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Wett­be­werbs­ver­bot oh­ne Ent­schä­di­gung, aber mit sal­va­to­ri­scher Klau­sel?

Ein nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot oh­ne Ka­ren­zent­schä­di­gung ist auch dann nich­tig, wenn der Ver­trag ei­ne Hei­lungs­klau­sel ent­hält: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.03.2017, 10 AZR 448/15

23.03.2017. Im Som­mer 2015 ent­schied das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm über ei­nen Fall, in dem ein Han­dels­un­ter­neh­men ei­ne Ver­käu­fe­rin zu ei­nem nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bot ver­pflich­te­te, da­bei aber kei­ne Ka­ren­zent­schä­di­gung zu­sag­te. Im All­ge­mei­nen führt das zur Nich­tig­keit der Ver­ein­ba­rung.

Hier ent­hielt der Ar­beits­ver­trag aber ei­ne sal­va­to­ri­sche Klau­sel, der zu­fol­ge nich­ti­ge Ver­ein­ba­run­gen durch wirk­sa­me er­setzt wer­den soll­ten, die dem Wil­len der Ver­trags­par­tei­en am ehes­ten ent­spre­chen wür­den. Un­ter Be­ru­fung auf die­se Klau­sel hielt das LAG das Wett­be­werbs­ver­bot für wirk­sam und ver­ur­teil­te den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung ei­ner Ka­ren­zent­schä­di­gung (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/316 Wett­be­werbs­ver­bot oh­ne Ge­gen­leis­tung).

Ges­tern hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) den Fall an­ders­her­um ent­schie­den: BAG, Ur­teil vom 22.03.2017, 10 AZR 448/15 (Pres­se­mel­dung des BAG).

Kann ein nachvertragliches Wettbewerbsverbot ohne Karenzentschädigung wirksam sein, wenn der Vertrag eine salvatorische Klausel enthält?

Bei der Ge­stal­tung von vor­for­mu­lier­ten Ar­beits­verträgen im Ar­beit­ge­ber­auf­trag kommt es im­mer wie­der vor, dass sich ein­zel­ne Klau­seln als un­wirk­sam her­aus­stel­len. Denn Ar­beit­ge­ber als Ver­wen­der von All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB) müssen die ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten zur AGB-Kon­trol­le be­ach­ten, und dar­an schei­tern man­che Klau­seln. Ge­gen sol­che und ähn­li­che Pro­ble­me sol­len sal­va­to­ri­sche Klau­seln hel­fen.

Sal­va­to­ri­sche Klau­seln gibt es in ver­schie­de­nen Va­ri­an­ten. In den meis­ten Fällen sol­len sie be­wir­ken, dass in­fol­ge ei­ner recht­lich un­wirk­sa­men ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung nicht der gan­ze Ver­trag un­wirk­sam wird (Er­hal­tungs­klau­sel), und/oder sie sol­len si­cher­stel­len, dass un­wirk­sa­me Ver­ein­ba­run­gen durch recht­lich wirk­sa­me Re­ge­lun­gen er­setzt wer­den, die den wirt­schaft­li­chen Zie­len des Ver­tra­ges und den Ab­sich­ten der Ver­trags­par­tei­en am bes­ten ent­spre­chen (Er­set­zungs­klau­sel).

Ob­wohl das AGB-Recht für un­kla­re und/oder un­an­ge­mes­se­ne Klau­seln die Rechts­fol­ge vor­sieht, dass die­se Klau­seln ins­ge­samt nich­tig sind und statt­des­sen das Ge­set­zes­recht gilt, sind sog. sal­va­to­ri­sche Klau­seln in Form von Er­set­zungs­klau­seln auch in vor­for­mu­lier­ten Ar­beits­verträgen be­liebt. Da­hin­ter steht auch die Über­le­gung, dass Er­set­zungs­klau­seln zwar mögli­cher­wei­se hin­ter dem ge­setz­li­chen AGB-Recht zurück­ste­hen müssen, aber je­den­falls (aus Ar­beit­ge­ber­sicht) nicht scha­den können.

