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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Lohn und Gehalt, Insolvenz des Arbeitgebers, Insolvenzverwalter, Insolvenzanfechtung
   
Gericht: Thüringer Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 8 Sa 32/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 04.06.2010
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Nordhausen, Urteil vom 2.12.2008, 1 Ca 1166/06
   

Ak­ten­zei­chen: 8 Sa 32/09
1 Ca 1166/06
Ar­beits­ge­richt Nord­hau­sen

verkündet am 04.06.2010


gez. Krumm­rich, Jus­tiz­an­ge­stell­te
als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le


Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt

IM NA­MEN DES VOL­KES

UR­TEIL

In dem Rechts­streit
..............

- Kläger und
Be­ru­fungskläger -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te/r:
............

ge­gen
............... 

- Be­klag­ter und
Be­ru­fungs­be­klag­ter -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te/r:
...............

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hat das Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 04.06.2010 durch die Rich­te­rin am Ar­beits­ge­richt Mei­er als Vor­sit­zen­de und die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Wob­be und Schu­chardt als Bei­sit­zer

für Recht er­kannt:

 

Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Nord­hau­sen vom 02.12.2008 - 1 Ca 1166/06 - wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über ei­nen Rück­for­de­rungs­an­spruch des Klägers als Ver­wal­ter über das Vermögen des Sch., wel­cher In­ha­ber der Fa. EAB Sch. Elek­tro­an­la­gen­bau ge­we­sen ist, auf Grund An­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen durch den Ge­mein­schuld­ner am 14.05.2004 und 27.07.2004 für die Mo­na­te No­vem­ber 2003 und De­zem­ber 2003 bis April 2004.

Bezüglich des erst­in­stanz­li­chen Sach­vor­tra­ges, der ge­wech­sel­ten Anträge und der tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen des Ge­richts wird auf den Tat­be­stand des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Nord­hau­sen vom 02.12.2008 (Bl. 239 ff. d. A.) ver­wie­sen.

Das Ar­beits­ge­richt Nord­hau­sen hat die Kla­ge aus den sich aus den Ent­schei­dungs­gründen (Bl. 242 ff. d. A.) er­ge­ben­den Gründen ab­ge­wie­sen, da der An­spruch des Klägers in Fol­ge Ver­wir­kung er­lo­schen sei. Der Rechts­vorgänger des Klägers, Herr Rechts­an­walt B., sei be­reits seit dem 28.09.2004 als vorläufi­ger In­sol­venz­ver­wal­ter über das Vermögen des Ge­mein­schuld­ners ein­ge­setzt wor­den und ha­be seit die­sem Zeit­punkt die Möglich­keit ge­habt, nicht nur die Ver­bind­lich­kei­ten, son­dern auch aus­ste­hen­de For­de­run­gen, so auch die vors­te-hen­den Rück­for­de­rungs­ansprüche der Löhne der ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer, zu prüfen. Erst mit Schrei­ben vom 07.12.2005 ha­be der Kläger die mit der Kla­ge gel­tend ge­mach­te For­de­rung ge­genüber dem Be­klag­ten be­gehrt. Wenn er über ei­nen länge­ren Zeit­raum untätig ge­blie­ben sei, ge­he die­se Untätig­keit zu sei­nen Las­ten.

Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Nord­hau­sen wur­de dem Kläger aus­weis­lich des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses (Bl. 247 d. A.) am 09.01.2009 zu­ge­stellt. Mit Schrift­satz vom 21.01.2009, wel­cher am glei­chen Tag bei Ge­richt ein­ging, leg­te der Kläger Be­ru­fung ein. Mit Schrift­satz vom 12.02.2009, wel­cher am 25.02.2009 bei Ge­richt ein­ging, be­gründe­te der Kläger sei­ne Be­ru­fung. Mit Schrift­satz vom 24.03.2009, wel­cher am glei­chen Tag bei Ge­richt ein­ging, er­wi­der­te der Be­klag­te auf die Be­ru­fungs­be­gründung des Klägers.

Die Be­ru­fung ist der Auf­fas­sung, der An­spruch sei nicht ver­wirkt.

Un­ter Her­an­zie­hung der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes sei auf Grund des vor­lie­gend un­strei­ti­gen Tat­be­stan­des ei­ne Zah­lungs­ein­stel­lung gem. § 17 Abs. 2 S. 2 In­sO des Schuld­ners fest­zu­stel­len, wor­aus sich die ge­setz­li­che Ver­mu­tung der Zah­lungs­unfähig­keit ab­lei­te.

