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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Kündigung: Außerordentlich
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg
Akten­zeichen: 2 Sa 509/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 16.09.2010
   
Leit­sätze:

1. Vermögens­straf­ta­ten ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber sind als "wich­ti­ger Grund" im Sin­ne von § 626 Abs. 1 BGB "an sich" zum Aus­spruch ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ge­eig­net. Die Wirk­sam­keit der Kündi­gung ist dann im Rah­men ei­ner auf den Ein­zel­fall be­zo­ge­nen um­fas­sen­den In­ter­es­sen­abwägung zu prüfen (ständi­ge Recht­spre­chung des BAG).

2. Den Hin­wei­sen, die der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts aus­weis­lich der Pres­se­mit­tei­lung in sei­ner nun­meh­ri­gen Ent­schei­dung vom 10.06.2010 (BAG vom 10.06.2010 - 2 AZR 541/09 - "Pfand­bon") für die dies­bezüglich an­zu­stel­len­de In­ter­es­sen­abwägung ge­ge­ben hat, ist zu ent­neh­men, dass ei­ner sehr langjähri­gen be­an­stan­dungs­frei­en Be­triebs­zu­gehörig­keit und dem da­mit an­ge­sam­mel­ten Ver­trau­en­s­ka­pi­tal ein sehr ho­her Wert im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung zu­kommt, so dass auch ei­ne er­heb­li­che Pflicht­ver­let­zung - je­den­falls im "Erst­fal­le" - nicht oh­ne wei­te­res zu ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses führen muss.

3. Die­ser Ge­sichts­punkt, der im dor­ti­gen Fall bei ei­ner er­heb­li­chen Pflicht­wid­rig­keit ei­ner Kas­sie­re­rin so­gar im Kern­be­reich ih­rer Tätig­keit an der Kas­se zu ei­ner Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung führ­te, war im Streit­fal­le in noch höhe­rem Maße zu­guns­ten der seit 40 Jah­ren beschäftig­ten Kläge­rin zu berück­sich­ti­gen, die in ei­ner be­son­de­ren Aus­nah­me­si­tua­ti­on außer­halb des Kern­be­reichs ih­rer Tätig­keit ei­ne Be­trugs­hand­lung ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber mit ei­nem Scha­dens­be­trag von rd. 150,- € vor­ge­nom­men hat­te.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 4.02.2010, 24 Ca 12088/09
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ber­lin-Bran­den­burg

 

Verkündet

am 16. Sep. 2010

Geschäfts­zei­chen (bit­te im­mer an­ge­ben)

2 Sa 509/10

24 Ca 12088/09
Ar­beits­ge­richt Ber­lin

G.-K., VA
als Ur­kunds­be­am­ter/in
der Geschäfts­stel­le


Im Na­men des Vol­kes

 

Ur­teil


In Sa­chen

pp 

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 2. Kam­mer,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 3. Au­gust 2010
durch den Vi­ze­präsi­den­ten des Lan­des­ar­beits­ge­richts Dr. B. als Vor­sit­zen­den
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­te­rin­nen K. und J.
für Recht er­kannt:

I. Auf die Be­ru­fung der Kläge­rin wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom
04.02.2010 - 24 Ca 12088/09 – geändert:

1. Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 23.06.2009 nicht auf­gelöst ist.

 

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2. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, die Kläge­rin bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Ver­fah­rens zu un­veränder­ten Be­din­gun­gen als Mit­ar­bei­te­rin Ser­vice- Team wei­ter­zu­beschäfti­gen.

3. Die Kos­ten des Rechts­streits wer­den der Be­klag­ten auf­er­legt.

II. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.


Dr. B. J. K.

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Rechts­wirk­sam­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung sei­tens der Be­klag­ten vom 23.06.2009, die hilfs­wei­se mit so­zia­ler Aus­lauf­frist zum 31.12.2009 aus­ge­spro­chen wur­de.

Die 1951 ge­bo­re­ne Kläge­rin steht bei der Be­klag­ten, ei­nem Un­ter­neh­men des Bahn­ver­kehrs, seit dem 01.09.1968 in ei­nem Ar­beits­verhält­nis; zu­letzt war sie als Zu­gan­sa­ge­rin im Bahn­hof S. ge­gen ein Brut­to­mo­nats­ent­gelt von rund 2.000,00 € tätig. Auf das Ar­beits­verhält­nis fin­det der Man­tel­ta­rif­ver­trag Schie­ne An­wen­dung; nach des­sen Re­ge­lun­gen ist das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin or­dent­lich nicht mehr künd­bar.

Bei der Be­klag­ten be­steht ei­ne Kon­zern­richt­li­nie (Bl. 47, 48 d. A.), der­zu­fol­ge u.a. die Be­wir­tung von Mit­ar­bei­tern im Rah­men ei­ner Fei­er aus An­lass ei­nes u.a. 40-jähri­gen Dienst­ju­biläums zulässig ist und die Be­klag­te Auf­wen­dun­gen hier­zu über­nimmt. Für ei­ne sol­che Fei­er war dies ein Be­trag bis zu 250,00 €. Auf­wen­dun­gen, wel­che die in der Ta­bel­le ge­nann­ten Beträge über­schrit­ten, wur­den nach die­sen Richt­li­ni­en von der Be­klag­ten nicht über­nom­men. Die Kläge­rin war von der kaufmänni­schen Ad­mi­nis­tra­to­rin der Be­klag­ten auf die Re­ge­lung zum Zu­schuss bei Ju­biläen hin­ge­wie­sen wor­den.

