Um das Angebot dieser Webseite optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet diese Webseite Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Okay

HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

BAG, Ur­teil vom 20.01.2016, 8 AZR 194/14

   
Schlagworte: Entschädigung, Behinderung, Schwerbehinderung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 8 AZR 194/14
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 20.01.2016
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Saarbrücken, Urteil vom 09.08.2012 - 2 Ca 258/11
Landesarbeitsgericht Saarland, Urteil vom 08.01.2014 - 1 Sa 61/12
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

8 AZR 194/14
1 Sa 61/12
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Saar­land

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
20. Ja­nu­ar 2016

UR­TEIL

Wirth, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

be­klag­tes, be­ru­fungs­be­klag­tes und re­vi­si­ons­be­klag­tes Land,

hat der Ach­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 20. Ja­nu­ar 2016 durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Schlewing, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Win­ter, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Vo­gel­sang so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Kandler und Wein für Recht er­kannt:

 

- 2 - 

Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Saar­land vom 8. Ja­nu­ar 2014 - 1 Sa 61/12 - wird zurück­ge­wie­sen.

Der Kläger hat die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob das be­klag­te Land ver­pflich­tet ist, an den Kläger ei­ne Entschädi­gung we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des AGG zu zah­len.

Der Kläger ist mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung (im Fol­gen­den GdB) von 50 als schwer­be­hin­der­ter Mensch an­er­kannt. Nach ei­ner Aus­bil­dung zum Bank­kauf­mann ab­sol­vier­te er ein Uni­ver­sitäts­stu­di­um der Be­triebs­wirt­schafts-leh­re und er­warb den Ab­schluss als Di­plom-Kauf­mann. Im Rah­men von Fort­bil­dungs­maßnah­men eig­ne­te er sich wei­te­re Qua­li­fi­ka­tio­nen im Be­reich des Rech­nungs­we­sens und des Con­trol­lings an und war bei ver­schie­de­nen Ar­beit­ge­bern vor­nehm­lich im Be­reich Con­trol­ling tätig.

Mit ei­ner am 29. Ju­li 2010 im Amts­blatt des Saar­lan­des veröffent­lich­ten Stel­len­aus­schrei­bung schrieb das be­klag­te Land für den Be­reich des da­ma­li­gen Mi­nis­te­ri­ums für Um­welt, En­er­gie und Ver­kehr die Stel­le ei­ner/ei­nes „Sach­be­ar­bei­te­rin/Sach­be­ar­bei­ters des ge­ho­be­nen Diens­tes“ aus. In der Stel­len­aus­schrei­bung heißt es ua.:

„Der Sach­be­ar­bei­te­rin bzw. dem Sach­be­ar­bei­ter ob­liegt ins­be­son­de­re die zu­wen­dungs­recht­li­che Ab­wick­lung von Förder­maßnah­men, ins­be­son­de­re in EU-ko­fi­nan­zier­ten Be­rei­chen.

In­fra­ge kom­men Be­wer­be­rin­nen und Be­wer­ber mit kaufmänni­schem bzw. be­triebs­wirt­schaft­li­chem Hoch­schul­ab­schluss (FH oder Ba­che­lor).“

 

- 3 - 

Der Kläger be­warb sich mit Schrei­ben vom 19. Au­gust 2010, dem ein Le­bens­lauf und ei­ne Ko­pie sei­nes Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses bei­gefügt wa­ren, auf die­se Stel­le. Das be­klag­te Land lud den Kläger nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein und teil­te ihm mit Schrei­ben vom 5. No­vem­ber 2010 - dem Kläger zu­ge­gan­gen am 6. No­vem­ber 2010 - mit, dass es sich für ei­nen an­de­ren Be­wer­ber ent­schie­den ha­be.

Mit Schrei­ben vom 29. De­zem­ber 2010 mach­te der Kläger ge­genüber dem be­klag­ten Land gel­tend, er sei we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung dis­kri­mi­niert wor­den und for­der­te die Zah­lung ei­ner Entschädi­gung iHv. zu­min­dest drei Brut­to­mo­nats­ver­diens­ten à 3.153,14 Eu­ro, mit­hin ei­nen Ge­samt­be­trag iHv. min­des­tens 9.459,42 Eu­ro. Die­ses Be­geh­ren ver­folgt der Kläger nach Zurück­wei­sung des An­spruchs durch das be­klag­te Land mit sei­ner Kla­ge wei­ter.

Der Kläger hat die An­sicht ver­tre­ten, das be­klag­te Land hätte ihn zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­la­den müssen, da er für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le nicht et­wa of­fen­sicht­lich fach­lich un­ge­eig­net ge­we­sen sei. Ein wei­te­res In­diz für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen sei­ner Be­hin­de­rung sei die - un­strei­tig - un­ter­blie­be­ne Be­tei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung. Zu­dem sei da­von aus­zu­ge­hen, dass die Stel­le nicht bei der Bun­des­agen­tur für Ar­beit ge­mel­det wor­den sei.

Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt, 

das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, an ihn ei­ne Entschädi­gung, de­ren Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird, die je­doch nicht un­ter 9.459,42 Eu­ro lie­gen soll­te, nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 6. April 2011 zu zah­len.

Das be­klag­te Land hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt und die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dem Kläger kei­ne Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG zu schul­den. Der Kläger ha­be nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den wer­den müssen, da er auf­grund sei­ner Über­qua­li­fi­zie­rung für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net ge­we­sen sei. Die Stel­le sei der Bun­des­agen­tur für Ar­beit ge­mel­det wor­den. Die un­ter­blie­be­ne Be­tei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten-

 

- 4 - 

ver­tre­tung be­ru­he auf ei­ner Ver­ein­ba­rung zwi­schen der Per­so­nal­ab­tei­lung des Mi­nis­te­ri­ums und der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung, wo­nach die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung nur über Be­wer­bun­gen der in die nähe­re Aus­wahl kom­men­den Be­wer­ber in­for­miert wer­den müsse. Im Übri­gen hätten sich auf die Aus­schrei­bung ins­ge­samt 72 Per­so­nen be­wor­ben, von de­nen 15 über ei­nen Uni­ver­sitätsab­schluss verfügten. Die­se Per­so­nen sei­en im Aus­wahl­ver­fah­ren von An­fang an nicht berück­sich­tigt wor­den. Die­se Ver­fah­rens­wei­se wer­de für Stel­len des „ge­ho­be­nen“ Diens­tes seit Jah­ren prak­ti­ziert; sie ent­spre­che der Per­so­nal­po­li­tik des Mi­nis­te­ri­ums. Ein uni­ver­sitärer Ab­schluss sei für Stel­len des „höhe­ren“, nicht aber für Stel­len des „ge­ho­be­nen“ Diens­tes er­for­der­lich. Er sei für Stel­len des „ge­ho­be­nen“ Diens­tes auch nicht erwünscht. An­dern­falls könne der Ge­fahr der Frus­tra­ti­on der Be­wer­ber selbst so­wie der Ge­fahr ei­nes Ver­drängungs­wett­be­werbs „von oben nach un­ten“ so­wie von „Rang­ord­nungskämp­fen“ un­ter den Beschäftig­ten nicht wirk­sam be­geg­net wer­den. Zu­dem sei­en un­ter den Be­wer­bern, die zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den wor­den sei­en, auch zwei schwer­be­hin­der­te Men­schen ge­we­sen, was eben­falls zei­ge, dass der Kläger nicht et­wa we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung un­berück­sich­tigt ge­blie­ben sei.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung des Klägers - nach Be­weis­auf­nah­me - zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sein Be­geh­ren nach Zah­lung ei­ner an­ge­mes­se­nen Entschädi­gung wei­ter. Das be­klag­te Land be­an­tragt die Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on.

