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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Restitutionsklage
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 2 AZR 570/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 22.11.2012
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Landesarbeitsgericht Düsseldorf - 7 Sa 1427/10
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

2 AZR 570/11
7 Sa 1427/10
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Düssel­dorf

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
22. No­vem­ber 2012

UR­TEIL

Schmidt, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger, Re­sti­tu­ti­onskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te, Re­sti­tu­ti­ons­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 22. No­vem­ber 2012 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am
 

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Bun­des­ar­beits­ge­richt Kreft, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt Ber­ger und Dr. Rinck so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Kri­chel und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Nie­le­bock für Recht er­kannt:

Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 4. Mai 2011 - 7 Sa 1427/10 - wird auf sei­ne Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Der Kläger be­gehrt die Wie­der­auf­nah­me ei­nes durch rechts­kräfti­ges Ur­teil be­en­de­ten Ver­fah­rens. In die­sem Zu­sam­men­hang strei­ten die Par­tei­en vor­ab über die Zulässig­keit der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge.

Der 1957 ge­bo­re­ne Kläger war seit 1983 bei der be­klag­ten ka­tho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de als Or­ga­nist und Chor­lei­ter tätig. Im Jahr 1994 trenn­te er sich ein­ver­nehm­lich von sei­ner da­ma­li­gen Ehe­frau, mit der er zwei ge­mein­sa­me Kin­der hat. Die Tren­nung teil­te er der Be­klag­ten im Ja­nu­ar 1995 mit.

Mit Schrei­ben vom 15. Ju­li 1997 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis zum 31. März 1998. Zur Be­gründung gab sie an, der Kläger le­be - ob-wohl ver­hei­ra­tet - in eheähn­li­cher Ge­mein­schaft mit ei­ner an­de­ren Frau, die zu­dem ein Kind von ihm er­war­te. Da­mit ha­be er ge­gen den Grund­satz der Un­auflöslich­keit der Ehe ver­s­toßen und sei­ne Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten ihr - der Be­klag­ten - ge­genüber grob ver­letzt. Das aus der neu­en Part­ner­schaft des Klägers her­vor­ge­gan­ge­ne Kind wur­de En­de 1997 ge­bo­ren. Im Au­gust 1998 wur­de sei­ne Ehe ge­schie­den.

Mit Ur­teil vom 9. De­zem­ber 1997 gab das Ar­beits­ge­richt der Kündi­gungs­schutz­kla­ge des Klägers statt, weil die­sem vor Aus­spruch der Kündi­gung ei­ne Ab­mah­nung ha­be er­teilt wer­den müssen. Die Be­ru­fung der Be­klag­ten wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt mit der Be­gründung zurück, es sei nicht er­wie­sen,


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dass die­se - wie nach Art. 5 Abs. 1 der maßge­ben­den Grund­ord­nung ge­bo­ten - vor der Kündi­gung ver­sucht ha­be, den Kläger zur Be­en­di­gung sei­nes außer­ehe­li­chen Verhält­nis­ses zu be­we­gen. Nach­dem das zweit­in­stanz­li­che Ur­teil auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt we­gen ei­nes Ver­fah­rens­man­gels auf­ge­ho­ben wor­den war, wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Kla­ge nach neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung mit Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2000 ab. Zur Be­gründung führ­te es aus, nach Ver­neh­mung des Vor­sit­zen­den der Be­klag­ten ste­he fest, dass die­se das Ver­fah­ren nach Art. 5 der Grund­ord­nung ein­ge­hal­ten ha­be. Die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de des Klägers wur­de am 29. Mai 2000 durch Be­schluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts als un­zulässig ver­wor­fen. Am 8. Ju­li 2002 be­schloss das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, die Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Klägers nicht zur Ent­schei­dung an­zu­neh­men.

Be­reits am 22. De­zem­ber 1997 hat­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis er­neut or­dent­lich zum 30. Ju­ni 1998 gekündigt. Ge­gen die­se Kündi­gung setzt sich der Kläger in ei­nem an­de­ren Ver­fah­ren zur Wehr. Der Rechts­streit wur­de nach Ab­wei­sung der Kla­ge in ers­ter In­stanz durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt aus­ge­setzt.

Am 11. Ja­nu­ar 2003 er­hob der Kläger mit Blick auf die Ent­schei­dun­gen über die Kündi­gung vom 15. Ju­li 1997 beim Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te In­di­vi­du­al­be­schwer­de ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Mit Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2010 stell­te der Ge­richts­hof (Kam­mer der 5. Sek­ti­on) ei­nen Ver­s­toß ge­gen Art. 8 der Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (EM­RK) fest (- 1620/03 - EU­GRZ 2010, 560 = NZA 2011, 279). Die In­ter­es­sen­abwägung der deut­schen Ar­beits­ge­rich­te ste­he nicht in Ein­klang mit der Kon­ven­ti­on; die Ge­rich­te hätten nicht hin­rei­chend dar­ge­legt, war­um die Be­lan­ge des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers das Recht des Klägers auf Ach­tung sei­nes Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens nach Art. 8 EM­RK bei wei­tem über­trof­fen hätten. Mit Ur­teil vom 28. Ju­ni 2012 er­kann­te der Ge­richts­hof dem Kläger gemäß Art. 41 EM­RK ei­ne Entschädi­gung iHv. 40.000,00 Eu­ro zu.


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Im Ok­to­ber 2010 hat der Kläger beim Lan­des­ar­beits­ge­richt die vor­lie­gen­de Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge er­ho­ben. Er hat gel­tend ge­macht, das rechts­kräfti­ge Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 3. Fe­bru­ar 2000 be­ru­he auf ei­ner fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung. Da­mit lie­ge ein Re­sti­tu­ti­ons­grund iSd. § 580 Nr. 8 ZPO vor. § 35 EG­Z­PO ste­he dem nicht ent­ge­gen. So­weit da­nach der be­zeich­ne­te Wie­der­auf­nah­me­grund nur auf Ver­fah­ren an­wend­bar sei, die seit dem 31. De­zem­ber 2006 rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen wor­den sei­en, sei die­se Vor­aus­set­zung erfüllt. Ab­zu­stel­len sei in­so­weit nicht auf den rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Aus­gangs­ver­fah­rens, son­dern auf die Ent­schei­dung im Be­schwer­de­ver­fah­ren vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te. Das ge­bie­te die kon­ven­ti­ons- und ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung der Über­g­angs­vor­schrift. Auch der Grund­satz der Ef­fek­ti­vität des Uni­ons­rechts ver­lan­ge ei­ne wirk­sa­me Um­set­zung der Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs. Im Streit­fall sei die­se nur durch ei­ne Wie­der­auf­nah­me des Kündi­gungs­rechts­streits zu er­rei­chen. Die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge sei auch nicht mit Blick auf die fünfjähri­ge Aus­schluss­frist des § 586 Abs. 2 Satz 2 ZPO un­zulässig. Die­se Be­stim­mung sei - falls sie über­haupt auf den Re­sti­tu­ti­ons­grund der Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung An­wen­dung fin­de - so aus­zu­le­gen, dass die Frist erst mit der Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs zu lau­fen be­gin­ne.

