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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Krankheit: Urlaub, Urlaub: Krankheit
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Düsseldorf
Akten­zeichen: 5 Sa 416/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 07.07.2011
   
Leit­sätze:

1) Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche von dau­er­haft er­krank­ten Ar­beit­neh­mern können auch für Zei­ten gel­tend ge­macht wer­den, die länger als 18 Mo­na­te zurück­lie­gen. Art. 9 Abs. 1 des IAO-Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 fin­det kei­ne An­wen­dung.

2) Für Zei­ten, in de­nen ein Ar­beit­neh­mer bei gleich­zei­ti­ger Ar­beits­unfähig­keit Ar­beits­lo­sen­geld I be­zieht, ent­ste­hen kei­ne ge­setz­li­chen Ur­laubs-und Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Solingen, Urteil vom 27.01.2011, 1 Ca 1578/10
   

Te­nor:

1)Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts So­lin­gen vom 27.01.2011 - 1 Ca 1578/10 lev - teil­wei­se ab­geändert:

Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 4.249,16 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 %-Punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit­dem 06.11.2010 zu zah­len.

Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

2)Die wei­ter­ge­hen­de Be­ru­fung des Be­klag­ten wird zurück­ge­wie­sen.

3)Die Kos­ten des Rechts­streits 1. In­stanz tra­gen die Kläge­rin zu 7/10, die Be­klag­te zu 3/10; die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens tra­gen die Kläge­rin zu 13/25, die Be­klag­te zu 12/25.

TAT­BESTAND:

Die Par­tei­en strei­ten in der Be­ru­fungs­in­stanz noch über die Fra­ge, ob die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, den ge­setz­li­chen Ur­laubs­an­spruch der Kläge­rin ab­zu­gel­ten.

Die am 10.12.1948 ge­bo­re­ne Kläge­rin ist seit dem 14.05.1965 bei der Be­klag­ten als ge­werb­li­che Ar­beit­neh­me­rin beschäftigt. Grund­la­ge des Ar­beits­verhält­nis­ses der Par­tei­en bil­det ein Ar­beits­ver­trag vom 01.04.1975 (Bl. 11 ff. d. A.), in­dem es u. a. heißt:

Zif­fer 3 - Ur­laub

Der jähr­li­che Er­ho­lungs­ur­laub rich­tet sich nach den Be­stim­mun­gen des Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges der Che­mi­schen In­dus­trie im Re­gie­rungs­be­zirk Köln/Düssel­dorf.

Der Ur­laub beträgt zur Zeit 21 + 1** Ar­beits­ta­ge.

** für zehnjähri­ge Fir­men­zu­gehörig­keit

Ur­laubs­jahr ist das Ka­len­der­jahr.

Der Ur­laubs­an­spruch er­lischt am 31. März des Fol­ge­jah­res.

Der Brut­to­mo­nats­lohn der Kläge­rin be­trug zu­letzt 2.459,95 €.

Die Kläge­rin, die im Jah­re 2007 kei­nen Er­ho­lungs­ur­laub ge­nom­men hat­te, war seit dem 23.01.2007 durch­ge­hend ar­beits­unfähig krank und be­zog bis zum 22.07.2008 Kran­ken­geld.

Un­ter dem 30.06.2008 er­teil­te die Be­klag­te der Kläge­rin ei­ne Ar­beits­be­schei­ni­gung gemäß § 312 SGB III (Bl. 66 ff. d. A.). In der Be­schei­ni­gung für die Bun­des­agen­tur für Ar­beit bestätig­te die Be­klag­te un­ter Zif­fer 3.4:

Das Beschäfti­gungs­verhält­nis ist be­en­det, das Ar­beits­verhält­nis be­steht je­doch fort (z. B. bei ein­ver­nehm­li­cher un­wi­der­ruf­li­cher oder sons­ti­ger Frei­stel­lung während der Kündi­gungs­frist oder Aus­steue­rung aus dem Kran­ken­geld­be­zug).

Grund: Aus­steue­rung

Zeit­raum: 22.07.2008

In der Fol­ge­zeit er­hielt die Kläge­rin vom 22.07.2008 bis zum 21.08.2010 Ar­beits­lo­sen­geld. Seit dem 01.07.2010 be­zieht sie "vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te für Frau­en".

Der späte­re Pro­zess­be­vollmäch­tig­te der Kläge­rin kündig­te das mit der Be­klag­ten be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis mit Schrei­ben vom 23.09.2010 frist­ge­recht zum 31.10.2010 und mach­te gleich­zei­tig Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche für die Jah­re 2007 bis 2010 in Höhe von 124 Ur­laubs­ta­gen gel­tend (vgl. hier­zu Bl. 23 und 24 d. A.). Dies lehn­te die Be­klag­te mit Schrei­ben ih­rer jet­zi­gen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vom 26.10.2010 endgültig ab (Bl. 27 ff. d. A.).

Die Kläge­rin, de­ren Ar­beits­unfähig­keit über den 31.10.2010 und über den 31.03.2011 fort­be­stand, hat mit ih­rer am 08.11.2010 beim Ar­beits­ge­richt So­lin­gen anhängig ge­mach­ten Kla­ge ihr Be­geh­ren wei­ter­ver­folgt und die Zah­lung von Ur­laubs­ab­gel­tung in Höhe von 13.966,12 € brut­to für 124 Ur­laubs­ta­ge gel­tend ge­macht.

Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die Be­klag­te ver­pflich­tet sei, den ge­sam­ten ihr zu­ste­hen­den Ur­laub für die Jah­re 2007 bis 2010 nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ab­zu­gel­ten, da sie auf­grund ih­rer durch­ge­hen­den Ar­beits­unfähig­keit nicht in der La­ge ge­we­sen wäre, den Ur­laub in An­spruch zu neh­men. Die­ser Ab­gel­tungs­an­spruch, so die Kläge­rin wei­ter, be­zie­he sich nicht nur auf den ge­setz­li­chen Min­dest-, son­dern auch auf den ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub nach den Re­ge­lun­gen im Man­tel­ta­rif­ver­trag für die Che­mi­sche In­dus­trie (MTV Che­mie), da dort nicht zwi­schen den ge­setz­li­chen und den ta­rif­li­chen Ur­laubs­ansprüchen un­ter­schie­den wer­de.

Ent­ge­gen der von der Be­klag­ten vor­pro­zes­su­al geäußer­ten Mei­nung sei ihr Ab­gel­tungs­an­spruch auch nicht auf die letz­ten 18 Mo­na­te be­schränkt, weil ein Ver­trau­ens­schutz für die Ar­beit­ge­ber nach der neu­en Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts seit dem Jah­re 1996 nicht mehr be­ste­he.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie 13.966,12 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 % 22 -Punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit­dem 06.11.2010 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass sich ein Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch der Kläge­rin al­len­falls auf den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub er­stre­cken könn­te, weil die Re­ge­lun­gen im MTV Che­mie ein ei­genständi­ges, wei­test­ge­hend vom Ge­set­zes­recht gelöstes Ur­laubs­re­gime ent­hiel­ten.

Die Be­klag­te hat wei­ter - un­ter Hin­weis auf den Vor­la­ge­be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 15.04.2010 - 16 Sa 1176/09 - die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass ei­ne rück­wir­ken­de Gel­tend­ma­chung des Ur­laubs­an­spruchs auf die letz­ten 18 Mo­na­te des Ar­beits­verhält­nis­ses be­schränkt sei. Ur­laubs­ab­gel­tung für die Zeit des Be­zugs von Ar­beits­lo­sen­geld könne die Kläge­rin über­dies nicht be­an­spru­chen, weil das Ar­beits­verhält­nis in die­ser Zeit ge­ruht hätte. Dies gel­te glei­cher­maßen für den Zeit­raum ab dem Ren­ten­be­ginn am 01.07.2010.

Mit Ur­teil vom 27.01.2011 hat die 1. Kam­mer des Ar­beits­ge­richts So­lin­gen - 1 Ca 1578/10 lev - dem Kla­ge­be­geh­ren in Höhe von 8.945,60 € brut­to ent­spro­chen und im Übri­gen die Kla­ge ab­ge­wie­sen. In den Ent­schei­dungs­gründen, auf die Be­zug ge­nom­men wird, hat das Ar­beits­ge­richt aus­geführt, der Kläge­rin stünden für ins­ge­samt 80 Ta­ge (ge­setz­li­cher Min­des­t­ur­laub für die Jah­re 2007 bis 2010) Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG zu. Die­se würden nach der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs und des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht da­durch aus­ge­schlos­sen, dass sie dau­er­haft ar­beits­unfähig krank ge­we­sen wäre.

Der Ab­gel­tungs­an­spruch könne ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm auch nicht auf 18 Mo­na­te be­grenzt wer­den; ei­ne Be­schränkung der Ur­laubs- und Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche auf be­stimmt Zeiträume in der Ver­gan­gen­heit sei ge­ra­de nicht vor­ge­se­hen. Sch­ließlich sei auch während des Be­zugs von Ar­beits­lo­sen­geld und des da­mit ver­bun­de­nen Ru­hens des Ar­beits­verhält­nis­ses der ge­setz­li­che Ur­laubs­an­spruch ent­stan­den und nicht nachträglich er­lo­schen.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen, so­weit die Kläge­rin die Ab­gel­tung des ta­rif­li­chen Mehr­ur­laubs be­gehrt hat und hier­zu auf ein ei­genständi­ges Ur­laubs­re­gime im MTV Che­mie ver­wie­sen.

Die Be­klag­te hat ge­gen das ihr am 03.03.2011 zu­ge­stell­te Ur­teil mit ei­nem am 01.04.2011 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se mit ei­nem am 03.05.2011 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet.

Sie wie­der­holt ih­ren Sach­vor­trag aus der ers­ten In­stanz und un­ter­streicht noch­mals ih­re Rechts­auf­fas­sung, wo­nach jeg­li­che Ab­gel­tungs­ansprüche der Kläge­rin für die Ver­gan­gen­heit auf 18 Mo­na­te be­schränkt sein müss­ten.

Die Be­klag­te meint darüber hin­aus, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en während des Be­zugs von Ar­beits­lo­sen­geld ge­ruht hätte und des­halb kein Ur­laubs­an­spruch ent­stan­den sei. Dies müsse je­den­falls schon des­halb gel­ten, weil die Kläge­rin während der Zeit vom 22.07.2008 bis zum 21.07.2010 Ar­beits­lo­sen­geld, al­so ei­ne Ent­gel­ter­satz­leis­tung be­zo­gen hätte.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts So­lin­gen - 1 Ca 1578/10 lev - vom 27.01.2011 die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin ver­tei­digt das ar­beits­ge­richt­li­che Ur­teil und wie­der­holt eben­falls ih­ren Sach­vor­trag aus dem ers­ten Rechts­zug. Mit Blick auf das Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses während des Be­zugs von Ar­beits­lo­sen­geld meint die Kläge­rin, dass nur der Ge­setz­ge­ber durch ei­ne ent­spre­chen­de Neu­re­ge­lung das Ent­ste­hen von Dop­pel­ansprüchen für die­se Zei­ten ver­hin­dern könne; bis da­hin müsse es beim durch das Eu­ro­pa­recht ab­ge­si­cher­ten Ab­gel­tungs­an­spruch ver­blei­ben.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der zu den Ak­ten ge­reich­ten Ur­kun­den und der zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze ver­wie­sen.

