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Ver­fall von Rest­ur­laub bei ta­rif­li­cher Aus­schluss­frist

Ge­setz­li­cher Min­des­t­ur­laub oder ta­rif­li­cher Mehr­laub - Was wird zu­erst ge­währt?: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 30.09.2010, 5 Sa 353/10

24.03.2011. En­de 2006 lei­te­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düs­sel­dorf mit ei­nem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ei­ne wich­ti­ge Än­de­rung im deut­schen Ur­laubs­recht ein.

Es hat­te da­mals dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) sinn­ge­mäß die Fra­ge vor­ge­legt, ob die jahr­zehn­te­lan­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) zum Ver­fall von Ur­laubs­an­sprü­chen bei Ar­beits­un­fä­hig­keit mit Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar ist.

Das BAG war seit mehr als 25 Jah­ren der Auf­fas­sung, dass der Jah­res­ur­laubs­an­spruch ei­nes Ar­beit­neh­mers, der sei­nen Ur­laub we­gen Krank­heit nicht neh­men konn­te, end­gül­tig ver­fiel, wenn er auch im nächs­ten Jahr wäh­rend der ers­ten drei Mo­na­te wei­ter­hin ar­beits­un­fä­hig krank war.

Hin­ter­grund die­ser Auf­fas­sung des BAG war das im Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) an­ge­leg­te "Fris­ten­re­gime", nach dem der Ur­laub im Ka­len­der­jahr ge­währt wer­den muss und nur aus­nahms­wei­se auf das nächs­te Ka­len­der­jahr über­tra­gen wer­den kann - aber selbst das nur be­schränkt auf das ers­te Quar­tal (§ 7 Abs.1, 3 BUrlG).

Der EuGH hielt die­se Be­schrän­kung für eu­ro­pa­rechts­wid­rig (Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06 und C-520/06 - Schultz-Hoff). Der eu­ro­pa­recht­lich ge­währ­te Min­des­t­ur­laub von 4 Wo­chen darf - je­den­falls bei Ar­beits­un­fä­hig­keit - nicht ver­fal­len. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt beug­te sich die­ser Ein­schät­zung und än­der­te sei­ne Recht­spre­chung (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/126 Kein Ver­fall von Rest­ur­laubs­an­sprü­chen in­fol­ge von Krank­heit seit dem 02.08.2006 und in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/057: Aus­le­gung des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes ent­spre­chend dem Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH).

Ur­laub kann auf­grund die­ses EuGH-Ur­teils auf­grund an­hal­ten­der Ar­beits­un­fä­hig­keit nicht (mehr) ver­fal­len und wan­delt sich mit dem En­de des Ar­beits­ver­hält­nis­ses in ei­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch um (vgl. § 7 Abs.4 BUrlG), der schnell ei­ne be­trächt­li­che Hö­he ha­ben kann.

Vor die­sem Hin­ter­grund stel­len sich vie­le recht­li­che Fol­ge-Fra­gen im Ur­laus­brecht. So hat das BAG vor kur­zem klar­ge­stellt, dass die Ta­rif­par­tei­en den krank­heits­be­ding­ten Ver­fall von Ur­laubs- und Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­sprü­che ab­wei­chend von dem Schultz-Hoff-Ur­teil re­geln kön­nen, wenn die­se Re­ge­lun­gen für den ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub gel­ten, d.h. wenn sie für Ur­laus­an­sprü­che gel­ten, die den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub über­stei­gen. Da­bei müs­sen sie je­doch zwi­schen dem ge­setz­li­chen und über­ge­setz­li­chen Ur­laubs­an­spruch deut­lich un­ter­schei­den (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/065 Zu­satz­ur­laub für Schwer­be­hin­der­te nach dem SGB IX).

Wird Ur­laub nur teil­wei­se ge­währt, kann Streit über die Fra­ge ent­ste­hen, ob der Ar­beit­ge­ber da­mit den "stär­ke­ren" ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub oder den "schwä­che­ren" ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub ge­währt hat.