Am 01.09.2008 fei­er­te die Kläge­rin ihr 40-jähri­ges Dienst­ju­biläum; aus die­sem An­lass führ­te sie am 17.09.2008 ei­ne Ju­biläums­fei­er im Kol­le­gen­kreis durch, durch die ihr Kos­ten in Höhe von 83,90 € ent­stan­den sind. Am 22.09.2008 leg­te die Kläge­rin der Be­klag­ten ei­ne Quit­tung (Bl. 25 d. A.) der Fir­ma S. (F. T. E.) über 250,00 € für „Spei­sen und Ge­tränke“ vor. Die­se Quit­tung, der kei­ne tatsächlich er­brach­ten Leis­tun­gen zu­grun­de la­gen, war ihr von ei­ner Be­kann­ten, Frau M., be­sorgt wor­den, die Mit­ar­bei­te­rin im Rei­se­zen­trum ei­nes Schwes­ter­un­ter­neh­mens der Be­klag­ten ist. Die Kläge­rin be­haup­te­te der Be­klag­ten ge­genüber, dass es sich bei der Quit­tung um die­je­ni­ge für die Kos­ten der Ju­biläums­fei­er han­de­le und ließ sich den Be­trag von der Be­klag­ten aus­zah­len. Im Rah­men ei­ner bei der S. im Mai 2009 durch­geführ­ten Re­vi­si­on wur­de fest­ge­stellt, dass dort Quit­tun­gen oh­ne Leis­tun­gen aus­ge­ge­ben wor­den

 

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wa­ren. Po­ten­ti­el­le Empfänger wur­den sei­tens der S. über die­sen Um­stand in­for­miert. Am 09.06.2009 er­folg­te ei­ne Mit­tei­lung der S. an die Be­klag­te, dass die von der Kläge­rin ein­ge­reich­te Quit­tung über 250,00 € oh­ne tatsächli­chen Kauf er­stellt wor­den war. Die­se In­for­ma­ti­on er­folg­te an den Bahn­hofs­ma­na­ger S., Herrn X. In der Mit­tei­lung (Bl. 26 d. A.) hieß es, dass die Quit­tung auf Bit­te von Frau M. aus­ge­stellt wor­den sei, die­se ha­be den Wunsch nach ei­ner sol­chen Quit­tung da­mit be­gründet, dass sie bzw. an­de­re Mit­ar­bei­ter der D. täglich Kun­den sei­en und in Sum­me Einkäufe in den ge­nann­ten Beträgen in der zurück­lie­gen­den Zeit getätigt hätten.

Am 18.06.2009 wur­de mit der Kläge­rin ein Per­so­nal­gespräch geführt, an wel­chem der Bahn­hofs­ma­na­ger, zwei Per­so­nal­re­fe­ren­tin­nen der Be­klag­ten und die Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de teil­nah­men. Das dies­bezügli­che er­stell­te Pro­to­koll (Bl. 27 d. A.) wur­de von der Kläge­rin mit un­ter­zeich­net; es weist aus, dass die Kläge­rin zu­ge­ge­ben hat, dass sie ei­ne Rech­nung der Fa. S. ein­ge­reicht hat­te. Die Rech­nung der S. ha­be sie über Frau M. er­hal­ten; sie ha­be von Frau H. ge­wusst, dass für die Aus­ge­stal­tung der Fei­er bis zu 250,00 € zur Verfügung stünden. Am Fol­ge­ta­ge leg­te die Kläge­rin dann der Be­klag­ten die Rech­nung über ei­nen Be­trag von 83,90 € (Bl. 28 d. A.) vor, wel­che die ihr tatsächlich ent­stan­de­nen Be­wir­tungs­kos­ten aus­wies.

Mit Da­tum vom 19.06.2009 hörte die Be­klag­te den bei ihr ge­bil­de­ten Be­triebs­rat zu ei­ner be­ab­sich­tig­ten frist­lo­sen, hilfs­wei­se un­ter Ein­hal­tung ei­ner so­zia­len Aus­lauf­frist aus­zu­spre­chen­den Kündi­gung an (Bl. 22 ff. d. A.). Das Anhörungs­schrei­ben wur­de der Se­kretärin des Be­triebs­rats am 19.06.2009 ge­gen 13:20 Uhr über­ge­ben, ge­gen 15:30 Uhr wur­de dem Be­triebs­rats­mit­glied Frau B. ein glei­ches Ex­em­plar über­reicht. Die Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de und de­ren Stell­ver­tre­te­rin wa­ren zu die­sem Zeit­punkt im Ur­laub. Mit Be­schluss vom 22.06.2009 teil­te der Be­triebs­rat der Per­so­nal­lei­te­rin der Be­klag­ten mit , dass er dem Kündi­gungs­be­geh­ren nicht zu­stim­men könne (Bl. 34 ff. d. A.).

Mit Schrei­ben vom 23.06.2009 (Bl. 4 d. A.), wel­ches der Kläge­rin am glei­chen Ta­ge zu­ging, sprach die Be­klag­te ei­ne Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund mit so­for­ti­ger Wir­kung, vor­sorg­lich un­ter Ein­hal­tung der ein­schlägi­gen ta­rif­li­chen

 

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Kündi­gungs­frist als so­zia­len Aus­lauf­frist zum 31.12.2009 un­ter dem Ge­sichts­punkt ei­ner Tat- und Ver­dachtskündi­gung aus.

Mit der vor­lie­gen­den, bei Ge­richt am 01.07.2009 ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge wen­det sich die Kläge­rin ge­gen die­se Kündi­gung; erst­in­stanz­lich hat sie vor­ge­tra­gen, Frau M. ha­be sie an­ge­spro­chen und ihr mit­ge­teilt, dass sie ihr ger­ne ei­ne Quit­tung der Fir­ma S. über 250.- € be­sor­gen würde. Bei ihr sei der Ein­druck ent­stan­den, dass dies all­ge­mein bei der Be­klag­ten so ge­hand­habt wer­de. Die Kläge­rin hat die Ein­hal­tung der 2-Wo­chen-Frist des § 626 Abs. 2 BGB eben­so in Fra­ge ge­stellt wie die ord­nungs­gemäße Be­triebs­rats­anhörung.