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Re­vi­si­on des Klägers ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung des Klägers zu Recht zurück­ge­wie­sen. Der Kläger hat kei­nen An­spruch ge­gen das be­klag­te Land auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG.

 

- 5 - 

A. Der auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung ge­rich­te­te Kla­ge­an­trag ist zulässig, ins­be­son­de­re ist er hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Der Kläger durf­te die Höhe der von ihm be­gehr­ten Entschädi­gung in das Er­mes­sen des Ge­richts stel­len. § 15 Abs. 2 Satz 1 AGG räumt dem Ge­richt bei der Höhe der Entschädi­gung ei­nen Be­ur­tei­lungs­spiel­raum ein, wes­halb ei­ne Be­zif­fe­rung des Zah­lungs­an­trags nicht not­wen­dig ist. Der Kläger hat auch Tat­sa­chen be­nannt, die das Ge­richt bei der Be­stim­mung des Be­trags her­an­zie­hen soll und die Größen­ord­nung der gel­tend ge­mach­ten For­de­rung, die er mit min­des­tens 9.459,42 Eu­ro be­stimmt hat, an­ge­ge­ben (zu den An­for­de­run­gen an die Be­stimmt­heit des Kla­ge­an­trags: vgl. et­wa BAG 14. No­vem­ber 2013 - 8 AZR 997/12 - Rn. 16; 13. Ok­to­ber 2011 - 8 AZR 608/10 - Rn. 16).

B. Die Kla­ge ist nicht be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu Recht er­kannt, dass das be­klag­te Land nicht ver­pflich­tet ist, an den Kläger ei­ne an-ge­mes­se­ne Entschädi­gung zu zah­len. Sei­ne An­nah­me, der Kläger sei nicht we­gen der Be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt wor­den iSv. § 7 Abs. 1 AGG, ist re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

I. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat an­ge­nom­men, der Kläger ha­be zwar In­di­zi­en dar­ge­legt und nach­ge­wie­sen, die ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung ver­mu­ten ließen (§ 22 AGG). In­so­weit hat es fest­ge­stellt, das be­klag­te Land ha­be ent­ge­gen sei­ner Ver­pflich­tung aus § 81 Abs. 1 Satz 4 iVm. § 95 Abs. 2 SGB IX der beim Mi­nis­te­ri­um für Um­welt, En­er­gie und Ver­kehr ein­ge­rich­te­ten Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung die Be­wer­bung des Klägers nebst den da­zu­gehöri­gen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen nicht vor­ge­legt. Zu­dem hat es zu­guns­ten des Klägers un­ter­stellt, dass das be­klag­te Land den Kläger ent­ge­gen der in § 82 Satz 2 SGB IX ge­trof­fe­nen Be­stim­mung nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den und dass es ent­ge­gen § 81 Abs. 1 Satz 2, § 82 Satz 1 SGB IX die Agen­tur für Ar­beit von der frei­en Stel­le nicht un­ter­rich­tet hat. Al­ler­dings - so das Lan­des­ar­beits­ge­richt - ha­be das be­klag­te Land die Ver­mu­tung, der Kläger sei we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt wor­den, wi­der­legt. Das be­klag­te Land ha­be zur Über­zeu­gung der Kam­mer nach­ge­wie­sen, dass die Nicht­berück­sich­ti­gung des Klägers im Aus­wahl­ver­fah­ren mit des-

 

- 6 - 

sen Schwer­be­hin­de­rung über­haupt nichts zu tun ge­habt ha­be, son­dern dass dafür aus­sch­ließlich an­de­re Gründe maßge­bend ge­we­sen sei­en, die kei­ner­lei Be­zug zu der Schwer­be­hin­de­rung des Klägers hätten. Nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me ste­he fest, dass der Kläger aus­sch­ließlich aus per­so­nal­po­li­ti­schen Erwägun­gen, al­so aus Erwägun­gen, die zu­dem nicht sei­ne fach­li­che Eig­nung beträfen, im Aus­wahl­ver­fah­ren nicht berück­sich­tigt wor­den sei.

II. Die­se Würdi­gung hält ei­ner re­vi­si­ons­recht­li­chen Nach­prüfung stand. 

1. Der An­spruch auf Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG setzt ei­nen Ver­s­toß ge­gen das in § 7 Abs. 1 AGG ge­re­gel­te Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot vor­aus (§ 15 Abs. 2 iVm. § 15 Abs. 1 Satz 1 AGG) und ist ver­schul­dens­un­abhängig.

a) Das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot in § 7 Abs. 1 AGG un­ter­sagt im An­wen­dungs­be­reich des AGG ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des, ua. we­gen ei­ner Be­hin­de­rung. Zu­dem dürfen Ar­beit­ge­ber nach § 81 Abs. 2 Satz 1 SGB IX schwer­be­hin­der­te Beschäftig­te nicht we­gen ih­rer Be­hin­de­rung be­nach­tei­li­gen. Im Ein­zel­nen gel­ten hier­zu nach § 81 Abs. 2 Satz 2 SGB IX die Re­ge­lun­gen des AGG.

b) § 7 Abs. 1 AGG ver­bie­tet so­wohl un­mit­tel­ba­re als auch mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gun­gen. Nach § 3 Abs. 1 Satz 1 AGG liegt ei­ne - vor­lie­gend aus­sch­ließlich in Be­tracht kom­men­de - un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des, ua. ei­ner Be­hin­de­rung, ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt als ei­ne an­de­re Per­son in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde.

aa) Im Hin­blick auf ei­ne - ins­be­son­de­re bei ei­ner Ein­stel­lung und Beförde­rung - zu tref­fen­de Aus­wah­l­ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers be­fin­den sich Per­so­nen grundsätz­lich be­reits dann in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on, wenn sie sich für die­sel­be Stel­le be­wor­ben ha­ben (vgl. auch BAG 17. Au­gust 2010 - 9 AZR 839/08 - Rn. 29). Be­reits des­halb kommt es, so­fern ein Be­wer­ber vor­ab aus­ge­nom­men und da­mit vor­zei­tig aus dem Be­wer­bungs­ver­fah­ren aus­ge-

 

- 7 - 

schlos­sen wur­de, nicht zwangsläufig auf ei­nen Ver­gleich mit dem/der letzt­lich ein­ge­stell­ten Be­wer­ber/in an.

bb) Ob ei­ne ver­gleich­ba­re Si­tua­ti­on iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 AGG nur dann vor­liegt, wenn der die Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG ver­lan­gen­de Be­wer­ber für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le auch „ob­jek­tiv ge­eig­net“ ist, kann im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren da­hin­ste­hen.