So war es auch in ei­nem ak­tu­el­len, vom LAG Düs­sel­dorf ent­schie­de­nen Fall (Ur­teil vom 30.09.2010, 5 Sa 353/10). Für das Ar­beits­ver­hält­nis der Par­tei­en galt der "Man­tel­ta­rif­ver­trag für das In­stal­la­teur- und Hei­zungs­bau­er-, Klemp­ner-, Be­häl­ter- und Ap­pa­ra­te­bau­er-Hand­werk im Land Nord­rhein-West­fa­len" (MTV) vom 01.07.2007, in dem nach Auf­fas­sung des LAG deut­lich zwi­schen Mehr- und Min­des­t­ur­laub un­ter­schie­den wur­de.

Da­nach stan­den der lan­ge Zeit ar­beits­un­fä­hi­gen Klä­ge­rin ins­ge­samt 30 Ur­laubs­ta­ge zu, von de­nen sie 15 Ur­laubs­ta­ge er­hal­ten hat­te. Für den Rest woll­te sie nach dem En­de des Ar­beits­ver­hält­nis­ses Ab­gel­tung.

Frag­lich war nun un­ter an­de­rem, ob die ver­blie­be­nen Ur­laubs­ta­ge ver­fal­len wa­ren oder nicht. Die Klä­ge­rin hat­te sie je­den­falls nicht in­ner­halb der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist gel­tend ge­macht. Ent­schei­dend war da­her, ob mit den be­reits ge­währ­ten Ur­laubs­ta­gen der ta­rif­li­che oder der ge­setz­li­che Teil des Ur­laubs­an­spruchs ge­währt wor­den war.

Das LAG Düs­sel­dorf ent­schied zu Guns­ten der Klä­ge­rin. Es wen­de­te da­bei den Rechts­ge­dan­ken des § 366 Abs.2 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) an. Nach die­ser Vor­schrift wird bei feh­len­der Til­gungs­be­stim­mung zu­nächst die fäl­li­ge Schuld, un­ter meh­re­ren fäl­li­gen Schul­den die­je­ni­ge, wel­che dem Gläu­bi­ger ge­rin­ge­re Si­cher­heit bie­tet, un­ter meh­re­ren gleich si­che­ren die dem Schuld­ner läs­ti­ge­re, un­ter meh­re­ren gleich läs­ti­gen die äl­te­re Schuld und bei glei­chem Al­ter je­de Schuld ver­hält­nis­mä­ßig ge­tilgt.

In die­sem Sin­ne ist der ta­rif­li­che Mehr­ur­laub un­si­che­rer als der ge­setz­li­che Ur­laubs­an­spruch und wird da­mit bei ei­ner nur teil­wei­sen Ur­laubs­ge­wäh­rung vor­ran­gig be­dient, so das Ge­richt. Es blieb da­mit nur noch der "si­che­re" Min­des­t­ur­laub am En­de des Ar­beits­ver­hält­nis­ses üb­rig.

Die Ent­schei­dung ist nicht rechts­kräf­tig. Die vom LAG zu­ge­las­se­ne Re­vi­si­on ist beim Bun­des­ar­beits­ge­richt un­ter dem Ak­ten­zei­chen 9 AZR 760/10 an­hän­gig.

Fa­zit: Mit sei­ner Auf­fas­sung wen­det sich das LAG Düs­sel­dorf ge­gen das Bun­des­ar­beits­ge­richt (Ur­teil vom 05.09.2002, 9 AZR 244/01, Ur­teil vom 24.10.1989, 8 AZR 6/89) und ge­gen an­de­re Lan­des­ar­beits­ge­rich­te (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 02.12.2009, 17 Sa 621/09; Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 26.04.2010, 17 Sa 1772/09), die al­le im Er­geb­nis zu­nächst den ge­setz­li­chen Ur­laub als ge­währt an­se­hen. Auch wenn das LAG Düs­sel­dorf sei­ne Rechts­auf­fas­sung nach­voll­zieh­bar be­grün­det hat, ist es da­her frag­lich, ob die Ent­schei­dung vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt Be­stand ha­ben wird.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Hin­weis: Mitt­ler­wei­le hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über den Fall ent­schie­den, das Ur­teil des LAG Düs­sel­dorf auf die Re­vi­si­on des be­klag­ten Ar­beit­ge­bers auf­ge­ho­ben und die Be­ru­fung ab­ge­wie­sen. In­for­ma­tio­nen über das Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 1. November 2016

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