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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Sperrzeit, Arbeitslosengeld, Eigenkündigung, Arbeitsagentur
   
Gericht: Bundessozialgericht
Akten­zeichen: B 11a/7a AL 52/06 R
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 17.10.2007
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Sozialgericht Gelsenkirchen - S 20 AL 56/05
Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen - L 19 AL 193/05
   

BUN­DESSO­ZIAL­GERICHT

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

in dem Rechts­streit

Verkündet am

17. Ok­to­ber 2007
 


Az: B 11a/7a AL 52/06 R
L 19 AL 193/05 (LSG Nord­rhein-West­fa­len)

S 20 AL 56/05 (SG Gel­sen­kir­chen)

...,


Kläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te:  

...,


g e g e n

Bun­des­agen­tur für Ar­beit,
Re­gens­bur­ger Straße 104, 90478 Nürn­berg,

Be­klag­te und Re­vi­si­onskläge­rin.

Der 11a. Se­nat des Bun­des­so­zi­al­ge­richts hat auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 17. Ok­to­ber 2007 durch die Vi­ze­präsi­den­tin Dr. W e t z e l - S t e i n w e d e l , die Rich­ter Dr. V o e l z k e und Dr. L e i t h e r e r so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter K l e e m a n n und B a r e i t h e r
für Recht er­kannt:

Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len vom 22. Mai 2006 auf­ge­ho­ben und die Sa­che zur er­neu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Lan­des­so­zi­al­ge­richt zurück­ver­wie­sen.

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G r ü n d e :

I

Die Kläge­rin wen­det sich ge­gen die Ab­leh­nung ih­res An­tra­ges auf Ar­beits­lo­sen­geld (Alg) we­gen des Ein­tritts ei­ner Sperr­zeit ab 1. Sep­tem­ber 2004.

Die 1960 ge­bo­re­ne Kläge­rin kündig­te am 15. März 2004 ihr Ar­beits­verhält­nis als Verkäufe­r­in bei der K. GmbH N. in H. zum 31. Au­gust 2004. Als Kündi­gungs­grund gab sie ih­ren ge­plan­ten Um­zug nach Glad­beck an, wo ih­re am 8. April 1990 ge­bo­re­ne Toch­ter zum neu­en Schul­jahr die Schu­le be­su­chen soll­te.


Auf die am 27. Au­gust 2004 er­folg­te Ar­beits­los­mel­dung und An­trag­stel­lung lehn­te die Be­klag­te mit dem Be­scheid vom 5. Ok­to­ber 2004 die Gewährung von Alg ab, weil der An­spruch we­gen ei­ner vom 1. Sep­tem­ber bis 23. No­vem­ber 2004 ein­ge­tre­te­nen Sperr­zeit ru­he. Auch nach Ab­lauf der Sperr­zeit würden kei­ne Leis­tun­gen ge­zahlt, weil die Kläge­rin am 29. Sep­tem­ber 2004 ei­ne Beschäfti­gung auf­ge­nom­men ha­be und so­mit nicht mehr ar­beits­los sei. Mit dem Wi­der­spruch ge­gen den Sperr­zeit­be­scheid mach­te die Kläge­rin gel­tend, sie sei zu ih­rem Ver­lob­ten, Herrn B. E. (E.), nach Glad­beck ge­zo­gen. Be­reits vor ih­rem Um­zug ha­be sie sich im Raum Glad­beck um Ar­beit bemüht. Der Wi­der­spruch wur­de mit Wi­der­spruchs­be­scheid vom 16. Fe­bru­ar 2005 zurück­ge­wie­sen.


