HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

BAG, Ur­teil vom 11.10.2017, 5 AZR 621/16

   
Schlagworte: Mindestlohn: Anwesenheitsprämie, Mindestlohn: Anrechnung von Lohnbestandteilen, Gratifikation
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 5 AZR 621/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 11.10.2017
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Bremen-Bremerhaven, Urteil vom 05.11.2015, 9 Ca 9117/15
Landesarbeitsgericht Bremen, Urteil vom 10.08.2016, 3 Sa 8/16
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

5 AZR 621/16
3 Sa 8/16
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Bre­men

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
11. Ok­to­ber 2017

UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläge­rin, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Fünf­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 11. Ok­to­ber 2017 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Koch, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Biebl, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Volk so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Bor­mann und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Zorn für Recht er­kannt:

 

- 2 - 

1. Auf die Re­vi­si­on der Kläge­rin wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Bre­men vom 10. Au­gust 2016 - 3 Sa 8/16 - auf­ge­ho­ben.

2. Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Bre­men-Bre­mer­ha­ven vom 5. No­vem­ber 2015 - 9 Ca 9117/15 - wird zurück­ge­wie­sen mit der Maßga­be, dass die in Ziff. 1 aus­ge­ur­teil­ten Zin­sen seit dem 7. Mai 2015 und die in Ziff. 2 aus­ge­ur­teil­ten Zin­sen seit dem 3. Sep­tem­ber 2015 zu zah­len sind.

3. Die Be­klag­te hat die Kos­ten der Be­ru­fung und der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Zah­lung ei­ner (rest­li­chen) An­we­sen­heits­prämie und da­bei ins­be­son­de­re darüber, ob die Be­klag­te den An­spruch erfüllt hat.

Die Kläge­rin ist bei der Be­klag­ten seit dem 19. Mai 1999 auf der Ba­sis ei­ner ge­ringfügi­gen Beschäfti­gung tätig. Bis De­zem­ber 2014 er­hielt sie ei­nen St­un­den­lohn von 6,36 Eu­ro brut­to so­wie ei­ne An­we­sen­heits­prämie. Die­se geht zurück auf ein an ih­re Be­leg­schaft ge­rich­te­tes Schrei­ben der Be­klag­ten aus dem Mai 1996, in dem es heißt:

„Lie­be Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter,
die Geschäfts­lei­tung be­ab­sich­tigt ab 01.01.1996 rück­wir­kend ei­ne Prämie ein­zuführen, die die Jah­res­prämie er­setzt.
Die An­we­sen­heits­prämie stellt sich wie folgt dar:
Je­de/r Mit­ar­bei­ter/in (oh­ne s. Punkt „Aus­nah­men“) erhält
pro Mo­nat ei­ne Prämie von DM 100,00.
Vor­aus­set­zung: Je­den Ar­beits­tag an­we­send sein.
Bei 1 - 3 Krank­heits­ta­gen re­du­ziert sich die Prämie auf

 

- 3 - 

DM 25,00.
Bei mehr als 3 Ta­gen Krank­heit entfällt die Prämie.
Wei­ter­hin gibt es noch ei­ne zusätz­li­che Quar­tals­prämie von DM 100,00.
Vor­aus­set­zung: Al­le 3 Mo­na­te je­den Ar­beits­tag an­we­send sein.
Bei be­reits ei­nem Krank­heits­tag in dem Quar­tal entfällt die­se Prämie.“

In ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 12./20. April 2007 (BV 2007) ver­ein­bar­ten die Be­klag­te und der in ih­rem Be­trieb er­rich­te­te Be­triebs­rat un­ter B. V.:

„Die be­ste­hen­den Re­ge­lun­gen zur Gewährung ei­ner An­we­sen­heits­prämie (Mo­nats- so­wie Quar­tals­prämie) blei­ben be­ste­hen.“

Am 31. Ok­to­ber 2014 schlos­sen die Par­tei­en ei­nen „Nach­trag III zum An­stel­lungs­ver­trag vom 19.05.1999 für ei­ne ge­ringfügig ent­lohn­te Beschäfti­gung (450 €-Kräfte)“ (AV 2014), in dem es ua. heißt:

„Zu § 3 Ar­beits­zeit und Vergütung
Der Mit­ar­bei­ter ar­bei­tet max. 40 Zeit­stun­den pro Mo­nat, zur­zeit zwei Ta­ge/Wo­che, Mon­tag und Don­ners­tag.
Die Vergütung beträgt bis zum 31.12.2014 EUR 6,36 brut­to pro Zeit­stun­de. Ab dem 01.01.2015 beträgt die Vergütung in An­leh­nung an das Min­dest­l­ohn­ge­setz EUR 8,50 brut­to pro Zeit­stun­de. Soll­te sich der Min­dest­lohn je Zeit­stun­de per Ge­setz erhöhen, so be­darf es kei­nem Nach­trag und er­setzt au­to­ma­tisch den Vor­he­ri­gen.“

Ab Fe­bru­ar 2015 zahl­te die Be­klag­te der Kläge­rin für ge­leis­te­te Ar­beits­stun­den 8,50 Eu­ro brut­to. In den Lohn­ab­rech­nun­gen für Fe­bru­ar und März 2015 ist un­ter Lohn­art 090 und der Be­zeich­nung „Min­dest­lohn“, in de­nen ab April 2015 un­ter Lohn­art 041 und der Be­zeich­nung „Pau­schal­lohn (Std.)“ der sich aus der Mul­ti­pli­ka­ti­on der Ar­beits­stun­den mit dem Fak­tor 8,50 er­ge­ben­de Be­trag er­rech­net und un­ter Lohn­art 091 und der Be­zeich­nung „*da­von Anw.prämie“ ein be­stimm­ter Eu­ro­be­trag fest­ge­hal­ten. Für Fe­bru­ar 2015 sind

 

- 4 - 

dies 13,08 Eu­ro brut­to, für März 2015 11,94 Eu­ro brut­to, für April 2015 24,02 Eu­ro brut­to und für Mai 2015 11,59 Eu­ro brut­to.

Mit ih­rer Kla­ge hat die Kläge­rin zu­letzt noch die in den Lohn­ab­rech­nun­gen als „*da­von Anw.prämie“ ge­kenn­zeich­ne­ten Beträge ge­for­dert und gel­tend ge­macht, ihr ste­he die An­we­sen­heits­prämie un­ge­schmälert ne­ben dem Min­dest­lohn zu.

Die Kläge­rin hat sinn­gemäß be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie 60,63 Eu­ro brut­to nebst Pro­zess­zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus 13,08 Eu­ro und wei­te­ren 47,55 Eu­ro seit der je­wei­li­gen Rechtshängig­keit zu zah­len.

Die Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt und gel­tend ge­macht, sie ha­be die An­we­sen­heits­prämie (teil­wei­se) auf den Min­dest­lohn an­rech­nen dürfen.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit der Re­vi­si­on be­gehrt die Kläge­rin die Wie­der­her­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ist im We­sent­li­chen be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu Un­recht der Be­ru­fung der Be­klag­ten ent­spro­chen. Die Kla­ge ist zulässig und be­gründet, das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts be­darf nur in der Zins­ent­schei­dung ei­ner ge­ringfügi­gen Kor­rek­tur.

I. Die Kla­ge ist zulässig, ins­be­son­de­re liegt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten kei­ne in der Re­vi­si­ons­in­stanz grundsätz­lich un­zulässi­ge Kla­geände­rung (da­zu BAG 27. April 2017 - 6 AZR 119/16 - Rn. 55) vor.