Der Kläger hat be­an­tragt, 

das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 3. Fe­bru­ar 2000 - 7 Sa 425/98 - auf­zu­he­ben und sei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge mit dem dort ge­stell­ten An­trag statt­zu­ge­ben;

hilfs­wei­se,

das Ar­beits­verhält­nis auf der Grund­la­ge des Ar­beits­ver­trags von 1983 in sei­ner zu­letzt be­ste­hen­den Fas­sung ein­sch­ließlich des De­ka­nats­kan­to­ren­ver­trags mit ei­nem Beschäfti­gungs­um­fang von 100 vH im We­ge der Wie­der­ein­stel­lung ab dem 23. Sep­tem­ber 2010 fort­zu­set­zen.

Die Be­klag­te hat - sinn­gemäß - be­an­tragt, die Kla­ge als un­zulässig zu ver­wer­fen, hilfs­wei­se ab­zu­wei­sen. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge sei so­wohl mit Blick auf § 35 EG­Z­PO als auch nach § 586 Abs. 2 Satz 2 ZPO aF un­zulässig. Bei­de Re­ge­lun­gen knüpften an die Rechts­kraft des
 

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Ur­teils im Aus­gangs­ver­fah­ren an. Ein an­de­res Norm­verständ­nis sei aus­ge­schlos­sen.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die ab­ge­son­der­te Ver­hand­lung und Ent­schei­dung über die Zulässig­keit des Wie­der­auf­nah­me­be­geh­rens an­ge­ord­net. So­dann hat es die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge durch En­dur­teil als un­zulässig ver­wor­fen. Den Hilfs­an­trag hat es für die­sen Fall als nicht ge­stellt an­ge­se­hen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on be­gehrt der Kläger, die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge für zulässig zu erklären.

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Re­vi­si­on hat kei­nen Er­folg. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge des Klägers zu Recht als un­zulässig ver­wor­fen. Nach § 35 EG­Z­PO ist der Re­sti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 8 ZPO auf Ver­fah­ren, die vor dem 31. De­zem­ber 2006 rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen wor­den sind, nicht an­zu­wen­den. Um ein sol­ches Ver­fah­ren han­delt es sich hier. Ob der Kläger - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men hat - außer­dem die Aus­schluss­frist des § 586 Abs. 2 Satz 2 ZPO versäumt hat und ob sei­ne Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge des­halb noch aus ei­nem an­de­ren Grund un­zulässig ist, be­darf kei­ner Ent­schei­dung.

I. Par­tei­en des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens sind aus­sch­ließlich der Kläger und die be­klag­te Kir­chen­ge­mein­de. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat kei­ne Tat­sa­chen fest­ge­stellt, aus de­nen sich ergäbe, dass sich das Bis­tum E, dem der Kläger im Aus­gangs­ver­fah­ren den Streit verkündet hat­te, am Re­sti­tu­ti­ons­ver­fah­ren be­tei­ligt und hier­auf be­zo­gen Pro­zess­hand­lun­gen vor­ge­nom­men hat.

II. Ge­gen­stand des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens ist der Zwi­schen­streit der Par­tei­en über die Zulässig­keit der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat hierüber gemäß § 590 Abs. 2 iVm. § 280 Abs. 1 ZPO ab­ge­son­dert ver­han­delt und ent­schie­den. So­weit es sich da­bei mit dem Hilfs­an­trag be­fasst und an­ge­nom­men hat, über die­sen sei im Fall der Un­zulässig­keit der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge nicht zu be­fin­den, greift der Kläger das Ur­teil nicht an. Er will mit der Re­vi­si­on


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le­dig­lich er­rei­chen, dass die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge für zulässig erklärt wird. In die­sem Fall wäre das Ver­fah­ren über die an­gekündig­ten Sach­anträge vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt fort­zu­set­zen.

III. Die Re­vi­si­on ist zulässig. Der Kläger hat das Rechts­mit­tel, an­ders als die Be­klag­te meint, iSd. § 74 Abs. 2 Satz 2 iVm. § 72 Abs. 5 ArbGG, § 551 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 ZPO ord­nungs­gemäß be­gründet (zu den An­for­de­run­gen an die Re­vi­si­ons­be­gründung im Ein­zel­nen vgl. BAG 16. De­zem­ber 2010 - 2 AZR 963/08 - Rn. 16, NZA-RR 2012, 269; 27. Ju­li 2010 - 1 AZR 186/09 - Rn. 13, NZA 2010, 1446).

1. In sei­ner Re­vi­si­ons­be­gründung stellt der Kläger den Ausführun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts zur Aus­le­gung und An­wen­dung von § 35 EG­Z­PO und § 586 Abs. 2 Satz 2 ZPO sein ei­ge­nes Norm­verständ­nis ent­ge­gen. Er führt aus, bei­de Vor­schrif­ten hätten „im Lich­te des Lis­sa­bon­ver­trags und der da­zu er­gan­ge­nen Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts“ nicht „zur for­mel­len Un­zulässig­keit sei­nes Wie­der­auf­nah­me­an­trags führen dürfen“. Die Re­ge­lun­gen sei­en, so­weit sie ei­ner wirk­sa­men Um­set­zung der Ur­tei­le des Ge­richts­hofs im in­ner­staat­li­chen Recht ent­ge­genstünden, un­an­wend­bar. Im Er­geb­nis sei des­halb an den Zeit­punkt der Be­kannt­ga­be der Ent­schei­dung über sei­ne Men­schen­rechts­be­schwer­de und nicht an den der letz­ten inländi­schen Ent­schei­dung an­zu­knüpfen.

2. Mit die­ser Be­gründung hat der Kläger ei­ne auf den zur Ent­schei­dung ste­hen­den Fall zu­ge­schnit­te­ne Sachrüge er­ho­ben, die er­ken­nen lässt, in wel­chen Punk­ten und aus wel­chen Gründen das an­ge­foch­te­ne Ur­teil un­rich­tig sein soll. Der An­griff er­fasst sämt­li­che das Be­ru­fungs­ur­teil tra­gen­den Be­gründun­gen (zu die­ser Vor­aus­set­zung vgl. BAG 16. De­zem­ber 2010 - 2 AZR 963/08 - Rn. 18, NZA-RR 2012, 269). So­weit der Kläger auf Schriftsätze ver­weist, die er beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­reicht ha­be, ha­ben die­se Be­zug­nah­men nur ergänzen­den Cha­rak­ter und ste­hen der Zulässig­keit des Rechts­mit­tels nicht ent­ge­gen.


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IV. Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Der Wie­der­auf­nah­me­an­trag ist un­zulässig. Der Kläger hat ei­nen Re­sti­tu­ti­ons­grund iSv. § 580 ZPO nicht auf­ge­zeigt.

1. Die Zulässig­keit des Wie­der­auf­nah­me­be­geh­rens schei­tert nicht dar­an, dass der Ge­richts­hof dem Kläger im Zu­sam­men­hang mit dem Be­schwer­de­ver­fah­ren gemäß Art. 41 EM­RK ei­ne „ge­rech­te Entschädi­gung“ zu­ge­spro­chen hat. Entschädi­gung und Re­sti­tu­ti­on in na­tu­ra schließen ein­an­der nicht aus (vgl. EGMR 30. Ju­ni 2009 - 32772/02 - [Ver­ein ge­gen Tier­fa­bri­ken Schweiz/Schweiz Nr. 2] Rn. 85, NJW 2010, 3699; Zöller/Gre­ger ZPO 29. Aufl. § 580 Rn. 31; Braun NJW 2007, 1620).

