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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Kündigung: Außerordentlich, Geschäftsführer
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Hamm
Akten­zeichen: 17 Sa 537/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 26.08.2010
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Dortmund, Urteil vom 17.02.2010, 10 Ca 4029/09
   

17 Sa 537/10

10 Ca 4029/09 ArbG Dort­mund

 

Verkündet am 26.08.2010

Woisch­ke Re­gie­rungs­beschäftig­te als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In dem Ver­fah­ren

hat die 17. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 26.08.2010
durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt Held-We­sen­dahl
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Plümpe und Kor­te

f ü r Recht er­kannt :

Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Dort­mund vom 17.02.2010 – 10 Ca 4029/09 – wird zurück­ge­wie­sen.

Die Kläge­rin trägt die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens.

Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob das zwi­schen ih­nen be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis durch Kündi­gung der Be­klag­ten be­en­det ist.

Die am 12.05.1960 ge­bo­re­ne, ge­schie­de­ne, nie­man­dem zum Un­ter­halt ver­pflich­te­te Kläge­rin war seit dem 17.11.1986 bei der Be­klag­ten tätig. Seit dem 01.01.2003 ist sie Sach­be­ar­bei­te­rin in der Ge­wer­be­mel­de­stel­le, die seit Fe­bru­ar 2003 zu den Bürger­diens­ten zählt. Ab Ja­nu­ar 2009 er­folg­te die Ein­ar­bei­tung der Kläge­rin in Führer­schein­an­ge­le­gen­hei­ten.

Sie er­ziel­te zu­letzt aus der Ent­gelt­grup­pe 8 des auf das Ar­beits­verhält­nis an­wend­ba­ren TVöD-VKA ein Brut­to­mo­nats­ge­halt von 2.900,00 €.

Im Ok­to­ber 2008 wur­den die pfänd­ba­ren Ge­halts­beträge der Kläge­rin zu Guns­ten ei­nes Gläubi­gers gepfändet und ihm über­wie­sen. Seit dem 12.11.2008 be­dient die Be­klag­te den Pfändungs- und Über­wei­sungs­be­schluss.

Im De­zem­ber 2008 teil­te die Kläge­rin der Be­klag­ten auf Rück­spra­che mit, die An­ge­le­gen­heit sei geklärt und der Gläubi­ger wer­de auf­grund ih­rer frei­wil­li­gen Zah­lun­gen die Pfändung „zurück­zie­hen". Tatsächlich muss­te der Pfändungs- und Über­wei­sungs­be­schluss wei­ter­hin be­dient wer­den.

Die Kläge­rin ist nach der Geschäfts­an­wei­sung über die kas­senmäßige Ab­wick­lung von Ver­wal­tungs­geschäften vom 25.07.2007 zur Führung ei­nes Hand­vor­schus­ses und zur An­nah­me und Aus­zah­lung von Zah­lungs­mit­tel ermäch­tigt. Im Hin­blick dar­auf for­der­te die Be­klag­te die Fach­be­reichs­lei­tung auf, über die Ermäch­ti­gung un­ter Berück­sich­ti­gung der nicht un­er­heb­li­chen Pfändung neu zu ent­schei­den, die Team­lei­tung zu ver­an­las­sen, über­ra­schen­de Kas­sen­prüfun­gen durch­zuführen.

 

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Ei­ne ers­te Prüfung fand am 03.06.2009 statt und er­brach­te kei­ne auffälli­gen Er­geb­nis­se.

Am 25.06.2009 führ­te der Vor­ge­setz­te W6 ein Gespräch mit der Kläge­rin, des­sen In­halt strei­tig ist.

Am 03.08.2009 prüfte die Team­lei­te­rin H3 er­neut die Kas­se der Kläge­rin. Sie zog den stell­ver­tre­ten­den Be­reichs­lei­ter G2 hin­zu. Es wur­de fest­ge­stellt, dass sich in dem Kas­sen­be­stand von ins­ge­samt 828,00 € Falsch­geld i.H.v. 650,00 € in fünf Fünf­zi­g­eu­ro- und vier Hun­der­t­eu­ro­schei­nen be­fand. Noch am sel­ben Tag er­stat­te­te die Be­klag­te An­zei­ge bei der Po­li­zei. Das ge­gen die Kläge­rin ge­rich­te­te Er­mitt­lungs­ver­fah­ren wird von der Staats­an­walt­schaft Dort­mund un­ter dem Ak­ten­zei­chen 170 Js 1169/09 geführt.

Noch am 03.08.2009 er­hielt die Kläge­rin ei­ne Ein­la­dung zu ei­nem Per­so­nal­gespräch am 04.08.2009. In An­we­sen­heit des Per­so­nal­rats­mit­glie­des S2 wur­de sie mit dem Sach­ver­halt kon­fron­tiert, dass sich in ih­rer Bar­kas­se nach Auf­fas­sung der Be­klag­ten of­fen­sicht­lich er­kenn­ba­res Falsch­geld be­fand. Die Kläge­rin erklärte, sie ha­be die Geld­schei­ne nicht als Falsch­geld er­kannt. In­ner­halb der letz­ten sechs bis sie­ben Wo­chen ha­be der Kas­sen­au­to­mat häufi­ger Geld­schei­ne nicht an­ge­nom­men. Sie ha­be zwei- bis drei­mal ver­sucht, die Geld­schei­ne ein­zu­zah­len. Die nicht an­ge­nom­me­nen Schei­ne ha­be sie dann se­pa­rat in ei­nem Um­schlag in ei­ner dienst­li­chen Geld­ta­sche auf­ge­ho­ben. Be­reits seit Ju­ni/Ju­li 2009 ha­be sie ih­re pri­va­te Geldbörse mit zu dem Kas­sen­au­to­ma­ten ge­nom­men, um nicht an­ge­nom­me­ne Geld­schei­ne aus ih­rem pri­va­ten Be­stand zu er­set­zen. Sie ha­be die Ein­zah­lungs­vorgänge nicht ab­bre­chen wol­len. Die nicht an­ge­nom­me­nen Geld­schei­ne ha­be sie durch ei­ge­nes Bar­geld er­setzt. An­hand der ge­sam­mel­ten nicht an­ge­nom­me­nen Geld­schei­ne ha­be sie später an­zei­gen wol­len, dass der Kas­sen­au­to­mat nicht rich­tig funk­tio­nie­re. Auf­grund ei­ner Über­las­tungs­si­tua­ti­on ha­be sie ei­ne ru­hi­ge Pha­se ab­war­ten wol­len, um das Pro­blem mit dem Vor­ge­setz­ten zu be­spre­chen. Die im April 2008 ihr ge­genüber schrift­lich ge­trof­fe­ne An­wei­sung, Pro­ble­me mit der Büro­kas­se oder dem Kas­sen­au­to­ma­ten zu do­ku­men­tie­ren und die­se so­fort der stell­ver­tre­ten­den Be­reichs­lei­tung und dem Team­lei­ter G2 schrift­lich mit­zu­tei­len, ha­be sie nicht be­folgt. Am 29.07.2009 ha­be sie dann die se­pa­rat

 

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ge­sam­mel­ten Geld­schei­ne im Wer­te von 650,00 € in die Bar­kas­se ge­legt und sich 650,00 € zwecks Er­stat­tung ih­rer Vorschüsse her­aus­ge­nom­men. Sie ha­be am 30.07.2009 noch ein­mal pro­bie­ren wol­len, die Geld­schei­ne im Kas­sen­au­to­ma­ten zu plat­zie­ren. An­sch­ließend ha­be sie zu ih­rem Vor­ge­set­zen ge­hen wol­len. Ei­ne krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit am 30.07. und 31.07.2009 ha­be sie dar­an ge­hin­dert.

Am 06.08.2009 lud die Be­klag­te die Kläge­rin zu ei­ner Anhörung zu der be­ab­sich­tig­ten frist­lo­sen Kündi­gung ins Per­so­nal­amt ein. Ihr jet­zi­ger Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter teil­te per Fax vom 06.08.2009 mit, dass die Kläge­rin auf ei­ne Anhörung am 07.08.2009 ver­zich­te.

