Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Abmahnung, Personalakte
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz
Akten­zeichen: 3 Sa 150/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 23.08.2011
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Koblenz, Urteil vom 3.12.2010, 2 Ca 1043/10
   

Ak­ten­zei­chen:
3 Sa 150/11
2 Ca 1043/10
ArbG Ko­blenz
Ent­schei­dung vom 23.08.2011

Te­nor:
Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ko­blenz vom 03.12.2010 - 2 Ca 1043/10 - teil­wei­se ab­geändert, so­weit die Be­klag­te zur Ent­fer­nung der 2. Ab­mah­nung vom 30.03.2010, der 3. Ab­mah­nung vom 30.03.2010, der 4. Ab­mah­nung vom 30.03.2010 und der 5. Ab­mah­nung vom 22.06.2010 aus der Per­so­nal­ak­te ver­ur­teilt wor­den ist.

Die Kla­ge wird in Be­zug auf die Anträge zu 2), 3), 4) und 6) ab­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Ver­fah­rens ers­ter In­stanz tra­gen der Kläger zu 2/3 und die Be­klag­te zu 1/3. Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens trägt der Kläger.

Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.


Tat­be­stand:
Die Par­tei­en strei­ten im Be­ru­fungs­ver­fah­ren noch darüber, ob die Be­klag­te zur Ent­fer­nung von vier Ab­mah­nun­gen (2., 3. und 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010, 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010) aus der Per­so­nal­ak­te des Klägers ver­pflich­tet ist.

Der Kläger ist seit 09. Ju­li 2003 bei der Be­klag­ten beschäftigt. Er ist Vor­sit­zen­der des bei der Be­klag­ten be­ste­hen­den sie­benköpfi­gen Be­triebs­rats.

Un­ter dem 30. März 2010 er­teil­te die Be­klag­te dem Kläger vier Ab­mah­nun­gen, von de­nen die 2., 3. und 4. Ab­mah­nung Ge­gen­stand des Be­ru­fungs­ver­fah­rens sind.

Die 2. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 hat fol­gen­den In­halt:

"2. Ab­mah­nung

Sehr ge­ehr­ter Herr C.,

in vor­be­zeich­ne­ter An­ge­le­gen­heit ver­tre­ten wir die recht­li­chen In­ter­es­sen Ih­rer Ar­beit­ge­be­rin, der A., A-Straße, A-Stadt. Ei­ne uns le­gi­ti­mie­ren­de Voll­macht ist im Ori­gi­nal bei­gefügt.

Sie sind bei der A. beschäftigt als Schichtführer an der Kol­ler­an­la­ge. Fer­ner sind sie Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der.

Am 15.03.2010 oder am 16.03.2010 hat der tech­ni­sche Lei­ter des Be­trie­bes A-Stadt/K., Herr A. Sch., der zu­gleich auch Ihr Vor­ge­setz­ter ist, Sie im Meis­terbüro an­ge­spro­chen. Sie hat­ten dort Be­triebs­ratstätig­keit ver­rich­tet, in­dem Sie ei­nen Aus­druck an­ge­fer­tigt hat­ten. Herr Sch. hat­te Ih­nen sinn­gemäß erklärt, dass Sie für die Be­triebs­ratstätig­keit ein ei­ge­nes Be­triebs­ratsbüro zur Verfügung ha­ben und dass Sie das Meis­terbüro nicht für die Be­triebs­ratstätig­keit nut­zen dürfen.

Ent­ge­gen der An­wei­sung von Herrn Sch. ha­ben Sie am 26.03.2010 ge­gen 11:30 Uhr wie­der­um das Meis­terbüro be­tre­ten und dort Be­triebs­ratstätig­keit ver­rich­tet, nämlich ein Fax ver­sen­det.

In­dem Sie ge­gen die An­wei­sung des tech­ni­schen Lei­ters, des Herrn Sch., das Meis­terbüro be­nutzt ha­ben, um dort Tätig­kei­ten zu ver­rich­ten, ha­ben Sie ge­gen ei­ne Ar­beits­an­wei­sung ver­s­toßen und da­mit ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Pflicht ver­letzt.
We­gen die­ser Pflicht­ver­let­zung wer­den Sie hier­mit ab­ge­mahnt.

Soll­te sich ei­ne der­ar­ti­ge oder ähn­li­che Pflicht­ver­let­zung wie­der­ho­len, se­hen wir uns lei­der ge­zwun­gen, Ihr Ar­beits­verhält­nis zu kündi­gen."


Die 3. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 lau­tet wie folgt:

"3. Ab­mah­nung

Sehr ge­ehr­ter Herr C.,

in vor­be­zeich­ne­ter An­ge­le­gen­heit ver­tre­ten wir die recht­li­chen In­ter­es­sen Ih­rer Ar­beit­ge­be­rin, der A., A-Straße, A-Stadt. Ei­ne uns le­gi­ti­mie­ren­de Voll­macht ist im Ori­gi­nal bei­gefügt.

Sie sind bei der A. beschäftigt als Schichtführer an der Kol­ler­an­la­ge.

Am 26.03.2010 ha­ben Sie ge­gen 14:15 Uhr das Be­triebs­gelände in K. ver­las­sen. Im Be­reich des Trep­pen­hau­ses be­geg­ne­te Ih­nen der Meis­ter, Herr P.. Sinn­gemäß erklärten Sie ge­genüber Herrn P., Sie wünsch­ten ihm ein "Scheiss­wo­chen­en­de".

Herr P. hat­te sich dar­auf­hin bei dem tech­ni­schen Lei­ter des Be­trie­bes, Herrn Sch., be­schwert.

Zu Ih­ren Pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag gehört auch der re­spekt­vol­le und wertschätzen­de Um­gang mit den Ar­beits­kol­le­gen, ins­be­son­de­re den vor­ge­setz­ten Meis­tern, hier des Herrn P..

In­dem Sie dem Meis­ter P. ein "Scheiss­wo­chen­en­de" gewünscht ha­ben, ha­ben Sie ge­gen die Pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag ver­s­toßen. Sie wer­den des­halb hier­mit ab­ge­mahnt.

Soll­te sich ei­ne der­ar­ti­ge oder ähn­li­che Pflicht­ver­let­zung wie­der­ho­len se­hen wir uns lei­der ge­zwun­gen, Ihr Ar­beits­verhält­nis zu kündi­gen."


In der 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 heißt es:

"4. Ab­mah­nung

Sehr ge­ehr­ter Herr C.,

in vor­be­zeich­ne­ter An­ge­le­gen­heit ver­tre­ten wir die recht­li­chen In­ter­es­sen Ih­rer Ar­beit­ge­be­rin, der A., A-Straße, A-Stadt. Ei­ne uns le­gi­ti­mie­ren­de Voll­macht ist im Ori­gi­nal bei­gefügt.

Sie sind bei der A. beschäftigt als Schichtführer an der Kol­ler­an­la­ge.

Am 26.03.2010 ha­ben Sie ge­gen 14:15 Uhr das Be­triebs­gelände in K. ver­las­sen. Sie be­geg­ne­ten dem Meis­ter, Herrn R., der am Si­lo­turm ar­bei­te­te. Sinn­gemäß erklärten Sie ge­genüber Herrn R., Sie wünsch­ten ihm ein "be­schis­se­nes Wo­chen­en­de".

Herr R. hat­te sich dar­auf­hin bei dem tech­ni­schen Lei­ter des Be­trie­bes, Herrn Sch. be­schwert.