2. Zur Zulässig­keit der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge gehört die Dar­le­gung ei­nes ge­setz­li­chen Re­sti­tu­ti­ons­grun­des (BAG 29. Sep­tem­ber 2011 - 2 AZR 674/10 - Rn. 18, EzA ZPO 2002 § 580 Nr. 2; 20. Ju­ni 1958 - 2 AZR 231/55 - zu II 1 c der Gründe, BA­GE 6, 95). Der Re­sti­tu­ti­onskläger muss, um die­ser An­for­de­rung zu genügen, ei­nen An­fech­tungs­grund iSv. § 580 ZPO nach­voll­zieh­bar be­haup­ten. Die­se Vor­aus­set­zung ist im Streit­fall nicht erfüllt. Der Kläger be­ruft sich aus­sch­ließlich auf ei­ne durch den Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te fest­ge­stell­te Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung, auf der die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 3. Fe­bru­ar 2000 be­ru­he. Der da­mit an­ge­spro­che­ne Re­sti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 8 ZPO wur­de durch Art. 10 Nr. 6 des Zwei­ten Ge­set­zes zur Mo­der­ni­sie­rung der Jus­tiz mit Wir­kung vom 31. De­zem­ber 2006 in die Zi­vil­pro­zess­ord­nung ein­gefügt. Gemäß § 35 EG­Z­PO ist die Vor­schrift „[auf Ver­fah­ren], die vor dem 31. De­zem­ber 2006 rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen wor­den sind, [...] nicht an­zu­wen­den“. Die Über­lei­tungs­vor­schrift knüpft an die for­mel­le Rechts­kraft des (Aus­gangs-)Ver­fah­rens und nicht an den Zeit­punkt an, in dem ein endgülti­ges, ei­ne Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung fest­stel­len­des Ur­teil des Ge­richts­hofs vor­liegt. Ei­ne an­de­re Aus­le­gung ist me­tho­den­ge­recht nicht möglich. Mit die­sem In­halt ist § 35 EG­Z­PO we­der kon­ven­ti­ons- noch ver­fas­sungs­wid­rig. Auch der Grund­satz der Ef­fek­ti­vität des Uni­ons­rechts ist nicht ver­letzt. Ins­be­son­de­re steht das in Art. 6 Abs. 2, Abs. 3 EUV zum Aus­druck ge­brach­te Ziel der wirk­sa­men Um­set­zung der EM­RK der Nicht­an­wen­dung von § 580 Nr. 8 ZPO in Fällen wie dem vor­lie­gen­den nicht ent­ge­gen.
 

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a) § 35 EG­Z­PO stellt für die An­wend­bar­keit des § 580 Nr. 8 ZPO auf den Zeit­punkt ab, zu dem die Ent­schei­dung im Aus­gangs­ver­fah­ren iSd. § 19 EG­Z­PO, § 705 ZPO for­mel­le Rechts­kraft er­langt hat. Das er­gibt die Aus­le­gung der Vor­schrift (im Er­geb­nis - zu­meist oh­ne Be­gründung - eben­so: BVerwG 22. Ok­to­ber 2009 - 1 C 26/08 - Rn. 17, BVerw­GE 135, 137; BLAH ZPO 71. Aufl. § 580 Rn. 27; HK-ZPO/Kem­per 5. Aufl. § 580 Rn. 16; Münch­Komm/Gru­ber 3. Aufl. EG­Z­PO § 35 Rn. 1; Prütting/Mel­ler-Han­nich 3. Aufl. ZPO § 580 Rn. 16; Tho­mas/Putzo/Reichold 33. Aufl. ZPO § 580 Rn. 23; Tho­mas/Putzo/Hüßte­ge 33. Aufl. EG­Z­PO § 35 Rn. 1; Zöller/Heßler 29. Aufl. EG­Z­PO § 35 Rn. 2; aA of­fen­bar Mu­sielak 9. Aufl. ZPO § 580 Rn. 24).

aa) Für das dar­ge­leg­te Norm­verständ­nis spricht be­reits der Wort­laut der Über­lei­tungs­vor­schrift. Zwar ist der Be­griff „Ver­fah­ren“ - iso­liert be­trach­tet - neu­tral; er kann sich so­wohl auf den Aus­gangs­rechts­streit als auch auf das Ver­fah­ren der In­di­vi­du­al­be­schwer­de vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te be­zie­hen. Dem Kon­text nach geht es in § 35 EG­Z­PO aber um sol­che „Ver­fah­ren“, auf die § 580 Nr. 8 ZPO an­zu­wen­den ist. Da­mit ist zwei­fels­frei der zi­vil­recht­li­che Aus­gangs­rechts­streit an­ge­spro­chen.

bb) Sprach­lich wird der Be­zug zum Aus­gangs­ver­fah­ren fer­ner da­durch her­ge­stellt, dass die in § 35 EG­Z­PO ent­hal­te­ne Stich­tags­re­ge­lung auf den Zeit­punkt ab­stellt, zu dem das Ver­fah­ren „rechts­kräftig“ ab­ge­schlos­sen ist. Man­gels ent­ge­gen­ste­hen­der Hin­wei­se für ei­ne un­ter­schied­li­che Be­deu­tung ist da­von aus­zu­ge­hen, dass der Be­griff der „Rechts­kraft“ im Einführungs­ge­setz zur Zi­vil­pro­zess­ord­nung ein­heit­lich ge­braucht wird. Es gilt so­mit § 19 EG­Z­PO. Nach Abs. 1 der Vor­schrift sind En­dur­tei­le rechts­kräftig, wel­che mit ei­nem or­dent­li­chen Rechts­mit­tel nicht mehr an­ge­foch­ten wer­den können. Gemäß Abs. 2 der Be­stim­mung sind or­dent­li­che Rechts­mit­tel die­je­ni­gen, wel­che an ei­ne von dem Ta­ge der Verkündung oder Zu­stel­lung des Ur­teils lau­fen­de Not­frist ge­bun­den sind. In die­sem Sin­ne „or­dent­li­che Rechts­mit­tel“ stel­len we­der die Ver­fas­sungs­be­schwer­de (BVerfG 18. Ja­nu­ar 1996 - 1 BvR 2116/94 - zu B der Gründe, BVerfGE 93, 381) noch die In­di­vi­du­al­be­schwer­de iSd. Art. 34 EM­RK dar. Durch die­se be­son­de­ren Rechts­be­hel­fe zum Schutz in­di­vi­du­el­ler Men­schen­rech­te und


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sons­ti­ger Grund­rech­te wird die Rechts­kraft der an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dung nicht ge­hemmt, der rechts­kräfti­ge Ab­schluss des Ver­fah­rens al­so nicht verzögert. Die Rechts­kraft der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung ist viel­mehr in der Re­gel ge­ra­de Zulässig­keits­vor­aus­set­zung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de (BAG 16. Ja­nu­ar 2003 - 2 AZR 735/00 - zu B I 2 a bb (1) der Gründe, AP ZPO § 322 Nr. 38 = EzA TVG § 4 Aus­schluss­fris­ten Nr. 166) und der In­di­vi­du­al­be­schwer­de beim Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te. Auch die­se kommt nach Art. 35 Abs. 1 EM­RK erst nach Erschöpfung al­ler in­ner­staat­li­chen Rechts­be­hel­fe in Be­tracht. Das Ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof stellt sich zu­dem in­halt­lich nicht als Fort­set­zung des in­ner­staat­li­chen Ver­fah­rens dar. Die In­di­vi­du­al­be­schwer­de rich­tet sich nicht ge­gen die im Zi­vil­pro­zess ob­sie­gen­de Par­tei, son­dern ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Stellt der Ge­richts­hof ei­ne Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung fest, kommt der Ent­schei­dung dem­ent­spre­chend kei­ne die zi­vil­pro­zes­sua­le Rechts­la­ge un­mit­tel­bar ge­stal­ten­de Wir­kung zu (BVerfG 11. Ok­to­ber 1985 - 2 BvR 336/85 - zu 1 der Gründe, NJW 1986, 1425). Hin­zu kommt, dass die EM­RK nicht den Ter­mi­nus der „Rechts­kraft“ ver­wen­det, wenn es um den Ab­schluss des Ver­fah­rens vor dem Ge­richts­hof geht, son­dern von der „endgülti­gen“ (engl./franz. Sprach­fas­sung: „fi­nal“/„défi­ni­tif“) Ent­schei­dung spricht (vgl. Art. 44, Art. 46 EM­RK).

