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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Gratifikation, Tarifvertrag: Auslegung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz
Akten­zeichen: 8 Sa 560/12
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 10.04.2013
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Ludwigshafen, Urteil vom 15.11.2012, 8 Ca 954/12
Nachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 09.04.2014, 10 AZR 635/13
   

Ak­ten­zei­chen:
8 Sa 560/12

8 Ca 954/12
Ar­beits­ge­richt Lud­wigs­ha­fen

Ent­schei­dung vom 10.04.2013

Te­nor:

Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Lud­wigs­ha­fen vom 15.11.2012 - 8 Ca 954/12 - wird auf sei­ne Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten über ei­nen An­spruch des Klägers auf Zah­lung ei­nes Ju­biläums­gel­des.

Der 1947 ge­bo­re­ne Kläger war bei der Be­klag­ten vom 01.03.1972 bis zum 29.02.2012 als An­ge­stell­ter beschäftigt. Ab dem 01.01.2009 be­fand er sich in der pas­si­ven Pha­se der Al­ters­teil­zeit.

Gemäß § 2 des zwi­schen den Par­tei­en un­ter dem 27.03.1973 ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­tra­ges, hin­sicht­lich des­sen In­halts im Ein­zel­nen auf Blatt 6 f. der Ak­te Be­zug ge­nom­men wird, be­stimm­te sich das Ar­beits­verhält­nis "nach dem Bun­des-An­ge­stell­ten-Ta­rif (BAT) vom 23.02.1961 und dem die­sen ergänzen­den oder ändern­den Ta­rif­verträgen in der für das Land Rhein­land-Pfalz je­weils gel­ten­den Fas­sung". Mit Be­schluss der Bis­tums-Kom­mis­si­on zur Ord­nung des Diöze­sa­nen Ar­beits­ver­trags­rechts (KO­DA) C-Stadt zur Über­nah­me von Re­ge­lun­gen des neu ge­stal­te­ten Ta­rif­rechts des öffent­li­chen Diens­tes vom 07.06.2006 (Bl. 8 ff. d.A.) wur­den die Re­ge­lun­gen des TVöD (VKA) dem kirch­li­chen Ar­beits­ver­trags­recht zu­grun­de ge­legt, so­weit die Bis­tums-KO­DA kei­ne ab­wei­chen­den Be­schlüsse fasst. Im Hin­blick dar­auf sind bei­de Par­tei­en übe­rein­stim­mend der Auf­fas­sung, dass auf das Ar­beits­verhält­nis des Klägers (zu­letzt) die Vor­schrif­ten des TVöD (VKA) in der KO­DA-Fas­sung An­wen­dung fan­den.

Mit sei­ner am 05.06.2012 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­reich­ten Kla­ge hat der Kläger ge­gen die Be­klag­te ei­nen An­spruch Zah­lung ei­nes Ju­biläums­gel­des gemäß § 23 Abs. 2 TVöD (VKA) KO­DA-Fas­sung in Höhe von 1.000,00 Eu­ro gel­tend ge­macht.

Der Kläger hat erst­in­stanz­lich im We­sent­li­chen vor­ge­tra­gen, der gel­tend ge­mach­te An­spruch auf Zah­lung ei­nes Ju­biläums­gel­des sei be­gründet, da er die er­for­der­li­che Beschäfti­gungs­zeit von 40 Jah­ren bei der Be­klag­ten voll­endet ha­be.

Der Kläger hat be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 1.000,00 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 01.03.2012 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­ten hat erst­in­stanz­lich die An­sicht ver­tre­ten, dem Kläger ste­he kein Ju­biläums­geld zu, da das Ar­beits­verhält­nis gleich­zei­tig mit Voll­endung der er­for­der­li­chen Beschäfti­gungs­zeit ge­en­det ha­be.

Zur Dar­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Sach- und Streit­stan­des im Übri­gen wird auf den Tat­be­stand des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Lud­wigs­ha­fen vom 15.11.2012 (Bl. 68 f. d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge mit Ur­teil vom 15.11.2012 ab­ge­wie­sen. We­gen der maßgeb­li­chen Ent­schei­dungs­gründe wird auf die Sei­ten 4 f. die­ses Ur­teils (= Bl. 70 f. d.A.) ver­wie­sen.

Ge­gen das ihm am 20.11.2012 zu­ge­stell­te Ur­teil hat der Kläger am 18.12.2012 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se am Mon­tag, dem 21.01.2013, be­gründet.

Der Kläger macht im We­sent­li­chen gel­tend, der An­sicht des Ar­beits­ge­richts, Vor­aus­set­zung für die Zah­lung des Ju­biläums­gel­des sei, dass an dem Tag, der der Voll­endung der vier­zigjähri­gen Dienst­zeit nach­fol­ge, das Ar­beits­verhält­nis noch be­ste­hen müsse, könne bei rich­ti­ger Aus­le­gung des § 23 Abs. 2 TVöD (VKA) nicht ge­folgt wer­den. In­so­weit sei nämlich aus­sch­ließlich die in der Ta­rif­norm ent­hal­te­ne For­mu­lie­rung "bei Voll­endung ei­ner Beschäfti­gungs­zeit von 40 Jah­ren" maßge­bend. So­weit das Ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men ha­be, es feh­le vor­lie­gend nicht die letz­te Se­kun­de an der Voll­endung der er­for­der­li­chen Dienst­zeit, son­dern an der ers­ten Se­kun­de des Ju­biläums­ta­ges, so sei nicht er­sicht­lich, wor­aus sich dies er­ge­ben sol­le. Der Wort­laut der Ta­rif­norm lie­fe­re dies­bezüglich kei­ner­lei An­halts­punk­te. Im Übri­gen führe das vom Ar­beits­ge­richt ge­fun­de­ne Er­geb­nis auch nicht zu ei­ner vernünf­ti­gen, sach­ge­rech­ten, zweck­ori­en­tier­ten und prak­tisch brauch­ba­ren Re­ge­lung. Der un­be­fan­ge­ne Ar­beit­neh­mer, der ei­ne der­art lan­ge Beschäfti­gungs­zeit von 40 Jah­ren in ei­nem Ar­beits­verhält­nis er­reicht ha­be, könne nicht nach­voll­zie­hen, wes­halb ihm nur des­halb das Ju­biläums­geld nicht zu­ste­hen sol­le, weil am Tag nach Voll­endung der Beschäfti­gungs­zeit kein Ar­beits­verhält­nis mehr be­ste­he.

