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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Tarifvertrag: Nachbindung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg
Akten­zeichen: 4 Sa 7/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 10.08.2009
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 15.01.2009, 21 Ca 7630/07
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ba­den-Würt­tem­berg

 

Verkündet

am 10.08.2009

Ak­ten­zei­chen (Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben)

4 Sa 7/09

21 Ca 7630/07 (ArbG Stutt­gart

Ißler, An­ge­stell­te
Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

 

Ur­teil

In dem Rechts­streit

- Kläge­rin/Be­ru­fungskläge­rin/Be­ru­fungs­be­klag­te -

ge­gen

- Be­klag­te/Be­ru­fungskläge­rin/Be­ru­fungs­be­klag­te -

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg - 4. Kam­mer -
durch den Vi­ze­präsi­dent des Lan­des­ar­beits­ge­richts Dr. Nat­ter,
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Lösch
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Müller
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 10.08.2009

für Recht er­kannt:

1. Die Be­ru­fung der Kläge­rin und die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 15.01.2009 - 21 Ca 7630/07 - wer­den zurück­ge­wie­sen.

2. Die Kos­ten der Be­ru­fung tra­gen die Kläge­rin zu 30 % und die Be­klag­te zu 70 %.

3. Die Re­vi­si­on wird für bei­de Par­tei­en zu­ge­las­sen.

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten im Kern darüber, ob für das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nach ei­nem Ver­bands­aus­tritt der Be­klag­ten noch die ta­rif­li­che 35-St­un­den-Wo­che gilt.

Die am 02.08.1962 ge­bo­re­ne Kläge­rin ist bei der Be­klag­ten seit 13.06.1994 beschäftigt. Das Brut­to­mo­nats­ge­halt der Kläge­rin be­lief sich zu­letzt auf € 2.186,68 brut­to. Die Be­klag­te ist ein Un­ter­neh­men der Me­tall­in­dus­trie. Sie war bis zum 31.12.2005 Mit­glied im Ver­band der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie Ba­den-Würt­tem­berg e.V (im fol­gen­den: Südwest­me­tall). Bis zu die­sem Zeit­punkt wand­te die Be­klag­te das Ta­rif­werk für die Beschäftig­ten der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie in Nordwürt­tem­berg/Nord­ba­den all­ge­mein an. Zum 31.12.2005 trat die Be­klag­te aus dem Ver­band aus.

Be­reits am 16.09.2003 hat­te Südwest­me­tall mit der In­dus­trie­ge­werk­schaft Me­tall ei­nen Ent­gelt­rah­men-Ta­rif­ver­trag (ERA-TV) und ei­nen Einführungs­ta­rif­ver­trag zum ERA-TV (ETV ERA) ab­ge­schlos­sen. § 2 ETV ERA sieht ei­ne dreijähri­ge Einführungs­pha­se für den ERA-TV vor. Die Einführungs­pha­se dau­er­te vom 01.03.2005 bis 29.02.2008. Im An­schluss an die Einführungs­pha­se gilt der ERA-TV ver­bind­lich für al­le Be­trie­be.

Et­wa Mit­te des Jah­res 2005 un­ter­brei­te­te die Be­klag­te sämt­li­chen Ar­beit­neh­mern neue, ein-heit­li­che Ar­beits­verträge. Die Ar­beits­verträge soll­ten ab dem 01.01.2006, al­so für den Zeit­raum nach dem Aus­tritt aus dem Ar­beit­ge­ber­ver­band gel­ten. In Ziff. 4.1 des Ar­beits­ver­trags ist ge­re­gelt, dass die in­di­vi­du­el­le re­gelmäßige Wo­chen­ar­beits­zeit des Ar­beit­neh­mers 40 St­un­den beträgt. Ziff. 13.6 enthält die Be­stim­mung, die Ver­trags­par­tei­en sei­en sich ei­nig, dass kei­ner­lei Ta­rif­verträge auf das Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fin­den (Hin­weis: Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren wur­de der Ar­beits­ver­trag nicht vor­ge­legt. Ein [Mus­ter-]Ar­beits­ver­trags be­fin­det sich in der Par­al­lel­ak­te 4 Sa 8/09).

Zunächst wei­ger­te sich ein Großteil der Ar­beit­neh­mer, den vor­ge­leg­ten neu­en Ar­beits­ver­trag zu un­ter­schrei­ben. Im Zu­ge der be­trieb­li­chen Dis­kus­sio­nen trat die Kläge­rin zum 01.05.2005 der In­dus­trie­ge­werk­schaft Me­tall bei. Sie un­ter­schrieb gleich­wohl am 24.06.2005 den oben ge­nann­ten Ar­beits­ver­trag. Ein klei­ner Teil der Be­leg­schaft un­ter­zeich­ne­te den Ar­beits­ver­trag hin­ge­gen nicht.

Am 14.06.2005 schlos­sen Südwest­me­tall und die In­dus­trie­ge­werk­schaft Me­tall zwei neue Man­tel­ta­rif­verträge ab. Der ers­te Man­tel­ta­rif­ver­trag gilt für al­le Be­trie­be, die den ERA-TV

 

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ein­geführt ha­ben. Der an­de­re Man­tel­ta­rif­ver­trag gilt für die sons­ti­gen Be­trie­be. Nach § 21.2 MTV/ERA er­setzt die­ser zum Stich­tag der ERA-Einführung im Be­trieb, spätes­tens je­doch mit sei­ner ver­bind­li­chen Einführung den bis­he­ri­gen Man­tel­ta­rif­ver­trag. Nach je­weils § 7.1 bei­der Man­tel­ta­rif­verträge beträgt die ta­rif­li­che wöchent­li­che Ar­beits­zeit 35 St­un­den.

Ab dem 01.01.2006 er­brach­te die Kläge­rin ei­ne re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit von 40 St­un­den. Nach der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Nr. 2/2005 vom 07.12.2005 wer­den bei der Be­klag­ten Ar­beits­zeit­kon­ten geführt. Nach Ziff. 4 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung wird die Dif­fe­renz zwi­schen der ge­leis­te­ten Ar­beits­zeit und der Re­gel­ar­beits­zeit 1:1 in das Ar­beits­zeit­kon­to über­tra­gen. Dem Be­triebs­rat wird der Stand der Ar­beits­zeit­kon­ten mo­nat­lich mit­ge­teilt; je­der Mit­ar­bei­ter kann täglich in sein Ar­beits­zeit­kon­to über das Zeit­er­fas­sungs­sys­tem Ein­blick neh­men. Sämt­li­che Ar­beit­neh­mer leis­te­ten ei­ne re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit von 40 St­un­den. Je­doch wur­de bei den­je­ni­gen Ar­beit­neh­mern, die den neu­en Ar­beits­ver­trag nicht un­ter­zeich­net ha­ben, im Ar­beits­zeit­kon­to ei­ne Re­gel­ar­beits­zeit von 35 St­un­den zu­grun­de ge­legt. Bei der Kläge­rin be­trug die im Zeit­er­fas­sungs­sys­tem hin­ter­leg­te Re­gel­ar­beits­zeit hin­ge­gen 40 St­un­den.

Mit Schrei­ben vom 29.08.2007, der Be­klag­ten je­den­falls vor dem 07.09.2007 zu­ge­gan­gen, teil­te die Kläge­rin erst­ma­lig mit, dass sie seit Mai 2005 Mit­glied der IG Me­tall sei. Die Kläge­rin ver­trat die Auf­fas­sung, dass des­we­gen ei­ne bei­der­sei­ti­ge Ta­rif­bin­dung be­ste­he. Sie for­der­te die Be­klag­te auf, bis 07.09.2007 zu erklären, dass das Ta­rif­werk für die Beschäftig­ten der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie in Nordwürt­tem­berg/Nord­ba­den zur An­wen­dung kom­me und ins­be­son­de­re die re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit 35 St­un­den be­tra­ge. Mit Schrei­ben vom 07.09.2007 ant­wor­te­ten die späte­ren Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­klag­ten, dass ih­rer Auf­fas­sung nach kei­ne bei­der­sei­ti­ge Ta­rif­bin­dung be­ste­he. Ein An­spruch der Kläge­rin auf An­wen­dung des ge­nann­ten Ta­rif­werks be­ste­he nicht.

