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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Zeugnis, Zwangsvollstreckung, Zeugnis: Zwangsvollstreckung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 3 AZB 35/11
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 09.09.2011
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Essen, Beschluss vom 16.03.2011, 6 Ca 1532/10
Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Beschluss vom 10.06.2011, 13 Ta 203/11
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

3 AZB 35/11
13 Ta 203/11
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Düssel­dorf

BESCHLUSS

In Sa­chen

Kläger, Gläubi­ger, Be­schwer­de­geg­ner und Rechts­be­schwer­deführer,

pp.

Be­klag­te, Schuld­ne­rin, Be­schwer­deführe­rin und Rechts­be­schwer­de­geg­ne­rin,

hat der Drit­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts am 9. Sep­tem­ber 2011 be­schlos­sen:

Auf die Rechts­be­schwer­de des Klägers wird der Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 10. Ju­ni 2011 - 13 Ta 203/11 - auf­ge­ho­ben. Die Sa­che wird zur er­neu­ten Ent­schei­dung - auch über die Kos­ten der Rechts­be­schwer­de - an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen.
 


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Gründe


I. Die Par­tei­en strei­ten im Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren über ei­ne Ver­pflich­tung zur Zeug­nis­er­tei­lung.

Im Rah­men ei­nes zu­vor beim Ar­beits­ge­richt Es­sen geführ­ten Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses schlos­sen die Par­tei­en am 4. Au­gust 2010 ei­nen ge­richt­li­chen Ver­gleich, der ne­ben der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zwi­schen den Par­tei­en zum 30. April 2010 auch fol­gen­de Re­ge­lun­gen zu ei­nem von der Be­klag­ten zu er­tei­len­den Zeug­nis enthält:

„Die Be­klag­te er­stellt zu­guns­ten des Klägers ein pflicht-gemäßes qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis über den Ge­samt­zeit­raum der dor­ti­gen Beschäfti­gung des Klägers seit dem Jah­re 1987 ent­spre­chend ei­nem der Be­klag­ten vom Kläger noch vor­zu­le­gen­den Ent­wurf, der in­ner­halb ei­nes an­ge­mes­se­nen Zeit­rau­mes von zwei Wo­chen ab Über­las­sung des Ent­wur­fes auf dem Brief­kopf der Be­klag­ten mit dem Da­tum des 04.05.2010 aus­ge­fer­tigt, von dem Geschäftsführer der Be­klag­ten un­ter­zeich­net und als ord­nungs­gemäßes Zeug­nis an den Kläger zurück­ge­reicht wird.“


Der Kläger/Voll­stre­ckungsgläubi­ger (im Fol­gen­den: Kläger) über­mit­tel­te der Be­klag­ten/Voll­stre­ckungs­schuld­ne­rin (im Fol­gen­den: Be­klag­te) ei­nen Zeug­nis­ent­wurf. Dar­auf er­teil­te die Be­klag­te dem Kläger ein Zeug­nis, das ua. in der Tätig­keits­be­schrei­bung so­wie in der Be­wer­tung von Leis­tung und Ver­hal­ten von dem Ent­wurf des Klägers ab­weicht.


Mit Schrift­satz vom 21. Ja­nu­ar 2011 hat der Kläger be­an­tragt, ge­gen die Be­klag­te zur Er­zwin­gung der im Ver­gleich nie­der­ge­leg­ten Ver­pflich­tung auf Er­tei­lung ei­nes qua­li­fi­zier­ten Zeug­nis­ses ent­spre­chend dem als An­la­ge bei­gefügten Ent­wurf ein Zwangs­geld von bis zu 25.000,00 Eu­ro und für den Fall, dass die­ses nicht bei­ge­trie­ben wer­den kann, er­satz­wei­se Zwangs­haft von bis zu sechs Mo­na­ten fest­zu­set­zen.