Mit Schrei­ben vom 10.08.2009 (Bl. 77 bis 80 d.A.) hörte die Be­klag­te den Per­so­nal­rat zu ih­rer Ab­sicht an, das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin frist­los, hilfs­wei­se frist­los mit so­zia­ler Aus­lauf­frist zu be­en­den. Sie führ­te u.a. aus, es sei da­von aus­zu­ge­hen, dass die fal­schen Geld­schei­ne von der Kläge­rin hätten er­kannt wer­den müssen. Nur in ih­rer Kas­se hätten sich der­ar­ti­ge Schei­ne be­fun­den. Es sei höchst un­wahr­schein­lich, dass die gefälsch­ten Schei­ne gleich­ar­ti­ger Her­stel­lung ihr von im­mer wie­der glei­chen Kun­den über­ge­ben wor­den sei­en. Es könne auch die An­nah­me der Geld­schei­ne in ei­ner Sum­me nach Über­prüfung des Kas­sen­jour­nals aus­ge­schlos­sen wer­den. Es be­ste­he des­halb der be­gründe­te Ver­dacht, dass die Kläge­rin ei­nen Be­trag von 650,00 € aus ih­rer Bar­kas­se ge­gen fal­sche Geld­schei­ne aus­ge­tauscht ha­be.

Mit Schrei­ben vom 12.08.2009 (Bl. 31 d.A.) teil­te der Per­so­nal­rat mit, in sei­ner Sit­zung am 13.08.2009 über die Anhörung be­ra­ten zu ha­ben, die Vor­la­ge zur Kennt­nis zu neh­men und auf ei­ne Stel­lung­nah­me zu ver­zich­ten.

Mit Schrei­ben vom 13.08.2009 (Bl. 3, 4 d.A.) kündig­te die Be­klag­te das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis frist­los, er­satz­wei­se frist­los mit so­zia­ler Aus­lauf­frist bis zum 31.03.2010.

Ge­gen die ihr am 14.08.2009 (Bl. 32 d.A.) zu­ge­gan­ge­ne Kündi­gung wen­det sich die Kläge­rin mit ih­rer am 19.08.2009 bei dem Ar­beits­ge­richt Dort­mund ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge.

 

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Sie hat be­haup­tet:

Sie sei durch die Pfändungs­maßnah­me im Ok­to­ber 2008 nicht in Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten ge­kom­men.

Im Rah­men ih­rer Be­fug­nis, Bar­geld ein­zu­neh­men, ha­be sie die ver­ein­nahm­ten Beträge je­weils in das Sys­tem ein­bu­chen müssen. Die­ses ge­be vor, dass bei ei­nem Wert von 1.000,00 € au­to­ma­tisch ein Ab­schluss ge­macht wer­den müsse.

Sie ha­be die­sen Kas­sen­ab­schluss ein- bis drei­mal wöchent­lich durch­geführt, sich zum Kas­sen­au­to­ma­ten be­ge­ben und das Bar­geld ein­ge­zahlt. Nicht nur sie selbst, son­dern auch an­de­re Kol­le­gen hätten je­doch Schwie­rig­kei­ten mit dem Au­to­ma­ten. Die­ser ha­be Geld­schei­ne teil­wei­se nicht an­ge­nom­men. Das Pro­blem sei all­ge­mein be­kannt ge­we­sen, oh­ne dass Ab­hil­fe ge­schaf­fen wor­den sei.

Am 25.06.2009 ha­be sie Herrn W6 mit­ge­teilt, dass im­mer dann, wenn der Au­to­mat den ei­nen oder an­de­ren Schein nicht an­neh­me, sie die­sen mit ih­rem ei­ge­nen Geld fütte­re, da­mit der Ab­schluss „sau­ber" sei. Herr W6 ha­be sich über­rascht ge­zeigt und nach­ge­fragt. Sie ha­be ihm bestätigt, ei­nen Vor­ge­setz­ten mit dem Pro­blem nicht be­hel­li­gen zu können, da ih­re Vor­ge­setz­ten auf­grund der er­heb­lich an­ge­spann­ten Per­so­nal­si­tua­ti­on sich um die­ses Pro­blem nicht gekümmert, son­dern die Mit­ar­bei­ter sich selbst über­las­sen hätten.

In den fol­gen­den Wo­chen ha­be sie im­mer dann, wenn der Au­to­mat Schei­ne nicht an­ge­nom­men ha­be, die­se Schei­ne aus ih­rem ei­ge­nen Bar­be­stand er­setzt. Sie ha­be die nicht an­ge­nom­me­nen Schei­ne zur Sei­te ge­legt, um das Gespräch mit Herrn W6 neu zu su­chen. Als es ihr nicht mehr möglich ge­we­sen sei, aus ei­ge­nen Mit­teln die Lücke zu schließen, ha­be sie die bei­sei­te ge­leg­ten Schei­ne in die Kas­se zurück­ge­legt.

Sie ha­be kein Falsch­geld her­ge­stellt. Die­ses sei auch nicht auf den ers­te Blick als sol­ches er­kenn­bar ge­we­sen. Je­den­falls ha­be sie selbst nicht er­kannt, dass es sich

 

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bei den vom Kas­sen­au­to­ma­ten nicht an­ge­nom­me­nen Schei­nen um Falsch­geld ge­han­delt ha­be. Sie ha­be un­ter ei­nem er­heb­li­chen Ar­beits­druck ge­stan­den. Da­durch sei ein „Tun­nel­blick" ent­stan­den. Hin­zu kom­me, dass sie sich ei­ner au­genärzt­li­chen Be­hand­lung ha­be un­ter­zie­hen müssen.

Mit­te Ju­ni 2009 sei sie aus der Woh­nung ih­res Le­bens­gefähr­ten aus­ge­zo­gen.

Da der Kas­sen­au­to­mat häufi­ger Schei­ne nicht an­ge­nom­men ha­be, sei sie auch nicht auf die Idee ge­kom­men, die­sen Vor­gang ei­nem Vor­ge­setz­ten an­zu­zei­gen.

Natürlich könne sie nicht mehr sa­gen, wer ihr die Schei­ne zu­ge­tra­gen ha­be.

Frau H3 ha­be sie mit der Kas­sen­prüfung un­er­war­tet kon­fron­tiert. Sie ha­be die Prüfung auch nicht mit ihr zu­sam­men durch­geführt, son­dern sie ge­be­ten, Herrn G2 an­zu­ru­fen, der hin­zu­ge­kom­men sei. Bei­de sei­en mit dem Geld ver­schwun­den, oh­ne dass sie über­haupt die Ge­le­gen­heit ge­habt ha­be, sich an der Kas­sen­prüfung zu be­tei­li­gen. Sie wis­se des­halb nicht, was mit den Schei­nen ge­sche­hen sei. Sie be­strei­te, dass die streit­ge­genständ­li­chen Schei­ne über­haupt in der Kas­se ge­le­gen hätten. Die Sum­me von 650,00 € sei al­ler­dings von der Be­klag­ten zu­tref­fend an­ge­ge­ben wor­den. Zu der Qua­lität der Geld­schei­ne könne sie nichts sa­gen.

Sie ha­be je­doch bei­de Mit­ar­bei­ter dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich um Schei­ne hand­le, die der Au­to­mat nicht an­ge­nom­men ha­be. Sie ha­be auch auf ih­re Ab­sicht auf­merk­sam ge­macht, mit Herrn W6 ein Gespräch zu führen.

In dem Gespräch vom 04.08.2009 ha­be sie in al­len Ein­zel­hei­ten erklärt, in wel­cher Be­las­tungs­si­tua­ti­on sie sich be­fun­den ha­be. Noch am sel­ben Tag hätten wei­te­re acht Mit­ar­bei­ter den Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­den M1 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie die glei­chen Schwie­rig­kei­ten mit dem Au­to­ma­ten hätten.

Die ord­nungs­gemäße Per­so­nal­rats­anhörung be­strei­te sie mit Nicht­wis­sen.