(1) Nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Se­nats ist für ei­ne Ver­gleich­bar­keit die am An­for­de­rungs­pro­fil der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le zu mes­sen­de „ob­jek­ti­ve Eig­nung“ des Be­wer­bers er­for­der­lich (vgl. et­wa BAG 23. Ja­nu­ar 2014 - 8 AZR 118/13 - Rn. 18; 14. No­vem­ber 2013 - 8 AZR 997/12 - Rn. 29; 26. Sep­tem­ber 2013 - 8 AZR 650/12 - Rn. 20 ff.; 21. Fe­bru­ar 2013 - 8 AZR 180/12 - Rn. 28, BA­GE 144, 275; 16. Fe­bru­ar 2012 - 8 AZR 697/10 - Rn. 35; 13. Ok­to­ber 2011 - 8 AZR 608/10 - Rn. 26; 7. April 2011 - 8 AZR 679/09 - Rn. 37; aus­drück­lich of­fen­ge­las­sen al­ler­dings von BAG 26. Ju­ni 2014 - 8 AZR 547/13 - Rn. 29). Dies hat der Se­nat im We­sent­li­chen da­mit be­gründet, dass ei­ne Be­nach­tei­li­gung nur an­ge­nom­men wer­den könne, wenn ei­ne Per­son, die an sich für die Tätig­keit ge­eig­net sei, nicht aus­gewählt oder nicht in Be­tracht ge­zo­gen wor­den sei. Könne hin­ge­gen auch ein ob­jek­tiv un­ge­eig­ne­ter Be­wer­ber im­ma­te­ri­el­le Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG ver­lan­gen, ste­he dies nicht im Ein­klang mit dem Schutz­zweck des AGG, das nur vor un­ge­recht­fer­tig­ter Be­nach­tei­li­gung schützen, nicht aber ei­ne un­red­li­che Ge­sin­nung des (po­ten­ti­el­len) Ar­beit­ge­bers sank­tio­nie­ren wol­le.

(2) Ob an die­ser Recht­spre­chung fest­ge­hal­ten wer­den kann, könn­te ua. be­reits des­halb zwei­fel­haft sein, weil § 15 Abs. 2 Satz 2 AGG den Entschädi­gungs­an­spruch für Per­so­nen, die „bei be­nach­tei­li­gungs­frei­er Aus­wahl nicht ein­ge­stellt wor­den“ wären, nicht aus­sch­ließt, son­dern le­dig­lich der Höhe nach be­grenzt. Zu­dem würde das Er­for­der­nis der „ob­jek­ti­ven Eig­nung“, da die Fest­stel­lung ei­ner „ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on“ nicht oh­ne Ver­gleichs­be­trach­tung aus­kom­men kann, wohl ei­ne par­al­le­le Über­prüfung der „ob­jek­ti­ven Eig­nung“ der ein­ge­la­de­nen Be­wer­ber und Be­wer­be­rin­nen nach sich zie­hen müssen. Ei­ne

 

- 8 - 

der­ar­ti­ge Prüfung und Ver­gleichs­be­trach­tung fin­det je­doch mögli­cher­wei­se we­der in den Be­stim­mun­gen des AGG - hier ins­be­son­de­re in der in § 22 AGG ge­trof­fe­nen „Be­weis­last“-Re­ge­lung - noch in den uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben, ins­be­son­de­re in de­nen der Richt­li­nie 2000/78/EG ei­ne hin­rei­chen­de Grund­la­ge.

(3) Die Fra­ge, ob ei­ne ver­gleich­ba­re Si­tua­ti­on iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 AGG nur dann an­ge­nom­men wer­den kann, wenn der Be­wer­ber für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le auch „ob­jek­tiv ge­eig­net“ ist, muss im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren je­doch nicht ent­schie­den wer­den, da der Kläger für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le ob­jek­tiv ge­eig­net ist. Dar­an ändert auch der Ein­wand des be­klag­ten Lan­des nichts, der Kläger sei für die Stel­le ei­ner/ei­nes Sach­be­ar­bei­te­rin/Sach­be­ar­bei­ters des ge­ho­be­nen Diens­tes „über­qua­li­fi­ziert“. Mit die­sem Ein­wand hat das be­klag­te Land die ob­jek­ti­ve Eig­nung des Klägers ge­ra­de nicht in­fra­ge ge­stellt, son­dern ein­geräumt, dass der Kläger über ei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on verfügt, die für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le mehr als aus­rei­chend war.

c) Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Se­nats liegt ei­ne Be­nach­tei­li­gung im Rah­men ei­ner Aus­wah­l­ent­schei­dung, ins­be­son­de­re bei ei­ner Ein­stel­lung oder Beförde­rung, be­reits dann vor, wenn der Beschäftig­te nicht in die Aus­wahl ein­be­zo­gen, son­dern vor­ab aus­ge­schie­den wird. Die Be­nach­tei­li­gung liegt hier in der Ver­sa­gung ei­ner Chan­ce (vgl. BAG 22. Au­gust 2013 - 8 AZR 563/12 - Rn. 36 mwN; 17. Au­gust 2010 - 9 AZR 839/08 - Rn. 29; 28. Mai 2009 - 8 AZR 536/08 - Rn. 31, BA­GE 131, 86). Be­wer­ber/in­nen ha­ben An­spruch auf ein dis­kri­mi­nie­rungs­frei­es Be­wer­bungs-/Stel­len­be­set­zungs­ver­fah­ren (vgl. BAG 23. Au­gust 2012 - 8 AZR 285/11 - Rn. 23; 3. April 2007 - 9 AZR 823/06 - Rn. 33, BA­GE 122, 54; vgl. auch BT-Drs. 12/5468 S. 44 zu § 611a BGB aF). Sind be­reits die Chan­cen ei­ner Be­wer­be­rin/ei­nes Be­wer­bers durch ein dis­kri­mi­nie­ren­des Ver­fah­ren be­ein­träch­tigt wor­den, kommt es re­gelmäßig nicht mehr dar­auf an, ob ei­ne nach § 1 AGG ver­bo­te­ne An­knüpfung bei der sich an das Aus­wahl­ver­fah­ren an­sch­ließen­den Ein­stel­lungs­ent­schei­dung noch ei­ne nach­weis­ba­re Rol­le ge­spielt hat (vgl. BVerfG 16. No­vem­ber 1993 - 1 BvR 258/86 - zu C I 2 c der Gründe, BVerfGE 89, 276 zu § 611a BGB aF für ge­schlechts­be­zo­ge­ne Be­nach­tei­li­gun­gen). Des­halb ist es auch oh­ne Be­deu­tung, ob es später

 

- 9 - 

im Zu­ge des Aus­wahl­ver­fah­rens tatsächlich zu ei­ner Ein­stel­lung oder Beschäfti­gung kommt (BAG 23. Au­gust 2012 - 8 AZR 285/11 - Rn. 23 mwN).