Die Be­klag­te hat die Zurück­wei­sung des An­trags be­gehrt, da der In­halt des ver­lang­ten Zeug­nis­ses nicht der Wahr­heit ent­spre­che.
 


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Mit Be­schluss vom 16. März 2011 hat das Ar­beits­ge­richt ge­gen die Be­klag­te ein Zwangs­geld iHv. 500,00 Eu­ro fest­ge­setzt. Ge­gen die­sen der Be­klag­ten am 23. März 2011 zu­ge­stell­ten Be­schluss hat sie am 4. April 2011 so­for­ti­ge Be­schwer­de ein­ge­legt. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat auf die so­for­ti­ge Be­schwer­de den Voll­stre­ckungs­be­schluss des Ar­beits­ge­richts ab­geändert und den Zwangs­voll­stre­ckungs­an­trag zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­be­schwer­de er­strebt der Kläger die Wie­der­her­stel­lung der ar­beits­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung. Die Be­klag­te bit­tet um Zurück­wei­sung der Rechts­be­schwer­de.

II. Die Rechts­be­schwer­de hat Er­folg. 


1. Die Rechts­be­schwer­de ist zulässig, ins­be­son­de­re statt­haft. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat sie im Te­nor sei­nes Be­schlus­ses oh­ne Ein­schränkung zu­ge­las­sen. Der Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 10. Ju­ni 2011 ist dem Kläger am 20. Ju­ni 2011 zu­ge­stellt wor­den. Die Rechts­be­schwer­de nebst Be­gründung ist am 19. Ju­li 2011 und da­mit recht­zei­tig iSv. § 575 Abs. 1 und Abs. 2 ZPO beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen. Die Rechts­be­schwer­de erfüllt auch die wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen des § 575 ZPO.

2. Die Rechts­be­schwer­de ist auch be­gründet. Dem Voll­stre­ckungs­ti­tel man­gelt es - ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts - nicht an ei­ner aus­rei­chen­den Be­stimmt­heit und da­mit ei­nem voll­stre­ckungsfähi­gen In­halt. Ob die Be­klag­te als Voll­stre­ckungs­schuld­ne­rin den Ver­gleich be­reits aus­rei­chend erfüllt (§ 362 Abs. 1 BGB) hat, kann der Se­nat nicht be­ur­tei­len. Dies führt zur Auf­he­bung der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung und zur Zurück­ver­wei­sung der Sa­che an das Lan­des­ar­beits­ge­richt (§ 577 Abs. 4 ZPO).


a) Zu Recht hat der Kläger ei­nen An­trag gem. § 888 ZPO ge­stellt. Bei Nich­ter­tei­lung des Zeug­nis­ses, wie im Pro­zess­ver­gleich ver­ein­bart, han­delt es sich um ei­ne un­ver­tret­ba­re Hand­lung, zu der die Be­klag­te, wenn sie sie nicht vor­nimmt, durch Zwangs­geld und Zwangs­haft an­ge­hal­ten wer­den kann (§ 888 ZPO).
 


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b) Die all­ge­mei­nen Vor­aus­set­zun­gen der Zwangs­voll­stre­ckung lie­gen vor. Der ge­richt­li­che Ver­gleich vom 4. Au­gust 2010 im Rechts­streit - 6 Ca 1532/10 - beim Ar­beits­ge­richt Es­sen stellt ei­nen zur Zwangs­voll­stre­ckung ge­eig­ne­ten Ti­tel (§ 794 Abs. 1 Nr. 1 ZPO) dar. Ei­ne voll­streck­ba­re Aus­fer­ti­gung wur­de dem Kläger als Voll­stre­ckungsgläubi­ger er­teilt (§ 724 Abs. 1 ZPO) und die Zu­stel­lung ist er­folgt (§ 750 Abs. 1 ZPO).

c) Der Pro­zess­ver­gleich vom 4. Au­gust 2010 ist für die Zwangs­voll­stre­ckung hin­rei­chend be­stimmt.