 

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Die Kläge­rin hat be­an­tragt

fest­zu­stel­len, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 13.08.2009, zu­ge­gan­gen am 14.08.2009 auf­gelöst wor­den ist, son­dern zu un­veränder­ten Be­din­gun­gen fort­be­steht,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, sie zu un­veränder­ten Be­din­gun­gen als Mit­ar­bei­te­rin im Straßen­ver­kehrs­amt wei­ter zu beschäfti­gen.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie hat un­ter Vor­la­ge von Farb­ko­pi­en (Bl. 74 d.A.) be­haup­tet:

Es ha­be sich of­fen­kun­dig um Falsch­geld ge­han­delt. Die fal­schen Geld­schei­ne hätten sich wie Plas­tik an­gefühlt. Es ha­be sich um schlech­te Farb­ko­pi­en ge­han­delt, die auf­ein­an­der ge­legt und zum Teil mit Te­sa­film zu­sam­men­ge­klebt wor­den sei­en. Zu­dem stimm­ten die Farb­kom­bi­na­tio­nen of­fen­sicht­lich nicht mit den Far­ben ech­ter Geld­schei­ne übe­rein. Die Ränder sei­en teil­wei­se schräg ab­ge­schnit­ten wor­den. Die Schei­ne sei­en mit ei­ner dünnen Fo­lie über­zo­gen, die bei min­des­tens ei­nem Geld­schein den Geld­schein­rand über­ra­ge. Sie sei­en auch fühl­bar di­cker und stei­fer als ech­te Bank­no­ten. Des­halb knit­ter­ten sie nicht.

Es be­ste­he der Ver­dacht, dass die Kläge­rin Geld aus der Kas­se ge­gen Falsch­geld aus­ge­tauscht ha­be. An­sons­ten hätte sie nämlich die Fälschung un­mit­tel­bar er­ken­nen müssen.

Al­lein in ih­rer Kas­se hätten sich der­ar­ti­ge Schei­ne be­fun­den. Außer­dem ha­be es sich um meh­re­re Schei­ne ge­han­delt, die die Kläge­rin nicht in ei­ner Sum­me an­ge­nom­men ha­be, die ihr wohl auch nicht im­mer wie­der glei­che Kun­den „un­ter­ge­ju­belt" hätten.

 

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Die Ein­las­sung der Kläge­rin, sie ha­be im Hin­blick auf die Pro­ble­me mit dem Kas­sen­au­to­ma­ten das Falsch­geld bei­sei­te ge­legt, oh­ne es als sol­ches zu er­ken­nen, sei schon des­halb nicht nach­voll­zieh­bar, weil sie sich mehr­fach mit den Geld­schei­nen ha­be beschäfti­gen müssen. Sie ha­be auch kei­ne Ver­an­las­sung ge­habt, das Geld außer­halb der Kas­se auf­zu­be­wah­ren und nicht z.B. als Wech­sel­geld zu ver­wen­den oder es an­stel­le des von ihr an­geb­lich ein­ge­zahl­ten persönli­chen Gel­des an sich zu neh­men.

Die Be­tei­li­gung des Per­so­nal­rats sei ord­nungs­gemäß er­folgt. Auch die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te sie un­ter­rich­tet wor­den und ha­be die Kündi­gungs­ab­sicht zur Kennt­nis ge­nom­men.

Mit Ur­teil vom 17.02.2010 hat das Ar­beits­ge­richt Dort­mund die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

Es hat aus­geführt:

Die außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung sei wirk­sam.

Es be­ste­he zu­min­dest der drin­gen­de Ver­dacht, dass die Kläge­rin in schwer­wie­gen­dem Maße pflicht­wid­rig ge­han­delt ha­be und da­durch das Ver­trau­ens­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en so zerstört sei, dass der Be­klag­ten ei­ne wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit nicht zu­mut­bar sei.

Es könne da­hin­ge­stellt blei­ben, ob die Kläge­rin das von ihr in die Kas­se ge­leg­te Falsch­geld selbst her­ge­stellt ha­be. Ent­schei­dend sei, dass al­le In­di­zi­en so gut wie kei­ne an­de­re Möglich­keit zu­ließen, als dass die Kläge­rin die Vermögens­in­ter­es­sen der Be­klag­ten be­wusst ver­nachlässigt ha­be, sie be­wusst ei­nen Fehl­be­trag in ih­rer Kas­se durch Falsch­geld her­bei­geführt ha­be.

Wie sich schon aus der von der Be­klag­ten vor­ge­leg­ten Fo­to­gra­fie der Fünf­zi­g­eu­ro- und Hun­der­t­eu­ro­schei­ne er­ge­be, lägen Fälschun­gen vor. Die Kläge­rin ha­be zu­min­dest nach Vor­la­ge der Fo­to­gra­fie nicht mehr be­strit­ten, dass es sich um die

 

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von ihr in die Kas­se ge­leg­ten Schei­ne hand­le. Im Übri­gen hätte es an­dern­falls ei­ner sub­stan­ti­ier­ten Stel­lung­nah­me be­durft.

Es sprächen al­le In­di­zi­en dafür, dass die Kläge­rin ent­ge­gen ih­rer Ein­las­sung ge­wusst ha­be, dass es sich um gefälsch­te Geld­schei­ne ge­han­delt ha­be. Ha­be sie die Ein­ga­be des gefälsch­ten Gel­des zu­sam­men mit an­de­ren Geld­schei­nen in den Kas­sen­au­to­mat ver­sucht, ha­be sie gefälsch­te und ech­te Schei­ne un­mit­tel­bar nach­ein­an­der in der Hand hal­ten müssen, so dass ihr der Un­ter­schied hätte auf­fal­len müssen. Das gel­te ins­be­son­de­re für die Zeit der ge­trenn­ten Auf­be­wah­rung der Geld­schei­ne.

Es sei un­glaubwürdig, dass die Kläge­rin trotz vor­lie­gen­der Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten über länge­re Zeit 650,00 € von ih­rem Geld in den Kas­sen­au­to­ma­ten ein­ge­zahlt ha­be, oh­ne je­weils ihr Geld ge­gen das in den Kas­sen­au­to­ma­ten an sich ein­zu­zah­len­de Geld zu tau­schen. Es sei auch nicht nach­voll­zieh­bar, war­um sie nicht ver­sucht ha­be, die vom Kas­sen­au­to­ma­ten nicht an­ge­nom­me­nen Schei­ne als Wech­sel­geld ein­zu­set­zen.

Ge­genüber ih­rem Vor­ge­setz­ten W6 ha­be sie den Ein­druck er­weckt, sie neh­me ei­nen Tausch vor. Sie hätte aber ge­ra­de Ver­an­las­sung ge­habt, ihm mit­zu­tei­len, dass sie mit ih­rem Geld in Vor­schuss tre­te und nicht be­reit sei, es ge­gen das vom Au­to­mat nicht an­ge­nom­me­ne Geld zu tau­schen, dass sie die­ses aber auch nicht wie­der in Um­lauf brin­gen wol­le.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils wird auf Bl. 89 bis 97 d.A. Be­zug ge­nom­men.

Ge­gen das ihr am 22.03.2010 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Kläge­rin am 19.04.2010 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm ein­ge­hend Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 22.06.2010 am 15.06.2010 ein­ge­hend be­gründet.

Sie rügt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil als feh­ler­haft und führt aus:

 

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Der Per­so­nal­rat sei nicht ord­nungs­gemäß be­tei­ligt wor­den.

Zu Un­recht sei das erst­in­stanz­li­che Ge­richt da­von aus­ge­gan­gen, dass sie nicht mehr be­strei­te, dass es sich bei den gefälsch­ten Geld­schei­nen um Geld­schei­ne aus ih­rer Kas­se hand­le. Sie ha­be natürlich nicht mehr in Er­in­ne­rung, wie die Schei­ne im Ein­zel­nen aus­ge­se­hen hätten.

Ihr sei ei­ne Fälschung je­den­falls nicht auf­ge­fal­len.

Sie ha­be da­mals un­ter er­heb­li­chem be­ruf­li­chen und pri­va­ten Druck ge­stan­den, so dass ihr die Un­ter­schie­de zu Ori­gi­nal­geld­schei­nen nicht auf­ge­fal­len sei­en. Zu berück­sich­ti­gen sei, dass die Schwie­rig­kei­ten bei Ein­zah­lun­gen in den Kas­sen­au­to­ma­ten nor­mal ge­we­sen sei­en. Ihr sei es als ge­naue und pflicht­be­wuss­te Mit­ar­bei­te­rin al­lein dar­um ge­gan­gen, kei­ne Lücke in der Kas­se bei der Ta­ges­ab­rech­nung zu hin­ter­las­sen. Al­lein des­halb ha­be sie ei­ge­nes Geld ein­ge­setzt.