Mit ih­rer am 26.09.2007 ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge hat die Kläge­rin mit den Kla­ge­anträgen Ziff 1 bis 3 im We­sent­li­chen die Fest­stel­lung be­gehrt, dass auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en das Ta­rif­werk für die Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie in Nordwürt­tem­berg/Nord­ba­den An­wen­dung fin­de und ih­re Soll-Ar­beits­zeit ab dem 01.01.2006 35 St­un­den wöchent­lich be­tra­ge. Zu­dem hat die Kläge­rin mit dem Kla­ge­an­trag Ziff. 4 ver­langt, ih­rem Ar­beits­zeit­kon­to für die Zeit vom 01.01.2006 bis 30.09.2007 455 St­un­den gut­zu­schrei­ben. Die Kläge­rin hat vor­ge­tra­gen, es be­ste­he trotz des Ver­bands­aus­tritts der Be­klag­ten nach wie vor ei­ne bei­der­sei­ti­ge Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 3 TVG. Da­her ha­be sie ein schutzwürdi­ges In­ter­es­se an der be­gehr­ten Fest­stel­lung. Ih­rem Ar­beits­zeit­kon­to sei­en in der Zeit vom 01.01.2006 bis 30.09.2007 (91 Wo­chen) wöchent­lich 5 St­un­den, al­so 455 St­un­den gut­zu­schrei­ben.

 

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Die Be­klag­te ist der Kla­ge ent­ge­gen­ge­tre­ten. Sie hat vor­ge­tra­gen, die Anträge sei­en teil­wei­se un­zulässig. In der Sa­che lie­ge ei­ne bei­der­sei­ti­ge Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 3 TVG nicht vor. Die Kläge­rin ha­be im Ju­ni 2005 ei­nen neu­en Ar­beits­ver­trag un­ter­zeich­net. Da­mit sei das Ar­beits­verhält­nis ab dem 01.01.2006 auf ei­ne Grund­la­ge ge­stellt wor­den. Ei­ne die Nach­wir­kung aus­sch­ließen­de Ver­ein­ba­rung könne auch schon vor Ein­tritt der Nach­wir­kung ab­ge­schlos­sen wer­den. Ein Fall der Nach­bin­dung nach § 3 Abs. 3 TVG lie­ge nicht vor. Die Nach­bin­dung ha­be nämlich durch die Ablösung des be­ste­hen­den Ta­rif­ver­trags durch den neu­en Man­tel­ta­rif­ver­trag ERA ge­en­det. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts en­de die Ta­rif­ge­bun­den­heit dann, wenn ei­ne Ände­rung des Ta­rif­ver­tra­ges ein­tre­te. Im vor­lie­gen­den Fall sei nach dem ETV ERA ei­ne Einführungs­pha­se fest­ge­legt wor­den, die den Zeit­raum vom 01.03.2005 bis 29.02.2008 um­fas­se. Dies be­deu­te, dass sich der Ta­rif­ver­trag be­reits am 01.03.2005 ha­be ändern können. Je­den­falls ab dem 01.03.2008 ha­be der ERA TV in al­len Be­trie­ben ver­bind­lich ge­gol­ten. Würde man sie an den „al­ten“ Ta­rif­ver­trag bin­den, so kom­me dies ei­ner Ewig­keits­bin­dung gleich. Sch­ließlich ha­be die Kläge­rin durch die Un­ter­zeich­nung des neu­en Ar­beits­ver­trags ei­nen Ver­trau­en­stat­be­stand ge­setzt. Sie ha­be sich 2 ¼ Jah­re dar­auf ver­las­sen, dass die Kläge­rin den von ihr un­ter­zeich­ne­ten Ar­beits­ver­trag ein­hal­ten wer­de. Die Be­ru­fung auf den be­reits zum 01.05.2005 er­folg­ten Ge­werk­schafts­bei­tritt ver­s­toße ge­gen Treu und Glau­ben. Hilfs­wei­se sei vor­zu­tra­gen, dass die Zahl von 455 gut­zu­schrei­ben­den St­un­den aus der Luft ge­grif­fen sei. Die Kläge­rin un­ter­schla­ge Ur­laubs- und Krank­heits­zei­ten. Nach ih­rer Be­rech­nung sei­en in der Zeit vom 01.01.2006 bis zum 30.09.2007 höchs­tens 379 St­un­den gut­zu­schrei­ben. Im Übri­gen sei der An­spruch nach § 18.1.2 des Man­tel­ta­rif­ver­trags teil­wei­se ver­fal­len.

Die Kläge­rin hat er­wi­dert, die Ta­rif­bin­dung der Be­klag­ten sei nicht zum 31.12.2005 be­en­det wor­den. Zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen ver­wei­se sie auf die Ausführun­gen in den ver­schie­de­nen Ur­tei­len des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart in den Par­al­lel­ver­fah­ren. Ein Ver­s­toß ge­gen Treu und Glau­ben lie­ge un­ter kei­nem Ge­sichts­punkt vor. Die Be­rech­nung der gut­zu­schrei­ben­den St­un­den sei zu­tref­fend. Der An­spruch sei schließlich nicht ver­fal­len, weil die Aus­schluss­frist des § 18.1.2 MTV auf den vor­lie­gen­den An­spruch, Ar­beits­stun­den dem Ar­beits­zeit­kon­to gut­zu­schrei­ben, nicht an­wend­bar sei. Zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen wer­de auf das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart in der Sa­che 1 Ca 3100/08 ver­wie­sen. Was schließlich die An­trag­stel­lung an­ge­he, so würden die Anträge dem in der Zwi­schen­zeit verkünde­ten Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ba­den-Würt­tem­berg vom 28.11.2008 (7 Sa 54/08) an­ge­passt.

 

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Mit Ur­teil vom 15.01.2009 gab das Ar­beits­ge­richt Stutt­gart der Kla­ge über­wie­gend statt. Le­dig­lich was die Gut­schrift von Ar­beits­stun­den auf das Ar­beits­zeit­kon­to an­geht, wies das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge we­gen Ver­falls der Ansprüche teil­wei­se ab. Zur Be­gründung führ­te das Ar­beits­ge­richt aus, auch nach dem 01.01.2006 ha­be ei­ne bei­der­sei­ti­ge Ta­rif­bin­dung der Par­tei­en nach § 3 Abs. 3 TVG be­stan­den. Die Nach­bin­dung an die Ta­rif­verträge sei nicht durch ei­ne Ände­rung der Ta­rif­verträge be­en­det wor­den. Auch könne die Ta­rif­ge­bun­den­heit nicht da­durch be­en­det wer­den, dass ab dem 01.03.2005 die Einführungs­pha­se für die ERA-Ta­rif­verträge be­gon­nen ha­be. Die Be­klag­te ha­be die ERA-Ta­rif­verträge nicht um­ge­setzt. Die ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung vom 24.06.2005 be­sei­ti­ge die Ta­rif­bin­dung nicht. Die Kläge­rin han­de­le auch nicht rechts­miss­bräuch­lich, wenn sie sich auf die Wirk­sam­keit der Ta­rif­verträge be­ru­fe. Der An­spruch auf Gut­schrift sei für den Zeit­raum vom 01.01.2006 bis 28.02.2007 nach § 18 MTV ver­fal­len. Den ge­gen­tei­li­gen Auf­fas­sun­gen an­de­rer Kam­mern des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart in den Par­al­lel­sa­chen wer­de nicht ge­folgt.

Ge­gen das ih­nen am 16.01.2009 zu­ge­stell­te Ur­teil ha­ben die Par­tei­en wech­sel­sei­tig am 04.02. bzw. 16.02.2009 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se am 05.03. bzw. 14.04.2009 (nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­fris­ten) be­gründet. Die Kläge­rin trägt vor, ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts sei der An­spruch auf Gut­schrift von Ar­beits­stun­den für den Zeit­raum vom 01.01.2006 bis 28.02.2007 nicht ver­fal­len. Sie schließe sich nach wie vor der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart in der Sa­che 1 Ca 3100/08 an. Da­nach sei­en ta­rif­li­che Aus­schluss­fris­ten auf den vor­lie­gen­den An­spruch nicht an­zu­wen­den.