d) Das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 7 Abs. 1 AGG er­fasst nicht je­de Un­gleich­be­hand­lung, son­dern nur ei­ne Un­gleich­be­hand­lung „we­gen“ ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des. Zwi­schen der be­nach­tei­li­gen­den Be­hand­lung und ei­nem in § 1 AGG ge­nann­ten Grund muss dem­nach ein Kau­sal­zu­sam­men­hang be­ste­hen. Dafür ist es nicht er­for­der­lich, dass der be­tref­fen­de Grund iSv. § 1 AGG das aus­sch­ließli­che oder auch nur ein we­sent­li­ches Mo­tiv für das Han­deln des Be­nach­tei­li­gen­den ist; er muss nicht - ge­wis­ser­maßen als vor­herr­schen­der Be­weg­grund, Haupt­mo­tiv oder „Trieb­fe­der“ des Ver­hal­tens - hand­lungs­lei­tend oder be­wusst­seins­do­mi­nant ge­we­sen sein; viel­mehr ist der Kau­sal­zu­sam­men­hang be­reits dann ge­ge­ben, wenn die Be­nach­tei­li­gung an ei­nen Grund iSv. § 1 AGG an­knüpft oder durch die­sen mo­ti­viert ist, wo­bei die bloße Mit­ursächlich­keit genügt (vgl. et­wa BAG 26. Ju­ni 2014 - 8 AZR 547/13 - Rn. 34 mwN). Bei der Prüfung des Kau­sal­zu­sam­men­hangs sind al­le Umstände des Rechts­streits im Sin­ne ei­ner Ge­samt­be­trach­tung und -würdi­gung des Sach­ver­halts zu berück­sich­ti­gen (vgl. EuGH 25. April 2013 - C-81/12 - [Aso­cia­tia AC­CEPT] Rn. 50; 19. April 2012 - C-415/10 - [Meis­ter] Rn. 42, 44 f.; BAG 26. Ju­ni 2014 - 8 AZR 547/13 - Rn. 31 mwN).

e) Bei ei­nem Ver­s­toß ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, den hier­durch ent­stan­de­nen Scha­den zu er­set­zen, § 15 Abs. 1 AGG. Nach § 15 Abs. 2 AGG kann der oder die Beschäftig­te we­gen ei­nes Scha­dens, der nicht Vermögens­scha­den ist, ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung in Geld ver­lan­gen. Die Entschädi­gung darf bei ei­ner Nicht­ein­stel­lung drei Mo­nats­gehälter nicht über­stei­gen, wenn der oder die Beschäftig­te auch bei be­nach­tei­li­gungs­frei­er Aus­wahl nicht ein­ge­stellt wor­den wäre. Nach der Be­gründung des Ge­setz­ent­wurfs dient § 15 Abs. 2 AGG da­zu, die „For­de­run­gen der Richt­li­ni­en“ (hier ins­be­son­de­re Richt­li­nie 2000/78/EG) so­wie der Recht­spre­chung des Ge­richts­ho­fes der Eu­ropäischen Uni­on (ua. EuGH 22. April 1997 - C-180/95 - [Draehm­pa­ehl] Rn. 24, 39 f., Slg. 1997, I-2195) nach ei­ner wirk­sa­men und ver­schul­dens­un­abhängig aus­ge­stal­te­ten Sank­ti­on bei Ver­let-

 

- 10 - 

zung des Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­tes durch den Ar­beit­ge­ber um­zu­set­zen (BT-Drs. 16/1780 S. 38; vgl. auch BAG 18. Sep­tem­ber 2014 - 8 AZR 759/13 - Rn. 26 mwN; 16. Sep­tem­ber 2008 - 9 AZR 791/07 - Rn. 33 mwN, BA­GE 127, 367).

f) Für den Rechts­schutz bei Dis­kri­mi­nie­run­gen sieht § 22 AGG ei­ne Er­leich­te­rung der Dar­le­gungs­last, ei­ne Ab­sen­kung des Be­weis­maßes und ei­ne Um­kehr der Be­weis­last vor. Wenn im Streit­fall die ei­ne Par­tei In­di­zi­en be­weist, die ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des ver­mu­ten las­sen, trägt nach § 22 AGG die an­de­re Par­tei die Be­weis­last dafür, dass kein Ver­s­toß ge­gen die Be­stim­mun­gen zum Schutz vor Be­nach­tei­li­gung vor­ge­le­gen hat.

aa) Da­nach genügt ei­ne Per­son, die sich durch ei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hält, ih­rer Dar­le­gungs­last be­reits dann, wenn sie In­di­zi­en vorträgt, die mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit dar­auf schließen las­sen, dass ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des er­folgt ist (vgl. BAG 21. Ju­ni 2012 - 8 AZR 364/11 - Rn. 33, BA­GE 142, 158; 15. März 2012 - 8 AZR 37/11 - Rn. 65, BA­GE 141, 48). Be­steht die Ver­mu­tung ei­ner Be­nach­tei­li­gung, trägt die an­de­re Par­tei die Be­weis­last dafür, dass der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht ver­letzt wor­den ist (vgl. EuGH 25. April 2013 - C-81/12 - [Aso­cia­tia AC­CEPT] Rn. 55 mwN; 10. Ju­li 2008 - C-54/07 - [Fe­ryn] Rn. 32, Slg. 2008, I-5187; BAG 26. Sep­tem­ber 2013 - 8 AZR 650/12 - Rn. 27). Hierfür gilt je­doch das Be­weis­maß des sog. Voll­be­wei­ses (vgl. et­wa BAG 18. Sep­tem­ber 2014 - 8 AZR 753/13 - Rn. 33). Der Ar­beit­ge­ber muss dem­nach Tat­sa­chen vor­tra­gen und ggf. be­wei­sen, aus de­nen sich er­gibt, dass aus­sch­ließlich an­de­re als die in § 1 AGG ge­nann­ten Gründe zu ei­ner ungüns­ti­ge­ren Be­hand­lung geführt ha­ben. In dem Mo­tivbündel des (po­ten­ti­el­len) Ar­beit­ge­bers darf der be­tref­fen­de Grund we­der als ne­ga­ti­ves noch der feh­len­de Grund als po­si­ti­ves Kri­te­ri­um ent­hal­ten ge­we­sen sein (vgl. et­wa BAG 24. Ja­nu­ar 2013 - 8 AZR 188/12 - Rn. 41; 16. Fe­bru­ar 2012 - 8 AZR 697/10 - Rn. 58; 17. Au­gust 2010 - 9 AZR 839/08 - Rn. 45). Die Be­weiswürdi-

 

- 11 - 

gung er­folgt nach § 286 Abs. 1 Satz 1 ZPO un­ter Zu­grun­de­le­gung der Vor­ga­ben von § 22 AGG (vgl. BAG 26. Ju­ni 2014 - 8 AZR 547/13 - Rn. 32 ff. mwN).