Er­neut sei dar­auf zu ver­wei­sen, dass den Vor­ge­setz­ten die Schwie­rig­kei­ten mit dem Kas­sen­au­to­ma­ten be­kannt ge­we­sen sei­en. Sie ver­wei­se auf das Gespräch mit Herrn W7 vom 25.06.2009.

Die Kennt­nis der Vor­ge­setz­ten er­ge­be sich auch aus ei­ner Ant­wort der Be­klag­ten vom 7.9.2009 (Bl.141 bis 142 d.A.) auf ei­ne An­fra­ge des Per­so­nal­rats vom 4.8.2009 und aus ei­ner Stel­lung­nah­me des Per­so­nal­rats vom 10.09.2009 (Bl. 138 bis 140 d.A.).

Es sei auf je­den Fall un­erläss­lich, die Falsch­geld­schei­ne in Au­gen­schein zu neh­men.

Es sei auch Be­weis darüber zu er­he­ben, dass das Falsch­geld anläss­lich der Kas­sen­prüfung in ih­rer Kas­se vor­ge­fun­den wor­den sei. Die Kas­sen­prüfung sei teil­wei­se oh­ne sie vor­ge­nom­men wor­den.

 

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Die von ihr ge­son­dert auf­ge­ho­be­nen Geld­schei­ne sei­en auch nach Ein­la­ge in die Bar­kas­se iden­ti­fi­zier­bar ge­blie­ben, da sie mit ei­ner Heft­klam­mer zu­sam­men­ge­fasst ge­we­sen sei­en.

Sie ge­he da­von aus, dass ihr die fal­schen Geld­schei­ne bei meh­re­ren Ver­wal­tungs­vorgängen über­ge­ben wor­den sei­en, zu­mal es im Rah­men der Ge­wer­be­an­mel­dung Leu­te ge­be, die im­mer wie­der Ge­wer­be­an­mel­dun­gen für an­de­re Per­so­nen vornähmen.

Anläss­lich ih­res Woh­nungs­aus­zugs ha­be sie ihr Bru­der un­terstützt.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

un­ter Abände­rung des am 17.02.2010 verkünde­ten Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Dort­mund, Az. 10 Ca 4029/09 fest­zu­stel­len, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Beschäfti­gungs­verhält­nis nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 13.08.2009, zu­ge­gan­gen am 14.08.2009 auf­gelöst wor­den ist,
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, sie zu un­veränder­ten Be­din­gun­gen als Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te in der Ent­gelt­grup­pe 8 be­schränkt auf den Zeit­raum bis zur Rechts­kraft der Ent­schei­dung über den Kündi­gungs­schutz­an­trag wei­ter zu beschäfti­gen.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Sie ver­tritt die Auf­fas­sung, die Be­ru­fung sei un­zulässig, da so­wohl die Be­ru­fungs­schrift als auch die Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift in der Un­ter­schrif­ten­zei­le kei­ne Un­ter­schrif­ten aus­wie­sen, son­dern al­len­falls an­deu­tungs­wei­se Pa­ra­phie­run­gen. Die­se wi­chen zu­dem von dem ge­gen­sei­ti­gen Zeich­nungs­bild ab, so dass sich die Fra­ge stel­le, ob den An­for­de­run­gen nach § 130 ZPO aus­rei­chend Genüge ge­tan sei.

 

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Die Be­klag­te ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil und führt aus:

Be­reits aus der von ihr erst­in­stanz­lich vor­ge­leg­ten Fo­to­gra­fie der Geld­schei­ne sei klar er­sicht­lich ge­we­sen, dass sie gefälscht sei­en.

Zu Recht sei das erst­in­stanz­li­che Ge­richt nach Vor­la­ge die­ser Fo­to­gra­fi­en da­von aus­ge­gan­gen, dass die Kläge­rin nicht mehr be­strei­te, dass es sich um die von ihr in die Kas­se ge­leg­ten Schei­ne hand­le.

Schon auf­grund ih­rer be­ruf­li­chen Er­fah­rung mit Bar­geld­no­ten hätte der Kläge­rin in je­dem Fall auf­fal­len müssen, dass sie Falsch­geld in den Händen ge­hal­ten ha­be. So sei dies bei der Kas­sen­prüfung der Team­lei­te­rin H3 un­mit­tel­bar auf­ge­fal­len.

Er­heb­li­chen Stress am Ar­beits­platz ha­be sie nicht sub­stan­ti­iert dar­ge­legt.

Im Übri­gen ha­be die Kläge­rin nach ih­ren An­ga­ben mehr­fach Kon­takt mit den fal­schen Geld­schei­nen ge­habt.

An­ge­sichts ih­rer Ein­kom­mens- und Vermögens­verhält­nis­se sei auch nicht nach­voll­zieh­bar, dass sie 650,00 € aus ih­ren Bar­mit­teln ver­aus­lagt ha­ben will.

Sie ha­be ih­rem Vor­ge­setz­ten am 25.06.2009 ge­ra­de nicht mit­ge­teilt, dass sie mit ei­ge­nem Geld in Vor­schuss tre­te. Ge­ra­de im Hin­blick auf die Schwie­rig­kei­ten, die streit­ge­genständ­li­chen Geld­schei­ne dem Kas­sen­au­to­ma­ten zu­zuführen, hätte sie zusätz­lich Kol­le­gen be­fra­gen oder ein Bank­no­ten­prüfgerät ein­set­zen müssen.

Die vor­ge­leg­te Fo­to­ko­pie bil­de die bei der Kas­sen­prüfung vor­ge­fun­de­nen fal­schen Bank­no­ten ab. Die Kas­se sei im Bei­sein der Kläge­rin ge­prüft wor­den.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Par­tei­vor­brin­gens wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf die Sit­zungs­pro­to­kol­le Be­zug ge­nom­men.

Das Ge­richt hat Be­weis er­ho­ben über die Be­haup­tung der Be­klag­ten, bei fünf anläss­lich der Kas­sen­prüfung vor­ge­fun­de­nen Fünf­zi­g­eu­ro­schei­nen und bei vier

 

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Hun­der­t­eu­ro­schei­nen hand­le es sich um Falsch­geld, durch In­au­gen­schein­nah­me der von der Be­klag­ten im Kam­mer­ter­min vor­ge­leg­ten Geld­schei­ne. We­gen des Er­geb­nis­ses der Be­weis­auf­nah­me wird auf das Sit­zungs­pro­to­koll vom 26.08.2010 (Bl. 237 bis 238 d.A.) ver­wie­sen.

Nach Durchführung der Be­weis­auf­nah­me hat die Kläge­rin erklärt, das Ge­richt dürfe nun­mehr da­von aus­ge­hen, dass die vor­ge­leg­ten Schei­ne bei der Kas­sen­prüfung vor­ge­fun­den wor­den sei­en.

Ent­schei­dungs­gründe

I.

Die gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1, 64 Abs. 2 c, 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG, 519, 520 ZPO an sich statt­haf­te so­wie frist­ge­recht ein­ge­leg­te Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Dort­mund vom 17.02.2010 ist auch form­ge­recht ein­ge­legt wor­den. So­wohl die Be­ru­fungs- als auch die Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift sind von dem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Kläge­rin ei­genhändig un­ter­zeich­net wor­den.

Die Un­ter­schrift soll be­le­gen, dass sich der Un­ter­zeich­ner zu der schrift­li­chen Pro­zess­hand­lung be­kennt und sie be­wir­ken will. Ein bloßes Hand­zei­chen ist des­halb nicht aus­rei­chend. Al­ler­dings sind an die ei­genhändi­ge Un­ter­schrift kei­ne ho­hen An­for­de­run­gen zu stel­len. Da­mit die Iden­tität nach­prüfbar ist, muss die Un­ter­schrift zwar den vol­len Na­mens­zug er­fas­sen. Es muss je­doch nicht je­der Buch­sta­be ein­zeln les­bar sein, so­lan­ge der ge­schrie­be­ne Na­me über ei­ne ge­krümm­te oder ei­ne Schlängel­li­nie hin­aus­geht. Es scha­det auch nicht, wenn die Un­ter­schrif­ten des Ur­he­bers deut­lich von­ein­an­der ab­wei­chen (BGH 21.06.1990, 1 ZB 6/90, MDR 1991, 223; Ei­che­le/Hirtz/Ober­heim, Hand­buch Be­ru­fung im Zi­vil­pro­zess, 2. Aufl., V Rd­nr. 203, 205, 206).