Dem­ge­genüber hat die Be­klag­te die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Kläge­rin ha­be den Ar­beit­ge­ber in straf­recht­lich re­le­van­ter Wei­se geschädigt, in­dem sie wis­sent­lich ei­ne „Schein­rech­nung“ zur Er­stat­tung der Kos­ten der Ju­biläums­fei­er ein­ge­reicht ha­be. Da­mit sei ein Fest­hal­ten am Ar­beits­verhält­nis nicht möglich.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des erst­in­stanz­li­chen Par­tei­vor­brin­gens wird auf die dort ge­wech­sel­ten Schriftsätze und den Tat­be­stand der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung Be­zug ge­nom­men, § 69 Abs. 2 ArbGG.

Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin hat mit Ur­teil vom 04.02.2010 die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung sei als Tatkündi­gung wirk­sam. Das Ar­beits­ge­richt hat die von der Recht­spre­chung zu § 626 BGB ent­wi­ckel­ten Grundsätze re­fe­riert; es hat so­dann fest­ge­stellt, dass die Kläge­rin ei­nen Be­trug zu Las­ten des Ar­beit­ge­bers be­gan­gen ha­be. Da­bei sei es un­er­heb­lich, ob sie Kennt­nis von der Kon­zern­richt­li­nie ge­habt ha­be und ob die Vor­la­ge ei­ner ent­spre­chen­den Quit­tung „üblich“ sei. Denn kei­nes­falls ha­be sie da­von aus­ge­hen dürfen, dass sie be­rech­tigt sein sol­le, die un­rich­ti­ge Quit­tung ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber zu ver­wen­den und sich den frag­li­chen Be­trag aus­zah­len zu las­sen. Es han­de­le sich um ei­ne schwe­re Pflicht­ver­let­zung; ei­ne Ab­mah­nung sei ent­behr­lich ge­we­sen. Im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung sei fest­zu­stel­len, dass es sich um ei­nen gra­vie­ren­den Sach­ver­halt han­de­le, der zu ei­nem tie­fen Ver­trau­ens­ver­lust auf Sei­ten des Ar­beit­ge­bers geführt ha­be. Un­ge­ach­tet des Um­stan­des, dass sie sich im 58. Le­bens­jahr be­fin­de und 40 Dienst­jah­re ab­sol­viert ha­be, sei dem Ar­beit­ge­ber auch nicht ein­mal die Ein­hal­tung ei­ner

 

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fik­ti­ven Kündi­gungs­frist zu­zu­mu­ten ge­we­sen. Hin­zu kom­me, dass die Kläge­rin auch im Güte­ter­min hartnäckig die Auf­fas­sung ver­tre­ten ha­be, sie selbst ha­be nichts falsch ge­macht; nicht ein­mal im Kam­mer­ter­min ha­be sie Ein­sicht ge­zeigt. Die 2-Wo­chen-Frist des § 626 Abs. 2 BGB sei ein­ge­hal­ten ge­we­sen, Frist­be­ginn sei der 19.06.2009 ge­we­sen. Et­wai­ge frühe­re Mit­tei­lun­gen sei­tens der S. über aus­ge­stell­te Quit­tun­gen sei­en noch zu va­ge ge­we­sen, um von ei­nem Frist­be­ginn aus­ge­hen zu können. Auch die Be­triebs­rats­anhörung sei ord­nungs­gemäß er­folgt. Dem Be­triebs­rat sei­en die ent­spre­chen­den Kündi­gungs­gründe mit­ge­teilt wor­den, teil­wei­se sei­en die­se der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den oh­ne­hin be­kannt ge­we­sen. Das Ver­fah­ren der Ein­lei­tung der Be­triebs­rats­anhörung durch Aushändi­gung der Un­ter­la­gen an Frau B. sei ord­nungs­gemäß er­folgt. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten wird auf die Ent­schei­dungs­gründe (Bl. 79 ff. f. A.) Be­zug ge­nom­men.

Ge­gen die­ses am 15.02.2010 zu­ge­stell­te Ur­teil rich­tet sich die Be­ru­fung der Kläge­rin, die sie mit ei­nem beim Lan­des­ar­beits­ge­richt am 05.03.2010 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz ein­ge­legt und mit ei­nem beim Lan­des­ar­beits­ge­richt am 14.04.2010 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet hat.

Die Kläge­rin und Be­ru­fungskläge­rin rügt in der Be­ru­fungs­in­stanz im We­sent­li­chen ei­ne feh­ler­haf­te In­ter­es­sen­abwägung durch das Ar­beits­ge­richt. Die­ses ha­be nicht berück­sich­tigt, dass sie zum Tat­zeit­punkt sub­jek­tiv nicht da­von aus­ge­gan­gen sei, et­was Rechts­wid­ri­ges zu tun. Erst in der Fol­ge­zeit und nun­mehr ha­be sie selbst die Ver­werf­lich­keit ih­res Han­delns er­kannt. In­so­fern be­ste­he ge­genwärtig auch kei­ne Wie­der­ho­lungs­ge­fahr mehr. Sie ha­be sich im Rechts­irr­tum da­hin be­fun­den, dass die vor­ge­nom­me­ne Ver­fah­rens­wei­se bei der Be­klag­ten so üblich sei. In­so­fern be­ste­he kei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se. Das Ver­trau­ens­verhält­nis sei nicht völlig zerrüttet, es müsse in Rech­nung ge­stellt wer­den, dass sie 40 Jah­re ei­ne be­an­stan­dungs­freie Tätig­keit für die Be­klag­te aus­geübt ha­be. Die 2-Wo­chen-Frist des § 626 Abs. 2 BGB sei nicht ein­ge­hal­ten wor­den, der Bahn­hofs­ma­na­ger sei be­reits am 07.05.2009 kon­kret un­ter Na­mens­nen­nung darüber in­for­miert wor­den, dass un­ter Umständen Quit­tun­gen ein­ge­reicht wor­den sei­en, de­nen kein tatsäch­li­cher Kauf zu­grun­de lie­ge. Die Be­triebs­rats­anhörung sei nicht ord­nungs­gemäß er­folgt, ins­be­son­de­re die Ein­lei­tung des Anhörungs­ver­fah­rens sei feh­ler­haft.