bb) So­wohl die Würdi­gung der Tat­sa­chen­ge­rich­te, ob die von ei­nem Be­wer­ber/ei­ner Be­wer­be­rin vor­ge­tra­ge­nen und un­strei­ti­gen oder be­wie­se­nen Haupt- und/oder Hilfs­tat­sa­chen ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des ver­mu­ten las­sen, als auch de­ren Würdi­gung, ob die von dem Ar­beit­ge­ber sei­ner­seits vor­ge­brach­ten Tat­sa­chen den Schluss dar­auf zu-las­sen, dass kein Ver­s­toß ge­gen die Be­stim­mun­gen zum Schutz vor Be­nach­tei­li­gun­gen vor­ge­le­gen hat, sind nur ein­ge­schränkt re­vi­si­bel (vgl. et­wa BAG 22. Au­gust 2013 - 8 AZR 563/12 - Rn. 49 mwN, 63). In bei­den Fällen be­schränkt sich die re­vi­si­ons­recht­li­che Kon­trol­le dar­auf zu prüfen, ob das Lan­des­ar­beits­ge­richt sich den Vor­ga­ben von § 286 Abs. 1 ZPO ent­spre­chend mit dem Pro­zess­stoff um­fas­send aus­ein­an­der­ge­setzt hat, sei­ne Würdi­gung al­so vollständig und des Wei­te­ren recht­lich möglich und in sich wi­der­spruchs­frei ist und nicht ge­gen Rechtssätze, Denk­ge­set­ze oder Er­fah­rungssätze verstößt (st. Rspr., vgl. BAG 23. Ju­li 2015 - 6 AZR 457/14 - Rn. 29; 18. Sep­tem­ber 2014 - 8 AZR 759/13 - Rn. 30; 26. Ju­ni 2014 - 8 AZR 547/13 - Rn. 42 mwN; 27. März 2014 - 6 AZR 989/12 - Rn. 37; 26. Sep­tem­ber 2013 - 8 AZR 650/12 - Rn. 28; 22. Au­gust 2013 - 8 AZR 563/12 - Rn. 49; 21. Ju­ni 2012 - 8 AZR 364/11 - Rn. 34, BA­GE 142, 158).

2. In An­wen­dung die­ser Grundsätze ist die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, der Kläger sei nicht we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des - hier: der Be­hin­de­rung - be­nach­tei­ligt wor­den, re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den. Zwar hat der Kläger be­reits da­durch ei­ne ungüns­ti­ge­re Be­hand­lung er­fah­ren, dass er - an­ders als an­de­re Be­wer­ber - nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den und da­mit vor­ab aus dem Aus­wahl­ver­fah­ren aus­ge­schie­den wur­de; auch lie­gen hin­rei­chen­de In­di­zi­en vor, die ei­ne Be­nach­tei­li­gung des Klägers we­gen der Be­hin­de­rung ver­mu­ten las­sen. Das be­klag­te Land hat die­se Ver­mu­tung je­doch - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt in re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den­der Wei­se an­ge­nom­men hat - wi­der­legt und schul­det dem Kläger des­halb kei­ne Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG.

 

- 12 - 

a) Es lie­gen zwar hin­rei­chen­de In­di­zi­en vor, die ei­ne Be­nach­tei­li­gung des Klägers we­gen der Be­hin­de­rung ver­mu­ten las­sen.

aa) Die Ver­mu­tung, dass der Kläger we­gen der Be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt wur­de, ist be­reits des­halb be­gründet, weil das be­klag­te Land den Kläger ent­ge­gen der in § 82 Satz 2 SGB IX ge­re­gel­ten Ver­pflich­tung nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den hat.

(1) Be­wirbt sich ein schwer­be­hin­der­ter Mensch bei ei­nem öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber um ei­ne zu be­set­zen­de Stel­le, so hat die­ser ihn nach § 82 Satz 2 SGB IX zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den. Nach § 82 Satz 3 SGB IX ist ei­ne Ein­la­dung nur ent­behr­lich, wenn dem schwer­be­hin­der­ten Men­schen die fach­li­che Eig­nung of­fen­sicht­lich fehlt (zur Be­deu­tung näher BAG 12. Sep­tem­ber 2006 - 9 AZR 807/05 - Rn. 24 mwN, BA­GE 119, 262). Da­mit muss der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber ei­nem sich be­wer­ben­den schwer­be­hin­der­ten Men­schen die Chan­ce ei­nes Vor­stel­lungs­gesprächs auch dann gewähren, wenn des­sen fach­li­che Eig­nung zwar zwei­fel­haft, aber nicht of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen ist (BAG 12. Sep­tem­ber 2006 - 9 AZR 807/05 - aaO). In­so­weit ist der schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber im Be­wer­bungs­ver­fah­ren bes­ser ge­stellt als nicht schwer­be­hin­der­te Kon­kur­ren­ten.

Dem steht die Richt­li­nie 2000/78/EG auch dann nicht ent­ge­gen, wenn der an­de­re Be­wer­ber/die an­de­re Be­wer­be­rin be­hin­dert iSv. § 2 Abs. 1 SGB IX ist. Zwar ver­langt Art. 5 der Richt­li­nie 2000/78/EG von den Mit­glied­staa­ten, an-ge­mes­se­ne Vor­keh­run­gen für Men­schen mit Be­hin­de­rung zu tref­fen, um den Zu­gang zur Beschäfti­gung zu gewähr­leis­ten; al­ler­dings ge­stat­tet Art. 7 der Richt­li­nie po­si­ti­ve Maßnah­men, die das Ziel ha­ben, ei­ner Ein­glie­de­rung von Men­schen mit Be­hin­de­rung in die Ar­beits­welt zu die­nen oder die­se Ein­glie­de­rung zu fördern. Wel­che Maßnah­men und Vor­keh­run­gen der Mit­glied­staat im Ein­zel­nen zu tref­fen hat, ist da­bei nicht vor­ge­ge­ben (vgl. BAG 18. No­vem­ber 2008 - 9 AZR 643/07 - Rn. 48

(2) Die Ver­let­zung der in § 82 Satz 2 SGB IX ge­re­gel­ten Ver­pflich­tung ei­nes öffent­li­chen Ar­beit­ge­bers, ei­ne/n schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber/in zu ei­nem

 

- 13 - 

Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den, be­gründet grundsätz­lich die Ver­mu­tung ei­ner Be­nach­tei­li­gung we­gen der Be­hin­de­rung. Die­se Pflicht­ver­let­zung ist nämlich grundsätz­lich ge­eig­net, den An­schein zu er­we­cken, an der Beschäfti­gung schwer­be­hin­der­ter Men­schen un­in­ter­es­siert zu sein (vgl. BAG 26. Ju­ni 2014 - 8 AZR 547/13 - Rn. 45 mwN).

(3) Das be­klag­te Land war nach § 82 Satz 2 SGB IX ver­pflich­tet, den schwer­be­hin­der­ten Kläger zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den. Von die­ser Ver­pflich­tung war es nicht nach § 82 Satz 3 SGB IX ent­bun­den. Ei­ne Ein­la­dung zum Vor­stel­lungs­gespräch war da­nach nicht ent­behr­lich. Dem Kläger fehl­te - wie un­ter Rn. 22 aus­geführt - nicht of­fen­sicht­lich die fach­li­che Eig­nung für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le, son­dern er war - im Ge­gen­teil - über­qua­li­fi­ziert, verfügte al­so über ei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on, die für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le mehr als aus­rei­chend war.

bb) Zu Recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ein wei­te­res In­diz für ei­ne Be­nach­tei­li­gung des Klägers we­gen der Be­hin­de­rung dar­in ge­se­hen, dass das be­klag­te Land die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ent­ge­gen den in § 81 Abs. 1 Satz 4, § 95 Abs. 2 Satz 1 SGB IX ge­trof­fe­nen Be­stim­mun­gen nicht über die Be­wer­bung des Klägers un­ter­rich­tet hat.

