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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Diskriminierungsverbote - Geschlecht, Stellenanzeige
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Akten­zeichen: 7 Sa 913/16
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 18.05.2017
   
Leit­sätze: Die ge­ziel­te Su­che ei­nes Au­to­hau­ses nach ei­ner weib­li­chen Au­to­verkäufe­r­in in ei­ner Stel­len­an­zei­ge („Frau­en an die Macht!“) kann nach § 8 Abs.1 AGG ge­recht­fer­tigt sein, wenn der Ar­beit­ge­ber bis­her in sei­nem ge­sam­ten Ver­kaufs- und Ser­vice­be­reich aus­sch­ließlich männ­li­che Per­so­nen beschäftigt hat.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Köln, Urteil vom 10.02.2016, 9 Ca 4843/15
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 7 Sa 913/16


Te­nor:

Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Köln vom 10.02.2016 in Sa­chen 9 Ca 4843/15 wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.


1 T a t b e s t a n d
2 Die Par­tei­en strei­ten um ei­ne Entschädi­gungs­for­de­rung auf der Grund­la­ge von § 15 Abs. 2 AGG we­gen ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung des Klägers in sei­ner Ei­gen­schaft als Mann.
3 Der am 1987 ge­bo­re­ne Kläger ab­sol­vier­te in der Zeit vom 01.08.2006 bis 11.06.2008 bei der M B Nie­der­las­sung R -R ei­ne Aus­bil­dung zum Au­to­mo­bil­kauf­mann, die er er­folg­reich ab­schloss. Im An­schluss dar­an ar­bei­te­te er dort bis zum 30.06.2009 als Au­to­mo­bil­kauf­mann im In­nen­dienst. In der Fol­ge­zeit war der Kläger nicht mehr in der Au­to­mo­bil­bran­che tätig. Er ar­bei­te­te als selbständi­ger Han­dels­ver­tre­ter, kaufmänni­scher An­ge­stell­ter und Te­le­sa­les Agent. Seit dem Som­mer­se­mes­ter 2014 stu­diert er Be­triebs­wirt­schaft.
4 Bei der Be­klag­ten han­delt es sich um ein Au­to­haus, wel­ches Neu­wa­gen und Ge­braucht­wa­gen ver­kauft so­wie ei­ne Werk­statt un­terhält. Die Be­klag­te betätigt sich als Mar­kenhänd­le­rin für die Au­to­mar­ken Ma , S und F . Die Be­klag­te beschäftig­te in ih­rem ge­sam­ten Ver­kaufs- und Ser­vice­be­reich aus­sch­ließlich Mit­ar­bei­ter männ­li­chen Ge­schlechts. Auch un­ter den zehn für die Mar­ke F zuständi­gen Ver­kaufs­be­ra­tern be­fand sich kei­ne ein­zi­ge Frau.
5 An­fang 2015 schal­te­te die Be­klag­te auf ih­rer Home­page ei­ne Stel­len­an­zei­ge mit der Über­schrift „Frau­en an die Macht!“. Im Text der An­zei­ge heißt es:
6 „Zur wei­te­ren Verstärkung un­se­res Ver­kaufsteams su­chen wir ei­ne selbst­be­wuss­te, en­ga­gier­te und er­folgs­hung­ri­ge Verkäufe­r­in.
7 Wenn Sie Spaß dar­an ha­ben Au­to­mo­bi­le zu ver­kau­fen und Men­schen über­zeu­gen zu können, dass wir und Sie die rich­ti­gen Part­ner für un­se­re Kun­den sind, dann be­wer­ben Sie sich bei uns. Au­to­mo­bil­er­fah­rung ist Vor­aus­set­zung für die­se Po­si­ti­on. …“ (vgl. An­la­ge K 7 a, Bl. 61 d. A.).