Zu Ih­ren Pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag gehört auch der re­spekt­vol­le und wertschätzen­de Um­gang mit den Ar­beits­kol­le­gen, ins­be­son­de­re den vor­ge­setz­ten Meis­tern, hier des Herrn R..

In­dem Sie dem Meis­ter R. ein "be­schis­se­nes Wo­chen­en­de" gewünscht ha­ben, ha­ben Sie ge­gen die Pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag ver­s­toßen. Sie wer­den des­halb hier­mit ab­ge­mahnt.

Soll­te sich ei­ne der­ar­ti­ge oder ähn­li­che Pflicht­ver­let­zung wie­der­ho­len se­hen wir uns lei­der ge­zwun­gen, Ihr Ar­beits­verhält­nis zu kündi­gen."


Mit Schrei­ben vom 22. Ju­ni 2010 er­teil­te die Be­klag­te dem Kläger fol­gen­de 5. Ab­mah­nung:

"5. Ab­mah­nung

Sehr ge­ehr­ter Herr C.,

in vor­be­zeich­ne­ter An­ge­le­gen­heit ver­tre­ten wir die recht­li­chen In­ter­es­sen Ih­rer Ar­beit­ge­be­rin, der A., A-Straße, A-Stadt. Ei­ne uns le­gi­ti­mie­ren­de Voll­macht ist im Ori­gi­nal bei­gefügt.

Sie sind bei der A. beschäftigt als Schichtführer an der Kol­ler­an­la­ge.

Am 09.06.2010 am frühen Nach­mit­tag zwi­schen 13.30 und 14.00 Uhr ha­ben Sie mit Ih­rem PKW das Be­triebs­gelände des Wer­kes in K. be­fah­ren und auf dem Fußweg vor dem Meis­terbüro ge­parkt, sind aus­ge­stie­gen und ins Meis­terbüro ge­gan­gen, um ei­ne Krank­mel­dung ab­zu­ge­ben.

Bei dem Be­ge­hen des Be­triebs­geländes tru­gen Sie kei­ne Warn­wes­te.

Sie wis­sen, dass auf dem Be­triebs­gelände das Tra­gen ei­ner Warn­wes­te Pflicht ist. Hier­zu hat die Man­dan­tin "Grund­prin­zi­pi­en zur Ver­mei­dung tödli­cher Unfälle" auf­ge­stellt, die Ih­nen be­kannt sind.

In­dem Sie das Be­triebs­gelände be­gan­gen ha­ben, oh­ne die vor­ge­schrie­be­ne Warn­wes­te zu tra­gen, ha­ben Sie ge­gen Pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag ver­s­toßen. Sie wer­den des­halb hier­mit ab­ge­mahnt.

Soll­te sich ei­ne der­ar­ti­ge oder ähn­li­che Pflicht­ver­let­zung wie­der­ho­len, se­hen wir uns lei­der ge­zwun­gen, Ihr Ar­beits­verhält­nis zu kündi­gen."


Das dem Kläger vor­ge­wor­fe­ne Ver­hal­ten in der 2., 3. und 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 so­wie in der 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010, die Ge­gen­stand des Be­ru­fungs­ver­fah­rens sind, ist in tatsäch­li­cher Hin­sicht je­weils un­strei­tig.

Mit sei­ner beim Ar­beits­ge­richt Ko­blenz er­ho­be­nen Kla­ge hat der Kläger die Ent­fer­nung der ihm er­teil­ten Ab­mah­nun­gen aus sei­ner Per­so­nal­ak­te und sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung als Schicht­lei­ter be­gehrt.

Er hat erst­in­stanz­lich - so­weit für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren in Be­zug auf die 2. bis 5. Ab­mah­nung von In­ter­es­se - vor­ge­tra­gen, die 2. Ab­mah­nung sei un­be­rech­tigt, weil zum da­ma­li­gen Zeit­punkt die Ko­pier­funk­ti­on des dem Be­triebs­rat zur Verfügung ge­stell­ten Fax­gerätes de­fekt ge­we­sen sei. Die Be­klag­te ha­be dem Be­triebs­rat nach § 40 Be­trVG die er­for­der­li­chen Ar­beits­mit­tel zur Verfügung zu stel­len. Im Übri­gen dürf­ten die Ar­beit­neh­mer das un­ver­schlos­se­ne Meis­terbüro un­ge­hin­dert be­tre­ten. Al­le Mit­ar­bei­ter würden dort Ko­pi­en fer­ti­gen. Bei der Auf­for­de­rung des tech­ni­schen Lei­ters, das Meis­terbüro für die Be­triebs­ratstätig­keit nicht zu nut­zen, han­de­le es sich nicht um ei­ne Ar­beits­an­wei­sung, de­ren Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­lich sank­tio­niert wer­den könne, son­dern um ei­nen Vor­gang, der aus­sch­ließlich sei­ne Be­triebs­ratstätig­keit be­tref­fe und des­halb aus­sch­ließlich be­triebs­ver­fas­sungs­recht­lich zu würdi­gen sei. Die ihm mit der 3. und 4. Ab­mah­nung vor­ge­wor­fe­nen Äußerun­gen sei­en aus der an­ge­spann­ten Si­tua­ti­on im Zu­sam­men­hang mit den in der Ver­la­dung zu leis­ten­den Über­stun­den her­aus zu erklären. Als die Be­klag­te beim Be­triebs­rat für die Ver­la­dung in der Zeit vom 15. März bis 30. Sep­tem­ber 2010 Schich­ten im Um­fang von 11 St­un­den be­an­tragt ha­be, sei der Be­triebs­rat zunächst da­von aus­ge­gan­gen, dass 10 St­un­den ar­beitstäglich zzgl. ei­ner St­un­de Pau­se ge­leis­tet wer­den soll­ten. Nach­dem die Ar­beit­neh­mer der Ver­la­dung von der Be­klag­ten 12 St­un­den oh­ne Pau­se beschäftigt wor­den sei­en, ha­be er der Be­klag­ten mit­ge­teilt, dass der Be­triebs­rat dies we­gen der Über­schrei­tung der Höchst­ar­beits­zei­ten im Ar­beits­zeit­ge­setz nicht ge­neh­mi­gen dürfe. Bei ei­ner der fol­gen­den Be­triebs­rats­sit­zun­gen ha­be die Geschäfts­lei­tung selbst zu­ge­stan­den, dass die Über­stun­den falsch be­an­tragt wor­den sei­en und es um 10 St­un­den zzgl. ei­ner Pau­se von ei­ner St­un­de ge­he. Gleich­wohl hätten die Meis­ter P. und R. in der Be­leg­schaft ver­brei­tet, der Be­triebs­rat ha­be sich ge­gen die Einführung der Über­stun­den ge­stellt und wol­le den Beschäftig­ten wohl die ent­spre­chen­de Ver­dienstmöglich­keit neh­men. Das Ver­hal­ten der Meis­ter ha­be in der Be­leg­schaft zu Un­ru­he und Miss­stim­mung ge­genüber dem Be­triebs­rat geführt, so dass er am 25. März 2010 in sei­ner Ei­gen­schaft als Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der nach Fei­er­abend um 17:00 Uhr in den Be­trieb zurück­ge­kehrt sei, um den Beschäftig­ten zu erläutern, wes­halb der Be­triebs­rat dem An­trag des Ar­beit­ge­bers auf Zu­stim­mung zu Über­stun­den in der ge­stell­ten Form nicht zu­ge­stimmt ha­be. Die­se Vorgänge hätten ihn ver­an­lasst, den Meis­tern P. und R. am 26. März 2010 ein eben­so "be­schis­se­nes" Wo­chen­en­de zu wünschen, wie die Strei­tig­kei­ten, die sie ihm im Zu­sam­men­hang mit den be­an­trag­ten Ar­beits­zei­ten in der Ver­la­dung be­rei­tet hätten. Sei­ner An­sicht nach stel­le sein Ver­hal­ten im Zu­sam­men­hang mit der ge­schil­der­ten Si­tua­ti­on kei­nen ab­mah­nungswürdi­gen Ver­trags­ver­s­toß dar. Auch die 5. Ab­mah­nung sei aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen. Noch nie ha­be je­mand bei der Ab­ga­be ei­ner Krank­mel­dung im Meis­terbüro ei­ne Warn­wes­te ge­tra­gen. Die Be­klag­te ha­be auch des­we­gen noch kei­nen Ar­beit­neh­mer ab­ge­mahnt. Bei dem ihm vor­ge­hal­te­nen Vor­gang han­de­le es sich um ei­ne aus­ge­spro­che­ne Ba­ga­tel­le, weil er vor dem Meis­terbüro aus dem Au­to aus­ge­stie­gen und et­wa drei bis vier Me­ter zu Fuß ins Meis­terbüro ge­gan­gen sei. Im Übri­gen sei er auf­grund sei­ner krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit auch nicht im Dienst ge­we­sen, so dass be­reits frag­lich sei, ob er in die­sem Zu­sam­men­hang ge­gen Ar­beits­ver­trags­pflich­ten ha­be ver­s­toßen können.