ENT­SCHEI­DUN­GSGRÜNDE:

I.

Die Be­ru­fung ist zulässig.

Sie ist nämlich an sich statt­haft ( 64 Abs. 1 ArbGG), nach dem Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des zulässig ( 64 Abs. 2 Zif­fer b ArbGG) so­wie form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den ( 66 Abs. 1 Satz 1 ArbGG, 519, 520 ZPO).

II.

In der Sa­che selbst hat­te die Be­ru­fung teil­wei­se Er­folg.

Die Kläge­rin hat ge­gen die Be­klag­te gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG für die Zeit vom 01.01.2007 bis zum 31.12.2010 ei­nen An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung für 38 Ur­laubs­ta­ge in Höhe von 4.249,16 € brut­to. Der darüber hin­aus­ge­hen­de Ab­gel­tungs­an­spruch der Kläge­rin ist un­be­gründet, so dass auf­grund der in­so­weit er­folg­rei­chen Be­ru­fung die Kla­ge im Übri­gen ab­zu­wei­sen war.

1.Der Ur­laubs­an­spruch der Kläge­rin für die Jah­re 2007 bis 2010 ist erst­ma­lig ab dem 01.01.2007 ent­stan­den und konn­te da­nach auch an­ge­sichts der durch­ge­hen­den Ar­beits­unfähig­keit der Kläge­rin nicht ver­fal­len oder erlöschen.

1.1Nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts im An­schluss an die Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 20.01.2009 (- C 350/06 - und C 520/06 - AP Nr. 1 zu Richt­li­nie 2003/88/EG Schultz-Hoff) verfällt der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laubs­an­spruch nicht nach § 7 Abs. 3 Satz 3 BUrlG, wenn der Ar­beit­neh­mer während des ge­sam­ten Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Teils da­von krank­ge­schrie­ben war und sei­ne Ar­beits­unfähig­keit bis zum En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses fort­ge­dau­ert hat, so dass er sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ausüben konn­te. Der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laub ist bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses - un­abhängig von der Erfüll­bar­keit des Frei­stel­lungs­an­spruchs in ei­nem ge­dach­ten fort­be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis - nach § 7 Abs. 4 BUrlG ab­zu­gel­ten (BAG 04.05.2010 - 9 AZR 183/09 - DB 2010, 1945; BAG 23.03.2010 - 9 AZR 128/09 - DB 2010; BAG 24.03.2009 - 9 AZR 983/07 - AP Nr. 39 zu § 7 BUrlG; vgl. auch: LAG Hes­sen 07.12.2010 - 19 Sa 939/10 - NZA-RR 2011, 120, je­weils m. w. N.).

1.2Hieraus folgt für die vor­lie­gen­de Fall­kon­stel­la­ti­on, dass die Kläge­rin in den Jah­ren 2007 bis 2010 ih­ren ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs­an­spruch in Höhe von je­weils 20 Ar­beits­ta­gen pro Jahr er­wor­ben hat­te, ob­wohl sie an­ge­sichts der durch­ge­hend be­ste­hen­den Ar­beits­unfähig­keit kei­ner­lei Ar­beits­leis­tung er­bracht hat­te. Der da­nach mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31.10.2010 ent­stan­de­ne Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch wird auch durch die fort­be­ste­hen­de Ar­beits­unfähig­keit der Kläge­rin über den 31.03.2011 hin­aus nicht tan­giert. Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung ent­steht nämlich mit dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses als rei­ner Geld­an­spruch selbst dann, wenn die Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers oder der Ar­beit­neh­me­rin bis zum En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums am 31. März des dem Ur­laubs­jahr fol­gen­den Jah­res fort­dau­ert (so aus­drück­lich BAG 04.05.2010 - 9 AZR 183/09 - a. a. O.; BAG 23.03.2010 - 9 AZR 128/09 - a. a. O.).

Darüber hin­aus ist es der Be­klag­ten ver­wehrt, sich an­ge­sichts der geänder­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf ei­nen Ver­trau­ens­schutz für die Ver­gan­gen­heit zu be­ru­fen. Zwar war die langjähri­ge Recht­spre­chung der Ur­laubs­se­na­te des Bun­des­ar­beits­ge­richts, die seit 1982 vom Ver­fall von Ur­laubs-(Ab­gel­tungs)ansprüchen bei bis zum En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums fort­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit aus­ging, ge­eig­net, Ver­trau­en der Ar­beit­ge­ber­sei­te auf den Fort­be­stand die­ser Recht­spre­chung zu be­gründen. Mit Ab­lauf der Um­set­zungs­frist für die ers­te Ar­beits­zeit­richt­li­nie 93/104/EG am 23.11.1996 trat aber ei­ne we­sent­li­che Ände­rung ein. Da­nach ent­fiel die Ver­trau­ens­grund­la­ge, so dass das Ver­trau­en von Ar­beit­ge­bern auf die Fort­dau­er der bis­he­ri­gen, zum na­tio­na­len Recht er­gan­ge­nen Recht­spre­chung nicht länger schutzwürdig war (BAG 23.03.2010 - 9 AZR 128/09 - a. a. O.). Die Kläge­rin macht rück­wir­kend für die Ver­gan­gen­heit Ur­laubs­ansprüche bis zum Jahr 2007 gel­tend, für die nach der zi­tier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ein Ver­trau­ens­schutz nicht mehr an­ge­nom­men wer­den kann.

1.3Soweit die Be­klag­te un­ter Be­zug­nah­me auf den Vor­la­gen­be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 15.04.2010 (- 16 Sa 1176/09 - LA­GE § 7 BUrlG Ab­gel­tung Nr. 27) die Auf­fas­sung ver­tritt, dass es der Kläge­rin nur ge­stat­tet wer­den kann, für die letz­ten 18 Mo­na­te vor der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses Ur­laubs- bzw. Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche gel­tend zu ma­chen, folgt dem die er­ken­nen­de Be­ru­fungs­kam­mer nicht. Der­ar­ti­ge Ansprüche sind nicht nach Art. 9 Abs. 1 des IAO-Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 vom 24.06.1970 ver­fal­len.