8 Die An­non­ce war mit dem Be­triebs­rat als Frau­enförder­maßnah­me ab­ge­stimmt.
9 Auf die Stel­len­an­zei­ge be­warb sich mit Schrei­ben vom 02.03.2015 auch der Kläger. Mit E-Mail vom 19.03.2015 teil­te die Be­klag­te dem Kläger Fol­gen­des mit:
10 „Nach ein­ge­hen­der Prüfung Ih­rer Be­wer­bungs­un­ter­la­gen müssen wir Ih­nen lei­der mit­tei­len, dass wir Sie nicht in die en­ge­re Aus­wahl ein­be­zie­hen können.“ (An­la­ge K 9, Bl. 84 d. A.).
11 Ein­ge­stellt wur­de schließlich ei­ne Frau, die sich be­reits am 29.01.2015 be­wor­ben hat­te. Die ein­ge­stell­te Be­wer­be­rin hat­te im Jah­re 2003 eben­falls ei­ne Aus­bil­dung zur Au­to­mo­bil­kauf­frau ab­ge­schlos­sen und war so­dann durch­ge­hend in der Au­to­mo­bil­bran­che beschäftigt, zunächst als Ver­kaufs- und Ser­viceas­sis­ten­tin, seit 2006 als zer­ti­fi­zier­te Neu­wa­gen­verkäufe­r­in bei der P B -B GmbH und seit Ok­to­ber 2012 als Neu- und Ge­braucht­wa­gen­verkäufe­r­in bei ei­nem an­de­ren F Mar­kenhänd­ler.
12 Mit Schrei­ben vom 27.04.2015 mach­te der Kläger ge­genüber der Be­klag­ten ei­nen An­spruch nach § 15 AGG gel­tend, da er bei sei­ner Be­wer­bung we­gen sei­nes männ­li­chen Ge­schlech­tes dis­kri­mi­niert wor­den sei. Die Be­klag­te wies die For­de­rung durch An­walts­schrei­ben vom 29.04.2015 zurück.
13 Mit sei­ner am 07.07.2015 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­nen und der Be­klag­ten am 24.07.2015 zu­ge­stell­ten vor­lie­gen­den Kla­ge hat der Kläger sei­nen Entschädi­gungs­an­spruch wei­ter­ver­folgt und von der Be­klag­ten die Zah­lung von drei Mo­nats­gehältern ei­nes aus­ge­bil­de­ten Au­to­mo­bil­kauf­manns als Entschädi­gung be­gehrt. We­gen der Höhe hat er sich an ei­ner Stu­die des In­ter­net­por­tals www.ge­halts­ver­gleich.com ori­en­tiert, wo­nach das Durch­schnitts­ge­halt ei­nes aus­ge­bil­de­ten Au­to­mo­bil­kauf­manns in Deutsch­land mo­nat­lich 2.925,00 € be­tra­gen soll.
14 Der Kläger hat be­an­tragt,
15 die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn, den Kläger, 8.775,00 € nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 29.04.2015 zu zah­len.
16 Die Be­klag­te und Be­ru­fungs­be­klag­te hat be­an­tragt,
17 die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
18 Die Be­klag­te hat be­haup­tet, im Fahr­zeug­ver­kauf, ins­be­son­de­re bei der Mar­ke F , be­ste­he ein ho­her weib­li­cher Kun­den­an­teil von mindestens25 - 30 %. Da­bei sei­en die ‚jun­gen Mo­del­le‘ und Ein­stei­ger­mo­del­le wie F Fi und F K bei der weib­li­chen Kund­schaft be­son­ders ge­fragt. Die Geschäfts­lei­tung ha­be die streit­ge­genständ­li­che An­non­ce ursprüng­lich als Wer­be­ak­ti­on ge­star­tet, um weib­li­che Kund­schaft an­zu­spre­chen. Zum an­de­ren ha­be weib­li­chen Be­wer­be­rin­nen der An­reiz ge­ge­ben wer­den sol­len, sich zu be­wer­ben. Hin­ter­grund sei die be­son­de­re Kon­kur­renz- und Be­wer­ber­si­tua­ti­on, wo­nach sich weib­li­che Be­wer­be­rin­nen meist ge­genüber den männ­li­chen Be­wer­bern zurück­ge­setzt fühl­ten. Ver­schie­de­ne Kun­den hätten nach­ge­fragt, ob auch ei­ne weib­li­che Verkäufe­r­in beschäftigt wer­de, die die Kun­din­nen be­die­nen könne.