Der Be­klag­te ha­be auch po­si­ti­ve Kennt­nis von der Zah­lungs­unfähig­keit ge­habt, da sei­ne ei­ge­nen Ansprüche weit über die von dem BGH auf­ge­stell­te Drei­wo­chen­frist of­fen­ge­we­sen

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sei­en und er nicht mit an Si­cher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit da­von ha­be aus­ge­hen können, dass die­se in na­her Zu­kunft vollständig aus­ge­gli­chen würden, denn die aus­ste­hen­den For­de­run­gen des Ge­mein­schuld­ners ge­genüber des­sen Auf­trag­ge­ber sei­en kei­nes­wegs un­strei­tig ge­we­sen.

Der Be­klag­te ha­be auch ein­geräumt, Kennt­nis von den Lohn- und Ge­halts­ansprüchen al­ler wei­te­ren Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen ge­habt zu ha­ben. Sei­ne Kennt­nis ha­be er u. a. aus den un­strei­ti­gen wöchent­li­chen Ar­beits­be­ra­tun­gen, in wel­chen die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on des Schuld­ners dis­ku­tiert wor­den sei, be­zo­gen.

Zu­min­dest aber ha­be der Be­klag­te Kennt­nis von Umständen ge­habt, die zwin­gend auf die Zah­lungs­unfähig­keit hätten schließen las­sen gem. § 130 Abs. 2 In­sO.

Dem Be­klag­ten sei­en die Tat­sa­chen der rückständi­gen Zah­lun­gen über den Drei­wo­chen­zeit­raum ab Fällig­keit be­kannt ge­we­sen. Der Ge­mein­schuld­ner ha­be Außenstände von über
1 Mio. € in den Be­triebs­ver­samm­lun­gen ge­genüber den Ar­beit­neh­mers kom­mu­ni­ziert. Es ha­be für den Be­klag­ten kei­nen An­halts­punkt ge­ge­ben, der es er­laubt hätte, bei Emp­fang der streit­ge­genständ­li­chen Zah­lun­gen mit ei­ner an Si­cher­heit gren­zen­den Wahr­schein­lich­keit da­von aus­zu­ge­hen, dass der Ge­mein­schuld­ner sei­ne Li­qui­ditätslücke bin­nen kürzes­ter Frist wie­der würde be­sei­ti­gen können. Dies vor al­lem des­halb nicht, da die noch aus­ste­hen­den For­de­run­gen nicht un­be­strit­ten ge­we­sen sei­en und die ein­ge­schal­te­ten Po­li­ti­ker le­dig­lich ei­ne Teil­zah­lung in Aus­sicht hätten stel­len können.

Der Be­klag­te ha­be da­von Kennt­nis ge­habt, dass die an­de­ren Ar­beit­neh­mer Lohnrückstände für min­des­tens den glei­chen Zeit­raum auf­ge­wie­sen hätten. Der Ge­mein­schuld­ner ha­be bei Zah­lung der streit­ge­genständ­li­chen Beträge wei­te­re er­heb­li­che of­fe­ne Ver­pflich­tun­gen ge­genüber dem Be­klag­ten ge­habt, de­ren Aus­gleich der Ge­mein­schuld­ner ge­ra­de nicht in na­her Zu­kunft ha­be in Aus­sicht stel­len können.

Der Be­klag­te sei als kaufmänni­scher An­ge­stell­ter, Mit­ar­bei­ter Ein­kauf, bei dem In­sol­venz­schuld­ner beschäftigt ge­we­sen.

Die Be­ru­fung be­an­tragt,

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Nord­hau­sen vom 01.12.2008, 1 Ca 1166/06, den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 11.097,73 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit Rechtshängig­keit zu zah­len.

Der Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Der Be­klag­te ha­be im Ju­li 2004 zwar die Höhe sei­ner ei­ge­nen For­de­run­gen von meh­re­ren Mo­natslöhnen ge­kannt, ha­be aber nicht mit hin­rei­chen­der Si­cher­heit ge­wusst, dass der In­sol­venz­schuld­ner ge­genüber ei­nem Großteil der übri­gen Beschäftig­ten seit Herbst 2003 mit der Erfüllung von Lohn- und Ge­halts­zah­lun­gen in Rück­stand ge­ra­ten sei. Ei­nen Ge­samtüber­blick über die Li­qui­ditäts- oder Zah­lungs­la­ge des späte­ren In­sol­venz­schuld­ners ha­be der Be­klag­te nicht ge­habt. Für ihn sei nicht er­kenn­bar ge­we­sen, ob die Lohnrückstände ge­genüber al­len Ar­beit­neh­mern gleich aus­ge­prägt ge­we­sen sei­en und wel­chen An­teil die Lohnrückstände an den ins­ge­samt fälli­gen und ein­ge­for­der­ten Geld­schul­den ge­habt hätten.