1.3.1Nach Art. 9 Abs. 1 des IAO-Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 ist der in Art. 8 Abs. 2 des Übe­r­ein­kom­mens erwähn­te un­un­ter­bro­che­ne Teil des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs spätes­tens ein Jahr und der übri­ge Teil des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs spätes­tens 18 Mo­na­te nach Ab­lauf des Jah­res, für das der Ur­laubs­an­spruch er­wor­ben wur­de, zu gewähren und zu neh­men.

1.3.2Entgegen der Rechts­auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm ist die­se Re­ge­lung auf Fälle der vor­lie­gen­den Art aber ge­ra­de nicht, je­den­falls nicht un­mit­tel­bar an­zu­wen­den.

Nach wohl herr­schen­der Mei­nung in der Recht­spre­chung der Lan­des­ar­beits­ge­rich­te hat die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land dem IAO-Übe­r­ein­kom­men zwar durch Ge­setz vom 30.04.1975 zu­ge­stimmt. Hier­durch ist das IAO-Übe­r­ein­kom­men Nr. 132 aber nicht in­ner­staat­li­ches Recht in dem Sin­ne ge­wor­den, dass sei­ne Vor­schrif­ten nor­ma­tiv auf al­le Ar­beits­verhält­nis­ses in der Bun­des­re­pu­blik ein­wir­ken. Nur ein die Vor­ga­ben des IAO-Übe­r­ein­kom­mens ausführen­des in­ner­staat­li­ches Ge­setz bin­det die na­tio­na­len Ge­rich­te bei der Rechts­an­wen­dung. Al­lein durch ein der­ar­ti­ges
Ge­setz können sub­jek­ti­ve Rech­te und Pflich­ten ein­zel­ner be­gründet wer­den (LAG Düssel­dorf, 08.02.2011 - 16 Sa 1574/10 - n. v.; LAG Ba­den-Würt­tem­berg 02.12.2010 - 22 Sa 59/10 - EzA-SD 2011, Nr. 4, 10; LAG Hes­sen 07.12.2010 - 19 Sa 939/10 - a. a. O.; vgl. auch: BAG 07.12.1993 - 9 AZR 683/92 - AP Nr. 15 zu § 7 BUrlG).

Hin­zu kommt nach Mei­nung der er­ken­nen­den Be­ru­fungs­kam­mer, dass zu­min­dest zwei­fel­haft ist, ob selbst bei un­ter­stell­ter An­wen­dung von Art. 9 Abs. 1 des IAO-Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der Sach­ver­halt er­fasst wer­den soll, der hier den Streit­ge­gen­stand bil­det. Im­mer­hin geht es um die spe­zi­el­le Fra­ge, ob ein Ur­laubs-oder Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch, der we­gen fort­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit nicht rea­li­siert wer­den konn­te, noch nachträglich zu gewähren ist. An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass ge­ra­de die­sen Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern der (er­dien­te) Ur­laubs­an­spruch nicht ge­nom­men wer­den soll, ver­bie­tet sich die An­wen­dung von Re­ge­lun­gen, die be­reits nach Ab­lauf ei­nes re­la­tiv kur­zen Zeit­raums im Er­geb­nis zum Ver­fall von Ur­laubs­ansprüchen führen würde. Ei­ne der­ar­ti­ge Be­schränkung träfe ge­ra­de die lang­zeit­er­krank­ten Ar­beit­neh­mer, de­nen nach der neu­en Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs der nicht ge­nom­me­ne Ur­laub er­hal­ten wer­den soll. In die­sem Sin­ne hat auch der EuGH in sei­ner Ent­schei­dung vom 20.01.2009 (a. a. O.) kei­ne Be­schränkung für die Ver­gan­gen­heit vor­ge­nom­men, wo­bei we­gen der Art des zu ent­schei­den­den Fal­les al­ler­dings auch kei­ne ak­tu­el­le Ver­an­las­sung be­stand, zu den hier zu dis­ku­tie­ren­den Rück­wir­kungs­zeiträum­en Stel­lung zu neh­men.

Auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt scheint in­des­sen der hier ver­tre­te­nen Auf­fas­sung zu fol­gen. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 23.03.2010 (a. a. O.) umfäng­lich zum Ver­trau­ens­schutz Stel­lung ge­nom­men, den das Ge­richt für die Zeit ab dem 24.11.1996 nicht mehr be­jaht hat. Hier­aus er­gibt sich in­zi­dent, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt dann aber auch ei­ne An­wen­dung von Art. 9 Abs. 1 des IAO-Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 vom 24.06.1970 of­fen­sicht­lich nicht in Be­tracht zieht.

1.4Selbst wenn man dem oben un­ter 1.3 Ge­sag­ten nicht fol­gen woll­te und im An­satz der mehr­fach zi­tier­ten Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 15.04.2010 (a. a. O.) folgt, bleibt frag­lich, ob ei­ne rück­wir­ken­de Be­schränkung des Ur­laubs­be­geh­rens auf ma­xi­mal 18 Mo­na­te aus Rechts­gründen ge­bo­ten oder er­for­der­lich ist.