Das So­zi­al­ge­richt (SG) hat die Kläge­rin an­gehört und E. als Zeu­gen ver­nom­men. Es hat die Be­klag­te ver­ur­teilt, der Kläge­rin ab dem 1. Sep­tem­ber 2004 Alg zu gewähren (Ur­teil vom 26. Sep­tem­ber 2005). Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG) hat die Be­ru­fung der Be­klag­ten zurück-ge­wie­sen (Ur­teil vom 22. Mai 2006): Die Kläge­rin ha­be ei­nen wich­ti­gen Grund für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses. Die Kündi­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses zur Fort­set­zung ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft und Her­stel­lung ei­ner Er­zie­hungs­ge­mein­schaft könne die Be­lan­ge der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft zurück­tre­ten las­sen. An­ge­sichts der Ent­fer­nung zwi­schen Glad­beck und Hei­den­heim sei ein tägli­ches Pen­deln un­zu­mut­bar. Die Kläge­rin ha­be auch hin­rei­chen­de Bemühun­gen un­ter­nom­men, ei­nen An­schluss­ar­beits­platz zu fin­den. Zwar sei nicht mit hin­rei­chen­der Si­cher­heit fest­stell­bar, dass sie sich schon vor der Kündi­gung bei der für Glad­beck zuständi­gen Ar­beits­agen­tur (AA) ar­beit­su­chend ge­mel­det ha­be. Sie ha­be dies aber je­den­falls im April 2004 zeit­nah nach­ge­holt. Darüber hin­aus ha­be sich die Kläge­rin bei ih­rem ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­ber im Raum Glad­beck um ei­ne Beschäfti­gungs­al­ter­na­ti­ve bemüht. Sch­ließlich ha­be sie sich schon vor der Kündi­gung bei ver­schie­de­nen Han­dels­un­ter­neh­men be­wor­ben. Zum Zeit­punkt der Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses ha­be zwi­schen der Kläge­rin und E. be­reits ei­ne eheähn­li­che Ge­mein­schaft be­stan­den. Zwar sei da­von aus­zu­ge­hen, dass die Ver­fes­ti­gung ei­ner Be­zie­hung erst nach ei­nem Be­stand von drei Jah­ren an­zu­neh­men sei. Hier lägen je­doch Be­son­der­hei­ten vor, die die An­nah­me ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft schon zum Zeit­punkt der Kündi­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses recht­fer­tig­ten. Die Kläge-
 


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rin und E. hätten sich im De­zem­ber 2003 ver­lobt. Auch wenn ein kon­kre­ter Hoch­zeits­ter­min bis­lang nicht ab­seh­bar sei, sei nach der Ge­stal­tung der wei­te­ren Le­bens­verhält­nis­se da­von aus-zu­ge­hen, dass sie schon ab die­sem Zeit­punkt wie Ehe­leu­te fürein­an­der hätten ein­ste­hen wol­len. Dies zei­ge sich an dem wirt­schaft­li­chen Ein­ste­hen fürein­an­der und dar­an, dass sie so weit wie möglich ih­re Frei­zeit ge­mein­sam ver­bracht hätten. Da­ge­gen sei ei­ne ge­mein­sa­me Woh­nung kei­ne zwin­gen­de Vor­aus­set­zung für ei­ne eheähn­li­che Ge­mein­schaft. Die Fort­set­zung der eheähn­li­chen Ge­mein­schaft un­ter den bis­he­ri­gen Be­din­gun­gen über den Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses hin­aus sei für die Kläge­rin nicht zu­mut­bar ge­we­sen. In­so­weit kom­me dem Um­stand be­son­de­re Be­deu­tung zu, dass der Um­zug auch der Her­stel­lung ei­ner Er­zie­hungs­ge­mein­schaft ge­dient ha­be. Die Ent­schei­dung der Kläge­rin, den Zeit­punkt des Um­zugs so zu le­gen, dass er sich mit dem Be­ginn des neu­en Schul­jah­res ge­deckt ha­be, die­ne im Be­son­de­ren dem Wohl des Kin­des.