Von rückständi­gen So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträgen ha­be der Be­klag­te nichts ge­wusst. Er ha­be bis zum Aus­spruch sei­ner Ei­genkündi­gung sei­ne Tätig­keit im Ein­kauf er­le­digt, oh­ne dass ihn Lie­fe­ran­ten oder Leis­ter dar­auf hin­ge­wie­sen hätten, dass nur noch ge­gen Vor­kas­se ge­lie­fert wer­de.

Ei­ne zwei­fels­freie Be­wer­tung da­hin, dass der Schuld­ner sich be­reits im Zu­stand der Zah­lungs­unfähig­keit be­we­ge, hätten die An­ga­ben von Außenständen von über 1 Mio. € nicht zu­ge­las­sen. Aus der Pres­se­be­richt­er­stat­tung ergäben sich eben­falls kei­ne Umstände, nach de­nen die Schluss­fol­ge­rung auf die Zah­lungs­unfähig­keit des späte­ren In­sol­venz­schuld­ners zwin­gend sei­en.

Der Be­klag­te sei bei Er­halt der Lohn­zah­lung da­von aus­ge­gan­gen, dass die Kran­ken­haus­stif­tung ih­ren Zah­lungs­pflich­ten nach­ge­kom­men sei, so dass sich die fi­nan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten des Schuld­ners er­le­digt hätten.

 

Ent­schei­dungs­gründe

Die statt­haf­te, zulässi­ge, ins­be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te und be­gründe­te Be­ru­fung ist nicht be­gründet. Der Be­klag­te ist nicht ver­pflich­tet, auf Grund An­fech­tung vom 07.12.2005 gem. § 130 In­sO die am 14.05.2004 bzw. 27.07.2004 ge­zahl­ten Restlöhne in Höhe von ins­ge­samt 11.097,73 € zurück­zu­er­stat­ten.

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Gem. § 130 In­sO ist ei­ne Rechts­hand­lung an­fecht­bar, die ei­nem In­sol­venzgläubi­ger ei­ne Be­frie­di­gung gewährt, wenn sie in den letz­ten drei Mo­na­ten vor dem An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens vor­ge­nom­men wor­den ist, wenn zur Zeit der Hand­lung der Schuld­ner zah­lungs­unfähig war und wenn der Gläubi­ger zu die­ser Zeit die Zah­lungs­unfähig­keit kann­te. Der Kennt­nis der Zah­lungs­unfähig­keit steht die Kennt­nis von Umständen gleich, die zwin­gend auf die Zah­lungs­unfähig­keit schließen las­sen.

Der An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens über das Vermögen von Herrn Wolf­gang Sch. wur­de am 02.08.2004 ge­stellt, wor­auf­hin das Amts­ge­richt Mühl­hau­sen mit Eröff­nungs­be­schluss vom 14.10.2004 (Bl. 8 d. A.) das In­sol­venz­ver­fah­ren we­gen Zah­lungs­unfähig­keit eröff­ne­te. Zum In­sol­venz­ver­wal­ter wur­de zunächst Herr Rechts­an­walt Cars­ten Bloß er­nannt, mit Be­schluss vom 25.05.2007 (Bl. 91 d. A.) der Kläger als neu­er In­sol­venz­ver­wal­ter.

Am 15.04.2004 zahl­te der Ge­mein­schuld­ner Rest­lohn für den Mo­nat No­vem­ber 2003 in Höhe von 1.818,89 €, am 27.07.2004 Löhne für die Mo­na­te De­zem­ber 2003 bis ein­sch­ließlich April 2004 in Höhe von 9.278,84 €.

Mit Schrei­ben vom 07.12.2005 (Bl. 16 d. A.) erklärte Herr Rechts­an­walt B. die An­fech­tung die­ser Zah­lun­gen gem. § 130 In­sO.

Zwar stel­len die Zah­lun­gen vom 14.05.2004 und 27.07.2004 an­fecht­ba­re Rechts­hand­lun­gen gem. §§ 129, 130 In­sO dar.