Die Be­klag­te trägt vor, ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts schei­de ei­ne Nach­bin­dung im vor­lie­gen­den Fall aus. Der „al­te“ Man­tel­ta­rif­ver­trag ha­be spätes­tens am 29.02.2008 ge­en­det. Auch die an­de­ren im Ur­teil auf­geführ­ten Ta­rif­verträge sei­en geändert wor­den bzw. außer Kraft ge­tre­ten. Die Nach­bin­dung sei im übri­gen von vorn­her­ein durch die Künd­bar­keit des Ta­rif­ver­trags be­grenzt. Noch­mals ver­wei­se sie dar­auf, dass die Einführungs­pha­se für den ERA-TV be­reits am 01.03.2005 be­gon­nen ha­be. In­so­fern sei es möglich ge­we­sen, am 24.06.2005 ei­nen Ar­beits­ver­trag ab­zu­sch­ließen, mit dem die Nach­wir­kung ab dem 01.01.2006 aus­ge­schlos­sen wer­den sol­le. Was die An­wen­dung der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist an­ge­he, so ha­be das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend ent­schie­den.

Die Kläge­rin er­wi­dert, es tref­fe nicht zu, dass die im Ur­teil des Ar­beits­ge­richts auf­geführ­ten Ta­rif­verträge teils geändert und teils außer Kraft ge­tre­ten sei­en. Es sei auch un­zu­tref­fend, dass die Ta­rif­verträge mit Be­ginn der Einführungs­pha­se des ERA-TV ab dem 01.03.2005 geändert wor­den sei­en.

 

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Während des lau­fen­den Be­ru­fungs­ver­fah­rens schlos­sen die Be­klag­te und die In­dus­trie­ge­werk­schaft Me­tall am 04.03.2009 ei­nen Haus­ta­rif­ver­trag ab, der am sel­ben Tag in Kraft trat. Nach die­sem Haus­ta­rif­ver­trag fin­det grundsätz­lich das Ta­rif­werk für die Beschäftig­ten der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie in Nordwürt­tem­berg/Nord­ba­den auf die Ar­beits­verhält­nis­se bei der Be­klag­ten An­wen­dung. Ab­wei­chend ist ge­re­gelt, dass die ta­rif­li­che wöchent­li­che Ar­beits­zeit 40 St­un­den oh­ne Ent­gelt­aus­gleich beträgt. Außer­dem ist die Be­klag­te nicht zur Einführung des ERA-TV ver­pflich­tet.

Im Hin­blick auf das In­kraft­tre­ten des Haus­ta­rif­ver­trags hat die Kläge­rin den Rechts­streit hin­sicht­lich der Kla­ge­anträge 1, 2 und 3 für er­le­digt erklärt. Die Be­klag­te hat der Er­le­di­gungs­erklärung zu­ge­stimmt.

Die Kläge­rin hat zu­letzt be­an­tragt:

Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 15.01.2009 - 21 Ca 7630/07 - wird ab­geändert. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, dem Ar­beits­zeit­kon­to der Kläge­rin für den Zeit­raum vom 01.01.2006 bis 28.02.2007 wei­te­re 303 St­un­den gut­zu­schrei-ben.

Im übri­gen hat die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung der Be­klag­ten zurück­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat zu­letzt be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 15.01.2009 - 21 Ca 7630/07 - ab­zu-ändern und die Kla­ge kos­ten­pflich­tig ab­zu­wei­sen.

Im Übri­gen hat die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung der Kläge­rin kos­ten­pflich­tig zurück­zu­wei­sen.

We­gen der Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stands wird gemäß § 313 Abs. 2 Satz 2 ZPO auf den In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze so­wie auf die Pro­to­kol­le über die münd­li­chen Ver­hand­lun­gen ver­wie­sen.

 

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Ent­schei­dungs­gründe

I.

Die wech­sel­sei­ti­gen Be­ru­fun­gen der Par­tei­en sind gemäß § 64 Abs. 2 Buchst. b) ArbGG statt­haft. Sie sind auch gemäß §§ 64 Abs. 6 ArbGG, 519, 520 ZPO in der ge­setz­li­chen Form und Frist ein­ge­legt und be­gründet wor­den. Ge­gen­stand der Be­ru­fung ist nach den bei­der­sei­ti­gen Er­le­di­gungs­erklärun­gen der Par­tei­en aus­sch­ließlich der frühe­re Kla­ge­an­trag Ziff. 4. Hier­mit be­gehr­te die Kläge­rin, die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, dem Ar­beits­zeit­kon­to für die Zeit vom 01.01.2006 bis 30.09.2007 455 St­un­den gut­zu­schrei­ben. Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge in­so­weit nur statt­ge­ge­ben, als es die Be­klag­te ver­ur­teilt hat, dem Ar­beits­zeit­kon­to für die Zeit vom 01.03.2007 bis 30.09.2007 152 St­un­den gut­zu­schrei­ben. Während die Kläge­rin nun­mehr mit der Be­ru­fung die Gut­schrift von wei­te­ren 303 St­un­den be­gehrt, ver­folgt die Be­klag­te wei­ter­hin ih­ren An­trag auf vollständi­ge Kla­ge­ab­wei­sung.

II.

Die wech­sel­sei­ti­gen Be­ru­fun­gen der Par­tei­en sind un­be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat zu-tref­fend ent­schie­den, dass die re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit der Kläge­rin im streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum (01.01.2006 bis 30.09.2007) 35 St­un­den be­trug und die Kläge­rin so­mit grundsätz­lich ei­nen An­spruch auf Gut­schrift von Ar­beits­stun­den auf ih­rem Ar­beits­zeit­kon­to hat. Die Gut­schrift be­schränkt sich je­doch auf 152 St­un­den, weil der An­spruch im Übri­gen nach § 18.1.2 MTV ver­fal­len ist.

1. Die Kla­ge ist zulässig. Sie ist ins­be­son­de­re hin­rei­chend be­stimmt im Sin­ne des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Un­strei­tig führt die Be­klag­te für die Kläge­rin ein Ar­beits­zeit­kon­to, in das die Dif­fe­renz zwi­schen der ge­leis­te­ten Ar­beits­zeit und der Re­gel­ar­beits­zeit über­tra­gen wird. Die von der Kläge­rin be­gehr­te Gut­schrift soll auf die­sem Kon­to er­fol­gen. Da­mit be­ste­hen kei­ne Zwei­fel, wel­che Hand­lun­gen die Be­klag­te zur Erfüllung des Voll­st­re-ckungs­ti­tels er­brin­gen muss (BAG 14.08.2002 - 5 AZR 417/01 - AP Ent­geltFG § 2 Nr. 10; BAG 23.01.2008 - 5 AZR 1036/06 - AP TVG § 1 Ta­rif­verträge: Luft­han­sa Nr. 42).

2. Die Be­klag­te ist ver­pflich­tet, dem Ar­beits­zeit­kon­to der Kläge­rin für den Zeit­raum vom 01.03.2007 bis 30.09.2007 152 St­un­den gut­zu­schrei­ben. Der An­spruch folgt aus § 611 Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit der Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 07.12.2005.