 

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Die Kläge­rin und Be­ru­fungskläge­rin be­an­tragt,

1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en we­der durch die frist­lo­se Kündi­gung und auch durch die hilfs­wei­se mit so­zia­ler Aus­lauf­frist aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung der Be­klag­ten zum 23.06.2009 be­en­det wor­den sei;

2. im Fal­le des Ob­sie­gens die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, sie bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Ver­fah­rens zu un­veränder­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen als Mit­ar­bei­te­rin Ser­vice-Team wei­ter­zu­beschäfti­gen.


Die Be­klag­te und Be­ru­fungs­be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te und Be­ru­fungs­be­klag­te ver­tei­digt die ar­beits­ge­richt­li­che Ent­schei­dung und ver­tritt die Auf­fas­sung, die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit der Kläge­rin sei ihr un­zu­mut­bar. Die Kläge­rin ha­be sich bei ih­rem Ver­hal­ten nicht in ei­nem Rechts­irr­tum be­fun­den, je­den­falls sei dies nicht plau­si­bel vor­ge­tra­gen wor­den. Die Ausführun­gen der Ad­mi­nis­tra­to­rin Frau H. über die Be­hand­lung des Zu­schus­ses bei Ju­biläen sei­en klar und ein­deu­tig da­hin er­folgt, dass „bis ma­xi­mal 250,00 € ge­gen Vor­la­ge ei­ner Quit­tung“ er­stat­tet würden. Die Kläge­rin ha­be kei­nes­wegs an­neh­men dürfen, die Be­klag­te dul­de die Vor­la­ge un­rich­ti­ger Quit­tun­gen. So­weit die Kläge­rin bei ih­rer Anhörung den tatsächli­chen Ge­sche­hens­ab­lauf vor­be­halt­los bestätigt ha­be, könne ihr dies nicht oh­ne Wei­te­res zu­gu­te ge­hal­ten wer­den. Es sei nämlich zu berück­sich­ti­gen, dass sie in dem Per­so­nal­gespräch mit stark be­las­ten­den In­di­zi­en kon­fron­tiert ge­we­sen sei. Die Kläge­rin ha­be den ge­sam­ten Vor­fall vorsätz­lich durch­geführt. Der ihr ent­stan­de­ne Scha­den sei hoch, er sei je­den­falls sehr viel höher als es bei den so ge­nann­ten „Ba­ga­tell-De­lik­ten“ der Fall sei. Die Umstände der Tat, ins­be­son­de­re die Ein­rei­chung ei­ner Schein­quit­tung, be­las­te­ten die Kläge­rin sehr stark. Die Kläge­rin ha­be sich auch mit Be­dacht für die­ses Vor­ge­hen ent­schie­den. Die In­ter­es­sen­abwägung müsse zu ih­ren Las­ten aus­fal­len. Die 2-Wo­chen-Frist sei ein­ge­hal­ten wor­den; ei­ne si­che­re Kennt­nis über die Tat­umstände sei bei ihr erst am 19.06.2009 ein­ge­tre­ten, als die Kläge­rin die Ko­pie der Ori­gi­nal­rech­nung über

 

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die 83,09 € (tatsächli­che Be­wir­tungs­kos­ten) ein­ge­reicht ha­be. Die Be­triebs­rats­anhörung sei ord­nungs­gemäß er­folgt.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des zweit­in­stanz­li­chen Par­tei­vor­brin­gens wird auf den Schrift­satz der Kläge­rin vom 13.04.2010 (Bl. 102 ff. d. A.) und auf den­je­ni­gen der Be­klag­ten vom 23.06.2010 (Bl. 118 ff. d. A.) Be­zug ge­nom­men.


Ent­schei­dungs­gründe


1. Die gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1 und 2 ArbGG, 511 ZPO statt­haf­te Be­ru­fung ist form- und frist­ge­recht im Sin­ne von §§ 64 Abs. 6, 66 Abs. 1 ArbGG, 519 ZPO ein­ge­legt und be­gründet wor­den.

Die Be­ru­fung ist da­her zulässig.

2. Die Be­ru­fung hat­te in der Sa­che Er­folg.

Das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin ist durch die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung we­der so­fort noch nach Ab­lauf der so­zia­len Aus­lauf­frist auf­gelöst wor­den; des­we­gen ist die Kläge­rin zu un­veränder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen wei­ter­zu­beschäfti­gen.

Zwar hat die Kläge­rin ei­ne gro­be und er­heb­li­che Pflicht­wid­rig­keit zu Las­ten der Be­klag­ten be­gan­gen; im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung war je­doch, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf ei­ne 40-jähri­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit, ihr In­ter­es­se am Fest­hal­ten am Ar­beits­verhält­nis als über­wie­gend an­zu­er­ken­nen.

