bru­ar 2006 hin­aus, d.h. über den Zeit­punkt der strei­ti­gen frist­lo­sen Kündi­gung. An die sie­ben Mo­na­te später ein­tre­ten­de Be­fris­tung zum 30.11.2007 dach­te der Pi­lot bei sei­ner Kla­ge of­fen­sicht­lich nicht.

Nach­dem dann das LAG auf den Rüffel des BAG hin den Fall er­neut ge­prüft hat­te, gab es dem Pi­lo­ten im Ok­to­ber 2008 recht, d.h. zwei­ein­halb Jah­re nach der Kündi­gung hat­te der Pi­lot sei­nen Kündi­gungs­schutz­pro­zess ge­won­nen.

Dar­auf­hin führ­ten die Par­tei­en das an­de­re Kla­ge­ver­fah­ren wie­der fort und der Pi­lot stell­te im Ok­to­ber 2009 end­lich ei­nen An­trag auf Fest­stel­lung, dass sein Ar­beits­verhält­nis nicht auf­grund der Al­ters­be­fris­tung zum 30.11.2007 ge­en­det hat­te. Doch schon im No­vem­ber 2009 lief auch die­ses Ver­fah­ren zeit­lich aus dem Ru­der, weil das Ar­beits­ge­richt das Ver­fah­ren aus­setz­te, um die Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) zu der Fra­ge ab­zu­war­ten, ob die Al­ters­be­fris­tung mit 60 Jah­ren gemäß den Luft­han­sa­ta­ri­fen dis­kri­mi­nie­rend ist oder nicht.

Knapp zwei Jah­re später erklärte der EuGH die Luft­han­sa­ta­ri­fe für al­ters­dis­kri­mi­nie­rend (EuGH, Ur­teil vom 13.09.2011, C-447/09, Prig­ge u.a., wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/178 EuGH kippt Al­ters­gren­ze 60 für Luft­han­sa-Pi­lo­ten). Kurz dar­auf ging es auch mit der im April 2007 er­ho­be­nen Kla­ge auf Wie­der­ein­stel­lung und auf Wei­ter­beschäfti­gung wei­ter. Al­ler­dings hat­te der Pi­lot hier kein Glück. Denn das Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Ur­teil vom 05.06.2012, 8 Ca 6/12) und auch das Hes­si­sche LAG wie­sen die Kla­ge ab (Ur­teil vom 08.04.2013, 17 Sa 1018/12).

Be­gründung: Der ge­gen die Al­ters­be­fris­tung zum 30.11.2007 ge­rich­te­te An­trag war erst im Ok­to­ber 2009 bei Ge­richt ein­ge­gan­gen und da­mit viel zu spät.

BAG: Eine Klage auf Wiedereinstellung oder auf Weiterbeschäftigung reicht nicht immer für eine Verlängerung der Klagefrist entsprechend § 6 KSchG

Auch beim BAG hat­te der Pi­lot mit sei­ner Ent­fris­tungs­kla­ge kei­nen Er­folg. Denn der Pi­lot hätte gemäß § 17 Satz 2 Tz­B­fG spätes­tens am 21.12.2007 (= drei Wo­chen nach Ab­lauf der ver­ein­bar­ten Be­fris­tung) ei­nen An­trag auf Fest­stel­lung ein­rei­chen müssen, dass sein Ar­beits­verhält­nis nicht auf­grund der Be­fris­tung zum 30.11.2007 be­en­det ist. Die­sen An­trag hat­te er aber erst im Ok­to­ber 2009 ein­ge­reicht und da­mit knapp zwei Jah­re zu spät.

Der Pi­lot be­rief sich zwar auf ei­ne sinn­gemäße An­wen­dung von § 6 Satz 1 KSchG, doch konn­te er die Er­fur­ter Rich­ter da­mit nicht über­zeu­gen. Denn sei­ne im April 2007 er­ho­be­ne Kla­ge auf Wie­der­ein­stel­lung und auf Wei­ter­beschäfti­gung über den Fe­bru­ar 2006 hin­aus be­zog sich of­fen­sicht­lich nicht auf die erst gut sie­ben Mo­na­te später ein­tre­ten­de Al­ters­be­fris­tung, son­dern auf die Vor­ge­schich­te, nämlich die von der Luft­han­sa im Fe­bru­ar 2006 aus­ge­spro­che­ne frist­lo­se Kündi­gung. Aus die­sem Grund ver­lang­te der Pi­lot ja sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung über die­sen Zeit­punkt hin­aus und nicht et­wa für die Zeit nach dem 30.11.2007, d.h. nach dem Wirk­sam­wer­den der Al­ters­be­fris­tung.

Fa­zit: Der Pi­lot hätte bei sach­gemäßer Pro­zessführung durch sei­nen An­walt sein Luft­han­sa­ge­halt mit sämt­li­chen Ne­ben­leis­tun­gen für min­des­tens fünf Jah­re durch­set­zen können. Denn auf­grund des o.g. EuGH-Ur­teils vom 13.09.2011 (C-447/09, Prig­ge u.a.) stand für das deut­sche Ar­beits­recht fest, dass die Be­fris­tung zum 30.11.2007 al­ters­dis­kri­mi­nie­rend und da­mit un­wirk­sam war. Dem­nach konn­te der Pi­lot frühes­tens mit 65 Jah­ren "zwangs­pen­sio­niert" wer­den, d.h. hier im Streit­fall mit Ab­lauf des 30.11.2012. Der fi­nan­zi­el­le Scha­den, der dem Pi­lo­ten durch die Versäum­ung der Kla­ge­frist ent­stan­den ist, dürf­te wohl bei knapp ei­ner Mio. EUR lie­gen. Für die­sen Scha­den muss der An­walt auf­kom­men.

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Letzte Überarbeitung: 6. September 2016

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