Dass Er­set­zungs­klau­seln ent­ge­gen die­ser weit ver­brei­te­ten Mei­nung ziem­lich gefähr­lich sein können, zeigt das Bei­spiel nach­ver­trag­li­cher Wett­be­werbs­ver­bo­te. Mit sol­chen Ver­ein­ba­run­gen ver­pflich­ten sich Ar­beit­neh­mer, ih­rem Ar­beit­ge­ber auch nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vorüber­ge­hend kei­ne Kon­kur­renz zu ma­chen, wofür sie ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung er­hal­ten müssen.

Gemäß § 74 Abs.2 Han­dels­ge­setz­buch (HGB) sind sol­che Ver­ein­ba­run­gen nur ver­bind­lich, wenn die Ka­ren­zentschädi­gung min­des­tens die Hälf­te des Ge­samt­ge­halts beträgt. Liegt sie dar­un­ter, ist das Wett­be­werbs­ver­bot un­ver­bind­lich. Dann hat der Ar­beit­neh­mer die Wahl, ob er sich trotz­dem dar­an hal­ten will (dann be­kommt er nur die ge­rin­ge Entschädi­gung in ver­ein­bar­ter Höhe) oder nicht (dann kann er sei­nem Ex-Ar­beit­ge­ber Wett­be­werb ma­chen, be­kommt aber kein Geld). Ein Wett­be­werbs­ver­bot, das gar kei­ne Geld­leis­tung des Ar­beit­ge­bers enthält, ist nicht nur un­ver­bind­lich, son­dern nich­tig, d.h. sie hat gar kei­ne Rechts­wir­kun­gen.

An die­ser Stel­le kom­men sal­va­to­ri­sche Klau­seln ins Spiel. Sie könn­ten (theo­re­tisch) da­zu führen, dass Wett­be­werbs­ver­bo­te, die gar kei­ne Ka­ren­zentschädi­gung vor­se­hen und da­her ei­gent­lich nich­tig sind, durch wirk­sa­me Re­ge­lun­gen er­setzt wer­den. Im Er­geb­nis führt ei­ne „harm­lo­se“ sal­va­to­ri­sche Klau­sel zu wirt­schaft­lich be­deut­sa­men Ver­trags­pflich­ten bei­der Par­tei­en, die oh­ne die Klau­sel nicht be­ste­hen würden.

Handelsunternehmen verpflichtet Teilzeitkraft zum nachvertraglichen Wettbewerbsverbot ohne Karenzentschädigung, aber bei 10.000,00 EUR Vertragsstrafe

Im Streit­fall hat­te ei­ne teil­zeit­beschäftig­te Han­dels­kauf­frau ein nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot un­ter­schrie­ben, das ihr für die ge­setz­li­che Höchst­dau­er von zwei Jah­ren jeg­li­che Kon­kur­renz ver­bot. Für je­den Ver­s­toß ge­gen das Ver­bot soll­te sie 10.000,00 EUR Ver­trags­stra­fe zah­len (bei ei­nem Ge­halt von zu­letzt 1.209,38 EUR brut­to). Ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung soll­te sie dafür nicht be­kom­men. Al­ler­dings ent­hielt der Ver­trag fol­gen­de sal­va­to­ri­sche Klau­sel:

"Soll­te ei­ne Be­stim­mung die­ses Ver­tra­ges nich­tig oder un­wirk­sam sein, so soll da­durch der Ver­trag im Übri­gen in sei­nem recht­li­chen Be­stand nicht berührt wer­den. An­stel­le der nich­ti­gen oder un­wirk­sa­men Be­stim­mung soll ei­ne an­ge­mes­se­ne Re­ge­lung gel­ten, die, so­weit recht­lich möglich, dem am nächs­ten kommt, was die Ver­trags­par­tei­en ge­wollt ha­ben oder nach dem Sinn und Zweck die­ses Ver­tra­ges ge­wollt hätten, so­fern sie bei Ab­schluss die­ses Ver­tra­ges die Nich­tig­keit oder Un­wirk­sam­keit be­dacht hätten."

Nach Ih­rem Aus­schei­den zum En­de 2013 ver­lang­te die Kauf­frau Ka­ren­zentschädi­gung in Höhe des ge­setz­li­chen Mi­ni­mums, d.h. in Höhe von 604,69 EUR pro Mo­nat, da sie ih­rem Ex-Ar­beit­ge­ber kei­ne Kon­kur­renz mach­te. Das Ar­beits­ge­richt Rhei­ne ver­ur­teil­te die Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung (Ur­teil vom 27.11.2014, 4 Ca 1218/14) und auch das LAG Hamm hielt das Wett­be­werbs­ver­bot we­gen der sal­va­to­ri­schen Klau­sel für wirk­sam, so dass der Ar­beit­ge­ber zah­len muss­te (LAG Hamm, Ur­teil vom 05.06.2015, 10 Sa 67/15, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/316 Wett­be­werbs­ver­bot oh­ne Ge­gen­leis­tung).

