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HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

BAG, Ur­teil vom 20.05.2009, 4 AZR 230/08

   
Schlagworte: Tarifvertrag, Arbeitsvertrag
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 4 AZR 230/08
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 20.05.2009
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Paderborn, 9. Februar 2007, Az: 2 Ca 1282/06, Urteil Landesarbeitsgericht Hamm (Westfalen) 18. Kammer, 7. November 2007, Az: 18 Sa 508/07, Urteil
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


4 AZR 230/08
18 Sa 508/07
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Hamm

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

20. Mai 2009

UR­TEIL

Gaßmann, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläge­rin, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Vier­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 20. Mai 2009 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Be­p­ler, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Tre­ber, die
 


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Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Win­ter so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Schmalz und Drechs­ler für Recht er­kannt:

1. Auf die Re­vi­si­on der Kläge­rin wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 7. No­vem­ber 2007 - 18 Sa 508/07 - in­so­weit auf­ge­ho­ben, als das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Pa­der­born vom 9. Fe­bru­ar 2007 - 2 Ca 1282/06 - hin­sicht­lich der Zah­lung von 372,35 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro-zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 1. Sep­tem­ber 2006 und der Gut­schrift von zwei zusätz­li­chen Ta­gen für das Ur­laubs­jahr 2006 auf dem Ur­laubs­kon­to der Kläge­rin zurück­ge­wie­sen hat.

Auf die Be­ru­fung der Kläge­rin wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Pa­der­born vom 9. Fe­bru­ar 2007 - 2 Ca 1282/06 - teil­wei­se ab­geändert und klar­stel­lend wie folgt neu ge­fasst:

a) Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 372,35 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 1. Sep­tem­ber 2006 zu zah­len.

b) Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, der Kläge­rin für das Ur­laubs­jahr 2006 zusätz­lich zwei Ur­laubs­ta­ge zu ge-währen.

c) Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

2. Die wei­ter­ge­hen­de Re­vi­si­on der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 7. No­vem­ber 2007 - 18 Sa 508/07 - wird zurück­ge­wie­sen.


3. Die Kos­ten der ers­ten In­stanz ha­ben die Kläge­rin zu 55 % und die Be­klag­te zu 45 % zu tra­gen. Die Kos­ten des Be­ru­fungs- und des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens ha­ben die Kläge­rin und die Be­klag­te je­weils zur Hälf­te zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!


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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über ta­rif­li­che Ansprüche auf Vergütung für die Mo­na­te Ja­nu­ar bis Ju­ni 2006, Ur­laubs­geld und die Gut­schrift von Ur­laubs­ta­gen.


Die Kläge­rin ist seit 1990 bei der Be­klag­ten, die meh­re­re Möbelhäuser be­treibt, als Schau­wer­be­ge­stal­te­rin, zu­letzt in Teil­zeit, beschäftigt. Der Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en vom 2. Mai 1990 enthält ei­ne Re­ge­lung, nach der die Ta­rif­verträge für die Beschäftig­ten im Ein­zel­han­del des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len in ih­rer je­weils gel­ten­den Fas­sung und de­ren Nach­fol­ge­verträge Be­stand­teil des Ar­beits­ver­trags sind. Die Kläge­rin erhält Vergütung nach der Ge­halts­grup­pe I - ab dem 6. Be­rufs­jahr - des Ge­halts­ta­rif­ver­tra­ges für den Ein­zel­han­del in Nord­rhein-West­fa­len (GTV). Das Brut­to­mo­nats­ent­gelt der Kläge­rin be­trug zu­letzt 1.059,85 Eu­ro. Seit dem 1. März 2005 ist sie Mit­glied der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di. Die Be­klag­te ist Mit­glied des Ein­zel­han­dels­ver­ban­des Ost­west­fa­len-Lip­pe, der Mit­glied im Ein­zel­han­dels­ver­band Nord­rhein-West­fa­len ist.

Mit Schrei­ben vom 20. Sep­tem­ber 2004 erklärte die Be­klag­te ge­genüber dem Ein­zel­han­dels­ver­band Ost­west­fa­len-Lip­pe den Aus­schluss der Ta­rif­bin­dung zum Ab­lauf des auf den Zu­gang die­ser Erklärung fol­gen­den Mo­nats. Mit Schrei­ben vom 23. Sep­tem­ber 2004 bestätig­te der Ver­band die An­nah­me des An­trags zum Wech­sel in die Mit­glied­schaft oh­ne Ta­rif­bin­dung (OT-Mit­glied­schaft). Seit dem 1. No­vem­ber 2004 wird die Be­klag­te als Mit­glied oh­ne Ta­rif­bin­dung geführt.

Die Sat­zung des Ein­zel­han­dels­ver­ban­des Ost­west­fa­len-Lip­pe e.V. lau­te­te im Sep­tem­ber 2004 aus­zugs­wei­se wie folgt:

„§ 1 Na­me, Sitz, Geschäfts­jahr, Ge­richts­stand ...
5. Der Ver­band ist Mit­glied im Ein­zel­han­dels­ver­band
Nord­rhein-West­fa­len e. V.
...

§ 2 Zweck des Ver­ban­des
1. Der Ver­band ist Ar­beit­ge­ber-, Be­rufs- und Wirt­schafts­ver­band. Zweck des Ver­ban­des ist die Ver­tre­tung der In­ter­es­sen al­ler Bran­chen, Be­triebs­for­men und -größen des Ein­zel­han­dels so­wie die Be­treu­ung sei­ner Mit­glie­der.


Auf­ga­ben des Ver­ban­des sind ins­be­son­de­re: ...

i) Mit­ar­beit in den Or­ga­nen und Gre­mi­en der Ver­bands­or­ga­ni­sa­ti­on, z. B. Be­tei­li­gung am Ab­schluß von Ta­rif­verträgen in den Gre­mi­en des Lan­des­ver­ban­des.

j) Die Be­ra­tung und Be­treu­ung im Zu­sam­men-hang mit dem Ab­schluß un­ter­neh­mens- bzw. kon­zern­be­zo­ge­ner Ta­rif­verträge.
...

§ 3 Er­werb der Mit­glied­schaft ...
2. Die Mit­glied­schaft wird durch schrift­li­che Bei­tritts­erklärung un­ter An­er­ken­nung der Rech­te und Pflich­ten der Sat­zung er­wor­ben. Über die Auf­nah­me ent­schei­det der Vor­stand. Die Mit­glied­schaft im Sin­ne des Ab­sat­zes 1. kann als ei­ne sol­che mit Ta­rif­bin­dung (T-Mit­glied­schaft) oder als ei­ne oh­ne Ta­rif­bin­dung (OT-Mit­glied­schaft) be­gründet wer­den. Der Wech­sel von ei­ner T-Mit­glied­schaft zu ei­ner OT-Mit­glied­schaft und um­ge­kehrt kann nur un­ter Ein­hal­tung ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats erklärt wer­den. Über den An­trag auf Auf­nah­me in den Ver­band oder Wech­sel der Mit­glied­schaft (T nach OT oder um­ge­kehrt), ent­schei­det der Vor­stand. ...
...


§ 5 Rech­te und Pflich­ten der Mit­glie­der
1. Al­le Mit­glie­der gemäß § 3 Nr. 1 ha­ben glei­che Rech­te. Die Mit­glie­der ha­ben im Rah­men des Ver­bands­zwecks und der Auf­ga­ben An­spruch auf Ver­tre­tung, Be­ra­tung und Förde­rung in al­len den Ein­zel­han­del be­tref­fen­den Fra­gen.

2. Die Mit­glie­der sind ver­pflich­tet, die Sat­zung und die im Rah­men der Sat­zung ge­faßten Be­schlüsse der Or­ga­ne zu be­ach­ten.
 


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Die Mit­glie­der sind ins­be­son­de­re ver­pflich­tet, die durch die Bei­trags­ord­nung fest­ge­setz­ten Beträge zu ent­rich­ten so­wie die hier­zu er­for­der­li­chen Auskünf­te zu er­tei­len. In Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten be­ste­hen Rech­te und Pflich­ten nur für T-Mit­glie­der. OT-Mit­glie­der ha­ben in Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten kein Stimm­recht.
...


§ 7 Or­ga­ne des Ver­ban­des Or­ga­ne des Ver­ban­des sind:
1. De­le­gier­ten­ver­samm­lung

2. Vor­stand
Die Mit­glie­der der Or­ga­ne üben ih­re Tätig­keit eh­ren­amt­lich aus.
...

§ 8 De­le­gier­ten­ver­samm­lung
1. Grund­satz­fra­gen des Ver­ban­des wer­den durch die De­le­gier­ten­ver­samm­lung be­han­delt.

2. Der De­le­gier­ten­ver­samm­lung gehören an:

a) die Vorstände der ört­li­chen und re­gio­na­len Ver­ei­ni­gung im Ver­bands­ge­biet,

b) die vom Vor­stand be­stell­ten Fach­be­auf­trag­ten,

c) die Mit­glie­der des Vor­stan­des. ...

§ 9 Vor­stand
1. Der Vor­stand be­steht aus dem Vor­sit­zen­den, sei­nem Stell­ver­tre­ter so­wie bis zu 5 wei­te­ren Mit­glie­dern.

