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Wei­ter­be­schäf­ti­gung per einst­wei­li­ger Ver­fü­gung

Hat der Be­triebs­rat der Kün­di­gung wi­der­spro­chen, kann der ge­kün­dig­te Ar­beit­neh­mer sei­ne Wei­ter­be­schäf­ti­gung im Eil­ver­fah­ren meist oh­ne Pro­ble­me durch­set­zen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 26.11.2012, 5 Sa­Ga 14/12

13.02.2013. Wer ei­ne Kün­di­gung er­hält, steht nach Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist erst ein­mal oh­ne Job da.

An der vor­über­ge­hen­den Ar­beits­lo­sig­keit än­dert auch ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge nichts. Denn bis ei­ne rechts­kräf­ti­ge ge­richt­li­che Ent­schei­dung, dass Kün­di­gung un­wirk­sam war, vor­liegt, kön­nen leicht ein bis zwei Jah­re ins Land ge­hen.

Da­mit Ar­beit­neh­mer in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on erst ein­mal wei­ter ar­bei­ten und Geld ver­die­nen kön­nen, sieht das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) ei­nen An­spruch auf Wei­ter­be­schäf­ti­gung vor.

Vor­aus­set­zung für die­sen An­spruch ist, dass es ei­nen Be­triebs­rat gibt und dass der Be­triebs­rat bei der An­hö­rung zu der ge­plan­ten Kün­di­gung ei­nen Wi­der­spruch er­klärt hat. Will der Ar­beit­neh­mer dann sei­ne Wei­ter­be­schäf­ti­gung im ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren durch­set­zen, muss er nicht lang und breit "be­grün­den", wor­in die Nach­tei­le ei­ner Nicht-Be­schäf­ti­gung lie­gen, d.h. war­um er denn nun un­be­dingt be­schäf­tigt wer­den möch­te.

Das hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung klar­ge­stellt: LAG Köln, Ur­teil vom 26.11.2012, 5 Sa­Ga 14/12.

Anspruch auf Weiterbeschäftigung im gerichtlichen Eilverfahren

§ 102 Abs. 5 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) gibt gekündig­ten Ar­beit­neh­mern ei­nen An­spruch auf Wei­ter­beschäfti­gung. Vor­aus­set­zung für die­sen An­spruch ist

  • ei­ne or­dent­li­che (frist­gemäße) Kündi­gung,
  • ei­ne recht­zei­ti­ge Kündi­gungs­schutz­kla­ge,
  • ein recht­zei­ti­ger und schrift­lich be­gründe­ter Wi­der­spruch des Be­triebs­rats ge­gen die Kündi­gung im Anhörungs­ver­fah­ren
  • und ein recht­zei­ti­ges Ver­lan­gen des Ar­beit­neh­mers, bis zum Ab­schluss des Ge­richts­ver­fah­rens wei­ter­beschäftigt zu wer­den.

Der Wi­der­spruch des Be­triebs­rats ist "recht­zei­tig", wenn der Be­triebs­rat dem Ar­beit­ge­ber im Anhörungs­ver­fah­ren in­ner­halb ei­ner Wo­che nach ent­spre­chen­der In­for­ma­ti­on über die ge­plan­te Kündi­gung schrift­lich mit­teilt, dass und war­um er der Kündi­gung wi­der­spricht. "Be­gründet" ist der Wi­der­spruch, wenn der Be­triebs­rat mit Be­zug auf den ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer dar­legt, war­um er ei­nen der fünf ge­setz­lich ge­nann­ten Wi­der­spruchs­gründe als ge­ge­ben an­sieht. Hier kann der Be­triebs­rat z.B. ei­nen Feh­ler bei der So­zi­al­aus­wahl oder ei­ne Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­keit auf­zei­gen.

Der Ar­beit­neh­mer sei­ner­seits muss dann bin­nen drei Wo­chen Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­he­ben und vom Ar­beit­ge­ber spätes­tens bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist ver­lan­gen, einst­wei­len wei­ter beschäftigt zu wer­den (sonst ist sein Ver­lan­gen nach ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung nicht "recht­zei­tig").

Lie­gen al­le die­se Vor­aus­set­zun­gen vor, kann der Ar­beit­neh­mer schon während des in der ers­ten In­stanz lau­fen­den Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens Wei­ter­beschäfti­gung ver­lan­gen (§ 102 Abs.5 Satz 1 Be­trVG). Er kann sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung im ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren durch­set­zen, noch be­vor das Ar­beits­ge­richt (die ers­te In­stanz) über die Kündi­gungs­schutz­kla­ge ent­schie­den hat.

Und während man nor­ma­ler­wei­se im ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren ei­nen be­son­de­ren Grund für die Eil­ent­schei­dung des Ge­richts braucht, d.h. ei­nen "Verfügungs­grund", genügt es bei ei­nem auf vorläufi­ge Wei­ter­beschäfti­gung ge­rich­te­ten Eil­an­trag, dass der An­spruch auf Beschäfti­gung mit je­dem Tag der fak­ti­schen Ar­beits­lo­sig­keit endgültig un­ter­geht.

