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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Kündigung, Tendenzträger, Kirchenarbeitsrecht, Menschenrechte
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte
Akten­zeichen: 425/03
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 23.09.2010
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen:
   

23/09/10 Rechts­sa­che O. ge­gen DEU­TSCH­LAND (Be­schwer­de Nr. 425/03)

 

RECH­TSSA­CHE O. ./. DEU­TSCH­LAND

(Be­schwer­de Nr. 425/03)

UR­TEIL

STRASSBURG

23. Sep­tem­ber 2010

 

Die­ses Ur­teil wird nach Maßga­be des Ar­ti­kels 44 Ab­satz 2 der Kon­ven­ti­on endgültig. Es wird ge­ge­be­nen­falls noch re­dak­tio­nell übe­r­ar­bei­tet.

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In der Rechts­sa­che O. ./. Deutsch­land,
hat der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te (Fünf­te Sek­ti­on) als Kam­mer, die
sich zu­sam­men­setzt aus

Peer Lo­ren­zen, Präsi­dent,
Re­na­te Ja­e­ger,
Rait Ma­rus­te,
Isa­bel­le Ber­ro-Lefèvre,
Mir­ja­na La­za­ro­va Tra­j­kovs­ka,
Zdrav­ka Ka­laydjie­va,
Gan­na Yud­kivs­ka, Rich­ter,
so­wie der Kanz­le­rin der Sek­ti­on, Clau­dia Wes­ter­diek,

nach Be­ra­tung in nicht öffent­li­cher Sit­zung am 31. Au­gust 2010,

das fol­gen­de Ur­teil er­las­sen, das an die­sem Tag an­ge­nom­men wor­den ist:

 

VER­FAH­REN

1. Der Rechts­sa­che liegt ei­ne ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ge­rich­te­te In­di­vi­du­al­be­schwer­de (Nr. 425/03) zu­grun­de, die ein deut­scher Staats­an­gehöri­ger, Herr O. („der Be­schwer­deführer“), am 2. Ja­nu­ar 2003 nach Ar­ti­kel 34 der Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten („die Kon­ven­ti­on“) beim Ge­richts­hof ein­ge­reicht hat.

2. Der Be­schwer­deführer wird von Rechts­anwältin Ul­ri­ke Muhr aus Es­sen ver­tre­ten. Die deut­sche Re­gie­rung („die Re­gie­rung“) wird von ih­rer Ver­fah­rens­be­vollmäch­tig­ten, Frau Al­mut Witt­ling-Vo­gel, Mi­nis­te­ri­al­di­ri­gen­tin im Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz, ver­tre­ten.

3. Der Be­schwer­deführer be­haup­tet, dass die Ab­leh­nung der Ar­beits­ge­rich­te, sei­ne frist­lo­se Kündi­gung durch die Mor­mo­nen­kir­che auf­zu­he­ben, Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on ver­letzt ha­be.

4. Am 18. März 2008 hat der Präsi­dent der Fünf­ten Sek­ti­on be­schlos­sen, der Re­gie­rung die Be­schwer­de zu über­mit­teln. In Ein­klang mit Ar­ti­kel 29 Ab­satz 3 der Kon­ven­ti­on ist fer­ner be­schlos­sen wor­den, dass die Kam­mer über die Zulässig­keit und die Be­gründet­heit der Rechts­sa­che zeit­gleich ent­schei­det.

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5. So­wohl der Be­schwer­deführer als auch die Re­gie­rung ha­ben schrift­li­che Stel­lung­nah­men vor­ge­legt. Die Kir­che Je­su Chris­ti der Hei­li­gen der Letz­ten Ta­ge (die Mor­mo­nen­kir­che), die der Präsi­dent ermäch­tigt hat, am schrift­li­chen Ver­fah­ren teil­zu­neh­men (Ar­ti­kel 36 Ab­satz 2 der Kon­ven­ti­on und Ar­ti­kel 44 Ab­satz 2 der Ver­fah­rens­ord­nung), hat eben­falls Stel­lung ge­nom­men. Die Par­tei­en ha­ben auf die­se Stel­lung­nah­men er­wi­dert (Ar­ti­kel 44 Ab­satz 5 der Ver­fah­rens­ord­nung).

SACH­VER­HALT

I. DIE UM­STÄNDE DES FAL­LES

A. Hin­ter­grund der Rechts­sa­che

6. Der Be­schwer­deführer wurde1959 ge­bo­ren und ist in N.-A. wohn­haft.

7. Er ist in der Mor­mo­nen­kir­che auf­ge­wach­sen, die den Sta­tus ei­ner öffent­lich-recht­li­chen Körper­schaft in­ne­hat. 1980 hei­ra­te­te er nach mor­mo­ni­schem Ri­tus. Nach­dem er be­reits ver­schie­de­ne Ämter bei der Mor­mo­nen­kir­che be­klei­det hat­te, wur­de er ab dem 1. Ok­to­ber 1986 als Ge­biets­di­rek­tor Eu­ro­pa in der Ab­tei­lung Öffent­lich­keits­ar­beit mit ei­nem Mo­nats­ge­halt von 10.047,85 DM (ca. 5000 EUR) beschäftigt.

8. § 10 sei­nes An­stel­lungs­ver­trags vom 25. Sep­tem­ber 1986 ent­hielt fol­gen­de Klau­sel:

Ver­hal­ten im Be­trieb und außer­halb

„Dem Ar­beit­neh­mer sind die we­sent­li­chen Grundsätze der Kir­che be­kannt. Er hat Mit­tei­lun­gen und jeg­li­ches Ver­hal­ten zu un­ter­las­sen, wo­durch der Ruf der Kir­che geschädigt oder die­se Grundsätze in Fra­ge ge­stellt wer­den könn­ten. Der Ar­beit­neh­mer ver­pflich­tet sich ins­be­son­de­re zur Ein­hal­tung ho­her mo­ra­li­scher Grundsätze.

Er ver­pflich­tet sich, in den Be­triebsräum­en so­wie un­mit­tel­bar in der Nähe des Be­trie­bes und auch auf be­trieb­lich ver­an­lass­ten Fahr­ten und Ver­an­stal­tun­gen we­der zu rau­chen, noch Al­ko­hol, Boh­nen­kaf­fee oder Rausch­gift zu sich zu neh­men. Gro­be Verstöße be­rech­ti­gen den Ar­beit­ge­ber zur frist­lo­sen Kündi­gung.

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Für die fol­gen­den drei Grup­pen von Mit­ar­bei­tern gel­ten ge­stei­ger­te Pflich­ten bezüglich des Ver­hal­tens im Be­trieb und außer­halb:

a) Führungs­kräfte (ins­be­son­de­re Ma­na­ger)

b) Mit­ar­bei­ter, die im Rah­men ih­rer be­trieb­li­chen Tätig­kei­ten Kon­takt mit be­triebs­frem­den Per­so­nen (...) ha­ben

c) Mit­ar­bei­ter, die im Bil­dungs­we­sen der Kir­che re­li­giösen Un­ter­richt er­tei­len.

Die die­sen Grup­pen zu­gehöri­gen Ar­beit­neh­mer müssen Mit­glied der Kir­che Je­su Chris­ti der Hei­li­gen der letz­ten Ta­ge sein. Soll­ten sie ih­re Mit­glied­schaft, aus wel­chen Gründen auch im­mer, ver­lie­ren oder soll­ten sie ge­gen die Grundsätze der Kir­che in er­heb­li­chem Maße ver­s­toßen, so muss dies ei­ne Kündi­gung - in schwer­wie­gen­den Fällen auch ei­ne frist­lo­se - nach sich zie­hen.“

9. An­fang De­zem­ber 1993 wand­te sich der Be­schwer­deführer an sei­nen zuständi­gen Seel­sor­ger S. und bat um seel­sor­ge­ri­schen Bei­stand. Im Lau­fe des Gesprächs of­fen­bar­te er ihm, dass sei­ne Ehe seit Jah­ren not­lei­dend sei und dass er ei­ne se­xu­el­le Be­zie­hung zu ei­ner an­de­ren Frau ge­habt ha­be. S. leg­te ihm na­he, sich an N., Ge­bietspräsi­dent und Vor­ge­setz­ter des Be­schwer­deführers, zu wen­den, und stell­te klar, dass er N. un­ter­rich­ten wer­de, wenn der Be­schwer­deführer dies nicht selbst tue. Am 21. De­zem­ber 1993 wand­te sich der Be­schwer­deführer an N., der sich sei­nes seel­sor­ge­ri­schen Bei­stands ent­hielt. Am 27. De­zem­ber 1993 sprach N. die frist­lo­se Kündi­gung des Be­schwer­deführers aus. An­sch­ließend wur­de der Be­trof­fe­ne im Rah­men ei­nes in­ter­nen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens aus der Kir­che aus­ge­schlos­sen.

B. Die Ent­schei­dun­gen der un­te­ren Ar­beits­ge­rich­te

10. Am 14. Ja­nu­ar 1994 reich­te der Be­schwer­deführer beim Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main Kla­ge ein. Mit Ur­teil vom 26. Ja­nu­ar 1995 hob die­ses die Kündi­gung mit der Be­gründung auf, sie ste­he im Wi­der­spruch zu den Of­fen­ba­run­gen des Pro­phe­ten und Gründer der mor­mo­ni­schen Kir­che, Jo­seph Smith. Es führ­te aus, der Aus­schluss ei­nes Kir­chen­mit­glieds

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sei nämlich nur dann vor­ge­se­hen, wenn der Be­trof­fe­ne kei­ne Reue zei­ge; dies sei bei dem Be­schwer­deführer nicht der Fall, weil er um seel­sor­ge­ri­schen Bei­stand ge­be­ten ha­be, um sei­ne Ehe wie­der in Ord­nung zu brin­gen. Das Ge­richt hielt die Kündi­gung da­her für ei­ne un­verhält­nismäßige Sank­ti­on.