2. Vor­stand im Sin­ne von § 26 BGB ist der Vor­sit­zen­de und sein Stell­ver­tre­ter. Je­der ist ein­zeln ver­tre­tungs­be­rech­tigt.“

Im März 2005 traf die Be­klag­te mit fast al­len Ar­beit­neh­mern im We­sent­li­chen gleich­lau­ten­de Ver­ein­ba­run­gen zur Ände­rung des Ar­beits­ver­tra­ges. Mit ih­nen wur­de die wöchent­li­che Ar­beits­zeit für voll­zeit­beschäftig­te Ar­beit­neh­mer auf 40 St­un­den an­ge­ho­ben. Nach der mit der Kläge­rin ge­schlos­se­nen Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 wird die­se ab dem 1. April 2005 mit ei­ner wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 21,5 St­un­den statt zu­vor 20 St­un­den bei un­veränder­ter mo­nat­li­cher Brut­to­vergütung beschäftigt, ein et­wa bis­her be­ste­hen­der An­spruch
 


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auf Ur­laubs- und Weih­nachts­geld soll nach der Ver­ein­ba­rung ent­fal­len. Der Ur­laubs­an­spruch wird auf 28 Ar­beits­ta­ge pro Ka­len­der­jahr fest­ge­legt. „Im Hin­blick auf die Ver­ein­ba­rung zur Ände­rung des Ar­beits­ver­trags“ ver­zich­te­te die Be­klag­te schrift­lich ge­genüber der Kläge­rin auf den Aus­spruch ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung bis zum 28. Fe­bru­ar 2007.

Der für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärte Ta­rif­ver­trag über Son­der­zah­lun­gen (Ur­laubs­geld und Son­der­zu­wen­dung) vom 20. Sep­tem­ber 1996 (TV Son­der­zah­lung 1996), ab­ge­schlos­sen zwi­schen dem Ein­zel­han­dels­ver­band Nord­rhein und dem Lan­des­ver­band des Westfälisch-Lip­pi­schen Ein­zel­han­dels - bei­de Vorläufer des heu­ti­gen Ein­zel­han­dels­ver­ban­des Nord­rhein-West­fa­len - so­wie der da­ma­li­gen Ge­werk­schaft Han­del, Ban­ken und Ver­si­che­run­gen (HBV) und der da­ma­li­gen Deut­schen An­ge­stell­ten-Ge­werk­schaft (DAG) - nun­mehr ver.di - war zum 31. Ja­nu­ar 2000 gekündigt wor­den. Nach Ab­schnitt A § 1 Abs. 1 TV Son­der­zah­lung 1996 be­trug das ta­rif­li­che Ur­laubs­geld ab dem 1. Ja­nu­ar 2000 50 % des je­wei­li­gen ta­rif­li­chen Ent­gelt­an­spruchs für das letz­te Be­rufs­jahr der Ge­halts­grup­pe I des Ge­halts­ta­rif­ver­tra­ges.


Der zwi­schen dem Ein­zel­han­dels­ver­band Nord­rhein-West­fa­len und ver.di ge­schlos­se­ne Ge­halts­ta­rif­ver­trag vom 25. Ju­li 2003 (GTV 2003) wur­de zum 31. März 2005 gekündigt. Nach dem GTV 2003 be­trug das Ge­halt der Ge­halts­grup­pe I (ab dem 6. Be­rufs­jahr) ab dem 1. März 2005 1.986,00 Eu­ro brut­to.


Der zwi­schen dem Ein­zel­han­dels­ver­band Nord­rhein-West­fa­len und ver.di ab­ge­schlos­se­ne Man­tel­ta­rif­ver­trag vom 25. Ju­li 2003 (MTV 2003), der erst­mals zum 31. De­zem­ber 2005 künd­bar war, wur­de zum 31. März 2006 gekündigt. Nach § 15 Abs. 3 MTV 2003 be­lief sich der Ur­laubs­an­spruch für Ar­beit­neh­mer nach Voll­endung ih­res 30. Le­bens­jah­res auf 36 Werk­ta­ge je Ka­len­der­jahr. Gemäß § 2 Abs. 1 MTV 2003 be­trug die re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit 37,5 St­un­den. Fer­ner war in § 10 Abs. 5 MTV 2003 ge­re­gelt, dass Teil­zeit­beschäftig­te An­spruch auf ein mo­nat­li­ches Ta­ri­fent­gelt ha­ben, das dem Verhält­nis ih­rer ver­ein­bar­ten Ar­beits­zeit zu der dem ta­rif­li­chen Ent­gelt ei­nes Voll­beschäftig­ten zu­grun­de lie­gen­den Ar­beits­zeit ent­spricht.
 


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Der Ein­zel­han­dels­ver­band Nord­rhein-West­fa­len schloss mit der Ge­werk­schaft ver.di am 10. Fe­bru­ar 2006 mit Wir­kung zum 1. April 2006 ei­nen neu­en Man­tel­ta­rif­ver­trag (MTV 2006) und ei­nen neu­en Ge­halts­ta­rif­ver­trag (GTV 2006) so­wie ei­nen neu­en Ta­rif­ver­trag über Son­der­zah­lun­gen (TV Son­der­zah­lung 2006), der zum 1. Ja­nu­ar 2006 in Kraft trat.

Die Kläge­rin be­gehrt mit ih­rer Kla­ge Vergütung in Höhe von zu­letzt 376,36 Eu­ro brut­to für 30,9 Ar­beits­stun­den, die sie in den Mo­na­ten Ja­nu­ar bis Ju­ni 2006 über ih­re bis­he­ri­ge wöchent­li­che Ar­beits­zeit von 20 St­un­den hin­aus ge­leis­tet hat, ein an­tei­li­ges ta­rif­li­ches Ur­laubs­geld für das Jahr 2006 in Höhe von 470,25 Eu­ro brut­to so­wie die Gut­schrift von zwei Ur­laubs­ta­gen für das Jahr 2006 auf ih­rem Ur­laubs­kon­to. Die­se Ansprüche hat­te die Kläge­rin mit Schrei­ben vom 25. Ju­li 2006 er­folg­los bei der Be­klag­ten gel­tend ge­macht.

Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der Ver­tragsände­rung vom 1. März 2005 sei kei­ne Erhöhung der Ar­beits­zeit oh­ne Lohn­aus­gleich zu ent­neh­men. Die Ver­ein­ba­rung sei zu­dem nach § 134 BGB ins­ge­samt un­wirk­sam, da sie ge­gen § 4 Abs. 3 TVG ver­s­toße. Ein Wie­der­auf­le­ben der Ver­tragsände­rung nach Ab­lauf des MTV 2003 schei­de da­her aus. Die Ver­ein­ba­rung sei auch nicht für den Zeit­raum der Nach­wir­kung nach § 4 Abs. 5 TVG ge­trof­fen wor­den. Im Übri­gen wir­ke der MTV 2003 nach sei­nem Ab­lauf nach § 27 Abs. 6 MTV 2003 zwin­gend wei­ter. Die Be­klag­te ha­be auch nicht wirk­sam in ei­ne OT-Mit­glied­schaft wech­seln können. Die Sat­zung des Ein­zel­han­dels­ver­ban­des Ost­west­fa­len-Lip­pe e.V. schließe Ein­flussmöglich­kei­ten der OT-Mit­glie­der auf das Ta­rif­ge­sche­hen nicht aus.


Die Kläge­rin hat zu­letzt be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin 846,61 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 1. Sep­tem­ber 2006 zu zah­len und dem Ur­laubs­kon­to der Kläge­rin zusätz­lich zwei Ta­ge für das Ur­laubs­jahr 2006 gut­zu­schrei­ben.


Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie hat die An­sicht ver­tre­ten, sie sei ab 1. No­vem­ber 2004 als Mit­glied oh­ne Ta­rif­bin­dung nicht mehr ta­rif­ge­bun­den ge­we­sen. Die Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 sei wirk­sam.
 


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Da­durch sei die Ar­beits­zeit oh­ne Lohn­aus­gleich erhöht wor­den. Als an­de­re Ab­ma­chung nach § 4 Abs. 5 TVG er­set­ze die Ver­ein­ba­rung den TV Son­der­zah­lung 1996 und - je­den­falls ab dem 1. April 2006 - auch Tei­le des nach­wir­ken­den MTV 2003.

Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Kläge­rin ihr Kla­ge­be­geh­ren wei­ter. Die Be­klag­te be­an­tragt, die Re­vi­si­on zurück­zu­wei­sen.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ist teil­wei­se be­gründet. Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge zu Un­recht in vol­lem Um­fang ab­ge­wie­sen.

A. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat sei­ne Ent­schei­dung da­mit be­gründet, dass der Wech­sel der Be­klag­ten in die OT-Mit­glied­schaft zum 1. No­vem­ber 2004 wirk­sam er­folgt und die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 1. März 2005 nicht we­gen Ver­s­toßes ge­gen ein ge­setz­li­ches Ver­bot nach § 134 BGB un­wirk­sam sei. Die­se von der ta­rif­li­chen Re­ge­lung zu Un­guns­ten der Kläge­rin ab­wei­chen­de Ver­ein­ba­rung sei zwar hin­sicht­lich des MTV 2003 im Zeit­raum der Ta­rif­ge­bun­den­heit der Be­klag­ten nach § 3 Abs. 3 TVG ge­schlos­sen wor­den. Sie sei je­doch nur bis zur Be­en­di­gung der bei­der­sei­ti­gen Ta­rif­ge­bun­den­heit ver­drängt wor­den. Mit Ab­lauf des MTV 2003 am 31. März 2006 sei die­se Ver­ein­ba­rung dann als an­de­re Ab­ma­chung im Sin­ne von § 4 Abs. 5 TVG wirk­sam ge­wor­den. Hin­sicht­lich des TV Son­der­zah­lung 1996, der sich zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses der Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 1. März 2005 im Sta­di­um der Nach­wir­kung gemäß § 4 Abs. 5 TVG be­fun­den ha­be, ha­be die­se Ver­ein­ba­rung die Nach­wir­kung wirk­sam be­en­det.