2.1 Es ist im Grund­satz da­von aus­zu­ge­hen, dass gemäß § 626 Abs. 1 BGB das Ar­beits­verhält­nis aus wich­ti­gem Grund oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist gekündigt wer­den kann, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­rer dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den

 

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kann. Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts voll­zieht sich da­bei die Prüfung, ob ein ge­ge­be­ner Le­bens­sach­ver­halt ei­nen wich­ti­gen Grund dar­stellt, in zwei Stu­fen. Zunächst ist zu prüfen, ob gemäß § 626 Abs. 1 ein Um­stand vor­liegt, der ei­nen „wich­ti­gen Grund“ im Sin­ne die­ser Vor­schrift „an sich“ dar­stellt. Ist dies der Fall, be­darf es in ei­nem wei­te­ren Schritt der Prüfung, ob die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le zu­mut­bar ist oder nicht.

Da­bei ist wei­ter da­von aus­zu­ge­hen, dass straf­ba­re Hand­lun­gen zu Las­ten des Ar­beit­ge­bers oder sons­ti­ge gro­be Pflicht­ver­let­zun­gen grundsätz­lich ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung nach § 626 BGB recht­fer­ti­gen können. Ein Ar­beit­neh­mer, der im Zu­sam­men­hang mit sei­ner Ar­beits­leis­tung straf­recht­lich re­le­van­te Hand­lun­gen ge­gen das Vermögen sei­nes Ar­beit­ge­bers be­geht, ver­letzt da­mit sei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Rück­sicht­nah­me­pflicht schwer­wie­gend und miss­braucht das in ihn ge­setz­te Ver­trau­en in er­heb­li­cher Wei­se. Nach der bis­he­ri­gen ständi­gen Recht­spre­chung des Zwei­ten Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts galt dies auch dann, wenn die rechts­wid­ri­ge Ver­let­zungs­hand­lung nur Sa­chen von ge­rin­gem Wert be­trof­fen hat (BAG vom 11.12.2003 – 2 AZR 36/03 – NZA 2004, 486 : aus­sor­tier­te Mi­ni-Fla­schen Al­ko­hol ; BAG vom 13.12.2007 – 2 AZR 537/06 – NZA 2008, 1008 : Lip­pen­stift ).

Liegt ein wich­ti­ger Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung an sich vor, so kann ei­ne hier­auf gestütz­te außer­or­dent­li­che Kündi­gung das Ar­beits­verhält­nis al­ler­dings nur dann wirk­sam be­en­de­ten, wenn bei ei­ner um­fas­sen­den In­ter­es­sen­abwägung das Be­en­di­gungs­in­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers das Be­stands­in­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers über­wiegt. Da­bei können in die In­ter­es­sen­abwägung ein­be­zo­gen wer­den et­wai­ge Un­ter­halts­pflich­ten und der Fa­mi­li­en­stand des Ar­beit­neh­mers, wo­bei die­ser bei dem Vor­wurf ei­ner Straf­tat nur ge­rin­ge Be­deu­tung hat (BAG vom 16.12.2004 – 2 ABR 7/04 – EzA Nr. 7 zu § 626 BGB 2002). Ins­be­son­de­re der Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses und der be­an­stan­dungs­frei­en Be­stands­zeit kommt ein be­son­de­res Ge­wicht zu. Wei­ter ist zu berück­sich­ti­gen, wel­che Nach­tei­le und Aus­wir­kun­gen die Ver­trags­pflicht­ver­let­zung im Be­reich des Ar­beit­ge­bers ge­habt hat. Auch die Be­ur­tei­lung der „Tat“ selbst und die Umstände von de­ren Be­ge­hung im

 

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Ein­zel­nen spie­len hier ei­ne Rol­le. Zu Las­ten des Ar­beit­neh­mers kann bei­spiels­wei­se berück­sich­tigt wer­den, wenn der Pflicht­ver­s­toß ei­nen sen­si­blen Be­reich be­trifft, ei­ne feh­len­de Sank­ti­on durch die Ar­beit­ge­ber­sei­te die Ge­fahr der Nach­ah­mung durch an­de­re Ar­beit­neh­mer ver­ur­sa­chen kann und wenn der Ar­beit­neh­mer sei­nen Pflich­ten­ver­s­toß zunächst leug­net und dann mehr­fach vorsätz­lich die Un­wahr­heit sagt (so noch BAG vom 24.11.2005 – 2 AZR 39/05 – NZA 2006, 484; ein­schränkend für un­wah­re An­ga­ben nach Aus­spruch der Kündi­gung nun­mehr wohl BAG vom 10.06.2010 – 2 AZR 541/09 – PM).

2.2 Un­ter Be­ach­tung und in An­wen­dung der vor­ge­nann­ten Grundsätze war im Streit­fall zunächst da­von aus­zu­ge­hen, dass die Kläge­rin ei­ne gro­be und schwer­wie­gen­de Pflicht­ver­let­zung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses da­durch be­gan­gen hat, dass sie der Be­klag­ten ei­ne „Gefällig­keits­quit­tung“ über ei­nen Be­trag von 250,00 € mit dem Hin­weis vor­ge­legt hat, es han­de­le sich da­bei um die Kos­ten, die ihr für die Be­wir­tung der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus An­lass der Fei­er ih­res 40-jähri­gen Dienst­ju­biläums ent­stan­den sei­en, während sich die­se Kos­ten in Wirk­lich­keit nur auf 83,90 € be­lau­fen ha­ben. Sie hat sich den über 83,90 € hin­aus­ge­hen­den Be­trag mit­hin durch ei­ne Täuschungs­hand­lung zu Un­recht sei­tens der Be­klag­ten aus­zah­len las­sen. Dies stellt sich als Be­trug ge­genüber der Be­klag­ten dar. Die Kläge­rin war sich des Um­stan­des, dass sie von der Be­klag­ten mehr Geld er­hal­ten hat, als ihr an Kos­ten ent­stan­den wa­ren, auch sehr wohl be­wusst. Sie hat da­mit in er­heb­li­cher und gröbli­cher Wei­se ge­gen ih­re Pflich­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis mit der Be­klag­ten ver­s­toßen. Es steht außer Fra­ge, dass die Kläge­rin durch die­ses Ver­hal­ten ei­nen Kündi­gungs­grund „an sich“ im Sin­ne des § 626 Abs. 1 BGB ge­setzt hat.

