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Wett­be­werbs­ver­bot oh­ne Ge­gen­leis­tung

Ein nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot oh­ne Ka­ren­zent­schä­di­gung kann wirk­sam sein, wenn der Ver­trag ei­ne sal­va­to­ri­sche Klau­sel ent­hält: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Ur­teil vom 05.06.2015, 10 Sa 67/15

11.11.2015. Im All­ge­mei­nen sind ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen, die dem Ar­beit­neh­mer ein Kon­kur­renz­ver­bot für die Zeit nach Ver­trags­be­en­di­gung auf­er­le­gen, null und nich­tig, falls das Wett­be­werbs­ver­bot kei­ne Zu­sa­ge des Ar­beit­ge­bers ent­hält, dem Ar­beit­neh­mer als Ge­gen­leis­tung ei­ne Gel­dent­schä­di­gung ("Ka­ren­zent­schä­di­gung") zu zah­len.

Al­ler­dings be­stä­ti­gen Aus­nah­men be­kannt­lich die Re­gel. Ei­ne sol­che Aus­nah­me hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung ge­macht und den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung ei­ner Ka­ren­zent­schä­di­gung ver­ur­teilt, ob­wohl die strei­ti­ge Wett­be­werbs­ver­ein­ba­rung ei­gent­lich nich­tig war, weil sie kei­ne Ent­schä­di­gungs­zu­sa­ge be­inhal­te­te. Da­für aber ent­hielt der Ar­beits­ver­trag ei­ne sog. sal­va­to­ri­sche Klau­sel: LAG Hamm, Ur­teil vom 05.06.2015, 10 Sa 67/15.

Wann ist ein nachvertragliches Wettbewerbsverbot ohne Zusage einer Karenzentschädigung ausnahmsweise wirksam?

Nach Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­trags kann er Ex-Ar­beit­neh­mer sei­nem Ex-Ar­beit­ge­ber nach Her­zens­lust Kon­kur­renz ma­chen, denn schließlich ge­nießen bei­de ehe­ma­li­gen Ver­trags­part­ner Be­rufs­frei­heit (Art.12 Grund­ge­setz - GG). Da­ge­gen kann sich der Ar­beit­ge­ber durch die Ver­ein­ba­rung ei­nes nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bots schützen, was al­ler­dings vor­aus­setzt, dass er in den Geld­beu­tel greift.

Denn gemäß § 74 Abs.2 Han­dels­ge­setz­buch (HGB) ist ein nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot nur ver­bind­lich, wenn der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer für die Dau­er der Ab­sti­nenz ("Ka­renz") die Hälf­te sei­ner zu­letzt be­zo­ge­nen ver­tragsmäßigen Leis­tun­gen ver­spricht bzw. be­zahlt. Liegt die ver­ein­bar­te Ka­ren­zentschädi­gung un­ter die­sem ge­setz­li­chen Mi­ni­mum, ist das Ver­bot un­ver­bind­lich, d.h. der Ar­beit­neh­mer kann frei ent­schei­den, ob er sich trotz­dem dar­an hal­ten will (dann be­kommt er al­ler­dings nur die ge­rin­ge Entschädi­gung in ver­ein­bar­ter Höhe) oder nicht (dann kann er Wett­be­werb ma­chen, be­kommt aber natürlich kein Geld).

Enthält ei­ne Wett­be­werbs­ab­re­de da­ge­gen gar kei­ne Ge­gen­leis­tung des Ar­beit­ge­bers, d.h. soll der Ar­beit­neh­mer "für null" Wett­be­werbs­hand­lun­gen un­ter­las­sen, ist das Wett­be­werbs­ver­bot nicht nur un­ver­bind­lich, son­dern nich­tig, d.h. es hat über­haupt kei­ne Rechts­wir­kun­gen.

Frag­lich ist al­ler­dings, wann Ver­ein­ba­run­gen über ein nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot "gar kei­ne" Entschädi­gungs­re­ge­lun­gen ent­hal­ten.

Da­zu hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im Jah­re 2006 ent­schie­den, dass be­reits der pau­scha­le Hin­weis auf die ergänzen­de Gel­tung der §§ 74 ff. HGB als Entschädi­gungs­ver­ein­ba­rung aus­reicht (BAG, Ur­teil vom 28.06.2006, 10 AZR 407/05, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 06/07 BAG: Ka­renz­ab­re­de auch bei pau­scha­lem Ver­weis auf HGB). Und auch ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung, de­ren Höhe im Er­mes­sen des Ar­beit­ge­bers steht, ist als wirk­sa­me fi­nan­zi­el­le Zu­sa­ge an­zu­se­hen (BAG, Ur­teil vom 15.01.2014, 10 AZR 243/13, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/133 Wett­be­werbs­klau­sel mit un­be­stimm­ter Ka­ren­zentschädi­gung).