Der Kläger hat erst­in­stanz­lich be­an­tragt,
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die "ers­te Ab­mah­nung" vom 30.03.2010 we­gen "Ver­s­toßes ge­gen die Schwei­ge­pflicht" aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die "zwei­te Ab­mah­nung" vom 30.03.2010 be­tref­fend die Nut­zung des Meis­terbüros für Be­triebs­ratstätig­kei­ten aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die "drit­te Ab­mah­nung" vom 30.03.2010 aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die "vier­te Ab­mah­nung" vom 30.03.2010 aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihn als Schicht­lei­ter wei­ter­zu­beschäfti­gen,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die 5. Ab­mah­nung vom 22.06.2010 aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen.


Die Be­klag­te hat be­an­tragt,
die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie hat er­wi­dert, die 2. Ab­mah­nung sei ge­recht­fer­tigt, weil der Kläger ent­ge­gen der ihm er­teil­ten An­wei­sung sei­nes Vor­ge­setz­ten das Meis­terbüro zur Be­nut­zung des Te­le­fax­gerätes für Be­triebs­ratstätig­kei­ten be­tre­ten ha­be und da­mit ge­gen ar­beits­ver­trag­li­che Pflich­ten ver­s­toßen ha­be. Selbst wenn das Fax­gerät im Be­triebs­ratsbüro de­fekt ge­we­sen sein soll­te, hätte der Kläger sich über die An­ord­nung sei­nes Vor­ge­setz­ten nicht hin­weg­set­zen dürfen. In die­sem Zu­sam­men­hang sei un­er­heb­lich, dass sie dem Be­triebs­rat die sach­li­chen Mit­tel zur Be­triebs­rats­ar­beit zur Verfügung zu stel­len ha­be. Der Kläger hätte bei Fehl­funk­tio­nen oder Aus­fall des Fax­gerätes sich an den Meis­ter oder den tech­ni­schen Lei­ter, Herrn Sch., wen­den können, die so­fort Ab­hil­fe ge­leis­tet hätten. Es ge­be kein Selbst­hil­fe­recht des Be­triebs­ra­tes zur Be­schaf­fung von Ar­beits­mit­teln. Herr Sch. ha­be in Ausübung ih­res Haus­rech­tes dem Kläger die An­wei­sung er­tei­len dürfen, das Meis­terbüro nicht für Be­triebs­ratstätig­keit zu be­nut­zen. Wenn der Kläger sich dar­an nicht hal­te, sei sein Ver­hal­ten rechts­wid­rig und ab­mah­nungsfähig. Die 3. und 4. Ab­mah­nung sei­en eben­falls ge­recht­fer­tigt. Selbst wenn es gemäß dem Vor­trag des Klägers im Be­trieb zu den an­geführ­ten Ver­stim­mun­gen ge­kom­men sein soll­te, wäre der Kläger im­mer noch nicht be­rech­tigt ge­we­sen, den bei­den Meis­tern ein "be­schis­se­nes" Wo­chen­en­de zu wünschen. Zu den Pflich­ten des Klägers aus dem Ar­beits­ver­trag gehöre auch der re­spekt­vol­le und wertschätzen­de Um­gang mit den Ar­beits­kol­le­gen, ins­be­son­de­re den vor­ge­setz­ten Meis­tern. Ge­gen die­se Pflicht ha­be der Kläger mit sei­nen Äußerun­gen ver­s­toßen. Die Äußerun­gen des Klägers ge­genüber den bei­den Meis­tern sei­en un­an­ge­mes­sen so­wie ehr­ver­let­zend und hätten zu ei­ner Störung des Be­triebs­frie­dens geführt. Die Ausführun­gen des Klägers in Be­zug auf die 5. Ab­mah­nung sei­en recht­lich halt­los. Der Kläger ha­be ge­gen die ihm ob­lie­gen­de Pflicht, beim Be­ge­hen des Be­triebs­geländes ei­ne Warn­wes­te zu tra­gen, ver­s­toßen. Da­bei kom­me es nicht dar­auf an, ob der Kläger ar­beits­unfähig ge­we­sen sei, weil er das Be­triebs­gelände in sei­ner Ei­gen­schaft als Ar­beit­neh­mer oh­ne Warn­wes­te be­tre­ten ha­be. Das be­ste­hen­de ge­ne­rel­le Ge­bot, auf dem Be­triebs­gelände ei­ne Warn­wes­te zu tra­gen, un­ter­lie­ge kei­ner räum­li­chen Ein­schränkung. Des­halb kom­me es auf die vom Kläger zurück­ge­leg­te Stre­cke auf dem Be­triebs­gelände nicht an. Auch bei ei­nem kur­zen Weg sei es möglich, ei­nen Un­fall zu er­lei­den oder zu ver­ur­sa­chen, weil die vor­ge­schrie­be­ne Warn­wes­te nicht ge­tra­gen wor­den sei. Sie be­strei­te mit Nicht­wis­sen die Be­haup­tung des Klägers, dass noch nie je­mand bei der Ab­ga­be ei­ner Krank­mel­dung im Meis­terbüro ei­ne Warn­wes­te ge­tra­gen ha­be. Wenn des­we­gen noch kei­ne Ab­mah­nung aus­ge­spro­chen wor­den sein soll­te, so lie­ge das al­len­falls dar­an, dass ein der­ar­ti­ges Ver­hal­ten noch nicht auf­ge­fal­len sei.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge voll­umfäng­lich statt­ge­ge­ben. Zur Be­gründung hat es - so­weit für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren von In­ter­es­se - aus­geführt, dass die streit­ge­genständ­li­chen Ab­mah­nun­gen un­ge­recht­fer­tigt und aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen sei­en, weil sie ge­gen den Verhält­nismäßig­keits­grund­satz ver­s­toßen würden. Bei al­len Ab­mah­nun­gen lie­ge kein ver­tret­ba­res Verhält­nis zwi­schen Fehl­ver­hal­ten und er­teil­ter Ab­mah­nung vor. Nach dem Verhält­nismäßig­keits­grund­satz wären al­len­falls Er­mah­nun­gen oder Be­an­stan­dun­gen oh­ne Kündi­gungs­an­dro­hung verhält­nismäßig ge­we­sen. Vor Aus­spruch der 2. Ab­mah­nung hätte die Be­klag­te den Kläger zu dem Vor­fall anhören müssen. Nach ei­ner sol­chen Anhörung hätte die Be­klag­te ggf. prüfen müssen, ob der Vor­trag des Klägers zu­tref­fend sei, dass das Fax­gerät des Be­triebs­rats sei­ner­zeit nicht in­takt ge­we­sen sei und der Kläger des­halb das Fax­gerät im Meis­terbüro be­nutzt ha­be. Der Aus­spruch der 2. Ab­mah­nung oh­ne vor­he­ri­ge Anhörung er­wei­se sich in An­se­hung des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes als un­verhält­nismäßig. Die in der 3. und 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 gerügten Äußerun­gen des Klägers ge­genüber den bei­den Meis­tern würden zwar un­an­ge­mes­se­ne und re­spekt­lo­se Äußerun­gen dar­stel­len, die nicht zu ak­zep­tie­ren sei­en. Gleich­wohl sei die Er­tei­lung von Ab­mah­nun­gen mit Kündi­gungs­an­dro­hung nicht verhält­nismäßig ge­we­sen, weil es sich bei den frag­li­chen Äußerun­gen des Klägers nicht um Be­lei­di­gun­gen im straf­recht­li­chen Sin­ne ge­han­delt ha­be. Aus die­sem Grun­de hätte vor Aus­spruch ei­ner Ab­mah­nung nach dem Verhält­nismäßig­keits­grund­satz ggf. ei­ne Anhörung des Klägers er­fol­gen können. Da­bei hätte dem Kläger die Möglich­keit ein­geräumt wer­den können, die Gründe für sein Ver­hal­ten dar­zu­le­gen und sich un­ter Umständen bei den be­tref­fen­den Meis­tern zu ent­schul­di­gen. An­de­ren­falls hätte un­ter Umstände ei­ne Er­mah­nung oh­ne Kündi­gungs­an­dro­hung er­fol­gen können. Sch­ließlich sei auch die 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010 im Hin­blick auf den Verhält­nismäßig­keits­grund­satz nicht ge­recht­fer­tigt. Zwar könne die Be­klag­te oh­ne Zwei­fel grundsätz­lich aus Si­cher­heits­gründen zur Ver­mei­dung tödli­cher Unfälle ver­lan­gen, dass auf dem Be­triebs­gelände ei­ne Warn­wes­te ge­tra­gen wer­de. Bei der Be­ur­tei­lung der dem Kläger dies­bezüglich er­teil­ten Ab­mah­nung mit Kündi­gungs­an­dro­hung sei je­doch im Hin­blick auf die Umstände des kon­kre­ten Fal­les vom 09. Ju­ni 2010 eben­falls der Verhält­nismäßig­keits­grund­satz zu be­ach­ten. Aus­weis­lich der vor­ge­leg­ten Licht­bil­der sei der Kläger aus sei­nem Au­to her­aus ca. drei bis vier Me­ter un­mit­tel­bar in das Meis­terbüro hin­ein­ge­gan­gen. Im Hin­blick dar­auf, dass der Kläger kei­ne nen­nens­wer­te Dis­tanz auf dem Be­triebs­gelände zurück­ge­legt ha­be, sei in An­se­hung des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes al­len­falls ei­ne Er­mah­nung oh­ne Kündi­gungs­an­dro­hung verhält­nismäßig ge­we­sen.