1.4.1Die Ge­ne­ral­anwältin beim Eu­ropäischen Ge­richts­hof hat in ih­ren Schluss­anträgen vom 07.07.2011 in der Rechts­sa­che C-214/10 (Schul­te) im Rah­men des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm zur hier strei­ti­gen Rechts­fra­ge Stel­lung ge­nom­men. Die Ge­ne­ral­anwältin schlägt da­nach dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof vor, die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm ge­stell­ten Vor­la­ge­fra­gen da­hin­ge­hend zu be­ant­wor­ten, dass Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen sei, dass er ein­zel­staat­li­che Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten, nach de­nen der Ur­laubs- bzw. Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch bei Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums so­wie ei­nes Über­tra­gungs­zeit­raums er­lischt, auch dann, wenn der Ar­beit­neh­mer länger­fris­tig ar­beits­unfähig ist, nicht ent­ge­gen­steht, so­fern der Über­tra­gungs­zeit­raum so be­mes­sen ist, dass der Zweck des primären An­spruchs auf Er­ho­lung ge­wahrt wird. Ei­ne Über­tra­gungsmöglich­keit für ei­nen Zeit­raum von min­des­tens 18 Mo­na­ten nach Ab­lauf des Be­zugs­jah­res soll die­ser An­for­de­rung genügen, wo­bei er uni­ons­recht­lich nicht zwin­gend ge­bo­ten sei. Viel­mehr ste­he es den Mit­glieds­staa­ten frei, un­ter Be­ach­tung der Gren­zen der Richt­li­nie auch an­de­re Re­ge­lun­gen zu er­las­sen (vgl.: EuGH, Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin vom 07.07.2001 - C-214/10 Schul­te - zi­tiert nach ju­ris).

1.4.2Hieraus folgt zunächst, dass es nach den ein­schlägi­gen eu­ropäischen Vor­ga­ben nicht er­for­der­lich ist, Ur­laubs- und Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche auf ei­nen Zeit­raum von 18 Mo­na­ten zu be­gren­zen. Nach der Rechts­auf­fas­sung der Ge­ne­ral­anwältin sol­len auch an­de­re Re­ge­lun­gen vor­stell­bar sein, die von den Mit­glieds­staa­ten der Ge­mein­schaft ei­genständig fest­ge­legt wer­den können. Hier­zu ist für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land fest­zu­hal­ten, dass ei­ne der­ar­ti­ge Be­gren­zungs­re­ge­lung der­zeit noch nicht er­folgt ist.

1.4.3Die er­ken­nen­de Be­ru­fungs­kam­mer hält es al­ler­dings für denk­bar und an­ge­mes­sen, hin­sicht­lich des Rück­wir­kungs­zeit­raums auf Rechts­ge­dan­ken des Verjährungs­rechts zurück­zu­grei­fen und ins­be­son­de­re auf § 195 BGB, wo­nach die re­gelmäßige Verjährungs­frist drei Jah­re beträgt.

1.4.3.1Allerdings ist in die­sem Zu­sam­men­hang zunächst fest­zu­hal­ten, dass ei­ne un­mit­tel­ba­re An­wen­dung der Verjährungs­vor­schrif­ten des BGB und ins­be­son­de­re des § 195 BGB aus­ge­schlos­sen ist.

Ein An­spruch ist nach § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB ent­stan­den, so­bald er erst­mals vom Gläubi­ger gel­tend ge­macht und mit ei­ner Kla­ge durch­ge­setzt wer­den kann. Dies setzt grundsätz­lich die Fällig­keit des An­spruchs vor­aus, da erst von die­sem Zeit­punkt an der Gläubi­ger mit Er­folg die Leis­tung for­dern und ge­ge­be­nen­falls den Ab­lauf der Verjährungs­frist durch Kla­ge­er­he­bung un­ter­bin­den kann. Der Ur­laubs­an­spruch ent­steht in die­sem Sin­ne zwar nach voll­ende­ter War­te­zeit je­weils mit Be­ginn des Ur­laubs­jah­res, un­abhängig da­von, ob der Ar­beit­neh­mer zu Be­ginn des Jah­res ar­beitsfähig ist oder nicht. Während der Ar­beits­unfähig­keit kann je­doch der Ar­beit­neh­mer die Erfüllung des Ur­laubs­an­spruchs nicht ver­lan­gen und der Ar­beit­ge­ber den Ur­laubs­an­spruch nicht erfüllen. Da­mit fehlt es an der Fällig­keit, die das Ent­ste­hen ei­nes An­spruchs im Sin­ne von § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB re­gelmäßig vor­aus­setzt (so aus­drück­lich: LAG Hes­sen 07.12.2010 - 19 Sa 939/10 - a. a. O.; a. A.: LAG Düssel­dorf 01.10.2010 - 9 Sa 1541/09 - Ar­buR 2011, 128).

1.4.3.2Scheidet dem­nach ei­ne un­mit­tel­ba­re An­wen­dung der §§ 194 ff. man­gels Fällig­keit und Erfüll­bar­keit des Ur­laubs­an­spru­ches aus, so können die dor­ti­gen Re­ge­lun­gen nach Auf­fas­sung der er­ken­nen­den Be­ru­fungs­kam­mer aber her­an­ge­zo­gen wer­den, um den Zeit­raum ein­zu­gren­zen, für den Ur­laubs- und Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche in der Ver­gan­gen­heit gel­tend ge­macht wer­den. Die Re­ge­lun­gen über die Verjährung von Ansprüchen ver­fol­gen un­ter an­de­rem den Zweck, in­ner­halb an­ge­mes­se­ner Fris­ten für Rechts­klar­heit und Rechts­si­cher­heit Sor­ge zu tra­gen. Ins­be­son­de­re der Schuld­ner soll Ge­wiss­heit darüber er­lan­gen, wie lan­ge er mit der Gel­tend­ma­chung et­wai­ger Ansprüche zu rech­nen hat, um sich ge­ge­be­nen­falls durch Rück­stel­lun­gen oder Rück­la­gen ab­zu­si­chern. In ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on be­fin­det sich aber auch der Ar­beit­ge­ber, der an­ge­sichts ei­nes dau­er­er­krank­ten Ar­beit­neh­mers weiß, dass für die­sen jähr­lich Ur­laubs­ansprüche ent­ste­hen, die nach der Wie­der­ge­ne­sung oder der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu gewähren bzw. ab­zu­gel­ten sind. In­so­fern scheint es ge­bo­ten, den "Rück­wir­kungs­zeit­raum" nicht nur zu be­gren­zen, son­dern an all­ge­mein gülti­gen Fris­ten zu ori­en­tie­ren. Hierfür bie­tet sich die dreijähri­ge Verjährungs­frist des § 195 BGB an.

