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HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

BAG, Ur­teil vom 20.01.2010, 10 AZR 914/08

   
Schlagworte: AGB-Kontrolle, Freiwilligkeitsvorbehalt
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 10 AZR 914/08
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 20.01.2010
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Kassel, Urteil vom 25.07.2007, 1 Ca 91/07
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 20.06.2008, 3/15 Sa 1327/07
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

10 AZR 914/08

3/15 Sa 1327/07

Hes­si­sches

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am 20. Ja­nu­ar 2010

UR­TEIL

Jatz, Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläge­rin, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Be­klag­ter, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 20. Ja­nu­ar 2010 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Mi­kosch, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt


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Mar­quardt, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Mest­werdt so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Hu­ber und Kiel für Recht er­kannt:

1. Auf die Re­vi­si­on der Kläge­rin wird das Ur­teil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 20. Ju­ni 2008 - 3/15 Sa 1327/07 - auf­ge­ho­ben, so­weit es die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kas­sel vom 25. Ju­li 2007 - 1 Ca 91/07 - in Höhe von ins­ge­samt 1.025,25 Eu­ro zuzüglich dar­auf ent­fal­len­der Zin­sen zurück­ge­wie­sen hat. Das be­zeich­ne­te Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kas­sel wird in­so­weit ab­geändert und in Ziff. 1 wie folgt neu ge­fasst:

Un­ter Auf­recht­er­hal­tung im Übri­gen wird das Versäum­nis­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kas­sel vom 25. Mai 2005 - 1 Ca 55/05 - in­so­weit auf­ge­ho­ben, als die Kla­ge in Höhe von 343,42 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 1. Ja­nu­ar 2005 ab­ge­wie­sen wur­de. Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 1.025,25 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz auf 343,42 Eu­ro seit dem 1. Ja­nu­ar 2005, 343,78 Eu­ro seit dem 1. Ja­nu­ar 2006 und 338,05 Eu­ro seit dem 1. Ja­nu­ar 2007 zu zah­len.

2. Der Be­klag­te hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen. Die Kos­ten ers­ter und zwei­ter In­stanz ha­ben die Kläge­rin zu 85 % und der Be­klag­te zu 15 % zu tra­gen, mit Aus­nah­me der Kos­ten, die durch das Versäum­nis­ur­teil vom 25. Mai 2005 ent­stan­den sind. Die­se Kos­ten hat die Kläge­rin al­lein zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Höhe ei­ner Son­der­zu­wen­dung. Der Be­klag­te ist ein ge­meinnützi­ger Ver­ein mit Sitz in Ber­lin, der Pfle­ge­hei­me und


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In­ter­na­te be­treibt. Die Kläge­rin ist ex­ami­nier­te Al­ten­pfle­ge­rin und seit dem 15. Ok­to­ber 1996 als Dau­er­nacht­wa­che bei dem Be­klag­ten beschäftigt.

Die Kläge­rin be­zieht nach § 5 Abs. 1 des Dienst­ver­trags vom 16. Ok­to­ber 1996 ei­ne Vergütung nach „BAT Kr. IV“. § 5 Abs. 3 des Dienst­ver­trags verhält sich über Son­der­zah­lun­gen wie folgt:

„Sämt­li­che Son­der­zah­lun­gen sind frei­wil­li­ge Zu­wen­dun­gen, für die kein Rechts­an­spruch be­steht (z. B. Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on und Ur­laubs­geld rich­ten sich nach den Be­stim­mun­gen des BAT).“

Der Be­klag­te zahl­te bis zum Jahr 2003 als Weih­nachts­geld mit der No­vem­ber­vergütung ei­nen Be­trag, der nach dem Ta­rif­ver­trag über ei­ne Zu­wen­dung für An­ge­stell­te vom 12. Ok­to­ber 1973 in sei­ner je­wei­li­gen Fas­sung (nach­fol­gend: TV Zu­wen­dung) be­rech­net wur­de. Anläss­lich der Zah­lung er­hiel­ten die Mit­ar­bei­ter ein Schrei­ben, in dem wort­gleich je­weils ua. aus­geführt war:

„Un­ter der Lohn­art ... können Sie das Ih­nen zu­ste­hen­de Weih­nachts­geld in Höhe von

...

ent­neh­men.