19 Außer­dem hat die Be­klag­te die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass der Kläger we­gen sei­ner man­geln­den Er­fah­rung in der Au­to­mo­bil­bran­che für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le nicht ge­eig­net ge­we­sen sei.
20 Mit Ur­teil vom 10.02.2016 hat die 9. Kam­mer des Ar­beits­ge­richts Köln die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das ar­beits­ge­richt­li­che Ur­teil wur­de dem Kläger am 23.02.2016 zu­ge­stellt. Der Kläger hat hier­ge­gen am 22.03.2016 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se – nach ent­spre­chen­der Verlänge­rung der Frist – am 11.05.2016 be­gründet.
21 Der Kläger und Be­ru­fungskläger macht gel­tend, dass das Ar­beits­ge­richt die Be­weis­last­um­kehr des § 22 AGG außer Acht ge­las­sen ha­be. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts sei sei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen des Ge­schlechts auch nicht nach § 8 Abs. 1 AGG zu recht­fer­ti­gen. Für ei­ne Tätig­keit als Au­to­mo­bil­verkäufer sei ein be­stimm­tes Ge­schlecht nicht er­for­der­lich. Frau­en und Männer könn­ten Au­to­mo­bi­le gleich gut ver­kau­fen. Es lie­ge kein Nach­weis dafür vor, dass un­ter den F Kun­den der Be­klag­ten 25 - 30 % weib­li­che Kun­den sei­en, dass die­se Jung- und Ein­stei­ger­mo­del­le wie F K und F Fi be­son­ders nach­fra­gen würden und dass Frau­en die­se Mo­del­le bes­ser an Frau­en ver­kau­fen könn­ten als Männer.
22 Auf den vollständi­gen In­halt der Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift des Klägers vom 11.05.2016 wird Be­zug ge­nom­men.
23 Der Kläger und Be­ru­fungskläger be­an­tragt nun­mehr,
24 un­ter Abände­rung des am 10.02.2016 verkünde­ten Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Köln, 9 Ca 4843/15, die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 8.775,00 € nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 29.04.2015 zu zah­len.
25 Die Be­klag­te und Be­ru­fungs­be­klag­te be­an­tragt,
26 die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.
27 Die Be­klag­te ver­tei­digt die Gründe des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils und ver­weist auf ih­ren erst­in­stanz­li­chen Sach­vor­trag.
28 E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e
29 I. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Köln vom 10.02.2016 ist zulässig. Die Be­ru­fung ist gemäß § 64 Abs. 2 b) ArbGG statt­haft. Sie wur­de auch in­ner­halb der in § 66 Abs. 1 ArbGG vor­ge­schrie­be­nen Fris­ten for­mal ord­nungs­gemäß ein­ge­legt und be­gründet.
30 II. Die Be­ru­fung des Klägers konn­te je­doch kei­nen Er­folg ha­ben. Das Ar­beits­ge­richt hat die Entschädi­gungs­kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen. Das Ar­beits­ge­richt hat Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur um­fas­send aus­ge­wer­tet und sach­ge­recht an­ge­wen­det und ist mit über­zeu­gen­der Be­gründung zu dem Er­geb­nis ge­langt, dass zwar vor­der­gründig der Kläger we­gen sei­nes Ge­schlech­tes als Mann be­nach­tei­ligt wor­den ist, dass die­se Be­nach­tei­li­gung aber auf­grund der Umstände des Ein­zel­falls nach § 8 Abs. 1 AGG als ge­recht­fer­tigt an­zu­se­hen ist.