Die Aus­zah­lung die­ser Löhne stellt ei­ne Be­nach­tei­li­gung der In­sol­venzgläubi­ger i. S. von § 129 Abs. 1 In­sO dar.

Ei­ne ob­jek­ti­ve Be­nach­tei­li­gung der In­sol­venzgläubi­ger liegt vor, wenn bei wirt­schaft­li­cher Be­trach­tungs­wei­se die Ak­tiv­mas­se geschädigt wird. Ei­ner Be­nach­tei­li­gungs­ab­sicht be­darf es nicht. Ei­ne Schädi­gung liegt dann vor, wenn zum Zeit­punkt der Vor­nah­me der Rechts­hand­lung gem. § 140 In­sO ei­ne gleich­wer­ti­ge Ge­gen­leis­tung dem Schuld­ner­vermögen nicht zu­fließt.

Die Ar­beits­leis­tung des Be­klag­ten ist in die­sem Zu­sam­men­hang kei­ne gleich­wer­ti­ge Ge­gen­leis­tung. Die­se Ar­beits­leis­tung, für die die Löhne am 14.05.2004 und 27.07.2004 ge­zahlt wur­den, ist be­reits seit Mo­na­ten er­bracht, kann al­so nicht die un­mit­tel­ba­re Ge­gen­leis­tung für die er­folg­ten Zah­lun­gen dar­stel­len.

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Ei­ne Zah­lungs­unfähig­keit liegt vor, wenn der Schuld­ner nicht in der La­ge ist, die fälli­gen Zah­lungs­pflich­ten zu erfüllen - § 17 Abs. 2 In­sO. Gem. § 17 Abs. 2 S. 2 In­sO wird ver­mu­tet, dass die Zah­lungs­unfähig­keit in der Re­gel an­zu­neh­men ist, wen der Schuld­ner sei­ne Zah­lun­gen ein­ge­stellt hat. Die in die­ser Vor­schrift for­mu­lier­te Ver­mu­tung gilt auch im Rah­men des § 130 Abs. 1 Nr. 1 In­sO. Liegt Zah­lungs­ein­stel­lung vor, be­gründet dies ei­ne ge­setz­li­che Ver­mu­tung für die Zah­lungs­unfähig­keit.

Zah­lungs­ein­stel­lung ist da­bei das­je­ni­ge äußere Ver­hal­ten des Schuld­ners, in dem sich ty­pi­scher­wei­se ei­ne Zah­lungs­unfähig­keit aus­drückt. Die­ser Zu­stand muss in ei­ner Art und Wei­se nach außen hin in Er­schei­nung tre­ten, dass sich min­des­tens für die be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se der be­rech­tig­te Ein­druck auf­drängen muss, dass der Schuld­ner nicht in der La­ge ist, sei­ne fälli­gen Zah­lungs­pflich­ten zu erfüllen (BGH vom 09.01.2003 - IX ZR 157/02).

Nach der Recht­spre­chung des BGH deu­tet die Nicht­zah­lung von Löhnen und So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträgen, die ty­pi­scher­wei­se nur dann nicht bei Fällig­keit aus­ge­gli­chen wer­den, wenn die er­for­der­li­chen Geld­mit­tel hierfür nicht vor­han­den sind, auf die Zah­lungs­unfähig­keit des Un­ter­neh­mens hin (BGH 12.10.2006 - IX ZR 228/03).

Wei­te­re Vor­aus­set­zung für die An­fech­tung ist, dass der Gläubi­ger die Zah­lungs­unfähig­keit des Schuld­ners zum Zah­lungs­zeit­punkt kennt - § 140 In­sO.

Der Gläubi­ger kennt die Zah­lungs­unfähig­keit oder die Zah­lungs­ein­stel­lung als kom­ple­xe Rechts­be­grif­fe nur, wenn er die Li­qui­dität oder das Zah­lungs­ver­hal­ten des Schuld­ners we­nigs­tens lai­en­haft be­wer­ten kann (BGH vom 19.02.2009 - 9 ZR 62/08).

Ei­ne po­si­ti­ve Kennt­nis der Zah­lungs­unfähig­keit liegt al­ler­dings nicht be­reits da­durch vor, dass der Be­klag­te wuss­te, dass sei­ne ei­ge­nen Ansprüche weit über den von der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes auf­ge­stell­ten Drei­wo­chen­zeit­raum hin­weg of­fen wa­ren.