 

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Hier weist die Un­ter­schrift des kläge­ri­schen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten so­wohl in der Be­ru­fungs- als auch in der Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift ein deut­lich er­kenn­ba­res P mit an­sch­ließen­der Schlängel­li­nie auf, die durch ei­nen eben­falls klar er­kenn­ba­ren I-Punkt aus­rei­chend auf den Na­men P6 hin­weist.

II.

Die Be­ru­fung ist un­be­gründet.

Zu Recht hat das erst­in­stanz­li­che Ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis hat durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 13.08.2009 mit ih­rem Zu­gang am 14.08.2009 sein En­de ge­fun­den.

1. Die zulässi­ge Kündi­gungs­schutz­kla­ge ist un­be­gründet.

a) Die Kündi­gung ist nicht gemäß § 74 Abs. 5 LPVG NW un­wirk­sam. Der bei der Be­klag­ten be­ste­hen­de Per­so­nal­rat ist mit Schrei­ben vom 10.08.2009 – wie das erst­in­stanz­li­che Ge­richt zu Recht fest­ge­stellt hat – ord­nungs­gemäß im Sin­ne des § 74 Abs. 4 LPVG NW an­gehört wor­den. Er ist in aus­rei­chen­dem Um­fang über die Per­so­na­li­en der Kläge­rin, ih­re Beschäfti­gungs­zeit, die Kündi­gungs­art und die Kündi­gungs­gründe in­for­miert wor­den und konn­te sich ein ei­ge­nes Bild von den die Be­klag­te zur Kündi­gung ver­an­las­sen­den Tat­sa­chen ma­chen. Die Kläge­rin be­schränkt sich in der Be­ru­fungs­be­gründung dar­auf, die Ord­nungs­gemäßheit der Per­so­nal­rats­be­tei­li­gung wei­ter­hin mit Nicht­wis­sen zu be­strei­ten.

Hat der Ar­beit­ge­ber auf das zunächst zulässi­ge Be­stri­ten der Ord­nungs­gemäßheit der Per­so­nal­rats­be­tei­li­gung im Ein­zel­nen – wie hier durch Vor­la­ge des Anhörungs­schrei­bens - dar­ge­legt, dass er den Per­so­nal­rat ord­nungs­gemäß an­gehört hat, darf sich der Ar­beit­neh­mer nicht mehr dar­auf be­schränken, die Anhörung mit Nicht­wis­sen zu be­strei­ten. Er hat sich viel­mehr gemäß § 138 Abs. 1, Abs. 2 ZPO vollständig über den vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halt zu erklären und im Ein­zel­nen zu be­zeich­nen, ob er rügen will, das Gre­mi­um sei ent­ge­gen der Be­haup­tung des Ar­beit­ge­bers über­haupt nicht an­gehört wor­den, oder in wel­chen

 

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ein­zel­nen Punk­ten er die tatsächli­chen Erklärun­gen des Ar­beit­ge­bers für falsch oder die mit­ge­teil­ten Tat­sa­chen für un­vollständig hält. Dies er­for­dert ge­ge­be­nen­falls ei­nen wei­te­ren Sach­vor­trag des Ar­beit­ge­bers und ermöglicht ei­ne Be­weis­auf­nah­me des Ge­richts über die tatsächlich strei­ti­gen Tat­sa­chen (BAG 23.06.2005 – 2 AZR 193/04, NZA 2005, 1233).

Das Anhörungs­ver­fah­ren war vor Kündi­gungs­zu­gang ab­ge­schlos­sen. Mit Schrei­ben vom 12.08.2009 (13.08.?) hat der Per­so­nal­rat nach Be­ra­tung in sei­ner Sit­zung vom 13.08.2009 aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, nicht wei­ter Stel­lung neh­men zu wol­len.

b) Die Be­klag­te hat die zweiwöchi­ge Kündi­gungs­erklärungs­frist, § 626 Abs. 2 BGB, ge­wahrt. Sie hat frühes­tens am 03.08.2009 anläss­lich der Kas­sen­prüfung Kennt­nis von den Tat­sa­chen er­wor­ben, die nach ih­rer Auf­fas­sung die Kündi­gung we­gen des Ver­dach­tes recht­fer­ti­gen, die Kläge­rin ha­be Bar­geld aus der Kas­se ge­gen Falsch­geld ge­tauscht. Die Kündi­gungs­erklärungs­frist en­de­te mit dem 17.08.2009. Die Kündi­gung ging am 14.08.2009 zu.

c) Die Kläge­rin hat auf­grund ih­res Al­ters zum Zeit­punkt des Kündi­gungs­zu­gangs von 49 Jah­ren und auf­grund der Dau­er des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses von mehr als 22 Jah­ren gemäß § 34 Abs. 2 TVöD-VKA ei­nen be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz er­wor­ben. Sie ist nur noch aus wich­ti­gem Grund künd­bar.

Der TVöD-VKA ist un­strei­tig auf das Ar­beits­verhält­nis an­wend­bar.

Die Be­klag­te hat das Ar­beits­verhält­nis ent­spre­chend frist­los und hilfs­wei­se aus wich­ti­gem Grund mit ei­ner so­zia­len Aus­lauf­frist gekündigt.

d) Die Kündi­gung ist durch Tat­sa­chen ge­recht­fer­tigt, auf­grund de­rer es der Be­klag­ten un­ter Berück­sich­ti­gung der Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le un­zu­mut­bar war, das Ar­beits­verhält­nis we­nigs­tens für die Dau­er ei­ner so­zia­len Aus­lauf­frist fort­zu­set­zen, die im­mer dann zur Ver­mei­dung von Wer­tungs­wi­dersprüchen zu gewähren ist, wenn auch bei un­ter­stell­ter or­dent­li­cher Künd­bar­keit die Ein­hal­tung der Kündi­gungs­frist nach Abwägung der

 

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bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen zu­mut­bar wäre (BAG 02.03.2006 – 2 AZR 53/05, NZA – RR 2006, 636; 13.04.2000 – 2 AZR 259/99, BA­GE 94, 228; KR-Fi­scher­mei­er, 9. Aufl., § 626 BGB Rd­nr. 304).

Die Wirk­sam­keit der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ist in zwei Stu­fen zu prüfen. Zunächst müssen Tat­sa­chen vor­lie­gen, die an sich ge­eig­net sind, ei­nen wich­ti­gen Grund zu bil­den. Im zwei­ten Schritt ist fest­zu­stel­len, ob un­ter Abwägung der Umstände des Ein­zel­falls ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung zu­mut­bar ist (BAG 27.04.2006 – 2 AZR 415/05, EzA § 626 BGB 2002 Nr. 17).

aa) Die Be­klag­te be­ruft sich zur Be­gründung der Kündi­gung auf den Ver­dacht, die Kläge­rin ha­be ei­ne schwer­wie­gen­de Pflicht­ver­let­zung be­gan­gen.

Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann nicht nur ei­ne er­wie­se­ne Pflicht­ver­let­zung, son­dern kann be­reits der Ver­dacht ei­ner straf­ba­ren Hand­lung mit Be­zug zum Ar­beits­verhält­nis oder zu ei­ner er­heb­li­chen Ver­trags­ver­let­zung ge­eig­net sein, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen (BAG 03.07.2003 - 2 AZR 437/02, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 38).

Der Ver­dacht ei­ner der­ar­ti­gen Hand­lung stellt ge­genüber dem Tat­vor­wurf ei­nen ei­genständi­gen Kündi­gungs­grund dar. Ei­ne Ver­dachtskündi­gung kommt aber nur in Be­tracht, wenn drin­gen­de, auf ob­jek­ti­ven Tat­sa­chen be­ru­hen­de schwer­wie­gen­de Ver­dachts­mo­men­te vor­lie­gen und die­se ge­eig­net sind, das für die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­for­der­li­che Ver­trau­en bei ei­nem verständi­gen und ge­recht abwägen­den Ar­beit­ge­ber zu zerstören und der Ar­beit­ge­ber al­le zu­mut­ba­ren An­stren­gun­gen zur Aufklärung des Sach­ver­halts un­ter­nom­men, ins­be­son­de­re dem Ar­beit­neh­mer Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ge­ge­ben hat (BAG 29.11.2007 – 2 AZR 724/06, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 40). Ge­ra­de der Ver­dacht muss das zur Fortführung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­for­der­li­che Ver­trau­en in die Red­lich­keit des Ar­beit­neh­mers zerstört oder zu ei­ner un­zu­mut­ba­ren Be­las­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses geführt ha­ben.