Die Be­klag­te hat die vom LSG zu­ge­las­se­ne Re­vi­si­on ein­ge­legt. Sie rügt ei­ne Ver­let­zung des § 144 Abs 1 Satz 1 Nr 1 So­zi­al­ge­setz­buch - Drit­tes Buch - (SGB III). Es könne da­hin­ste­hen, ob der An­nah­me des LSG, es ha­be be­reits vor dem Um­zug ei­ne eheähn­li­che Le­bens­ge­mein­schaft be­stan­den, nach den ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen ge­folgt wer­den könne. Denn der wich­ti­ge Grund müsse sich mit dem kon­kre­ten Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses de­cken. Das LSG ha­be fest­ge­stellt, dass die Kläge­rin im Zeit­punkt des Er­las­ses des Ur­teils nicht ver­hei­ra­tet ge­we­sen und auch noch kein kon­kre­ter Hoch­zeits­ter­min ab­seh­bar ge­we­sen sei. Die Rechts­auf­fas­sung ver­s­toße da­her ekla­tant ge­gen die Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts (BSG) beim Zu­zug zum eheähn­li­chen Le­bens­part­ner. Es sei we­der die Vor­aus­set­zung ei­ner El­tern-Kind-Be­zie­hung noch die Vor­aus­set­zung der Vor­wir­kung ei­ner ehe-ähn­li­chen Ge­mein­schaft erfüllt.


Die Be­klag­te be­an­tragt,
das Ur­teil des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len vom 22. Mai 2006 so­wie das Ur­teil des So­zi­al­ge­richts Gel­sen­kir­chen vom 26. Sep­tem­ber 2005 auf­zu­he­ben und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,
die Re­vi­si­on zurück­zu­wei­sen.

Sie hält das an­ge­foch­te­ne Ur­teil für zu­tref­fend. Das LSG ha­be in An­wen­dung der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung zu­tref­fend fest­ge­stellt, dass für ih­re Kündi­gung zur Fort­set­zung der ehe-ähn­li­chen Ge­mein­schaft und Her­stel­lung ei­ner Er­zie­hungs­ge­mein­schaft auch un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­lan­ge der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft ein wich­ti­ger Grund be­stan­den ha­be.



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II

Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist im Sin­ne der Auf­he­bung des an­ge­foch­te­nen Ur­teils und der Zurück­ver­wei­sung der Sa­che an das LSG be­gründet. An­hand der bis­her ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen kann nicht be­ur­teilt wer­den, ob sich die Kläge­rin auf ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne des Sperr­zeit­rechts im Hin­blick auf die Be­gründung ei­ner Er­zie­hungs­ge­mein­schaft be­ru­fen kann.


Ge­gen­stand des Rechts­streits ist hier al­lein der so ge­nann­te Sperr­zeit­be­scheid vom 5. Ok­to­ber 2004 idF des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 16. Fe­bru­ar 2005, mit dem die Be­klag­te die Zah­lung von Alg ab 1. Sep­tem­ber 2004 ab­ge­lehnt und ei­ne Min­de­rung der An­spruchs­dau­er von 90 Ta­gen verfügt hat.


Nach § 144 Abs 1 Satz 1 Nr 1 SGB III (in der hier maßge­ben­den Fas­sung durch das Ers­te Ge­setz für mo­der­ne Dienst­leis­tun­gen am Ar­beits­markt vom 23. De­zem­ber 2002, BGBl I 4607) tritt ei­ne Sperr­zeit ein, wenn der Ar­beits­lo­se das Beschäfti­gungs­verhält­nis gelöst oder durch ein ar­beits­ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten An­lass für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses ge­ge­ben und er da­durch vorsätz­lich oder grob fahrlässig die Ar­beits­lo­sig­keit her­bei­geführt hat (Sperr­zeit we­gen Ar­beits­auf­ga­be), oh­ne für sein Ver­hal­ten ei­nen wich­ti­gen Grund zu ha­ben. Die Dau­er der Sperr­zeit we­gen Ar­beits­auf­ga­be beträgt nach § 144 Abs 3 Satz 1 SGB III zwölf Wo­chen.