Wir möch­ten er­neut be­to­nen, dass es sich nach den ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen um ei­ne frei­wil­li­ge Zah­lung des Ar­beit­ge­bers han­delt, für die kein Rechts­an­spruch be­steht.“

Ent­spre­chend ei­ner Ankündi­gung im Be­gleit­schrei­ben für das Jahr 2003 er­brach­te der Be­klag­te seit dem Jahr 2004 statt ei­nes Weih­nachts­gelds ei­ne leis­tungs­be­zo­ge­ne Son­der­zah­lung. Der Ba­sis­wert die­ser Son­der­zah­lung wur­de nach dem TV Zu­wen­dung er­rech­net. Zur Aus­zah­lung kam ein in­di­vi­du­ell für je­den Mit­ar­bei­ter an­hand ei­ner Leis­tungs­be­ur­tei­lung er­mit­tel­ter pro­zen­tua­ler An­teil.

Die Kläge­rin macht für die Jah­re 2004 bis 2006 der Höhe nach zwi­schen den Par­tei­en un­strei­ti­ge Dif­fe­ren­zen zwi­schen der ge­leis­te­ten Son­der­zah­lung und der vol­len Zu­wen­dung nach dem TV Zu­wen­dung gel­tend. Sie hat


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die Auf­fas­sung ver­tre­ten, nach § 5 Abs. 3 des Dienst­ver­trags be­ste­he ein ver­trag­li­cher An­spruch.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt,

den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an sie 1.025,25 Eu­ro brut­to zuzüglich Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz nach be­stimm­ter zeit­li­cher Staf­fe­lung zu zah­len.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen und die Auf­fas­sung ver­tre­ten, nach § 5 Abs. 3 des Dienst­ver­trags sei­en sämt­li­che Son­der­zah­lun­gen frei­wil­li­ge Leis­tun­gen, auf die kein An­spruch be­ste­he. Er sei des­halb nicht ge­hin­dert ge­we­sen, ab dem Jahr 2004 statt ei­nes Weih­nachts­gelds ei­ne leis­tungs­be­zo­ge­ne Son­der­zah­lung zu er­brin­gen.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung der Kläge­rin zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Kläge­rin ihr Kla­ge­ziel wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on ist be­gründet. Die Vor­in­stan­zen ha­ben den Zah­lungs­an­trag zu Un­recht ab­ge­wie­sen.

I. Die Kläge­rin hat ge­gen den Be­klag­ten aus § 5 Abs. 3 des Dienst­ver­trags, § 2 Abs. 1 TV Zu­wen­dung iVm. der Pro­to­koll­no­tiz Nr. 1 zu § 2 TV Zu­wen­dung ei­nen An­spruch auf die gel­tend ge­mach­ten Zu­wen­dungs­dif­fe­renz­beträge. Dies er­gibt die Aus­le­gung der ver­trag­li­chen Be­stim­mung nach Maßga­be des § 305c Abs. 2 BGB.

1. § 5 Abs. 3 des Dienst­ver­trags ist ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung iSv. § 305 Abs. 1 BGB. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat ent­spre­chen­de Fest­stel­lun­gen ge­trof­fen. Darüber strei­ten die Par­tei­en nicht.