11. Am 5. März 1996 wies das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt die Be­ru­fung der Mor­mo­nen­kir­che zurück. Es war der An­sicht, dass die Verhängung ei­ner sol­chen Maßnah­me ge­gen den Be­schwer­deführer im vor­lie­gen­den Fall ge­gen die gu­ten Sit­ten ver­s­toße, ob­wohl Ehe­bruch, der bei den Mor­mo­nen als „die gräulichs­te al­ler Sünden“ gel­te, die Mor­mo­nen­kir­che grundsätz­lich be­rech­ti­ge, dem frag­li­chen An­ge­stell­ten zu kündi­gen. Un­ter Hin­weis dar­auf, dass sich die Kir­che auf In­for­ma­tio­nen zu den Ehe­pro­ble­men des Paa­res gestützt ha­be, die der Be­schwer­deführer sei­nen Seel­sor­gern mit dem Ziel of­fen­bart ha­be, seel­sor­ge­ri­schen Bei­stand zu er­hal­ten, war es der Auf­fas­sung, dass die­ses Wis­sen mo­ra­lisch der seel­sor­ge­ri­schen Schwei­ge­pflicht un­ter­le­gen hätte. Wie ein ka­tho­li­scher Pries­ter oder Bi­schof, dem ein Ver­bre­chen ge­beich­tet wer­de und der die­se In­for­ma­ti­on nicht an an­de­re Per­so­nen wei­ter­ge­ben dürfe, so­lan­ge sie nicht außer­halb der Beich­te preis­ge­ge­ben wor­den sei, sei­en da­her dem Ge­richt zu­fol­ge die bei­den Vor­ge­setz­ten des Be­schwer­deführers nicht be­rech­tigt ge­we­sen, die Aus­sa­gen des Be­schwer­deführers zu ar­beits­recht­li­chen Zwe­cken zu ver­wer­ten. We­gen der grundsätz­li­chen Be­deu­tung der Rechts­sa­che ließ das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Re­vi­si­on zu.

C. Das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts

12. Am 24. April 1997 hob das Bun­des­ar­beits­ge­richt das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts auf und ver­wies die Sa­che an die­ses Ge­richt zurück. Ihm zu­fol­ge ver­stieß die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung nicht ge­gen die gu­ten Sit­ten und stell­te durch­aus ei­nen Kündi­gungs­grund im Sin­ne des § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (Rd­nr. 25 un­ten) dar, da der Be­schwer­deführer durch sein Ver­hal­ten ge­gen die in § 10 sei­nes An­stel­lungs­ver­trags vor­ge­se­he­nen Ver­pflich­tun­gen ver­s­toßen ha­be.

13. Un­ter Be­zug­nah­me auf die Grund­satz­ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Ju­ni 1985 (Rd­nr. 26 un­ten) wies das Bun­des­ar­beits­ge­richt an­sch­ließend dar­auf hin, dass die mo­ra­li­schen Grundsätze der Mor­mo­nen­kir­che bei der Be­ur­tei­lung der Fra­ge, ob ein wich­ti­ger Kündi­gungs­grund im Sin­ne von § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch vor­lie­ge, aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Gründen zu berück­sich­ti­gen sei­en. Es führ­te wei­ter­hin aus: Als Re­li­gi­ons­ge­sell­schaft im Sin­ne von Ar­ti­kel 137 Ab­satz 3 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung ha­be die Mor-

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mo­nen­kir­che das ver­fas­sungs­recht­lich verbürg­te Recht, ih­re An­ge­le­gen­hei­ten in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes selbst zu re­geln (Rd­nr. 24 un­ten). Wenn sich die Kir­chen der Pri­vat­au­to­no­mie zur Ein­stel­lung von Per­so­nen be­dien­ten, fin­de das staat­li­che Ar­beits­recht zwar An­wen­dung. Je­doch hin­de­re die An­wend­bar­keit des Ar­beits­rechts die Zu­gehörig­keit der Ar­beits­verhält­nis­se zu den ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten der Kir­chen nicht. Ei­ne Kir­che könne da­her im In­ter­es­se ih­rer ei­ge­nen Glaubwürdig­keit ih­ren Beschäftig­ten die Be­ach­tung der tra­gen­den Grundsätze ih­rer Glau­bens- und Sit­ten­leh­re auf­er­le­gen und von ih­nen ver­lan­gen, dass sie nicht ge­gen die fun­da­men­ta­len Ver­pflich­tun­gen ver­s­toßen, die je­dem ih­rer Mit­glie­der ob­lie­gen. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt war der Mei­nung, im vor­lie­gen­den Fall sei die Mor­mo­nen­kir­che al­so be­rech­tigt ge­we­sen, vom Be­schwer­deführer die Ein­hal­tung der ehe­li­chen Treue zu ver­lan­gen.

14. Es fügte hin­zu, die Ar­beits­ge­rich­te sei­en bei der An­wen­dung der ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten zum Kündi­gungs­schutz un­ter zwei Vor­aus­set­zun­gen an die Vor­ga­ben der Kir­chen ge­bun­den: Zum ei­nen müss­ten die­se Vor­ga­ben den an­er­kann­ten Maßstäben der ver­fass­ten Kir­chen Rech­nung tra­gen, zum an­de­ren dürf­ten sich die Ar­beits­ge­rich­te durch die An­wen­dung die­ser Vor­ga­ben nicht in Wi­der­spruch zu den Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung bee­ben, dar­un­ter das all­ge­mei­ne Willkürver­bot so­wie die Be­grif­fe der „gu­ten Sit­ten“ und des „ord­re pu­blic“. Es ob­lie­ge al­so den Ar­beits­ge­rich­ten si­cher­zu­stel­len, dass die Kir­chen kei­ne un­an­nehm­ba­ren An­for­de­run­gen an die Loya­lität ih­rer Ar­beit­neh­mer stell­ten.

15. Im vor­lie­gen­den Fall ver­trat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Auf­fas­sung, dass die Vor-ga­ben der Mor­mo­nen­kir­che bezüglich der ehe­li­chen Treue nicht im Wi­der­spruch zu den Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung stünden. Auch in den ver­fass­ten Kir­chen und in den Welt­re­li­gio­nen ha­be die Ehe ei­ne her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung (ins­be­son­de­re in der ka­tho­li­schen Kir­che, im Ju­den­tum und im Is­lam); die­ses Verständ­nis ha­be sei­nen Nie­der­schlag im Grund­ge­setz ge­fun­den, des­sen Ar­ti­kel 6 die Ehe un­ter be­son­de­ren Schutz stel­le. Der Ehe­bruch wer­de je­doch wei­ter­hin von der Rechts­ord­nung als schwer­wie­gen­des Fehl­ver­hal­ten be­trach­tet, selbst wenn dies in der Pra­xis an­ders ge­se­hen wer­de.

16. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt fügte hin­zu, die Kündi­gung ver­s­toße auch nicht ge­gen den all­ge­mei­nen Grund­satz von Treu und Glau­ben bei Ver­trags­verhält­nis­sen. Das Recht der Mor­mo­nen­kir­che, ei­nem An­ge­stell­ten zu kündi­gen, er­ge­be sich aus Ar­ti­kel 2 Ab­satz 1 des Grund­ge­set­zes und ins­be­son­de­re aus Ar­ti­kel 137 Ab­satz 3 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung. Gleich­wohl könne sich der Be­schwer­deführer auf das sich aus dem­sel­ben Ar­ti­kel er­ge­ben­de

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Recht be­ru­fen, selbst zu ent­schei­den, wel­che In­for­ma­tio­nen über sein Pri­vat­le­ben of­fen­bart wer­den könn­ten. Es ha­be al­so ihm ob­le­gen zu ent­schei­den, ob und zu wel­chem Zweck er sei­nen Ehe­bruch ge­genüber Drit­ten of­fen­ba­ren woll­te. Es tref­fe si­cher­lich zu, dass die Mor­mo­nen­kir­che ih­re Ent­schei­dung nur dann auf sol­che In­for­ma­tio­nen ha­be stützen können, wenn ihr die­se durch den Be­trof­fe­nen selbst zur Kennt­nis ge­bracht wor­den sei­en. Nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts ha­be der Be­schwer­deführer S. nur in des­sen Ei­gen­schaft als Seel­sor­ger in­for­miert. Die Mor­mo­nen­kir­che ha­be aber durch N. von dem Ehe­bruch er­fah­ren. Die Fest­stel­lung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, dass sich der Be­schwer­deführer mit ei­nem seel­sor­ge­ri­schen An­lie­gen an N. ge­wandt ha­be, die­ser sich aber sei­nes seel­sor­ge­ri­schen Bei­stands ent­hal­ten ha­be, be­le­ge nicht, dass der Be­schwer­deführer N. nur in des­sen Ei­gen­schaft als Seel­sor­ger in An­spruch ge­nom­men ha­be. Die Mor­mo­nen­kir­che ha­be die­se Sicht­wei­se im Übri­gen be­strit­ten und her­vor­ge­ho­ben, nach ih­rem ei­ge­nen Verständ­nis sei N. auch nicht dafür zuständig ge­we­sen, als Seel­sor­ger für den Be­schwer­deführer zu fun­gie­ren. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­trat die Auf­fas­sung, dass die Schluss­fol­ge­rung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, wo­nach das An­lie­gen des Be­schwer­deführers sei­nen seel­sor­ge­ri­schen Cha­rak­ter al­lein da­durch, dass S. ihn an N. wei­ter­ver­wie­sen ha­be, nicht ver­lo­ren ha­be, nicht tat­sa­chenmäßig be­legt sei und im Wi­der­spruch zu der nicht vor­han­de­nen Kom­pe­tenz von N. ste­he. Des­sen Schwei­ge­pflicht, auf die das Lan­des­ar­beits­ge­richt sei­ne Auf­fas­sung gestützt ha­be, ha­be al­so gar nicht vor­ge­le­gen. Da der Be­schwer­deführer im Übri­gen klar­ge­stellt ha­be, dass es ei­ne Beich­te in der Mor­mo­nen­kir­che nicht ge­be, sei der Ver­weis des Lan­des­ar­beits­ge­richts auf die Pra­xis der Beich­te in der ka­tho­li­schen Kir­che un­er­heb­lich. Zu­dem ha­be der Be­schwer­deführer N. ge­genüber nicht aus­drück­lich zu ver­ste­hen ge­ge­ben, dass er sich nur in des­sen Ei­gen­schaft als Seel­sor­ger an ihn wen­de. Er ha­be sich an S. und N. ge­wandt, um sein Ehe­pro­blem zu lösen, aber zu kei­nem Zeit­punkt zu er­ken­nen ge­ge­ben, dass er im Sin­ne von Ab­schnitt 42 Vers 23 und 24 der Prophetenschrift1 „mit gan­zem Her­zen Um­kehr“ üben und zu sei­ner Frau zurück­keh­ren wol­le.

17. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt stell­te fer­ner fest, die in Re­de ste­hen­de Kündi­gung sei auch zur Be­wah­rung der Glaubwürdig­keit der Mor­mo­nen­kir­che er­for­der­lich ge­we­sen; die­se Glaubwürdig­keit sei an­ge­sichts der Auf­ga­ben, die der Be­schwer­deführer als Ge­biets­di­rek­tor Eu­ro­pa in der Ab­tei­lung Öffent­lich­keits­ar­beit hat­te, gefähr­det ge­we­sen. In die­ser Ei­gen­schaft sei er dafür ver­ant­wort­lich ge­we­sen, ein rich­ti­ges und wohl­wol­len­des Verständ­nis für die Kir­che zu fördern, die Mis­sio­nie­rung zu un­terstützen und et­wa 170 Mit­ar­bei­ter aus dem Be­reich Öffent­lich­keits­ar­beit zu schu­len und zu mo­ti­vie­ren. Die Ver­mitt­lung der un­be­ding­ten Treue

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zum Ehe­part­ner als we­sent­li­cher Grund­satz und der Glau­be dar­an würden er­schwert, wenn der­je­ni­ge, der die­sen Grund­satz in her­aus­ge­ho­be­ner Po­si­ti­on im Na­men der Mor­mo­nen­kir­che ver­brei­te, ihn selbst nicht be­ach­te. Die Tat­sa­che, dass der Ehe­bruch zum Zeit­punkt der Un­ter­re­dun­gen mit S. und N. noch nicht öffent­lich be­kannt ge­we­sen sei, ände­re nichts an die­ser Fest­stel­lung. Der Mor­mo­nen­kir­che sei nämlich nicht zu­zu­mu­ten ge­we­sen, die Kündi­gung erst nach Ein­tritt ei­nes Glaubwürdig­keits­ver­lus­tes aus­zu­spre­chen, zu­mal nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den konn­te, dass die Ehe­frau und die neue Part­ne­rin Still­schwei­gen be­wah­ren würden.

18. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt stellt im Übri­gen fest, dass es ei­ner Ab­mah­nung durch die Mor­mo­nen­kir­che im Übri­gen nicht be­durft ha­be, weil es sich um ei­ne Pflicht­ver­let­zung ge­han­delt ha­be, de­ren Schwe­re dem Be­schwer­deführer an­ge­sichts sei­ner lan­gen Zu­gehörig­keit zu der Kir­che hätte be­wusst sein müssen und die sein Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich nur ha­be miss­bil­li­gen können.

19. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ge­lang­te zu dem Schluss, dass es an ei­ner Sach­ent­schei­dung ge­hin­dert sei, weil die Vor­in­stan­zen kei­ne an­ge­mes­se­ne Abwägung der be­trof­fe­nen In­ter­es­sen gemäß den in sei­nem Ur­teil auf­ge­stell­ten Kri­te­ri­en ge­trof­fen hätten. Hin­zu kom­me, dass den Streit­par­tei­en fer­ner Ge­le­gen­heit ge­ge­ben wer­den müsse, zu ei­ner Um­deu­tung der außer­or­dent­li­chen in ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung Stel­lung zu neh­men.

D. Das Ver­fah­ren nach der Zurück­ver­wei­sung der Rechts­sa­che

20. In sei­ner im Rah­men der Rück­ver­wei­sung er­gan­ge­nen Ent­schei­dung vom 26. Ja­nu­ar 1998 folg­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt der Ar­gu­men­ta­ti­on des Bun­des­ar­beits­ge­richts in Be­zug auf die Ein­stu­fung des Ehe­bruchs als schwer­wie­gen­de Pflicht­ver­let­zung (gleich­be­deu­tend mit der Be­ge­hung ei­ner schwe­ren Straf­tat durch ei­nen Ar­beit­neh­mer ei­nes welt­li­chen Ar­beit­ge­bers) und den ex­po­nier­ten Cha­rak­ter der vom Be­schwer­deführer wahr­ge­nom­me­nen Funk­tio­nen. In An­be­tracht des re­la­tiv jun­gen Le­bens­al­ters des Be­schwer­deführers zum Zeit­punkt der Kündi­gung (vier­und­dreißig Jah­re) und der Dau­er sei­ner Beschäfti­gung (sie­ben Jah­re) ste­he der sich dar­aus durch die Kündi­gung für ihn er­ge­ben­de Scha­den nicht ent­ge­gen. Da er in der Mor­mo­nen­kir­che auf­ge­wach­sen sei und dort ver­schie­de­ne Auf­ga­ben wahr­ge­nom­men ha­be, hätte dem Be­schwer­deführer be­wusst sein müssen, für wie schwer-wie­gend sein Ar­beit­ge­ber sei­ne Hand­lun­gen be­wer­te, zu­mal es sich nicht um ei­nen ein­ma­li­gen Fehl­tritt, son­dern um ei­ne länge­re Zeit an­dau­ern­de außer­ehe­li­che Be­zie­hung han­de­le.

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Hin­sicht­lich der Not­wen­dig­keit ei­ner Kündi­gungs­frist ver­trat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Auf­fas­sung, dass die Mor­mo­nen­kir­che ei­nen enor­men Glaubwürdig­keits­ver­lust zu befürch­ten ge­habt hätte, wenn die Per­son, die ih­re In­ter­es­sen in ganz Eu­ro­pa ver­tre­ten ha­be, sich selbst nicht an die Vor­ga­ben ge­hal­ten hätte. Die Kir­che sei da­her nicht ver­pflich­tet ge­we­sen, die Dau­er der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist (drei Mo­na­te) ein­zu­hal­ten und den Be­schwer­deführer nach dem 27. De­zem­ber 1993 – dem Kündi­gungs­da­tum – in sei­nen Ämtern wei­ter­zu­beschäfti­gen.

21. Un­ter Hin­weis dar­auf, dass es die Be­gründet­heit der Kündi­gung nur ar­beits­recht­lich zu be­han­deln ha­be, äußer­te sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht zu der Fra­ge, ob das in­ter­ne Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren der Mor­mo­nen­kir­che, das den Be­schwer­deführer aus­sch­ließlich in sei­ner Ei­gen­schaft als Kir­chen­mit­glied be­tref­fe, fair war. Darüber hin­aus be­ton­te es, sei­ne Schluss­fol­ge­run­gen sei­en nicht so zu ver­ste­hen, dass Ehe­bruch an sich ei­nen Grund zur Kündi­gung von kirch­li­chen Mit­ar­bei­tern dar­stel­le. Die Be­son­der­heit des Fal­les lie­ge dar­in, dass die Mor­mo­nen­kir­che Ehe­bruch als be­son­ders schwer­wie­gend an­se­he und dass sich aus der wich­ti­gen Stel­lung des Be­schwer­deführers ge­stei­ger­te Loya­litäts­pflich­ten er­ge­ben hätten.

22. Am 16. De­zem­ber 1998 wies das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Be­schwer­de des Be­schwer­deführers ge­gen die Nicht­zu­las­sung der Re­vi­si­on mit der Be­gründung zurück, ei­ne Di­ver­genz zu sei­ner Recht­spre­chung lie­ge nicht vor.

23. Am 27. Ju­ni 2002 lehn­te es das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ab, die Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Be­schwer­deführers zur Ent­schei­dung an­zu­neh­men (- 2 BvR 356/99 -), weil sie kei­ne hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Er­folg ha­be. Nach sei­ner An­sicht würden die an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen vor dem Hin­ter­grund sei­ner Ent­schei­dung vom 4. Ju­ni 1985 kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken be­geg­nen.

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II. DAS EINSCHLÄGI­GE IN­NERSTAAT­LICHE UND GE­MEINSCHAFT­LICHE RECHT UND DIE EINSCHLÄGI­GE IN­NERSTAAT­LICHE UND GE­MEINSCHAFT­LICHE PRA­XIS

A. Das Grund­ge­setz

24. Ar­ti­kel 140 des Grund­ge­set­zes führt aus, dass die Ar­ti­kel 136 bis 139 und Ar­ti­kel 141 (sog. Kir­chen­ar­ti­kel) der Wei­ma­rer Ver­fas­sung vom 11. Au­gust 1919 Be­stand­teil des Grund­ge­set­zes sind. Der ein­schlägi­ge Pas­sus von Ar­ti­kel 137 lau­tet im vor­lie­gen­den Fall wie folgt:

Ar­ti­kel 137

„(1) Es be­steht kei­ne Staats­kir­che.

(2) Die Frei­heit der Ver­ei­ni­gung zu Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten wird gewähr­leis­tet. (...)