 

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a) Nach Ziff. 4 die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­rung ist die Dif­fe­renz zwi­schen der ge­leis­te­ten Ar­beits­zeit und der Re­gel­ar­beits­zeit 1 : 1 in ein Ar­beits­zeit­kon­to zu über­tra­gen, das für je­den ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer geführt wird. Die­ses Ar­beits­zeit­kon­to drückt aus, in wel­chem Um­fang der Ar­beit­neh­mer Ar­beit ge­leis­tet hat und des­halb ei­ne Vergütung be­an­spru­chen kann (bei Plus-St­un­den) bzw. in wel­chem Um­fang er noch Ar­beits­leis­tung für die ver­ein­bar­te Vergütung er­brin­gen muss (bei Mi­nus-St­un­den). Der Ar­beit­neh­mer kann die Kor­rek­tur ei­nes für ihn geführ­ten Ar­beits­zeit­kon­tos ver­lan­gen, wenn der Ar­beit­ge­ber zu Un­recht Gut­schrif­ten un­terlässt. Das Zeit­kon­to drückt nur in an­de­rer Form den An­spruch der Kläge­rin auf Ar­beits­ent­gelt aus (zu­letzt BAG 11.02.2009 - 5 AZR 341/08 - Ju­ris; BAG 19.03.2008 - 5 AZR 328/07 - AP BGB § 611 Fei­er­tags-vergütung Nr. 1; grund­le­gend BAG 13.12.2000 - 5 AZR 334/99 - AP BGB § 394 Nr. 31). Ist die Be­klag­te ver­pflich­tet, das Ar­beits­zeit­kon­to der Kläge­rin auf der Ba­sis ei­ner Re­gel­ar­beits­zeit von 35 St­un­den zu führen, so sind der Kläge­rin grundsätz­lich 5 St­un­den pro Wo­che auf dem Ar­beits­zeit­kon­to gut­zu­schrei­ben.

b) Bis zum Zeit­punkt des Ver­bands­aus­tritts der Be­klag­ten am 31.12.2005 be­trug die re-gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit der Kläge­rin 35 St­un­den. Un­strei­tig wand­te die Be­klag­te das Ta­rif­werk für die Beschäftig­ten der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie in Nord-würt­tem­berg/Nord­ba­den auf al­le Ar­beits­verhält­nis­se im Be­trieb an. Ab dem 01.05.2005 be­stand zu­dem ei­ne bei­der­sei­ti­ge Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 1 TVG, weil die Kläge­rin in die IG Me­tall ein­ge­tre­ten war und die Be­klag­te noch Mit­glied von Südwest­me­tall war. So­mit galt für das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en die Re­ge­lung des Man­tel­ta­rif­ver­trags zur 35-St­un­den-Wo­che.

Hier­bei ist im Ta­rif­ge­biet Ba­den-Würt­tem­berg fol­gen­de Be­son­der­heit zu be­ach­ten: Seit Un­ter­zeich­nung des neu­en Ent­gelt­rah­men-Ta­rif­ver­trags (ERA-TV) am 16.09.2003 un­ter­schei­den die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zwi­schen der so­ge­nann­ten „al­ten Welt“ und der so­ge­nann­ten „neu­en Welt“. Da die Einführungs­pha­se des ERA-TV nach § 2.1.2 ETV ERA vom 01.03.2005 bis 29.02.2008 lief, ver­ein­bar­ten die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en am 14.06.2005 zwei un­ter­schied­li­che Man­tel­ta­rif­verträge. Der Man­tel­ta­rif­ver­trag ERA (= neue Welt) gilt für die­je­ni­gen Be­trie­be, die den ERA-TV be­reits ein­geführt ha­ben. Der wei­te­re Man­tel­ta­rif­ver­trag (al­te Welt) gilt für die an­de­ren Be­trie­be. Da die Be­klag­te den ERA-TV bis zum Zeit­punkt des Ver­bands­aus­tritts am 31.12.2005 un­strei­tig nicht ein­geführt hat, kam bis zum Zeit­punkt des Ver­bands­aus­tritts der Man­tel­ta­rif­ver­trag (al­te Welt) zur An­wen­dung. Nach des­sen § 7.1 beträgt die ta­rif­li­che wöchent­li­che Ar­beits­zeit oh­ne Pau­sen 35 St­un­den.

 

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c) Die Ta­rif­ge­bun­den­heit der Be­klag­ten hat ab dem 01.01.2006 je­den­falls bis zum En­de des streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raums (30.09.2007) fort­be­stan­den. Die Be­klag­te war nach § 3 Abs. 3 TVG an den Man­tel­ta­rif­ver­trag (al­te Welt) ge­bun­den, bis die­ser Ta­rif­ver­trag en­det (so­ge­nann­te Nach­bin­dung). Je­den­falls bis zum En­de der Einführungs­pha­se des ERA-TV am 29.02.2008 ist ei­ne Be­en­di­gung des Man­tel­ta­rif­ver­trags (al­te Welt) nicht ein­ge­tre­ten.

aa) Zur Fra­ge, was un­ter „Be­en­di­gung des Ta­rif­ver­trags“ zu ver­ste­hen ist, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Auf­fas­sung ver­tre­ten, § 3 Abs. 3 TVG ver­fol­ge den Zweck, ei­ne Flucht aus dem Ta­rif­ver­trag zu ver­hin­dern. Die­ser Zweck sei vor al­lem da­durch ge­recht­fer­tigt, dass die Fort­gel­tung der Ta­rif­ge­bun­den­heit durch die frühe­re Mit­glied­schaft le­gi­ti­miert sei. Die Le­gi­ti­ma­ti­on für die wei­ter­be­ste­hen­de Ta­rif­ge­bun­den­heit en­de aber nicht nur dann, wenn der Ta­rif­ver­trag selbst en­de. Sie en­de auch dann, wenn ei­ne Ände­rung des Ta­rif­ver­trags ein­tre­te, auf des­sen In­halt der aus­ge­tre­te­ne Ar­beit­ge­ber schon des­halb kei­nen Ein­fluss ha­be neh­men können, weil ei­ne Zu­gehörig­keit zu dem ta­rif­sch­ließen­den Ver­band nicht mehr be­stan­den ha­be. Das Er­for­der­nis der Rechts­klar­heit spre­che für ein En­de der Ta­rif­ge­bun­den­heit in bei­den Fällen. Ei­ne Bin­dung des aus­ge­tre­te­nen Ar­beit­ge­bers kom­me al­len­falls hin­sicht­lich der un­veränder­ten Be­stim­mun­gen des Ta­rif­ver­trags in Be­tracht. Dies ha­be aber die Kon­se­quenz, dass ne­ben­ein­an­der zum ei­nen die Nach­bin­dung nach § 3 Abs. 3 TVG für den un­veränder­ten Teil des Ta­rif­ver­trags und zum an­de­ren die Nach­wir­kung nach § 4 Abs. 5 TVG für den veränder­ten Teil des Ta­rif­ver­trags ein­tre­te. Un­ter dem Ge­sichts­punkt der Rechts­klar­heit sei dies nicht hin­nehm­bar (BAG 18.03.1992 - 4 AZR 339/91 - AP TVG § 3 Nr. 13; BAG 17.05.2000 - 4 AZR 363/99; BAG 07.11.2001 - 4 AZR 703/00 - AP TVG § 3 Ver-bands­aus­tritt Nr. 8 und 11; zu­stim­mend Er­fur­ter Kom­men­tar/Fran­zen, 9. Auf­la­ge, § 3 Rn 26; HWK/Hens­s­ler, 3. Auf­la­ge, § 3 Rn 44).

Nach die­sen Grundsätzen ist bis zum heu­ti­gen Tag ei­ne Be­en­di­gung des Man­tel-ta­rif­ver­trags (al­te Welt) nicht ein­ge­tre­ten. Der Man­tel­ta­rif­ver­trag trat am 01.04.2005 in Kraft. Die Be­klag­te hat nicht vor­ge­tra­gen, dass der Man­tel­ta­rif­ver­trag (al­te Welt) seit sei­nem In­kraft­tre­ten geändert wur­de. Auch den all­ge­mein zugäng­li­chen zu­verlässi­gen Quel­len (www.ig-bw.de) lässt sich ent­neh­men, dass ei­ne Ände­rung des Man­tel­ta­rif­ver­trags (al­te Welt) seit dem 01.04.2005 nicht er­folgt ist (§ 291 ZPO).