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2. All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen un­ter­lie­gen der vol­len re­vi­si­ons­recht­li­chen Nach­prüfung (BAG 24. Ok­to­ber 2007 - 10 AZR 825/06 - BA­GE 124, 259). Sie sind nach ih­rem ob­jek­ti­ven In­halt und ty­pi­schen Sinn ein­heit­lich so aus­zu­le­gen, wie sie von verständi­gen und red­li­chen Ver­trags­part­nern un­ter Abwägung der In­ter­es­sen der nor­ma­ler­wei­se be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ver­stan­den wer­den, wo­bei nicht die Verständ­nismöglich­kei­ten des kon­kre­ten, son­dern die des durch­schnitt­li­chen Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders zu­grun­de zu le­gen sind. An­satz­punkt für die nicht am Wil­len der kon­kre­ten Ver­trags­part­ner zu ori­en­tie­ren­de Aus­le­gung All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen ist in ers­ter Li­nie der Ver­trags­wort­laut. Ist die­ser nicht ein­deu­tig, kommt es für die Aus­le­gung ent­schei­dend dar­auf an, wie der Ver­trags­text aus Sicht der ty­pi­scher­wei­se an Geschäften die­ser Art be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se zu ver­ste­hen ist, wo­bei der Ver­trags­wil­le verständi­ger und red­li­cher Ver­trags­part­ner be­ach­tet wer­den muss. So­weit auch der mit dem Ver­trag ver­folg­te Zweck ein­zu­be­zie­hen ist, kann das nur in Be­zug auf ty­pi­sche und von red­li­chen Geschäfts­part­nern ver­folg­te Zie­le gel­ten (st. Rspr., BAG 10. De­zem­ber 2008 - 10 AZR 1/08 - AP BGB § 307 Nr. 40 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 40; 24. Ok­to­ber 2007 - 10 AZR 825/06 - mwN, aaO).

3. § 5 Abs. 3 des Dienst­ver­trags be­inhal­tet ei­ne ein­heit­li­che, aus ei­nem Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt und ei­nem Klam­mer­zu­satz be­ste­hen­de Klau­sel.

a) Der Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt oh­ne Klam­mer­zu­satz kann dem Wort­laut nach ge­eig­net sein, ei­nen ver­trag­li­chen An­spruch auf ei­ne Son­der­zah­lung nicht ent­ste­hen zu las­sen. Sämt­li­che Son­der­zah­lun­gen sol­len da­nach frei­wil­li­ge Zu­wen­dun­gen sein, für die kein Rechts­an­spruch be­steht. Der Se­nat er­kennt Frei­wil­lig­keits­vor­be­hal­te, die sich nicht in dem bloßen Hin­weis erschöpfen, dass sich der Ar­beit­ge­ber „frei­wil­lig“ zur Er­brin­gung ei­ner Son­der­zah­lung ver­pflich­tet, son­dern die ei­nen An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf die Son­der­zah­lung bei wie­der­hol­ter Zah­lung nicht ent­ste­hen las­sen, auch in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen grundsätz­lich als zulässig an (BAG 18. März 2009 - 10 AZR 289/08 - EzA BGB 2002 § 307 Nr. 43; 10. De­zem­ber 2008 - 10 AZR 1/08 - AP BGB § 307 Nr. 40 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 40; 30. Ju­li 2008 - 10 AZR


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606/07 - AP BGB § 611 Gra­ti­fi­ka­ti­on Nr. 274 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 38). Ein sol­cher Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt weicht nicht von § 611 Abs. 1 BGB ab und verstößt, so­fern es sich um ei­nen klar und verständ­lich for­mu­lier­ten Vor­be­halt han­delt, nicht ge­gen § 308 Nr. 4 BGB, da es be­reits an ei­ner ver­spro­che­nen Leis­tung fehlt (BAG 18. März 2009 - 10 AZR 289/08 - aaO; 30. Ju­li 2008 - 10 AZR 606/07 - aaO).