Zu­tref­fend ist das LSG da­von aus­ge­gan­gen, dass die Kläge­rin durch die Kündi­gung vom 15. März 2004 zum 31. Au­gust 2004 ihr Beschäfti­gungs­verhält­nis gelöst hat. Hier­durch hat sie ih­re Ar­beits­lo­sig­keit grob fahrlässig her­bei­geführt, denn es la­gen nach den bin­den­den tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen des LSG kei­ne kon­kre­ten An­halts­punk­te für ei­nen si­che­ren An­schluss­ar­beits­platz vor, die über bloße Hoff­nun­gen und Er­war­tun­gen hin­aus­ge­gan­gen wären (vgl zu den in­so­weit zu stel­len­den An­for­de­run­gen BSG SozR 4100 § 119 Nr 28).

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des LSG kann sich die Kläge­rin auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des BSG für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses nicht auf ei­nen wich­ti­gen Grund be­ru­fen, denn es greift kei­ne der in die­sem Zu­sam­men­hang vom BSG ent­wi­ckel­ten Fall­grup­pen zum wich­ti­gen Grund ein (s hier­zu un­ter 1). Je­doch führt der Se­nat die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung in der Wei­se fort, dass auch die Her­stel­lung ei­ner Er­zie­hungs­ge­mein­schaft ein wich­ti­ger Grund iS des § 144 Abs 1 SGB III sein kann (s hier­zu un­ter 2).

1.1 Die Vor­aus­set­zun­gen für das Vor­lie­gen ei­nes wich­ti­gen Grun­des we­gen ei­ner ge­plan­ten Ehe­sch­ließung und ei­nes Zu­zugs zum Ehe­gat­ten lie­gen nicht vor. Nach den hier­zu ent­wi­ckel­ten Grundsätzen ist der Zu­zug zum Ehe­gat­ten als wich­ti­ger Grund für die or­dent­li­che Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses an­zu­er­ken­nen, wenn der Ar­beits­lo­se sei­ne Ar­beits­stel­le von der ge­mein­sa­men Woh­nung aus nicht zu­mut­bar er­rei­chen kann (BS­GE 43, 269, 273 = SozR 4100 § 119 Nr 2). Der Zu­zug zum Part­ner bil­det auch schon dann ei­nen wich­ti­gen Grund, wenn die
 


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Ehe noch nicht ge­schlos­sen ist, je­doch der Ar­beit­neh­mer bei Aus­spruch sei­ner Kündi­gung da-von aus­ge­hen kann, dass die Ehe­sch­ließung bis zur Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses er­folgt (BS­GE 64, 202, 204 = SozR 4100 § 119 Nr 34; BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 14). Im Hin­blick auf die Ent­fer­nung zwi­schen dem bis­he­ri­gen Beschäfti­gungs­ort der Kläge­rin und der ge­mein­sa­men Woh­nung un­ter­liegt es kei­nem Zwei­fel, dass ei­ne zu­mut­ba­re Er­reich­bar­keit nicht ge­ge­ben ist.


Al­ler­dings kann ein wich­ti­ger Grund für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses we­gen Zu­zugs zum Ehe­part­ner nur an­er­kannt wer­den, wenn die­ser sich mit dem kon­kre­ten Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses deckt (BS­GE 52, 276, 277 = SozR 4100 § 119 Nr 17). Dies be­deu­tet für den Zu­zug zum Ver­lob­ten, dass die Auf­ga­be des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses zum gewähl­ten Zeit­punkt not­wen­dig ge­we­sen sein muss, um ab dem be­ab­sich­tig­ten Hei­rats­ter­min die ehe­li­che Le­bens­ge­mein­schaft her­zu­stel­len (BS­GE 64, 202, 204 = SozR 4100 § 119 Nr 34). Der Ar­beits­lo­se muss al­so zum Zeit­punkt der Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses da­von aus­ge­hen können, dass die Ehe­sch­ließung bis zum En­de des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses er­fol­gen wer­de. Hier­an fehlt es.