 

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bb) So­weit die Be­klag­te die Auf­fas­sung ver­tre­ten hat, ei­ne Be­en­di­gung des Ta­rif­ver­trags müsse be­reits mit dem ers­ten mögli­chen Kündi­gungs­ter­min ein­tre­ten (so auch Er­fur­ter Kom­men­tar/Fran­zen, a.a.O., Rn 26; Löwisch/Rieb­le, 2. Aufl. § 3 Rn 91), kann die Kam­mer dem nicht fol­gen. Schon vom Wort­laut des § 3 Abs. 3 TVG her lässt sich die Möglich­keit zur Be­en­di­gung ei­nes Ta­rif­ver­trags nicht mit der Be­en­di­gung des Ta­rif­ver­trags gleich­set­zen (Wie­de­mann/Oet­ker, TVG, 7. Aufl., § 3 Rn 89; HWK/Hens­s­ler, a.a.O., § 3 Rn 44); Däubler/Lo­renz, TVG, 2. Aufl., § 3 Rn 113). Auch der Norm­zweck spricht ge­gen die Aus­le­gung der Be­klag­ten. Die Ta­rif­ge­bun­den­heit ist so lan­ge durch die frühe­re Mit­glied­schaft le­gi­ti­miert, wie der be­tref­fen­de Ta­rif­ver­trag noch in der­je­ni­gen Fas­sung exis­tent ist, auf die der aus­ge­tre­te­ne Ar­beit­ge­ber Ein­fluss neh­men konn­te. Erst wenn es tatsächlich zu ei­ner Be­en­di­gung oder Ände­rung des Ta­rif­ver­trags ge­kom­men ist, fehlt es an ei­ner Le­gi­ti­ma­ti­on durch Ver­bands­mit­glied­schaft.

cc) Ei­ne Be­en­di­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 3 TVG ist auch nicht da­durch ein­ge­tre­ten, dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en für den ERA-TV vom 16.09.2003 ei­ne dreijähri­ge Einführungs­pha­se ver­ein­bart ha­ben, die ab dem 01.03.2005 be­gon­nen hat. Zwar ist es zu­tref­fend, dass die Be­klag­te noch während ih­rer Ver­bands­mit­glied­schaft den ERA-TV hätte einführen können. Dies hätte aber nur die Fol­ge ge­habt, dass der Man­tel­ta­rif­ver­trag (al­te Welt) durch den Man­tel­ta­rif­ver­trag (neue Welt), al­so den MTV ERA er­setzt wor­den wäre (§ 21.1 und 2 MTV ERA). § 21.2 MTV ERA spricht zwar von der Er­set­zung des Vorgänger-Man­tel­ta­rif­ver­trags vom 19.09.2000. Da je­doch die bei­den Man­tel­ta­rif­verträge (al­te und neue Welt) gleich­zei­tig am 14.06.2005 ver­ein­bart wur­den und der Man­tel­ta­rif­ver­trag (al­te Welt) den Vorgänger-Man­tel­ta­rif­ver­trag vom 19.09.2000 er­setzt, kann dies nur da­hin­ge­hend ver­stan­den wer­den, dass der Man­tel­ta­rif­ver­trag (neue Welt) mit der Einführung des ERA-TV an die Stel­le des Man­tel­ta­rif­ver­trags (al­te Welt) tritt. Hätte die Be­klag­te so­mit den ERA-TV ein­geführt, so wäre sie im We­ge der Nach­bin­dung über den 01.01.2006 hin­aus an die Ar­beits­zeit­re­ge­lung in § 7.1 des Man­tel­ta­rif­ver­trags (Neue Welt) ge­bun­den ge­we­sen. Da­mit hätte un­verändert die 35-St­un­den-Wo­che ge­gol­ten.

Da­mit un­ter­schei­det sich der vor­lie­gen­de Sach­ver­halt von dem Sach­ver­halt (eben­falls be­tref­fend die Fra­ge der Nach­bin­dung bei ei­ner Ver­ein­ba­rung ei­ner Einführungs­pha­se), der der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 01.07.2009 - 4 AZR 261/08 - zu­grun­de lag (bis­lang nur Pres­se­mit­tei­lung Nr. 67/09). Nach dem dor­ti­gen Sach­ver­halt galt für das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en

 

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ein Ge­mein­sa­mer Man­tel­ta­rif­ver­trag (GMTV). Der Ar­beit­ge­ber trat im Sep­tem­ber 2004 aus dem Ar­beit­ge­ber­ver­band aus. Im Fe­bru­ar 2005 ver­ein­bar­ten die Ar-beits­ver­trags­par­tei­en ei­ne stu­fen­wei­se An­he­bung der re­gelmäßigen Ar­beits­zeit oh­ne Ent­gelt­aus­gleich. Im Ju­li 2005 schlos­sen die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des un­gekündig­ten GMTV ei­nen neu­en Man­tel­ta­rif­ver­trag ab. Des­sen un­mit­tel­ba­re und zwin­gen­de Wir­kung war ab dem be­trieb­li­chen Einführungs­stich­tag des dor­ti­gen ERA-TV vor­ge­se­hen, der frühes­tens ab dem 01.01.2006 ein­geführt wer­den konn­te. Die Par­tei­en strit­ten darüber, ob sich die Ar­beits­zeit nach der ar­beits­ver­trag­li­chen Re­ge­lung vom Fe­bru­ar 2005 rich­te.

So­weit aus der Pres­se­mit­tei­lung er­sicht­lich, war die Ar­beit­ge­be­rin be­reits zu ei­nem Zeit­punkt aus dem Ar­beit­ge­ber­ver­band aus­ge­tre­ten war, als der neue Man­tel­ta­rif­ver­trag noch nicht ver­ein­bart war. Für die­sen Fall ver­nein­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt ei­ne Nach­bin­dung des Ar­beit­ge­bers ab dem 01.01.2006 an den GMTV. Denn die ver­bands­an­gehöri­gen Ar­beit­ge­ber hätten den GMTV mit­tels der mögli­chen Einführung des ERA-TV durch den MTV ablösen können. Da­mit un­ter­schei­det sich der Ent­schei­dungs­fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts in ei­nem maßgeb­li­chen Punkt von dem vor­lie­gen­den Fall. An­ders als im hie­si­gen Fall war die Gel­tung des neu­en Man­tel­ta­rif­ver­trags nicht mehr durch die Ver­bands­zu­gehörig­keit des aus­ge­tre­te­nen Ar­beit­ge­bers le­gi­ti­miert, weil der Ver­bands­aus­tritt vor des­sen Ab­schluss er­folg­te. Hin­ge­gen war die Be­klag­te mit Zeit­punkt des Ab­schlus­ses der bei­den hie­si­gen Man­tel­ta­rif­verträge (al­te und neue Welt) am 14.06.2005 noch Ver­bands­mit­glied. Hätte sie noch bis zum Aus­tritts­ter­min am 31.12.2005 den E-RA-TV ein­geführt, so wäre sie „nur“ aus dem Gel­tungs­be­reich des Man­tel­ta­rif­ver­trag (al­te Welt) in den Gel­tungs­be­reich des Man­tel­ta­rif­ver­trags (neue Welt) ge­wech­selt. So­dann wäre die Nach­bin­dung hin­sicht­lich des Man­tel­ta­rif­ver­trags (neue Welt) ein­ge­tre­ten. Un­ter die­sen Umständen kann es sich nicht zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers aus­wir­ken, wenn er von der Einführung ei­nes neu­en Ent­gelt­rah­men-Ta­rif­ver­trags ab­sieht, um sich auf die­sem We­ge aus der Ta­rif­bin­dung zu lösen.

dd) An­ders könn­te es sich mit dem End­ter­min der Einführungs­pha­se (29.02.2008) ver­hal­ten. Ab die­sem Zeit­punkt gilt der Man­tel­ta­rif­ver­trag (neue Welt) nach sei­nem § 21.1 für al­le Be­trie­be ver­bind­lich. Der Man­tel­ta­rif­ver­trag (al­te Welt) tritt zwar nicht außer Kraft, wird aber fak­tisch von den Be­trie­ben nicht mehr an­ge­wandt. Wenn ihn die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nicht außer Kraft set­zen, so gilt er „ewig“. Zu

 

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Recht macht die Be­klag­te gel­tend, dass ge­gen ei­ne sol­che „Ewig­keits­bin­dung“ ver­fas­sungs­recht­li­che Be­den­ken be­ste­hen könn­ten. In der Pra­xis dau­ert die Nach­bin­dung nicht „ewig“ an, weil Ta­rif­verträge in al­ler Re­gel früher oder später en­den. Ge­schieht dies nicht, weil die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en kei­ne Ver­an­las­sung se­hen, den Ta­rif­ver­trag man­gels ei­nes prak­ti­schen An­wen­dungs­be­reichs auf­zu­he­ben, so tritt ei­ne Be­en­di­gung zu kei­nem Zeit­punkt ein.