1.4.3.3Folgt man die­ser Rechts­auf­fas­sung, die nach Einschätzung der er­ken­nen­den Kam­mer ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zwi­schen den In­ter­es­sen von Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern her­stellt, er­wei­sen sich die streit­be­fan­ge­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche als noch nicht ver­fal­len. Die Kläge­rin macht un­ter an­de­rem Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche für das Jahr 2007 gel­tend. Die­se wären - bei ent­spre­chen­der An­wen­dung der §§ 195, 199 Abs. 1 BGB - mit Ab­lauf des 31.12.2010 verjährt. Zwi­schen den Par­tei­en ist aber un­strei­tig, dass die Kläge­rin spätes­tens mit Schrei­ben vom 23.09.2010 ih­re Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche schrift­lich und da­mit recht­zei­tig gel­tend ge­macht hat.

1.5Als Zwi­schen­er­geb­nis ist dem­gemäß fest­zu­hal­ten, dass es der Kläge­rin grundsätz­lich nicht ver­wehrt wer­den kann, auch Ur­laubs­ansprüche bzw. Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche rück­wir­kend bis zum Jah­re 2007 gel­tend zu ma­chen, weil die 18-Mo­nats­frist des Art. 9 Abs. 1 des IAO Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 auf Fälle der vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on nicht an­zu­wen­den ist. Darüber hin­aus ist der Rück­wir­kungs­zeit­raum bis ein­sch­ließlich zum Jahr 2007 noch nicht so lang, dass von ei­ner un­an­ge­mes­se­nen und mit Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88/EG nicht zu ver­ein­ba­ren­den Zeit­span­ne ge­spro­chen wer­den kann. Darüber hin­aus ist nicht er­sicht­lich, dass die Kläge­rin hin­sicht­lich des streit­be­fan­ge­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs die Aus­schluss­fris­ten des § 17 MTV Che­mie nicht ein­ge­hal­ten ha­ben könn­te.

2.In Übe­rein­stim­mung mit der Rechts­auf­fas­sung der Be­klag­ten ist die er­ken­nen­de Be­ru­fungs­kam­mer al­ler­dings der Auf­fas­sung, dass die Kläge­rin für den Zeit­raum vom 22.07.2008 bis zum 31.07.2010 kei­nen Ur­laubs­an­spruch und da­mit auch kei­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch er­wor­ben hat, weil sie in die­ser Zeit beschäfti­gungs­los ge­we­sen ist und Ar­beits­lo­sen­geld be­zo­gen hat.

2.1Das Ar­beits­ge­richt hat in sei­ner erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung zu­tref­fend fest­ge­stellt, dass ei­ne an­dau­ern­de Ar­beits­unfähig­keit oder der Be­zug ei­ner Ren­te we­gen vol­ler Er­werbs­min­de­rung nicht zwangsläufig zu ei­nem Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses führt. Er­for­der­lich ist viel­mehr ei­ne Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en über die Su­s­pen­die­rung der wech­sel­sei­ti­gen Haupt­leis­tungs­pflich­ten. Hier­nach liegt ein Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses nur dann vor, wenn nach dem Wil­len und den Vor­stel­lun­gen bei­der Par­tei­en das recht­lich an sich fort­be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis tatsächlich nur for­ma­ler Na­tur ist und kei­ne ir­gend­wie ge­ar­te­ten recht­li­chen Bin­dun­gen im Hin­blick auf die Wie­der­auf­nah­me der Ar­beit be­gründet wer­den. In die­sem Zu­sam­men­hang kann das Ver­hal­ten der Par­tei­en im Zu­sam­men­hang mit der Er­tei­lung der Ar­beits­be­schei­ni­gung gemäß § 312 SGB III in der Tat zur Aus­le­gung die­ser Vor­ga­ben berück­sich­tigt wer­den. Die An­for­de­rung der Ar­beits­be­schei­ni­gung und ein mit der Be­schei­ni­gung ver­bun­de­ner Ver­zicht auf das Di­rek­ti­ons­recht des Ar­beit­ge­bers können grundsätz­lich ein Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses auslösen (vgl. hier­zu: BAG 11.10.1995 - 10 AZR 985/94 - NZA 1996, 542).

2.2Allerdings ist in der ar­beits­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung hef­tig um­strit­ten, wel­che Aus­wir­kun­gen das Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses auf das Ent­ste­hen und den Fort­be­stand des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs hat.

2.2.1Ruht das Ar­beits­verhält­nis, weil der ar­beits­unfähi­ge Ar­beit­neh­mer ei­ne Er­werbs­min­de­rungs­ren­te auf Zeit be­zieht, so soll nach der wohl herr­schen­den Auf­fas­sung in der Recht­spre­chung der Lan­des­ar­beits­ge­rich­te der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laubs­an­spruch ent­ste­hen. Ein Ver­fall die­ses An­spruchs mit dem 31.03. des Fol­ge­jah­res tritt da­nach nicht ein (LAG Düssel­dorf 08.12.2011 - 16 Sa 1574/10 - zi­tiert nach ju­ris; LAG Ba­den-Würt­tem­berg 02.12.2010 - 22 Sa 59/10 - EzA-SD 2011, Nr. 4, 10; LAG Ba­den-Würt­tem­berg 29.04.2010 - 11 Sa 64/09 - ZTR 2010, 415; vgl. auch: LAG Schles­wig-Hol­stein 16.12.2010 - 4 Sa 209/10 - BB 2011, 372).