31 Zu­sam­men­fas­send und die ar­beits­ge­richt­li­che Ar­gu­men­ta­ti­on ergänzend gilt Fol­gen­des:
32 1. Das Be­ru­fungs­ge­richt macht sich zunächst die über­zeu­gen­de Be­gründung des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils zu ei­gen.
33 2. Der Kläger ist als Be­wer­ber „Beschäftig­ter“ im Sin­ne von § 6 Abs. 1 S. 2 AGG und fällt so­mit in den persönli­chen An­wen­dungs­be­reich des AGG. Da­bei kann nach der neue­ren Recht­spre­chung des BAG da­hin ge­stellt blei­ben, ob der Kläger für die aus­ge­schrie­be­ne Tätig­keit ob­jek­tiv ge­eig­net ist (BAG vom 13.10.2011, 8 AZR 608/10).
34 3. Die Be­klag­te ist auch als Ar­beit­ge­be­rin im Sin­ne von § 6 Abs. 2 AGG pas­siv le­gi­ti­miert. „Ar­beit­ge­ber“ ei­nes Stel­len­be­wer­bers ist der­je­ni­ge, der um Be­wer­bun­gen für ein von ihm aus­ge­schrie­be­nes Beschäfti­gungs­verhält­nis ge­be­ten hat (vgl. BAG a.a.O.).
35 4. Der Kläger hat sei­nen ver­meint­li­chen Entschädi­gungs­an­spruch auch recht­zei­tig gemäß § 15 Abs. 4 AGG gel­tend ge­macht und nach Maßga­be des § 61 b Abs. 1 ArbGG recht­zei­tig die vor­lie­gen­de Kla­ge er­ho­ben. Auf die ent­spre­chen­den Fest­stel­lun­gen des Ar­beits­ge­richts auf Sei­te 4 sei­nes Ur­teils wird Be­zug ge­nom­men.
36 5. Wie das Ar­beits­ge­richt fer­ner eben­falls rich­tig er­kannt hat, in­di­ziert der Text der Stel­len­an­zei­ge, auf die der Kläger sich be­wor­ben hat, im Kon­text der Ab­leh­nung sei­ner Stel­len­be­wer­bung, dass der Kläger we­gen ei­nes der in § 1 AGG nie­der­ge­leg­ten Merk­ma­le, nämlich we­gen sei­nes Ge­schlech­tes als Mann, be­nach­tei­ligt wor­den ist. Die Be­klag­te hat in ih­rer Stel­len­aus­schrei­bung durch den Slo­gan „Frau­en an die Macht !“ pla­ka­tiv her­vor­ge­ho­ben, dass es ihr ge­ra­de dar­auf an­kommt, ei­ne Au­to­verkäufe­r­in weib­li­chen Ge­schlechts ein­zu­stel­len. Es spricht zwar vie­les dafür, dass bei der Ein­stel­lung der er­folg­rei­chen Stel­len­be­wer­be­rin de­ren im Ver­gleich zum Kläger weit­aus größere und über­dies auch mar­ken­ein­schlägi­ge Be­rufs­er­fah­rung in der Au­to­bran­che ei­ne we­sent­li­che Rol­le ge­spielt ha­ben wird. Der Text der Stel­len­aus­schrei­bung spricht aber dafür, dass aus Sicht der Be­klag­ten das männ­li­che Ge­schlecht des Klägers je­den­falls ein wei­te­res Aus­schluss­kri­te­ri­um ge­gen sei­ne Ein­stel­lung dar­ge­stellt hat. Wie das Ar­beits­ge­richt kei­nes­wegs ver­kannt hat, ließ dies im Sin­ne von § 22 AGG zunächst ver­mu­ten, dass die Be­wer­bung des Klägers un­ter Ver­s­toß ge­gen die Be­stim­mun­gen zum Schutz vor Be­nach­tei­li­gung ab­ge­lehnt wor­den ist.