 

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Der Ver­dacht ge­gen den Ar­beit­neh­mer kann im Lau­fe des Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung in der Tat­sa­chen­in­stanz rück­wir­kend aus­geräumt oder verstärkt wer­den, wo­bei die (In­diz-) Tat­sa­che bei Kündi­gungs­aus­spruch vor­ge­le­gen ha­ben müssen (BAG 14.09.1994 – 2 AZR 164/94, BA­GE 78, 18).

Die Be­klag­te trägt die vol­le Dar­le­gungs- und Be­weis­last für al­le Umstände des Kündi­gungs­grun­des. Sie ist nicht zwi­schen dem Kündi­gen­den und dem Gekündig­ten der­art auf­zu­tei­len, dass der Kündi­gen­de die ob­jek­ti­ven Merk­ma­le für den Kündi­gungs­grund und die bei der In­ter­es­sen­abwägung für den Gekündig­ten ungüns­ti­gen Umstände und der Gekündig­te sei­ner­seits Recht­fer­ti­gungs­gründe und für ihn ent-las­ten­de Umstände vor­zu­tra­gen und zu be­wei­sen hat (BAG 06.08.1987 – 2 AZR 226/85, EzA § 626 BGB n.F. Nr. 109, KR-Fi­scher­mei­er a.a.O. § 626 BGB Rd­nr. 380). Der Um­fang der Dar­le­gungs- und Be­weis­last des Kündi­gen­den rich­tet sich je­doch da­nach, wie sub­stan­ti­iert sich der Gekündig­te auf die Kündi­gungs­gründe einlässt.

(1) Die Kläge­rin hat, den Ver­dacht der Be­klag­ten, sie ha­be Bar­geld ge­gen Falsch­geld aus­ge­tauscht, als zu­tref­fend un­ter­stellt, in be­son­ders schwe­rem Maße ih­re Pflich­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis ver­letzt, denn er rich­tet sich auf den Ver­such, das Vermögen der Be­klag­ten zu schädi­gen, so­wie auf ei­ne vorsätz­li­che Straf­tat nach § 147 Abs. 1 StGB – In­ver­kehr­brin­gen von Falsch­geld als echt. Ob die Straf­tat ver­sucht oder voll­endet war, kann da­hin­ste­hen, da auch der Ver­such gemäß § 147 Abs. 2 StGB straf­bar ist.

Bei der Be­ur­tei­lung der Schwe­re der Pflicht­ver­let­zung ist ent­schei­dend, dass die Kläge­rin auf­grund ih­rer Tätig­keit be­fugt war, für die Be­klag­te Ver­wal­tungs­gebühren ein­zu­neh­men und zu ver­wal­ten und das Geld nach ei­nem be­stimm­ten Mo­dus der Kas­se der Be­klag­ten zuführen muss­te. We­gen ih­rer Kas­sen­be­fug­nis war die Be­klag­te in be­son­de­rem Maße auf ih­re Red­lich­keit an­ge­wie­sen, da ei­ne Kon­trol­le der Ver­wal­tungs- und Kas­sen­vorgänge nur stich­pro­ben­ar­tig statt­fin­den konn­te.

(2) Der Ver­dacht der Be­klag­ten ist durch ob­jek­ti­ve, im Kündi­gungs­zeit­punkt vor­lie­gen­de Tat­sa­chen be­gründet. Er ist dring­lich.

 

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Der Ver­dacht muss sich aus sol­chen Umständen er­ge­ben, die so be­schaf­fen sind, dass sie ei­nen verständi­gen und ge­recht abwägen­den Ar­beit­ge­ber zum Aus­spruch der Kündi­gung ver­an­las­sen können. Die sub­jek­ti­ve Be­ur­tei­lung des Ar­beit­ge­bers ist un­maßgeb­lich.

Dring­lich ist der Ver­dacht, wenn ei­ne große Wahr­schein­lich­keit dafür be­steht, dass der gekündig­te Ar­beit­neh­mer ei­ne Straf­tat oder Pflicht­ver­let­zung be­gan­gen hat (KR-Fi­scher­mei­er, 9. Aufl., § 626 BGB Rd­nr. 212).

Hier hat die Be­klag­te aus­rei­chend ob­jek­ti­ve Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen, die ei­nen dring­li­chen Ver­dacht be­gründen.

Nach Be­en­di­gung der Be­weis­auf­nah­me hat die Kläge­rin un­strei­tig ge­stellt, dass die in Au­gen­schein ge­nom­me­nen Geld­schei­ne bei der Kas­sen­prüfung am 03.08.2009 in ih­rer Bar­kas­se vor­ge­fun­den wur­den.

Die Be­weis­auf­nah­me selbst hat zur Über­zeu­gung der Kam­mer er­ge­ben, dass es sich bei den am 03.08.2009 vor­ge­fun­de­nen fünf Fünf­zi­g­eu­ro- und vier Hun­der­t­eu­ro­schei­ne um Falsch­geld han­delt. Die Fünf­zi­g­eu­ro­schei­ne wei­chen in der Farb­ge­bung auffällig von ech­ten Schei­nen ab. Bei den Hun­der­t­eu­ro­schei­nen sticht das Ho­lo­gramm schon bei flüch­ti­ger Be­trach­tung auf­fal­lend her­vor, wirkt wie auf­ge­setzt. Bei­de Geld­schei­ne wei­sen un­gleichmäßige Ränder auf, weil Vor­der- und Rück­sei­ten je­weils zu­sam­men­ge­klebt wur­den.

Die Fälschun­gen sind der­art „stümper­haft" her­ge­stellt wor­den, dass es selbst bei un­auf­merk­sa­mer Be­trach­tung „ins Au­ge springt", dass es sich um Falsch­geld han­delt. Die Ein­las­sung der Kläge­rin, ihr sei dies nicht auf­ge­fal­len, ist nicht nach­voll­zieh­bar. Schon nach ei­ge­nem Vor­brin­gen hat sie die Geld­schei­ne mehr­fach in Händen ge­hal­ten. Sie hat nach ei­ge­nem Vor­trag die Schei­ne bei den Kun­den ver­ein­nahmt und zur Bar­kas­se ge­nom­men. Nach Er­stel­lung der je­weils vor­ge­schrie­be­nen Zwi­schen­ab­rech­nun­gen hat sie die Geld­schei­ne an sich ge­nom­men, um sie in den Kas­sen­au­to­ma­ten ein­zu­zah­len. Nach Ab­bruch des Ein­zah­lungs­vor­gangs hat sie sie nach ih­rem Be­kun­den ge­gen Bar­geld aus ih­rem

 

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ei­ge­nen Porte­mon­naie aus­ge­tauscht und ge­son­dert auf­be­wahrt. Ein wei­te­res Mal hat sie al­le neun Geld­schei­ne in den Händen ge­hal­ten, als sie ihr „Son­der­de­pot" auflöste und die Schei­ne mit ei­ner Büro­klam­mer zu­sam­men­ge­fasst der Bar­kas­se zuführ­te.

Selbst wenn die Kam­mer zu­guns­ten der Kläge­rin berück­sich­tigt, dass sie un­ter erhöhter be­ruf­li­cher und pri­va­ter An­span­nung stand, ist es schlicht nicht nach­voll­zieh­bar, dass ihr die of­fen­sicht­li­chen Fälschun­gen bei neun Geld­schei­nen an­ge­sichts des häufi­gen Um­gangs ge­ra­de mit die­sen Schei­nen nicht auf­ge­fal­len sein sol­len. Die Of­fen­kun­dig­keit der Fälschun­gen spricht ge­ra­de dafür, dass sie die Geld­schei­ne in den Ver­kehr ge­bracht hat, um sich „ech­tes" Bar­geld zu ver­schaf­fen. Dafür spricht auch, dass die Be­klag­te un­wi­der­spro­chen be­haup­tet hat, ein Be­trag von 650,-- € sei aus­weis­lich des Kas­sen­jour­nals nicht von ei­nem Kun­den ver­ein­nahmt wur­den. Dem­nach müssen meh­re­re ein­zel­ne Ver­wal­tungs­vorgänge mit ein­zel­nen Geld­schei­nen be­zahlt, die Kläge­rin im­mer wie­der mit dem Falsch­geld kon­fron­tiert wor­den sein.