(1) Das be­klag­te Land war nach § 81 Abs. 1 Satz 4, § 95 Abs. 2 Satz 1 SGB IX ver­pflich­tet, die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung über die Be­wer­bung des Klägers zu un­ter­rich­ten.

Nach § 81 Abs. 1 Satz 4 SGB IX hat der Ar­beit­ge­ber die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ua. über vor­lie­gen­de Be­wer­bun­gen schwer­be­hin­der­ter Men­schen un­mit­tel­bar nach Ein­gang zu un­ter­rich­ten. Nach § 95 Abs. 2 Satz 1 SGB IX muss der Ar­beit­ge­ber die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung in al­len An­ge­le­gen­hei­ten, die ei­nen ein­zel­nen oder die schwer­be­hin­der­ten Men­schen als Grup­pe berühren, un­verzüglich und um­fas­send un­ter­rich­ten. § 95 Abs. 2 Satz 1 SGB IX ist ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung des in § 99 Abs. 1 SGB IX ver­an­ker­ten Grund­sat­zes der en­gen Zu­sam­men­ar­beit von Ar­beit­ge­ber, Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung und Be­triebs- oder Per­so­nal­rat, der die Teil­ha­be­chan­cen schwer­be­hin­der-

 

- 14 - 

ter Men­schen si­cher­stel­len soll. Die für die Ein­glie­de­rung schwer­be­hin­der­ter Men­schen zuständi­ge Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung (§ 95 Abs. 1 Satz 1 SGB IX) soll an der Wil­lens­bil­dung des Ar­beit­ge­bers mit­wir­ken. Die Un­ter­rich­tungs- und Anhörungs­rech­te sol­len es der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ermögli­chen, auf ei­ne sach­dien­li­che Be­hand­lung hin­zu­wir­ken, wenn die spe­zi­fi­schen Be­lan­ge ei­nes schwer­be­hin­der­ten Men­schen oder der schwer­be­hin­der­ten Beschäftig­ten als Grup­pe für die Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers er­heb­lich sind. Da­durch sol­len be­hin­de­rungs­be­ding­te Nach­tei­le aus­ge­gli­chen und glei­che Teil­ha­be­chan­cen eröff­net wer­den (vgl. et­wa BAG 22. Au­gust 2013 - 8 AZR 574/12 - Rn. 35; 17. Au­gust 2010 - 9 ABR 83/09 - Rn. 18, BA­GE 135, 207).

Die aus § 81 Abs. 1 Satz 4, § 95 Abs. 2 SGB IX fol­gen­de Ver­pflich­tung des be­klag­ten Lan­des, die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung über die Be­wer­bung des Klägers zu un­ter­rich­ten, war ent­ge­gen der An­sicht des be­klag­ten Lan­des nicht da­durch ent­fal­len, dass die­ses mit der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ei­ne Ver­ein­ba­rung ge­trof­fen hat­te, wo­nach die­se nur über die in die nähe­re Aus­wahl kom­men­den Be­wer­ber in­for­miert wer­den muss­te. Nur der schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber kann auf ei­ne Be­tei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ver­zich­ten, die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung selbst hat dem­ge­genüber kei­ne Ver­zichtsmöglich­keit (BAG 22. Au­gust 2013 - 8 AZR 574/12 - Rn. 47). Dies folgt aus § 81 Abs. 1 Satz 10 SGB IX, wo­nach die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung bei Be­wer­bun­gen schwer­be­hin­der­ter Men­schen nur dann nicht zu be­tei­li­gen ist, wenn der schwer­be­hin­der­te Mensch die Be­tei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung aus­drück­lich ab­lehnt.

(2) Un­terlässt es der Ar­beit­ge­ber - wie hier - ent­ge­gen § 81 Abs. 1, § 95 Abs. 2 SGB IX, die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung zu be­tei­li­gen, so ist dies nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ein In­diz iSd. § 22 AGG, das mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit dar­auf schließen lässt, dass der schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber we­gen der Be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt wur­de (vgl. et­wa BAG 22. Au­gust 2013 - 8 AZR 574/12 - Rn. 35; 15. Fe­bru­ar 2005 - 9 AZR 635/03 - zu B IV 1 b bb (2) der Gründe, BA­GE 113, 361).

 

- 15 - 

b) Vor­lie­gend kann da­hin­ste­hen, ob sich ein In­diz für ei­ne Be­nach­tei­li­gung des Klägers we­gen der Be­hin­de­rung zu­dem dar­aus er­gibt, dass das be­klag­te Land ge­gen die aus § 81 Abs. 1 Satz 2, § 82 Satz 1 SGB IX fol­gen­de Ver­pflich­tung ver­s­toßen hat, die zu be­set­zen­de Stel­le der Bun­des­agen­tur für Ar­beit zu mel­den. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat an­ge­nom­men, das be­klag­te Land ha­be die aus sämt­li­chen - dh. auch aus den zu­guns­ten des Klägers un­ter­stell­ten - In­di­zi­en fol­gen­de Ver­mu­tung der Kau­sa­lität der Be­hin­de­rung für die Be­nach­tei­li­gung des Klägers wi­der­legt. Die­se Würdi­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

aa) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat an­ge­nom­men, un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten In­halts der Ver­hand­lun­gen, insb. der vom be­klag­ten Land zur Ak­te ge­reich­ten Be­wer­ber­ma­trix und des Er­geb­nis­ses der Be­weis­auf­nah­me ste­he fest, dass der Kläger aus­sch­ließlich auf­grund per­so­nal­po­li­ti­scher Erwägun­gen, die zu­dem nicht sei­ne fach­li­che Eig­nung beträfen, in dem Aus­wahl­ver­fah­ren nicht berück­sich­tigt wor­den sei. Er sei - wie ei­ne Rei­he an­de­rer Be­wer­ber und Be­wer­be­rin­nen mit Schwer­be­hin­de­rung oder oh­ne Schwer­be­hin­de­rung - aus­sch­ließlich we­gen sei­nes uni­ver­sitären Ab­schlus­ses nicht berück­sich­tigt wor­den. Ein uni­ver­sitärer Ab­schluss wer­de nur dann vor­aus­ge­setzt, wenn ei­ne Stel­le des „höhe­ren Diens­tes“ aus­ge­schrie­ben wer­de, nicht hin­ge­gen bei der Aus­schrei­bung ei­ner Stel­le des „ge­ho­be­nen Diens­tes“. Der Kläger sei dem­nach für die für den ge­ho­be­nen Dienst aus­ge­schrie­be­ne Stel­le „über­qua­li­fi­ziert“ ge­we­sen. Beim be­klag­ten Land be­ste­he ei­ne Pra­xis, wo­nach in die­sem Sin­ne über­qua­li­fi­zier­te Be­wer­ber von vorn­her­ein von der Aus­wahl aus­ge­schlos­sen sei­en. Die­se Pra­xis die­ne da­zu, der Ge­fahr ei­ner Frus­tra­ti­on we­gen man­geln­der Aus­las­tung bei dem Be­wer­ber/der Be­wer­be­rin so­wie der Ge­fahr von „Rang­ord­nungskämp­fen“ zwi­schen den Beschäftig­ten und ei­nem bes­ser qua­li­fi­zier­ten „Neu­en“ vor­zu­beu­gen. Zu­dem wir­ke sich aus, dass das be­klag­te Land zwei schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber mit ei­nem GdB von 50 bzw. 70, die nicht über ei­nen uni­ver­sitären Ab­schluss, son­dern über ei­nen Ab­schluss auf dem Ni­veau ei­nes Fach­hoch­schul­stu­di­ums verfügten, zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den ha­be.