Hier­durch hat­te der Be­klag­te nicht den er­for­der­li­chen Ge­samtüber­blick über die Li­qui­ditäts- oder Zah­lungs­la­ge sei­nes Ar­beit­ge­bers.

Ei­ne po­si­ti­ve Kennt­nis des Be­klag­ten von der Zah­lungs­unfähig­keit oder Zah­lungs­ein­stel­lung ist des­halb vor­lie­gend zu ver­nei­nen.

Nach § 130 Abs. 2 In­sO steht al­ler­dings der Kennt­nis der Zah­lungs­unfähig­keit oder den Eröff­nungs­an­tra­ges die Kennt­nis von Umständen gleich, die zwin­gend auf die Zah­lungs­unfähig­keit oder den Eröff­nungs­an­trag schließen las­sen. Nach der von dem Kläger kor­rekt zi­tier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann zwar die Nicht­zah­lung von Löhnen und So­zi­al­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen auf die Zah­lungs­unfähig­keit des Un­ter­neh­mens hin­deu­ten.

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Der Bun­des­ge­richts­hof hat al­ler­dings mit Ur­teil vom 19.02.2009 - IX ZR 62/08 - klar­ge­stellt, dass die­se Recht­spre­chung nur in­sti­tu­tio­nel­le Gläubi­ger oder Gläubi­ger mit "In­si­der­kennt­nis­sen" be­trifft. Dem­ge­genüber wer­de der Über­blick ei­nes Ar­beit­neh­mers, ins­be­son­de­re wenn er we­der in der Fi­nanz­buch­hal­tung des Un­ter­neh­mens ein­ge­setzt sei, noch Lei­tungs­auf­ga­ben im kaufmänni­schen Be­reich wahr­zu­neh­men ha­be, in al­ler Re­gel be­grenzt sein und nur Schluss­fol­ge­run­gen all­ge­mei­ner Art, wie die­je­ni­ge auf Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten, Zah­lungs­sto­ckun­gen oder ei­ne Ten­denz zum Vermögens­ver­fall, zu­las­sen. Die Vor­schrift des § 130 Abs. 2 In­sO ver­lan­ge hin­ge­gen Kennt­nis­se von kon­kre­ten Umständen, die ein ein­deu­ti­ges Ur­teil über die Li­qui­ditäts­ge­samt­la­ge des Un­ter­neh­mens ermöglich­ten.

Aus­schlag­ge­bend im vor­lie­gen­den Fall ist des­halb, ob der Be­klag­te ein sol­cher "Gläubi­ger mit In­si­der­kennt­nis­sen" ist.

Der Be­klag­te war bei dem Ge­mein­schuld­ner als Mit­ar­bei­ter im Ein­kauf tätig. Er un­ter­schei­det sich des­halb zwar von den ge­werb­li­chen Mit­ar­bei­tern, die auf den Bau­stel­len tätig wa­ren. Al­ler­dings war der Be­klag­te nicht der Lei­ter des Ein­kaufs, so dass das kläger­sei­tig ein­ge­wen­de­te Ur­teil des Bun­des­ge­richts­ho­fes zur Vor­ge­setz­ten des Be­klag­ten, Frau W., in­so­weit nicht wei­ter­hilft.

Der Be­klag­te hat un­wi­der­spro­chen vor­ge­tra­gen, dass sei­ne Auf­ga­be es ge­we­sen sei, ob­jekt­be­zo­gen Ma­te­ri­al zu kau­fen, d. h. zu be­stel­len. Um die Be­zah­lung ha­be er sich nicht gekümmert. Ihm ge­genüber hätten Lie­fe­ran­ten kei­ne Vor­kas­se ver­langt. Er ha­be ste­tig Be­stel­lun­gen auslösen und durchführen können. Ihm ge­genüber ha­be kein Lie­fe­rant auf of­fe­ne Rech­nun­gen hin­ge­wie­sen.

Da der Be­klag­te die Be­zah­lung des von ihm be­stell­ten Ma­te­ri­als dem­nach nicht ver­an­lasst hat, konn­te er über die tatsächli­che Li­qui­ditätsla­ge des Ge­mein­schuld­ners kei­nen Über­blick ha­ben.

Auch aus den re­gelmäßigen Zu­sam­menkünf­ten, auf de­nen die Pro­ble­me der ein­zel­nen Bau­stel­len erörtert wur­den, konn­te der Kläger ei­nen Ge­samtüber­blick über die Li­qui­ditäts-

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und Zah­lungs­la­ge des Ar­beit­ge­bers nicht er­hal­ten, ob­wohl er an die­sen Zu­sam­menkünf­ten als Mit­ar­bei­ter des Ein­kaufs teil­ge­nom­men hat.