Ge­gen das ihr am 10. Fe­bru­ar 2011 zu­ge­stell­te Ur­teil des Ar­beits­ge­richts hat die Be­klag­te mit Schrift­satz vom 09. März 2011, beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz am glei­chen Tag ein­ge­gan­gen, Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se in­ner­halb der bis zum 10. Mai 2011 verlänger­ten Be­ru­fungs­be­gründungs­frist mit Schrift­satz vom 02. Mai 2011, beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz am 03. Mai 2011 ein­ge­gan­gen, be­gründet. Mit ih­rer Be­ru­fung wen­det sich die Be­klag­te ge­gen ih­re Ver­ur­tei­lung zur Ent­fer­nung der 2., 3. und 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 so­wie der 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010 aus der Per­so­nal­ak­te und ver­folgt ih­ren An­trag auf Kla­ge­ab­wei­sung in Be­zug auf die Kla­ge­anträge zu 2., 3., 4. und 6. wei­ter.

Die Be­klag­te trägt vor, das Ar­beits­ge­richt ha­be zu Un­recht an­ge­nom­men, dass die 2., 3. und 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 so­wie die 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010 ge­gen den Verhält­nismäßig­keits­grund­satz ver­s­toßen würden. Ei­ne Ab­mah­nung sei nicht be­reits des­halb un­verhält­nismäßig, weil der Ar­beit­ge­ber auch über den er­ho­be­nen Vor­wurf hätte hin­weg­se­hen können. Je­den­falls sei ei­ne Ab­mah­nung verhält­nismäßig bei ei­ner Miss­ach­tung des Persönlich­keits­rechts an­de­rer Ar­beit­neh­mer und vor al­lem auch bei ei­nem Ver­s­toß ge­gen Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten. In Be­zug auf die 2. Ab­mah­nung sei zu berück­sich­ti­gen, dass der Kläger be­reits zu­vor von sei­nem Vor­ge­setz­ten und tech­ni­schen Lei­ter des Be­trie­bes, Herrn Sch., klar und un­miss­verständ­lich dar­auf hin­ge­wie­sen und er­mahnt wor­den sei, dass er im Meis­terbüro kei­ne Be­triebs­ratstätig­keit ver­rich­ten dürfe, da er ein ei­ge­nes Be­triebs­ratsbüro zur Verfügung ha­be. So­weit sich das Ar­beits­ge­richt mit der Fra­ge beschäftigt ha­be, ob mögli­cher­wei­se das Te­le­fax des Be­triebs­ra­tes de­fekt ge­we­sen sei, könne es hier­auf nicht an­kom­men. Wäre das Fax­gerät de­fekt ge­we­sen, so hätte der Kläger dies der Be­klag­ten mel­den und Ab­hil­fe ver­lan­gen müssen. So­lan­ge sie von ei­nem De­fekt des Fax­gerätes kei­ne Kennt­nis ha­be, dürfe sie dies mit Nicht­wis­sen be­strei­ten, zu­mal das Te­le­fax des Be­triebs­ra­tes nicht ih­rer Kon­trol­le un­ter­lie­ge. Das ei­genmäch­ti­ge Han­deln des Klägers ent­ge­gen dem aus­drück­li­chen Ver­bot sei­nes Vor­ge­setz­ten, Herrn Sch., sei als schwe­rer ar­beits­ver­trag­li­cher Ver­s­toß ge­gen ihr Haus­recht und da­mit auch als Ein­griff in ei­ne grund­recht­lich geschütz­te Po­si­ti­on aus Art. 14, 12 GG an­zu­se­hen. Hin­sicht­lich der 3. und 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 könne es ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts nicht dar­auf an­kom­men, ob die Äußerun­gen des Klägers am 26. März 2010 Be­lei­di­gun­gen im straf­recht­li­chen Sin­ne sei­en. Die Äußerun­gen des Klägers ge­genüber den Meis­tern würden de­ren Persönlich­keits­recht ver­let­zen und hätten zu ei­ner Störung des Be­triebs­frie­dens geführt. Im Hin­blick dar­auf, dass der Kläger mit sei­nem Ver­hal­ten in gra­vie­ren­der Wei­se ar­beits­ver­trag­li­che Pflich­ten ver­letzt ha­be, sei nicht er­kenn­bar, wes­halb die ent­spre­chen­den Ab­mah­nun­gen un­verhält­nismäßig ge­we­sen sein könn­ten. In Be­zug auf die 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010 ha­be das Ar­beits­ge­richt bei der Würdi­gung des Sach­ver­hal­tes nicht berück­sich­tigt, dass der im Ter­min an­we­sen­de Herr Sch. zu den vor­ge­leg­ten Fo­tos erläuternd aus­geführt ha­be, dass es sich bei dem vom Kläger be­schrit­te­nen Be­reich um ei­nen Ge­fah­ren­be­reich han­de­le, weil auf­grund der na­he­ge­le­ge­nen Ver­la­de­stel­le Lkws dort rückwärts fah­ren würden. In­dem der Kläger in ei­nem Ge­fah­ren­be­reich sein Fahr­zeug ver­las­sen und das Be­triebs­gelände - wenn auch nur ei­ne kur­ze Stre­cke - oh­ne Warn­wes­te be­gan­gen ha­be, han­de­le es sich um ei­ne gra­vie­ren­de Pflicht­ver­let­zung, zu­mal der Kläger Schicht­lei­ter sei und ihm auch Un­ter­neh­mer­pflich­ten, vor al­lem in Hin­blick auf die Verhütung von Ar­beits­unfällen, über­tra­gen ge­we­sen sei­en.