b) Der Klam­mer­zu­satz steht zu dem Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt im Wi­der­spruch. Nach der Ver­knüpfung „z. B.“ nimmt er zwar Be­zug auf den Vor­be­halt, soll ihn al­so an­schei­nend erläutern. Vor dem Hin­ter­grund des nach­fol­gen­den Klam­mer­tex­tes ist dies je­doch nicht ein­deu­tig. Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on und Ur­laubs­geld sol­len sich nach den Be­stim­mun­gen des BAT „rich­ten“. Für sich ge­nom­men wird nach dem Wort­laut des Klam­mer­zu­sat­zes („rich­ten sich“) ein ver­trag­li­cher, der Höhe nach in § 2 TV Zu­wen­dung ge­re­gel­ter An­spruch auf ei­ne Son­der­zu­wen­dung be­gründet, so­fern der Ar­beit­neh­mer die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen des § 1 TV Zu­wen­dung erfüllt. Dass mit „den Be­stim­mun­gen des BAT“ be­zo­gen auf die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on der TV Zu­wen­dung ge­meint ist, liegt im Hin­blick dar­auf, dass der BAT kei­ne ei­ge­ne Re­ge­lung enthält, na­he und wird von den Par­tei­en auch nicht an­ders ver­stan­den.

c) Ei­ne Ver­knüpfung von Vor­be­halt und Klam­mer­zu­satz in dem Sin­ne, dass der Klam­mer­zu­satz le­dig­lich die bei­spiel­haf­te Aufzählung der Son­der­zah­lun­gen enthält, die un­ter den Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt fal­len, läge na­he, wenn die­ser oh­ne die Wor­te „rich­ten sich“ for­mu­liert wäre. Da der Klam­mer­zu­satz ei­nen An­spruch for­mu­liert, ist aber auch ei­ne ein­schränken­de Aus­le­gung im Sin­ne der Kläge­rin recht­lich ver­tret­bar, dass zwar grundsätz­lich Son­der­zah­lun­gen frei­wil­li­ge Zu­wen­dun­gen sind, aber Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on und Ur­laubs­geld nach den Be­stim­mun­gen des BAT ge­zahlt wer­den. Sch­ließlich er­scheint die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­tre­te­ne Aus­le­gung möglich, der Ver­weis auf die Be­stim­mun­gen des BAT be­tref­fe nicht das „Ob“, son­dern nur das „Wie“ der Leis­tung; al­ler­dings be­ste­hen auch hierfür kei­ne durch­grei­fen­den An­halts­punk­te. § 5 Abs. 3 des Dienst­ver­trags er­weist sich als mehr­deu­tig.


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d) Bleibt nach Ausschöpfung der Aus­le­gungs­me­tho­den ein nicht be­heb­ba­rer Zwei­fel, geht dies nach § 305c Abs. 2 BGB zu­las­ten des Be­klag­ten. Die Norm kommt dann zur An­wen­dung, wenn die Aus­le­gung ei­ner ein­zel­nen Klau­sel in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen min­des­tens zwei Er­geb­nis­se als ver­tret­bar er­schei­nen lässt und kei­nes den kla­ren Vor­zug ver­dient. Wi­der­spre­chen sich hin­ge­gen meh­re­re Klau­seln in­halt­lich, ist § 305c Abs. 2 BGB un­an­wend­bar und das Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB greift (BAG 10. De­zem­ber 2008 - 10 AZR 1/08 - AP BGB § 307 Nr. 40 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 40; 24. Ok­to­ber 2007 - 10 AZR 825/06 - BA­GE 124, 259).

Da nach der text­li­chen Ge­stal­tung von Vor­be­halt und Klam­mer­zu­satz und der Ver­knüpfung durch „z. B.“ ei­ne ein­zel­ne Klau­sel über die Gewährung ei­ner Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on aus­zu­le­gen ist, greift § 305c Abs. 2 BGB. Der Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt er­fasst nicht die im Klam­mer­zu­satz auf­geführ­te Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on. Zu­guns­ten der Kläge­rin ist § 5 Abs. 3 des Dienst­ver­trags da­hin aus­zu­le­gen, dass im Streit­zeit­raum ein ver­trag­li­cher An­spruch auf ei­ne Son­der­zu­wen­dung nach Maßga­be des TV Zu­wen­dung be­stan­den hat.