cc) Für die An­knüpfung an die for­mel­le Rechts­kraft des Aus­gangs­rechts­streits iSd. § 19 EG­Z­PO, § 705 ZPO spre­chen über­dies sys­te­ma­ti­sche Erwägun­gen so­wie Sinn und Zweck der Über­g­angs­re­ge­lung. Der Be­griff „Ver­fah­ren“ wird so­wohl in der Über­schrift des Vier­ten Buchs der ZPO als auch in der Grund­norm des § 578 Abs. 1 ZPO ver­wandt, nach der die Wie­der­auf­nah­me ei­nes durch „rechts­kräfti­ges En­dur­teil ge­schlos­se­nen Ver­fah­rens durch Nich­tig­keits­kla­ge und durch Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge er­fol­gen“ kann. Bei­de Kla­gen sind auf die Über­win­dung der Rechts­kraft des Aus­gangs­ver­fah­rens ge­rich­tet. Dar­auf nimmt § 35 EG­Z­PO Be­zug. Die Re­ge­lung soll nach der Vor­stel­lung des Geetz­ge­bers (vgl. BT-Drucks. 16/3038 S. 36) si­cher­stel­len, „dass ei­ne An­wen­dung des neu­en Re­sti­tu­ti­ons­grun­des (...) erst für die­je­ni­gen Ent­schei­dun­gen in Be­tracht kommt, die nach dem In­kraft­tre­ten der Ge­set­zesände­rung rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen wer­den (vgl. § 578 Abs. 1 ZPO)“. Die Nen­nung der zi­vil­pro­zes-


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sua­len Grund­norm in der Ge­set­zes­be­gründung bringt er­kenn­bar den Wil­len zum Aus­druck, mit der Stich­tags­re­ge­lung an die Rechts­kraft des Aus­gangs­rechts­streits und nicht an die Be­en­di­gung des Be­schwer­de­ver­fah­rens vor dem Ge­richts­hof an­zu­knüpfen. Mit ihr soll, wie es in der Ge­set­zes­be­gründung heißt, Be­las­tun­gen Rech­nung ge­tra­gen wer­den, die mit der Sta­tu­ie­rung ei­nes neu­en Wie­der­auf­nah­me­grun­des für die be­trof­fe­ne geg­ne­ri­sche Par­tei ver­bun­den sind, und soll ei­ne aus Sicht des Ge­setz­ge­bers un­zulässi­ge rück­wir­ken­de An­wen­dung der Re­ge­lung des § 580 Nr. 8 ZPO ver­mie­den wer­den.

dd) Ei­ne von die­sen Vor­ga­ben ab­wei­chen­de Aus­le­gung der Über­g­angs­re­ge­lung in dem Sin­ne, dass es für die An­wend­bar­keit des § 580 Nr. 8 ZPO auf den Zeit­punkt ankäme, zu dem ein iSd. Art. 44, Art. 46 EM­RK endgülti­ges Ur­teil des Ge­richts­hofs vor­liegt, schei­det aus. Sie stünde in Wi­der­spruch zum zeit­lich klar ein­ge­grenz­ten An­wen­dungs­be­reich des in Re­de ste­hen­den Re­sti­tu­ti­ons­grun­des. Sie wäre auch mit dem in § 35 EG­Z­PO zum Aus­druck ge­brach­ten ge­setz­ge­be­ri­schen Wil­len un­ver­ein­bar, der be­trof­fe­nen geg­ne­ri­schen Par­tei trotz der fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung Ver­trau­ens­schutz in die zu ih­ren Guns­ten er­gan­ge­ne Aus­gangs­ent­schei­dung zu gewähren, so­fern die­se bei In­kraft­tre­ten des Re­form­ge­set­zes be­reits in Rechts­kraft er­wach­sen war. Für das vom Kläger fa­vo­ri­sier­te Verständ­nis ist des­halb selbst dann kein Raum, wenn es den Vor­ga­ben der Kon­ven­ti­on bes­ser entspräche oder gar ge­bo­ten wäre, um ih­nen ge­recht zu wer­den. Die Möglich­kei­ten ei­ner kon­ven­ti­ons­freund­li­chen Aus­le­gung en­den dort, wo die­se nach den an­er­kann­ten Me­tho­den der Ge­set­zes­aus­le­gung nicht mehr ver­tret­bar er­scheint (BVerfG 4. Mai 2011 - 2 BvR 2333/08 ua. - [Si­che­rungs­ver­wah­rung] Rn. 93 f. mwN, BVerfGE 128, 326; zu den Gren­zen der Ge­set­zes­aus­le­gung sie­he auch BVerfG 25. Ja­nu­ar 2011 - 1 BvR 918/10 - Rn. 50 f. mwN, BVerfGE 128, 193). Selbst um ei­ner ef­fek­ti­ve­ren Durch­set­zung der ei­nen Kon­ven­ti­ons­ver­s­toß fest­stel­len­den Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te wil­len können sich deut­sche Ge­rich­te im We­ge der Aus­le­gung nicht von der rechts­staat­li­chen Kom­pe­tenz­ord­nung und der Ge­set­zes­bin­dung (Art. 20 Abs. 3 GG) lösen (BVerfG 25. Ja­nu­ar 2011 - 1 BvR 918/10 - Rn. 50, aaO).


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ee) Ein an­de­rer Nich­tig­keits- bzw. Re­sti­tu­ti­ons­grund iSd. § 580 ZPO greift nicht ein. Der Kläger be­ruft sich auf ei­nen sol­chen auch nicht. So­weit ei­ni­ge Stim­men im Schrift­tum dafür ein­tre­ten, bei er­folg­rei­cher In­di­vi­du­al­be­schwer­de der im Zi­vil­pro­zess rechts­kräftig un­ter­le­ge­nen Par­tei zu de­ren Guns­ten ei­nen der in § 580 Nr. 1 bis Nr. 7 Buchst. b ZPO nor­mier­ten Wie­der­auf­nah­me­gründe - ins­be­son­de­re den Re­sti­tu­ti­ons­grund des nachträgli­chen Auf­fin­dens ei­ner Ur­kun­de (§ 580 Nr. 7 Buchst. b ZPO) - im We­ge der Ana­lo­gie her­an­zu­zie­hen (zum Mei­nungs­stand vgl. GMP/Prütting 7. Aufl. Einl. Rn. 90 ff.; Schlos­ser ZZP 79 (1966), 164, 186 ff.; Selb­mann ZRP 2006, 126), ist der­ar­ti­gen Über­le­gun­gen spätes­tens seit In­kraft­tre­ten des Zwei­ten Ge­set­zes zur Mo­der­ni­sie­rung der Jus­tiz und der Einfügung von § 580 Nr. 8 ZPO iVm. § 35 EG­Z­PO die Grund­la­ge ent­zo­gen.