(3) Je­de Re­li­gi­ons­ge­sell­schaft ord­net und ver­wal­tet ih­re An­ge­le­gen­hei­ten selbständig in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes. (...)“

B. Die Kündi­gungs­vor­schrif­ten

25. Nach § 626 des Bürger­li­chen Ge­setz­bu­ches kann ein Dienst­verhält­nis von je­dem Ver­trags­teil aus wich­ti­gem Grund oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist gekündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf Grund de­rer un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und der In­ter­es­sen der Ver­trags­tei­le des­sen Fort­set­zung bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist oder bis zu der ver­ein­bar­ten Be­en­di­gung des Dienst­verhält­nis­ses nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Nach Ab­satz 2 wird ei­ne Frist von zwei Wo­chen ge­setzt, die mit dem Zeit­punkt be­ginnt, in dem der Ar­beit­ge­ber von den dafür maßge­ben­den Tat­sa­chen Kennt­nis er­langt.

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In § 1 Absätze 1 und 2 des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes heißt es ins­be­son­de­re, dass ei­ne Kündi­gung so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt ist, wenn sie nicht durch Gründe, die in der Per­son oder in dem Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen, be­dingt ist.

C. Das Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Ju­ni 1985

26. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat am 4. Ju­ni 1985 ei­ne Grund­satz­ent­schei­dung zur Wirk­sam­keit von Kündi­gun­gen er­las­sen, die kirch­li­che Ein­rich­tun­gen ge­gen in ih­ren Diens­ten ste­hen­de Ar­beit­neh­mer we­gen Ver­let­zung von Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten aus­ge­spro­chen ha­ben (- BvR 1703/83, 1718/83, 856/84 -, Be­schluss veröffent­licht in der Samm­lung der Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, Bd. 70, S. 138-173). Ge­gen­stand der in Re­de ste­hen­den Ver­fas­sungs­be­schwer­den war ei­ner­seits die Kündi­gung ei­nes in ei­nem ka­tho­li­schen Kran­ken­haus beschäftig­ten Arz­tes we­gen sei­nes Stand­punkts zum The­ma Ab­trei­bung und an­de­rer­seits die Kündi­gung ei­nes kaufmänni­schen An­ge­stell­ten ei­nes Ju­gend­wohn­hei­mes, das von ei­ner Or­dens­ge­mein­schaft der ka­tho­li­schen Kir­che geführt wird, we­gen sei­nes Aus­tritts aus der ka­tho­li­schen Kir­che. Nach­dem die Ar­beits­ge­rich­te den bei­den gekündig­ten Per­so­nen Recht ge­ge­ben hat­ten, ha­ben die Kir­chen das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt an­ge­ru­fen. Die­ses hat­te ih­ren Be­schwer­den statt­ge­ge­ben.

Das ho­he Ge­richt hat dar­an er­in­nert, dass das Recht der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten, ih­re An­ge­le­gen­hei­ten selbständig in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes nach Maßga­be des Ar­ti­kels 137 Ab­satz 3 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung zu re­geln, nicht nur für die Kir­chen gel­ten würde, son­dern oh­ne Rück­sicht auf ih­re Rechts­form auch für al­le der Kir­che in be­stimm­ter Wei­se zu­ge­ord­ne­ten Ein­rich­tun­gen, wenn sie ein Stück des Auf­trags der Kir­che wahr­neh­men. Be­stand­teil die­ser Ver­fas­sungs­ga­ran­tie sei das Recht der Kir­chen, das für die Erfüllung ih­res Auf­trags er­for­der­li­che Per­so­nal aus­zuwählen und so­mit Ar­beits­verträge ab­zu­sch­ließen. Be­die­nen sich die Kir­chen wie je­der­mann der Pri­vat­au­to­no­mie zur Be­gründung von Ar­beits­verhält­nis­sen, würde auf die­se das staat­li­che Ar­beits­recht An­wen­dung fin­den. Die An­wen­dung des Ar­beits­rechts würde aber nicht da­zu führen, die Zu­gehörig­keit der Ar­beits­verhält­nis­se zu den ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten der Kir­che auf­zu­he­ben. Die Ver­fas­sungs­ga­ran­tie des Selbst­be­stim­mungs­rechts der Kir­chen blei­be für die Ge­stal­tung der Ar­beits­verhält­nis­se we­sent­lich. So könne ei­ne Kir­che im In­ter­es­se der ei­ge­nen Glaubwürdig­keit ih­re Ar­beits­verträge auf das Leit­bild ei­ner christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft stützen und dem-nach von den ihr an­gehören­den Ar­beit­neh­mern die Be­ach­tung der tra­gen­den Grundsätze der kirch­li­chen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re so­wie der fun­da­men­ta­len Ver­pflich­tun­gen ver­lan­gen, die je­dem Kir­chen­glied ob­lie­gen. Durch all das würde die Rechts­stel­lung des kirch­li­chen

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Ar­beit­neh­mers kei­nes­wegs „kle­ri­ka­li­siert“. Es gin­ge viel­mehr aus­sch­ließlich um den In­halt und Um­fang der ver­trag­lich be­gründe­ten Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten. Dies führe nicht da­zu, dass aus dem bürger­lich-recht­li­chen Ar­beits­verhält­nis ei­ne Art kirch­li­ches Sta­tus­verhält­nis wird, das die Per­son to­tal er­greift und ih­re pri­va­te Le­bensführung voll um­fasst.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat eben­falls dar­ge­legt, dass die Ge­stal­tungs­frei­heit der Kir­chen un­ter dem Vor­be­halt des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes ste­he, ein­sch­ließlich der Vor­schrif­ten zum Schutz vor un­ge­recht­fer­tig­ten Kündi­gun­gen, nämlich die §§ 1 des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes und 626 des Bürger­li­chen Ge­setz­bu­ches. Dies würde aber nicht be­deu­ten, dass die­se Be­stim­mun­gen den so ge­nann­ten Kir­chen­ar­ti­keln der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung vor­ge­hen würden. So­mit müsse ei­ne Abwägung der un­ter­schied­li­chen Rech­te vor­ge­nom­men und dem Selbst­verständ­nis der Kir­chen ein be­son­de­res Ge­wicht bei­ge­mes­sen wer­den. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt führ­te wei­ter aus:

„Dar­aus folgt: Gewähr­leis­tet die Ver­fas­sungs­ga­ran­tie des kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts, dass die Kir­chen bei der ar­beits­ver­trag­li­chen Ge­stal­tung des kirch­li­chen Diens­tes das Leit­bild ei­ner christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft zu­grun­de le­gen und die Ver­bind­lich­keit kirch­li­cher Grund­pflich­ten be­stim­men können, so ist die­se Gewähr­leis­tung bei der An­wen­dung des Kündi­gungs­schutz­rechts auf Kündi­gun­gen von Ar­beits­verhält­nis­sen we­gen der Ver­let­zung der sich dar­aus für die Ar­beit­neh­mer er­ge­ben­den Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Gründen zu berück­sich­ti­gen und ih­re Trag­wei­te fest­zu­stel­len. Ei­ne Rechts­an­wen­dung, bei der die vom kirch­li­chen Selbst­verständ­nis her ge­bo­te­ne Ver­pflich­tung der kirch­li­chen Ar­beit­neh­mer auf grund­le­gen­de Ma­xi­men kirch­li­chen Le­bens ar­beits­recht­lich oh­ne Be­deu­tung blie­be, wi­derspräche dem ver­fas­sungs­verbürg­ten Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­chen.

Dar­aus er­gibt sich: Im Streit­fall ha­ben die Ar­beits­ge­rich­te die vor­ge­ge­be­nen kirch­li­chen Maßstäbe für die Be­wer­tung ver­trag­li­cher Loya­litäts­pflich­ten zu­grun­de zu le­gen, so­weit die Ver­fas­sung das Recht der Kir­chen an­er­kennt, hierüber selbst zu be­fin­den. Es bleibt da­nach grundsätz­lich den ver­fass­ten Kir­chen über­las­sen, ver­bind­lich zu be­stim­men, was "die Glaubwürdig­keit der Kir­che und ih­rer Verkündi­gung er­for­dert", was "spe­zi­fisch kirch­li­che Auf­ga­ben" sind, was "Nähe" zu ih­nen be­deu­tet, wel­ches die "we­sent­li­chen Grundsätze der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re" sind und was als - ge­ge­be­nen­falls schwe­rer - Ver­s­toß ge­gen die­se an­zu­se­hen ist. Auch die Ent­schei­dung darüber, ob und wie in­ner­halb der im kirch­li­chen Dienst täti­gen Mit­ar­bei­ter ei­ne "Ab­stu­fung" der Loya­litäts­pflich­ten ein­grei­fen soll, ist grundsätz­lich ei­ne dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht un­ter­lie­gen­de An­ge­le­gen­heit. So­weit die­se kirch­li­chen Vor­ga­ben den an­er­kann­ten Maßstäben der ver­fass­ten Kir­chen Rech­nung tra­gen, was in Zwei­felsfällen durch ent­spre­chen­de ge­richt­li­che Rück­fra­gen bei den zuständi­gen Kir­chen­behörden auf­zuklären ist, sind die Ar­beits­ge­rich­te

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an sie ge­bun­den, es sei denn, die Ge­rich­te begäben sich da­durch in Wi­der­spruch zu Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung, wie sie im all­ge­mei­nen Willkürver­bot so­wie in dem Be­griff der "gu­ten Sit­ten" und des ord­re pu­blic ih­ren Nie­der­schlag ge­fun­den ha­ben. Es bleibt in die­sem Be­reich so­mit Auf­ga­be der staat­li­chen Ge­richts­bar­keit si­cher­zu­stel­len, dass die kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen nicht in Ein­z­elfällen un­an­nehm­ba­re An­for­de­run­gen - in­so­weit mögli­cher­wei­se ent­ge­gen den Grundsätzen der ei­ge­nen Kir­che und der dar­aus fol­gen­den Fürsor­ge­pflicht - an die Loya­lität ih­rer Ar­beit­neh­mer stel­len.