Im Streit­fall be­darf die­se Fra­ge je­doch kei­ner Ent­schei­dung. Denn der streit­ge-genständ­li­che Zeit­raum reicht im vor­lie­gen­den Fall vom 01.01.2006 bis zum 30.09.2007. Je­den­falls bis zum 30.09.2007 be­stand ei­ne bei­der­sei­ti­ge Ta­rif­ge­bun­den­heit im We­ge der Nach­bin­dung.

d) Auf­grund der ein­ge­tre­te­nen Nach­bin­dung konn­te der Ar­beits­ver­trag vom 24.06.2005 das Ar­beits­verhält­nis nicht auf ei­ne neue Rechts­grund­la­ge stel­len.

aa) Die­ser Ar­beits­ver­trag mag ei­ne „an­de­re Ab­ma­chung“ im Sin­ne des § 4 Abs. 5 TVG sein, weil er er­sicht­lich dar­auf ab­ziel­te, schon vor Ein­tritt der Nach­wir­kung die be­ste­hen­de ta­rif­li­che Re­ge­lung ab­zuändern (zu­letzt BAG 22.10.2008 - 4 AZR 789/07 - AP TVG § 4 Ta­rif­kon­kur­renz Nr. 37; BAG 01.07.2009 - 4 AZR 250/08 - Pres­se­mit­tei­lung Nr. 68/09). Da aber ent­ge­gen der An­nah­me der Be­klag­ten ab dem 01.01.2006 kei­ne Nach­wir­kung nach § 4 Abs. 5 TVGT, son­dern ei­ne Nach­bin­dung nach § 3 Abs. 3 TVG ein­ge­tre­ten ist, wird der Ar­beits­ver­trag vom 24.06.2005 auf­grund der un­mit­tel­ba­ren und zwin­gen­den Wir­kung der Ta­rif­nor­men ver­drängt.

bb) Es verstößt auch nicht ge­gen Treu und Glau­ben, dass sich die Kläge­rin erst rund 1 ¾ Jah­re nach dem Ver­bands­aus­tritt der Be­klag­ten auf die­se Wir­kung be­ru­fen hat. Zwar ha­ben die Par­tei­en in Ziff. 13.6 des Ar­beits­ver­trags ver­ein­bart, sie sei­en sich ei­nig, dass kei­ner­lei Ta­rif­verträge auf das Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fin­den. Zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses war aber die Rechts­la­ge un­klar. Die Be­klag­te ver­trat die Auf­fas­sung, dass ab dem 01.01.2006 kei­ne Ta­rif­bin­dung mehr be­ste­he. Durch die an­walt­li­che Be­ra­tung wur­de der Kläge­rin deut­lich, dass ei­ne an­de­re Be­trach­tungs­wei­se denk­bar sei. Endgülti­ge Klärung wird erst ei­ne höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung brin­gen. Un­ter die­sen Umständen kann der Kläge­rin nicht vor­ge­hal­ten wer­den, sie ha­be wi­der bes­se­res Wis­sens ei­nen Ver­trau­en­stat­be­stand zu­guns­ten der Be­klag­ten ge­setzt. Die Be­klag­te muss­te im Übri­gen da­mit rech­nen, dass sich in der Be­leg­schaft Ge­werk­schafts­mit­glie­der be­fin­den.

 

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e) Auf­grund der bei­der­sei­ti­gen Ta­rif­ge­bun­den­heit der Par­tei­en war die Be­klag­te im streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum vom 01.01.2006 bis 30.09.2007 im Grund­satz ver-pflich­tet, das Ar­beits­zeit­kon­to der Kläge­rin mit ei­ner Re­gel­ar­beits­zeit von 35 St­un­den zu führen und dem Kon­to die Dif­fe­renz zwi­schen der 35- und 40-St­un­den-Wo­che gut­zu­schrei­ben. Das Ar­beits­ge­richt hat je­doch zu­tref­fend er­kannt, dass der An­spruch der Kläge­rin für den Zeit­raum vom 01.06.2006 bis 28.02.2007 nach § 18.1.2 MTV (al­te Welt) ver­fal­len ist.

aa) Nach § 18.1.2 sind Ansprüche der Beschäftig­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis - von der Son­der­re­ge­lung in § 18.1.1 ab­ge­se­hen - in­ner­halb von 6 Mo­na­ten nach Fällig­keit, spätes­tens je­doch in­ner­halb von 3 Mo­na­ten nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses gel­tend zu ma­chen. Ansprüche, die nicht in­ner­halb die­ser Fris­ten gel­tend ge­macht wer­den, sind ver­wirkt, es sei denn, dass der Beschäftig­te durch un­ver­schul­de­te Umstände nicht in der La­ge war, die­se Fris­ten ein­zu­hal­ten. Hin­sicht­lich der Fällig­keit be­stimmt § 271 Abs. 1 BGB, dass der Gläubi­ger die Leis­tun­gen im Zwei­fel so­fort ver­lan­gen kann, wenn die Zeit für die Leis­tung we­der be­stimmt noch aus den Umständen zu ent­neh­men ist. Die Fest­le­gung des Fällig­keits­zeit­punk­tes ist abhängig von der Art des An­spruchs und den Umständen sei­ner Ent­ste­hung. Re­gelmäßig wird ein An­spruch erst dann im Sin­ne der Aus-schluss­frist fällig, wenn der Gläubi­ger ihn annähernd be­zif­fern kann. Dies ent­spricht dem Sinn und Zweck von Aus­schluss­fris­ten. Sie sol­len in­ner­halb be­stimm­ter Zeit­vor­ga­ben Rechts­klar­heit und Rechts­frie­den her­beiführen. We­gen ih­rer rechts­ver­nich­ten­den Wir­kung muss für den Gläubi­ger er­kenn­bar sein, ab wel­chem Zeit­punkt die Aus­schluss­frist zu lau­fen be­ginnt (BAG 18.12.2008 - 8 AZR 105/08 - NZA-RR 2009, 314; BAG 27.10.2005 - 8 AZR 3/05 - AP BGB § 310 Nr. 5).

bb) Der Zeit­punkt der Fällig­keit ist von den mit den Par­al­lelfällen ge­fass­ten Kam­mern des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart und des Lan­des­ar­beits­ge­richts bis­lang un­ter­schied­lich be­stimmt wor­den. Zum Teil wird die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Fällig­keit be­gin­ne nicht vor der Sch­ließung des Ar­beits­zeit­kon­tos (ArbG Stutt­gart 02.10.2008 - 1 Ca 3100/08), zum Teil wird ei­ne ent­spre­chen­de An­wen­dung des § 11.2 MTV (al­te Welt) befürwor­tet, was zur ei­ner Fällig­keit am Mo­nats­en­de bzw. am En­de des dar­auf fol­gen­den Mo­nat führt (LAG Ba­den-Würt­tem­berg 12.05.2009 - 8 Sa 29/08; eben­so das erst­in­stanz­li­che Ur­teil in der vor­lie­gen­den Sa­che). Teil­wei­se wird er­wo­gen, die Fällig­keit an den Ab­lauf des Aus­gleichs­zeit­raums nach Ziff. 5

 

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der Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 07.12.2005 an­zu­knüpfen (LAG Ba­den-Würt­tem­berg 24.07.2009 - 7 Sa 39/09; eben­so LAG Nie­der­sach­sen - 29.04.2005 - 16 Sa 1330/04 - NZA-RR 2005, 589; LAG Nürn­berg 27.03.2008 - 2 Sa 394/07 - LA­GE § 4 TVG Aus­schluss­fris­ten Nr. 54), wo­bei al­ler­dings im vor­lie­gen­den Fall die Vor­schrift über den Aus­gleichs­zeit­raum ta­rif­wid­rig sein soll. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat die Fra­ge bis­lang of­fen ge­las­sen (BAG 13.02.2002 - 5 AZR 470/00 - AP Ent­geltFG § 4 Nr. 57; BAG 05.09.2002 - 9 AZR 244/01 - AP BUrlG § 3 5-Ta­ge-Wo­che Nr. 17; BAG 19.03.2008 - 5 AZR 328/07 - AP BGB § 611 Fei­er­tags­vergütung Nr. 1).