1.2 Auch die vom Se­nat mit Ur­teil vom 7. No­vem­ber 2005 (B 11a/11 AL 49/04 R = SozR 4-4300 § 144 Nr 10, zu­stim­mend Radüge in ju­ris­PR-SozR 7/2006 Anm 3) vor­ge­nom­me­ne Er­wei­te­rung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zum wich­ti­gen Grund auf die Fall­ge­stal­tung, dass ein Ar­beit­neh­mer sei­nen Ar­beits­platz auf­gibt, um zu sei­nem künf­ti­gen Ehe­part­ner zu zie­hen, wenn die Ehe­sch­ließung in ab­seh­ba­rer Zeit be­ab­sich­tigt ist und der Um­zug zum Wohl des min­derjähri­gen Kin­des auf den Schul­jah­res­wech­sel vor­ge­zo­gen wird, greift folg­lich nicht ein. Denn die­se Recht­spre­chung ver­zich­tet nicht auf den zeit­li­chen Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Be­en­di­gungs­zeit-punkt und dem Zeit­punkt der be­ab­sich­tig­ten Ehe­sch­ließung, son­dern lässt le­dig­lich im In­ter­es­se des Kin­des­wohls ein be­grenz­tes Aus­ein­an­der­fal­len zu, wenn die Ehe­sch­ließung in ab­seh­ba­rer Zeit er­folgt. Die ge­nann­ten Grundsätze grei­fen folg­lich nicht ein, wenn - wie im vor­lie­gen­den Fall - zum Zeit­punkt der Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses noch kein Ter­min für die Ehe­sch­ließung in Aus­sicht ge­nom­men wor­den ist.

1.3 Die Kläge­rin kann sich fer­ner auch nicht auf die Recht­spre­chung des BSG be­ru­fen, wo­nach der Um­zug zum Part­ner ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft als wich­ti­ger Grund dem Ein­tritt ei­ner Sperr­zeit ent­ge­gen­ste­hen kann, wenn be­reits bei Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses ei­ne der­ar­ti­ge Ge­mein­schaft (Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft) be­stan­den hat (BS­GE 90, 90 = SozR 3-4100 § 119 Nr 26; kri­tisch ge­genüber die­ser Recht­spre­chung Ei­chen­ho­fer, SGb 1999, 167, 171; Rolfs, Das Ver­si­che­rungs­prin­zip im So­zi­al­ver­si­che­rungs­recht, 2000, S 524; Kühl, Die Sperr­zeit bei Ar­beits­auf­ga­be, 2007, S 171). Ei­ne eheähn­li­che Ge­mein­schaft im Sin­ne der Recht­spre­chung des BSG liegt nur vor, wenn die Ver­bin­dung auf Dau­er an­ge­legt ist, da­ne­ben kei­ne wei­te­re Le­bens­ge­mein­schaft glei­cher Art zulässt und sie sich durch in­ne­re Bin­dung aus­zeich­net, die ein ge­gen­sei­ti­ges Ein­ste­hen der Part­ner in den Not- und Wechs­elfällen des Le­bens be­gründen, al­so über die Be­zie­hun­gen ei­ner rei­nen Haus­halts- und Wirt­schafts­ge­mein-
 


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schaft hin­aus­ge­hen (BS­GE aaO S 100). Ob die ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen, ist an­hand des Vor­lie­gens von Hilfs­tat­sa­chen fest­zu­stel­len, wo­bei als Kri­te­ri­en für die Ernst­haf­tig­keit ei­ner Be­zie­hung ins­be­son­de­re de­ren Dau­er­haf­tig­keit und Kon­ti­nuität und ei­ne be­ste­hen­de Haus­halts- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft her­an­zu­zie­hen sind.