Kom­men sie hier­bei zur An­nah­me ei­ner Ver­let­zung sol­cher Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten, so ist die wei­te­re Fra­ge, ob die­se Ver­let­zung ei­ne Kündi­gung des kirch­li­chen Ar­beits­verhält­nis­ses sach­lich recht­fer­tigt, nach den kündi­gungs­schutz­recht­li­chen Vor­schrif­ten der §§ 1 KSchG, 626 BGB zu be­ant­wor­ten (...)“

. Die Richt­li­nie 2000/78/EG vom 27. No­vem­ber 2000

27. In der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf heißt es:

Erwägungs­grund (24)

„Die Eu­ropäische Uni­on hat in ih­rer der Schluss­ak­te zum Ver­trag von Ams­ter­dam bei­gefügten Erklärung Nr. 11 zum Sta­tus der Kir­chen und welt­an­schau­li­chen Ge­mein­schaf­ten aus­drück­lich an­er­kannt, dass sie den Sta­tus, den Kir­chen und re­li­giöse Ver­ei­ni­gun­gen oder Ge­mein­schaf­ten in den Mit­glied­staa­ten nach de­ren Rechts­vor­schrif­ten ge­nießen, ach­tet und ihn nicht be­ein­träch­tigt und dass dies in glei­cher Wei­se für den Sta­tus von welt­an­schau­li­chen Ge­mein­schaf­ten gilt. Die Mit­glied­staa­ten können in die­ser Hin­sicht spe­zi­fi­sche Be­stim­mun­gen über die we­sent­li­chen, rechtmäßigen und ge­recht­fer­tig­ten be­ruf­li­chen An­for­de­run­gen bei­be­hal­ten oder vor­se­hen, die Vo-raus­set­zung für die Ausübung ei­ner dies­bezügli­chen be­ruf­li­chen Tätig­keit sein können.“

Ar­ti­kel 4

Be­ruf­li­che An­for­de­run­gen

„(1) (...) können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen [der Re­li-

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auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­delt.

(2) Die Mit­glied­staa­ten können in Be­zug auf be­ruf­li­che Tätig­kei­ten in­ner­halb von Kir­chen und an­de­ren öffent­li­chen oder pri­va­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, Be­stim­mun­gen in ih­ren (...) gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten bei­be­hal­ten oder in künf­ti­gen Rechts­vor­schrif­ten Be­stim­mun­gen vor­se­hen, die zum Zeit­punkt der An­nah­me die­ser Richt­li­nie be­ste­hen­de ein­zel­staat­li­che Ge­pflo­gen­hei­ten wi­der­spie­geln und wo­nach ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung ei­ner Per­son kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn die Re­li­gi­on oder die Welt­an­schau­ung die­ser Per­son nach der Art die­ser Tätig­kei­ten oder der Umstände ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on dar­stellt. (...).
So­fern die Be­stim­mun­gen die­ser Richt­li­nie im übri­gen ein­ge­hal­ten wer­den, können die Kir­chen und an­de­ren öffent­li­chen oder pri­va­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, im Ein­klang mit den ein­zel­staat­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen und Rechts­vor­schrif­ten von den für sie ar­bei­ten­den Per­so­nen ver­lan­gen, dass sie sich loy­al und auf­rich­tig im Sin­ne des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on ver­hal­ten.“

RECHT­L­CHE WÜRDI­GUNG

I. DIE BE­HAUP­TE­TE VER­LET­ZUNG DES AR­TIKELS 8 DER KON­VEN­TION

28. Der Be­schwer­deführer be­haup­tet, sein Ehe­bruch recht­fer­ti­ge nicht sei­ne frist­lo­se Kündi­gung; fer­ner rügt er die Bestäti­gung die­ser Kündi­gung durch die Ar­beits­ge­rich­te und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Er be­ruft sich auf Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on, des­sen ein­schlägi­ger Pas­sus wie folgt lau­tet:

„(1) Je­de Per­son hat das Recht auf Ach­tung ih­res Pri­vat (...) -le­bens (....)

(2) Ei­ne Behörde darf in die Ausübung die­ses Rechts nur ein­grei­fen, so­weit der Ein­griff ge­setz­lich vor­ge­se­hen und in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft not­wen­dig ist ... zum Schutz der Rech­te und Frei­hei­ten an­de­rer.“

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29. Die Re­gie­rung be­strei­tet die­se Be­haup­tung.

A. Zur Zulässig­keit

30. Der Ge­richts­hof stellt fest, dass die Be­schwer­de nicht of­fen­sicht­lich un­be­gründet im Sin­ne von Ar­ti­kel 35 Ab­satz 3 der Kon­ven­ti­on ist. Er stellt fer­ner fest, dass in Be­zug auf die Rüge kein an­de­rer Un­zulässig­keits­grund vor­liegt. Die Be­schwer­de ist da­her für zulässig zu erklären.

B. Zur Haupt­sa­che

1. Stel­lung­nah­men der Par­tei­en

a) Der Be­schwer­deführer

31. Der Be­schwer­deführer be­haup­tet, die Ar­beits­ge­rich­te hätten die in Re­de ste­hen­den In­ter­es­sen un­zu­rei­chend gewürdigt und ab­ge­wo­gen. Dies führe zu ei­nem Recht­spre­chungs-Au­to­ma­tis­mus zu­guns­ten der Kir­chen, die dem Be­trof­fe­nen zu­fol­ge im deut­schen Recht ei­nen pri­vi­le­gier­ten Sta­tus in­ne­ha­ben, den kei­ne an­de­re wohltäti­ge Or­ga­ni­sa­ti­on ge­nieße. Sein Recht auf Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens oder sei­ner In­tim­sphäre sei­en von den Ar­beits­ge­rich­ten nicht ge­prüft wor­den. Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on ver­lei­he ihm aber das Recht, ein Le­bens­mo­dell auf­zu­ge­ben und ein neu­es zu wählen. Der Be­trof­fe­ne be­haup­tet, dass die­ses Recht, auch wenn es das Recht der Kir­chen, ih­re An­ge­le­gen­hei­ten selbständig zu re­geln, nicht in Fra­ge stel­le, den­noch nicht so weit ge­hen dürfe, dass sie ih­re Beschäftig­ten zwin­gen können, Glau­benssätze über den be­ruf­li­chen Be­reich hin­aus zu be­fol­gen. Er trägt vor, dass die Ar­beits­ge­rich­te ih­re Recht­spre­chung in völlig un­vor­her­seh­ba­rer Wei­se aus­ge­dehnt hätten, da bis­her ei­ne Kündi­gung sei­nes Wis­sens nur im Fal­le ei­ner Wie­der­ver­hei­ra­tung und nicht auf­grund ei­ner außer­ehe­li­chen in­ti­men Be­zie­hung aus­ge­spro­chen wer­den durf­te. An­ge­sichts der Viel­zahl der kirch­li­chen Ge­bo­te man­ge­le es in die­ser Hin­sicht an Vor­her­seh­bar­keit; die Kündi­gung hänge schließlich al­lein von den An­sich­ten des je­wei­li­gen Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen ab. Die Rol­le des Ar­beits­ge­richts be­schränke sich so­mit dar­auf, den Wil­len des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers aus­zuführen. Nach An­sicht des Be­schwer­deführers liegt die Fol­ge die­ser Ten­denz dar­in, dass der Ar­beit­ge­ber und das Ar­beits­ge­richt ver­an­lasst wer­den, sich zu­neh­mend in das Pri­vat­le­ben der Beschäftig­ten ein­zu­mi­schen, um die als Grund­la­ge für die Kündi­gung die­nen­den Fak­ten zu er­mit­teln und zu würdi­gen. Im Übri­gen wer­de die Glaubwürdig-

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keit ei­ner Kir­che nicht da­durch erschüttert, dass der ein oder an­de­re Beschäftig­te ei­ni­ge kirch­li­che Re­geln nicht ge­nau be­ach­te; dar­in ma­ni­fes­tie­re sich le­dig­lich das ty­pi­sche Mensch­sein der frag­li­chen Per­son.

32. Der Be­schwer­deführer hebt fer­ner her­vor, dass er nicht auf sei­ne Pri­vat­sphäre ver­zich­tet ha­be, als er den Ar­beits­ver­trag mit der mor­mo­ni­schen Kir­che un­ter­zeich­net ha­be. Un­ter Hin­weis auf die Macht, die je­der Ar­beit­ge­ber bei ei­ner Ein­stel­lung be­sit­ze, fügt er hin­zu, dass er je­den­falls kei­ne Wahl ge­habt ha­be, die pau­scha­le Klau­sel in § 10 des Ver­trags, ab­zu­leh­nen. Außer­dem be­haup­tet er, er ha­be im Zeit­punkt der Un­ter­zeich­nung des Ver­trags im Jahr 1986 nicht vor­her­se­hen können, dass er sich ei­nes Ta­ges von sei­ner Frau tren­nen würde. Der Be­schwer­deführer sieht Ehe­bruch nicht als das schwers­te Ver­ge­hen nach Mord an, denn an­de­re Ver­se des Bu­ches Mor­mon erwähn­ten die Möglich­keit der Reue und der Ver­ge­bung. Sein Vor­ge­setz­ter S. ha­be ihn fer­ner ge­zwun­gen, N. sei­ne außer­ehe­li­che Be­zie­hung zu of­fen­ba­ren. Wie dem auch sei, er ha­be auf­grund sei­ner Stel­lung als ein­fa­cher Mit­ar­bei­ter, der le­dig­lich den Ge­bietspräsi­den­ten zu­zu­ar­bei­ten hat­te, der sei­ner­seits die Mor­mo­nen­kir­che nach außen ver­tre­ten ha­be, kei­nen ge­stei­ger­ten Loya­litäts­pflich­ten un­ter­le­gen.

