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Whist­leb­lo­we­r­in Hei­nisch schließt Pro­zess­ver­gleich

Trä­nen und Stär­ke: Kämp­fe­ri­sche "Whist­leb­lo­we­r­in" schließt Frie­den

25.05.2012 (dpa) - Trä­nen im Ge­richts­saal, Wut­aus­brü­che und ein Rich­ter mit star­ken Ner­ven: Es ist das letz­te Ka­pi­tel im Kampf der Ber­li­ner Al­ten­pfle­ge­rin Bri­git­te Hei­nisch (50) ge­gen ih­re frist­lo­se Kün­di­gung.

Doch die emo­tio­na­le Ver­hand­lung vor dem Ber­li­ner Lan­des­ar­beits­ge­richt hat ei­ne zwei­te und drit­te Ebe­ne. Es geht um das Recht von An­ge­stell­ten, Skan­da­le in ih­rem Un­ter­neh­men öf­fent­lich zu ma­chen ("Whist­leb­lo­wing"). Und es geht um die Zu­stän­de in ei­nem Pfle­ge­heim des lan­des­ei­ge­nen Ber­li­ner Kli­nik­kon­zern Vi­van­tes, der 2004 mehr als 100 al­te Men­schen mit viel zu we­nig Fach­kräf­ten al­lein­ge­las­sen ha­ben soll - vor al­lem nachts. Der Rechts­streit ist am Don­ners­tag bei­ge­legt wor­den. Die Wun­den sind noch nicht ver­heilt.

90.000 EUR Ab­fin­dung und ei­ne or­dent­li­che Kün­di­gung - nach fünf St­un­den Ver­hand­lung bangt nicht nur der Rich­ter Mar­tin Guth, ob Bri­git­te Hei­nisch den müh­sam er­run­ge­nen Ver­gleich an­neh­men wird. "War­um dro­hen Sie mir?", hat sie ihm zu­vor an den Kopf ge­wor­fen. Und spä­ter "Was wol­len Sie denn?" zu den Rechts­ver­tre­tern ih­res al­ten Ar­beit­ge­bers hin­über­ge­ru­fen.

Für vie­le im Ge­richts­saal ist Bri­git­te Hei­nisch nicht ir­gend­wer. Sie hat im Som­mer 2011 vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) Recht be­kom­men (EGMR, Ur­teil vom 21.07.2011, 28274/08, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/175 Ver­pfei­fen / Whist­leb­lo­wing oh­ne Ri­si­ko ei­ner Kün­di­gung?).

Denn in der frist­lo­sen Kün­di­gung sa­hen die Straß­bur­ger Rich­ter ei­ne Ver­let­zung der Mei­nungs­frei­heit. Das Ur­teil zog wei­te Krei­se. Im Klar­text be­deu­te­te es: "Whist­leb­lo­wer", die Skan­da­le in Be­hör­den oder Un­ter­neh­men öf­fent­lich an­pran­gern, dür­fen nicht ein­fach hin­aus­ge­schmis­sen wer­den.

Trotz des Straß­bur­ger Tri­umphs ist es in Ber­lin noch ein­mal ein Tref­fen wie Da­vid ge­gen Go­li­ath. Die frist­lo­se Kün­di­gung ist noch nicht vom Tisch. Auf der ei­nen Sei­te sitzt ein mil­lio­nen­schwe­rer öf­fent­li­cher Ge­sund­heits­kon­zern. Des­sen An­wäl­te sa­gen selbst­si­cher, der EGMR ha­be nicht Miss­stän­de bei Vi­van­tes kri­ti­siert - son­dern das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts.

Auf der an­de­ren Sei­te steht ei­ne Al­ten­pfle­ge­rin mit klei­nem Ein­kom­men, die Sät­ze sagt wie: "Da wur­den Wohn­be­rei­che über St­un­den al­lein­ge­las­sen, ver­ste­hen Sie? Wir re­den hier über Men­schen und nicht über Kür­zel." Ei­ne In­si­de­rin, die be­merkt ha­ben will, wie al­te Men­schen auf 33 Ki­lo ab­ma­gern und von Ja­nu­ar bis April nicht ge­duscht wer­den. Es sind Vor­wür­fe, die so­gar der Rich­ter kom­men­tiert: "Of­fen­bar sind das hier mas­si­ve Pro­ble­me."

Bri­git­te Hei­nisch geht 2004 zum Staats­an­walt und zeigt ih­ren Ar­beit­ge­ber an. Sie nennt es Be­trug. Be­trug am Kun­den Se­ni­or, der für Leis­tun­gen ge­zahlt ha­be, die nicht er­bracht wur­den, weil Pfle­ge­kräf­te sie aus Zeit­not nicht er­brin­gen konn­ten.

Rich­ter Guth will Hei­nisch in die­sem Punkt nicht fol­gen. Er will kon­kre­te Aus­sa­gen über Ab­rech­nungs­be­trug. Das sei et­was an­de­res als pu­rer Pfle­ge­miss­stand. Vol­kes See­le bangt auf den Zu­schau­er­rän­gen mit, es gibt Bei­fall für Hei­nisch und Un­muts­ge­mur­mel für ih­re Geg­ner. Es ist Ber­lin li­ve. Un­ter den Zu­schau­en sitzt Kas­sie­re­rin "Em­me­ly", die 2008 frem­de Pfand­bons für 1,30 EUR ein­ge­löst ha­ben soll und des­halb frist­los ge­feu­ert wur­de. Sie klag­te - und be­kam 2010 in der drit­ten In­stanz Recht. Sie sitzt wie­der an der Kas­se.

Bri­git­te Hei­nisch wirkt wie ei­ne Mi­schung aus Jean­ne d'Arc und ei­ner ver­letz­li­chen Frau, die viel ver­lo­ren hat, ih­ren Job und vor al­lem je­de Men­ge Ner­ven. Sie ist nah am Was­ser ge­baut. Die Ver­hand­lung wird mehr­fach un­ter­bro­chen. Es ist der Rich­ter, der bei­den Par­tei­en im­mer wie­der ein­dring­lich ei­nen Ver­gleich na­he­legt. Der Rechts­streit könn­te sonst über Jah­re wei­ter­ge­hen.

Vi­van­tes hat den Vor­wurf des Be­trugs und auch den Pfle­ge­miss­stand stets de­men­tiert. Der Kon­zern bie­tet 80.000 EUR Ver­gleichs­sum­me, er­höht dann doch noch auf 90.000 brut­to. Ein Durch­bruch kün­digt sich an. Da sagt Kas­sie­re­rin Em­me­ly laut: "Bri­git­te, das ist ein fau­les Ei."

So­gar Hei­nischs An­walt wird starr, die Sit­zung zum fünf­ten Mal un­ter­bro­chen. Am En­de stimmt Hei­nisch doch zu. "Es gibt we­ni­ge Men­schen, die ei­nen sol­chen Kampf durch­hal­ten", sagt An­walt Hop­mann spä­ter. "Das ist be­wun­derns­wert." Der Satz, auf den Bri­git­te Hei­nisch jah­re­lang ge­war­tet hat, fällt bei­na­he ne­ben­bei. "2004 gab es Pro­ble­me. Das be­strei­ten wir nicht", sagt ei­ner der Vi­van­tes-An­wäl­te.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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