aa) Grund­la­ge der Zwangs­voll­stre­ckung ist der Pro­zess­ver­gleich vom 4. Au­gust 2010. Die­ser ist ein Pro­zess­ver­trag, der ei­ne recht­li­che Dop­pel­na­tur hat. Er ist so­wohl ei­ne Pro­zess­hand­lung, de­ren Wir­kung sich nach den Grundsätzen des Ver­fah­rens­rechts rich­tet, als auch ein pri­vat­recht­li­cher Ver­trag, für den die Re­geln des ma­te­ri­el­len Rechts gel­ten (BGH 19. Mai 1982 - IVb ZR 705/80 - Fam­RZ 1982, 782). In­halt und Um­fang der ma­te­ri­ell-recht­li­chen Ver­ein­ba­rung ei­ner­seits und des pro­zes­sua­len Ver­trags als Voll­stre­ckungs­ti­tel an­de­rer­seits können aus­ein­an­der­fal­len. Während die Par­tei­en durch den Pro­zess­ver­gleich ma­te­ri­ell-recht­lich ge­bun­den sind, so­weit es ih­rem übe­rein­stim­men­den - un­ter Umständen nicht ein­deu­tig nach außen her­vor­ge­tre­te­nen - Wil­len ent­spricht, ist ein Pro­zess­ver­gleich Voll­stre­ckungs­ti­tel iSv. § 794 Abs. 1 Nr. 1 ZPO nur in­so­weit, als er ei­nen aus sich her­aus be­stimm­ten oder zu­min­dest be­stimm­ba­ren In­halt hat (vgl. St­ein/Jo­nas/Münz­berg 22. Aufl. § 794 Rn. 34 ff.; Zöller/Stöber ZPO 28. Aufl. § 794 Rn. 14). Ob und ggf. in wel­chem Um­fang das der Fall ist, ist durch Aus­le­gung zu er­mit­teln. Maßge­bend hierfür ist al­lein der pro­to­kol­lier­te In­halt des Ver­gleichs (St­ein/Jo­nas/Münz­berg vor § 704 Rn. 26 ff.; Zöller/Stöber § 794 Rn. 14a). Für des­sen Aus­le­gung ist nicht in ers­ter Li­nie der übe­rein­stim­men­de Wil­le der Par­tei­en maßge­bend, der den In­halt ei­nes pri­vat­recht­li­chen Ver­trags be­stimmt und für die­sen selbst dann maßge­bend bleibt, wenn die Erklärun­gen der Ver­trags­part­ner ob­jek­tiv ei­ne an­de­re Be­deu­tung ha­ben soll­ten (vgl. BGH 26. April 1978 - VIII ZR 236/76 - zu I 1 b aa der Gründe, BGHZ 71, 243). Viel­mehr ist dar­auf ab­zu­stel­len, wie das hier­zu be­ru­fe­ne Voll­stre­ckungs­or­gan, in ers­ter Li­nie al­so das Voll­stre­ckungs­ge­richt
 


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oder auch ein Be­schwer­de­ge­richt, den In­halt der zu er­zwin­gen­den Leis­tun­gen verständi­ger­wei­se ver­steht und fest­legt (BGH 31. März 1993 - XII ZR 234/91 - zu 1 der Gründe, NJW 1993, 1995; St­ein/Jo­nas/Münz­berg § 794 Rn. 34 ff.; Zöller/Stöber § 794 Rn. 14a). Un­klar­hei­ten über den In­halt der Ver­pflich­tung dürfen nicht aus dem Er­kennt­nis­ver­fah­ren in das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ver­la­gert wer­den. Des­sen Auf­ga­be ist es zu klären, ob der Voll­stre­ckungs­schuld­ner sei­ner fest­ge­leg­ten Ver­pflich­tung nach­ge­kom­men ist, nicht aber, wor­in die­se be­steht (BAG 28. Fe­bru­ar 2003 - 1 AZB 53/02 - zu B II 1 der Grün-de, BA­GE 105, 195).