37 6. Das Be­ru­fungs­ge­richt teilt je­doch un­ein­ge­schränkt die Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts, dass die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung des Klägers we­gen sei­nes Ge­schlechts un­ter den Be­din­gun­gen des vor­lie­gen­den Fal­les nach § 8 Abs. 1 AGG ge­recht­fer­tigt war.
38 a. Die Be­klag­te ver­folg­te mit der Be­vor­zu­gung des weib­li­chen Ge­schlechts in der Stel­len­aus­schrei­bung den un­ter­neh­me­ri­schen Zweck, ih­rer Kund­schaft beim Au­to­kauf Be­ra­tungs­leis­tun­gen durch Ver­kaufs­per­so­nal bei­der­lei Ge­schlechts an­zu­bie­ten. Sie er­hoff­te sich, da­durch den Bedürf­nis­sen ih­rer Kund­schaft bes­ser ge­recht wer­den zu können und in­fol­ge­des­sen auch bes­se­re Ver­kaufs­er­geb­nis­se zu er­zie­len.
39 b. Es kommt da­bei nicht dar­auf an, ob, wie die Be­klag­te kon­kret dar­ge­stellt hat, tatsächlich ge­nau 25 bis 30 % ih­rer F Kun­den weib­li­chen Ge­schlech­tes sind und ob der ei­ne oder an­de­re Kun­de ihr ge­genüber aus­drück­lich den Wunsch geäußert hat, von weib­li­chem Ver­kaufs­per­so­nal be­dient zu wer­den. Es be­darf zur Über­zeu­gung des Be­ru­fungs­ge­richts kei­nes Be­wei­ses, son­dern liegt als Er­fah­rungs­tat­sa­che auf der Hand, dass die Kund­schaft ei­nes größeren Au­to­hau­ses wie der Be­klag­ten zu ei­nem mehr oder we­ni­ger großen, je­den­falls aber zah­lenmäßig nicht zu ver­nachlässi­gen­den Pro­zent­satz auch aus Per­so­nen weib­li­chen Ge­schlechts be­steht.
40 c. Zu­dem kann eben­falls oh­ne wei­te­res un­ter­stellt wer­den, dass vom Empfänger­ho­ri­zont ei­nes Tei­les der Kund­schaft aus das Ge­schlecht des Ver­kaufs­be­ra­ters für das Ge­lin­gen der Kom­mu­ni­ka­ti­on im Ver­kaufs­gespräch ei­ne nicht un­wich­ti­ge Rol­le spielt. So kann beim weib­li­chen Teil der Kund­schaft ge­ra­de we­gen des alt­her­ge­brach­ten Vor­ur­teils, wo­nach Tech­nik ei­ne Männer­domäne sei, der Ein­druck be­ste­hen, von männ­li­chen Verkäufern leich­ter über­vor­teilt zu wer­den. Auch ist in Rech­nung zu stel­len, dass für weib­li­che Kun­den beim Au­to­kauf mögli­cher­wei­se an­de­re Kri­te­ri­en für die Kauf­ent­schei­dung im Vor­der­grund ste­hen als dies bei männ­li­chen Kun­den der Fall ist, so dass die weib­li­che Kun­din das Gefühl ent­wi­ckelt, von ei­ner weib­li­chen Verkäufe­r­in in ih­ren Bedürf­nis­sen bes­ser ver­stan­den zu wer­den. Ein Au­to­kauf stellt ins­be­son­de­re für pri­va­te Kun­den re­gelmäßig ein wich­ti­ges Er­eig­nis von er­heb­li­cher wirt­schaft­li­cher Trag­wei­te dar. Ein Au­to­kauf gilt da­her viel­fach als „Ver­trau­ens­sa­che“, zu­mal der Verkäufer dem Kun­den ge­genüber re­gelmäßig über ei­nen die Markt­ge­ge­ben­hei­ten und die Tech­nik der Fahr­zeu­ge be­tref­fen­den Wis­sens­vor­sprung verfügt. Bei ei­nem Ver­trau­ens­geschäft kommt der Persönlich­keit des für den Ver­trags­part­ner Han­deln­den ei­ne ge­stei­ger­te Be­deu­tung zu. Die Ei­gen­art der Persönlich­keit ei­nes Men­schen wird durch sein Ge­schlecht mit­ge­prägt.