Auf der Grund­la­ge die­ser An­for­de­run­gen kann der Auf­fas­sung des LSG, es sei be­reits vor dem Um­zug der Kläge­rin ei­ne eheähn­li­che Ge­mein­schaft be­gründet wor­den, nicht ge­folgt wer­den. Al­ler­dings hat der 7. Se­nat sei­ne zunächst ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, wo­nach zur An­er­ken­nung ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft in je­dem Fall ei­ne "Drei­jah­res­gren­ze" des Zu­sam­men­le­bens ein­zu­hal­ten sei (BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 15 S 70), in­so­fern mo­di­fi­ziert, als nach den Um-ständen des Ein­zel­fal­les auch ei­ne ge­rin­ge­re Dau­er als aus­rei­chend an­ge­se­hen wer­den kann (BS­GE 90, 90, 101 = SozR 3-4300 § 144 Nr 11). Das LSG hat der Recht­spre­chung al­ler­dings zu Un­recht ent­nom­men, dass ei­ne ge­mein­sa­me Woh­nung nicht zu den zwin­gen­den Vor­aus­set­zun­gen für das Vor­lie­gen ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft rech­net. Ei­ne der­ar­ti­ge Sicht­wei­se ist schon des­halb aus­ge­schlos­sen, weil ein auf Dau­er an­ge­leg­tes ge­mein­sa­mes Woh­nen not-wen­di­ge Vor­aus­set­zung für die Fest­stel­lung der Ernst­haf­tig­keit der Be­zie­hung ist.


Zu­dem steht auch die Her­lei­tung der Recht­spre­chung zum wich­ti­gen Grund beim Um­zug zum Part­ner ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft der Auf­fas­sung des LSG ent­ge­gen. Denn der 7. Se­nat des BSG hat­te sei­ne Auf­ga­be der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung auch da­mit be­gründet, dass im SGB III an das Be­ste­hen ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft nach­tei­li­ge Fol­ge­run­gen bei der Bedürf­tig­keitsprüfung ge­zo­gen wor­den wa­ren. Die­se Par­al­le­le ver­deut­licht, dass ein ge­mein­sa­mer Wohn­sitz zu den not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen der eheähn­li­chen Ge­mein­schaft im Sin­ne der Recht­spre­chung zu § 144 SGB III gehört (vgl zur der­zei­ti­gen Rechts­la­ge et­wa § 7 Abs 3 Nr 3 Buchst c und Abs 3a So­zi­al­ge­setz­buch - Zwei­tes Buch).

Folg­lich kann sich die Kläge­rin auf der Grund­la­ge der vom LSG ge­trof­fe­nen Fest­stel­lung, die Kläge­rin und E. hätten zu kei­nem Zeit­punkt vor dem Zu­zug zum 1. Sep­tem­ber 2004 ei­ne ge­mein­sa­me Woh­nung in­ne­ge­habt, al­lein we­gen der erst her­zu­stel­len­den eheähn­li­chen Ge­mein­schaft nicht auf ei­nen wich­ti­gen Grund iS des Sperr­zeit­rechts be­ru­fen. Es genügt in­so­weit nicht, dass zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner eheähn­li­chen Le­bens­ge­mein­schaft nach den vom BSG ent­wi­ckel­ten Grundsätzen erfüllt sind. Denn der Se­nat hat mit Ur­teil vom 5. No­vem­ber 1998 (B 11 AL 5/98 R = SozR 3-4100 § 119 Nr 16) ent­schie­den, dass die erst­ma­li­ge Her­stel­lung ei­ner eheähn­li­chen Le­bens­ge­mein­schaft al­lein noch nicht ei­nen wich­ti­gen Grund dar­stellt, der die Lösung ei­nes Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses recht­fer­tigt. Die­ser Recht­spre­chung hat sich der 7. Se­nat des BSG aus­drück­lich an­ge­schlos­sen (BS­GE 90, 90, 94 = SozR 3-4100 § 119 Nr 26).


2. Nicht be­ur­teilt wer­den kann je­doch auf der Grund­la­ge der vom LSG ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen, ob für die Kläge­rin ein wich­ti­ger Grund mit Rück­sicht dar­auf an­zu­er­ken­nen ist, dass sie durch den Zu­zug zu E. mit die­sem ei­ne Er­zie­hungs­ge­mein­schaft her­stel­len woll­te. Denn der