Im Rah­men der so­dann an­zu­stel­len­den In­ter­es­sen­abwägung im Ein­zel­fall ha­ben je­doch – letzt­lich – an­ge­sichts der mit ei­ner Kündi­gung ver­bun­de­nen schwer­wie­gen­den Ein­bußen die zu­guns­ten der Kläge­rin in die Abwägung ein­zu­stel­len­den Ge­sichts­punk­te über­wo­gen.

Da­bei ist die Kam­mer von den­je­ni­gen Grundsätzen aus­ge­gan­gen, die der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts in sei­ner Ent­schei­dung vom 10.06.2010 (BAG vom 10.06.2010 – 2 AZR 541/09 – PM) in die von ihm selbst vor­ge­nom­me­ne In­ter­es­sen­abwägung ein­ge­stellt hat.

 

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Zu berück­sich­ti­gen war da­nach zunächst die Beschäfti­gungs­zeit der Kläge­rin. Die­se war zum Zeit­punkt des Vor­fal­les ex­akt 40 Jah­re bei der Be­klag­ten bzw. de­ren Rechts­vorgänge­rin­nen beschäftigt. Sie hat da­mit ihr ge­sam­tes Ar­beits­le­ben bei der Be­klag­ten bzw. den Rechts­vorgänge­rin­nen ver­bracht.

Das Ar­beits­verhält­nis war bis zu die­sem Zeit­punkt oh­ne recht­lich re­le­van­te Störun­gen ver­lau­fen. Der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 10.6.2010 (BAG vom 10.6.2010 -2 AZR 541/09) aus­weis­lich der Pres­se­mit­tei­lung dies­bezüglich her­aus­ge­stellt, dass sich die – dor­ti­ge – Ar­beit­neh­me­rin ein ho­hes Maß an Ver­trau­en er­wor­ben ha­be, das durch den aty­pi­schen und ein­ma­li­gen Kündi­gungs­sach­ver­halt nicht vollständig zerstört wor­den sei. Im hie­si­gen Streit­fal­le war die Beschäfti­gungs­zeit der Kläge­rin noch er­heb­lich länger als die­je­ni­ge der dor­ti­gen Kas­sie­re­rin. Mit­hin muss­te nach der Ent­schei­dung des BAG vom 10.6.2010 da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass auch im hie­si­gen Streit­fal­le die Kläge­rin sich durch ih­re 40-jähri­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit ein solch ho­hes Maß an Ver­trau­en er­wor­ben hat­te, das durch den Kündi­gungs­sach­ver­halt nicht so­fort und vollständig ver­braucht wor­den ist. Der hie­si­ge Kündi­gungs­vor­fall ist von der Si­tua­ti­on her tatsächlich „ein­ma­lig“: Es ist nämlich fest­zu­stel­len, dass die Pflicht­wid­rig­keit der Kläge­rin sich nicht auf die von ihr aus­zuführen­den „alltägli­chen“ Hand­lun­gen be­zo­gen hat­te, son­dern ei­ne ganz sel­te­ne Aus­nah­me­si­tua­ti­on be­tra­fen. Die Fei­er zum 40-jähri­gen Dienst­ju­biläum war ein – im Wort­sin­ne - ein­ma­li­ger Vor­gang und stell­te für die Kläge­rin ei­nen Aus­nah­me­fall dar. An­ders als die Kas­sie­re­rin im Fal­le der Ent­schei­dung des Zwei­ten Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 10.06.2010 hat die hie­si­ge Kläge­rin ihr Fehl­ver­hal­ten mit­hin nicht im „Kern­be­reich“ ih­rer Tätig­keit be­gan­gen, son­dern weit außer­halb von die­sem. Die Kläge­rin ist als Zu­gan­sa­ge­rin beschäftigt und hat – so­weit er­sicht­lich – mit Geld­an­ge­le­gen­hei­ten nichts zu tun. Ei­ne Gefähr­dung des Vermögens der Be­klag­ten durch ähn­li­che Hand­lun­gen ist mit­hin im Streit­fal­le sehr un­wahr­schein­lich; denn der hier in Re­de ste­hen­de Vor­gang wie­der­holt sich – an­ders als bei ei­ner Kas­sie­re­rin im Su­per­markt die Vorgänge an der Kas­se – nicht. Er bleibt – we­nigs­tens in der Aus­gangs­si­tua­ti­on - „ein­ma­lig“.

 