 

- 16 - 

bb) Die Würdi­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts lässt re­vi­si­ble Rechts­feh­ler nicht er­ken­nen. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat sich mit dem Pro­zess­stoff und dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me um­fas­send aus­ein­an­der­ge­setzt. Sei­ne Be­weiswürdi­gung ist vollständig, recht­lich möglich und in sich wi­der­spruchs­frei und verstößt nicht ge­gen Rechtssätze, Denk­ge­set­ze oder Er­fah­rungssätze.

(1) Ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung des Klägers be­geg­net die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, dass die vom be­klag­ten Land für die Her­aus­nah­me des Klägers aus dem wei­te­ren Aus­wahl­ver­fah­ren an­geführ­ten Gründe nicht die fach­li­che Eig­nung des Klägers be­tref­fen, kei­nen recht­li­chen Be­den­ken.

(a) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist zunächst in Übe­rein­stim­mung mit der Recht­spre­chung des Se­nats zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, dass es zur Wi­der­le­gung der auf den Ver­s­toß ge­gen § 82 Satz 2 SGB IX gestütz­ten Kau­sa­litäts­ver­mu­tung nicht aus­ge­reicht hätte, wenn das be­klag­te Land Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen und be­wie­sen hätte, aus de­nen sich er­gab, dass aus­sch­ließlich an­de­re Gründe als die Be­hin­de­rung für die Be­nach­tei­li­gung des Klägers aus­schlag­ge­bend wa­ren, son­dern dass hin­zu­kom­men muss­te, dass die­se Gründe nicht die fach­li­che Eig­nung des Klägers be­tra­fen (vgl. et­wa BAG 24. Ja­nu­ar 2013 - 8 AZR 188/12 - Rn. 42; 16. Fe­bru­ar 2012 - 8 AZR 697/10 - Rn. 59). Die­se zusätz­li­che An­for­de­rung folgt aus der in § 82 Satz 3 SGB IX ge­trof­fe­nen Be­stim­mung, wo­nach ei­ne Ein­la­dung des schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bers zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch nur dann ent­behr­lich ist, wenn dem Be­wer­ber die fach­li­che Eig­nung of­fen­sicht­lich fehlt. § 82 Satz 3 SGB IX enthält in­so­weit ei­ne ab­sch­ließen­de Re­ge­lung, die be­wirkt, dass sich der (po­ten­ti­el­le) Ar­beit­ge­ber zur Wi­der­le­gung der in­fol­ge der Ver­let­zung des § 82 Satz 2 SGB IX ver­mu­te­ten Kau­sa­lität nicht auf Umstände be­ru­fen kann, die die fach­li­che Eig­nung des Be­wer­bers berühren. Die Wi­der­le­gung die­ser Ver­mu­tung setzt da­her den Nach­weis vor­aus, dass die Ein­la­dung zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch auf­grund von Umständen un­ter­blie­ben ist, die we­der ei­nen Be­zug zur Be­hin­de­rung auf­wei­sen noch die fach­li­che Eig­nung des Be­wer­bers berühren. Die­se Ein­schränkung gilt al­ler­dings nur für den Be­reich des öffent­li­chen Diens­tes und nicht für pri­va­te Ar­beit­ge­ber.

 

- 17 - 

(b) Die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, dass die vom be­klag­ten Land für die Her­aus­nah­me des Klägers aus dem Aus­wahl­ver­fah­ren an­geführ­ten Gründe nicht die fach­li­che Eig­nung des Klägers be­tref­fen, lässt re­vi­si­ble Rechts­feh­ler nicht er­ken­nen.

Un­ter fach­li­cher Eig­nung ist die auf­grund ei­ner Aus­bil­dung oder auf­grund von Be­rufs­er­fah­rung er­wor­be­ne Fähig­keit zu ver­ste­hen, die ge­stell­ten Auf­ga­ben bewälti­gen zu können. Maßgeb­lich sind in­so­weit die Aus­bil­dungs- oder Prüfungs­vor­aus­set­zun­gen für die zu be­set­zen­de Stel­le, die durch die in der Stel­len­aus­schrei­bung ge­for­der­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­merk­ma­le kon­kre­ti­siert wer­den (vgl. BAG 21. Ju­li 2009 - 9 AZR 431/08 - Rn. 24, BA­GE 131, 232; 12. Sep­tem­ber 2006 - 9 AZR 807/05 - Rn. 25, BA­GE 119, 262). Die­se Fähig­keit spricht das be­klag­te Land dem Kläger nicht ab. Es stellt nicht in Ab­re­de, dass der Kläger auf­grund sei­ner Aus­bil­dung in der La­ge wäre, die im Rah­men der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le zu er­le­di­gen­den Auf­ga­ben zu bewälti­gen. Das be­klag­te Land stützt sei­ne Ent­schei­dung, Be­wer­ber mit ei­ner be­stimm­ten Qua­li­fi­ka­ti­on nicht zu berück­sich­ti­gen, viel­mehr al­lein auf per­so­nal­po­li­ti­sche Gründe, die die fach­li­che Eig­nung der Be­wer­ber/Be­wer­be­rin­nen nicht be­tref­fen. Zwar stellt es in­so­weit for­mal auf ei­nen be­stimm­ten Aus­bil­dungs­ab­schluss ab und macht gel­tend, der Kläger sei „über­qua­li­fi­ziert“, in­halt­lich - und nur dar­auf und nicht auf die Be­zeich­nung kommt es an - be­tref­fen die von ihm an­geführ­ten Erwägun­gen aber aus­nahms­los Gründe der Per­so­nal­po­li­tik, die die Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit und ei­ne nach­hal­ti­ge Per­so­nal­pla­nung zum Ziel ha­ben. Das be­klag­te Land befürch­tet, „über­qua­li­fi­zier­te“ Mit­ar­bei­ter könn­ten auf­grund der Wahr­neh­mung nicht ih­rer Qua­li­fi­ka­ti­on ent­spre­chen­der Auf­ga­ben frus­triert wer­den. Darüber hin­aus geht es ihm dar­um, „Rang­ord­nungskämp­fe“ zwi­schen den for­mal un­ter­schied­lich qua­li­fi­zier­ten Mit­ar­bei­tern so­wie ei­ne Ver­drängung der Be­wer­ber „von oben nach un­ten“ bei der Be­set­zung von Beförde­rungs­stel­len zu ver­mei­den. Zu­dem ver­folgt das be­klag­te Land das Ziel, Be­wer­ber aus­zuwählen, die sich in­ner­halb ei­ner Lauf­bahn fort­ent­wi­ckeln wol­len und können und nicht von vorn­her­ein den Auf­stieg in die höhe­re, ih­rer for­ma­len Qua­li­fi­ka­ti­on ent­spre­chen­de Lauf­bahn an­stre­ben.

