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Sitz­ver­tei­lung bei der Be­triebs­rats­wahl

Das bei der Lis­ten­wahl vor­ge­schrie­be­ne Höchst­zahl­ver­fah­ren nach d´Hondt zur Ver­tei­lung von Be­triebs­rats­sit­zen ist ver­fas­sungs­ge­mäß: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 22.11.2017, 7 ABR 35/16
Stimmzettel in Wahlurne werden, Betriebsratswahl

24.11.2017. In Be­trie­ben mit mehr als 50 wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern wer­den Be­triebs­rä­te grund­sätz­lich im so ge­nann­ten all­ge­mei­nen Wahl­ver­fah­ren ge­wählt (§ 14a Be­trVG). Das heißt, dass ei­ne Lis­ten­wahl bzw. Ver­hält­nis­wahl statt­fin­det, bei der ver­schie­de­ne Lis­ten ge­gen­ein­an­der an­tre­ten.

Je nach­dem, wie vie­le Stim­men auf die ver­schie­de­nen Lis­ten ent­fal­len, wer­den die Be­triebs­rats­sit­ze auf die Lis­te bzw. de­ren Kan­di­da­ten ver­teilt.

Wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) vor­ges­tern ent­schie­den hat, ist das in der Wahl­ord­nung zum Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (WO) vor­ge­se­he­ne Ver­tei­lungs­ver­fah­ren, dass auf den bel­gi­schen Ju­ris­ten d´Hondt zu­rück­geht, ver­fas­sungs­ge­mäß: BAG, Be­schluss vom 22.11.2017, 7 ABR 35/16 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

Ist die Benachteiligung von Minderheiten infolge des Höchstzahlenverfahrens nach d´Hondt mit dem Grundsatz der Wahlrechtsgleichheit vereinbar?

Zu den ele­men­ta­ren Grundsätzen un­se­rer De­mo­kra­tie gehört das Prin­zip der Stimm­rechts­gleich­heit, dem zu­fol­ge je­der Wahl­be­rech­tig­te ei­ne Stim­me hat. Außer­dem soll­ten die ab­ge­ge­be­nen Stim­men auch im Er­geb­nis möglichst gleich ge­wich­tet wer­den, d.h. sie soll­ten den glei­chen „Er­folgs­wert“ ha­ben, wenn es um die Ver­tei­lung der Sit­ze geht, die in den zu wählen­den Gre­mi­en ver­ge­ben wer­den müssen, d.h. in Par­la­men­ten, Ge­mein­deräten, Per­so­nalräten, Be­triebsräten usw.

Die­ses Ziel ist bei der Be­triebs­rats­wahl nur annäherungs­wei­se zu er­rei­chen, da der Be­triebs­rat je nach Größe der Be­leg­schaft ei­ne ge­setz­lich fest­ge­leg­te An­zahl von Mit­glie­dern hat. Er setzt sich gemäß § 9 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) je nach Größe der Be­leg­schaft aus drei, fünf, sie­ben, neun, elf, 13 usw. Mit­glie­dern zu­sam­men. Dem­ent­spre­chend kann das Verhält­nis der auf die Lis­ten ent­fal­len­den Be­triebs­rats­sit­ze nie­mals ma­the­ma­tisch ex­akt dem Zah­len­verhält­nis der bei der Wahl ab­ge­ge­be­nen Stim­men ent­spre­chen.

An die­ser Stel­le kommt § 15 WO ins Spiel, der bei der Sitz­ver­tei­lung das so ge­nann­te Höchst­zah­len­ver­fah­ren vor­schreibt, dass auf den bel­gi­schen Ju­ris­ten Vic­tor d´Hondt zurück­geht.

Bei die­sem Ver­fah­ren wer­den die er­reich­ten Stim­men ne­ben­ein­an­der ge­schrie­ben und dann je­weils durch eins, zwei, drei usw. ge­teilt. Die­se Tei­lungs­zah­len wer­den ent­spre­chend ih­rer Größe in ei­ne Rang­fol­ge ge­bracht, und da­bei be­kom­men die Lis­ten in der Rei­hen­fol­ge der Teil­zah­len ei­nen Be­triebs­rats­sitz.