2.2.2Nach an­de­rer Auf­fas­sung wird in ei­nem ru­hen­den Ar­beits­verhält­nis kein Ur­laubs­an­spruch er­wor­ben, weil die ge­gen­sei­ti­gen Haupt­leis­tungs­pflich­ten sus­pen­diert sind. Je­den­falls soll es möglich sein, ta­rif­ver­trag­li­che Kürzungs­re­ge­lun­gen zu ver­ein­ba­ren, die den Er­ho­lungs­ur­laub des Ar­beit­neh­mers für die Zeit des Ru­hens nach dem so ge­nann­ten Zwölf­te­lungs­prin­zip kürzen (vgl. hier­zu: LAG Köln 29.04.2010 - 6 Sa 103/10 - zi­tiert nach ju­ris; LAG Düssel­dorf 01.10.2010 - 9 Sa 1541/09 - a. a. O.).

2.2.3Die er­ken­nen­de Kam­mer neigt zu der oben dar­ge­stell­ten Rechts­auf­fas­sung, dass auch in ei­nem Ar­beits­verhält­nis, das we­gen des be­fris­te­ten Be­zugs von Er­werbs­min­de­rungs­ren­te ruht, ein Ur­laubs­an­spruch er­wor­ben wird, der im Übri­gen auch nicht kürz­bar sein dürf­te. Im ru­hen­den Ar­beits­verhält­nis ent­fal­len die wech­sel­sei­ti­gen Haupt­leis­tungs­pflich­ten des Ar­beits­verhält­nis­ses, al­so die Pflicht zur Ar­beits­leis­tung und die zur Vergütung der­sel­ben. Die­se Pflich­ten ste­hen zu­ein­an­der in ei­nem Ge­gen­sei­tig­keits­verhält­nis. Die Pflicht des Ar­beit­ge­bers zur Ur­laubs­gewährung ist da­ge­gen kei­ne Haupt­pflicht, weil ihr kei­ne ent­spre­chen­de Pflicht des Ar­beit­neh­mers ge­genüber­steht. Es han­delt sich viel­mehr um ei­ne auf Ge­setz be­ru­hen­de Ne­ben­pflicht des Ar­beit­ge­bers aus dem Ar­beits­verhält­nis.

Hin­zu kommt, dass auch bei ei­nem ru­hen­den Ar­beits­verhält­nis we­gen des Be­zugs ei­ner be­fris­te­ten Er­werbs­min­de­rungs­ren­te die Ur­laubs­gewährung (nur) des­halb nicht möglich ist, weil beim Ar­beit­neh­mer ei­ne dau­ern­de oder länge­re Ar­beits­unfähig­keit vor­liegt. Die­se Ur­sa­che, die für die Er­hal­tung des´Ur­laubs­an­spruchs ent­schei­dend ist, wird durch den Be­zug ei­ner Er­werbs­min­de­rungs­ren­te bzw. durch das Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ver­drängt, so dass es in An­se­hung der Ent­schei­dung des EuGH vom 20.01.2009 da­bei ver­blei­ben muss, dass auch in die­sen Fällen der Ur­laubs­an­spruch des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers ent­steht und nach Ab­lauf des Über­tra­gungs­zeit­raums nicht verfällt.

Die­se Einschätzung dürf­te im Übri­gen auch vom Ge­setz­ge­ber ge­teilt wer­den. Er hat durch die Re­ge­lun­gen in § 17 BEEG und § 4 Ar­beits­platz­schutz­ge­setz aus­rei­chend und nach­voll­zieh­bar deut­lich ge­macht, dass in den dort an­ge­spro­che­nen Bei­spie­len, in de­nen es zu ei­nem Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­kom­men ist, gleich­wohl Ur­laubs­ansprüche ent­ste­hen, die in­des­sen ei­ner (zulässi­gen) ge­setz­li­chen Kürzungsmöglich­keit zu­geführt wer­den.

2.3Indessen be­durf­te es kei­ner ab­sch­ließen­den Be­ant­wor­tung der Fra­ge, ob bei wei­ter­be­ste­hen­der Ar­beits­unfähig­keit und ei­nem ver­ein­bar­ten oder sonst vor­ge­schrie­be­nen Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses Ur­laubs­ansprüche ent­ste­hen können. Die er­ken­nen­de Be­ru­fungs­kam­mer ist der Auf­fas­sung, dass - trotz be­ste­hen­der Ar­beits­unfähig­keit - Ur­laubs­ansprüche dann nicht ent­ste­hen können, wenn die Ar­beit­neh­me­rin gleich­zei­tig Ar­beits­lo­sen­geld we­gen be­ste­hen­der Beschäfti­gungs­lo­sig­keit be­zieht.

2.3.1Der Eu­ropäische Ge­richts­hof (Ur­teil vom 20.01.2009 - C-350/06 und C-520/06 - a. a. O.) hat in sei­ner Ent­schei­dung mehr­mals be­tont, dass ei­ne ein­zel­staat­li­che Rechts­vor­schrift, die das Erlöschen von Ur­laubs­ansprüchen nach dem En­de ei­nes ge­setz­lich fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­rau­mes vor­sieht, mit eu­ropäischen Vor­ga­ben nicht in Ein­klang steht, wenn hier­von Fälle er­fasst wer­den, in de­nen der Ar­beit­neh­mer während des ge­sam­ten Be­zugs­zeit­rau­mes oder ei­nes Teils da­von krank­ge­schrie­ben war und sei­ne Ar­beits­unfähig­keit bis zum En­de sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses fort­ge­dau­ert hat und er des­halb sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ausüben konn­te. Hier­aus wird deut­lich, dass Ur­sa­che für die Nicht­gewährung des Ur­laubs (al­lein) die fort­dau­ern­de Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers oder der Ar­beit­neh­me­rin ge­we­sen sein muss.