41 d. Ver­folgt die Be­klag­te mit ih­rer Stel­len­an­zei­ge den Zweck, das Spek­trum ih­rer Be­ra­tungs­leis­tun­gen da­durch zu er­wei­tern, dass auf Wunsch auch weib­li­ches Ver­kaufs­be­ra­tungs­per­so­nal zur Verfügung steht, so be­dingt das An­for­de­rungs­pro­fil der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le, dass das weib­li­che Ge­schlecht ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung für die zu er­war­ten­de Tätig­keit dar­stellt; denn im Zeit­punkt der Stel­len­an­zei­ge und auch in der Zeit zu­vor beschäftig­te die Be­klag­te aus­sch­ließlich männ­li­ches Ver­kaufs- und Ser­vice­per­so­nal und kei­ne ein­zi­ge Frau in die­sem Tätig­keits­be­reich. Die Be­klag­te ver­folg­te mit ih­rer auf weib­li­che Per­so­nen zu­ge­schnit­te­nen Stel­len­aus­schrei­bung in Ab­stim­mung mit ih­rem Be­triebs­rat das Ziel, dem Zu­stand, ih­re Ver­kaufs- und Ser­vice­leis­tun­gen aus­sch­ließlich durch Männer an­bie­ten zu können, ein En­de zu be­rei­ten.
42 e. Dass die Be­vor­zu­gung des weib­li­chen Ge­schlechts in der An­zei­ge der Be­klag­ten durch § 8 Abs. 1 AGG ge­recht­fer­tigt ist, wird auch nicht durch die Fest­stel­lung des Klägers in Fra­ge ge­stellt, dass bei ob­jek­ti­ver Be­trach­tung Frau­en nicht grundsätz­lich bes­se­re Au­to­verkäufer sind als Männer, wo­bei der Kläger aus­drück­lich und zu­tref­fend einräumt, dass um­ge­kehrt das­sel­be gilt. Eben­so we­nig kann der Recht­fer­ti­gung nach § 8 Abs. 1 AGG ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass ein Ar­beit­ge­ber sich nur un­ter stren­gen Vor­aus­set­zun­gen Kun­denwünschen oder -er­war­tun­gen beu­gen darf, die im Er­geb­nis zu ei­ner an­hand der Kri­te­ri­en des § 1 AGG dis­kri­mi­nie­ren­den Be­hand­lung von Beschäftig­ten führt (vgl. zu die­sem Kom­plex die dif­fe­ren­zier­te Dar­stel­lung von Schleu­se­ner in Schleu­se­ner/Suckow/Voigt, AGG, 4. Aufl., § 8 Rd­nr. 12 - 16).