33. Der Be­schwer­deführer be­haup­tet schließlich, dass die Grund­satz­ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts von 1985 nicht sei­ne Pri­vat­sphäre be­tref­fe, dass der von der Re­gie­rung gel­tend ge­mach­te Er­mes­sens­spiel­raum nicht ge­ge­ben sei, da die Öffent­lich­keit in Deutsch­land sich im­mer we­ni­ger für Wie­der­ver­hei­ra­tun­gen in­ter­es­sie­re und die eu­ropäische Richt­li­nie 2000/78/EG nur die Fra­ge der Ein­stel­lung und nicht die der Kündi­gung nach lan­ger Beschäfti­gungs­dau­er be­hand­le.

b) Die Re­gie­rung

34. Die Re­gie­rung be­haup­tet, dass die Mor­mo­nen­kir­che trotz ih­res Sta­tus als öffent­lich-recht­li­che Körper­schaft nicht zur öffent­li­chen Ge­walt zählt. Es lie­ge da­her kein Ein­griff durch die staat­li­che Ge­walt in die Rech­te des Be­schwer­deführers vor. Die Re­gie­rung ist da­her der Auf­fas­sung, dass die von den Ar­beits­ge­rich­ten an­geführ­te Ver­feh­lung al­lein un­ter dem Blick­win­kel der Schutz­pflicht des Staa­tes be­ur­teilt wer­den könne. Da es kei­nen ge­mein­sa­men Stan­dard der Mit­glied­staa­ten ge­be, sei der Ge­stal­tungs­spiel­raum weit, zu­mal es sich hier um ei­nen Be­reich han­de­le, der mit re­li­giösen Gefühlen, Tra­di­tio­nen und der Re­li­gi­on ver­bun­den sei. Die Re­gie­rung ruft in Er­in­ne­rung, dass die Eu­ropäische Kom­mis­si­on für Men­schen­rech­te im Übri­gen die Erwägungs­gründe im Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom

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4. Ju­ni 1985 bestätigt hat­te, auf die das Bun­des­ar­beits­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall Be­zug ge­nom­men hat­te (R. ./. Deutsch­land, Nr. 12242/86, Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on vom 6. Sep­tem­ber 1989, Ent­schei­dun­gen und Be­rich­te 62, 151).

35. Die Re­gie­rung legt an­sch­ließend dar, dass die Ar­beits­ge­rich­te, die über ei­nen Rechts­streit zwi­schen zwei Rech­te­inha­bern zu ent­schei­den hat­ten, die In­ter­es­sen des Be­schwer­deführers und das Recht der Mor­mo­nen­kir­che, ih­re An­ge­le­gen­hei­ten nach Ar­ti­kel 137 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung au­to­nom zu re­geln, ab­zuwägen hat­ten. Sie ver­tritt die Auf­fas­sung, das Ar­beits­ge­richt sei bei der An­wen­dung der Kündi­gungs­vor­schrif­ten ge­hal­ten ge­we­sen, den Grundsätzen der Mor­mo­nen­kir­che Rech­nung zu tra­gen, da es den Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten selbst nach ih­rem Selbst­be­stim­mungs­recht ob­lie­ge, die Loya­litäts­pflich­ten fest­zu­le­gen, die ih­re Ar­beit­neh­mer zu be­ach­ten ha­ben, um die Glaubwürdig­keit die­ser Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten zu be­wah­ren. Die Re­gie­rung führt aus, dass so­mit die Berück­sich­ti­gung kirch­li­cher Vor­ga­ben nicht schran­ken­los ist und die staat­li­chen Ge­rich­te nicht ei­ne Vor­schrift an­wen­den dürfen, die den all­ge­mei­nen Grundsätzen der Rechts­ord­nung zu­wi­derläuft. Mit an­de­ren Wor­ten: Die kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber können zwar ih­ren Beschäftig­ten Loya­litäts­pflich­ten auf­er­le­gen, doch ist es nicht ih­re Auf­ga­be, Kündi­gungs­gründe fest­zu­le­gen, was durch die Aus­le­gung der ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten zum Kündi­gungs­schutz sei­tens des Ge­richts er­folgt.

36. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt und an­sch­ließend das Lan­des­ar­beits­ge­richt hätten die­se Grundsätze auf den vor­lie­gen­den Fall an­ge­wandt und die in Re­de ste­hen­den In­ter­es­sen gebührend ab­ge­wo­gen, nämlich die Art der Stel­lung, die der Be­schwer­deführer be­klei­de­te (Aus­bil­dung von 170 Mit­ar­bei­tern), die Schwe­re der Ver­feh­lung nach der Wahr­neh­mung der Mor­mo­nen­kir­che (wie­der­hol­ter Ehe­bruch), das Al­ter des Be­schwer­deführers (34 Jah­re) und die Dau­er sei­ner Beschäfti­gung (sie­ben Jah­re). Die Re­gie­rung fügt hin­zu, dass ei­ne Kündi­gung zwar tatsächlich die im deut­schen Ar­beits­recht aus­zu­spre­chen­de schwers­te Sank­ti­on sei (ul­ti­ma ra­tio), doch ei­ne we­ni­ger schwer­wie­gen­de Maßnah­me, bei­spiels­wei­se ei­ne Ab­mah­nung, vor­lie­gend nicht ge­bo­ten ge­we­sen sei, da ih­res Er­ach­tens der Be­schwer­deführer kei­nen Zwei­fel dar­an ha­ben konn­te, dass sein Ar­beit­ge­ber sein Ver­hal­ten nicht to­le­rie­ren würde. Sie weist dar­auf hin, dass der Be­schwer­deführer frei­wil­lig den Ar­beits­ver­trag mit der Mor­mo­nen­kir­che ab­ge­schlos­sen ha­be, in dem für be­stimm­te Ämter ge­stei­ger­te Loya­litäts-pflich­ten vor­ge­se­hen wa­ren. Der Be­schwer­deführer ha­be so­mit der Be­schränkung sei­ner Rech­te zu­ge­stimmt, was nach den Be­stim­mun­gen der Kon­ven­ti­on möglich sei (vor­ge­nann­te Ent­schei­dung R.). Da er in der Mor­mo­nen­kir­che auf­ge­wach­sen sei, hätten ihm die grund­le-

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gen­de Be­deu­tung der Treue der Ehe­gat­ten in­ner­halb die­ser Kir­che und die et­wai­gen Fol­gen sei­nes Ehe­bruchs be­wusst sein müssen. Sch­ließlich trägt die Re­gie­rung vor, dass die Tat­sa­che, dass die Loya­litäts­pflich­ten sich auf das Pri­vat­le­ben des Ar­beit­neh­mers aus­wir­ken können, für zwi­schen kirch­li­chen Ar­beit­ge­bern und ih­ren Mit­ar­bei­ter ge­schlos­se­ne Verträge be­zeich­nend sei.

c) Die Dritt­be­tei­lig­te

37. Die Mor­mo­nen­kir­che pflich­tet im We­sent­li­chen den Schluss­fol­ge­run­gen der Re­gie­rung bei und be­tont, dass ih­res Er­ach­tens die Fest­stel­lung ei­ner Ver­let­zung der Kon­ven­ti­on ei­nen schwe­ren Ein­griff dar­stellt, der eu­ro­pa­weit Fol­gen für die Ar­beits­verhält­nis­se al­ler Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten hätte. Die Selbständig­keit die­ser Ge­mein­schaf­ten sei für den re­li­giösen Plu­ra­lis­mus in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft un­ab­ding­bar. Es sei Auf­ga­be der Kir­chen ih­re Art der Or­ga­ni­sa­ti­on zu be­stim­men und über die Be­deu­tung der Vor­ga­ben für sie und ih­re Mit­glie­der zu ent­schei­den. Die­se Vor­ga­ben müss­ten als Be­stand­teil der Iden­tität der Kir­che von den staat­li­chen welt­li­chen Behörden be­ach­tet wer­den, selbst in den Fällen, in de­nen nicht so stren­ge Stan­dards im Hin­blick auf das welt­li­che Recht und die welt­li­chen Über­zeu­gun­gen An­wen­dung fin­den könn­ten.
38. Die Mor­mo­nen­kir­che fügt hin­zu, dass ih­re An­for­de­run­gen an das Ver­hal­ten ih­rer Gläubi­gen si­cher hoch sind. Das Ver­bot des Ehe­bruchs sei nicht nur ei­ne Re­gel un­ter zahl-rei­chen an­de­ren, son­dern ei­nes der wich­tigs­ten Ge­bo­te und ste­he im Zen­trum ih­rer Glau­bens­leh­re. Ech­te Reue ge­bie­te es dem Be­trof­fe­nen, sei­ne Hand­lun­gen zu ge­ste­hen, die Ab­sicht zu zei­gen, die vor­he­ri­ge Si­tua­ti­on wie­der her­zu­stel­len, dem Ehe­bruch ein En­de zu set­zen und die Fol­gen sei­ner Sünde, die bei­spiels­wei­se in ei­nem Ar­beits­ver­trag vor­ge­se­hen sind, zu tra­gen.

2. Die Würdi­gung durch den Ge­richts­hof

39. Der Ge­richts­hof ruft in Er­in­ne­rung, dass der Be­griff „Pri­vat­le­ben“ weit ge­fasst ist und nicht ab­sch­ließend de­fi­niert wer­den kann. Die­ser Be­griff be­zieht sich auf die körper­li­che und mo­ra­li­sche Un­ver­sehrt­heit ei­ner Per­son und um­fasst ge­le­gent­lich As­pek­te der phy­si­schen und so­zia­len Iden­tität ei­ner Per­son, dar­un­ter das Recht, Be­zie­hun­gen zu an­de­ren Men­schen zu knüpfen und zu ent­wi­ckeln, das Recht auf „persönli­che Ent­fal­tung“ oder das Recht auf

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Selbst­be­stim­mung als sol­ches. Der Ge­richts­hof weist auch dar­auf hin, dass die­se As­pek­te, wie bei­spiels­wei­se die se­xu­el­le Iden­tität, der Na­me, die se­xu­el­le Aus­rich­tung und das Se­xu­al­le­ben zu der durch Ar­ti­kel 8 geschütz­ten Persönlich­keits­sphäre zählen (E.B. ./. Frank­reich [GK], Nr. 43546/02, Rd­nr. 43, CEDH 2008-..., und Schlumpf ./. Schweiz, Nr. 29002/06, Rd­nr. 100, 8. Ja­nu­ar 2009).