Die Be­klag­te be­an­tragt,
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ko­blenz vom 03. De­zem­ber 2010 - 2 Ca 1043/10 - teil­wei­se ab­zuändern, so­weit sie zur Ent­fer­nung der 2. Ab­mah­nung vom 30. März 2010, der 3. Ab­mah­nung vom 30. März 2010, der 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 und der 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010 aus der Per­so­nal­ak­te ver­ur­teilt wor­den ist, und die Kla­ge in Be­zug auf die Anträge zu 2., 3., 4. und 6. ab­zu­wei­sen.

Der Kläger be­an­tragt,
die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Er er­wi­dert, bei dem ihm mit der 2. Ab­mah­nung vor­ge­wor­fe­nen Ver­hal­ten han­de­le es sich nicht um ei­nen Ar­beits­ver­trags­ver­s­toß, der ei­ner Ab­mah­nung zugäng­lich sei. Nach der Recht­spre­chung sei zwi­schen dem Han­deln ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds als Ar­beit­neh­mer und sei­nem Han­deln in der Ausübung von Be­triebs­rats­funk­tio­nen zu un­ter­schei­den. Nur ar­beits­ver­trag­lich re­le­van­tes Ver­hal­ten könne mit Sank­tio­nen ge­ahn­det wer­den, während der Ar­beit­ge­ber auf be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Sank­tio­nen ver­wie­sen sei, wenn er die Über­schrei­tung der Kom­pe­ten­zen der Be­triebs­ratstätig­keit rüge. Je­den­falls sei die Ab­mah­nung auf­grund des of­fen­sicht­li­chen Ba­ga­tell­cha­rak­ters des Vor­gangs un­verhält­nismäßig. Ent­ge­gen der Dar­stel­lung der Be­klag­ten wer­de dem Ar­beit­ge­ber kei­nes­falls Ei­gen­tum ent­zo­gen, son­dern le­dig­lich zur An­fer­ti­gung ei­ni­ger Ko­pi­en ge­nutzt. Im Übri­gen sei sein Ver­hal­ten im Lich­te des § 40 Be­trVG zu be­trach­ten, wo­nach der Ar­beit­ge­ber dem Be­triebs­rat die zur Ausführung der Be­triebs­ratstätig­keit nöti­gen sach­li­chen Mit­tel zur Verfügung zu stel­len ha­be. Bei dem Ver­bot, das Meis­terbüro zur Ausführung von Be­triebs­ratstätig­kei­ten zu be­tre­ten, han­de­le es sich um ein schi­kanöses Ver­hal­ten, weil Ar­beit­neh­mer täglich das Meis­terbüro be­tre­ten und dort not­wen­di­ge Tätig­kei­ten, u. a. auch die An­fer­ti­gung von Ko­pi­en, ausführen würden. Hin­sicht­lich der 3. und 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 sei nicht zu be­an­stan­den, dass das Ar­beits­ge­richt al­len­falls ei­ne Er­mah­nung, nicht aber ei­ne Ab­mah­nung mit Kündi­gungs­an­dro­hung für verhält­nismäßig ge­hal­ten ha­be. Das Ar­beits­ge­richt ha­be un­ter Be­zug­nah­me auf sei­nen Vor­trag berück­sich­tigt, dass er Gründe für sein Ver­hal­ten ge­habt ha­be und die Gren­ze zu ei­ner straf­recht­li­chen Be­lei­di­gung nicht über­schrit­ten wor­den sei. Die Meis­ter hätten die Be­triebs­ratstätig­keit be­hin­dert, in­dem sie die Ar­beit­neh­mer ge­genüber ei­ner vom Be­triebs­rat gerügten ge­set­zes­wid­ri­gen Ar­beits­zeit­verlänge­rung mit den Wor­ten auf­ge­hetzt hätten, der Be­triebs­rat wol­le den Beschäftig­ten die Ver­dienstmöglich­keit durch zusätz­li­che Über­stun­den neh­men. In die­sem Zu­sam­men­hang könne das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts, wo­nach im Rah­men der Verhält­nismäßig­keit die Be­klag­te ihn vor Er­tei­lung ei­ner Ab­mah­nung erst hätte anhören müssen, nicht gerügt wer­den. In Be­zug auf die 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010 ha­be die Be­klag­te die grundsätz­lich auch in dem von ihm be­schrit­te­nen Be­reich vor­han­de­nen Ge­fah­ren un­an­ge­mes­sen dra­ma­ti­siert. Wenn an der be­zeich­ne­ten Stel­le Lkws rückwärts fah­ren würden, dann al­len­falls im Schritt­tem­po. Hier sei es für Ar­beit­neh­mer und sons­ti­ge Per­so­nen ein Leich­tes, sich auf die Ver­kehrs­la­ge ein­zu­stel­len. Im Übri­gen sei zu berück­sich­ti­gen, dass es sich kei­nes­wegs um ein wie­der­hol­tes Ver­hal­ten ge­han­delt und er in­fol­ge sei­ner Ar­beits­unfähig­keit sich nicht bei der Ausführung sei­ner ver­trags­gemäßen Ar­beit als Ar­beit­neh­mer be­fun­den ha­be.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf die Schriftsätze der Par­tei­en nebst An­la­gen so­wie auf die Sit­zungs­pro­to­kol­le Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe:
Die gemäß § 62 Abs. 1 und 2 Buchst. b ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung der Be­klag­ten ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt so­wie be­gründet wor­den (§§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG i. V. m. §§ 519, 520 ZPO).

Die hier­nach zulässi­ge Be­ru­fung, mit der sich die Be­klag­te ge­gen ih­re Ver­ur­tei­lung zur Ent­fer­nung der 2., 3. und 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 so­wie der 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010 aus der Per­so­nal­ak­te wen­det, hat auch in der Sa­che Er­folg. Die Kla­ge ist in Be­zug auf die Anträge zu 2., 3., 4. und 6. un­be­gründet.

So­weit die Be­klag­te ver­ur­teilt wor­den ist, die 1. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen (An­trag zu 1.) und den Kläger als Schicht­lei­ter wei­ter­zu­beschäfti­gen (An­trag zu 5.) hat sie das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts nicht an­ge­foch­ten, so dass die­ses in­so­weit rechts­kräftig ist.