B. Die hier­ge­gen ge­rich­te­te zulässi­ge Re­vi­si­on der Kläge­rin ist teil­wei­se be­gründet.
 


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I. Die Kla­ge ist zulässig, wo­bei der An­trag der Kläge­rin auf „Gut­schrift von zwei zusätz­li­chen Ur­laubs­ta­gen für das Ka­len­der­jahr 2006“ da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen ist, dass die Kläge­rin von der Be­klag­ten letzt­lich die Gewährung von zwei zusätz­li­chen Ur­laubs­ta­gen aus dem Ka­len­der­jahr 2006 be­gehrt.

1. Der An­trag der Kläge­rin ist als Pro­zess­hand­lung auch noch in der Re­vi­si­ons­in­stanz (BAG 9. Mai 1995 - 9 AZR 552/93 - mwN, AP BUrlG § 7 Über­tra­gung Nr. 22 = EzA BUrlG § 7 Nr. 100) der Aus­le­gung fähig (vgl. zu den Maßstäben BAG 16. März 1994 - 8 AZR 97/93 - BA­GE 76, 148; 14. Ok­to­ber 2003 - 9 AZR 636/02 - BA­GE 108, 103).

Die Be­klag­te führt in ih­rem Un­ter­neh­men für die Ar­beit­neh­mer Ur­laubs­kon­ten, mit de­nen der Um­fang des Ur­laubs, der den ein­zel­nen Ar­beit­neh­mern noch zu­steht, do­ku­men­tiert wird. Das Bun­des­ur­laubs­ge­setz kennt je­doch kei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, ein Ur­laubs­kon­to mit ei­ner Gut­schrift von noch nicht gewähr­ten Ur­laubs­ta­gen zu führen (ErfK/Dörner 9. Aufl. § 7 BUrlG Rn. 30; so im Er­geb­nis wohl auch BAG 9. Mai 1995 - 9 AZR 552/93 - zu I 1 der Gründe, AP BUrlG § 7 Über­tra­gung Nr. 22 = EzA BUrlG § 7 Nr. 100). Auch § 15 MTV 2003 enthält kei­ne Ver­pflich­tung zum Führen ei­nes Ur­laubs­kon­tos. Nach den Ein­las­sun­gen der Kläge­rin in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ist es Pro­zess­ziel der Kläge­rin, dass ihr die bei­den um­strit­te­nen Ur­laubs­ta­ge aus dem Jahr 2006 noch gewährt wer­den.


2. Der An­trag auf Gewährung von zwei zusätz­li­chen Ta­gen Ur­laub zu ei­nem nicht näher ge­nann­ten Zeit­punkt ist hin­rei­chend be­stimmt iSd. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Der Ar­beit­ge­ber hat als Schuld­ner die Kon­kre­ti­sie­rungs­be­fug­nis bei der Er­tei­lung des Ur­laubs nach § 7 Abs. 1 BUrlG (ErfK/Dörner 9. Aufl. § 7 BUrlG Rn. 30; so im Er­geb­nis auch BAG 5. Sep­tem­ber 2002 - 9 AZR 355/01 - BA­GE 102, 294).


II. Die Kla­ge ist teil­wei­se be­gründet. Der Kläge­rin steht ge­gen die Be­klag­te ein An­spruch auf Zah­lung rest­li­cher Vergütung für die Zeit von Ja­nu­ar bis Ju­ni 2006 so­wie auf Gewährung von zwei zusätz­li­chen Ur­laubs­ta­gen für das Ka­len­der­jahr 2006 zu. Ei­nen An­spruch auf Zah­lung von Ur­laubs­geld für das
 


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Jahr 2006 hat die Kläge­rin al­ler­dings nicht. In­so­weit ha­ben die Vor­in­stan­zen die Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen.

1. Un­abhängig da­von, ob die Be­klag­te zum 1. No­vem­ber 2004 wirk­sam in ei­ne OT-Mit­glied­schaft ge­wech­selt ist, steht der Kläge­rin aus dem MTV 2003 ein An­spruch auf Zah­lung rest­li­cher Vergütung für die Zeit von Ja­nu­ar bis Ju­ni 2006 so­wie auf Gewährung von zwei zusätz­li­chen Ur­laubs­ta­gen für das Ka­len­der­jahr 2006 zu. Die Ta­rif­bin­dung der Be­klag­ten an den am 1. No­vem­ber 2004 be­reits gel­ten­den MTV 2003 blieb je­den­falls nach § 3 Abs. 3 TVG so­lan­ge be­ste­hen, bis der MTV 2003 am 31. März 2006 durch Kündi­gung en­de­te. Für die hier be­trof­fe­nen Ansprüche der Kläge­rin stellt die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 1. März 2005 kei­ne nach § 4 Abs. 3 TVG zulässi­ge ab­wei­chen­de Ab­ma­chung vom MTV 2003 und - für die Zeit ab dem 1. April 2006 - auch kei­ne an­de­re Ab­ma­chung iSd. § 4 Abs. 5 TVG dar.

a) Bis zum 31. März 2006 galt der MTV 2003 gemäß § 4 Abs. 1 TVG für die Par­tei­en kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit zwin­gend. Sei­ne Fest­le­gun­gen konn­ten nicht durch ei­nen Ver­trag der Par­tei­en ver­schlech­tert wer­den.

aa) Die Be­klag­te war un­abhängig da­von, ob ihr Wech­sel in ei­ne OT-Mit­glied­schaft zum 1. No­vem­ber 2004 wirk­sam war, bis zum 31. März 2006 an den MTV 2003 ge­bun­den. Denn auch bei ei­nem ggf. wirk­sa­men Wech­sel in ei­ne OT-Mit­glied­schaft zum 1. No­vem­ber 2004 blieb nach § 3 Abs. 3 TVG die Ta­rif­bin­dung der Be­klag­ten an den zu die­sem Zeit­punkt be­reits gel­ten­den MTV 2003 so­lan­ge be­ste­hen, bis der MTV 2003 en­de­te.

(1) Zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses des MTV 2003 war die Be­klag­te Mit­glied mit Ta­rif­bin­dung im Ein­zel­han­dels­ver­band Ost­west­fa­len-Lip­pe und da­mit an die­sen Ta­rif­ver­trag ta­rif­ge­bun­den. Zwar war sie nicht selbst Mit­glied des ta­rif­sch­ließen­den Ein­zel­han­dels­ver­ban­des Nord­rhein-West­fa­len e.V. Für die Ta­rif­bin­dung nach § 3 Abs. 1 TVG reicht es in­des aus, dass sie Mit­glied mit Ta­rif­bin­dung des Ein­zel­han­dels­ver­ban­des Ost­west­fa­len-Lip­pe war, der nach § 1 Zif­fer 5 sei­ner Sat­zung wie­der­um Mit­glied im ta­rif­sch­ließen­den Ein­zel-
 


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han­dels­ver­band war. Nach Sinn und Zweck von § 2 Abs. 3 TVG führt auch ei­ne der­art ver­mit­tel­te Mit­glied­schaft zur Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 1 TVG (vgl. BAG 6. Mai 2003 - 1 AZR 241/02 - BA­GE 106, 124).

(2) Auch wenn zu­guns­ten der Be­klag­ten un­ter­stellt wird, dass sie zum 1. No­vem­ber 2004 wirk­sam in ei­ne OT-Mit­glied­schaft ge­wech­selt ist, galt der MTV 2003 für sie gemäß § 3 Abs. 3 TVG kraft Nach­bin­dung bis zu sei­ner Kündi­gung zum 31. März 2006 wei­ter.


(a) Nach § 3 Abs. 3 TVG bleibt die ein­mal be­gründe­te Ta­rif­ge­bun­den­heit be­ste­hen, bis der Ta­rif­ver­trag en­det.

(b) Der Um­stand, dass der MTV 2003 zum 31. De­zem­ber 2005 erst­mals künd­bar war, führ­te nicht zu ei­ner Be­en­di­gung der Nach­bin­dung be­reits zu die­sem Zeit­punkt (Wie­de­mann/Oet­ker TVG 7. Aufl. § 3 Rn. 89; HWK/Hens­s­ler § 3 Rn. 44; Däubler/Lo­renz TVG 2. Aufl. § 3 Rn. 111; Kem­pen/Za­chert/Kem­pen TVG 4. Aufl. § 3 Rn. 59; Däubler NZA 1996, 225, 226; Hoß/Liebs­cher DB 1995, 2525, 2526; St­ein Ta­rif­ver­trags­recht Rn. 173, je­weils mwN; aA ErfK/Fran­zen 9. Aufl. § 3 TVG Rn. 27 mwN; Löwisch/Rieb­le TVG 2. Aufl. § 3 Rn. 91; Ha­nau RdA 1998, 65, 68; Bau­er FS Schaub S. 19, 24; Lieb NZA 1994, 337; Wal­ker ZfA 1996, 353, 380 f; Bau­er/Dil­ler DB 1993, 1086).

Be­reits aus dem ein­deu­ti­gen Wort­laut von § 3 Abs. 3 TVG er­gibt sich, dass das tatsächli­che En­de des je­wei­li­gen Ta­rif­ver­trags ge­meint ist, nicht sein mögli­ches En­de. Der Zeit­punkt des tatsächli­chen En­des der Nach­bin­dung ist bei un­be­fris­te­ten, aber künd­ba­ren Ta­rif­verträgen der Zeit­punkt des Wirk­sam­wer­dens ei­ner tatsächlich er­folg­ten Kündi­gung, im Zwei­fel nach Ab­lauf ei­ner Kündi­gungs­frist, oder der Zeit­punkt ei­ner tatsächlich er­folg­ten ein­ver­nehm­li­chen Auf­he­bung.