b) Mit dem auf­ge­zeig­ten In­halt ist § 35 EG­Z­PO mit dem Grund­ge­setz, ins­be­son­de­re mit dem Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar (zum Gewähr­leis­tungs­ge­halt des all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes bei der Einführung von Stich­tags­re­ge­lun­gen vgl. BVerfG 20. April 2011 - 1 BvR 1811/08 - Rn. 6, ZFSH/SGB 2011, 337; 27. Fe­bru­ar 2007 - 1 BvL 10/00 - zu C II 1 der Gründe, BVerfGE 117, 272). Das gilt auch un­ter Berück­sich­ti­gung der Ga­ran­ti­en der EM­RK und der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te, die auf der Ebe­ne des Ver­fas­sungs­rechts als Aus­le­gungs­hil­fe die­nen (vgl. da­zu BVerfG 4. Mai 2011 - 2 BvR 2333/08 ua. - [Si­che­rungs­ver­wah­rung] Rn. 90 ff. mwN, BVerfGE 128, 326).

aa) Durch die in § 35 EG­Z­PO ent­hal­te­ne Stich­tags­re­ge­lung wer­den Par­tei­en hin­sicht­lich der Möglich­keit, auf­grund ei­ner fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung die Wie­der­auf­nah­me ih­res rechts­kräftig ab­ge­schlos­se­nen Ver­fah­rens zu er­rei­chen, un­ter­schied­lich be­han­delt. Die Vor­schrift dif­fe­ren­ziert da­nach, in wel­cher Pro­zess­la­ge sich der Aus­gangs­rechts­streit bei In­kraft­tre­ten des § 580 Nr. 8 ZPO be­fand, ob er nämlich sei­ner­zeit be­reits rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen war oder nicht.

bb) Zwi­schen den bei­den Grup­pen be­steht der we­sent­li­che Un­ter­schied, dass die im Aus­gangs­ver­fah­ren ob­sie­gen­de Par­tei vor In­kraft­tre­ten des § 580


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Nr. 8 ZPO am 31. De­zem­ber 2006 mit ei­ner Wie­der­auf­nah­me des rechts­kräftig ab­ge­schlos­se­nen Rechts­streits we­gen fest­ge­stell­ter Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung nicht zu rech­nen brauch­te. Ei­ne nachträgli­che Ände­rung der Rechts­la­ge ge­rie­te in Kon­flikt mit dem Grund­satz der Rechts­si­cher­heit. Das Prin­zip der Rechts­si­cher­heit wie­der­um ist ein zen­tra­les Ele­ment der Rechts­staat­lich­keit. Auf ihm be­ruht die grundsätz­li­che Rechts­beständig­keit rechts­kräfti­ger Ent­schei­dun­gen.

cc) Gerät im Ein­zel­fall der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit mit dem Ge­bot der ma­te­ri­el­len Ge­rech­tig­keit in Wi­der­streit, so ist es Sa­che des Ge­setz­ge­bers, ggf. der Recht­spre­chung, das je­wei­li­ge Ge­wicht, das die­sen Prin­zi­pi­en in der zu re­geln­den Kon­stel­la­ti­on zu­kommt, zu be­mes­sen und darüber zu be­fin­den, wel­chem der Vor­zug ge­ge­ben wer­den muss. Bei über­wie­gen­dem In­ter­es­se der Rechts­si­cher­heit und des Rechts­frie­dens darf die Rechts­ord­nung in Kauf neh­men, dass ei­ne ma­te­ri­ell un­rich­ti­ge Ent­schei­dung für den frag­li­chen Ein­zel­fall endgültig Be­stand hat (BVerfG 30. April 2003 - 1 PB­vU 1/02 - zu C I 2 b der Gründe, BVerfGE 107, 395; 8. Ok­to­ber 1992 - 1 BvR 1262/92 - zu 1 der Gründe mwN, NJW 1993, 1125).

dd) Die Ent­schei­dung des deut­schen Ge­setz­ge­bers, der Rechts­si­cher­heit in Fällen, in de­nen das zi­vi­le Aus­gangs­ver­fah­ren bei In­kraft­tre­ten des Zwei­ten Ge­set­zes zur Mo­der­ni­sie­rung der Jus­tiz be­reits rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen war, Vor­rang vor der Möglich­keit ei­ner Wie­der­auf­nah­me die­ses Ver­fah­rens ein­zuräum­en, hält sich im Rah­men des dar­aus re­sul­tie­ren­den Ge­stal­tungs­spiel­raums.

(1) Das rechts­staat­li­che Er­for­der­nis der Mess­bar­keit und Vor­her­seh­bar­keit staat­li­chen Han­delns als Grund­la­ge des Rechts­frie­dens er­for­dert es, die Vor­aus­set­zun­gen, un­ter de­nen ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen ei­ner Über­prüfung un­ter­lie­gen, hin­rei­chend klar zu be­stim­men (BVerfG 10. Ju­ni 2005 - 1 BvR 2790/04 - zu II 2 a aa (2) (a) (aa) der Gründe, NJW 2005, 2685). Die Par­tei, die im Zi­vil­pro­zess ei­ne for­mell rechts­kräfti­ge Ent­schei­dung zu ih­ren Guns­ten er­wirkt hat, darf auf de­ren Be­stand ver­trau­en und mit Blick hier­auf ggf. wei­te­re Dis­po­si­tio­nen tref­fen. Mit ei­ner Be­sei­ti­gung der Rechts­kraft durch an­de­re als klar vor­ge­ge­be­ne Mit­tel - ei­ne ent­spre­chen­de ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Ent-


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schei­dung (§ 95 Abs. 2 iVm. § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG) oder das Ein­grei­fen ei­nes in der Zi­vil­pro­zess­ord­nung en­u­me­ra­tiv auf­geführ­ten Wie­der­auf­nah­me­grun­des - muss sie nicht rech­nen. Die Über­lei­tungs­vor­schrift des § 35 EG­Z­PO nimmt auf die­sen Un­ter­schied Be­zug. Zu­gleich lehnt sie sich an den all­ge­mei­nen Grund­satz des in­ter­tem­po­ra­len Ver­fah­rens­rechts an, nach dem ei­ne Ände­rung des Pro­zess­rechts grundsätz­lich (nur) anhängi­ge Rechts­strei­tig­kei­ten er­fasst (vgl. da­zu BVerfG 7. Ju­li 1992 - 2 BvR 1631/90 und 1728/90 - zu B II 2 a der Gründe, BVerfGE 87, 48; BAG 28. Mai 2009 - 2 AZR 732/08 - Rn. 12, BA­GE 131, 105; 14. April 2005 - 1 AZN 840/04 - zu 2 b aa der Gründe, BA­GE 114, 200).

