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Er­mes­sen des Ar­beit­ge­bers bei Ver­set­zun­gen

Haus­halts­recht­li­che Grün­de recht­fer­ti­gen es nicht, Plan­stel­len­in­ha­ber von Ver­set­zun­gen in an­de­re Dienst­stel­len aus­zu­neh­men: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.07.2013, 10 AZR 915/12

27.07.2013. Wer von sei­nem Ar­beit­ge­ber in ei­nen an­de­ren Be­trieb ver­setzt wird, hat oft wei­te­re Fahrt­we­ge zu­rück­zu­le­gen. Im schlimms­ten Fall läuft ei­ne sol­che Ver­set­zung auf ei­ne kal­te Kün­di­gung hin­aus, wenn dem Ar­beit­neh­mer das wei­te Pen­deln zur Ar­beit nicht zu­zu­mu­ten ist und er des­halb ge­zwun­gen ist, sei­nen Hut zu neh­men.

In den ver­gan­gen Jah­ren muss­ten vie­le Ar­beit­neh­mer der Bun­des­agen­tur für Ar­beit auf­grund von Ver­set­zun­gen in an­de­re Dienst­stel­len län­ge­re Fahrt­we­ge in Kauf neh­men, und ei­ni­ge von ih­nen zo­gen da­ge­gen vor die Ar­beits­ge­rich­te.

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass die Bun­des­agen­tur bei sol­chen un­an­ge­neh­men Ent­schei­dun­gen al­le für ei­ne Ver­set­zung in Be­tracht kom­men­den Ar­beit­neh­mer in die Aus­wah­l­ent­schei­dung ein­be­zie­hen muss. Wer­den nur sol­che Ar­beit­neh­mer in die Aus­wahl ein­be­zo­gen, die frü­her be­fris­tet be­schäf­tigt wa­ren und de­ren Ver­trä­ge mitt­ler­wei­le ent­fris­tet sind, ist die Aus­wah­l­ent­schei­dung und da­mit die Ver­set­zung rechts­wid­rig: BAG, Ur­teil vom 10.07.2013, 10 AZR 915/12.

Können öffentliche Arbeitgeber bei Versetzungen in andere Dienststellen Arbeitnehmergruppen aus Haushaltsgründen ausnehmen?

Mit ei­ner Ver­set­zung ord­net der Ar­beit­ge­ber an, dass der Ar­beit­neh­mer künf­tig an ei­nem an­de­ren Ort oder in ei­ner an­de­ren Ab­tei­lung ar­bei­ten soll oder dass er künf­tig für ei­nen an­de­ren Auf­ga­ben­be­reich zuständig sein soll. Ei­ne Ver­set­zung ist ei­ne ein­sei­ti­ge Maßnah­me, zu der der Ar­beit­ge­ber auf­grund sei­nes Wei­sungs­rechts be­rech­tigt ist.

Die Fra­ge ist da­her nicht, ob der Ar­beit­neh­mer mit ei­ner Ver­set­zung ein­ver­stan­den ist oder nicht, son­dern nur, ob der Ar­beit­ge­ber zu ei­ner kon­kre­ten Ver­set­zung be­rech­tigt ist. Ei­ne Ver­set­zung ist rech­tens, wenn der Ar­beit­ge­ber bei ihr die Gren­zen sei­nes Wei­sungs­rechts einhält, d.h. wenn sie "bil­li­gem Er­mes­sen" (§ 106 Ge­wer­be­ord­nung - Ge­wO) ent­spricht. Gibt es ei­nen Be­triebs­rat, muss der Ar­beit­ge­ber außer­dem den Be­triebs­rat zu­vor ord­nungs­gemäß be­tei­ligt ha­ben, d.h. sei­ne Zu­stim­mung ein­ge­holt ha­ben.

Da die Ver­set­zung als ein­sei­ti­ge Maßnah­me ei­ner Kündi­gung ähnelt, können be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer sie ge­richt­lich über­prüfen las­sen. Dann prüft das Ar­beits­ge­richt, ob der Ar­beit­ge­ber bei sei­ner Ver­set­zung sein Er­mes­sen ord­nungs­gemäß aus­geübt hat und ob er die Gren­zen sei­nes Er­mes­sens be­ach­tet hat.

Frag­lich ist, ob sich öffent­li­che Ar­beit­ge­ber bei Ver­set­zun­gen in an­de­re Dienst­stel­len aus Haus­halts­gründen auf be­stimm­te Ar­beit­neh­mer­grup­pen kon­zen­trie­ren können, d.h. ob sie z.B. nur Über­hang­kräfte als Kan­di­da­ten mögli­cher Ver­set­zun­gen be­han­deln können. Dann wären die In­ha­ber von Plan­stel­len begüns­tigt, denn dann wäre von vorn­her­ein klar, dass sie nicht ver­setzt wer­den.