Die An­nah­me des En­des der Nach­bin­dung bei un­be­fris­te­ten, aber künd­ba­ren Ta­rif­verträgen zu dem auf den Aus­tritt fol­gen­den nächs­ten Kündi­gungs­ter­min lie­fe auch dem Schutz­zweck des § 3 Abs. 3 TVG zu­wi­der: Die Vor­schrift dient ge­ra­de da­zu, die Ta­rif­ge­bun­den­heit bis zum tatsächli­chen En­de des Ta­rif­ver­trags auf­recht­zu­er­hal­ten (da­zu Däubler NZA 1996, 225, 226;

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Hoß/Liebs­cher DB 1995, 2525, 2526; Wie­de­mann/Oet­ker TVG 7. Aufl. § 3 Rn. 89; Däubler/Lo­renz TVG 2. Aufl. § 3 Rn. 113; Kem­pen/Za­chert/Kem­pen TVG 4. Aufl. § 3 Rn. 59; St­ein Ta­rif­ver­trags­recht Rn. 173). Dem­gemäß soll die un­mit­tel­ba­re und zwin­gen­de Rechts­wir­kung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges, die sich aus § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG er­gibt, nicht durch ei­ne ein­sei­ti­ge Maßnah­me des Ar­beit­ge­bers - oder Ar­beit­neh­mers - wie ins­be­son­de­re sei­nen Ver­bands-aus­tritt oh­ne wei­te­res be­sei­tigt wer­den können. Die Pro­lon­gie­rung der Rechts­wir­kun­gen von § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG soll an­de­rer­seits nach dem Wil­len des Ge­setz­ge­bers auch nur so­lan­ge fort­dau­ern, bis der be­tref­fen­de Ta­rif­ver­trag „en­det“, dh. so­lan­ge der Ta­rif­ver­trag in der bis­he­ri­gen Fas­sung wei­ter­be­steht (BAG 26. Ok­to­ber 1983 - 4 AZR 219/81 - BA­GE 44, 191, 196 f.). Über die vom Ge­setz als maßge­bend erklärte Be­en­di­gung be­stim­men die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, die bei Ab­schluss durch ih­re da­ma­li­gen Mit­glie­der hier­zu le­gi­ti­miert wa­ren und dies auch nach de­ren et­wai­gem Ver­bands­aus­tritt blei­ben.


(c) Der MTV 2003 en­de­te durch die Kündi­gung zum 31. März 2006. Da­mit en­de­te zu­gleich die Nach­bin­dung der Be­klag­ten an die­sen Ta­rif­ver­trag.


bb) Die Kläge­rin war in dem Zeit­raum, für den sie Rech­te aus dem MTV 2003 in An­spruch nimmt, nach § 3 Abs. 1 TVG ta­rif­ge­bun­den. Sie ist seit dem 1. März 2005 Mit­glied der Ge­werk­schaft ver.di.

cc) Da­mit be­stand bei­der­sei­ti­ge Ta­rif­ge­bun­den­heit an den MTV 2003. Der Um­stand, dass die Ta­rif­ge­bun­den­heit der Kläge­rin an die­sen Ta­rif­ver­trag erst während des Zeit­raums der Nach­bin­dung der Be­klag­ten ein­trat, ändert dar­an nichts. Das Ge­setz un­ter­schei­det für die Zeit bis zum En­de des Ta­rif­ver­tra­ges nicht die Fälle der Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 1 TVG, al­so der ak­tu­el­len Voll­mit­glied­schaft in ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei, von den Fällen der Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 3 TVG, al­so de­nen der Fort­dau­er der Ta­rif­bin­dung nach Ver­bands­aus­tritt oder nach Sta­tus­wech­sel in die OT-Mit­glied­schaft. Viel­mehr fin­giert das Ge­setz die feh­len­de Ver­bands­mit­glied­schaft auf Zeit und stellt da­mit ei­ne aty­pi­sche Ta­rif­ge­bun­den­heit für die­sen Zeit­raum her (BAG 4. Au­gust 1993 - 4 AZR 499/92 - Rn. 16, BA­GE 74, 41).


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b) Die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 1. März 2005 ist, so­weit sich die gel­tend ge­mach­ten Ansprüche auf die Zeit vom 1. Ja­nu­ar bis zum 31. März 2006 be­zie­hen, al­so den Zeit­raum der bei­der­sei­ti­gen Ta­rif­ge­bun­den­heit an den MTV 2003, kei­ne wirk­sa­me ab­wei­chen­de Ab­ma­chung iSd. § 4 Abs. 3 TVG.

aa) Nach § 4 Abs. 3 TVG sind während der zwin­gen­den Gel­tung ei­nes Ta­rif­ver­trags ab­wei­chen­de Ab­ma­chun­gen nur zulässig, so­weit sie durch den Ta­rif­ver­trag ge­stat­tet sind oder ei­ne Ände­rung der Re­ge­lun­gen zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers ent­hal­ten.

bb) Hin­sicht­lich der Ansprüche der Kläge­rin auf Zah­lung rest­li­cher Vergütung für die Zeit von Ja­nu­ar bis März 2006 so­wie - teil­wei­se - hin­sicht­lich der Gewährung zusätz­li­cher Ur­laubs­ta­ge für das Ka­len­der­jahr 2006 weicht die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 1. März 2005 vom MTV 2003 zu Un­guns­ten der Kläge­rin ab. Dies ist nicht wirk­sam.

Der MTV 2003 enthält kei­ne Öff­nungs­klau­sel für ei­ne sol­che ab­wei­chen­de Ver­ein­ba­rung von sei­nen Ge­halts- und Lohn­re­ge­lun­gen in § 10 Abs. 5 und von der Ur­laubs­re­ge­lung für das Ka­len­der­jahr 2006.

Die in der Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 ent­hal­te­nen Ab­wei­chun­gen von § 10 Abs. 5 MTV 2003 zur Ar­beits­zeit­verlänge­rung oh­ne An­he­bung des bis­he­ri­gen Ent­gelts sind auch nicht vom Güns­tig­keits­prin­zip des § 4 Abs. 3 TVG ge­deckt.

(1) Der Um­stand, dass die Par­tei­en mit der Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 ei­ne Erhöhung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit der Kläge­rin auf 21,5 St­un­den ver­ein­bar­ten, stellt al­lein noch kei­ne Ab­wei­chung vom MTV 2003 zu Un­guns­ten der Kläge­rin dar. Die neu ver­ein­bar­te Ar­beits­zeit der Kläge­rin ging nicht über die in § 2 Abs. 1 MTV 2003 ge­re­gel­te Ar­beits­zeit von 37,5 St­un­den hin­aus. Da­von ist auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu Recht aus­ge­gan­gen.


(2) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat auch zu­tref­fend fest­ge­stellt, dass die Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 ei­ne Ar­beits­zeit­verlänge­rung oh­ne An­he­bung des bis­he­ri­gen Ent­gelts der Kläge­rin, al­so oh­ne Lohn­aus­gleich, enthält.
 


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Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts liegt dar­in aber ei­ne Ab­wei­chung von den Be­stim­mun­gen des MTV 2003 zu Un­guns­ten der Kläge­rin. Denn nach der Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 stand ei­ner Erhöhung der Ar­beits­zeit von 20 auf 21,5 St­un­den ei­ne ver­ein­bar­te Vergütung ge­genüber, die nicht den An­for­de­run­gen des § 10 Abs. 5 MTV 2003 ent­sprach. Während die Kläge­rin 1.059,85 Eu­ro brut­to er­hielt, lag das an­tei­li­ge ta­rif­li­che Ent­gelt (§ 10 Abs. 5 MTV 2003) für 21,5 Wo­chen­stun­den bei ei­ner ta­rif­li­chen Ar­beits­zeit nach § 2 Abs. 1 MTV von 37,5 Wo­chen­ar­beits­stun­den bei 1.138,64 Eu­ro brut­to. In die­ser Ab­wei­chung vom Ge­bot des an­tei­li­gen Ent­gelts für Teil­zeit­kräfte liegt kei­ne Ab­wei­chung vom GTV 2003, son­dern ei­ne vom MTV 2003.


(3) Auch für die For­de­rung der Kläge­rin auf Gewährung wei­te­ren Ur­laubs stellt die Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 kei­ne Re­ge­lung zu ih­ren Guns­ten dar. Nach § 15 Abs. 3 MTV 2003 hat­te die Kläge­rin ei­nen Ur­laubs­an­spruch von 36 Werk­ta­gen für das Jahr 2006. Dies ent­spricht 30 Ar­beits­ta­gen. Da­von weicht die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 1. März 2005, nach der ihr jähr­li­cher Ur­laub nur noch 28 Ar­beits­ta­ge um­fas­sen soll, ent­ge­gen § 4 Abs. 3 TVG zu Un­guns­ten der Kläge­rin ab.