Bei der Aus­le­gung ist zu­dem zu be­ach­ten, dass für den Schuld­ner aus rechts­staat­li­chen Gründen er­kenn­bar sein muss, in wel­chen Fällen er mit ei­nem Zwangs­mit­tel zu rech­nen hat (vgl. BAG 28. Fe­bru­ar 2003 - 1 AZB 53/02 - zu B II 1 der Gründe, BA­GE 105, 195). An­de­rer­seits er­for­dern das Rechts­staats­prin­zip und das dar­aus fol­gen­de Ge­bot ef­fek­ti­ven Rechts­schut­zes (BVerfG 12. Fe­bru­ar 1992 - 1 BvL 1/89 - zu C I der Gründe, BVerfGE 85, 337), dass ma­te­ri­ell-recht­li­che Ansprüche ef­fek­tiv, auch mit Hil­fe der Zwangs­voll­stre­ckung, durch­ge­setzt wer­den können. Des­halb ist das Voll­stre­ckungs­ge­richt nicht der Not­wen­dig­keit ent­ho­ben, ei­ne mögli­cher­wei­se schwie­ri­ge Klärung der Fra­ge her­bei­zuführen, ob die aus ei­nem Ti­tel fol­gen­de Ver­pflich­tung erfüllt wur­de (vgl. BAG 25. Au­gust 2004 - 1 AZB 41/03 - zu B II 2 c bb der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 23 Nr. 41 = EzA ArbGG 1979 § 78 Nr. 7).

bb) Aus­ge­hend hier­von enthält der Ver­gleich vom 4. Au­gust 2010 ei­nen voll­streck­ba­ren In­halt. Dies er­gibt ei­ne Aus­le­gung des pro­to­kol­lier­ten Pro­zess­ver­gleichs nach den vor­ge­nann­ten Grundsätzen un­ter Be­ach­tung der ge­setz­li­chen Re­ge­lung zum An­spruch auf Er­tei­lung ei­nes Zeug­nis­ses nach § 109 Ge­wO.


(1) Der ge­setz­lich ge­schul­de­te In­halt des Zeug­nis­ses be­stimmt sich nach den mit ihm ver­folg­ten Zwe­cken (BAG 10. Mai 2005 - 9 AZR 261/04 - zu II 2 a der Gründe, BA­GE 114, 320; 14. Ok­to­ber 2003 - 9 AZR 12/03 - zu III 2 der Gründe, BA­GE 108, 86). Ein Zeug­nis ist re­gelmäßig Be­wer­bungs­un­ter­la­ge und da­mit gleich­zei­tig Ent­schei­dungs­grund­la­ge für die Per­so­nal­aus­wahl künf­ti­ger
 


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Ar­beit­ge­ber. Des­halb hat es Aus­wir­kun­gen auf das be­ruf­li­che Fort­kom­men des Ar­beit­neh­mers (vgl. BT-Drucks. 14/8796 S. 25). Dem Ar­beit­neh­mer gibt es zu­gleich Auf­schluss darüber, wie der Ar­beit­ge­ber sei­ne Leis­tun­gen be­ur­teilt (BAG 14. Ok­to­ber 2003 - 9 AZR 12/03 - aaO; 8. Fe­bru­ar 1972 - 1 AZR 189/71 - BA­GE 24, 112). Vom Ar­beit­ge­ber wird da­bei ver­langt, dass er den Ar­beit­neh­mer auf der Grund­la­ge von Tat­sa­chen be­ur­teilt und, so­weit das möglich ist, ein ob­jek­ti­ves Bild über den Ver­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­mit­telt (BAG 20. Fe­bru­ar 2001 - 9 AZR 44/00 - zu B I 2 a der Gründe, BA­GE 97, 57). Dar­aus er­ge­ben sich die Ge­bo­te der Zeug­nis­wahr­heit und der Zeug­nis­klar­heit.