Der Kläger hat kei­nen An­spruch ge­gen die Be­klag­te auf Ent­fer­nung der 2., 3. und 4. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 so­wie der 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010 aus sei­ner Per­so­nal­ak­te.

I. Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (vgl. BAG 27. No­vem­ber 2008 - 2 AZR 675/07 - NZA 2009, 842, zu B I der Gründe; BAG 22. Fe­bru­ar 2001 - 6 AZR 398/99 - [ju­ris], zu I der Gründe) kann der Ar­beit­neh­mer in ent­spre­chen­der An­wen­dung der §§ 242, 1004 BGB die Ent­fer­nung ei­ner zu Un­recht er­teil­ten Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te ver­lan­gen.

Bei der Ab­mah­nung, die nun­mehr in § 314 Abs. 2 BGB ge­setz­lich ver­an­kert wur­de, han­delt es sich um die Ausübung ei­nes ar­beits­ver­trag­li­chen Gläubi­ger­rechts durch den Ar­beit­ge­ber. Als Gläubi­ger der Ar­beits­leis­tung weist er den Ar­beit­neh­mer als sei­nen Schuld­ner auf des­sen ver­trag­li­che Pflich­ten hin und macht ihn auf die Ver­let­zung die­ser Pflich­ten auf­merk­sam (Rüge­funk­ti­on). Zu­gleich for­dert er ihn für die Zu­kunft zu ei­nem ver­trags­treu­en Ver­hal­ten auf und kündigt, wenn ihm dies an­ge­bracht er­scheint, in­di­vi­du­al­recht­li­che Kon­se­quen­zen für den Fall ei­ner er­neu­ten Pflicht­ver­let­zung an (Warn­funk­ti­on) (BAG 27. No­vem­ber 2008 - 2 AZR 675/07 - NZA 2009, 842, zu B I 1 der Gründe) .

Ei­ne sol­che miss­bil­li­gen­de Äußerung des Ar­beit­ge­bers in Form ei­ner Ab­mah­nung ist ge­eig­net, den Ar­beit­neh­mer in sei­nem be­ruf­li­chen Fort­kom­men und sei­nem Persönlich­keits­recht zu be­ein­träch­ti­gen. Des­halb kann der Ar­beit­neh­mer die Be­sei­ti­gung die­ser Be­ein­träch­ti­gung ver­lan­gen, wenn die Ab­mah­nung for­mell nicht ord­nungs­gemäß zu­stan­de ge­kom­men ist, un­rich­ti­ge Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen enthält, auf ei­ner un­zu­tref­fen­den recht­li­chen Be­wer­tung des Ver­hal­tens des Ar­beit­neh­mers be­ruht, den Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit ver­letzt, kein schutzwürdi­ges In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers am Ver­bleib der Ab­mah­nung in der Per­so­nal­ak­te mehr be­steht oder wenn die Ab­mah­nung statt ei­nes kon­kret be­zeich­ne­ten Fehl­ver­hal­tens nur pau­scha­le Vorwürfe enthält(BAG 27. No­vem­ber 2008 - 2 AZR 675/07 - NZA 2009, 842, zu B I 2 a und b der Gründe).
II. Kei­ne der Vor­aus­set­zun­gen für den An­spruch des Klägers auf Ent­fer­nung der vier Ab­mah­nun­gen, die Ge­gen­stand des Be­ru­fungs­ver­fah­ren sind, ist erfüllt.

1. Die Ab­mah­nun­gen ent­hal­ten kei­ne un­rich­ti­gen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen. Das dem Kläger in den vier Ab­mah­nun­gen je­weils vor­ge­wor­fe­ne (Fehl-)Ver­hal­ten ist je­weils hin­rei­chend kon­kret be­zeich­net und in tatsäch­li­cher Hin­sicht un­strei­tig.

2. Die Be­klag­te hat in den Ab­mah­nun­gen das be­an­stan­de­te Ver­hal­ten des Klägers je­weils recht­lich zu­tref­fend als Ver­let­zung sei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten be­wer­tet.

a) In der 2. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 hat die Be­klag­te zu Recht gerügt, dass der Kläger mit sei­nem Vor­ge­hen am 26. März 2010 ge­gen die ihm von sei­nem Vor­ge­setz­ten, dem tech­ni­schen Lei­ter, Herrn Sch., er­teil­te An­wei­sung ver­s­toßen und da­mit ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Pflicht ver­letzt hat.

aa) Die Be­klag­te war ent­ge­gen der An­sicht des Klägers nicht des­we­gen an der Er­tei­lung ei­ner Ab­mah­nung ge­hin­dert, weil der gerügte Pflicht­ver­s­toß im Zu­sam­men­hang mit sei­ner Tätig­keit als Be­triebs­rats­mit­glied stand.

Viel­mehr kommt ei­ne Pflicht­ver­let­zung durch ein Be­triebs­rats­mit­glied als Ge­gen-stand ei­ner Ab­mah­nung in Be­tracht, wenn das Be­triebs­rats­mit­glied zu­min­dest auch sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten ver­letzt hat (BAG 31. Au­gust 1994 - 7 AZR 893/93 - NZA 1995, 225, zu 2 a der Gründe; BAG 10. No­vem­ber 1993 - 7 AZR 682/92 - NZA 1994, 500, zu 5 a der Gründe). In der Ab­mah­nung wer­den dem Kläger kei­ne Verstöße ge­gen sei­ne Pflich­ten aus dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz vor­ge­wor­fen. Es wird al­lein ein Ver­s­toß ge­gen die er­teil­te An­wei­sung des tech­ni­schen Lei­ters und da­mit ein ar­beits­ver­trags­be­zo­ge­nes Fehl­ver­hal­ten gerügt.