 

- 5 - 

1. Streit­ge­gen­stand war schon in den Vor­in­stan­zen nach Kla­ge­an­trag und Kla­ge­grund primär die Zah­lung der (rest­li­chen) An­we­sen­heits­prämie für den Streit­zeit­raum. Den be­zif­fer­ten Kla­ge­an­trag hat die Kläge­rin aus den in den Lohn­ab­rech­nun­gen der Be­klag­ten mit „*da­von Anw.prämie“ fest­ge­hal­ten Eu­ro­beträgen er­rech­net. Ihr Zah­lungs­ver­lan­gen stützt sie dar­auf, die An­we­sen­heits­prämie sei in vol­ler Höhe zusätz­lich zu dem im AV 2014 ver­ein­bar­ten St­un­den­lohn zu zah­len. Da­von sind auch bei­de Vor­in­stan­zen - al­ler­dings oh­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Streit­ge­gen­stand - aus­ge­gan­gen.

2. Le­dig­lich hilfs­wei­se für den Fall, dass die Kläge­rin mit ih­rem Be­gehr nicht durch­dringt, weil das Ge­richt in der Be­zeich­nung „*da­von Anw.prämie“ ei­ne wirk­sa­me Til­gungs­be­stim­mung sieht und ein Erlöschen des An­spruchs
durch Erfüllung (§ 362 Abs. 1 BGB) an­nimmt, stützt sie ihr Kla­ge­be­geh­ren auf das Min­dest­l­ohn­ge­setz iVm. § 3 Abs. 2 AV 2014.

3. Pro­zes­su­al ist der An­trag der Kläge­rin da­her aus­zu­le­gen als Haupt­an­trag auf Zah­lung von 60,63 Eu­ro brut­to als rest­li­che An­we­sen­heits­prämie für den streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum, ver­bun­den mit ei­nem Hilfs­an­trag auf Zah­lung des­sel­ben Be­trags als rest­li­chen Min­dest­lohn.

II. Die Kla­ge ist be­reits mit dem Haupt­an­trag be­gründet.

1. Die Kläge­rin hat nach B. V. BV 2007 An­spruch auf ei­ne An­we­sen­heits­prämie, die sich nach den Be­din­gun­gen des als Ge­samt­zu­sa­ge (zu de­ren Vor­aus­set­zun­gen vgl. BAG 22. März 2017 - 5 AZR 424/16 - Rn. 13 mwN) zu wer­ten­den Schrei­bens der Be­klag­ten aus Mai 1996 er­rech­net und des­sen Höhe für den streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum ins­ge­samt dem ein­ge­klag­ten Be­trag ent­spricht.

2. Die Be­klag­te hat den An­spruch der Kläge­rin auf An­we­sen­heits­prämie nicht durch „An­rech­nung“ erfüllt.

a) Im An­satz zu­tref­fend geht die Be­klag­te da­von aus, dass ei­ne vom Ar­beit­ge­ber gewähr­te Son­der­zah­lung der­ge­stalt min­dest­lohn­wirk­sam sein kann,

 

- 6 - 

dass sie den An­spruch auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn (mit-)erfüllt (vgl. BAG 24. Mai 2017 - 5 AZR 431/16 - Rn. 15 ff.).

aa) Weil der Min­dest­lohn nach § 1 Abs. 2 Satz 1 Mi­LoG „je Zeit­stun­de“ fest­ge­setzt ist und das Ge­setz den An­spruch nicht von der zeit­li­chen La­ge der Ar­beit oder den mit der Ar­beits­leis­tung ver­bun­de­nen Umständen oder Er­fol­gen abhängig macht, sind min­dest­lohn­wirk­sam al­le im ar­beits­ver­trag­li­chen Aus­tausch­verhält­nis er­brach­ten Ent­gelt­zah­lun­gen mit Aus­nah­me der Zah­lun­gen, die der Ar­beit­ge­ber oh­ne Rück­sicht auf ei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung des Ar­beit­neh­mers er­bringt oder die auf ei­ner be­son­de­ren ge­setz­li­chen Zweck­be­stim­mung be­ru­hen (BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 30 ff., BA­GE 155, 202; 21. De­zem­ber 2016 - 5 AZR 374/16 - Rn. 23 f., BA­GE 157, 356; zum Streit­stand zwi­schen „Ent­gelt­theo­rie“ und „Nor­mal­leis­tungs­theo­rie“ im Schrift­tum vgl. nur - je­weils mwN - Rie­chert/Nim­mer­jahn Min­dest­l­ohn­ge­setz 2. Aufl. § 1 Rn. 106 ff.; MüKoBGB/Müller-Glöge 7. Aufl. § 1 Mi­LoG Rn. 22 f.).