40. Der Ge­richts­hof stellt im vor­lie­gen­den Fall zunächst fest, dass der Be­schwer­deführer nicht staat­li­ches Han­deln rügt, son­dern den Um­stand, dass die­ser sei­ne Pri­vat­sphäre nicht ge­gen den Ein­griff sei­nes Ar­beit­ge­bers geschützt hat. Hier­zu macht er gleich zu Be­ginn dar­auf auf­merk­sam, dass die Mor­mo­nen­kir­che trotz ih­res Sta­tus als öffent­lich-recht­li­che Körper­schaft nach deut­schen Recht kei­ne ho­heit­li­chen Rech­te ausübt (vgl. vor­ge­nann­te Ent­schei­dung R., Fins­ka Försam­lin­gen i Stock­holm und Teu­vo Hau­ta­nie­mi ./. Schwe­den, Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on vom 11. April 1996, Nr. 24019/94, und Pre­do­ta ./. Öster­reich (Entsch.), Nr. 28962/95, 18. Ja­nu­ar 2000).

41. Der Ge­richts­hof macht an­sch­ließend deut­lich, dass Ar­ti­kel 8 zwar grundsätz­lich zum Ziel hat, den Ein­zel­nen vor willkürli­chen behörd­li­chen Ein­grif­fen zu schützen, sich je­doch nicht dar­auf be­schränkt, dem Staat auf­zu­er­le­gen, sich sol­cher Ein­grif­fe zu ent­hal­ten: Zu die­ser ne­ga­ti­ven Ver­pflich­tung können po­si­ti­ve Ver­pflich­tun­gen hin­zu­kom­men, die Be­stand­teil ei­ner wirk­sa­men Ach­tung des Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens sind. Die­se können Maßnah­men er­for­der­lich ma­chen, die der Ach­tung der Pri­vat­sphäre die­nen und bis in die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Ein­zel­nen un­ter­ein­an­der rei­chen. Die Ab­gren­zung der po­si­ti­ven von den ne­ga­ti­ven Ver­pflich­tun­gen des Staa­tes aus Ar­ti­kel 8 eig­net sich zwar nicht für ei­ne präzi­se Be­stim­mung, doch sind die an­wend­ba­ren Grundsätze durch­aus ver­gleich­bar. In bei­den Fällen ist ins­be­son­de­re das zwi­schen dem All­ge­mein­in­ter­es­se und den In­ter­es­sen des Ein­zel­nen her­zu­stel­len­de aus­ge­wo­ge­ne Gleich­ge­wicht zu berück­sich­ti­gen, wo­bei der Staat in je­dem Fall über ei­nen Er­mes­sens­spiel­raum verfügt (Evans ./. Ver­ei­nig­tes König­reich [GK], Nr. 6339/05, Rd­nrn. 75-76, CEDH 2007-IV, vor­ge­nann­te Ent­schei­dung R.; sie­he auch Fu­en­tes Bo­bo ./. Spa­ni­en, Nr. 39293/98, Rd­nr. 38, 29. Fe­bru­ar 2000).

42. Der Ge­richts­hof führt fer­ner aus, dass der dem Staat ein­geräum­te Ge­stal­tungs­spiel­raum wei­ter ist, wenn es in­ner­halb der Mit­glied­staa­ten des Eu­ro­pa­rats kei­nen Kon­sens über die Be­deu­tung der in Re­de ste­hen­den In­ter­es­sen oder über die bes­ten Mit­tel zu ih­rem Schutz gibt. Der Spiel­raum ist ganz all­ge­mein auch weit, wenn der Staat ei­nen ge­rech­ten Aus­gleich zwi­schen kon­kur­rie­ren­den pri­va­ten und öffent­li­chen In­ter­es­sen oder ver­schie­de-

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nen kon­ven­ti­ons­recht­lich geschütz­ten Rech­ten her­bei­zuführen hat (vor­ge­nann­te Rechts­sa­che Evans, Rd­nr. 77).

43. Die grund­le­gen­de Fra­ge, die sich im vor­lie­gen­den Fall stellt, lau­tet dem­nach, ob der Staat im Rah­men sei­ner Schutz­pflich­ten aus Ar­ti­kel 8 ver­pflich­tet war an­zu­er­ken­nen, dass dem Be­schwer­deführer im Zu­sam­men­hang mit der von der Mor­mo­nen­kir­che aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung das Recht auf Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens zu­stand. Folg­lich hat der Ge­richt­hof bei der Prüfung der von den deut­schen Ar­beits­ge­rich­ten vor­ge­nom­me­nen Abwägung die­ses Rechts des Be­schwer­deführers mit dem Recht der Mor­mo­nen­kir­che aus den Ar­ti­keln 9 und 11 zu er­mit­teln, ob das Maß des dem Be­schwer­deführer ge­bo­te­nen Schut­zes aus­rei­chend war oder nicht.

44. In die­ser Hin­sicht weist der Ge­richts­hof dar­auf hin, dass die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten tra­di­tio­nell und welt­weit in Form or­ga­ni­sier­ter Struk­tu­ren exis­tie­ren; wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on ei­ner sol­chen Ge­mein­schaft in Re­de steht, ist al­so Ar­ti­kel 9 im Lich­te des Ar­ti­kels 11 der Kon­ven­ti­on aus­zu­le­gen, der die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit vor jeg­li­chem un­ge­recht­fer­tig­ten staat­li­chen Ein­griff schützt. Ih­re für den Plu­ra­lis­mus in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft un­ver­zicht­ba­re Au­to­no­mie gehört nämlich zum Kern­be­stand des Schut­zes, den Ar­ti­kel 9 ver­mit­telt. Der Ge­richts­hof legt fer­ner dar, dass das Recht auf Re­li­gi­ons­frei­heit im Sin­ne der Kon­ven­ti­on außer in ex­tre­men Aus­nah­mefällen jeg­li­che Be­ur­tei­lung sei­tens des Staa­tes im Hin­blick auf die Rechtmäßig­keit des re­li­giösen Be­kennt­nis­ses oder die Art und Wei­se, in der es zum Aus­druck ge­bracht wird, aus­sch­ließt (Has­san und Tchaouch ./. Bul­ga­ri­en [GK], Nr. 30985/96, Rd­nrn. 62 und 78, CEDH 2000-XI). Geht es schließlich um Fra­gen über das Verhält­nis zwi­schen Staat und Re­li­gio­nen, hin­sicht­lich de­rer in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft be­rech­tig­ter­wei­se tief­grei­fen­de Di­ver­gen­zen herr­schen können, ist der Rol­le der na­tio­na­len Ent­schei­dungs­träger be­son­de­re Be­deu­tung bei­zu­mes­sen (Ley­la Þahin ./. Türkei [GK], Nr. 44774/98, Rd­nr. 108, CEDH 2005-XI).

45. Der Ge­richts­hof stellt zunächst her­aus, dass Deutsch­land, in­dem es ein Ar­beits­ge­richts­sys­tem so­wie ein Ver­fas­sungs­ge­richt, das für die Kon­trol­le der durch die Ar­beits­ge­rich­te er­gan­ge­nen Ent­schei­dun­gen zuständig ist, ein­ge­rich­tet hat, sei­ne Schutz­pflicht ge­genüber den Recht­su­chen­den im ar­beits­recht­li­chen Be­reich erfüllt hat, in dem die Strei­tig­kei­ten ganz all­ge­mein die Rech­te der Be­trof­fe­nen aus Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on berühren. Folg­lich hat­te der Be­schwer­deführer im vor­lie­gen­den Fall die Möglich­keit, das Ar­beits­ge­richt mit sei­nem Fall zu be­fas­sen, das die Rechtmäßig­keit der strei­ti­gen Kündi­gung un­ter dem Blick­win­kel

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des staat­li­chen Ar­beits­rechts un­ter Berück­sich­ti­gung des kirch­li­chen Ar­beits­rechts zu un­ter­su­chen und die wi­der­strei­ten­den In­ter­es­sen des Be­schwer­deführers und des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers ab­zuwägen hat­te.

46. Der Ge­richts­hof merkt da­nach an, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt mit sei­nem Ur­teil vom 24. April 1997 sich um­fas­send auf die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Ur­teil vom 4. Ju­ni 1985 auf­ge­stell­ten Grundsätze be­zo­gen hat (Rd­nr. 26 oben). Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat ins­be­son­de­re her­aus­ge­stellt, dass die An­wend­bar­keit des staat­li­chen Ar­beits­rechts zwar nicht die Zu­gehörig­keit der Ar­beits­verhält­nis­se zu den ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten der Kir­chen hin­de­re, das Ar­beits­ge­richt je­doch nur un­ter der Vor­aus­set­zung an die tra­gen­den Grundsätze der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re kirch­li­cher Ar­beit­ge­ber ge­bun­den sei, dass die­se Leh­re der Leh­re der ver­fass­ten Kir­chen Rech­nung trägt und nicht im Wi­der­spruch zu den Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung steht.