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Wei­ter­hin war zu­guns­ten der Kläge­rin in die In­ter­es­sen­abwägung ein­zu­stel­len, dass sie so­gar – an­ders als die Kas­sie­re­rin in der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 10.06.2010 – den Vor­fall bei ih­rer Be­fra­gung durch den Ar­beit­ge­ber un­um­wun­den ein­geräumt und so­mit die Er­mitt­lungs­ar­beit und Aufklärungs­ar­beit des Ar­beit­ge­bers nicht be­hin­dert hat. Es mag sein, dass der Ar­beit­ge­ber sie in dem Per­so­nal­gespräch mit ein­deu­ti­gen, be­las­ten­den Tat­sa­chen kon­fron­tiert hat; des­sen un­ge­ach­tet bleibt es da­bei, dass die Kläge­rin den Vor­gang oh­ne zu zögern ein­geräumt hat. Auch dies ist ein Ge­sichts­punkt, der je­den­falls nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen und der für die pro­gnos­ti­sche Be­trach­tung des Ver­trau­ens­verhält­nis­ses und der zukünf­ti­gen Ent­wick­lung des Ar­beits­verhält­nis­ses von Be­deu­tung ist. Denn ge­ra­de das Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers nach be­gan­ge­ner Pflicht­wid­rig­keit kann die­se in un­ter­schied­li­chem Licht er­schei­nen las­sen. Geht der Ar­beit­neh­mer of­fen mit der Pflicht­wid­rig­keit um, lässt er bei der Be­fra­gung durch den Ar­beit­ge­ber er­ken­nen, dass er die­se be­dau­ert oder dass er die­se mögli­cher­wei­se un­be­dacht be­gan­gen hat, so kann das für die Fra­ge ei­ner mögli­chen Zu­sam­men­ar­beit in der Zu­kunft durch­aus ei­ne po­si­ti­ve­re Pro­gno­se zu­las­sen, als wenn der Ar­beit­neh­mer sei­ne Tat be­harr­lich leug­net, die­se zu ver­tu­schen ver­sucht oder gar ver­sucht, an­de­re Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer oh­ne An­lass in sei­ne ei­ge­ne Pflicht­wid­rig­keit „mit her­ein­zu­zie­hen“. Ge­ra­de in letz­te­rem Fall wird die Pro­gno­se eher ne­ga­tiv aus­fal­len, während im ers­te­ren Fal­le im­mer­hin ei­ne wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit nicht oh­ne Wei­te­res als unmöglich er­schei­nen muss.


Al­ler­dings muss­te ne­ga­tiv ins Ge­wicht fal­len, dass der von der Kläge­rin ver­ur­sach­te Scha­den, rund 166.- €, ei­ne beträcht­li­che Höhe hat­te. Er war da­mit nicht mehr als „ge­ringfügig“ an­zu­se­hen; er über­steigt so­gar deut­lich die in der rechts­po­li­ti­schen Dis­kus­si­on von ei­ni­gen pro­pa­gier­te „Ba­ga­tell­gren­ze“. Al­ler­dings muss­te in die­sem Zu­sam­men­hang auch die Be­son­der­heit des hier ein­ge­tre­te­nen „Scha­dens“ mit berück­sich­tigt wer­den. Die Be­klag­te hat­te sich in der Kon­zern­richt­li­nie ver­pflich­tet, für die Fei­er des 40-jähri­gen Dienst­ju­biläums an­fal­len­de Be­wir­tungs­kos­ten bis zu ei­nem Be­trag von 250,00 € zu tra­gen. Die Ar­beit­ge­ber­sei­te hat da­mit zu er­ken­nen ge­ge­ben, dass sie be­reit ge­we­sen wäre, ei­nen Be­trag in die­sem Um­fan­ge zur Verfügung zu stel­len; sie hat es der

 

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Ar­beit­neh­me­rin, die ihr 40-jähri­ges Dienst­ju­biläum fei­er­te, da­mit frei­ge­stellt, in­ner­halb die­ser Mar­ge ei­ne Be­wir­tung vor­zu­neh­men und die Kos­ten der Be­klag­ten in Rech­nung zu stel­len. Sie hat den Be­trag in Höhe von 250,00 € da­mit – wenn auch zweck­ge­bun­den – „frei­ge­ge­ben“. Hätte die Kläge­rin Be­wir­tungs­kos­ten im Um­fan­ge von 250,00 € tatsächlich ver­ur­sacht, hätte die Be­klag­te die­sen Be­trag oh­ne Wenn und Aber nach den Kon­zern­richt­li­ni­en über­nom­men. Die Be­klag­te hat­te auch kei­ner­lei Ein­fluss dar­auf ge­nom­men, in wel­chem Um­fan­ge und auf wel­chem Ni­veau die Kläge­rin ei­ne Be­wir­tung ih­rer Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus An­lass des 40-jähri­gen Dienst­ju­biläums vor­neh­men würde. Dies be­deu­tet si­cher nicht, dass es der Be­klag­ten qua­si „gleichgültig“ ge­we­sen sei, ob die Ar­beit­neh­me­rin Be­wir­tungs­kos­ten oder eben nur fik­ti­ve Be­wir­tungs­kos­ten gel­tend mach­te, wenn nur der Be­trag von 250,00 € nicht über­stie­gen wer­den würde. Hier­von kann nicht aus­ge­gan­gen wer­den, und hier­von konn­te auch die Kläge­rin red­li­cher­wei­se nicht aus­ge­hen. In­des­sen kann nicht über­se­hen wer­den, dass die nun­mehr vor­ge­nom­me­ne Be­las­tung der Be­klag­ten im Rah­men ei­nes „rechtmäßigen Al­ter­na­ti­ve­r­hal­tens“ der Kläge­rin durch­aus be­tragsmäßig eben­falls hätte er­reicht wer­den können. Auch dies ist im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung zu würdi­gen. In­so­fern zeigt der vor­lie­gen­de Fall auch, dass der „Scha­dens­be­trag“ kei­ne not­wen­di­ge Si­gni­fi­kanz für den Un­wert­cha­rak­ter mit sich bringt, wel­cher ei­ner pflicht­wid­ri­gen Hand­lung an­haf­tet. Die Kam­mer hat in die­sem Zu­sam­men­hang auch nicht un­berück­sich­tigt ge­las­sen, dass die Kläge­rin, wie sich aus dem ge­sam­ten In­halt der münd­li­chen Ver­hand­lung er­gibt, nicht „von sich aus“ ein von vorn­her­ein ziel­ge­rich­te­tes Han­deln in Be­zug auf die Pflicht­wid­rig­keit vor­ge­nom­men hat. Aus­schlag­ge­bend wa­ren of­fen­bar „Hin­wei­se“ und „An­re­gun­gen“, die ihr von der Mit­ar­bei­te­rin im Rei­se­zen­trum dies­bezüglich ge­ge­ben wur­den. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat aus der münd­li­chen Ver­hand­lung und den dor­ti­gen persönli­chen Ein­las­sun­gen der Kläge­rin bezüglich de­ren Ge­dan­kengänge und Dik­ti­on den Ein­druck ge­won­nen, dass die­se sich die später in die Tat um­ge­setz­te Vor­ge­hens­wei­se hat „na­he brin­gen“ las­sen; die Mit­ar­bei­te­rin im Rei­sebüro, die auf­grund ih­rer Dienst­stel­lung und ih­rer Er­fah­rung ei­nen sehr viel prägen­de­ren Um­gang mit der­ar­ti­gen Din­gen hat­te und die der Kläge­rin schließlich auch die „Gefällig­keits­quit­tung“ be­sorgt hat­te, schien der Kam­mer für das Vor­ge­hen der Kläge­rin als be­stim­mend.