bb) Ent­ge­gen der An­sicht des Klägers ist un­er­heb­lich, ob die Ko­pier­funk­ti­on des dem Be­triebs­rat zur Verfügung ge­stell­ten Fax­gerätes im Be­triebs­ratsbüro de­fekt war. Zwar hat der Ar­beit­ge­ber nach § 40 Abs. 2 Be­trVG dem Be­triebs­rat die er­for­der­li­chen Sach­mit­tel zur Verfügung zu stel­len. Die­ser Über­las­sungs­an­spruch des Be­triebs­ra­tes be­gründet für den Kläger aber nicht das Recht, im We­ge der Selbst­hil­fe das Fax­gerät im Meis­terbüro ent­ge­gen der ihm er­teil­ten An­wei­sung für sei­ne Be­triebs­ratstätig­keit zu be­nut­zen. Die Be­klag­te hat dem Be­triebs­rat im Be­triebs­ratsbüro ein ei­ge­nes Fax­gerät zur Verfügung ge­stellt. Als der Kläger am 15. oder 16. März 2010 von dem tech­ni­schen Lei­ter, Herrn Sch., im Meis­terbüro da­bei an­ge­trof­fen wor­den ist, als er für sei­ne Be­triebs­ratstätig­keit ei­nen Aus­druck an­ge­fer­tigt hat, ist ihm von die­sem un­strei­tig erklärt wor­den, dass er für die Be­triebs­ratstätig­keit ein ei­ge­nes Be­triebs­ratsbüro zur Verfügung ha­be und er das Meis­terbüro nicht für die Be­triebs­ratstätig­keit nut­zen dürfe. In Ausübung ih­rer Ei­gentümer­be­fug­nis­se kann die Be­klag­te, ver­tre­ten durch ih­ren tech­ni­schen Lei­ter, oh­ne Wei­te­res fest­le­gen, wel­che Räume und wel­che Be­triebs­mit­tel zu wel­chem Zweck be­nutzt wer­den dürfen. Selbst wenn die Ko­pier­funk­ti­on des dem Be­triebs­rat zur Verfügung ge­stell­ten Fax­gerätes de­fekt ge­we­sen sein soll­te, durf­te sich der Kläger nicht ein­fach über die ihm er­teil­te An­wei­sung ei­genmäch­tig hin­weg­set­zen und er­neut das Meis­terbüro bzw. das dar­in be­find­li­che Fax­gerät für die Be­triebs­ratstätig­keit nut­zen. Viel­mehr hätte der Kläger bei ei­nem sol­chen De­fekt oh­ne Wei­te­res sei­nen Vor­ge­setz­ten bzw. den Meis­ter dar­auf an­spre­chen können und müssen. In An­be­tracht der ihm kur­ze Zeit zu­vor aus­drück­lich er­teil­ten An­wei­sung, das Meis­terbüro nicht für die Be­triebs­ratstätig­keit zu be­nut­zen, durf­te er oh­ne vor­he­ri­ge Nach­fra­ge nicht da­von aus­ge­hen, dass die Be­klag­te mit sei­ner Vor­ge­hens­wei­se ein­ver­stan­den ist. Ob und ggf. in­wie­weit die Ar­beit­neh­mer das Meis­terbüro im Zu­sam­men­hang mit ih­rer Ar­beitstätig­keit be­tre­ten können und dürfen, ist dem­ge­genüber un­er­heb­lich. Die Be­klag­te hat ein an­er­ken­nens­wer­tes In­ter­es­se dar­an, dass die Be­triebs­ratstätig­keit in dem dafür ei­gens zur Verfügung ge­stell­ten Büro und nicht im Meis­terbüro ver­rich­tet wird. Im Hin­blick dar­auf, dass der Kläger es trotz der ihm er­teil­ten An­wei­sung nicht für nötig be­fun­den hat, ei­nen Ver­tre­ter der Be­klag­ten zu fra­gen, ob er auf­grund des an­geführ­ten De­fek­tes das im Meis­terbüro be­find­li­che Fax­gerät aus­nahms­wei­se be­nut­zen darf, kann ein "schi­kanöses Ver­hal­ten" der Be­klag­ten nicht an­ge­nom­men wer­den.
b) Die mit der 3. und 4. Ab­mah­nung be­an­stan­de­ten Äußerun­gen des Klägers ge­genüber den bei­den Meis­tern stel­len eben­falls ar­beits­ver­trag­li­che (Ne­ben-) Pflicht­ver­let­zun­gen dar.

Das Ar­beits­ge­richt hat zu Recht an­ge­nom­men, dass es sich um un­an­ge­mes­se­ne und re­spekt­lo­se Äußerun­gen ge­genüber den bei­den Meis­tern han­delt, die nicht zu ak­zep­tie­ren sind. Da­mit hat der Kläger ge­gen die ihm nach § 241 Abs. 2 BGB ob­lie­gen­de Rück­sicht­nah­me­pflicht ver­s­toßen, die zu­min­dest auch um­fasst, dass sich je­der Mit­ar­bei­ter ge­genüber sei­nen Ar­beits­kol­le­gen und ins­be­son­de­re auch sei­nen Vor­ge­setz­ten mit ei­nem ge­wis­sen (Min­dest-)Maß an Re­spekt verhält. Hin­ge­gen kommt es auf ei­ne straf­recht­li­che Be­wer­tung der Äußerung des Klägers nicht an. Un­er­heb­lich ist auch, ob und in­wie­weit sich der Kläger in ei­ner an­ge­spann­ten Si­tua­ti­on im Zu­sam­men­hang mit den in der Ver­la­dung an­ge­ord­ne­ten Über­stun­den be­fun­den hat. Auch dann war er je­den­falls zu der­ar­ti­gen Äußerun­gen un­ter kei­nem denk­ba­ren Ge­sichts­punkt be­rech­tigt.

c) Sch­ließlich hat die Be­klag­te das in der 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010 be­an­stan­de­te Ver­hal­ten des Klägers zu Recht als Pflicht­ver­let­zung an­ge­se­hen.

aa) Die Be­klag­te hat un­strei­tig die dem Kläger be­kann­ten "Grund­prin­zi­pi­en zur Ver­mei­dung tödli­cher Unfälle" auf­ge­stellt, zu de­nen die Pflicht al­ler Ar­beit­neh­mer gehört, auf dem Be­triebs­gelände ei­ne Warn­wes­te zu tra­gen. Die­se Pflicht hat der Kläger ver­letzt, in­dem er am 09. Ju­ni 2010 das Be­triebs­gelände be­gan­gen hat, oh­ne die vor­ge­schrie­be­ne Warn­wes­te zu tra­gen. Da­bei ist un­er­heb­lich, dass es sich nur um ei­ne kur­ze Stre­cke von we­ni­gen Me­tern ge­han­delt hat. Da bei der Be­klag­ten für al­le Ar­beit­neh­mer ein ge­ne­rel­les Ge­bot be­steht, auf dem Be­triebs­gelände ei­ne Warn­wes­te zu tra­gen, kommt es nicht dar­auf an, wel­che Ent­fer­nung auf dem Be­triebs­gelände zurück­ge­legt wird. Zur Ver­mei­dung von Un­fall­ge­fah­ren in dem vom Kläger be­gan­ge­nen Ge­fah­ren­be­reich sind die Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten strikt ein­zu­hal­ten, zu­mal sich we­der ab­gren­zen noch vor­her­sa­gen lässt, ab wel­cher Stre­cke sich mit wel­cher Wahr­schein­lich­keit Ge­fah­ren rea­li­sie­ren können.

bb) Ei­ner Pflicht­ver­let­zung des Klägers steht auch nicht ent­ge­gen, dass er bei Ab­ga­be der Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung ar­beits­unfähig er­krankt war. Die Ver­pflich­tung zum Tra­gen ei­ner Warn­wes­te auf dem Be­triebs­gelände be­steht für al­le Ar­beit­neh­mer der Be­klag­ten, und zwar un­abhängig da­von, ob sie das Be­triebs­gelände zur Ausübung ih­rer ver­trag­lich ge­schul­de­ten Ar­beitstätig­keit oder zur Erfüllung ar­beits­ver­trag­li­cher Ne­ben­pflich­ten wie der Ab­ga­be ei­ner Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung be­tre­ten.

cc) So­weit der Kläger pau­schal dar­auf ver­wie­sen hat, dass noch nie je­mand bei der Ab­ga­be ei­ner Krank­mel­dung im Meis­terbüro ei­ne Warn­wes­te ge­tra­gen ha­be und noch kein Ar­beit­neh­mer von der Be­klag­ten des­we­gen ab­ge­mahnt wor­den sei, ist we­der vor­ge­tra­gen noch er­sicht­lich, dass der Be­klag­ten der­ar­ti­ge Vorfälle be­kannt ge­macht und von ihr den­noch ge­dul­det wor­den sind. Wenn des­we­gen noch kei­ne Ab­mah­nung aus­ge­spro­chen wor­den sein soll­te, so liegt das nach der Dar­stel­lung der Be­klag­ten al­len­falls dar­an, dass ein der­ar­ti­ges Ver­hal­ten noch nicht auf­ge­fal­len sei. Der Kläger hat kei­nen kon­kre­ten Fall ge­schil­dert, in dem von Sei­ten der Be­klag­ten das un­ter­blie­be­ne Tra­gen ei­ner Warn­wes­te auf dem Be­triebs­gelände un­be­an­stan­det hin­ge­nom­men wor­den sein soll.