(2) Der deut­sche Ge­setz­ge­ber war bei der Einführung des § 580 Nr. 8 ZPO nicht mit Blick auf die Bin­dung der Ver­trags­staa­ten an die Vor­ga­ben der EM­RK ge­hal­ten, gleich­wohl dem Prin­zip der Ein­zel­fall­ge­rech­tig­keit Vor­rang vor dem der Rechts­si­cher­heit ein­zuräum­en. Die EM­RK ver­pflich­tet die Ver­trags­staa­ten nicht, im Fall der Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung die Möglich­keit der Wie­der­auf­nah­me rechts­kräftig ab­ge­schlos­se­ner Aus­gangs­ver­fah­ren vor­zu­se­hen. Bei ei­nem fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­s­toß durch ei­ne na­tio­na­le Ge­richts­ent­schei­dung zwingt die EM­RK des­halb nicht da­zu, dem ent­spre­chen­den Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te ei­ne die Rechts­kraft der kon­ven­ti­ons-wid­ri­gen Ent­schei­dung be­sei­ti­gen­de Wir­kung bei­zu­mes­sen (BVerfG 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 - zu C I 3 b bb der Gründe, BVerfGE 111, 307; 11. Ok­to­ber 1985 - 2 BvR 336/85 - zu 1 der Gründe, NJW 1986, 1425).

(a) Die Kon­ven­ti­on selbst trägt in Art. 41 EM­RK der Möglich­keit Rech­nung, dass die in­ner­staat­li­chen Ge­set­ze der Ver­trags­part­ner ei­ne „voll­kom­me­ne Wie­der­gut­ma­chung“ der ein­ge­tre­te­nen Völker­rechts­ver­let­zung nicht gewähr­leis­ten. In ei­nem sol­chen Fall hat der Ge­richts­hof dem von der Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung Be­trof­fe­nen ggf. ei­ne „ge­rech­te Entschädi­gung“ zu­zu­bil­li­gen. Da­mit ge­stat­tet es Art. 41 EM­RK den Ver­trags­staa­ten ge­ra­de, rechts­kräfti­ge Ent­schei­dun­gen, von de­nen fest­ge­stellt wor­den ist, dass sie un­ter Ver­s­toß ge­gen das Völker­recht zu­stan­de ge­kom­men sind, als sol­che un­an­ge­tas­tet zu las­sen (BVerfG 11. Ok­to­ber 1985 - 2 BvR 336/85 - zu 2 bb der Gründe, NJW 1986,
 

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1425). Das gilt um­so mehr, als auch der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit Be­stand­teil des Kon­ven­ti­ons­rechts ist und ei­ne Be­gren­zung der Ver­pflich­tun­gen der Kon­ven­ti­ons­staa­ten aus ei­nem Ur­teil des Ge­richts­hofs recht­fer­tigt (Pa­che EuR 2004, 393, 404). Ob dies auch dann gilt, wenn die (wei­te­re) tatsächli­che Voll­stre­ckung ei­ner kon­ven­ti­ons­wid­ri­gen in­ner­staat­li­chen Ge­richts­ent­schei­dung in Fra­ge steht (vgl. da­zu BVerfG 11. Ok­to­ber 1985 - 2 BvR 336/85 - zu 1 der Gründe, aaO), be­darf im vor­lie­gen­den Fall kei­ner Ent­schei­dung. Um ei­nen sol­chen Sach­ver­halt han­delt es sich hier nicht.

(b) Die Einräum­ung der Möglich­keit ei­ner Wie­der­auf­nah­me ist, an­ders als der Kläger meint, nicht nach Art. 13 EM­RK ge­bo­ten. Die Re­ge­lung gewähr­leis­tet dem­je­ni­gen, der gel­tend macht, er sei in ei­nem durch die Kon­ven­ti­on ga­ran­tier­ten Recht ver­letzt wor­den, ei­ne „wirk­sa­me Be­schwer­de bei ei­ner in­ner­staat­li­chen In­stanz“. Dies war dem Kläger un­be­nom­men. Er hat­te die Möglich­keit, vor den na­tio­na­len Ge­rich­ten bis hin zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gel­tend zu ma­chen, dass sein An­spruch auf Ach­tung sei­nes Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens im Rah­men der Abwägung nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt wor­den sei. Ei­nen An­spruch auf die Er­wei­te­rung der in­ner­staat­li­chen Gründe für die Wie­der­auf­nah­me rechts­kräftig ab­ge­schlos­se­ner Zi­vil­ver­fah­ren enthält Art. 13 EM­RK nicht (BVerfG 11. Ok­to­ber 1985 - 2 BvR 336/85 - zu 2 bb der Gründe, NJW 1986, 1425).

(c) Der jünge­ren Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te ist nichts Ge­gen­tei­li­ges zu ent­neh­men.

(aa) Da­nach hat die wirk­sa­me Durchführung von Ur­tei­len des Ge­richts­hofs nach Art. 46 EM­RK im Sys­tem der EM­RK al­ler­dings große Be­deu­tung (vgl. EGMR 30. Ju­ni 2009 - 32772/02 - [Ver­ein ge­gen Tier­fa­bri­ken Schweiz/Schweiz Nr. 2] Rn. 83, NJW 2010, 3699). Die Ver­trags­staa­ten ha­ben sich ver­pflich­tet, endgülti­ge Ent­schei­dun­gen iSv. Art. 44 EM­RK, in de­nen ei­ne Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung fest­ge­stellt wor­den ist, zu be­fol­gen (Art. 19, Art. 46 Abs. 1 EM­RK). Da­bei erschöpft sich die Be­fol­gung re­gelmäßig nicht in der Zah­lung von Geld­beträgen, die dem Be­schwer­deführer vom Ge­richts­hof als ge­rech­te Entschädi­gung zu­ge­spro­chen wur­den. Er­for­der­lich sind viel­mehr in­di­vi­du­el­le und ggf.
 

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all­ge­mei­ne Maßnah­men in der je­wei­li­gen Rechts­ord­nung, die es ermögli­chen, die vom Ge­richts­hof fest­ge­stell­te Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung zu be­en­den und ih­re Fol­gen im Rah­men ei­ner Na­tu­ral­re­sti­tu­ti­on wie­der­gut­zu­ma­chen (EGMR 30. Ju­ni 2009 - 32772/02 - [Ver­ein ge­gen Tier­fa­bri­ken Schweiz/Schweiz Nr. 2] Rn. 85 mwN, aaO; sie­he auch 8. April 2004 - 71503/01 - [As­sa­nidzé/Ge­or­gi­en] Rn. 146 ff. mwN, NJW 2005, 2207).

(bb) Gleich­wohl kann es auch aus Sicht des Ge­richts­hofs Umstände ge­ben, un­ter de­nen ein Staat von der Wie­der­her­stel­lung des frühe­ren Zu­stands ganz oder teil­wei­se ab­se­hen darf. Außer­dem ist der be­tei­lig­te Staat frei in den Mit­teln, mit de­nen er sei­ne Ver­pflich­tung nach Art. 46 Abs. 1 EM­RK erfüllen will, so­lan­ge sie mit den Schluss­fol­ge­run­gen im be­tref­fen­den Ur­teil des Ge­richts­hofs ver­ein­bar sind (EGMR 30. Ju­ni 2009 - 32772/02 - [Ver­ein ge­gen Tier­fa­bri­ken Schweiz/Schweiz Nr. 2] Rn. 88 mwN, NJW 2010, 3699). Der Ge­richts­hof kann in­fol­ge­des­sen ei­ne Wie­der­auf­nah­me des Aus­gangs­ver­fah­rens nicht an­ord­nen. Er kann le­dig­lich aus­spre­chen, dass die Wie­der­auf­nah­me auf An­trag des Be­trof­fe­nen ein an­ge­mes­se­nes Mit­tel wäre, die fest­ge­stell­te Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung zu be­sei­ti­gen. Dies ent­spricht den Hin­wei­sen des Mi­nis­ter­ko­mi­tees des Eu­ro­pa­rats, das in sei­ner Emp­feh­lung R (2000) 2 die Ver­trags­staa­ten auf­ge­for­dert hat, im staat­li­chen Recht Me­cha­nis­men zur Wie­der­auf­nah­me des Aus­gangs­ver­fah­rens zu schaf­fen (EGMR 30. Ju­ni 2009 - 32772/02 - [Ver­ein ge­gen Tier­fa­bri­ken Schweiz/Schweiz Nr. 2] Rn. 89, aaO). Der­ar­ti­ge Erklärun­gen sind nicht bin­dend. Sie zwin­gen des­halb nicht zu der An­nah­me, dass die EM­RK in ih­rer Aus­le­gung durch den Ge­richts­hof die Möglich­keit ei­ner Wie­der­auf­nah­me not­wen­dig ver­lan­ge (Mey­er-La­de­wig/Pet­zold NJW 2005, 15, 18 f.).