 

- 18 - 

(2) Das be­klag­te Land war auch nicht aus Rechts­gründen ge­hin­dert, sich zur Wi­der­le­gung der Ver­mu­tung der Kau­sa­lität der Be­hin­de­rung des Klägers für des­sen ungüns­ti­ge­re Be­hand­lung auf die von ihm gel­tend ge­mach­ten per­so­nal­po­li­ti­schen Erwägun­gen zu be­ru­fen. Ins­be­son­de­re wa­ren die­se Erwägun­gen - ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung des Klägers - nicht an den Vor­ga­ben von Art. 33 Abs. 2 GG zu mes­sen, wo­nach je­der Deut­sche nach sei­ner Eig­nung, Befähi­gung und fach­li­chen Leis­tung glei­chen Zu­gang zu je­dem öffent­li­chen Amt hat und der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet wird, je­de Be­wer­bung nach die­sen Kri­te­ri­en zu be­ur­tei­len.

Zwar können für die Fra­ge, mit wel­chen Tat­sa­chen ein öffent­li­cher Ar­beit­ge­ber die Ver­mu­tung ei­ner Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des wi­der­le­gen kann, grundsätz­lich auch die Be­son­der­hei­ten des Be­wer­bungs­ver­fah­rens für ein öffent­li­ches Amt iSv. Art. 33 Abs. 2 GG von Be­deu­tung sein (vgl. et­wa BAG 24. Ja­nu­ar 2013 - 8 AZR 188/12 - Rn. 42). Be­ruft sich der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber aber - wie hier - zur Wi­der­le­gung der Kau­sa­litäts­ver­mu­tung, die auf Verstößen ge­gen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten be­ruht, die zur Förde­rung der Chan­cen schwer­be­hin­der­ter Men­schen in kon­kre­ten Stel­len­be­set­zungs­ver­fah­ren ge­schaf­fen wur­den, auf Gründe der Per­so­nal­po­li­tik, die nicht an die Kri­te­ri­en des Art. 33 Abs. 2 GG an­knüpfen, muss er nicht dar­le­gen und im Be­strei­tens­fall be­wei­sen, dass er den Grund­satz der Bes­ten­aus­le­se ge­wahrt hat. Je­den­falls in ei­nem sol­chen Fall reicht es aus, wenn der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber Tat­sa­chen vorträgt und ggf. be­weist, aus de­nen sich er­gibt, dass es aus­sch­ließlich an­de­re Gründe wa­ren als die Be­hin­de­rung, die zu der we­ni­ger güns­ti­gen Be­hand­lung geführt ha­ben, und in sei­nem Mo­tivbündel we­der die Be­hin­de­rung als ne­ga­ti­ves noch die feh­len­de Be­hin­de­rung als po­si­ti­ves Kri­te­ri­um ent­hal­ten war (vgl. et­wa BAG 22. Au­gust 2013 - 8 AZR 563/12 - Rn. 64 f.). Des un­ge­ach­tet wi­der­spricht es nicht Art. 33 Abs. 2 GG, wenn die öffent­li­che Ver­wal­tung im Rah­men der ihr zu­ste­hen­den Per­so­nal- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­ho­heit den Kreis der nach Eig­nung, Befähi­gung und fach­li­cher Leis­tung zu ver­glei­chen­den Be­wer­ber um ein öffent­li­ches Amt auf­grund sach­li­cher Erwägun­gen ein­engt (BVerfG 11. No­vem­ber 1999 - 2 BvR 1992/99 - zu 2 der Gründe; vgl.

 

- 19 - 

BVerwG 21. Ok­to­ber 2010 - 1 WB 18/10 - Rn. 31, BVerw­GE 138, 70). Sol­che Erwägun­gen lie­gen hier vor. Per­so­nal­po­li­ti­sche Erwägun­gen, die die Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit und ei­ne nach­hal­ti­ge Per­so­nal­pla­nung zum Ziel ha­ben, sind nicht sach­wid­rig.

Aus den Ur­tei­len des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 16. Sep­tem­ber 2008 (- 9 AZR 791/07 - Rn. 30, BA­GE 127, 367) so­wie vom 12. Sep­tem­ber 2006 (- 9 AZR 807/05 - Rn. 29, BA­GE 119, 262) folgt nichts Ab­wei­chen­des. Die­se Ent­schei­dun­gen sind zum Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 81 SGB IX in der bis zum 17. Au­gust 2006 gel­ten­den Fas­sung (im Fol­gen­den aF) er­gan­gen. Da­nach trug der Ar­beit­ge­ber die Be­weis­last dafür, dass nicht auf die Be­hin­de­rung be­zo­ge­ne, sach­li­che Gründe ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung recht­fer­tig­ten (§ 81 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 Satz 3 SGB IX aF). In § 81 Abs. 2 SGB IX in der ab dem 18. Au­gust 2006 gel­ten­den Fas­sung heißt es dem­ge­genüber, dass Ar­beit­ge­ber schwer­be­hin­der­te Beschäftig­te nicht we­gen ih­rer Be­hin­de­rung be­nach­tei­li­gen dürfen und dass im Ein­zel­nen hier­zu die Re­ge­lun­gen des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes gel­ten. Da­nach kann der Ar­beit­ge­ber die Kau­sa­litäts­ver­mu­tung auch mit Gründen wi­der­le­gen, die die Be­nach­tei­li­gung nicht oh­ne Wei­te­res sach­lich recht­fer­ti­gen (vgl. BAG 21. Ju­li 2009 - 9 AZR 431/08 - Rn. 38, BA­GE 131, 232).

(3) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt durf­te schließlich bei sei­ner Würdi­gung, ob das be­klag­te Land die Kau­sa­litäts­ver­mu­tung wi­der­legt hat­te, auch den Um­stand mit­berück­sich­ti­gen, dass die bei­den wei­te­ren schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber, die nicht über ei­nen uni­ver­sitären Ab­schluss verfügten, dem­nach nicht „über­qua­li­fi­ziert“ wa­ren, zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den wor­den wa­ren. Auch wenn die­ser Um­stand für sich ge­nom­men mögli­cher­wei­se nicht aus­reicht, die durch die Nicht­ein­la­dung ei­nes schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bers be­gründe­te Ver­mu­tung zu wi­der­le­gen (vgl. BAG 24. Ja­nu­ar 2013 - 8 AZR 188/12 - Rn. 46), spricht er je­den­falls ge­gen ei­ne po­si­ti­ve Berück­sich­ti­gung der feh­len­den Be­hin­de­rung an­de­rer Be­wer­ber (vgl. BAG 21. Ju­li 2009 - 9 AZR 431/08 - Rn. 48, BA­GE 131, 232).

 

- 20 - 

C. Der Kläger hat nach § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­ner er­folg­lo­sen Re­vi­si­on zu tra­gen.

 

Schlewing 

Win­ter 

Vo­gel­sang

R. Kandler 

B. Wein

Weitere Auskünfte erteilen Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Kontakt:
030 / 26 39 620
hensche@hensche.de
Christoph Hildebrandt
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Kontakt:
030 / 26 39 620
hildebrandt@hensche.de
Nina Wesemann
Rechtsanwältin
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Kontakt:
040 / 69 20 68 04
wesemann@hensche.de

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 8 AZR 194/14