Der Grund­satz der Zeug­nis­wahr­heit er­streckt sich auf al­le we­sent­li­chen Tat­sa­chen, die für die Ge­samt­be­ur­tei­lung des Ar­beit­neh­mers von Be­deu­tung sind und an de­ren Kennt­nis ein künf­ti­ger Ar­beit­ge­ber ein be­rech­tig­tes und verständi­ges In­ter­es­se ha­ben kann. Die Tätig­kei­ten des Ar­beit­neh­mers sind so vollständig und ge­nau zu be­schrei­ben, dass sich ein künf­ti­ger Ar­beit­ge­ber ein kla­res Bild ma­chen kann (BAG 10. Mai 2005 - 9 AZR 261/04 - zu II 2 b der Gründe, BA­GE 114, 320). Das Ge­bot der Zeug­nis­klar­heit ist nach § 109 Abs. 2 Ge­wO in sei­ner ab 1. Ja­nu­ar 2003 gel­ten­den Fas­sung ge­setz­lich nor­miert. Da­nach muss das Zeug­nis klar und verständ­lich for­mu­liert sein. Es darf kei­ne For­mu­lie­run­gen ent­hal­ten, die den Zweck ha­ben, ei­ne an­de­re als aus der äußeren Form oder aus dem Wort­laut er­sicht­li­che Aus­sa­ge über den Ar­beit­neh­mer zu tref­fen. Ab­zu­stel­len ist auf den ob­jek­ti­ven Empfänger­ho­ri­zont des Le­sers des Zeug­nis­ses. Es kommt nicht dar­auf an, wel­che Vor­stel­lun­gen der Zeug­nis­ver­fas­ser mit sei­ner Wort­wahl ver­bin­det (BAG 21. Ju­ni 2005 - 9 AZR 352/04 - zu II 2 der Gründe, BA­GE 115, 130).


In die­sem Rah­men ist der Ar­beit­ge­ber grundsätz­lich in der For­mu­lie­rung frei, so­lan­ge das Zeug­nis nichts Fal­sches enthält (so schon BAG 29. Ju­li 1971 - 2 AZR 250/70 - zu II der Gründe, AP BGB § 630 Nr. 6). Der Ar­beit­ge­ber ent­schei­det des­halb auch darüber, wel­che po­si­ti­ven oder ne­ga­ti­ven Leis­tun­gen er stärker her­vor­he­ben will als an­de­re (BAG 23. Sep­tem­ber 1992 - 5 AZR 573/91 - zu II der Gründe, EzA BGB § 630 Nr. 16). Maßstab ist der ei­nes wohl­wol­len­den verständi­gen Ar­beit­ge­bers (BAG 12. Au­gust 2008 - 9 AZR 632/07 - Rn. 19, BA­GE 127, 232).