bb) Da­nach kann ei­ne An­we­sen­heits­prämie wie die streit­ge­genständ­li­che min­dest­lohn­wirk­sam sein. Die­se gewährt die Be­klag­te nicht nur für die bloße An­we­sen­heit im Be­trieb, son­dern - wie die Staf­fe­lung nach Krank­heits­ta­gen be­legt - dafür, dass die Beschäftig­ten ei­ne Ar­beits­leis­tung er­brin­gen. Die Prämie soll ei­nen fi­nan­zi­el­len An­reiz ge­ben, auch bei (ge­ringfügi­gen) ge­sund­heit­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen zu ar­bei­ten und sich nicht krank­schrei­ben zu las­sen.

b) Doch setzt die „An­rech­nung“ von Son­der­zah­lun­gen auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn vor­aus, dass die für ei­ne ge­leis­te­te Ar­beits­stun­de ver­trag­lich ver­ein­bar­te Grund­vergütung nicht aus­reicht, den An­spruch auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn zu erfüllen. Nur in die­sem Fal­le ent­steht nach § 3 Mi­LoG ein Dif­fe­renz­an­spruch (zu die­sem BAG 21. De­zem­ber 2016 - 5 AZR 374/16 - Rn. 16 mwN, BA­GE 157, 356), der mit min­dest­lohn­wirk­sa­men Son­der­zah­lun­gen erfüllt wer­den kann. Ist in­des die ver­trag­lich oder nor­ma­tiv ge­schul­de­te Grund­vergütung min­des­tens so hoch wie der ge­setz­li­che Min­dest­lohn, bleibt für die „An­rech­nung“ ei­ner Son­der­zah­lung auf die­sen kein Raum. Die Son­der­zah­lung ist in die­sem Fall ne­ben der Grund­vergütung zu zah­len.

 

- 7 - 

c) Im Streit­fall beträgt nach § 3 Abs. 2 AV 2014 der ar­beits­ver­trag­lich ge­schul­de­te St­un­den­lohn ab dem 1. Ja­nu­ar 2015 8,50 Eu­ro brut­to und ent­spricht da­mit in der Höhe dem ge­setz­li­chen Min­dest­lohn. Weil kein Dif­fe­renz­an­spruch be­steht, schei­det ei­ne „An­rech­nung“ der An­we­sen­heits­prämie auf die­sen aus.

d) Die Be­klag­te war auch nicht auf­grund der ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen be­rech­tigt, die An­we­sen­heits­prämie mit der Grund­vergütung zu „ver­rech­nen“. Die An­we­sen­heits­prämie stellt ei­nen selbständi­gen Ent­gelt­be­stand­teil dar, der von der Be­klag­ten ne­ben der ver­trag­li­chen Grund­vergütung zu zah­len ist.

aa) Ei­ne aus­drück­li­che Ver­ein­ba­rung über die Ver­rech­nung der An­we­sen­heits­prämie mit der im AV 2014 ent­hal­te­nen St­un­den­vergütung ha­ben die Par­tei­en nicht ge­trof­fen.

bb) § 3 Abs. 2 AV 2014 ist auch nicht da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass die Be­klag­te zu ei­ner „Ver­rech­nung“ der An­we­sen­heits­prämie mit der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten St­un­den­vergütung be­rech­tigt ist.