 

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Die­se zu­guns­ten der Kläge­rin in die In­ter­es­sen­abwägung ein­zu­stel­len­den Punk­te ha­ben ihr In­ter­es­se am Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­genüber dem­je­ni­gen der Be­klag­ten an des­sen Be­en­di­gung über­wie­gen las­sen. Die Kam­mer hat da­bei nicht ver­kannt, dass die Be­klag­te an­ge­sichts des Vor­falls an ei­ne frist­lo­se Kündi­gung den­ken muss­te und an­ge­sichts der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des 2. Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts auch die Wirk­sam­keit der Kündi­gung als möglich an­se­hen konn­te. Dies gilt nicht zu­letzt des­we­gen, weil die Be­klag­te auch im Hin­blick auf die Bin­nen­wir­kung im Un­ter­neh­men, auf die Ver­hal­tens­wei­sen an­de­rer Ar­beit­neh­mer, es im Grund­satz je­den­falls nicht hin­neh­men kann, in ei­ner sol­chen Wei­se hin­ter­gan­gen zu wer­den (dies hat­te der 2. Se­nat im Ur­teil vom 11.12.2003 – 2 AZR 36/03 – NZA 2004, 486 noch aus­drück­lich an­er­kannt ).

Das Be­ru­fungs­ge­richt hat je­doch ge­ra­de den Hin­wei­sen, die der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts in sei­ner nun­meh­ri­gen Ent­schei­dung vom 10.06.2010 aus­weis­lich der Pres­se­mit­tei­lung für die an­zu­stel­len­de In­ter­es­sen­abwägung ge­ge­ben hat, ent­nom­men, dass ei­ner sehr langjähri­gen be­an­stan­dungs­frei­en Be­triebs­zu­gehörig­keit und dem da­mit an­ge­sam­mel­ten Ver­trau­en­s­ka­pi­tal ein solch ho­her Wert im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung zu­kom­men muss, dass auch ei­ne er­heb­li­che Pflicht­ver­let­zung – je­den­falls im „Erst­fal­le“ - nicht oh­ne wei­te­res zu ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses führen muss. Die­ser Ge­sichts­punkt, der im dor­ti­gen Fall so­gar bei ei­ner er­heb­li­chen Pflicht­wid­rig­keit im Kern­be­reich der Tätig­keit an der Kas­se zu ei­ner Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung führ­te, war im Streit­fal­le in noch höhe­rem Maße zu­guns­ten der Kläge­rin, die in ei­ner be­son­de­ren Aus­nah­me­si­tua­ti­on außer­halb des Kern­be­reichs ih­rer Tätig­keit ei­ne gro­be Pflicht­wid­rig­keit be­gan­gen hat­te, zu berück­sich­ti­gen. Ob und in­wie­weit und un­ter wel­chen dog­ma­ti­schen Ge­sichts­punk­ten da­bei der vor­ran­gi­ge Aus­spruch ei­ner Ab­mah­nung zu prüfen sein soll (so of­fen­bar BAG vom 10.6.2010 – 2 AZR 541/09 – PM) , kann da­hin­ste­hen .

Dem stand nicht ent­ge­gen, dass sich die Kläge­rin im ge­richt­li­chen Ver­fah­ren nach Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts zunächst „un­ein­sich­tig“ ge­zeigt hat. Das dies­bezügli­che Ver­hal­ten im Pro­zess spielt nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 10.6.2010 kei­ne Rol­le für die Be­ur­tei­lung der

 

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Kündi­gung; es kann sich da­bei auch um ein nur un­ge­schick­tes Ver­hal­ten im Pro­zess han­deln, mit dem sie kund­tun woll­te, dass sie sich ei­gent­lich in ei­nem Rechts­irr­tum be­fun­den ha­be.

3. Er­wies sich die Kündi­gung be­reits in­so­weit als un­wirk­sam, so kam es auf die Fra­ge, ob die Be­klag­te die 2-Wo­chen-Frist des § 626 BGB ein­ge­hal­ten hat­te und ob die Be­triebs­rats­anhörung ord­nungs­gemäß er­folgt ist, nicht mehr an.

4. Auf die Be­ru­fung war das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin ent­spre­chend ab­zuändern und die von der Kläge­rin be­gehr­te Fest­stel­lung zu tref­fen, eben­so der Aus­spruch zur Wei­ter­beschäfti­gung, der auf der Grund­la­ge der Pflich­ten des Ar­beit­ge­bers im be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis und den dies­bezügli­chen Rechts­po­si­tio­nen des Ar­beit­neh­mers be­ruht.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 91 ZPO.

5. Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on gemäß § 72 Abs. 2 ArbGG kam nicht in Be­tracht, da die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen nicht vor­ge­le­gen ha­ben.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben. Die Be­klag­te wird auf die Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gemäß § 72 a ArbGG hin­ge­wie­sen.
 

Dr. B.
zu­gleich für die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin
J., die sich in Ur­laub (4 Wo­chen)
be­fin­det

K.


 


 


 

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