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(2) In dem Pro­zess­ver­gleich vom 4. Au­gust 2010 ha­ben die Par­tei­en zunächst die Ver­pflich­tung der Be­klag­ten fest­ge­legt, dem Kläger ein pflicht­gemäßes qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis über den Ge­samt­zeit­raum der Beschäfti­gung des Klägers seit dem Jahr 1987 bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit Ab­lauf des 30. April 2010 zu er­tei­len. Da­mit ha­ben die Par­tei­en fest­ge­legt, auf wel­chen Zeit­raum des Ar­beits­verhält­nis­ses sich das Zeug­nis zu be­zie­hen hat. In­so­weit ha­ben die Par­tei­en ver­ein­bart, dass die­ser Zeit­raum auch die von 1987 bis 1990 dau­ern­de Be­rufs­aus­bil­dung zu um­fas­sen hat. Durch die For­mu­lie­rung „qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis“ stel­len die Par­tei­en er­kenn­bar den Be­zug zur ge­setz­li­chen Re­ge­lung in § 109 Ge­wO her. Die zusätz­li­che Einfügung des Wor­tes „pflicht­gemäß“ ist eben­falls als Be­zug­nah­me auf die ge­setz­li­che Re­ge­lung des § 109 Ge­wO zu ver­ste­hen. Mit der Wen­dung „ent­spre­chend ei­nem der Be­klag­ten vom Kläger noch vor­zu­le­gen­den Ent­wurf“ ha­ben die Par­tei­en je­doch ei­ne we­sent­li­che Ab­wei­chung von den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen zum Zeug­nis­an­spruch nach § 109 Ge­wO ver­ein­bart. Die Par­tei­en ha­ben da­mit die For­mu­lie­rungs­ho­heit der Be­klag­ten als vor­ma­li­ger Ar­beit­ge­be­rin maßgeb­lich ein­ge­schränkt, in­dem sie die For­mu­lie­rungs­ho­heit auf den Kläger über­tra­gen ha­ben. Es liegt da­mit beim Kläger darüber zu ent­schei­den, wel­che po­si­ti­ven oder ne­ga­ti­ven Leis­tun­gen er stärker her­vor­he­ben will. Al­ler­dings muss auch die vom Kläger vor­zu­schla­gen­de For­mu­lie­rung des Zeug­nis­ses die Gren­ze der Zeug­nis­wahr­heit und Zeug­nis­klar­heit berück­sich­ti­gen (vgl. BAG 12. Au­gust 2008 - 9 AZR 632/07 - Rn. 20 ff., BA­GE 127, 232), wie es die Par­tei­en im Ver­gleich auch ver­ein­bart ha­ben.


Wei­ter sind die Par­tei­en in dem Pro­zess­ver­gleich überein­ge­kom­men, dass der Be­klag­ten ab dem Zeit­punkt der Über­las­sung des Ent­wurfs zwei Wo­chen ver­blei­ben soll­ten, um den Ent­wurf des Klägers auf Brief­pa­pier der Be­klag­ten un­ter dem Aus­stel­lungs­da­tum des 4. Mai 2010 aus­zu­fer­ti­gen und vom Geschäftsführer der Be­klag­ten un­ter­zeich­net an den Kläger als ord­nungs­gemäßes Zeug­nis zurück­zu­rei­chen. Da­mit ha­ben die Par­tei­en zunächst ei­ne Zeit­dau­er für die Um­set­zung des Ent­wurfs und Aus­fer­ti­gung des Zeug­nis­ses un­ter dem ver­ein­bar­ten Aus­stel­lungs­da­tum ge­re­gelt und die Pflicht zur Un­ter­zeich­nung des Zeug­nis­ses durch den Geschäftsführer aus­drück­lich auf­ge­nom-


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men. Die For­mu­lie­run­gen „als ord­nungs­gemäßes Zeug­nis an den Kläger zurück­ge­reicht“ stellt auch klar, dass das dann er­stell­te Zeug­nis in op­tisch ein­wand­frei­er Form dem Kläger zu über­las­sen ist.


Mit die­sen Re­ge­lun­gen ver­pflich­tet der Pro­zess­ver­gleich die Be­klag­te ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers nicht, sei­nen Vor­schlag un­ge­prüft und oh­ne je­de Ände­rung zu über­neh­men. Viel­mehr ist die Be­klag­te ge­hal­ten, ein „pflicht­gemäßes qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis“ zu er­tei­len und das Zeug­nis „ent­spre­chend ei­nem der Be­klag­ten vom Kläger vor­zu­le­gen­den Ent­wurf“ auf dem Brief­kopf der Be­klag­ten mit dem Da­tum des 4. Mai 2010 aus­zu­fer­ti­gen. Dies schließt ei­ne ein­schränkungs­lo­se Ver­pflich­tung zur un­ge­prüften und un­abänder­li­chen Über­nah­me des Ent­wurfs aus. Die Be­klag­te kann viel­mehr prüfen, ob der vor­ge­leg­te Ent­wurf ei­nem „pflicht­gemäßen“ qua­li­fi­zier­ten Zeug­nis, dh. ei­nem un­ter Be­ach­tung der in § 109 Ge­wO be­stimm­ten Grundsätze er­stell­ten Zeug­nis, ent­spricht. Die Ver­pflich­tung zur Er­stel­lung ei­nes dem Ent­wurf „ent­spre­chen­den“ Zeug­nis­ses ermöglicht es der Be­klag­ten, den Ent­wurf ggf. an die Vor­ga­ben des § 109 Ge­wO an­zu­pas­sen.