2.3.2Hiervon un­ter­schei­det sich die vor­lie­gen­de Fall­kon­stel­la­ti­on ent­schei­dend. Die Kläge­rin kann zwar für sich in An­spruch neh­men, dass sie auch in der Zeit, in der sie von der Bun­des­agen­tur für Ar­beit Ar­beits­lo­sen­geld be­zo­gen hat, ar­beits­unfähig krank ge­we­sen sein mag. Al­ler­dings hat­te die Be­klag­te mit dem Ausfüllen der Ar­beits­be­schei­ni­gung gemäß § 312 SGB III ihr Di­rek­ti­ons­recht ge­genüber der Kläge­rin auf­ge­ge­ben, was zu ih­rer Beschäfti­gungs­lo­sig­keit und der späte­ren Zah­lung von Ar­beits­lo­sen­geld führ­te. Dies be­deu­tet, dass die Be­klag­te nach Auf­fas­sung der er­ken­nen­den Be­ru­fungs­kam­mer aber dann auch nicht mehr in der La­ge ge­we­sen ist, der Kläge­rin tatsächlich Ur­laub zu gewähren. Grund dafür, dass die Kläge­rin ih­ren Ur­laub in dem hier an­ge­spro­che­nen Zeit­raum nicht neh­men konn­te, war da­mit nicht nur ih­re Ar­beits­unfähig­keit, son­dern das feh­len­de Beschäfti­gungs­verhält­nis mit der Be­klag­ten.

2.3.3Hinzu kommt, dass die Kläge­rin während des Be­zugs von Ar­beits­lo­sen­geld auch tatsächlich in der La­ge ge­we­sen wäre, Ur­laub zu neh­men. Nach § 3 Abs. 1 Satz 1 der Er­reich­bar­keits­an­ord­nung vom 16.11.2001 ist ein Auf­ent­halt von bis zu drei Wo­chen pro Ka­len­der­jahr außer­halb des Nah­be­reichs zulässig, wenn die Bun­des­agen­tur für Ar­beit dem vor­her zu­ge­stimmt hat. Bei die­ser ge­neh­mig­ten Orts­ab­we­sen­heit han­delt es sich zwar nicht um ei­nen Ur­laub im Sin­ne des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes, des­sen Re­ge­lun­gen nicht un­mit­tel­bar gel­ten. Da­nach steht auch hin­rei­chend klar fest, dass der Empfänger von Ar­beits­lo­sen­geld I oder Ar­beits­lo­sen­geld II kei­nen An­spruch auf Ur­laub nach dem Bun­des­ur­laubs­ge­setz be­sitzt (vgl. hier­zu: BSG 10.08.2000 - B 11 AL 101/99 R - BS­GE 87, 46; Baye­ri­sches Lan­des­so­zi­al­ge­richt 03.03.2009 - L 11 AS 23/09 NZB - zi­tiert nach ju­ris). In­des­sen zeigt die Re­ge­lung in der Er­reich­bar­keits­an­ord­nung, dass - je­den­falls nach ent­spre­chen­der In­for­ma­ti­on der Bun­des­agen­tur - ei­ne tatsächlich Ur­laubs­nah­me im­mer­hin im Um­fang von drei Wo­chen pro Jahr für die Kläge­rin möglich ge­we­sen wäre (oder so­gar ist). Wenn sie hier­durch aber ih­rem Er­ho­lungs­bedürf­nis Genüge tun konn­te, muss ein wei­ter­ge­hen­der Ur­laubs- bzw. Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ver­sagt wer­den. Ei­ne an­de­re Be­trach­tungs­wei­se könn­te da­zu führen, dass es zu ei­ner dop­pel­ten Ur­laubs­gewährung kom­men würde, die auch nach den mehr­fach zi­tier­ten eu­ropäischen Vor­ga­ben nicht ge­for­dert wird.

In die­sem Zu­sam­men­hang ist wei­ter dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Kläge­rin, an­ders als bei ei­ner nur be­ste­hen­den Lang­zeit­er­kran­kung - von der Bun­des­agen­tur für Ar­beit - Ent­gel­ter­satz­leis­tun­gen be­zo­gen hat und es des­halb auch aus fi­nan­zi­el­len Erwägun­gen nicht ge­bo­ten ist, ihr für den Zeit­raum des Be­zugs von Ar­beits­lo­sen­geld (zusätz­lich) ei­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch zu­zu­bil­li­gen.

3.Nach al­lem ste­hen der Kläge­rin für das Jahr 2007 20 Ta­ge ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub und für das Jahr 2008 bis zum 30.06. noch­mals 10 Ta­ge zu. Für die Zeit vom 01.08. bis zum 31.10.2010 wa­ren ihr mit Rück­sicht auf § 5 Abs. 1 c BUrlG 8 Ur­laubs­ta­ge zu­zu­bil­li­gen, al­so ins­ge­samt 38 Ta­ge. Un­ter Berück­sich­ti­gung des vom Ar­beits­ge­richt er­rech­ne­ten tägli­chen Ur­laubs­ent­gelts von 111,82 € brut­to er­gibt sich der aus dem Te­nor er­sicht­li­che Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch von 4.249,16 € brut­to.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus §§ 91, 91, 97 ZPO.

Die er­ken­nen­de Kam­mer hat die Re­vi­si­on für bei­de Par­tei­en zu­ge­las­sen, weil sie das Vor­lie­gen ei­ner ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­ge von grundsätz­li­cher Be­deu­tung be­jaht hat, § 72 Abs. 2 Zif­fer 1 ArbGG.

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