Aber genügt es auch, wenn die Wett­be­werbs­klau­sel we­der ei­ne fi­nan­zi­el­le Ge­gen­leis­tung des Ar­beit­ge­bers noch ei­nen Ver­weis auf die §§ 74 ff. HGB enthält, dafür aber der Ar­beits­ver­trag ei­ne "sal­va­to­ri­sche" Klau­sel (Hei­lungs­klau­sel)? Mit ei­ner sol­chen Klau­sel ver­ein­ba­ren die Par­tei­en, dass recht­lich un­wirk­sa­me ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen

  • nicht zur Un­wirk­sam­keit des ge­sam­ten Ver­trags führen sol­len (Er­hal­tungs­klau­sel) und/oder
  • durch ei­ne dem Par­tei­wil­len möglichst gut ent­spre­chen­de wirk­sa­me Ver­ein­ba­rung er­setzt wer­den soll (Er­set­zungs­klau­sel).

Um die­se Fra­ge dreht sich die Ent­schei­dung des LAG Hamm.

Der Streitfall: Teilzeitkraft mit 1.200 EUR Gehalt soll Konkurrenz unterlassen - ohne Gegenleistung und bei 10.000 EUR Vertragsstrafe

Im Fall des LAG Hamm war ei­ne In­dus­trie­kauf­frau von 2008 bis En­de 2013 beschäftigt, zu­letzt in Teil­zeit für 1.209,38 EUR brut­to. Ihr Ar­beits­ver­trag ent­hielt ein um­fas­sen­des, vom Ar­beit­ge­ber pro­fes­sio­nell vor­for­mu­lier­tes Wett­be­werbs­ver­bot, das der Kauf­frau für die ge­setz­li­che Höchst­dau­er von zwei Jah­ren jeg­li­che Kon­kur­renz ver­bot. Für je­de Zu­wi­der­hand­lung soll­te sie 10.000,00 EUR Ver­trags­stra­fe zah­len.

Ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung war nicht ver­ein­bart, und der Ver­trag ent­hielt auch kei­nen Ver­weis dar­auf, dass "im übri­gen" oder "ergänzend" die ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen der §§ 74 ff. HGB gel­ten soll­ten, was ja nach der o.g. Recht­spre­chung des BAG zur Fol­ge ge­habt hätte, dass die Kauf­frau ei­ne Entschädi­gung in ge­setz­li­cher Min­desthöhe (= Hälf­te der zu­letzt be­zo­ge­nen Vergütung, § 74 Abs.2 HGB) hätte ver­lan­gen können.

Al­ler­dings ent­hielt der Ar­beits­ver­trag im Ab­spann un­ter "Ne­ben­be­stim­mun­gen" fol­gen­de sal­va­to­ri­sche Klau­sel:

"Soll­te ei­ne Be­stim­mung die­ses Ver­tra­ges nich­tig oder un­wirk­sam sein, so soll da­durch der Ver­trag im Übri­gen in sei­nem recht­li­chen Be­stand nicht berührt wer­den. An­stel­le der nich­ti­gen oder un­wirk­sa­men Be­stim­mung soll ei­ne an­ge­mes­se­ne Re­ge­lung gel­ten, die, so­weit recht­lich möglich, dem am nächs­ten kommt, was die Ver­trags­par­tei­en ge­wollt ha­ben oder nach dem Sinn und Zweck die­ses Ver­tra­ges ge­wollt hätten, so­fern sie bei Ab­schluss die­ses Ver­tra­ges die Nich­tig­keit oder Un­wirk­sam­keit be­dacht hätten."

Die Kauf­frau mach­te ih­rem Ex-Ar­beit­ge­ber ab An­fang 2014 kei­ne Kon­kur­renz und ver­lang­te dafür Geld, nämlich die Hälf­te ih­rer zu­letzt be­zo­ge­nen Vergütung bzw. 604,69 EUR pro Mo­nat. Da der Ex-Ar­beit­ge­ber nicht zahl­te, zog sie vor das Ar­beits­ge­richt Rhei­ne und be­kam dort Recht (Ar­beits­ge­richt Rhei­ne, Ur­teil vom 27.11.2014, 4 Ca 1218/14). Da­bei be­rief sich das Ar­beits­ge­richt auf die o.g. sal­va­to­ri­sche Klau­sel. Der Ar­beit­ge­ber leg­te Be­ru­fung zum LAG Hamm ein.