47. In Be­zug auf die An­wen­dung die­ser Kri­te­ri­en auf den Fall des Be­schwer­deführers stellt der Ge­richts­hof fest, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der Mei­nung war, dass die Vor­ga­ben der Mor­mo­nen­kir­che hin­sicht­lich der ehe­li­chen Treue den Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung nicht wi­der­spre­chen, weil der Ehe auch in an­de­ren Re­li­gio­nen und im Grund­ge­setz ei­ne her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung zu­kom­me. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt be­ton­te in die­sem Zu­sam­men­hang, dass die Mor­mo­nen­kir­che die Kündi­gung nur des­halb auf den Ehe­bruch des Be­schwer­deführer ha­be stützen können, weil der Be­trof­fe­ne selbst ihr die In­for­ma­tio­nen über den Ehe­bruch zur Kennt­nis ge­bracht ha­be. Nach­dem es die Ar­gu­men­te der Par­tei­en ge­prüft hat­te, ge­lang­te es zu dem Schluss, dass der Be­schwer­deführer aus ei­ge­nem An­trieb sei­nen Ar­beit­ge­ber über sein Ver­hal­ten, das die Kündi­gung be­ding­te, un­ter­rich­tet hat und dass ins­be­son­de­re sei­ne Be­haup­tun­gen zum rein seel­sor­ge­ri­schen Cha­rak­ter sei­ner Gespräche mit S., dann mit N., kei­ne Grund­la­ge in den er­wie­se­nen Tat­sa­chen fänden und im Wi­der­spruch zu der nicht vor­han­de­nen seel­sor­ge­ri­schen Kom­pe­tenz von N. stünden.

48. Dar­auf­hin stellt der Ge­richts­hof fest, dass dem Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­fol­ge die Kündi­gung ei­ne er­for­der­li­che Maßnah­me war, um die Glaubwürdig­keit der Mor­mo­nen­kir­che zu be­wah­ren, vor al­lem an­ge­sichts der Art der Po­si­ti­on, die der Be­schwer­deführer in­ne­hat­te, und der Be­deu­tung, die der ab­so­lu­ten Treue zum Ehe­gat­ten in der Kir­che zu­kommt. Das ho­he Ge­richt hat auch aus­geführt, wes­halb die Mor­mo­nen­kir­che nicht ver­pflich­tet war, zunächst ei­ne we­ni­ger schwe­re Sank­ti­on, bei­spiels­wei­se ei­ne Ab­mah­nung, aus­zu­spre­chen. Der Ge­richts­hof führt wei­ter­hin aus, dass nach An­sicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts der Scha-

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den des Be­schwer­deführers durch die Kündi­gung an­ge­sichts sei­nes Al­ters, der Dau­er sei­ner Beschäfti­gung und der Tat­sa­che, dass dem Be­trof­fe­nen, der in der Mor­mo­nen­kir­che auf­ge­wach­sen ist und dort ver­schie­de­ne Ämter be­klei­det hat, hätte be­wusst sein müssen, für wie schwer­wie­gend sein Ar­beit­ge­ber sei­ne Hand­lun­gen be­wer­tet, zu­mal es sich nicht um ei­nen ein­ma­li­gen Fehl­tritt, son­dern um ei­ne länger an­dau­ern­de außer­ehe­li­che Be­zie­hung han­del­te, be­grenzt ist.

49. Der Ge­richts­hof weist auch dar­auf hin, dass sich die Ar­beits­ge­rich­te mit der Fra­ge aus­ein­an­der­ge­setzt ha­ben, ob die Kündi­gung des Be­schwer­deführers auf den zwi­schen dem Be­trof­fe­nen und der Mor­mo­nen­kir­che ge­schlos­se­nen An­stel­lungs­ver­trag gestützt wer­den konn­te und ob sie in Ein­klang mit § 626 des Bürger­li­chen Ge­setz­bu­ches stand. Sie ha­ben al­le sach­dien­li­chen As­pek­te berück­sich­tigt und die be­trof­fe­nen In­ter­es­sen ein­ge­hend und um­fas­send ab­ge­wo­gen. Dass sie der Mor­mo­nen­kir­che das Recht zu­er­kannt ha­ben, ih­ren Beschäfti­gen Loya­litäts­pflich­ten auf­zu­er­le­gen, und dass sie schließlich den In­ter­es­sen der Mor­mo­nen­kir­che mehr Ge­wicht bei­ge­mes­sen ha­ben als den In­ter­es­sen des Be­schwer­deführers, kann ei­gent­lich mit Blick auf die Kon­ven­ti­on kein Pro­blem auf­wer­fen. Hier­zu stellt der Ge­richts­hof fest, dass dem Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­fol­ge die Ar­beits­ge­rich­te nicht un­ein­ge­schränkt an die Vor­ga­ben der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ge­bun­den wa­ren, son­dern dafür Sor­ge zu tra­gen hat­ten, dass die­se nicht ih­ren Beschäfti­gen un­an­nehm­ba­re Loya­litäts­pflich­ten auf­er­le­gen.

50. Der Ge­richts­hof hält die Schuss­fol­ge­run­gen der Ar­beits­ge­rich­te, de­nen zu­fol­ge der Be­schwer­deführer kei­nen un­an­nehm­ba­ren Ver­pflich­tun­gen un­ter­wor­fen wur­de, für nicht un­an­ge­mes­sen. Der Ge­richts­hof ver­tritt nämlich die Auf­fas­sung, dass dem Be­trof­fe­nen, da er in der Mor­mo­nen­kir­che auf­ge­wach­sen war, bei der Un­ter­zeich­nung des An­stel­lungs­ver­trags und ins­be­son­de­re des § 10 des Ver­trags (über die Ein­hal­tung „ho­her mo­ra­li­scher Grundsätze“) be­wusst war oder hätte be­wusst sein müssen, wel­che Be­deu­tung sein Ar­beit­ge­ber der ehe­li­chen Treue bei­misst (sie­he ent­spre­chend Ahti­nen ./. Finn­land, Nr. 48907/99, Rd­nr. 41, 23. Sep­tem­ber 2008) und dass sei­ne außer­ehe­li­che Be­zie­hung, die er ein­ge­gan­gen war, mit den ge­stei­ger­ten Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten, zu de­nen er sich ge­genüber der Mor­mo­nen­kir­che als Ge­biets­di­rek­tor Eu­ro­pa in der Ab­tei­lung Öffent­lich­keits­ar­beit ver­pflich­tet hat­te, un­ver­ein­bar ist.

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51. Nach An­sicht des Ge­richts­hofs ist die Tat­sa­che, dass die Kündi­gung auf ein Ver­hal­ten aus der Pri­vat­sphäre des Be­schwer­deführers gestützt wur­de, und dies ge­schah, oh­ne dass der Fall in die Me­di­en ge­lang­te oder das frag­li­che Ver­hal­ten be­deu­ten­de öffent­li­che Aus­wir­kun­gen hat­te, im vor­lie­gen­den Fall nicht aus­schlag­ge­bend. Er stellt fest, dass sich die be­son­de­re Art der dem Be­schwer­deführer auf­er­leg­ten be­ruf­li­chen An­for­de­run­gen aus der Tat­sa­che er­ge­ben, dass sie von ei­nem Ar­beit­ge­ber fest­ge­legt wur­den, des­sen Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht (sie­he Rd­nr. 27 oben, Ar­ti­kel 4 der Richt­li­nie 2000/78/EG; sie­he auch Lom­bar­di Vallau­ri ./. Ita­lie, Nr. 39128/05, Rd­nr. 41, CEDH 2009-... (Auszüge)). Er ist hier­bei der Mei­nung, dass die Ar­beits­ge­rich­te hinläng­lich nach­ge­wie­sen ha­ben, dass die dem Be­schwer­deführer auf­er­leg­ten Loya­litäts­pflich­ten an­nehm­bar wa­ren, in­so­fern als sie die Glaubwürdig­keit der Mor­mo­nen­kir­che be­wah­ren soll­ten. Wei­ter­hin stellt er her­aus, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­deu­tig dar­ge­legt hat, dass sei­ne Schluss­fol­ge­run­gen nicht so zu ver­ste­hen sei­en, als würden sie be­deu­ten, dass je­der Ehe­bruch an sich ei­nen Grund für ei­ne [frist­lo­se] Kündi­gung ei­nes kirch­li­chen Beschäftig­ten dar­stellt, son­dern dass es auf­grund der Schwe­re des Ehe­bruchs in den Au­gen der Mor­mo­nen­kir­che und der her­aus­ra­gen­den Po­si­ti­on, die der Be­schwer­deführer be­klei­de­te und die ihn ge­stei­ger­ten Loya­litäts­pflich­ten un­ter­warf, zu die­sem Schluss ge­langt sei.

52. An­ge­sichts des Er­mes­sens­spiel­raums des Staa­tes im vor­lie­gen­den Fall (Rd­nr. 42 oben) und ins­be­son­de­re der Tat­sa­che, dass die Ar­beits­ge­rich­te ei­nen ge­rech­ten Aus­gleich zwi­schen meh­re­ren pri­va­ten In­ter­es­sen her­beiführen muss­ten, er­ach­tet der Ge­richts­hof die­se As­pek­te für aus­rei­chend, um zu dem Schluss zu ge­lan­gen, dass im vor­lie­gen­den Fall Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on dem deut­schen Staat nicht auf­er­leg­te, dem Be­schwer­deführer ei­nen höhe­ren Schutz zu bie­ten.

53. In­fol­ge­des­sen ist die­ser Ar­ti­kel vor­lie­gend nicht ver­letzt wor­den.

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AUS DIESEN GRÜNDEN ENT­SCHEI­DET DER GERICH­TSHOF EINSTIM­MIG:

1. Er erklärt die Be­schwer­de für zulässig.

2. Er ent­schei­det, dass Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on nicht ver­letzt wor­den ist.

Aus­ge­fer­tigt in französi­scher Spra­che und an­sch­ließend am 23. Sep­tem­ber 2010 gemäß Ar­ti­kel 77 Absätze 2 und 3 der Ver­fah­rens­ord­nung schrift­lich über­mit­telt.

 

Clau­dia Wes­ter­diek 

Kanz­le­rin

 

Peer Lo­ren­zen

Präsi­dent


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