4. Un­er­heb­lich ist, dass der Dienst­ver­trag vor In­kraft­tre­ten des Schuld rechts­mo­der­ni­sie­rungs­ge­set­zes im Ver­trau­en auf die da­mals gel­ten­de Rechts­la­ge ver­ein­bart wur­de. Die jetzt in § 305c Abs. 2 BGB nor­mier­te Un­klar­hei­ten-re­gel war schon vor In­kraft­tre­ten des AGBG und während sei­ner Gel­tung all­ge­mein an­er­kannt und galt auch für For­mu­lar­ar­beits­verträge (BAG 10. De­zem­ber 2008 - 10 AZR 1/08 - AP BGB § 307 Nr. 40 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 40; 26. Ja­nu­ar 2005 - 10 AZR 331/04 - BA­GE 113, 265).

5. Die Par­tei­en ha­ben den An­spruch der Kläge­rin auf ei­ne Son­der­zu­wen­dung nach dem TV Zu­wen­dung nicht ver­trag­lich ab­geändert. Die jähr­li­chen Be­gleit­schrei­ben des Be­klag­ten im Zu­sam­men­hang mit der Zah­lung ent­hal­ten kein An­ge­bot an die Kläge­rin, das Ar­beits­verhält­nis zu geänder­ten Be­din­gun­gen fort­zu­set­zen und ei­nen ver­trag­li­chen An­spruch auf Zah­lung der Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on zukünf­tig aus­zu­sch­ließen. Sie sind wie § 5 Abs. 3 des Dienst­ver­trags in sich wi­dersprüchlich, in­dem sie ei­ner­seits auf ein „zu­ste­hen­des“ Weih­nachts­geld Be­zug neh­men und an­de­rer­seits ei­nen Hin­weis auf


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die Frei­wil­lig­keit der Leis­tung ent­hal­ten. Selbst wenn sich die Be­gleit­schrei­ben als An­ge­bot auf Abände­rung des Dienst­ver­trags aus­le­gen ließen, hätte die Kläge­rin ein sol­ches An­ge­bot nicht an­ge­nom­men. Das Schwei­gen ge­genüber ei­nem An­ge­bot auf Ver­schlech­te­rung ei­nes Ver­trags ist grundsätz­lich kei­ne An­nah­me ei­nes sol­ches An­ge­bots (§ 151 BGB). Das gilt bei ei­ner wi­der­spruchs­lo­sen Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses durch den Ar­beit­neh­mer zu­min­dest dann, wenn sich die an­ge­tra­ge­ne Verände­rung nicht un­mit­tel­bar im Ar­beits­verhält­nis aus­wirkt (BAG 25. No­vem­ber 2009 - 10 AZR 779/08 -).

6. Der An­spruch be­steht in der gel­tend ge­mach­ten Höhe. Im Streit­zeit­raum be­trug die Son­der­zu­wen­dung ent­spre­chend der Pro­to­koll­no­tiz Nr. 1 zu § 2 TV Zu­wen­dung 82,14 % des Be­mes­sungs­sat­zes. Die Zu­wen­dungs­dif­fe­ren­zen sind durch die Kläge­rin zu­tref­fend für das Jahr 2004 mit 343,42 Eu­ro, für das Jahr 2005 mit 343,78 Eu­ro und für das Jahr 2006 mit 338,05 Eu­ro be­rech­net wor­den. Der Zins­an­spruch folgt aus § 286 Abs. 2, § 288 Abs. 1 BGB.

II. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus §§ 91, 92, 344 ZPO.

Mi­kosch Mar­quardt Mest­werdt

Wal­ter Hu­ber Kiel

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