(4) Die Ver­ein­ba­rung der Verlänge­rung der Ar­beits­zeit oh­ne Lohn­aus­gleich und ei­ner kürze­ren Ur­laubs­dau­er wa­ren auch nicht des­halb ins­ge­samt güns­ti­ger für die Kläge­rin, weil die Be­klag­te in der Fol­ge für be­fris­te­te Zeit auf den Aus­spruch ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung ver­zich­te­te. Bei ei­nem Güns­tig­keits­ver­gleich können nur die Re­ge­lun­gen ver­gli­chen wer­den, die mit­ein­an­der in ei­nem sach­li­chen Zu­sam­men­hang ste­hen („Sach­grup­pen­ver­gleich“). Ar­beits­zeit oder Ar­beits­ent­gelt ei­ner­seits und ei­ne Beschäfti­gungs­ga­ran­tie an­de­rer­seits sind je­doch un­ter­schied­lich ge­ar­te­te Re­ge­lungs­ge­genstände, für de­ren Be­wer­tung es kei­nen ge­mein­sa­men Maßstab gibt. Ei­ne Beschäfti­gungs­si­che­rung durch den Aus­schluss be­triebs­be­ding­ter Kündi­gun­gen ist da­her nicht ge­eig­net, vor dem Hin­ter­grund des § 4 Abs. 3 TVG Ver­schlech­te­run­gen bei der Ar­beits­zeit oder beim Ar­beits­ent­gelt zu recht­fer­ti­gen (st. Rspr., vgl. nur BAG 20. April 1999 - 1 ABR 72/98 - BA­GE 91, 210, 230

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mwN; vgl. auch BAG 24. Sep­tem­ber 2008 - 6 AZR 657/07 - EzA Tz­B­fG § 4 Nr. 17).

c) Die Kläge­rin kann sich auch für die Zeit ab dem 1. April 2006 auf die Re­ge­lun­gen des MTV 2003 be­ru­fen. Ab die­sem Zeit­punkt wirk­te der MTV 2003 zwar nur noch nach, war al­so nach § 4 Abs. 5 TVG durch ei­ne „an­de­re Ab­ma­chung“ auch zu Las­ten der Kläge­rin er­setz­bar. Die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 1. März 2005 war in­des hin­sicht­lich der sich aus dem MTV 2003 er­ge­ben­den Ansprüche kei­ne sol­che an­de­re Ab­ma­chung, wel­che die nach­wir­ken­den ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen abänder­te. Des­halb be­stimm­te sich das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en auch für die Zeit von April bis Ju­ni 2006 wei­ter nach die­sen Re­ge­lun­gen.


aa) Nach­dem der MTV 2003 mit Ab­lauf der Kündi­gungs­frist zum 31. März 2006 en­de­te, wirk­te er nur noch nach, war al­so nach § 4 Abs. 5 TVG durch ei­ne „an­de­re Ab­ma­chung“ auch zu Las­ten der Kläge­rin er­setz­bar.

Aus der Re­ge­lung in § 27 Abs. 6 MTV 2003 er­gibt sich nichts an­de­res. Da­nach bleibt der MTV 2003 auch nach er­folg­ter Kündi­gung bis zum Ab­schluss ei­nes neu­en Ver­tra­ges in Kraft und die Rechts­wir­kun­gen en­den, wenn nach Durchführung ei­nes Sch­lich­tungs­ver­fah­rens ei­ne der Ver­trags­par­tei­en den an­de­ren Ver­trags­part­nern schrift­lich mit­teilt, dass die Ver­hand­lun­gen als ge­schei­tert an­zu­se­hen sind. Die­se Ta­rif­ver­trags­be­stim­mung ist er­kenn­bar dar­auf ge­rich­tet, die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zur Durchführung ei­nes Sch­lich­tungs­ver­fah­rens vor Ein­lei­tung von Ar­beits­kampf­maßnah­men zu be­we­gen. Sie kann in­des nicht für den Fall ei­nes Ver­bands­aus­tritts oder ei­nes Wech­sels in ei­ne OT-Mit­glied­schaft die Wir­kung des § 4 Abs. 5 TVG zu Las­ten von nicht mehr im Ver­band Or­ga­ni­sier­ten aus­sch­ließen.


bb) Nach § 4 Abs. 5 TVG gel­ten nach Ab­lauf ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges sei­ne Rechts­nor­men wei­ter, bis sie durch ei­ne an­de­re Ab­ma­chung er­setzt wer­den. Nicht an­ders als bei ei­nem Ver­bands­aus­tritt schließt sich bei ei­nem Wech­sel in ei­ne OT-Mit­glied­schaft die Nach­wir­kung nach § 4 Abs. 5 TVG an das En­de der Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 3 TVG an (vgl. zum Ver­bands­aus­tritt BAG


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23. Fe­bru­ar 2005 - 4 AZR 186/04 - Rn. 25, AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 42 = EzA TVG § 3 Ver­bands­aus­tritt Nr. 2). Mit der Nach­wir­kung soll im In­ter­es­se der Ver­trags- und Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­ne Über­brückungs­re­ge­lung ge­schaf­fen wer­den, wel­che den bis­he­ri­gen Be­sitz- und Re­ge­lungs­stand erhält und ei­nen Rück­fall auf nicht mehr ak­tu­el­le oder von den Par­tei­en nicht ge­woll­te übli­che Be­din­gun­gen ver­hin­dert. Die Nach­wir­kung des ab­ge­lau­fe­nen Ta­rif­ver­tra­ges entfällt dann in­so­weit, wie die an­de­re Ab­ma­chung den­sel­ben Re­ge­lungs­be­reich des nach­wir­ken­den Ta­rif­ver­tra­ges er­fasst (BAG 4. Ju­li 2007 - 4 AZR 439/06 - EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 40).


cc) Die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 1. März 2005 stellt hin­sicht­lich der be­trof­fe­nen Re­ge­lun­gen des MTV 2003 kei­ne „an­de­re Ab­ma­chung“ iSd. § 4 Abs. 5 TVG dar. Des­halb gal­ten die­se Re­ge­lun­gen für das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en in der Zeit von April bis Ju­ni 2006 wei­ter kraft Nach­wir­kung.


(1) Der Ge­set­zes­wort­laut zeigt, dass mit „an­de­re Ab­ma­chung“ iSd. § 4 Abs. 5 TVG im All­ge­mei­nen ei­ne Re­ge­lung ge­meint ist, die nach En­de des Ta­rif­ver­trags im Nach­wir­kungs­zeit­raum ver­ein­bart wor­den ist. Dar­aus er­gibt sich aber nicht zwin­gend, dass ei­ne ablösen­de Ab­ma­chung nicht auch schon im Vor­aus ge­trof­fen wer­den kann, wenn es den Par­tei­en dar­um geht, für den un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den Nach­wir­kungs­zeit­raum ei­ne ab­wei­chen­de Re­ge­lung zu tref­fen, auch wenn es da­durch da­zu kommt, dass ein Ta­rif­ver­trag nach sei­nem Ab­lauf über­haupt nicht nach­wirkt iSv. § 4 Abs. 5 TVG. Not­wen­dig für ei­ne sol­che Ab­ma­chung ist aber, dass sie von ih­rem Re­ge­lungs­wil­len dar­auf ge­rich­tet ist, die un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­de Nach­wir­kung ei­nes be­en­de­ten Ta­rif­ver­tra­ges zu be­sei­ti­gen oder de­ren Ein­tritt zu ver­hin­dern (BAG 23. Fe­bru­ar 2005 - 4 AZR 186/04 - AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 42 = EzA TVG § 3 Ver­bands­aus­tritt Nr. 2; 22. Ok­to­ber 2008 - 4 AZR 789/07 - AP TVG § 4 Ta­rif­kon­kur­renz Nr. 37). Sie löst die ta­rif­li­chen Be­stim­mun­gen ab, wenn sie kon­kret und zeit­nah vor dem be­vor­ste­hen­den Ab­lauf des Ta­rif­ver­tra­ges die sich an­sons­ten auf­grund der Nach­wir­kung er­ge­ben­de Si­tua­ti­on re­gelt.

(2) Die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 1. März 2005 ent­spricht ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht die­sen Vor­ga­ben. Sie ent-
 


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spricht we­der nach ih­rem Re­ge­lungs­wil­len den Vor­aus­set­zun­gen ei­ner „an­de­ren Ab­ma­chung“ iSd. § 4 Abs. 5 TVG, noch wird mit ihr kon­kret und zeit­nah die be­vor­ste­hen­de, sich auf­grund der Nach­wir­kung er­ge­ben­de Si­tua­ti­on ge­re­gelt.

(a) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 da­hin aus­ge­legt, dass die Par­tei­en bei Ver­trags­schluss zu­min­dest auch die Be­sei­ti­gung der künf­ti­gen Nach­wir­kung des MTV 2003 ge­wollt ha­ben. Der Be­klag­ten sei es auf­grund ih­rer wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on dar­um ge­gan­gen, in je­dem Fall ei­ne Min­de­rung der Lohn­kos­ten zum frühestmögli­chen Zeit­punkt zu er­rei­chen. Die Kläge­rin ha­be dies of­fen­sicht­lich we­gen der be­ste­hen­den wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten und der Gefähr­dung ih­res Ar­beits­plat­zes für die Zu­kunft ak­zep­tiert. Bei­de Par­tei­en hätten da­her ei­ne Bin­dung für die Zu­kunft zum frühestmögli­chen Zeit­punkt ge­wollt. Die­ser Wil­le er­fas­se auch den Fall, dass die Ver­ein­ba­rung als Teil ei­nes Bünd­nis­ses für Ar­beit erst nach Ab­lauf der Ta­rif­bin­dung wirk­sam wer­den könne.


(b) Selbst wenn der Ver­ein­ba­rung ein der­ar­ti­ger Re­ge­lungs­wil­len ent­nom­men wer­den könn­te, reicht dies für die An­nah­me ei­ner „an­de­ren Ab­ma­chung“ iSd. § 4 Abs. 5 TVG nicht aus.