43 aa. Der Kläger über­sieht bei die­sen Einwänden, dass sich die vor­lie­gen­de Fall­kon­stel­la­ti­on dia­me­tral von den Fall­grup­pen un­ter­schei­det, in de­nen ein Ar­beit­ge­ber die un­ter­neh­me­ri­sche Zweck­be­stim­mung ver­folgt, in sei­nem Be­trieb be­stimm­te Tätig­kei­ten ge­ne­rell nur von An­gehöri­gen ei­nes be­stimm­ten Ge­schlech­tes ausführen zu las­sen (vgl. das Bei­spiel der „gut aus­se­hen­den Bar­kee­pe­rin­nen“ in ei­ner Cock­tail­bar bei Schleu­se­ner a.a.O. Rd­nr. 14). Vor­lie­gend trifft ge­ra­de das Ge­gen­teil zu: Zwar führt die Ein­zel­maßnah­me der vor­lie­gend strei­ti­gen Stel­len­an­zei­ge der Be­klag­ten zu ei­ner punk­tu­el­len Be­nach­tei­li­gung männ­li­cher Be­wer­ber. Das – in Ab­stim­mung mit dem Be­triebs­rat ent­wi­ckel­te – un­ter­neh­me­ri­sche An­lie­gen, des­sen Ver­wirk­li­chung die Ein­zel­maßnah­me die­nen soll, be­darf hier selbst aber ge­ra­de kei­ner Recht­fer­ti­gung nach § 8 Abs. 1 AGG; denn das hier in Re­de ste­hen­de un­ter­neh­me­ri­sche An­lie­gen der Be­klag­ten be­steht letzt­lich dar­in, über­kom­me­ne und aus ob­jek­ti­ven Sach­gründen nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­de Ge­schlech­ter­rol­len­kli­schees in be­stimm­ten Be­rufs­fel­dern auf­zu­bre­chen, hier kon­kret das Kli­schee, dass das Be­rufs­feld ei­nes Au­to­verkäufers ein ty­pi­sches männ­li­ches ist,.
44 bb. Das über­ge­ord­ne­te An­lie­gen der Be­klag­ten, des­sen Ver­wirk­li­chung die hier strei­ti­ge Ein­zel­maßnah­me die­nen soll­te, deckt sich in vol­lem Um­fang mit dem Sinn und Zweck des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes, die Gleich­be­hand­lung der Ge­schlech­ter im Be­rufs­all­tag zu fördern. Ge­mes­sen an Sinn und Zweck des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes er­schie­ne es ge­ra­de­zu kon­tra­pro­duk­tiv, die Be­klag­te dafür zu sank­tio­nie­ren, dass sie ei­ne ge­ziel­te Maßnah­me er­grif­fen hat, künf­tig in ei­nem Be­rufs­feld, das grundsätz­lich eben­so gut von Frau­en wie von Männern aus­geübt wer­den kann, nicht mehr nur aus­sch­ließlich An­gehöri­ge ei­nes ein­zi­gen Ge­schlech­tes zu beschäfti­gen.
45 7. Schon das Ar­beits­ge­richt hat schließlich zu Recht aus­geführt, dass durch ein sol­ches Verständ­nis von § 8 Abs. 1 AGG nicht – auch nicht un­ter Rück­griff auf tatsächli­che oder ver­meint­li­che Kun­den­er­war­tun­gen – die Möglich­keit eröff­net wird, durch ein – even­tu­ell so­gar nur vor­ge­scho­be­nes – un­ter­neh­me­ri­sches Kon­zept das Ver­bot des § 7 Abs. 1 AGG zu um­ge­hen. Maßnah­men, wie die hier in Re­de ste­hen­de Stel­len­an­zei­ge, können nur in Aus­nah­mefällen nach § 8 Abs. 1 AGG ge­recht­fer­tigt wer­den. Ei­ne sol­che Aus­nah­me­kon­stel­la­ti­on be­steht vor­lie­gend eben dar­in, dass die Be­klag­te bis­her in ih­rem ge­sam­ten Ver­kaufs- und Ser­vice­be­reich aus­sch­ließlich Mit­ar­bei­ter des männ­li­chen Ge­schlechts beschäftigt hat.
46 III. Die Kos­ten­fol­ge er­gibt sich aus § 97 Abs. 1 ZPO.
47 Ein ge­setz­li­cher Grund für die Zu­las­sung der Re­vi­si­on ist nicht er­sicht­lich.

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