cc) Je­den­falls für den vor­lie­gen­den Fall schließt sich die Kam­mer der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts an, dass es für die Fällig­keit des An­spruchs auf Gut­schrift we­der auf die Sch­ließung des Ar­beits­zeit­kon­tos noch auf das En­de des maßgeb­li­chen Aus­gleichs­zeit­raums an­kommt. Für ei­ne Fällig­keit zu den ge­nann­ten Zeit­punk­ten lässt sich zwar anführen, dass bei ei­nem auf ei­nen be­stimm­ten Zeit­raum be­zo­ge­nen Ab­rech­nungs- und Aus­gleichs­sys­tem die mo­nat­li­chen Aus­wei­sun­gen und er­fass­ten Po­si­tio­nen kein endgülti­ges Er­geb­nis wie­der­ge­ben. Die je­wei­li­gen Zwi­schen­sal­den be­inhal­ten auch kein An­er­kennt­nis (BAG 19.03.2008 - 5 AZR 328/07 - AP BGB § 611 Fei­er­tags­vergütung Nr. 1). Erst bei Sch­ließung des Ar­beits­zeit­kon­tos bzw. am En­de des Aus­gleichs­zeit­raums lässt sich fest­stel­len, ob der Ar­beit­neh­mer trotz Be­zug ei­nes ver­ste­tig­ten mo­nat­li­chen Ent­gelts tatsächlich wei­ter­ge­hen­de Frei­stel­lungs- oder Zah­lungs­ansprüche ge­gen den Ar­beit­ge­ber er­wor­ben hat (BAG 05.09.2002, a.a.O., Rn 63).

Die­se Erwägun­gen tref­fen aber nur auf die Fall­ge­stal­tung zu, dass die Par­tei­en bei Sch­ließung des Ar­beits­zeit­kon­tos bzw. am En­de des Aus­gleichs­zeit­raums über die Höhe des Sal­dos strei­ten, weil ein­zel­ne Ar­beits­stun­den nicht gut­ge­schrie­ben oder ab­ge­zo­gen wur­den. Im vor­lie­gen­den Fall geht es hin­ge­gen um die vor­ge­la­ger­te Fra­ge, wel­che wöchent­li­che Re­gel­ar­beits­zeit der Ar­beit­ge­ber im Zeit­er­fas­sungs­sys­tem zu hin­ter­le­gen hat. Wel­che Re­gel­ar­beits­zeit hin­ter­legt ist, kann der Ar­beit­neh­mer tag­ge­nau aus dem Zeit­er­fas­sungs­sys­tem ab­ru­fen. Zwar hat die Kläge­rin be­haup­tet, er sei zu ei­ner Prüfung gar nicht in der La­ge, weil aus­sch­ließlich dem Be­triebs­rat der Stand der Ar­beits­zeit­kon­ten mo­nat­lich mit­ge­teilt wer­de (vgl. Ziff. 4 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung). Dies ist je­doch un­zu­tref­fend. Den Stand sei­nes in­di­vi­du­el­len Ar­beits­zeit­kon­tos kann je­der Mit­ar­bei­ter zu je­dem be­lie­bi­gen Zeit­punkt ab­ru­fen. Bei der In­for­ma­ti­ons­pflicht ge­genüber dem Be­triebs­rat

 

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geht es hin­ge­gen im Hin­blick auf des­sen Über­wa­chungs­pflicht um den mo­nat­li­chen Stand al­ler Ar­beits­zeit­kon­ten.

Bei die­ser Sach­la­ge ist nach Auf­fas­sung der Kam­mer von ei­ner tägli­chen Fällig­keit des An­spruchs auf Gut­schrift aus­zu­ge­hen. Je­dem Ar­beit­neh­mer der Be­klag­ten war be­kannt, dass die Be­klag­te Tag für Tag die Gut­schrif­ten und Ab­bu­chun­gen aus­ge­hend von ei­ner re­gelmäßigen wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 40 St­un­den vor­nahm. Im Sin­ne der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist war der An­spruch da­mit tag­ge­nau „be­zif­fer­bar“. Auch ei­ne ent­spre­chen­de An­wen­dung des § 11.2 MTV er­scheint da­mit nicht sach­ge­recht. Die­se Re­ge­lung be­trifft Ansprüche auf Ar­beits­ent­gelt, die je­weils am En­de des Mo­nats bzw. übernächs­ten Mo­nats ab­zu­rech­nen und aus­zu­zah­len sind. Wenn auch das Ar­beits­zeit­kon­to nur in an­de­rer Form den Ent­gelt­an­spruch aus­drückt, so un­ter­schei­det er sich doch von dem Ent­gelt­an­spruch in­so­fern, als mo­nat­lich nicht das dem ge­sam­ten Gut­ha­ben ent­spre­chen­de Ar­beits­ent­gelt, son­dern nur das ver­ste­tig­te Ar­beits­ent­gelt aus­be­zahlt wird.

Der Sinn und Zweck der ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten spricht eben­falls für die­se Aus­le­gung. Wie oben aus­geführt sol­len sie in­ner­halb be­stimm­te Zeit­vor­ga­ben Rechts­klar­heit und Rechts­frie­den her­beiführen. We­gen ih­rer ein­schnei­den­den Wir­kung muss für den Ar­beit­neh­mer klar er­kenn­bar sein, ab wel­chem Zeit­punkt die Aus­schluss­frist läuft. Bei Ent­gelt­ansprüchen kann der Ar­beit­neh­mer erst am En­de des Ab­rech­nungs­zeit­raums mit der er­for­der­li­chen Ge­wiss­heit fest­stel­len, wel­che Ansprüche nicht erfüllt wur­den. Beim vor­lie­gen­den An­spruch auf Gut­schrift kann hin­ge­gen je­der Ar­beit­neh­mer tag­ge­nau fest­stel­len, wel­che Re­gel­ar­beits­zeit der Ar­beit­ge­ber im Zeit­er­fas­sungs­sys­tem hin­ter­legt hat. Da­mit ist es für ihn oh­ne Wei­te­res er­sicht­lich, ab wel­chem Zeit­punkt er sich um die Wah­rung sei­ner Ansprüche kümmern muss. Für ei­ne Ver­le­gung des Fällig­keits­zeit­punkts auf das En­de des (nächs­ten) Mo­nats gibt es kei­nen in der Sa­che lie­gen­den Grund.

dd) Nach die­sen Grundsätzen ist der An­spruch der Kläge­rin auf Gut­schrift je­den­falls bis 28.02.2007 ver­fal­len. Mit Schrei­ben vom 29.08.2007 hat die Kläge­rin ih­ren An­spruch auf ei­ne re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit von 35 St­un­den erst­ma­lig gel­tend ge­macht. Der Zu­gang die­ses Schrei­bens ist un­strei­tig. Der ge­naue Zeit­punkt des Zu­gangs ist of­fen ge­blie­ben, weil die Kam­mer die­se Fra­ge in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung ver­se­hent­lich nicht auf­geklärt hat. Von den übli­chen Post­lauf­zei­ten her ge­se­hen ist je­doch da­von aus­zu­ge­hen, dass der Zu­gang am 30.