Zu be­den­ken ist wei­ter, dass nur ei­ne ge­rin­ge Wahr­schein­lich­keit dafür be­steht, dass Geldfälscher sich ge­ra­de die Ge­wer­be- und Führer­schein­stel­le der Be­klag­ten aus­ge­sucht ha­ben, um das Falsch­geld in Um­lauf zu brin­gen, müssen sie doch da­von aus­ge­hen, dass die Mit­ar­bei­ter ge­schult sind und bei dem Zah­lungs­vor­gang je­den­falls auf of­fen­kun­di­ge Fälschun­gen ach­ten. Die Ge­fahr, ent­deckt zu wer­den, wäre nach Einschätzung der Kam­mer höher ge­we­sen, als bei Ein­satz der Geld­schei­ne zur Be­zah­lung im Rah­men von Mas­sen­geschäften des All­tags.

Auffällig ist auch, dass bei kei­nem an­de­ren Sach­be­ar­bei­ter in der Ver­wal­tungs­stel­le Falsch­geld auf­ge­taucht ist. Al­ler­dings ist bei Zu­grun­de­le­gung des Sach­vor­trags der Kläge­rin nicht aus­zu­sch­ließen, dass wie­der­holt Ge­wer­be­an­mel­dun­gen für an­de­re täti­gen­de Per­so­nen zunächst an die Kläge­rin zufällig er­folg­reich Falsch­geld zah­len konn­ten, die­se dann aber we­gen ih­rer Oberflächlich­keit ge­zielt aus­ge­sucht ha­ben.

Bei Ge­samtwürdi­gung al­ler In­di­ztat­sa­chen schließt die­se Möglich­keit je­doch die sehr viel höhe­re Wahr­schein­lich­keit nicht aus, dass die Kläge­rin das Falsch­geld bei der Be­klag­ten ein­ge­setzt hat.

 

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Sie be­fand sich seit No­vem­ber 2008 in ei­ner fi­nan­zi­ell an­ge­spann­ten La­ge, da ihr Geld ei­ner Pfändung und Über­wei­sung durch ei­nen Gläubi­ger un­ter­lag, ihr dem­nach nach ei­ge­nen An­ga­ben nur ein Ge­halts­be­trag von ca. 1.200,-- € ver­blieb.

Es ist – wie schon das erst­in­stanz­li­che Ge­richt aus­geführt hat – kaum nach­voll­zieh­bar, dass sie in die­ser La­ge ei­ge­nes Ka­pi­tal in Höhe von 650,-- € in ei­nem Zeit­raum seit der letz­ten Kas­sen­prüfung am 03.06.2009 von ma­xi­mal zwei Mo­na­ten zu­guns­ten der Be­klag­ten ein­ge­setzt hat.

Hin­zu kommt, dass sie im Ju­ni 2009 aus der Woh­nung ih­res Le­bens­gefähr­ten aus­ge­zo­gen ist. Selbst wenn sie zunächst von ih­rem Bru­der auf­ge­nom­men wur­de, war ein wei­te­rer Geld­be­darf z.B. zur An­mie­tung ei­ner neu­en Woh­nung ab­seh­bar, der sie durch­aus ver­an­lasst ha­ben kann, der Bar­kas­se Falsch­geld im Tausch ge­gen ech­te Geld­schei­ne zu­zuführen.

Die Kam­mer ver­mag auch nicht der Ein­las­sung der Kläge­rin zu fol­gen, sie ha­be ei­ge­ne Geld­mit­tel ein­ge­setzt, die vom Kas­sen­au­to­ma­ten nicht an­ge­nom­me­nen Geld­schei­ne ge­sam­melt, um ih­ren Vor­ge­setz­ten die Mängel des Kas­sen­au­to­ma­ten be­son­ders ver­deut­li­chen zu können, wo­zu es al­ler­dings nicht mehr ge­kom­men sei. Dass der Kas­sen­au­to­mat ge­le­gent­lich Geld­schei­ne nicht an­nimmt, ist un­strei­tig. Un­strei­tig ist auch, dass Kol­le­gen der Kläge­rin die­se Geld­schei­ne durch an­de­re Geld­schei­ne aus dem Wech­sel­geld er­set­zen oder ei­ge­ne Geld­schei­ne im Aus­tausch ein­set­zen. Kein an­de­rer Kol­le­ge hat je­doch ei­ge­ne Bar­mit­tel „vor­ge­streckt". Wie auch ih­re Kol­le­gen, hätte die Kläge­rin vom Kas­sen­au­to­ma­ten nicht an­ge­nom­me­ne Geld­schei­ne der Wech­sel­kas­se zuführen, beim nächs­ten Bar­aus­zah­lungs­vor­gang ein­set­zen und an­de­re Schei­ne aus der Wech­sel­kas­se dem Kas­sen­au­to­ma­ten zuführen können.

Un­verständ­lich bleibt auch, war­um sich die Kläge­rin am 29.07.2009 ent­schlos­sen hat, die zunächst ge­son­dert auf­be­wahr­ten Geld­schei­ne der Bar­kas­se zu­zuführen und den Ge­gen­wert aus dem Wech­sel­geld zu neh­men. Es hätte na­he ge­le­gen, zunächst das Gespräch mit dem Vor­ge­setz­ten zu führen, ihm die ge­sam­mel­ten Schei­ne vor­zu­le­gen, um dann mit sei­nem Wis­sen und Ein­verständ­nis den ent­spre­chen­den Be­trag der Kas­se zu ent­neh­men, zu­mal die Kläge­rin vor dem

 

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Hin­ter­grund der Pfändung und Über­wei­sung zu be­son­ders sorgfälti­gem Um­gang mit dem ihr an­ver­trau­ten Geld an­ge­hal­ten war.

Das Wis­sen, dass die Kläge­rin Bar­geld aus ih­rem ei­ge­nen Vermögen „vor­streckt" und ir­gend­wann – un­kon­trol­lier­bar – den Aus­gleichs­be­trag der Kas­se ent­nimmt, hat­te ihr Vor­ge­setz­ter nicht schon auf­grund des Gesprächs vom 25.06.2009. Selbst wenn sie ihm ge­sagt ha­ben soll­te, sie set­ze mit dem Ziel ei­nes sau­be­ren Kas­sen­ab­schlus­ses ei­ge­ne Geld­schei­ne ein, konn­te er nicht er­ken­nen, dass sie wie ge­sche­hen zu ver­fah­ren be­ab­sich­tig­te.

Ihr Hin­weis, sie ha­be auf­grund des Gesprächs vom 25.06.2009 mit Kas­sen­prüfun­gen in un­re­gelmäßigen Abständen rech­nen müssen, des­halb sei es nicht nach­voll­zieh­bar, dass sie selbst ei­nen der­art ho­hen Falsch­geld­be­trag in die Kas­se ein­ge­legt ha­be, ist verständ­lich, aber nicht durch­grei­fend. Für ih­re Be­haup­tung, sie ha­be vor­ge­habt, kurz­fris­tig nach dem 29.07.2009 das Gespräch mit dem Vor­ge­setz­ten zu su­chen, lie­gen der Kam­mer kei­ne wei­te­ren In­di­ztat­sa­chen vor, die die­se in­ne­re Tat­sa­che be­le­gen könn­ten. Es mag sein, dass die Kläge­rin hoff­te, das Falsch­geld wer­de nicht als sol­ches er­kannt, sie könne es in den Geld­ver­kehr der Be­klag­ten ein­schleu­sen. Es mag auch sein, dass sie nur ei­nen vorüber­ge­hen­den Geld­be­darf de­cken woll­te und das Falsch­geld vor der nächs­ten Kas­sen­prüfung aus­zu­tau­schen hoff­te.