3. Die aus­ge­spro­che­nen vier Ab­mah­nun­gen, die Ge­gen­stand des Be­ru­fungs­ver­fah­rens sind, ver­s­toßen auch nicht ge­gen den Verhält­nismäßig­keits­grund­satz.

a) Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG 31. Au­gust 1994 - 7 AZR 893/93 - NZA 1995, 225, zu 3 der Gründe; BAG 13. No­vem­ber 1991 - 5 AZR 74/91 - AP BGB § 611 Ab­mah­nung Nr. 7, zu II 1 der Gründe) ist bei Ab­mah­nun­gen im Ar­beits­verhält­nis der Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit zu be­ach­ten. Da­nach ist die Ausübung ei­nes ein­sei­ti­gen Be­stim­mungs­rechts un­zulässig, wenn sie der Ge­gen­sei­te un­verhält­nismäßig große Nach­tei­le zufügt und an­de­re we­ni­ger schwer­wie­gen­de Maßnah­men möglich ge­we­sen, die den In­ter­es­sen des Be­rech­tig­ten eben­so gut Rech­nung ge­tra­gen hätten oder ihm zu­min­dest zu­mut­bar ge­we­sen wären. Der Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit wird als Über­maßver­bot zur Ver­mei­dung schwer­wie­gen­der Rechts­fol­gen bei nur ge­ringfügi­gen Rechts­verstößen ver­stan­den. Bei der Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Pflich­ten durch den Ar­beit­neh­mer hat der Ar­beit­ge­ber als Gläubi­ger der Ar­beits­leis­tung zunächst selbst zu ent­schei­den, ob er ein Fehl­ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers miss­bil­li­gen will und ob er des­we­gen ei­ne münd­li­che oder schrift­li­che Ab­mah­nung er­tei­len will. Ei­ne Ab­mah­nung ist aber nicht al­lein des­we­gen un­zulässig, weil der Ar­beit­ge­ber auch über den er­ho­be­nen Vor­wurf hin­weg­se­hen könn­te, weil et­wa dem Ar­beit­neh­mer ein be­wuss­ter Ver­s­toß ge­gen ar­beits­ver­trag­li­che Pflich­ten fern lag.

b) Nach die­sen Grundsätzen sind die Ab­mah­nun­gen nicht we­gen Ver­s­toßes ge­gen den Verhält­nismäßig­keits­grund­satz un­zulässig.

Bei kei­nem der ab­ge­mahn­ten Vorfälle han­delt es sich um ei­ne nur ganz ge­ringfügi­ge Pflicht­ver­let­zung, bei der die Er­tei­lung ei­ner Ab­mah­nung auf­grund des Über­maßver­bo­tes aus­ge­schlos­sen ist.

aa) Bei der 2. Ab­mah­nung vom 30. März 2010 ist zu berück­sich­ti­gen, dass dem Kläger kur­ze Zeit zu­vor von sei­nem Vor­ge­setz­ten anläss­lich ei­nes gleich ge­la­ger­ten Vor­falls aus­drück­lich erklärt wor­den war, dass er das Meis­terbüro für der­ar­ti­ge Be­triebs­ratstätig­kei­ten nicht be­nut­zen darf, son­dern die­se in dem ei­gens zur Verfügung ge­stell­ten Be­triebs­ratsbüro zu er­le­di­gen ha­be. Auch wenn die Ko­pier­funk­ti­on des Fax­gerätes im Be­triebs­ratsbüro de­fekt ge­we­sen sein soll­te, hätte der Kläger in An­be­tracht der ihm zu­vor un­miss­verständ­lich er­teil­ten An­wei­sung zu­min­dest sei­nen Vor­ge­setz­ten fra­gen können und müssen, be­vor er wie­der­um das Meis­terbüro für Be­triebs­rats­auf­ga­ben auf­sucht. Ei­ne Pflicht zur vor­he­ri­gen Anhörung lässt sich aus dem Verhält­nismäßig­keits­grund­satz nicht her­lei­ten. Die Be­klag­te muss­te den Kläger nicht vor Aus­spruch der Ab­mah­nung bzw. de­ren Auf­nah­me in die Per­so­nal­ak­te anhören. Zwar ist ei­ne Ab­mah­nung for­mell nicht ord­nungs­gemäß zu­stan­de ge­kom­men, wenn die nach ei­ner ta­rif­li­chen Re­ge­lung vor­ge­schrie­be­ne Anhörung des Ar­beit­neh­mers un­ter­blie­ben ist. Ei­ne der­ar­ti­ge Anhörungs­pflicht be­steht aber vor­lie­gend nicht.

bb) Die mit der 2. und 3. Ab­mah­nung gerügten Äußerun­gen des Klägers hat das Ar­beits­ge­richt zu Recht als un­an­ge­mes­se­nes und re­spekt­lo­ses Ver­hal­ten be­wer­tet, das un­ter kei­nem denk­ba­ren Ge­sichts­punkt zu ak­zep­tie­ren ist. Un­abhängig von ei­ner straf­recht­li­chen Be­wer­tung han­delt es sich je­den­falls nicht nur um ei­ne ganz ge­ringfügi­ge Pflicht­ver­let­zung. Ins­be­son­de­re kann der Be­klag­ten die Er­tei­lung ei­ner Ab­mah­nung und de­ren Auf­nah­me in die Per­so­nal­ak­te des Klägers nicht un­ter­sagt wer­den, weil sie über den er­ho­be­nen Vor­wurf auch hätte hin­weg­se­hen bzw. ei­ne bloße Er­mah­nung (oh­ne Warn­funk­ti­on) hätte aus­spre­chen können (vgl. hier­zu LAG Schles­wig-Hol­stein 11. Mai 2004 - 5 Sa 170 c/02 - NZA-RR 2005, 244).

cc) Glei­ches gilt für die 5. Ab­mah­nung vom 22. Ju­ni 2010. Al­lein der Um­stand, dass der Kläger nur ei­ne kur­ze Dis­tanz auf dem Be­triebs­gelände zurück­ge­legt hat, be­deu­tet nicht, dass es sich um ei­nen bloßen Ba­ga­tell­ver­s­toß han­delt. Ge­ra­de im si­cher­heits­re­le­van­ten Be­reich kann es der Be­klag­ten nicht ver­wehrt wer­den, Verstöße ge­gen Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten durch Er­tei­lung ei­ner Ab­mah­nung zu sank­tio­nie­ren, zu­mal sie für die Ar­beits­si­cher­heit die Ver­ant­wor­tung trägt. Zur Ver­mei­dung von Un­fall­ge­fah­ren ist es un­ab­ding­bar, dass die von der Be­klag­ten auf­ge­stell­ten Si­cher­heits­vor­ga­ben strikt ein­ge­hal­ten wer­den. Im Streit­fall kommt noch hin­zu, dass dem Kläger als Schichtführer ei­ne ge­wis­se Vor­bild­funk­ti­on zu­kommt und er sich zu­dem noch in ei­nem Ge­fah­ren­be­reich auf dem Be­triebs­gelände be­wegt hat. Die dem Kläger vor­zu­wer­fen­de Pflicht­ver­let­zung hat kei­nes­wegs le­dig­lich "Ba­ga­tell­cha­rak­ter".

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus §§ 91 Abs. 1, 92 Abs. 1 ZPO.

Ei­ne Zu­las­sung der Re­vi­si­on war nicht ver­an­lasst, weil hierfür die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen (§ 72 Abs. 2 ArbGG) nicht vor­lie­gen.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 3 Sa 150/11  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880