(1) Bei den Klau­seln des AV 2014 han­delt es sich schon nach dem äußeren Er­schei­nungs­bild um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen (§ 305 Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 BGB). Die­se sind - aus­ge­hend vom Ver­trags­wort­laut - nach ih­rem ob­jek­ti­ven In­halt und ty­pi­schen Sinn ein­heit­lich so aus­zu­le­gen, wie sie von rechts­un­kun­di­gen, verständi­gen und red­li­chen Ver­trags­part­nern un­ter Abwägung der In­ter­es­sen der nor­ma­ler­wei­se be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ver­stan­den wer­den, wo­bei die Verständ­nismöglich­kei­ten des durch­schnitt­li­chen Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders zu­grun­de zu le­gen sind (st. Rspr., zB BAG 26. Ok­to­ber 2016 - 5 AZR 456/15 - Rn. 18, BA­GE 157, 97). Weil die Aus­le­gung der un­ein­ge­schränk­ten Über­prüfung durch das Re­vi­si­ons­ge­richt un­ter­liegt, kann die­ses - wie vor­lie­gend - bei un­ter­blie­be­ner Aus­le­gung durch das Be­ru­fungs­ge­richt die Aus­le­gung selbst vor­neh­men.

(2) Zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses des AV 2014 er­hiel­ten bei der Be­klag­ten ge­ringfügig Beschäftig­te („450 €-Kräfte“) ei­nen ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Brut­to­stun­den­lohn und ei­ne auf ei­ne Ge­samt­zu­sa­ge zurück­ge­hen­de, durch Be-

 

- 8 - 

triebs­ver­ein­ba­rung „ab­ge­si­cher­te“ An­we­sen­heits­prämie. Nach dem Wort­laut des § 3 Abs. 2 AV 2014 soll der bis­he­ri­ge ver­trag­li­che Brut­to­stun­den­lohn von 6,36 Eu­ro ab dem 1. Ja­nu­ar 2015 „in An­leh­nung an das Min­dest­l­ohn­ge­setz“ auf 8,50 Eu­ro an­ge­ho­ben und zukünf­tig bei Erhöhun­gen des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns ent­spre­chend an­ge­passt wer­den. Dass die außer­halb des Ar­beits­ver­trags ge­re­gel­te An­we­sen­heits­prämie durch die ab dem Jah­res­be­ginn 2015 wirk­sam wer­den­de Loh­nerhöhung in ir­gend­ei­ner Wei­se be­trof­fen sein soll, lässt sich dem Wort­laut der Klau­sel nicht ent­neh­men.

(3) Ein durch­schnitt­li­cher, rechts­un­kun­di­ger und bei der Be­klag­ten ge­ringfügig beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer kann und darf die Klau­sel so ver­ste­hen, dass sein Ar­beit­ge­ber ab 1. Ja­nu­ar 2015 - ge­zwun­gen durch das Min­dest­l­ohn­ge­setz - den ar­beits­ver­trag­li­chen Brut­to­stun­den­lohn auf das je­wei­li­ge „ge­setz­li­che Ni­veau“ an­hebt, außer­halb der Klau­sel an­ge­sie­del­te Leis­tun­gen, die zu­dem mit dem Be­triebs­rat ver­ein­bart wor­den sind, aber un­verändert wei­ter­gewährt wer­den. Wäre dies nicht ge­wollt ge­we­sen, hätte ein red­li­cher Klau­sel­ver­wen­der klar­ge­stellt, dass die Erhöhung des ver­trag­li­chen St­un­den­lohns mit ei­ner Ver­rech­nung der An­we­sen­heits­prämie ein­her­ge­hen wird bzw. er sich ei­ne An­rech­nung der An­we­sen­heits­prämie auf die Loh­nerhöhung vor­behält (ähn­lich zur An­rech­nung ei­ner Ta­rif­loh­nerhöhung auf ei­ne über­ta­rif­li­che Vergütung: BAG 23. Sep­tem­ber 2009 - 5 AZR 973/08 - Rn. 21 mwN; 3. Sep­tem­ber 2014 - 5 AZR 109/13 - Rn. 12, BA­GE 149, 78).