Erst im No­vem­ber 2003 wur­de nach un­wi­der­spro­che­nem Vor­trag des Be­klag­ten erst­mals nach aus­ste­hen­den Löhnen ge­fragt, wor­auf­hin der Ar­beit­ge­ber mit­ge­teilt ha­be, es sei­en Rech­nun­gen ge­schrie­ben wor­den, die vom Auf­trag­ge­ber ge­prüft würden. Auch ist der Be­klag­te, wie die übri­ge Be­leg­schaft, darüber in­for­miert wor­den, dass über die Com­merz­bank ei­ne Zwi­schen­fi­nan­zie­rung be­ab­sich­tigt und er­folgt sei. Da­von, dass die Com­merz­bank die-sen Be­trag der Zwi­schen­fi­nan­zie­rung gleich ge­gen ei­ge­ne For­de­run­gen ver­rech­net hat, hat­te der Be­klag­te kei­ne Kennt­nis.

Der Be­klag­te ist des­halb - an­ders als mögli­cher­wei­se sei­ne Vor­ge­setz­te - nicht als Gläubi­ger mit so­ge­nann­ten "In­si­der­kennt­nis­sen" zu be­wer­ten. Er hat­te des­halb kei­ne Kennt­nis i. S. des § 130 Abs. 2 In­sO.

Ei­ne wei­ter­ge­hen­de Er­kun­di­gungs­pflicht über das Vor­lie­gen wei­te­rer Tat­sa­chen, die auf ei­ne Zah­lungs­unfähig­keit schließen las­sen bzw. ei­ne Er­kun­di­gungs­pflicht nach dem Vor­lie­gen ei­ner Zah­lungs­unfähig­keit hat der Bun­des­ge­richts­hof im Zi­tier­ten Ur­teil vom 19. Fe­bru­ar 2009 für Ar­beit­neh­mer ver­neint.

Die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne An­fech­tung gem. § 130 In­sO lie­gen des­halb nicht vor, da der Be­klag­te we­der po­si­ti­ve Kennt­nis von der Zah­lungs­unfähig­keit bzw. Zah­lungs­ein­stel­lung sei­nes Ar­beit­ge­bers hat­te noch Tat­sa­chen kann­te, die zwin­gend auf die Zah­lungs­unfähig­keit schließen ließen.

Die Be­ru­fung war des­halb als un­be­gründet zurück­zu­wei­sen.

Der Kläger trägt die Kos­ten des Ver­fah­rens gem. § 91 ZPO.

Die Re­vi­si­on war zu­zu­las­sen, da die Ent­schei­dung von der Ent­schei­dung der Kam­mer vom 04.07.2008 – 8 Sa 409/07 – ab­weicht.

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Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann der Kläger Re­vi­si­on bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt,
Hu­go-Preuß-Platz 1, 99084 Er­furt

ein­le­gen. Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat nach der Zu­stel­lung die­ses Ur­teils schrift­lich, per Fax oder durch Ein­rei­chen ei­nes elek­tro­ni­schen Do­ku­ments nach § 46b ArbGG bei dem Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­legt wer­den.

Sie ist gleich­zei­tig oder in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten nach Zu­stel­lung die­ses Ur­teils schrift­lich, per Fax oder durch Ein­rei­chen ei­nes elek­tro­ni­schen Do­ku­ments nach § 46b ArbGG zu be­gründen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss die Be­zeich­nung des Ur­teils, ge­gen das die Re­vi­si­on ge­rich­tet wird, und die Erklärung ent­hal­ten, dass ge­gen die­ses Ur­teil Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­de. Die Re­vi­si­ons­schrift und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te kom­men in Be­tracht:

1. ein/e bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­ne/r Rechts­an­walt/Rechts­anwältin oder

2. ei­ne der nach­fol­gend ge­nann­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, wenn sie durch ei­ne Per­son mit Befähi­gung zum Rich­ter­amt han­delt:

 

gez. Mei­er  

gez. Wob­be  

gez. Schu­chardt

 

Hin­weis der Geschäfts­stel­le
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt bit­tet, sämt­li­che Schriftsätze in sie­ben­fa­cher Aus­fer­ti­gung bei ihm ein­zu­rei­chen.


 

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