(aa) Die Ver­ein­ba­rung ist nicht zeit­nah vor dem En­de des MTV 2003 ge­trof­fen wor­den, son­dern be­reits 13 Mo­na­te vor dem 31. März 2006. Bei Ab­schluss der Ver­ein­ba­rung am 1. März 2005 war der MTV 2003 un­gekündigt. An­halts­punk­te, dass die erst im Ok­to­ber 2005 er­folg­te Kündi­gung des MTV 2003 schon da­mals ab­seh­bar oder zu er­war­ten ge­we­sen wäre, wa­ren da­mals nach dem un­be­strit­te­nen Vor­trag der Kläge­rin nicht er­sicht­lich. Auch die Be­klag­te hat kei­ne da­hin ge­hen­de Be­haup­tung auf­ge­stellt.

(bb) Un­ter die­sen Umständen kann nicht an­ge­nom­men wer­den, die Ver­ein­ba­rung sei für ei­ne be­vor­ste­hen­de Nach­wir­kungs­pha­se ge­trof­fen wor­den: Sie soll­te viel­mehr, was die Re­ge­lung im Übri­gen auch deut­lich zeigt, die Rechts­la­ge so­fort - während des noch lau­fen­den und ver­bind­li­chen Ta­rif­ver­tra­ges - ändern und dies zu ei­nem Zeit­punkt, zu dem noch gar nicht ab­seh­bar war, ob
 


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und wann es zu ei­ner Nach­wir­kung des MTV 2003 kom­men würde. Die Ver­ein­ba­rung lässt an kei­ner Stel­le er­ken­nen, dass sie auf die Be­sei­ti­gung oder Ver­hin­de­rung der zukünf­ti­gen Nach­wir­kung des MTV 2003 ge­rich­tet war. Sie soll­te ab dem 1. April 2005 wirk­sam wer­den, zu dem der MTV 2003 noch un­mit­tel­bar und zwin­gend galt und der Ein­tritt der Nach­wir­kung nicht vor­her­seh­bar war. Ei­ne sol­che in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung, die un­ter­ta­rif­li­che Ab­re­den enthält und während der zwin­gen­den Gel­tung ei­nes Ta­rif­ver­trags zur An­wen­dung kom­men soll, ist des­halb re­gelmäßig be­reits nach ih­rem Re­ge­lungs­wil­len kei­ne „an­de­re Ab­ma­chung“ iSd. § 4 Abs. 5 TVG.


(cc) Die Si­tua­ti­on im vor­lie­gen­den Fall ist da­mit ei­ne grund­le­gend an­de­re als die­je­ni­ge, die dem Ur­teil vom 23. Fe­bru­ar 2005 (- 4 AZR 186/04 - AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 42 = EzA TVG § 3 Ver­bands­aus­tritt Nr. 2) zu­grun­de lag, auf das sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt be­zo­gen hat. Das zeigt sich be­reits dar­an, dass - an­ders als im vor­lie­gen­den Fall - im da­ma­li­gen Fall dem Kläger die Kündi­gung des Ta­rif­ver­tra­ges, das Da­tum sei­nes En­des und der be­vor­ste­hen­de Ver­bands­aus­tritt der dor­ti­gen Be­klag­ten be­kannt ge­we­sen wa­ren. Auch das Ur­teil vom 17. Ja­nu­ar 2006 (- 9 AZR 41/05 - BA­GE 116, 366) be­trifft ei­ne an­de­re Si­tua­ti­on, denn es be­zieht sich auf die Aus­le­gung ei­ner zeit­dy­na­mi­schen Be­zug­nah­me­klau­sel auf die je­wei­li­gen im Be­reich des Ein­zel­han­dels gel­ten­den Ta­rif­verträge. Vor­lie­gend geht es da­ge­gen um ei­ne in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung, in der ent­ge­gen § 4 Abs. 3 TVG punk­tu­el­le Ab­wei­chun­gen von ei­nem zum Ver­ein­ba­rungs­zeit­punkt zwin­gend gel­ten­den und hin­sicht­lich sei­ner Be­en­di­gung nicht ab­seh­ba­ren Ta­rif­ver­trag vor­ge­se­hen sind.


d) Die Kläge­rin hat nach § 15 Abs. 3 MTV 2003 für die Zeit von Ja­nu­ar bis Ju­ni 2006 An­spruch auf ei­ne ih­rer wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 21,5 St­un­den ent­spre­chen­de an­tei­li­ge Vergütung nach der Ge­halts­grup­pe I (6. Be­rufs­jahr) des GTV 2003. Hier­aus er­gibt sich ein Zah­lungs­an­spruch über 372,35 Eu­ro.


aa) Das an­tei­li­ge ta­rif­li­che Ent­gelt (§ 10 Abs. 5 MTV 2003) lag für 21,5 Wo­chen­stun­den bei 1.138,64 Eu­ro brut­to mo­nat­lich. Die Kläge­rin be­gehrt in­des zu­letzt nur noch die Nach­zah­lung der von ihr tatsächlich ge­leis­te­ten St­un­den,

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die über 20 Wo­chen­stun­den hin­aus­ge­hen. Die­se be­zif­fert sie mit 30,9 St­un­den. Die An­zahl ist zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig. Auf der Grund­la­ge des ta­rif­li­chen Ent­gelts von 1.958,00 Eu­ro brut­to mo­nat­lich für 37,5 St­un­den pro Wo­che er­gibt sich ein ta­rif­li­cher St­un­den­lohn von 12,05 Eu­ro brut­to. Da­mit ste­hen der Kläge­rin für 30,9 St­un­den noch 372,35 Eu­ro brut­to zu.

bb) So­weit die Kläge­rin ei­nen wei­ter­ge­hen­den Be­trag be­gehrt, ist die Re­vi­si­on nicht er­folg­reich. Die Kläge­rin über­sieht, dass ihr nach § 10 Abs. 5 MTV 2003 nur auf der Grund­la­ge des ta­rif­li­chen, nicht des in­di­vi­du­el­len Ent­gelts Ansprüche zu­ste­hen. Vergütungs­pflich­ti­ge Über­stun­den hat sie nicht ge­leis­tet, weil ih­re re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit durch die Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 wirk­sam auf - un­ter der ta­rif­li­chen Wo­chen­ar­beits­zeit lie­gen­de - 21,5 St­un­den an­ge­ho­ben wor­den ist.

e) Die Be­klag­te ist wei­ter ver­pflich­tet, der Kläge­rin für das Ur­laubs­jahr 2006 noch zwei Ur­laubs­ta­ge zusätz­lich zu gewähren.

aa) Nach § 15 Abs. 3 MTV 2003 be­trug der Ur­laubs­an­spruch der Kläge­rin für das Ur­laubs­jahr 2006 30 Ar­beits­ta­ge statt 28 nach der Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 1. März 2005.


bb) Der rest­li­che Ur­laubs­an­spruch der Kläge­rin von zwei Ar­beits­ta­gen für das Jahr 2006 ist zwar nach § 15 Abs. 7 MTV 2003 mit Ab­lauf des Jah­res 2006 un­ter­ge­gan­gen. Die Kläge­rin hat je­doch von der Be­klag­ten mit Schrei­ben vom 25. Ju­li 2006 und mit Kla­ge noch im Ka­len­der­jahr 2006 die Erfüllung des Ur­laubs ver­langt. Des­halb be­fand sich die Be­klag­te beim Un­ter­gang des An­spruchs am Jah­res­en­de 2006 in Ver­zug. Sie schul­det da­her nach § 280 Abs. 1, § 286 Abs. 1, § 287 Satz 2, § 249 BGB Scha­dens­er­satz für den un­ter­ge­gan­ge­nen Erfüllungs­an­spruch in Form von Er­satz­ur­laub (vgl. zur st. Rspr. BAG 18. Fe­bru­ar 2003 - 9 AZR 563/01 - BA­GE 105, 141).


f) Die zu­er­kann­ten Zin­sen er­ge­ben sich aus § 286 Abs. 1, § 288 Abs. 1 BGB.


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2. Ein An­spruch auf Zah­lung von Ur­laubs­geld für das Jahr 2006 be­steht hin­ge­gen nicht. In­so­weit hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen, so­dass die Re­vi­si­on hin­sicht­lich die­ses Teil­be­trags un­be­gründet ist.

a) Der An­spruch auf Ur­laubs­geld er­gibt sich nicht aus Ab­schnitt A § 1 Abs. 1 TV Son­der­zah­lung 1996. Der all­ge­mein­ver­bind­li­che TV Son­der­zah­lung 1996 be­fand sich auf­grund sei­ner Kündi­gung seit dem 1. Fe­bru­ar 2000 im Gel­tungs­zu­stand der Nach­wir­kung. Mit der Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 ha­ben die Par­tei­en hin­sicht­lich der Son­der­zah­lun­gen ei­ne an­de­re - wirk­sa­me - Ab­ma­chung iSd. § 4 Abs. 5 TVG ge­trof­fen. Da­nach ist die Be­klag­te nicht ver­pflich­tet, Ur­laubs­geld für das Jahr 2006 zu zah­len.

aa) Der TV Son­der­zah­lung 1996 fand ursprüng­lich auf­grund bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 4 Abs. 1 TVG auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en An­wen­dung. Er wirk­te nach sei­ner Kündi­gung zum 31. Ja­nu­ar 2000 nur noch nach und war des­halb durch die Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 hin­sicht­lich der in die­sem Ta­rif­ver­trag vor­ge­nom­me­nen Re­ge­lun­gen ver­schlech­ternd ab­ding­bar.


bb) Der in der Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 ent­hal­te­nen Ab­be­din­gung des An­spruchs auf ta­rif­li­ches Ur­laubs­geld steht nicht ent­ge­gen, dass sich dort auch Re­ge­lun­gen fin­den, die im Wi­der­spruch zum da­mals noch zwin­gend gel­ten­den MTV 2003 ste­hen. Ent­ge­gen der An­sicht der Re­vi­si­on ist die Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 nicht des­halb ins­ge­samt un­wirk­sam.