Der Streitfall: 56jährige Sekretärin der Geschäftsleitung wird betriebsbedingt gekündigt

Ei­ne 56jähri­ge As­sis­ten­tin/Se­kretärin der Geschäfts­lei­tung wur­de mit zwei or­dent­li­chen Kündi­gun­gen zunächst zu En­de Ju­li und dann zu En­de Au­gust 2012 gekündigt, nach­dem sie knapp zehn Jah­re im Be­trieb beschäftigt war.

Der Be­triebs­rat hat­te bei­den Kündi­gun­gen zu­vor wi­der­spro­chen. Da­bei stütz­te er die Wi­dersprüche auf ei­ne feh­ler­haf­te So­zi­al­aus­wahl. Aus Sicht des Be­triebs­rats gab es ei­ne we­ni­ger schutz­bedürf­ti­ge Ar­beits­kol­le­gin, die kei­ne Kündi­gung er­hal­ten hat­te. Außer­dem könn­te die Ar­beit­neh­me­rin doch auf ei­nem an­de­ren Ar­beits­platz wei­ter­beschäftigt wer­den, so der Be­triebs­rat.

Die Se­kretärin er­hob im April 2012 Kündi­gungs­schutz­kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Köln, das ei­nen Ent­schei­dungs­ter­min auf den 21.03.2013 an­be­raum­te. So lan­ge woll­te die Ar­beit­neh­me­rin aber nicht war­ten, da sie ja seit Au­gust 2012 erst ein­mal ar­beits­los war. Da­her klag­te sie in ei­nem ge­son­der­ten ar­beits­ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren ih­ren An­spruch auf Wei­ter­beschäfti­gung ein, hat­te da­mit aber vor dem Ar­beits­ge­richt Köln in ers­ter In­stanz kei­nen Er­folg (Ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 0609.2012, 6 Ga 86/12). Dar­auf­hin leg­te sie Be­ru­fung zum LAG Köln ein.

LAG Köln: Wer einen Anspruch auf Weiterbeschäftigung gemäß § 102 Abs.5 BetrVG im Eilverfahren einklagt, kannn zum Beleg des Verfügungsgrunds auf den drohenden Zeitablauf verweisen

Das LAG Köln ent­schied für die Se­kretärin und ver­ur­teil­te den Ar­beit­ge­ber, sie vorläufig bis zur Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts wei­ter zu beschäfti­gen.

Da­bei be­ton­te das LAG, dass man als Kläger im ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren zwar im­mer ei­nen be­son­de­ren Grund ("Verfügungs­grund") dafür braucht, dass das Ge­richt im Eil­tem­po statt im re­gulären Ver­fah­ren ent­schei­det, dass die­ser Verfügungs­grund aber leicht dar­zu­le­gen ist, wenn man ei­nen aus § 102 Abs.5 Satz 1 Be­trVG fol­gen­den An­spruch auf Wei­ter­beschäfti­gung im Eil­ver­fah­ren ein­klagt.

Denn mit je­dem Tag, den der Ar­beit­ge­ber den Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch nicht erfüllt, geht die­ser un­wie­der­bring­lich ver­lo­ren, und das genügt als Verfügungs­grund.

Den meis­ten Ar­beit­ge­bern wird das kaum ein­leuch­ten, da sie ja um­ge­kehrt mit dem Ri­si­ko be­las­tet wer­den, ei­nen im Eil­ver­fah­ren durch­ge­box­ten An­spruch auf Wei­ter­beschäfti­gung erfüllen zu müssen, ob­wohl die­ser mögli­cher­wei­se ja gar nicht be­steht. Dann wird das Recht des Ar­beit­ge­bers, den (wirk­sam?) gekündig­ten Ar­beit­neh­mer nicht beschäfti­gen und nicht be­zah­len zu müssen, mit je­dem Tag der er­zwun­ge­nen Beschäfti­gung "un­wie­der­bring­lich ver­nich­tet".

An die­ser Stel­le weist das LAG Köln al­ler­dings zu­recht dar­auf hin, dass das Ge­setz selbst die In­ter­es­sen des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers nach ei­nem Wi­der­spruch des Be­triebs­rats höher be­wer­tet als die des Ar­beit­ge­bers. Die­ser hat nämlich die ge­setz­lich spe­zi­ell ge­re­gel­te Möglich­keit, sich vom Ar­beits­ge­richt von der Wei­ter­beschäfti­gungs­pflicht be­frei­en zu las­sen (§ 102 Abs.5 Satz 2 Be­trVG). Die­ses Recht be­steht aber nur in en­gen Gren­zen, und wenn der Ar­beit­ge­ber da­von kei­nen Ge­brauch macht, mag er den An­spruch auf Wei­ter­beschäfti­gung eben erfüllen.

Fa­zit: Hat der Be­triebs­rat der Kündi­gung wi­der­spro­chen, kann der gekündig­te Ar­beit­neh­mer sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung im Eil­ver­fah­ren meist oh­ne Pro­ble­me durch­set­zen. Hier be­fin­den sich Ar­beit­neh­mer in ei­ner bes­se­ren La­ge als wenn sie z.B. in un­zulässi­ger Wei­se ver­setzt wer­den und da­her ih­re ver­trags­ge­rech­te Beschäfti­gung im ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren durch­set­zen wol­len. Dann stel­len die meis­ten Ar­beits­ge­rich­te nämlich stren­ge­re An­for­de­run­gen an den Nach­weis des Verfügungs­grun­des.

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Letzte Überarbeitung: 13. Oktober 2016

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