(d) Auch die den Kläger be­tref­fen­den Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs vom 23. Sep­tem­ber 2010 und vom 28. Ju­ni 2012 (je­weils zum Ak­ten­zei­chen 1620/03 - [Schüth ./. Deutsch­land]) ent­hal­ten kei­ne An­ord­nun­gen, aus de­nen sich ei­ne Ver­pflich­tung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ergäbe, zu­min­dest im Fall der Kündi­gung die Wie­der­auf­nah­me ei­nes zu Las­ten des Ar­beit­neh­mers rechts­kräftig be­en­de­ten Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens oh­ne Rück­sicht auf schutzwürdi­ge Be­lan­ge des Ar­beit­ge­bers zu eröff­nen. Zwar hat der Ge­richts­hof

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in sei­nem Ur­teil vom 28. Ju­ni 2012, mit dem er dem Kläger ei­ne Entschädi­gung zu­er­kannt hat, aus­ge­spro­chen (Rn. 17), ei­ne Wie­der­auf­nah­me des ar­beits­recht­li­chen Ver­fah­rens und ei­ne Prüfung des Falls im Licht sei­ner Ent­schei­dung stell­ten grundsätz­lich ein an­ge­mes­se­nes Mit­tel dar, um die fest­ge­stell­te Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung zu be­he­ben. In sei­ner wei­te­ren Be­gründung ver­weist er aber dar­auf (Rn. 18), dass an­ge­sichts der Fris­ten - ua. der­je­ni­gen in der EG­Z­PO - ei­ne Wie­der­auf­nah­me nicht mehr möglich sein dürf­te. Das lässt nicht er­ken­nen, dass er die Über­lei­tungs­vor­schrift des § 35 EG­Z­PO, so­weit sie in Fällen wie dem vor­lie­gen­den zur Un­zulässig­keit der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge führt, für kon­ven­ti­ons­wid­rig er­ach­tet. Der Aus­schluss der Wie­der­auf­nah­memöglich­keit aus Rechts­gründen mag zur Fol­ge ha­ben, dass der Ar­beit­neh­mer sein ori­ginäres, auf die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung ge­rich­te­tes Pro­zess­ziel trotz der fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung nicht mehr wird ver­wirk­li­chen können. Auch wenn ihm auf die­se Wei­se - un­ter­stellt, ei­ne die Erwägun­gen des Ge­richts­hofs ein­be­zie­hen­de In­ter­es­sen­abwägung hätte zu sei­nen Guns­ten aus­ge­hen müssen - ei­ne voll­kom­me­ne Wie­der­gut­ma­chung dau­er­haft ver­sagt blie­be, führ­te dies mit Blick auf Art. 41 EM­RK und in An­se­hung der Be­deu­tung der Rechts­kraft so­wie der sich dar­aus er­ge­ben­den schutzwürdi­gen In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers nicht zu ei­nem für die Rechts­ord­nung schlecht­hin un­erträgli­chen Er­geb­nis. Das gilt um­so mehr als die Ach­tung der Rechts­kraft ge­richt­li­cher Ent­schei­dun­gen nicht nur ein zen­tra­ler Be­stand­teil der deut­schen Rechts­ord­nung ist (vgl. BVerfG 8. Ok­to­ber 1992 - 1 BvR 1262/92 - zu 1 der Gründe, NJW 1993, 1125), son­dern auch den Schutz der Kon­ven­ti­on ge­nießt (vgl. EGMR 18. Sep­tem­ber 2007 - 52336/99 - zu B 4 der Gründe, Kir­chE 50, 160).

(3) Der in § 35 EG­Z­PO vom deut­schen Ge­setz­ge­ber gewähl­te Stich­tag trägt über­dies dem Um­stand Rech­nung, dass das In­di­vi­du­al­be­schwer­de­ver­fah­ren ins­be­son­de­re bei zi­vil­recht­li­chen Aus­gangs­ver­fah­ren die Rechts­po­si­tio­nen und In­ter­es­sen der Be­tei­lig­ten mögli­cher­wei­se nicht vollständig ab­deckt (zu die­sem As­pekt sie­he auch BVerfG 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 - zu C I 3 c der Gründe, BVerfGE 111, 307). Not­wen­di­ger Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter vor dem Ge­richts­hof ist ne­ben dem Be­schwer­deführer nur der je­wei­li­ge Ver­trags-
 

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staat, nicht auch der Pro­zess­geg­ner im Aus­gangs­ver­fah­ren. Die bloße Möglich­keit, als Drit­ter an dem Be­schwer­de­ver­fah­ren be­tei­ligt zu wer­den (vgl. Art. 36 Abs. 2 EM­RK), ist kein in­sti­tu­tio­nel­les Äqui­va­lent für des­sen Po­si­ti­on als Par­tei oder wei­te­rer Be­tei­lig­ter im na­tio­na­len Aus­gangs­ver­fah­ren (BVerfG 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 - zu C I 3 c der Gründe, aaO). Dar­auf durf­te der Ge­setz­ge­ber bei der Einführung des Wie­der­auf­nah­me­grun­des der fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung und sei­ner Be­schränkung auf sei­ner­zeit noch nicht rechts­kräftig ab­ge­schlos­se­ne Ver­fah­ren Be­dacht neh­men. Er durf­te berück­sich­ti­gen, dass die Pro­zess­geg­ner an dem Ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof in der Ver­gan­gen­heit re­gelmäßig nicht be­tei­ligt wur­den und erst die Eröff­nung ei­ner Wie­der­auf­nah­memöglich­keit ih­nen sehr viel mehr An­lass gäbe, auf die Möglich­keit ei­ner Dritt­be­tei­li­gung im Be­schwer­de­ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof zu drängen und ih­re In­ter­es­sen dort deut­li­cher zu ver­tre­ten als bis­her (zu die­sem As­pekt vgl. BT-Drucks. 16/3038 S. 40). So­weit der Kläger ge­meint hat, die im Aus­gangs­ver­fah­ren ob­sie­gen­de Par­tei sei in ih­rem Ver­trau­en auf den rechts­kräfti­gen Be­stand ei­ner mit ei­ner Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung be­haf­te­ten Ent­schei­dung von vor­ne­her­ein nicht schutzwürdig, über­sieht er, dass es die Ver­pflich­tung zur Schaf­fung ei­ner Wie­der­auf­nah­memöglich­keit bei fest­ge­stell­tem Kon­ven­ti­ons­ver­s­toß - wie dar­ge­legt - nicht gibt.