 

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oder 31.08.2007 er­folgt ist. In­fol­ge­des­sen sind al­le Ansprüche auf Gut­schrift, die bis zum 28.02.2007 ent­stan­den und fällig ge­wor­den sind, ver­fal­len.

ee) Die Be­ru­fung der Be­klag­ten auf die ta­rif­li­che Aus­schluss­frist verstößt nicht ge­gen Treu und Glau­ben. Der ge­gen­tei­li­gen Auf­fas­sung, die von ei­ner Kam­mer des Ar-beits­ge­richts­ge­richt Stutt­gart (z.B. Ur­teil vom 01.04.2008 - 7 Ca 8901/07) und des Lan­des­ar­beits­ge­richts (Ur­teil vom 28.11.2008 - 7 Sa 54/08) ver­tre­ten wird, kann sich die Kam­mer für den vor­lie­gen­den Fall nicht an­sch­ließen. In den ge­nann­ten Ent­schei­dun­gen ist der Be­klag­ten vor­ge­hal­ten wor­den, sie ha­be den Ar­beit­neh­mer durch die Ver­ein­ba­rung in § 13.6 des Ar­beits­ver­trags, wo­nach kei­ner­lei Ta­rif­verträge auf das Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fänden, von ei­ner frist­ge­rech­ten Gel­tend­ma­chung des ta­rif­li­chen An­spruchs ab­ge­hal­ten. Die Be­klag­te ha­be er­ken­nen müssen, dass im vor­lie­gen­den Fall ei­ne Nach­bin­dung im Sin­ne des § 3 Abs. 3 TVG ein­tre­ten wer­de. Über die Rechts­wir­kun­gen der Nach­bin­dung ha­be sie den Ar­beit­neh­mer durch den frag­li­chen Pas­sus im Ar­beits­ver­trag getäuscht.

Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on kann auf den vor­lie­gen­den Fall schon des­halb nicht über­tra­gen wer­den, weil die Kläge­rin ih­re Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit erst mit Schrei­ben vom 29.08.2007 of­fen­bart hat. Bis zu die­sem Zeit­punkt durf­te die Be­klag­te da­von aus­ge­hen, dass die Kläge­rin kein Mit­glied der IG Me­tall ist und dem­zu­fol­ge ei­ne Ta­rif­bin­dung we­der nach § 3 Abs. 1 TVG noch nach § 3 Abs. 3 TVG be­steht. Es wäre des­we­gen die Sa­che der Kläge­rin ge­we­sen, recht­zei­tig vor dem 01.01.2006 auf ih­re Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit hin­zu­wei­sen.

f) Das Ar­beits­ge­richt ist zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, dass der Kläge­rin in der Zeit vom 01.03.2007 bis 30.09.2007 152 St­un­den auf dem Ar­beits­zeit­kon­to gut­zu­schrei­ben sind.

aa) Der ge­nann­te Zeit­raum um­fasst 30 Wo­chen und 2 Ta­ge. Rech­ne­risch er­ge­ben sich da­mit 152 St­un­den (30 x 5 + 2). Die Be­klag­te hat da­ge­gen ein­ge­wandt, nach dem Zeit­er­fas­sungs­sys­tem ha­be die Kläge­rin in die­sem Zeit­raum we­gen Ur­laub und Krank­heit nur 120 Ar­beits­stun­den er­bracht, die über ei­ne 35-St­un­den-Wo­che hin­aus gin­gen. Auch nach Auf­fas­sung der 8. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts (Ur­teil vom 06.07.2007 - 8 Sa 29/08 - er­gan­gen in ei­ner Par­al­lel­sa­che) be­steht kein An­spruch auf ei­ne Zeit­gut­schrift für die­je­ni­gen Ta­ge, an de­nen der Ar­beit­neh­mer Ur­laub hat­te oder er­krankt war.

 

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bb) Die­ser Auf­fas­sung kann sich die Kam­mer nicht an­sch­ließen. Die Be­triebs­ver­ein-ba­rung vom 07.12.2007 enthält kei­ne Be­stim­mun­gen über die Zeit­gut­schrift bei Ur­laub und Krank­heit. Des­we­gen ist von den all­ge­mei­nen Re­ge­lun­gen in § 4 Abs. 1 EFZG und § 4.2.1 des Ur­laubs­ab­kom­mens für Beschäftig­te in der Me­tall­in­dus­trie in Nordwürt­tem­berg/Nord­ba­den vom 18.12.1996 aus­zu­ge­hen. Ent­gelt­fort­zah­lung und Ur­laubs­vergütung be­ru­hen da­nach auf dem Ent­gel­t­aus­fall­prin­zip. Bei bei­den Vergütungs­ar­ten ist hier­bei zwi­schen dem Geld- und Zeit­fak­tor zu un­ter­schei­den (Er­fur­ter Kom­men­tar/Dörner, 9. Aufl., § 11 BUrlG Rn. 3 und § 4 EFZG Rn. 2). Während der Geld­fak­tor das ge­schul­de­te Ar­beits­ent­gelt be­zeich­net, be­trifft der Zeit­fak­tor die aus­fal­len­den Ar­beits­stun­den (BAG 09.11.1999 - 9 AZR 771/98 - AP BUrlG § 11 Nr. 47; BAG 21.11.2001 - 5 AZR 296/00 - AP Ent­geltFG § 4 Nr. 56; BAG 26.06.2002 - 5 AZR 153/01 - AP Ent­geltFG § 4 Nr. 62). Un­ter­liegt die Ar­beits­zeit und die Ent­gelthöhe ver­ein­ba­rungs­gemäß un­re­gelmäßigen Schwan­kun­gen, be­darf es der Fest­le­gung ei­nes Re­fe­renz­zeit­raums, um die aus­fal­len­den Ar­beits­stun­den zu be­stim­men. Verhält es sich so wie im vor­lie­gen­den Fall, dass trotz schwan­ken­der Ar­beits­zeit das Ent­gelt ver­ste­tigt ist, so muss dies eben­falls im Zeit­fak­tor zum Aus­druck kom­men. Dies kann bei der Er­fas­sung der Ar­beits­stun­den in ei­nem Zeit­er­fas­sungs­sys­tem nur da­durch er­fol­gen, dass der Kläger so ge­stellt wird, als ha­be er im frag­li­chen Zeit­raum Ar­beit ge­leis­tet. Dem Ar­beit­neh­mer sind al­so ex­akt die­je­ni­gen St­un­den gut­zu­schrei­ben, die er re­gelmäßig zu leis­ten hat­te. Woll­te man dies an­ders se­hen, so würde der Ar­beit­neh­mer für je­den Tag an Ur­laub und Ar­beits­unfähig­keit Mi­nus­zei­ten auf sei­nem Ar­beits­zeit­kon­to an­sam­meln (vgl. auch BAG 13.02.2002 - 5 AZR 470/00 - AP Ent­gelt FG § 4 Nr. 57).


III.

Da die bei­den Par­tei­en mit ih­ren wech­sel­sei­ti­gen Be­ru­fun­gen er­folg­los ge­blie­ben sind, wa­ren die Kos­ten der Be­ru­fung gemäß § 92 Abs. 2 ZPO verhält­nismäßig zu tei­len. Zu­dem war über die Kos­ten der für er­le­digt erklärten Kla­ge­anträge Ziff. 1 bis 3 gemäß § 91a Abs. 1 ZPO nach bil­li­gem Er­mes­sen zu ent­schei­den. Im all­ge­mei­nen ist für die Kos­ten­ent­schei­dung der oh­ne die Er­le­di­gung zu er­war­ten­de Ver­fah­rens­aus­gang aus­schlag­ge­bend. Hier­nach wäre die Be­klag­te, je­den­falls was den Zeit­raum vom 01.01.2006 bis zum 29.02.2008 an­geht, vor­aus­sicht­lich un­ter­le­gen. Ins­ge­samt be­trach­tet hielt die Kam­mer ei­ne Kos­ten­quo­te von 30 % zu 70 % für ge­recht­fer­tigt. Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on be­ruht für die Kläge­rin auf § 72 Abs. 2 Nr. 2 ArbGG und für die Be­klag­te auf § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG.

 

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Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil können bei­de Par­tei­en schrift­lich Re­vi­si­on ein­le­gen. Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat, die Re­vi­si­ons­be­gründung in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt

ein­ge­hen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­on und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

a. Rechts­anwälte,
b. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol-cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
c. ju­ris­ti­sche Per­so­nen, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 11 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 ArbGG erfüllen.

In den Fällen der lit. b und c müssen die han­deln­den Per­so­nen die Befähi­gung zum Rich-ter­amt ha­ben.

 


Dr. Nat­ter

Lösch

Müller 

 


 

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