d) Der Se­nat kann nicht nach § 577 Abs. 5 Satz 1 ZPO in der Sa­che selbst ent­schei­den. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat we­der den Text des Zeug­nis­ent­wurfs des Klägers noch den­je­ni­gen des von der Be­klag­ten bis­lang er­teil­ten Zeug­nis­ses fest­ge­stellt. Die­se Un­ter­la­gen wur­den zwar aus­weis­lich des Ein­gangs­stem­pels wohl mit dem Zwangs­geld­an­trag vom 21. Ja­nu­ar 2011 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­reicht. Sie be­fin­den sich je­doch nicht (mehr) bei den Ak­ten. Die Sa­che ist da­her an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen.

e) Im Rah­men der neu­en Ent­schei­dung wird das Be­schwer­de­ge­richt zu prüfen ha­ben, ob der Kläger der Be­klag­ten ei­nen Zeug­nis­ent­wurf vor­ge­legt hat und ob die Be­klag­te ein die­sem Ent­wurf ent­spre­chen­des pflicht­gemäßes qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis er­teilt hat. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat des­halb im Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren zu klären, ob das von der Be­klag­ten er­teil­te Zeug­nis dem ein­ge­reich­ten Ent­wurf „ent­spricht“. Dies er­for­dert nicht, dass der Zeug­nis­ent­wurf Wort für Wort über­nom­men wor­den ist. So ist die Be­klag­te ins­be­son­de­re nicht ver­pflich­tet, Gram­ma­tik-, Recht­schreib- oder Zei­chen­set­zungs­feh­ler zu
 


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über­neh­men. Das Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren kann auch nicht da­zu führen, dass die Be­klag­te ein Zeug­nis er­tei­len muss, das ge­gen den Grund­satz der Zeug­nis­wahr­heit verstößt. Bis zu die­ser Gren­ze ist die Be­klag­te aber im Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren nach § 888 ZPO an­zu­hal­ten, ein dem Ent­wurf des Klägers ent­spre­chen­des Zeug­nis zu er­tei­len. Al­ler­dings ist das Zwangs­voll-stre­ckungs­ver­fah­ren nicht ge­eig­net, die im Ver­gleich of­fen­ge­las­se­ne Fra­ge des Zeug­nis­in­hal­tes ab­sch­ließend zu klären. Ob das vom Kläger be­gehr­te Zeug­nis dem Grund­satz der Zeug­nis­wahr­heit ent­spricht, kann im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren nicht geklärt wer­den. Sind Umstände nach­voll­zieh­bar vor­ge­tra­gen, die er­ge­ben, dass das ver­lang­te Zeug­nis nicht der Wahr­heit ent­spricht und ge­langt das Be­schwer­de­ge­richt zur Auf­fas­sung, dass die Be­klag­te un­ter Berück­sich­ti­gung der vor­ge­tra­ge­nen Umstände mit dem er­teil­ten Zeug­nis den ti­tu­lier­ten An­spruch erfüllt hat, hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt den Zwangs­geld­an­trag zurück­zu­wei­sen. Dem Kläger bleibt dann nur die Möglich­keit, ei­ne Zeug­nis­be­rich­ti­gung im We­ge ei­nes neu­en Er­kennt­nis­ver­fah­rens zu ver­lan­gen.

III. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird auch über die Kos­ten der Rechts­be­schwer­de zu ent­schei­den ha­ben.

Gräfl 

Zwan­zi­ger 

Spin­ner

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