(4) Im Übri­gen folgt aus der Stich­tags­re­ge­lung des § 35 EG­Z­PO und der Nicht­gel­tung von § 580 Nr. 8 ZPO für vor dem 31. De­zem­ber 2006 rechts­kräftig ab­ge­schlos­se­ne Aus­gangs­ver­fah­ren nicht, dass die fest­ge­stell­te Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung für die Rechts­be­zie­hung der an ei­nem sol­chen Aus­gangs­ver­fah­ren be­tei­lig­ten Par­tei­en in je­der Hin­sicht fol­gen­los blei­ben müss­te. So kann das vom Ge­richts­hof an­ge­nom­me­ne Abwägungs­de­fi­zit in Fällen wie dem vor­lie­gen­den un­ter Umständen im Rah­men ei­nes Wie­der­ein­stel­lungs­be­geh­rens des Ar­beit­neh­mers Be­deu­tung ge­win­nen. Ei­nem sol­chen An­trag stünde die ma­te­ri­el­le Rechts­kraft der im Kündi­gungs­schutz­pro­zess er­gan­ge­nen kla­ge­ab­wei­sen­den Ent­schei­dung nicht ent­ge­gen. Zwar steht ih­ret­we­gen mit Bin­dungs­wir­kung zwi­schen den Par­tei­en fest, dass über den in der Kündi­gung mit­ge­teil­ten Ter­min hin­aus kein Ar­beits­verhält­nis zwi­schen ih­nen be­stan­den hat (BAG 23. Ok­to­ber 2008 - 2 AZR 131/07 - Rn. 18 mwN, AP KSchG 1969 § 23 Nr. 43 =


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EzA KSchG § 23 Nr. 33). Das schließt ei­ne Ver­ur­tei­lung des Ar­beit­ge­bers zu ei­ner Wie­der­ein­stel­lung aber nicht aus. Ob es sich da­bei um ei­ne Sach­la­ge han­delt, bei der die deut­schen Ge­rich­te, wenn nicht über die res iu­di­ca­ta, so doch über ei­nen Ge­gen­stand zu ent­schei­den ha­ben, zu dem der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te ei­nen Kon­ven­ti­ons­ver­s­toß fest­ge­stellt hat (vgl. BVerfG 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 - zu C I 3 b bb der Gründe, BVerfGE 111, 307), kann nicht für al­le denk­ba­ren Fall­ge­stal­tun­gen im Vor­hin­ein be­ant­wor­tet wer­den. Es er­scheint je­den­falls nicht aus­ge­schlos­sen, im Rah­men ei­nes beim dafür zuständi­gen Ge­richt an­ge­brach­ten Wie­der­ein­stel­lungs­an­trags dem Be­stre­ben, der fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung auch in na­tu­ra ab­zu­hel­fen, an­ge­mes­sen Rech­nung tra­gen zu können.

c) Das Uni­ons­recht ver­langt mit Blick auf Art. 6 Abs. 2 und Abs. 3 EUV kei­ne an­de­re Be­wer­tung. Die Nicht­an­wend­bar­keit von § 580 Nr. 8 ZPO auf Sach­ver­hal­te wie den vor­lie­gen­den wi­der­spricht nicht dem in Art. 6 Abs. 2 und Abs. 3 EUV zum Aus­druck ge­brach­ten Ziel ei­ner wirk­sa­men Um­set­zung der EM­RK auf dem Ge­biet des Uni­ons­rechts.

aa) Un­abhängig von der Fra­ge, ob der Sach­ver­halt in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt, er­gibt sich aus dem Ver­trag von Lis­sa­bon ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers kei­ne neue Qua­lität des Vor­rangs von Uni­ons­recht ge­genüber na­tio­na­lem Recht (BVerfG 30. Ju­ni 2009 - 2 BvE 2/08 - Rn. 331, BVerfGE 123, 267). Ins­be­son­de­re lässt der in Art. 6 Abs. 2 Satz 1 EUV vor­ge­se­he­ne - noch nicht voll­zo­ge­ne - Bei­tritt der Uni­on zur EM­RK nicht den Schluss zu, die Wie­der­auf­nah­me ei­nes rechts­kräftig ab­ge­schlos­se­nen Aus­gangs­ver­fah­rens sei zur Um­set­zung ei­nes ei­ne Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung fest­stel­len­den Ur­teils des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te zwin­gend ge­bo­ten. Da­ge­gen spricht schon die Re­ge­lung in Art. 6 Abs. 2 Satz 2 EUV. Ihr zu­fol­ge ändert der Bei­tritt nicht die in den Verträgen fest­ge­leg­ten Zuständig­kei­ten der Uni­on.

bb) Ei­ne an­de­re Be­wer­tung ist nicht des­halb ge­bo­ten, weil die Grund- und Men­schen­rech­te der EM­RK nach Art. 6 Abs. 3 EUV schon jetzt als all­ge­mei­ne Grundsätze Teil des Uni­ons­rechts sind und weil nach Art. 52 Abs. 3 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on die in die­ser ent­hal­te­nen Rech­te,
 

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so­weit sie den durch die EM­RK ga­ran­tier­ten Rech­ten ent­spre­chen, die glei­che Be­deu­tung und Trag­wei­te ha­ben wie gemäß der Kon­ven­ti­on. Zum ei­nen er­gibt sich aus Art. 46 EM­RK, wie aus­geführt, kei­ne Ver­pflich­tung zur Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens. Zum an­de­ren stellt die EM­RK, so­lan­ge die Uni­on ihr nicht bei­ge­tre­ten ist, nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on kein „Rechts­in­stru­ment“ dar, das for­mell in die Uni­ons­rechts­ord­nung über­nom­men wor­den ist. Die in Art. 6 EUV ent­hal­te­ne Ver­wei­sung auf die EM­RK ge­bie­tet es ei­nem na­tio­na­len Ge­richt nicht, im Fall ei­nes Wi­der­spruchs zwi­schen ei­ner Re­ge­lung des na­tio­na­len Rechts und der Kon­ven­ti­on die Be­stim­mun­gen der Kon­ven­ti­on un­mit­tel­bar an­zu­wen­den und ei­ne mit die­ser un­ver­ein­ba­re na­tio­na­le Re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen (EuGH 24. April 2012 - C-571/10 - [Kam­be­r­aj] Rn. 63, NVWZ 2012, 950). Klärungs­be­darf iSv. Art. 267 Abs. 3 AEUV be­steht in die­sem Zu­sam­men­hang nicht.

d) Der Kläger kann sich dem­nach auf den Re­sti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 8 ZPO nicht be­ru­fen. Die Vor­schrift fin­det we­gen § 35 EG­Z­PO im Streit­fall kei­ne An­wen­dung. Das Aus­gangs­ver­fah­ren war weit vor dem 31. De­zem­ber 2006 rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen. Der Be­schluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 29. Mai 2000, durch den die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 3. Fe­bru­ar 2000 zurück­ge­wie­sen wur­de, ist dem Kläger im Ju­ni 2000 zu­ge­stellt wor­den. Da­mit hat das Be­ru­fungs­ur­teil, des­sen Auf­he­bung der Kläger im We­ge der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge be­gehrt, for­mel­le Rechts­kraft er­langt.

V. Der Kläger hat gemäß § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­nes er­folg­lo­sen Rechts­mit­tels zu tra­gen.


Kreft 

Rinck 

Ber­ger

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