LAG Hamm: Ein nachvertragliches Wettbewerbsverbot ohne Karenzentschädigung kann wirksam sein, wenn der Vertrag eine salvatorische Klausel enthält

Auch das LAG Hamm gab der Kläge­rin Recht und ließ zu­gleich die Re­vi­si­on zum BAG zu. Zur Be­gründung be­ruft sich das LAG wie schon das Ar­beits­ge­richt auf die im Ar­beits­ver­trag ent­hal­te­ne sal­va­to­ri­sche Klau­sel.

Zwar kann ei­ne sal­va­to­ri­sche Klau­sel nach An­sicht des LAG nicht in je­dem Fall das Feh­len ei­ner Entschädi­gungs­ver­ein­ba­rung hei­len, aber hier im Streit­fall war es aus­nahms­wei­se ein­mal so. Da­bei be­zieht sich das Ge­richt auf die Ver­ein­ba­rung ei­ner ex­trem ho­hen Ver­trags­stra­fe von im­mer­hin 10.000,00 EUR, d.h. von mehr als acht Mo­nats­gehältern.

Ei­ne so ho­he Ver­trags­stra­fe "lässt dar­auf schließen, dass die Par­tei­en da­mit rech­ne­ten, dass ei­ne Ver­let­zung des Wett­be­werbs­ver­bots zu er­heb­li­chen fi­nan­zi­el­len Ein­bußen für die Be­klag­te führen kann, und dass die Kläge­rin auf je­den Fall Wett­be­werb un­ter­las­sen soll­te", so das LAG.

Ist aber auf­grund der ho­hen Ver­trags­stra­fe von ei­nem ernst­haf­ten Wil­len der Ver­trags­par­tei­en aus­zu­ge­hen, auf je­den Fall ein recht­lich wirk­sa­mes Wett­be­werbs­ver­bot zu ver­ein­ba­ren, be­inhal­tet die­ser "hy­po­the­ti­sche Par­tei­wil­le" nach An­sicht des Ge­richts auch die Zah­lung ei­ner Ka­ren­zentschädi­gung in ge­setz­li­cher Min­desthöhe, d.h. in Höhe ei­nes hal­ben Durch­schnitts­ge­halts.

Fa­zit: Ob­wohl der Pro­zess hier zu­guns­ten der kla­gen­den Ex-Ar­beit­neh­me­rin aus­ge­gan­gen ist, darf das nicht darüber hin­wegtäuschen, dass das LAG-Ur­teil zwei­schnei­dig ist: Liegt ein ver­bind­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot vor, hat sich auch der Ar­beit­neh­mer dar­an zu hal­ten. Letzt­lich hätte das, wenn sich der Streit­fall an­ders ent­wi­ckelt hätte, da­zu führen können, dass der Ar­beit­ge­ber sei­ner Ex-Mit­ar­bei­te­rin ei­ne Tätig­keit beim Wett­be­wer­ber hätte un­ter­sa­gen las­sen können, und auch die (ex­trem ho­he) Ver­trags­stra­fe hätte dann im Raum ge­stan­den.

An­de­rer­seits spricht für die Ent­schei­dung des LAG Hamm, dass vie­le Wett­be­werbs­ver­ein­ba­run­gen of­fen­bar be­wusst und da­mit schlitz­oh­rig das The­ma Ka­ren­zentschädi­gung mit kei­ner Sil­be erwähnen, wohl in der Hoff­nung dar­auf, dass sich der Ar­beit­neh­mer auch von ei­nem nich­ti­gen Ver­bot be­ein­dru­cken lässt. Sol­che Ver­trags­ge­stal­tun­gen sind un­red­lich und ein gu­ter Grund für die Ge­rich­te, über ei­ne Zah­lungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers ernst­haft nach­zu­den­ken.

Ob das Ur­teil des LAG Hamm rich­tig ist, muss demnächst das BAG ent­schei­den, denn mitt­ler­wei­le hat der Ar­beit­ge­ber Re­vi­si­on ein­ge­legt (Ak­ten­zei­chen des BAG: 10 AZR 448/15).

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Letzte Überarbeitung: 8. September 2016

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