Das kann dann zum Bei­spiel bei sie­ben zu ver­tei­len­den Be­triebs­rats­sit­zen so aus­se­hen, wenn 171 Stim­men ab­ge­ge­ben wur­den und wenn drei Lis­ten ins­ge­samt 110 Stim­men (Lis­te 1) plus 41 Stim­men (Lis­te 2) plus 20 Stim­men (Lis­te 3) er­hal­ten ha­ben:

Stim­men
ge­teilt
Lis­te 1
110 Stim­men
Lis­te 2
41 Stim­men
Lis­te 3
20 Stim­men
durch 1 110 (Nr.1) 41 (Nr.3) 20 (-)
durch 2 55 (Nr.2) 20,5 (Nr.7) 10 (-)
durch 3 36,7 (Nr.4) 13,6 (-)
durch 4 27,5 (Nr.5)
durch 5 22 (Nr.6)
durch 6 18,3 (-)

Die Rei­hen­fol­ge der Höchst­teil­zah­len und da­mit die Ver­tei­lung der sie­ben Be­triebs­rats­sit­ze auf die drei Lis­ten se­hen hier im Bei­spiel so aus:

  1. 110 (Lis­te 1, Lis­ten­platz 1)
  2. 55 (Lis­te 1, Lis­ten­platz 2)
  3. 41 (Lis­te 2, Lis­ten­platz 1)
  4. 36,7 (Lis­te 1, Lis­ten­platz 3)
  5. 27,5 (Lis­te 1, Lis­ten­platz 4)
  6. 22 (Lis­te 1, Lis­ten­platz 5)
  7. 20,5 (Lis­te 2, Lis­ten­platz 2)


Wie die­ses Bei­spiel zeigt, kann ei­ne Min­der­hei­ten­lis­te (wie hier Lis­te 3) mit im­mer­hin (20 Stim­men: 171 Ge­samt­stim­men =) 11,7 Pro­zent der Wähler­stim­men bei der Sitz­ver­tei­lung leer aus­ge­hen. Bei­spie­le die­ser Art ma­chen deut­lich, dass das Sitz­ver­tei­lungs­ver­fah­ren nach d´Hondt mögli­cher­wei­se durch ein an­de­res Ver­tei­lungs­ver­fah­ren er­setzt wer­den soll­te, um auf die­se Wei­se ei­nen bes­se­ren Min­der­hei­ten­schutz zu gewähr­leis­ten.

Der Streitfall: Stimmenverteilung nach d´Hondt, oder wie man mit gut 48 Prozent der abgegebenen Stimmen die Mehrheit im Betriebsrat bekommt

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Streit­fall ging es um ei­ne Be­triebs­rats­wahl, die im Mai 2014 durch­geführt wur­de und bei dem ein 17-köpfi­ger Be­triebs­rat gewählt wur­de. Von den ins­ge­samt 1.142 ab­ge­ge­be­nen Stim­men ent­fie­len gut 48 Pro­zent auf die Lis­te V (557 Stim­men), knapp 27 Pro­zent auf die Lis­te D (306 Stim­men) und gut 24 Pro­zent auf die Lis­te H (279 Stim­men).

Ob­wohl die Lis­ten D und H zu­sam­men mehr als 51 Pro­zent der ab­ge­ge­be­nen Stim­men er­hiel­ten, er­gab die Sitz­ver­tei­lung auf der Grund­la­ge von § 15 WO nach d´Hondt, dass auf die Lis­te V neun Sit­ze und auf die Lis­ten D und H je­weils vier Sit­ze ent­fie­len.