BAG: Ein nachvertragliches Wettbewerbsverbot ohne Karenzentschädigung ist auch dann nichtig, wenn der Vertrag eine salvatorische Klausel enthält

An­ders als das LAG Hamm kam das BAG ges­tern zu dem Er­geb­nis, dass das Wett­be­werbs­ver­bot nich­tig war. Zur Be­gründung heißt es da­zu in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den BAG-Pres­se­mel­dung:

Nach­ver­trag­li­che Wett­be­werbs­ver­bo­te oh­ne je­de Ka­ren­zentschädi­gung sind nich­tig, so das BAG. In ei­nem sol­chen Fall kann der Ar­beit­ge­ber vom Ar­beit­neh­mer nicht ver­lan­gen, dass er Wett­be­werb un­terlässt, und der Ar­beit­neh­mer hat sei­ner­seits kei­nen An­spruch auf ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung.

Dar­an ändern auch sal­va­to­ri­sche Klau­seln nichts. Denn Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer müssen bei Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses so­fort recht­li­che Klar­heit darüber ha­ben, ob ein Wett­be­werbs­ver­bot gilt oder nicht. Die Wirk­sam­keit bzw. Un­wirk­sam­keit ei­nes Wett­be­werbs­ver­bots muss sich da­her un­mit­tel­bar aus der Ver­ein­ba­rung selbst er­ge­ben, so die Er­fur­ter Rich­ter. Das ist nicht der Fall bei sal­va­to­ri­schen Klau­seln. Bei der An­wen­dung sol­cher Klau­seln sind nämlich ju­ris­ti­sche Wer­tun­gen er­for­der­lich, da es dar­auf an­kommt, ob die Ver­trags­par­tei­en in Kennt­nis der Nich­tig­keit ei­nes Wett­be­werbs­ver­bots ei­ne wirk­sa­me Ver­ein­ba­rung ab­ge­schlos­sen hätten.

Mit die­sem Ur­teil hat das BAG nicht et­wa be­kräftigt, dass nach­ver­trag­li­che Wett­be­werbs­ver­bo­te oh­ne jeg­li­chen An­spruch auf ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung nich­tig sind, denn das gilt un­be­strit­te­ner­maßen.

Viel­mehr hat das BAG klar­ge­stellt, dass die ver­brei­te­ten sal­va­to­ri­schen Klau­seln, die sich meist ver­steckt auf den letz­ten Sei­ten um­fang­rei­cher Verträge fin­den, nicht die Fol­ge ha­ben, dass Wett­be­werbs­ab­re­den oh­ne Entschädi­gungs­re­ge­lung im Er­geb­nis doch als Wett­be­werbs­ver­ein­ba­run­gen mit Entschädi­gungs­re­ge­lung an­zu­se­hen und da­her gültig sind.

Fa­zit: Auch wenn der hier zu ent­schei­den­de Streit­fall zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers aus­ge­gan­gen ist, hat das BAG-Ur­teil vor al­lem Vor­tei­le für Ar­beit­neh­mer. Denn wer sich be­ruf­lich verändern möch­te, soll­te Klar­heit darüber ha­ben, wel­che neu­en Ar­beit­ge­ber und/oder selbstständi­ge Tätig­kei­ten er­laubt sind und wel­che ver­bo­ten.

Hier bleibt es bei der Re­gel, dass ein wirk­sa­mes Wett­be­werbs­ver­bot ent­we­der ei­ne aus­drück­li­che Ka­renz­geld­re­ge­lung oder zu­min­dest ei­nen Ver­weis auf die ergänzen­de Gel­tung der §§ 74 ff. Han­dels­ge­setz­buch (HGB) ent­hal­ten muss und/oder auf ei­ne im Er­mes­sen des Ar­beit­ge­bers lie­gen­de Ka­ren­zentschädi­gung.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­grün­de ver­öf­fent­licht. Das voll­stän­dig be­grün­de­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 5. August 2017

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