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Handbuch Arbeitsrecht
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Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR)

In­for­ma­tio­nen zum The­ma Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR): Hen­sche Rechts­an­wäl­te, Kanz­lei für Ar­beits­recht

Le­sen Sie hier, was All­ge­mei­ne Ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) sind und war­um sie von kirch­li­chen Ar­beit­ge­bern zur Ver­trags­ge­stal­tung ein­ge­setzt wer­den.

Im Ein­zel­nen fin­den Sie In­for­ma­tio­nen da­zu, wor­in die Un­ter­schie­de zwi­schen AVR und Ta­rif­ver­trä­gen be­ste­hen, in wel­cher Wei­se sie auf die Ar­beits­ver­trä­ge der Ar­beit­neh­mer kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen (Dia­ko­nie, Ca­ri­tas) ein­wir­ken und ob AVR bei ei­nem Be­triebs­über­gang ein­ge­führt bzw. ab­ge­löst wer­den kön­nen.

von Rechts­an­walt Dr. Mar­tin Hen­sche, Fach­an­walt für Ar­beits­recht, Ber­lin

Was sind Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR)?

Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) sind all­ge­mei­ne Re­ge­lun­gen über die Durchführung und die Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen, die der Ar­beit­ge­ber bei Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags zu des­sen Grund­la­ge macht. Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en sind ähn­lich um­fang­reich wie groß an­ge­leg­te Ta­rif­verträge, d.h. sie ent­hal­ten in der Re­gel ei­nen all­ge­mei­nen Teil so­wie ei­ne Viel­zahl von An­la­gen oder Son­der­re­ge­lun­gen.

Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en wer­den vor al­lem von den so­zia­len Ein­rich­tun­gen der bei­den großen Kir­chen in Deutsch­land ein­ge­setzt, ge­nau­er ge­sagt von den Ein­rich­tun­gen, die auf­grund ih­rer kirch­li­chen Bin­dung Mit­glie­der der re­gio­na­len Ca­ri­tas­verbände (ka­tho­li­sche Kir­che) oder der re­gio­na­len Dia­ko­ni­schen Wer­ke (evan­ge­li­sche Kir­che) sind.

Kirch­li­che Träger so­zia­ler Ein­rich­tun­gen, die meist als ge­meinnützi­ge GmbH (gGmbH) oder als ein­ge­tra­ge­ner Ver­ein (e.V.) or­ga­ni­siert sind, sind nämlich als Mit­glie­der der re­gio­na­len Ca­ri­tas­verbände bzw. der re­gio­na­len Dia­ko­ni­schen Wer­ke "ih­rer" Kir­che ver­bun­den und le­gen da­her den von ih­nen als Ar­beit­ge­ber ver­ein­bar­ten Ar­beits­verträgen die Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) Ca­ri­tas bzw. die Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) Dia­ko­nie zu­grun­de.

Warum regeln Mitglieder der Caritas bzw. der Diakonie ihre Arbeitsverhältnisse mithilfe von Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR)?

Auf­grund der ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­ten Au­to­no­mie der Kir­chen und ih­rer so­zia­len Ein­rich­tun­gen, in Deutsch­land v.a. der Ca­ri­tas und der Dia­ko­nie, wäre es recht­lich zulässig, die für die Ar­beit­neh­mer gel­ten­den Ar­beits­be­din­gun­gen weit­ge­hend ein­sei­tig, d.h. im We­ge der Wei­sung fest­zu­le­gen. Die­se Möglich­keit der Re­gu­lie­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen wird herkömmlich als "ers­ter Weg" be­zeich­net und von den Kir­chen heut­zu­ta­ge all­ge­mein ab­ge­lehnt.

Eben­so we­nig bzw. nur ganz ver­ein­zelt wird von den Kir­chen der sog. "zwei­te Weg" prak­ti­ziert, d.h. die Re­gu­lie­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen durch den Ab­schluss von Ta­rif­verträgen. In die­ser Wei­se verfährt in Deutsch­land der­zeit nur die nord­el­bi­sche evan­ge­lisch-lu­the­ri­sche Kir­che.

Weit über­wie­gend be­vor­zu­gen die Kir­chen den sog. "drit­ten Weg", d.h. sie re­geln die Ar­beits­ver­trags­be­din­gun­gen durch Kom­mis­sio­nen, die pa­ritätisch von Ar­beit­neh­mer- und Ar­beit­ge­ber­ver­tre­tern be­setzt sind. Die­se Kom­mis­sio­nen be­sch­ließen die Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR). Sie wer­den, wie erwähnt, in ähn­li­cher All­ge­mein­heit wie ein Ta­rif­ver­trag auf die Ar­beits­verhält­nis­se der kirch­li­chen Ar­beit­neh­mer an­ge­wandt.

Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) ver­dan­ken ih­re Ein­be­zie­hung in die Ar­beits­verträge kirch­li­cher Wohl­fahrts­ein­rich­tun­gen da­her der Ent­schei­dung der Kir­chen und ih­rer so­zia­len Ein­rich­tun­gen für den drit­ten Weg.