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er­ken­nen­de Se­nat er­wei­tert in­so­weit die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des BSG, die ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne des Sperr­zeit­rechts bis­her nur beim Zu­zug zum Va­ter des ge­mein­sa­men Kin­des und dem Hin­zu­tre­ten wei­te­rer Gründe an­er­kannt hat (BS­GE 52, 276 ff = SozR 4100 § 119 Nr 17). Über die bis­her vom BSG ent­wi­ckel­ten Grundsätze hin­aus bil­det die erst­ma­li­ge Her­stel­lung ei­ner ernst­haf­ten und auf Dau­er an­ge­leg­ten Er­zie­hungs­ge­mein­schaft, dh der Zu­zug der Kläge­rin mit dem min­derjähri­gen Kind zum nicht­ehe­li­chen Part­ner, un­abhängig da­von, ob es sich beim Part­ner um ei­nen leib­li­chen El­tern­teil han­delt, ei­nen wich­ti­gen Grund iS des Sperr­zeit­rechts, wenn Gründe des Kin­des­wohls dies er­for­dern. Die­se Be­wer­tung der In­ter­es­sen der Kläge­rin und ih­rer Toch­ter, die das In­ter­es­se der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft an der Auf­recht­er­hal­tung des bis­he­ri­gen Ar­beits­verhält­nis­ses zurück­tre­ten lässt, folgt je­den­falls aus Art 6 Abs 2 Satz 1 Grund­ge­setz (GG). Un­abhängig von der De­fi­ni­ti­on der "Fa­mi­lie" iS des Art 6 Abs 1 GG (vgl BVerfG Kam­mer­be­schluss vom 10. De­zem­ber 2004 - 1 BvR 2320/98 - BVerfGK 4, 267, 270 f zum "fak­ti­schen Stief­kind­verhält­nis") ist die Kläge­rin als leib­li­che Mut­ter Träge­rin des El­tern­grund­rechts aus Art 6 Abs 2 Satz 1 GG. Hier­durch wird sie in ih­rer Ent­schei­dung darüber geschützt, in wel­cher Wei­se sie ih­rer natürli­chen Ver­ant­wor­tung für die Er­zie­hung des Kin­des ge­recht wer­den will (BVerfGE 56, 363, 381 f; 108, 82, 102). Da­bei ent­spricht es der aus dem Grund­recht her­zu­lei­ten­den El­tern­ver­ant­wor­tung, dass das Kin­des­wohl letzt­lich für die Ausübung des Er­zie­hungs­rechts be­stim­mend sein muss (BVerfGE 68, 176, 188; 72, 155, 172; 79, 203, 210). Die ver­fas­sungs­recht­li­che Wer­tent­schei­dung ist bei der Aus­le­gung und An­wen­dung des un­be­stimm­ten Rechts­be­griffs wich­ti­ger Grund zu be­ach­ten. Sie lässt das In­ter­es­se der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft zurück­tre­ten, wenn die Her­stel­lung ei­ner ernst­haf­ten und auf Dau­er an-ge­leg­ten Er­zie­hungs­ge­mein­schaft dem Wohl des Kin­des dient.


Der bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des BSG steht die­se Auf­fas­sung des Se­nats nicht ent­ge­gen. Der 7. Se­nat des BSG hat­te sich be­reits in ei­nem Ur­teil vom 12. No­vem­ber 1981 (= BS­GE 52, 276 ff = SozR 4100 § 119 Nr 17) ua mit der Fra­ge be­fasst, ob ei­ne "nicht­ehe­li­che Er­zie­hungs­ge­mein­schaft" als wich­ti­ger Grund iS der Sperr­zeit­vor­schrift an­zu­se­hen ist. In die­ser Ent­schei­dung ist der 7. Se­nat be­reits da­von aus­ge­gan­gen, dass der Schutz des Art 6 Abs 2 GG grei­fe, wenn der (leib­li­che) Va­ter mit Kind und Mut­ter tatsächlich zu­sam­men­le­be und da­mit die Vor­aus­set­zun­gen für die Wahr­neh­mung der el­ter­li­chen Ge­walt durch bei­de El­tern ge­ge­ben sei­en (BS­GE aaO 278). Zwar geht der 7. Se­nat da­von aus, dass Art 6 Abs 2 GG we­der für die Mut­ter noch für den Va­ter ein Recht oder ei­ne Pflicht be­gründe­ten, ei­ne Er­zie­hungs­ge­mein­schaft her­zu­stel­len, je­doch soll die mit der selbst her­bei­geführ­ten Ar­beits­lo­sig­keit ei­nes El­tern­teils ver­bun­de­ne Be­las­tung der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft dann ge­recht­fer­tigt sein, wenn wei­te­re Umstände hin­zu­tre­ten, die die Her­stel­lung der Er­zie­hungs­ge­mein­schaft im In­ter­es­se des Kin­des­wohls zu dem be­ab­sich­tig­ten Zeit­punkt er­for­dern. In­so­weit sind nach dem Ur­teil des 7. Se­nats al­le Gründe be­acht­lich, die dem Wohl des Kin­des Rech­nung tra­gen, ins­be­son­de­re ei­ne Ver­bes­se­rung sei­ner Un­ter­brin­gung, sei­ner Ver­pfle­gung und Be­treu­ung gewähr­leis­tet ist.