(1) Die Re­vi­si­on meint, die Nach­wir­kung der in ei­nem ei­genständi­gen Ta­rif­ver­trag ge­re­gel­ten Ansprüche auf Ur­laubs­geld könne nicht durch ei­ne nich­ti­ge Ab­ma­chung ab­gelöst wer­den. Die Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 sei nich­tig, weil sie nicht da­hin aus­ge­legt wer­den könne, dass sie zu­min­dest hin-sicht­lich des nicht ge­gen § 4 Abs. 3 TVG ver­s­toßen­den Tei­les auf­recht er­hal­ten blei­ben sol­le.
 


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(2) Dem folgt der Se­nat nicht. Da­bei kann of­fen­blei­ben, ob der Ver­s­toß der Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 über die Re­du­zie­rung des Ur­laubs­an­spruchs und der Erhöhung der Ar­beits­zeit oh­ne Lohn­aus­gleich ge­gen § 4 Abs. 3 TVG, der nicht zu de­ren Nich­tig­keit, son­dern nur zu de­ren Ver­drängung durch die ent­spre­chen­den ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen führt (BAG 12. De­zem­ber 2007 - 4 AZR 998/06 - Rn. 42 ff. mwN, AP TVG § 4 Nr. 29 mit Anm. Dei­nert = EzA TVG § 4 Nr. 44), im Zu­sam­men­hang des § 139 BGB mit ei­ner Nich­tig­keit der in­so­weit ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen gleich­zu­stel­len ist. Auch wenn man dies annähme, würde es nicht zu ei­ner Ge­samt­nich­tig­keit der Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 führen. Viel­mehr ist nach § 139 BGB da­von aus­zu­ge­hen, dass die Par­tei­en bei Kennt­nis der Un­wirk­sam­keit der Re­ge­lun­gen zur Re­du­zie­rung des Ur­laubs­an­spruchs und zur Erhöhung der Ar­beits­zeit oh­ne Lohn­aus­gleich ei­ne Ver­ein­ba­rung le­dig­lich zum Ur­laubs­geld ge­trof­fen hätten. Nach den von der Re­vi­si­on nicht an­ge­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts ging es der Be­klag­ten auf­grund ih­rer wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on dar­um, in je­dem Fall ei­ne Min­de­rung der Lohn­kos­ten zu er­rei­chen. Für die Kläge­rin, die mit der Ver­ein­ba­rung vom 1. März 2005 ei­ne Ab­ma­chung zu ih­ren Un­guns­ten ak­zep­tiert hat, ist kein Grund er­sicht­lich, war­um sie ei­ne dem­ge­genüber in der Ni­veau­ab­sen­kung re­du­zier­te Ab­ma­chung nicht ak­zep­tiert ha­ben soll­te.

b) Ein An­spruch der Kläge­rin er­gibt sich auch nicht aus Ab­schnitt A § 1 Abs. 1 TV Son­der­zah­lung 2006. Der ge­nann­te Ta­rif­ver­trag fin­det man­gels bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en kei­ne An­wen­dung. Die Be­klag­te ist auf­grund ih­res wirk­sa­men Wech­sels in die OT-Mit­glied­schaft zum 1. No­vem­ber 2004 nicht mehr an den am 10. Fe­bru­ar 2006 ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trag ge­bun­den.

aa) Mit Wir­kung zum 1. No­vem­ber 2004 ist die Be­klag­te wirk­sam in ei­ne OT-Mit­glied­schaft ge­wech­selt.

(1) Der Se­nat hat die An­for­de­run­gen an ei­ne Ver­bands­sat­zung, die ei­nen Mit­glie­der­sta­tus oh­ne Ta­rif­bin­dung (OT-Mit­glied­schaft) ta­rif­recht­lich wirk­sam be­reit­stellt, in der Ent­schei­dung vom 4. Ju­ni 2008 (- 4 AZR 419/07 - AP TVG § 3 Nr. 38 = EzA GG Art. 9 Nr. 95) ins­be­son­de­re da­hin­ge­hend kon­kre­ti­siert,
 


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dass es nicht aus­reicht, wenn die Sat­zung für die Mit­glie­der oh­ne Ta­rif­bin­dung le­dig­lich die Rechts­fol­ge der Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 1 TVG ab­be­dingt. We­gen des un­ter dem Ge­sichts­punkt der ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Ta­rif­au­to­no­mie er­for­der­li­chen Gleich­laufs von Ver­ant­wort­lich­keit und Be­trof­fen­heit hin­sicht­lich ta­rif­po­li­ti­scher Ent­schei­dun­gen muss die Sat­zung ei­ne kla­re und ein­deu­ti­ge Tren­nung der Be­fug­nis­se von Mit­glie­dern mit und sol­chen oh­ne Ta­rif­bin­dung vor­se­hen. Des­halb ist ei­ne un­mit­tel­ba­re Ein­fluss­nah­me von OT-Mit­glie­dern auf ta­rif­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen nicht zulässig. Dies ist ua. da­durch sat­zungs­recht­lich ab­zu­si­chern, dass OT-Mit­glie­der nicht in Ta­rif­kom­mis­sio­nen ent­sandt wer­den dürfen, den Ver­band im Außen­verhält­nis nicht ta­rif­po­li­tisch ver­tre­ten so­wie von der Verfügungs­ge­walt über ei­nen Streik- bzw. Aus­sper­rungs­fonds aus­zu­sch­ließen sind. Fer­ner ist ih­nen kein Stimm­recht bei Ab­stim­mun­gen über die Fest­le­gung von ta­rif­po­li­ti­schen Zie­len oder die An­nah­me von Ta­rif­ver­hand­lungs­er­geb­nis­sen zu gewähren (BAG 4. Ju­ni 2008 - 4 AZR 419/07 - mwN, aaO).

(2) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on erfüllt die Sat­zung des Ein­zel­han­dels­ver­ban­des Ost­west­fa­len-Lip­pe e.V. trotz sehr all­ge­mein ge­hal­te­ner Re­ge­lun­gen zur Tren­nung der Be­fug­nis­se von OT- und Voll­mit­glie­dern die­se An­for­de­run­gen.

(a) In der Sat­zung ist in § 3 ne­ben dem Er­werb der Mit­glied­schaft mit Ta­rif­bin­dung auch aus­drück­lich der Er­werb ei­ner OT-Mit­glied­schaft so­wie der Wech­sel von ei­ner die­ser For­men zur an­de­ren ge­re­gelt. Ein­deu­tig ge­re­gelt ist darüber hin­aus in § 5 Nr. 2 Satz 3 und 4 der Sat­zung, dass in Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten Rech­te und Pflich­ten nur für Mit­glie­der mit Ta­rif­bin­dung be­ste­hen und OT-Mit­glie­der in Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten kein Stimm­recht ha­ben.


(b) Be­trach­tet im ge­sam­ten Gefüge der Sat­zungs­re­ge­lun­gen die­ses Ver­ban­des, die ins­ge­samt nicht durch ei­ne ho­he Re­ge­lungs­dich­te ge­prägt sind, wird mit den Re­ge­lun­gen in § 5 Nr. 2 Satz 3 und 4 der Sat­zung die er­for­der­li­che Kon­gru­enz von Mit­ent­schei­dungs­recht und Bin­dung an die Ta­rif­ab­schlüsse hin­rei­chend her­ge­stellt.
 


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(aa) Durch den Aus­schluss des Stimm­rech­tes wird ver­hin­dert, dass OT-Mit­glie­der, die in ih­rer Funk­ti­on als Vorstände der re­gio­na­len oder ört­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen, als Fach­be­auf­trag­te oder als Mit­glie­der des Vor­stands nach § 8 Nr. 2 der Sat­zung der De­le­gier­ten­ver­samm­lung an­gehören, an Ab­stim­mun­gen ta­rif­po­li­ti­scher Art teil­neh­men.

(bb) Da die Sat­zung die Ein­rich­tung ei­ner Ta­rif­kom­mis­si­on oder ei­nes sons­ti­gen ta­rif­po­li­ti­schen Or­gans nicht vor­sieht, be­durf­te es auch kei­ner nähe­ren Re­ge­lun­gen, die die Mit­glied­schaft in die­sen Or­ga­nen für OT-Mit­glie­der aus­sch­ließen oder den Ver­lust ent­spre­chen­der Funk­tio­nen re­geln.

(cc) So­weit nach § 2 Nr. 1 Buchst. i) der Sat­zung die Möglich­keit be­steht, dass die Mit­glie­der des Ein­zel­han­dels­ver­ban­des Ost­west­fa­len-Lip­pe e.V. durch Mit­wir­kung in den Gre­mi­en des Lan­des­ver­ban­des ei­nen un­mit­tel­ba­ren Ein­fluss auf ta­rif­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen ha­ben, ist durch § 5 Nr. 2 Satz 3 der Sat­zung hin­rei­chend si­cher­ge­stellt, dass OT-Mit­glie­der hier­von aus­ge­schlos­sen sind. Im Um­kehr­schluss er­gibt sich aus die­ser Be­stim­mung, dass den OT-Mit­glie­dern in Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten kei­ne Rech­te zu­ste­hen.


(dd) § 5 Nr. 2 Satz 3 der Sat­zung schränkt auch den in § 2 Nr. 1 Buchst. i) ge­re­gel­ten Sat­zungs­zweck der Mit­ar­beit in den Or­ga­nen und Gre­mi­en der Ver­bands­or­ga­ni­sa­ti­on - zB Be­tei­li­gung am Ab­schluss von Ta­rif­verträgen in den Gre­mi­en des Lan­des­ver­ban­des - im Hin­blick auf die OT-Mit­glie­der ein.