Gelten die allgemeinen Regeln des Arbeitsrechts für Arbeitsverhältnisse, die Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) unterworfen sind?

Ja, denn mit dem drit­ten Weg ha­ben sich die Kir­chen und ih­re So­zi­al­ein­rich­tun­gen auch dafür ent­schie­den, ih­re Ar­beits­verhält­nis­se dem all­ge­mein gel­ten­den staat­li­chen (Ar­beits-)Recht zu un­ter­wer­fen.

Hin­ter den Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) ste­hen da­her grundsätz­lich al­le ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen des in­di­vi­du­el­len Ar­beits­rechts, an­ge­fan­gen vom Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) über das Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz (EFZG) bis hin zum Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG). Auch der Weg zu den Ar­beits­ge­rich­ten steht Ar­beit­neh­mern of­fen, die bei ei­ner kirch­li­chen Wohl­fahrts­ein­rich­tung auf der Grund­la­ge ei­nes AVR-ge­bun­de­nen Ar­beits­ver­trags tätig sind.

Al­ler­dings gel­ten ei­ni­ge ar­beits­recht­li­che Ge­set­ze für AVR-Ar­beits­verhält­nis­se nicht, nämlich das Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG), das da­mit zu­sam­menhängen­de Ar­beits­kampf­recht so­wie das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) bzw. das dar­in ent­hal­te­ne Recht der be­trieb­li­chen Mit­be­stim­mung, da es in kirch­li­chen Be­trie­ben kei­ne Be­triebsräte, son­dern Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tun­gen (MAV) gibt. Ih­re Rech­te re­gelt das Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tungs­ge­setz (MVG), das für den Be­reich der evan­ge­li­schen Kir­che bzw. der Dia­ko­nie gilt, oder aber die Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tungs­ord­nung (MA­VO), die im Be­reich der ka­tho­li­schen Kir­che bzw. für die Ein­rich­tun­gen der Ca­ri­tas gilt.

Welche Unterschiede bestehen zwischen Arbeitsvertragsrichtlinien und Tarifverträgen?

Ein we­sent­li­cher Un­ter­schied zwi­schen Ta­rif­ver­trag und AVR be­steht dar­in, dass die Ar­beit­neh­mer­sei­te im Kon­fliktsfall nicht strei­ken darf und sich an die­ses Ver­bot auch hält. Viel­mehr ver­mit­telt in ei­nem sol­chen Fall ein Sch­lich­tungs- bzw. Ver­mitt­lungs­aus­schuss zwi­schen den ver­schie­de­nen Po­si­tio­nen bzw. zwi­schen den For­de­run­gen von Ar­beit­ge­ber- und Ar­beit­neh­mer­sei­te.

Es gilt die De­vi­se: Sch­lich­tung statt Ar­beits­kampf.

Wie wirken Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) auf Arbeitsverträge ein?

Da Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en nicht in ei­ner gleich­be­rech­tig­ten Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zung un­ter Ein­be­zie­hung des Streiks bzw. der Streik­dro­hung aus­ge­han­delt wer­den, können sie nach der Recht­spre­chung und der über­wie­gen­den Mei­nung in der ju­ris­ti­schen Li­te­ra­tur recht­lich nicht mit Ta­rif­verträgen gleich­ge­stellt wer­den. AVR ha­ben auf­grund der Tat­sa­che, dass sie nicht in frei­en Ta­rif­kon­flik­ten von im Prin­zip gleich star­ken Ver­hand­lungs­part­nern aus­ge­han­delt wer­den, nicht die Ver­mu­tung der sach­li­chen An­ge­mes­sen­heit für sich.

Während da­her Ta­rif­verträge auf die Ar­beits­verhält­nis­se von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern wie ein Ge­setz, d.h. mit "nor­ma­ti­ver Wir­kung" an­zu­wen­den sind (§ 4 Abs.1 TVG), ist dies bei Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en nicht möglich, da Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en eben kei­ne Ta­rif­verträge sind und die­sen auch nicht gleich­ge­stellt wer­den können.

Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en wir­ken da­her nur dann auf die Ar­beits­verhält­nis­se kirch­li­cher Ar­beit­neh­mer ein, wenn ih­re Gel­tung im An­stel­lungs­ver­trag aus­drück­lich ver­ein­bart ist. Sie gel­ten so­mit als ver­trag­li­che Ein­heits­re­ge­lun­gen auf­grund ei­ner sog. ein­zel­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me, d.h. sie wer­den al­lein auf­grund ei­ner von den Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ge­trof­fe­nen Ein­be­zie­hungs­ver­ein­ba­rung Be­stand­teil des Ein­zel­ar­beits­ver­trags.

So ge­se­hen ähneln Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en dem "Klein­ge­druck­ten" in For­mu­lar­ar­beits­verträgen, d.h. den vom Ar­beit­ge­ber ein­sei­tig vor­ge­ge­be­nen All­ge­mei­nen Ar­beits­be­din­gun­gen. Im Un­ter­schied zu die­sen rein aus Ar­beit­ge­ber­sicht "ge­strick­ten" ver­trag­li­chen Ein­heits­re­ge­lun­gen berück­sich­ti­gen Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en al­ler­dings we­sent­lich stärker die In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer, da sie von pa­ritätisch zu­sam­men­ge­setz­ten Kom­mis­sio­nen aus­ge­han­delt wer­den, die da­bei oft außer­halb der Kir­che be­ste­hen­de ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen des öffent­li­chen Diens­tes mehr oder we­ni­ger kom­plett über­neh­men.