Dar­auf­hin wur­de die Be­triebs­rats­wahl an­ge­foch­ten. Die an­trag­stel­len­den Ar­beit­neh­mer ar­gu­men­tier­ten, das in § 15 WO vor­ge­se­he­ne Höchst­zahl­ver­fah­ren sei ver­fas­sungs­wid­rig, weil es klei­ne­re Grup­pie­run­gen be­nach­tei­li­ge. Würde man die Ver­tei­lung der Sit­ze nach ei­nem an­de­ren ma­the­ma­ti­schen Ver­fah­ren vor­neh­men (Ha­re/Nie­mey­er oder Sain­te-La­guë/Sche­pers), hätte die Lis­te D fünf Sit­ze und die Lis­te V acht Sit­ze er­hal­ten.

Das Ar­beits­ge­richt Mag­de­burg (Be­schluss vom 12.03.2015, 4 BV 55/14) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Sach­sen An­halt wie­sen den Wahl­an­fech­tungs­an­trag zurück (LAG Sach­sen-An­halt, Be­schluss vom 05.04.2016, 6 TaBV 19/15).

BAG: Das für die Listenwahl vorgeschriebene Höchstzahlverfahren nach d´Hondt ist bei der Verteilung von Betriebsratssitze verfassungsgemäß

Auch in Er­furt vor dem BAG hat­te die Wahl­an­fech­tung kei­nen Er­folg. Nach An­sicht des BAG ist § 15 WO bzw. das Höchst­zahl­ver­fah­ren zur Ver­tei­lung der Be­triebs­rats­sit­ze nach d´Hondt ver­fas­sungs­gemäß. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Sol­len Wähler­stim­men in Be­triebs­rats­sit­ze um­ge­rech­net wer­den, lässt sich bei der Verhält­nis­wahl ei­ne vollständi­ge Gleich­heit des Er­folgs­wer­tes ei­ner Wähler­stim­me mit kei­nem der gängi­gen Sitz­zu­tei­lungs­ver­fah­ren er­rei­chen, so das BAG. Denn es können ja nur gan­ze Sit­ze ver­teilt wer­den, so dass Stim­men­ver­tei­lung und Sitz­ver­tei­lung nie­mals ma­the­ma­tisch ex­akt übe­rein­stim­men können.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat der Ver­ord­nungs­ge­ber, der die WO er­las­sen hat, ei­nen Ge­stal­tungs­spiel­raum, d.h. er kann ent­schei­den, mit­hil­fe wel­ches ma­the­ma­ti­schen Ver­tei­lungs­ver­fah­rens die Sitz­ver­tei­lung vor­zu­neh­men ist. Da­bei spricht nach An­sicht der Er­fur­ter Rich­ter für das schon lan­ge prak­ti­zier­te Höchst­zahl­ver­fah­ren nach d´Hondt, dass es die Mehr­heits­si­che­rung fördert. Das aber ist, so das BAG, ein „an­zu­er­ken­nen­des Ziel“, wenn man die „Funk­ti­on der be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung“ berück­sich­tigt.

Im Er­geb­nis ver­letzt das Höchst­zahl­ver­fah­ren we­der den aus Art.3 Abs.1 Grund­ge­setz (GG) fol­gen­den Grund­satz der Gleich­heit der Wahl noch die durch Art.9 Abs.3 GG geschütz­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit.

Fa­zit: Mit der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung hat das BAG kurz vor den Be­triebs­rats­wah­len im Frühjahr 2018 den Kri­ti­kern der gel­ten­den WO ein ent­schei­den­des Ar­gu­ment aus der Hand ge­nom­men. Da­mit können die Be­triebs­rats­wah­len 2018 mit größerer Rechts­si­cher­heit durch­geführt wer­den.

Ei­ne an­de­re Ent­schei­dung wäre dem BAG auch kaum möglich ge­we­sen. Denn selbst wenn das Ver­tei­lungs­ver­fah­ren nach d´Hondt von Ver­fas­sungs we­gen durch ein min­der­hei­ten­freund­li­che­res Ver­fah­ren er­setzt wer­den müss­te, könn­te das BAG ei­ne sol­che Er­set­zung nicht selbst vor­neh­men. Viel­mehr müss­te der Ver­ord­nungs­ge­ber die Ent­schei­dung für ei­nes der ver­schie­de­nen an­de­ren Ver­fah­ren tref­fen.

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Letzte Überarbeitung: 28. März 2018

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