(aaa) Da­bei kann of­fen­blei­ben, ob die in § 2 Nr. 1 Buchst. i) der Sat­zung vor­ge­se­he­ne Mit­ar­beit in den Or­ga­nen und Gre­mi­en der Ver­bands­or­ga­ni­sa­ti­on über­haupt un­mit­tel­bar durch ein­zel­ne Mit­glie­der des Ver­ban­des er­fol­gen kann oder ob hier­zu le­dig­lich der haupt­amt­lich täti­ge Geschäftsführer, mögli­cher­wei­se ge­mein­sam mit den eh­ren­amt­lich täti­gen Mit­glie­dern des Vor­stands, be­fugt ist. Selbst wenn man da­von aus­geht, dass die ein­zel­nen Mit­glie­der be­fugt sind, ei­ne der­ar­ti­ge Ak­ti­vität wahr­zu­neh­men, wären nach § 5 Nr. 2 Satz 3 der Sat­zung die OT-Mit­glie­der in Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten von die­sem Recht im er­for­der­li­chen Um­fang aus­ge­schlos­sen.



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(bbb) Dies gilt auch, so­weit die Mit­ar­beit in den Or­ga­nen und Gre­mi­en des Lan­des­ver­ban­des, die sich auf die Be­tei­li­gung am Ab­schluss von Ta­rif­verträgen be­zieht, von den Mit­glie­dern des Vor­stands wahr­ge­nom­men wird. Zwar sind die dies­bezügli­chen Re­ge­lun­gen in der Sat­zung nur in ge­rin­gem Um­fang vor­han­den, je­doch hängt das für den Gleich­lauf von Ver­ant­wort­lich­keit und Be­trof­fen­heit zu ver­lan­gen­de Maß an Dif­fe­ren­zie­rung in den Sat­zungs­re­ge­lun­gen ua. von der Re­ge­lungs­dich­te der Sat­zung ins­ge­samt ab. Der Sat­zung des Ein­zel­han­dels­ver­ban­des ist zu ent­neh­men, dass auch OT-Mit­glie­der für den Vor­stand pas­siv wahl­be­rech­tigt sind. Auch für sol­che Vor­stands­mit­glie­der gilt in­des der in § 5 Nr. 2 Satz 3 der Sat­zung ver­an­ker­te Grund­satz, nach dem ih­nen in Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten kei­ne Rech­te und Pflich­ten zu­ste­hen. Hier­un­ter fal­len so­wohl die Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten des Re­gio­nal- als auch des Lan­des­ver­ban­des. Von den Auf­ga­ben nach § 2 Nr. 1 Buchst. i) der Sat­zung sind sie da­mit im er­for­der­li­chen Um­fang aus­ge­schlos­sen. In­so­weit ist es nicht er­for­der­lich, dass der Aus­schluss der Rech­te von OT-Mit­glie­dern in Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten in je­der ein­zel­nen Norm der Sat­zung wie­der­holt wird. § 5 Nr. 2 Satz 3 der Sat­zung gilt ein­schränkungs­los und da­mit für al­le in der Sat­zung ge­re­gel­ten Be­rei­che und Be­fug­nis­se.


(ee) So­weit § 2 Nr. 1 Buchst. j) der Sat­zung die Möglich­keit eröff­nen soll­te, dass auch OT-Mit­glie­der beim Ab­schluss un­ter­neh­mens- oder kon­zern­be­zo­ge­ner Ta­rif­verträge Be­treu­ungs- oder Be­ra­tungs­auf­ga­ben wahr­neh­men können, würde dies zu kei­ner un­zulässi­gen un­mit­tel­ba­re Ein­fluss­nah­me auf das ta­rif­po­li­ti­sche Ge­sche­hen führen. Denn dem Ver­band oder sei­nen ein­zel­nen ta­rif­ge­bun­de­nen Mit­glie­dern ist es auch nicht ver­wehrt, sich durch ex­ter­ne Drit­te be­ra­ten zu las­sen, die an die ta­rif­po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen nicht ge­bun­den sind (BAG 4. Ju­ni 2008 - 4 AZR 419/07 - Rn. 39, AP TVG § 3 Nr. 38 = EzA GG Art. 9 Nr. 95). Ei­ne Ver­schie­bung der Ver­hand­lungs­pa­rität ist da­durch nicht zu befürch­ten.

(ff) Aus dem Um­stand, dass die Sat­zung für Mit­glie­der mit und oh­ne Ta­rif­bin­dung die glei­chen Mit­glieds­beiträge vor­sieht, er­gibt sich nichts an­de­res. Es ist schon frag­lich, ob sich ein außen­ste­hen­der Drit­ter auf et­wa gleich­heits-
 


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wid­ri­ge Bei­trags­pflich­ten be­ru­fen könn­te (of­fen­ge­las­sen in BAG 18. Ju­li 2006 - 1 ABR 36/05 - Rn. 58, BA­GE 119, 103; 4. Ju­ni 2008 - 4 AZR 419/07 - Rn. 31, AP TVG § 3 Nr. 38 = EzA GG Art. 9 Nr. 95). Je­den­falls ist die Er­he­bung glei­cher Mit­glieds­beiträge für Voll­mit­glie­der und OT-Mit­glie­der dann ge­recht­fer­tigt, wenn die OT-Mit­glie­der Be­ra­tung und Un­terstützung bei Ver­hand­lun­gen über ei­nen Fir­men­ta­rif­ver­trag in An­spruch neh­men können (BAG 4. Ju­ni 2008 - 4 AZR 419/07 - Rn. 31, aaO; Dei­nert RdA 2007, 83, 89). Hier­von ist vor­lie­gend aus­zu­ge­hen, da die in § 5 Nr. 1 Satz 2 und § 2 Nr. 1 Buchst. j) der Sat­zung ge­nann­ten Be­ra­tungs­leis­tun­gen nicht auf ta­rif­ge­bun­de­ne Mit­glie­der be­schränkt sind. Der sich aus § 5 Nr. 2 Satz 3 der Sat­zung er­ge­ben­de Aus­schluss der Rech­te der OT-Mit­glie­der in Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten be­zieht sich nach sei­nem Sinn und Zweck nur auf die Ta­rif­an­ge­le­gen­hei­ten des Re­gio­nal- und Lan­des­ver­ban­des, nicht je­doch auf die auf den Ab­schluss ei­nes Fir­men­ta­rif­ver­trags ge­rich­te­ten Ak­ti­vitäten der OT-Mit­glie­der in ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten.

(gg) Die Ein­rich­tung oder Ver­wal­tung ei­nes Streik- oder Un­terstützungs­fonds ist nach der Sat­zung des Ein­zel­han­dels­ver­ban­des Ost­west­fa­len-Lip­pe e.V. nicht vor­ge­se­hen. Dem­ent­spre­chend be­durf­te es in der Sat­zung auch kei­ner wei­ter­ge­hen­den Re­ge­lung über den Ver­lust ent­spre­chen­der Ämter bei der Ver­wal­tung ei­nes der­ar­ti­gen Fonds.

(3) Der Wech­sel der Be­klag­ten in die OT-Mit­glied­schaft ist auch ver­eins­recht­lich zum 1. No­vem­ber 2004 wirk­sam ge­wor­den. Nach § 3 Nr. 2 der Ver­bands­sat­zung be­darf es für den Sta­tus­wech­sel ei­nes An­trags des Ver­bands­mit­glieds und ei­nes statt­ge­ben­den Vor­stands­be­schlus­ses. Nach den von der Re­vi­si­on nicht mehr an­ge­grif­fe­nen bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts (§ 559 Abs. 2 ZPO) la­gen die­se Vor­aus­set­zun­gen vor. Die Be­klag­te hat mit Schrei­ben vom 20. Sep­tem­ber 2004 ei­nen An­trag auf Wech­sel in die OT-Mit­glied­schaft ge­stellt, der durch den Vor­stand am 23. Sep­tem­ber 2004 an­ge­nom­men wor­den ist. Un­ter Ein­hal­tung der in der Sat­zung für den Wech­sel vor­ge­se­he­nen Min­dest­frist von ei­nem Mo­nat zum En­de des Ka­len­der­mo­nats ist die Be­klag­te da­her seit dem 1. No­vem­ber 2004 nur noch OT-Mit­glied im Ein­zel­han­dels­ver­band Ost­west­fa­len-Lip­pe e.V.
 


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bb) Der TV Son­der­zah­lung 2006 ist erst am 10. Fe­bru­ar 2006 und da­mit nach die­sem Wech­sel der Be­klag­ten in die OT-Mit­glied­schaft ab­ge­schlos­sen wor­den. Die Be­klag­te ist des­halb nicht an den TV Son­der­zah­lung 2006 ge­bun­den und das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en be­stimmt sich nicht nach des­sen Re­ge­lun­gen.


III. Die Kos­ten­ent­schei­dung er­gibt sich aus § 92 Abs. 1, § 97 ZPO. Die Kläge­rin hat mit ih­rer Zah­lungs­kla­ge zunächst 956,03 Eu­ro brut­to ein­ge­klagt. Die ge­gen das kla­ge­ab­wei­sen­de Ur­teil des Ar­beits­ge­richts ein­ge­leg­te Be­ru­fung hat sie hin­sicht­lich der Zah­lungs­kla­ge auf ei­nen Be­trag von 846,61 Eu­ro be­schränkt. Da­her be­darf es ei­ner ge­trenn­ten Kos­ten­ent­schei­dung für die ver­schie­de­nen In­stan­zen.

Be­p­ler 

Tre­ber 

Win­ter

Schmalz 

Drechs­ler

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