Vor die­sem Hin­ter­grund tun sich Ju­ris­ten nach wie vor schwer mit der recht­li­chen Ein­ord­nung von Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en . Letzt­lich sind sie we­der Ta­rif­verträge noch Ar­beits­ver­trags­re­ge­lun­gen und wer­fen da­her recht­li­che Pro­ble­me auf, die im­mer wie­der mit ih­rer sog. "Norm­qua­lität" zu tun ha­ben.

Können Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) bei Betriebsübergängen eingeführt bzw. abgelöst werden?

Bei ei­nem Be­triebsüber­gang oder Be­triebs­teilüber­gang ge­hen die Ar­beits­verhält­nis­se der da­von be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer au­to­ma­tisch, d.h. kraft Ge­set­zes auf den Er­wer­ber über, falls die Ar­beit­neh­mer der Über­lei­tung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses nicht aus­drück­lich wi­der­spre­chen.

In § 613a BGB heißt es hier­zu wei­ter­ge­hend, dass die Rech­te der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer, falls sie durch Rechts­nor­men ei­nes Ta­rif­ver­trags ge­re­gelt sind, mit dem Be­triebsüber­gang

  • ent­we­der zu Be­stand­tei­len des Ein­zel­ar­beits­ver­trags wer­den und in die­sem Fal­le nicht vor Ab­lauf ei­nes Jah­res nach dem Be­triebsüber­gang zum Nach­teil des Ar­beit­neh­mers geändert wer­den können, falls der Be­triebs­er­wer­ber nicht kraft ei­ge­ner Ta­rif­bin­dung ei­nen an­de­ren Ta­rif­ver­trag be­ach­ten muss,
  • oder aber durch die Rechts­nor­men ei­nes neu­en Ta­rif­ver­trags ab­gelöst wer­den, falls der Be­triebs­er­wer­ber ei­nen sol­chen Ta­rif­ver­trag kraft ei­ge­ner Ta­rif­bin­dung be­ach­ten muss.

Geht da­her im We­ge des Be­triebsüber­gangs ein Be­trieb auf ei­nen kirch­li­chen Träger über, der die für ihn gel­ten­den Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en in sei­nem Be­trieb all­ge­mein an­wen­den will, so kann die­ser als Be­triebsüber­neh­mer nicht auf dem Stand­punkt ste­hen, dass "sei­ne" Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en au­to­ma­tisch an die Stel­le ei­nes im über­nom­me­nen Be­trieb vor­her gel­ten­den Ta­rif­ver­trags tre­ten.

Dies gilt auch dann, wenn zu­vor gel­ten­de Ta­rif­ver­trag in dem über­nom­me­nen Be­trieb auf­grund ein­zel­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung ver­bind­lich war. Will ein kirch­li­cher Be­triebsüber­neh­mer da­her ei­nen im über­nom­me­nen Be­trieb bis­her gel­ten­den Ta­rif­ver­trag durch "sei­ne" Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en ablösen, muss er frei­wil­li­ge Ein­zel­ver­ein­ba­run­gen mit den Ar­beit­neh­mern tref­fen oder aber Ände­rungskündi­gun­gen aus­spre­chen in der Hoff­nung, dass die gekündig­ten Ar­beit­neh­mer das Ände­rungs­an­ge­bot (= Er­set­zung des Ta­rif­ver­trags durch die AVR) ak­zep­tie­ren.

Auch im um­ge­kehr­ten Fall funk­tio­niert ein au­to­ma­ti­scher Aus­tausch von Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en und Ta­rif­ver­trag nicht: Wenn ein Be­trieb oder Be­triebs­teil, in dem die Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en ei­nes kirch­li­cher Ar­beit­ge­bers gel­ten, durch Be­triebsüber­gang auf ei­nen nicht an die AVR ge­bun­de­nen Be­triebsüber­neh­mer über­tra­gen wird, wer­den die AVR nicht au­to­ma­tisch durch ei­nen vom Er­wer­ber kraft Ta­rif­bin­dung zu be­ach­ten­den Ta­rif­ver­trag ab­gelöst, da die AVR Be­stand­teil der Ein­zel­ar­beits­verträge der über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer sind. Auch hier muss der Er­wer­ber, wenn er von den AVR los­kom­men möch­te, Ein­zel­ver­ein­ba­run­gen tref­fen bzw. Ände­rungskündi­gun­gen aus­spre­chen.

Wo finden Sie mehr zum Thema Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR)?

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen, die Sie im Zu­sam­men­hang mit dem The­ma Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) in­ter­es­sie­ren könn­ten, fin­den Sie hier:

Kom­men­ta­re un­se­res An­walts­teams zu ak­tu­el­len Fra­gen rund um das The­ma Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 8. August 2016

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