Die vor­ste­hen­den An­for­de­run­gen sind auf den Zu­zug zu ei­nem Part­ner, der nicht leib­li­cher Va­ter des Kin­des ist, je­doch be­reit ist, Ver­ant­wor­tung für sei­ne Er­zie­hung zu über­neh­men, zu über­tra-
 


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gen. Der Se­nat be­jaht nun­mehr die aus­drück­lich of­fen ge­las­se­ne Fra­ge (vgl BS­GE 64, 202, 207 = SozR 4100 § 119 Nr 34; SozR 3-4300 § 144 Nr 10 S 27; SozR 4-4300 § 144 Nr 10 S 45), ob die dem Wohl des min­derjähri­gen Kin­des die­nen­de Her­stel­lung ei­ner Er­zie­hungs­ge­mein­schaft al­lein ei­nen wich­ti­gen Grund dar­stellt. Aus­ge­hend da­von, dass für die Aus­ge­stal­tung und Reich¬wei­te des El­tern­rechts das Kin­des­wohl die maßge­ben­de Richt­größe bil­det, be­steht für ei­ne ab-wei­chen­de Be­hand­lung ge­genüber der be­reits vom BSG ent­schie­de­nen Fall­grup­pe der von leib­li­chen El­tern ge­bil­de­ten nicht­ehe­li­chen Er­zie­hungs­ge­mein­schaft kei­ne Ver­an­las­sung und sach­li­che Recht­fer­ti­gung.

Der Se­nat stimmt dem LSG dar­in zu, dass der An­nah­me ei­nes wich­ti­gen Grun­des nicht die Recht­spre­chung des BSG ent­ge­gen­steht, wo­nach der­je­ni­ge sich nicht auf ei­nen wich­ti­gen Grund be­ru­fen kann, der sei­ner­seits sei­ne aus dem Ver­si­che­rungs­verhält­nis herrühren­de Ob­lie­gen­heit, den Ein­tritt von Ar­beits­lo­sig­keit zu ver­mei­den, ver­letzt (vgl BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 14). Die ernst­haf­ten Bemühun­gen der Kläge­rin um die Er­lan­gung ei­nes An­schluss­ar­beits­plat­zes genügen in­so­weit den nicht zu über­span­nen­den An­for­de­run­gen.


Das LSG hat - von sei­nem Rechts­stand­punkt aus zu­tref­fend - kei­ne aus­rei­chen­den tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen da­zu ge­trof­fen, ob die Kläge­rin mit ih­rem Ver­lob­ten ei­ne ernst­haf­te und auf Dau­er an­ge­leg­te Er­zie­hungs­ge­mein­schaft her­stel­len woll­te, die dem Wohl ih­rer Toch­ter die­nen soll­te. Dies wird nach­zu­ho­len sein, wo­bei auf die maßge­ben­den in­ne­ren Umstände auf Grund von Hilfs­tat­sa­chen ge­schlos­sen wer­den kann. Hier­zu gehört auch die nach­fol­gen­de tatsächli­che Ent­wick­lung.


Das LSG wird auch über die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zu be­fin­den ha­ben.

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