Der Streitfall: Entfristete Angestellte der Bundesagentur für Arbeit wird von Pirna nach Weiden versetzt

Ei­ne seit 2009 zunächst be­fris­tet beschäftig­te An­ge­stell­te der Bun­des­agen­tur er­hielt 2011 ei­nen un­be­fris­te­ten Ver­trag, nach­dem das BAG im März 2011 ent­schie­den hat­te, dass die auf den Sach­grund des Haus­halts­recht gestütz­ten Be­fris­tun­gen bei der Bun­des­agen­tur un­wirk­sam sind (Ur­teil vom 09.03.2011, 7 AZR 728/09 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/061 Haus­halts­be­fris­tun­gen bei der Bun­des­agen­tur für Ar­beit sind un­wirk­sam).

Die Freu­de über den un­be­fris­te­ten Ver­trag währ­te aber nicht lan­ge, denn die An­ge­stell­te wur­de kurz dar­auf wie vie­le ih­rer ent­fris­te­ten Kol­le­gen von ih­rer bis­he­ri­gen Dienst­stel­le ver­setzt, und zwar von Pir­na nach Wei­den. Da­ge­gen klag­te sie vor dem Ar­beits­ge­richt Dres­den, da sie sich auf­grund ih­rer persönli­chen Le­bens­umstände un­ge­recht be­han­delt fühl­te.

Außer­dem hat­te die Bun­des­agen­tur bei der Ver­set­zungs­wel­le nur die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer in die Aus­wahl ein­be­zo­gen, de­ren Verträge kurz zu­vor ent­fris­tet wor­den wa­ren, d.h. die alt­ein­ges­se­nen In­ha­ber von Plan­stel­len wur­den von vorn­her­ein von Ver­set­zun­gen aus­ge­nom­men.

Zur Recht­fer­ti­gung die­ser Vor­ge­hens­wei­se be­rief sich die Bun­des­agen­tur auf Haus­halts­gründe: Sie könne nämlich Ar­beit­neh­mer aus haus­halts­recht­li­chen Gründen nur in den­je­ni­gen Ar­beits­agen­tu­ren dau­er­haft ein­set­zen, in de­nen ent­spre­chen­de Plan­stel­len im Haus­halts­plan aus­ge­wie­sen sei­en.

Das Ar­beits­ge­richt Dres­den (Ur­teil vom 24.04.2012, 4 Ca 2313/11) und das Säch­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (Ur­teil vom 14.09.2012, 2 Sa 356/12) ga­ben der An­ge­stell­ten recht, d.h. sie erklärten die Ver­set­zung für un­wirk­sam.

BAG: Versetzungen sind unwirksam, wenn der Arbeitgeber nur Überhangkräfte in seine Auswahlentscheidung einbezieht und versetzt

Auch in Er­furt hat­te die be­klag­te Bun­des­agen­tur kei­nen Er­folg, d.h. das BAG hielt die strei­ti­ge Ver­set­zung für un­wirk­sam. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den BAG-Pres­se­mel­dung heißt es zur Be­gründung:

Die Bun­des­agen­tur ist zwar gemäß dem für sie gel­ten­den Ta­rif­ver­trag und auch gemäß dem Ar­beits­ver­trag der Kläge­rin im Prin­zip da­zu be­rech­tigt, sie zu ver­set­zen, wenn hierfür ein dienst­li­cher Grund be­steht. Ein sol­cher Grund liegt bei­spiels­wei­se vor, wenn es ei­nen Per­so­nalüber­hang in ei­ner ört­li­chen Ar­beits­agen­tur gibt, so das BAG.

Bei sei­ner Ver­set­zungs­ent­schei­dung muss der Ar­beit­ge­ber aber ei­ne um­fas­sen­de Abwägung vor­neh­men, bei der so­wohl die In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers als auch die In­ter­es­sen der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer berück­sich­tigt wer­den. Das hat­te die be­klag­te Bun­des­agen­tur hier un­ter­las­sen, denn sie hat­te von vorn­her­ein nur die vor­her be­fris­tet beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer in die Aus­wahl ein­be­zo­gen.

Fa­zit: Dem Ur­teil des BAG ist zu­zu­stim­men, denn wenn gan­ze Ar­beit­neh­mer­grup­pen wie im vor­lie­gen­den Fall die In­ha­ber von Plan­stel­len gar nicht in die Aus­wahl der zu ver­set­zen­den Ar­beit­neh­mer ein­be­zo­gen wer­den, betätigt der Ar­beit­ge­ber sein Er­mes­sen in Wahr­heit gar nicht oder je­den­falls nicht vollständig. Für öffent­li­che Ar­beit­ge­ber zeigt die­se Ent­schei­dung wie­der ein­mal, dass ei­ne haus­halts­recht­lich noch so gut be­gründe­te Stel­len­wirt­schaft kei­ne un­mit­tel­ba­ren Aus­wir­kun­gen auf die be­ste­hen­den Ar­beits­verträge hat.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 12. Dezember 2014

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