3. Die Be­klag­te hat den An­spruch der Kläge­rin auf An­we­sen­heits­prämie auch nicht durch Zah­lung erfüllt.

Sie hat der Kläge­rin für die streit­ge­genständ­li­chen Mo­na­te für ge­leis­te­te Ar­beit je­weils den in § 3 Abs. 2 AV 2014 ver­ein­bar­ten ver­trag­li­chen St­un­den­lohn ge­zahlt. Das be­legt die auch in der vor­ge­nann­ten Klau­sel ver­wand­te Be­zeich­nung „Min­dest­lohn“ in den Lohn­ab­rech­nun­gen. Mit die­sen Zah­lun­gen soll­te zwar - wie der Hin­weis „*da­von Anw.prämie“ zeigt - zu­gleich der An­spruch der Kläge­rin auf die An­we­sen­heits­prämie ge­tilgt wer­den. Dafür reich­te in­des der gewähr­te Be­trag nicht aus. Die mit den Lohn­ab­rech­nun­gen ge­trof­fe­ne Til­gungs­be­stim­mung (§ 366 Abs. 1 BGB) ist da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass mit

 

- 9 - 

dem Ge­zahl­ten je­den­falls und zu­erst der An­spruch der Kläge­rin aus § 3 Abs. 2 AV 2014 erfüllt wer­den soll­te (zur Aus­le­gung ei­ner Til­gungs­be­stim­mung BAG 10. Ju­li 2013 - 10 AZR 777/12 - Rn. 22 f.), zu­mal die Be­klag­te den An­spruch der Kläge­rin auf An­we­sen­heits­prämie nicht durch ei­ne ei­genständi­ge Zah­lung, son­dern nur durch ei­ne „An­rech­nung“ mit­erfüllen woll­te.

4. Die Kla­ge­for­de­rung ist nicht, auch nicht teil­wei­se, nach der zwei­stu­fi­gen ar­beits­ver­trag­li­chen Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung (§ 14 AV 2014) ver­fal­len.

Un­abhängig von der im Schrift­tum kon­tro­vers dis­ku­tier­ten, vom Se­nat noch nicht ent­schie­de­nen Fra­ge, ob ei­ne Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung, die den An­spruch auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn nicht aus­nimmt, ins­ge­samt oder nur hin­sicht­lich des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns („in­so­weit“) un­wirk­sam ist (zum Streit­stand im Schrift­tum sh. zu­letzt Sa­gan RdA 2017, 264; zu ar­beits­ver­trag­li­chen Aus­schluss­fris­ten bei ei­nem ent­sen­de­recht­li­chen Min­des­tent­gelt BAG 24. Au­gust 2016 - 5 AZR 703/15 - BA­GE 156, 150), ist die Klau­sel je­den­falls nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­wirk­sam. Die Ver­ein­ba­rung ei­ner Zwei-Mo­nats-Frist auf bei­den Stu­fen be­nach­tei­ligt die Kläge­rin ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen (vgl. BAG 25. Mai 2005 - 5 AZR 572/04 - BA­GE 115, 19; 28. Sep­tem­ber 2005 - 5 AZR 52/05 - BA­GE 116, 66, seit­her st. Rspr.).

5. Der An­spruch der Kläge­rin auf Pro­zess­zin­sen folgt aus §§ 291, 288 Abs. 1 Satz 2 BGB. Rechtshängig­keit ist je­weils mit Zu­stel­lung der Kla­ge­er­wei­te­run­gen ein­ge­tre­ten, § 261 Abs. 2 ZPO. Erst ab dem Tag da­nach be­ginnt für die je­weils anhängig ge­mach­ten Beträge die Ver­zin­sung (vgl. BAG 19. Au­gust 2015 - 5 AZR 1000/13 - Rn. 30, BA­GE 152, 221). In­so­weit ist die Zins­ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts zu kor­ri­gie­ren.

 

- 10 - 

III. Die Be­klag­te hat nach § 91 Abs. 1 ZPO die Kos­ten der Be­ru­fung und der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Koch
Biebl
Volk
Zorn
Bor­mann

Weitere Auskünfte erteilen Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Kontakt:
030 / 26 39 620
hensche@hensche.de
Christoph Hildebrandt
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Kontakt:
030 / 26 39 620
hildebrandt@hensche.de
Nina Wesemann
Rechtsanwältin
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Kontakt:
040 / 69 20 68 04
wesemann@hensche.de

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 5 AZR 621/16