Zu be­den­ken ist auch, dass sie be­reits im April 2008 die schrift­li­che An­wei­sung er­hielt, Pro­ble­me mit der Büro­kas­se oder dem Kas­sen­au­to­ma­ten zu do­ku­men­tie­ren und dem stell­ver­tre­ten­den Be­reichs­lei­ter G2 zu mel­den. Zu er­war­ten war, dass sie zunächst die­sen Weg ging, um ih­ren Vor­ge­setz­ten ih­re Pro­ble­me mit dem Kas­sen­au­to­ma­ten zu ver­deut­li­chen. Des Ein­sat­zes ei­ge­nen Gel­des hätte es mit­nich­ten be­durft.

Letzt­lich bleibt für die Dring­lich­keit des Ver­dach­tes aus­schlag­ge­bend, dass die Kläger trotz des häufi­gen Um­gangs mit neun Falsch­geld­schei­nen de­ren of­fen­kun­di­ge Fälschung nicht ent­deckt ha­ben will. Ge­wiss­heit über die Tat­be­ge­hung ist für die Kündi­gung we­gen ei­nes drin­gen­den Ver­dach­tes ge­ra­de nicht er­for­der­lich.

 

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(3) Die Be­klag­te hat die Kläge­rin ord­nungs­gemäß zu den Kündi­gungs­vorwürfen an­gehört. Die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung folgt auch nicht aus ei­ner man­gel­haf­ten Anhörung (vgl. KR-Fi­scher­mei­er, a.a.O., § 626 BGB Rd­nr. 230, 231).

Am 04.08.2009 fand im Per­so­nal­amt ein Gespräch statt, in dem der Kläge­rin der Fund von Falsch­geld in ih­rer Kas­se vor­ge­hal­ten wur­de. Die Kläge­rin hat sich da­hin ein­ge­las­sen, sie ha­be die vom Kas­sen­au­to­ma­ten nicht an­ge­nom­me­nen Schei­ne se­pa­rat auf­be­wahrt, am 29.07.2009 der Bar­kas­se zu­geführt und sich den von ihr ver­aus­lag­ten Be­trag von 650,-- € aus der Kas­se ge­nom­men; zu dem be­ab­sich­tig­ten Gespräch mit ih­rem Vor­ge­setz­ten sei es we­gen ih­rer Ar­beits­unfähig­keit nicht ge­kom­men. Da­mit hat­te sie aus­rei­chend Ge­le­gen­heit, den Vor­wurf zu wi­der­le­gen. Auf ei­ne wei­te­re von der Be­klag­ten be­ab­sich­tig­te Anhörung am 07.08.2009 hat sie ver­zich­tet.

b) Die In­ter­es­sen­abwägung muss­te zu Las­ten der Kläge­rin er­fol­gen.

Zwar be­gründet ei­ne schwe­re Pflicht­ver­let­zung kei­nen ab­so­lu­ten Kündi­gungs­grund. Viel­mehr muss gemäß § 626 Abs. 1 BGB das Vor­lie­gen ei­nes wich­ti­gen Grun­des un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le be­ur­teilt wer­den. Da­bei sind al­le für das je­wei­li­ge Ver­trags­verhält­nis in Be­tracht kom­men­den Ge­sichts­punk­te zu be­wer­ten. Da­zu gehören das ge­ge­be­ne Maß der Beschädi­gung des Ver­trau­ens, das In­ter­es­se an der kor­rek­ten Hand­ha­bung der Geschäfts­an­wei­sung, das vom Ar­beit­neh­mer in der Zeit sei­ner un­be­an­stan­de­ten Beschäfti­gung er­wor­be­ne „Ver­trau­en­s­ka­pi­tal" eben­so wie die wirt­schaft­li­chen Fol­gen des Ver­trags­ver­s­toßes. Ins­ge­samt muss sich die so­for­ti­ge Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses als an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on auf die ein­ge­tre­te­ne Ver­tragsstörung er­wei­sen. Un­ter Umständen kann ei­ne Ab­mah­nung als mil­de­res Mit­tel zur Wie­der­her­stel­lung des für die Fort­set­zung des Ver­tra­ges not­wen­di­gen Ver­trau­ens in die Red­lich­keit des Ar­beit­neh­mers aus­rei­chen (BAG 10.06.2010 – 2 AZR 541/09, Pres­se­mit­tei­lung Nr. 42/10 zu ei­ner Tatkündi­gung).

 

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Die­se Grundsätze gel­ten auch im Fal­le der Kündi­gung we­gen des Ver­dach­tes ei­ner schwer­wie­gen­den Pflicht­ver­let­zung oder vorsätz­li­chen Straf­tat. Auch in­so­weit ist zu be­ur­tei­len, ob un­ter Be­ur­tei­lung al­ler Umstände des Ein­zel­falls die durch den Ver­dacht ein­ge­tre­te­ne Ver­trau­ensstörung durch mil­de­re Mit­tel be­sei­tigt wer­den kann.

Hier ist das Ar­beits­verhält­nis be­an­stan­dungs­frei über ei­nen Zeit­raum von mehr als 22 Jah­ren durch­geführt wor­den. Die Kam­mer hat auch nicht ver­kannt, dass die zu kei­nem Un­ter­halt ver­pflich­te­te Kläge­rin an­ge­sichts ih­res Al­ters und der Tat­sa­che, dass sie ihr Ar­beits­le­ben im We­sent­li­chen im Diens­te der Be­klag­ten ver­bracht hat, Schwie­rig­kei­ten ha­ben wird, ei­ne neue ver­gleich­ba­re Ar­beits­stel­le zu fin­den, um ih­re ei­ge­ne wirt­schaft­li­che Exis­tenz zu si­chern.

Da­ge­gen steht, dass sie drin­gend verdäch­tigt ist, das in sie ge­setz­te Ver­trau­en in be­son­de­rem Maße durch In­ver­kehr­brin­gen von Falsch­geld miss­braucht zu ha­ben. Die Be­klag­te hat ihr die Ver­ein­nah­mung von Ver­wal­tungs­gebühren und die Kas­senführung an­ver­traut. Die­se Auf­ga­be er­for­dert in be­son­de­rem Maße Red­lich­keit und Ehr­lich­keit.

Der der Be­klag­ten dro­hen­de Vermögens­scha­den ist mit 650,-- € nicht un­er­heb­lich.

Im Hin­blick auf die mas­si­ve Zerrüttung des Ver­trau­ens­verhält­nis­ses ist der Aus­spruch ei­ner Ab­mah­nung der Be­klag­ten nicht als mil­de­res Mit­tel zu­zu­mu­ten. Es ist nicht er­sicht­lich, das die­se ge­eig­net ist, das zerrütte­te Ver­trau­en in die Red­lich­keit der Kläge­rin wie­der her­zu­stel­len.

Die Möglich­keit ei­nes an­der­wei­ti­gen Ein­sat­zes auf ei­ner frei­en Stel­le, die nicht mit der Be­fug­nis der Ver­wal­tung von Geld­mit­tel ver­bun­den ist, ist von der Kläge­rin selbst nicht in den Pro­zess ein­geführt wor­den.

Die Schwe­re des Ver­dach­tes er­for­dert als an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on die so­for­ti­ge Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Der Be­klag­ten ist aus den dar­ge­stell­ten Gründen auch nicht die Ein­hal­tung der so­zia­len Aus­lauf­frist von sechs Mo­na­ten zum Schluss ei­nes Ka­len­der­vier­tel­jah­res ent­spre­chend der längs­ten Kündi­gungs­frist nach § 34

 

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Abs. 1 TVöD-VKA zu­zu­mu­ten. Auch ein or­dent­lich künd­ba­rer Ar­beit­neh­mer wäre bei dem ge­ge­be­nen Sach­ver­halt zu Recht frist­los ent­las­sen wor­den.

2. Da das Ar­beits­verhält­nis durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung mit dem 14.08.2009 be­en­det ist, ist der zulässi­ge Wei­ter­beschäfti­gungs­an­trag eben­falls un­be­gründet.

III.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 ZPO.

Gründe im Sin­ne des § 72 Abs. 2 ArbGG, die Re­vi­si­on zu­zu­las­sen, lie­gen nicht vor.

RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG

Ge­gen die­ses Ur­teil ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben.
We­gen der Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wird auf § 72a ArbGG ver­wie­sen.

 

Held-We­sen­dahl 

Dr. Plümpe 

Kor­te

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