Zur Dar­stel­lung al­ler Ein­zel­hei­ten des Vor­brin­gens des Klägers im Be­ru­fungs­ver­fah­ren wird auf des­sen Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift vom 21.01.2013 (Bl. 94 - 98 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Der Kläger be­an­tragt,

das erst­in­stanz­li­che Ur­teil ab­zuändern und die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 1.000,00 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 01.03.2012 zu zah­len.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil nach Maßga­be ih­rer Be­ru­fungs­er­wi­de­rungs­schrift vom 25.02.2013 (Bl. 110 - 113 d.A.), auf die Be­zug ge­nom­men wird.

Ent­schei­dungs­gründe

I. Die statt­haf­te Be­ru­fung ist so­wohl form- als auch frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den. Das hier­nach ins­ge­samt zulässi­ge Rechts­mit­tel hat in der Sa­che je­doch kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge viel­mehr zu Recht ab­ge­wie­sen.

II. Die Kla­ge ist nicht be­gründet. Der Kläger hat ge­gen die Be­klag­te kei­nen An­spruch auf Zah­lung des gel­tend ge­mach­ten Ju­biläums­gel­des.

Es kann of­fen blei­ben, ob ent­spre­chend der in­so­weit übe­rein­stim­men­den Rechts­an­sicht der Par­tei­en die Vor­schrif­ten des TVöD (VKA) KO­DA-Fas­sung oder in An­se­hung der in § 2 des Ar­beits­ver­tra­ges ent­hal­te­nen Re­ge­lung die Be­stim­mun­gen des TV-L oder die­je­ni­gen des TVöD auf das Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fin­den. Die an­sons­ten - ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der An­spruchs­vor­aus­set­zun- gen - wort­glei­chen Re­ge­lun­gen in § 23 TVöD (VKA) KO­DA-Fas­sung ei­ner­seits und in § 23 TV-L so­wie in § 23 TVöD an­de­rer­seits un­ter­schei­den sich bezüglich des Ju­biläums­gel­des bei Voll­endung ei­ner Beschäfti­gungs­zeit von 40 Jah­ren le­dig­lich in der Höhe des dem Ar­beit­neh­mer zu­ste­hen­den Zah­lungs­an­spruchs (TVöD und TV-L: 500,00 Eu­ro; TVöD (VKA) KO­DA-Fas­sung: 1.000,00 Eu­ro). Nach kei­ner die­ser Vor­schrif­ten steht dem Kläger je­doch ein An­spruch auf Zah­lung ei­nes Ju­biläums­gel­des zu.

§ 23 Abs. 2 TVöD (VKA) KO­DA-Fas­sung lau­tet wie folgt:

"(2) Beschäftig­te er­hal­ten ein Ju­biläums­geld bei Voll­endung ei­ner
Beschäfti­gungs­zeit (§ 34 Abs. 3)

a) von 25 Jah­ren in Höhe von 600 Eu­ro,
b) von 40 Jah­ren in Höhe von 1000 Eu­ro,
c) von 50 Jah­ren in Höhe von 1.200 Eu­ro.

…"

Im Streit­fal­le sind die ei­nen An­spruch des Klägers auf Zah­lung ei­nes Ju­biläums­gel­des von 1000,00 Eu­ro nach § 23 Abs. 2 b TVöD (VKA) KO­DA-Fas­sung nicht erfüllt.

Zwar ist die er­for­der­li­che Beschäfti­gungs­zeit von 40 Jah­ren vor­lie­gend voll­endet. Die 40-Jah­res­frist be­gann gemäß § 187 Abs. 2 BGB mit Be­ginn des ers­ten Ta­ges des Ar­beits­verhält­nis­ses der Par­tei­en, dem 01.03.1972 und en­de­te gemäß § 188 Abs. 2 zwei­te Al­ter­na­ti­ve BGB mit Ab­lauf des 29.02.2012, dem letz­ten Tag des Ar­beits­verhält­nis­ses.

Ein An­spruch auf Zah­lung ei­nes Ju­biläums­gel­des nach § 23 Abs. 2 TVöD (VKA) KO­DA-Fas­sung setzt je­doch über die Voll­endung der er­for­der­li­chen Beschäfti­gungs­zeit hin­aus vor­aus, dass das Ar­beits­verhält­nis bei Voll­endung der Beschäfti­gungs­zeit (noch) be­steht. Hier­an fehlt es im Streit­fall, da das Ar­beits­verhält­nis des Klägers gleich­zei­tig mit Voll­endung der vier­zigjähri­gen Beschäfti­gungs­zeit en­de­te.

Die An­spruchs­vor­aus­set­zung des (fort)be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses bei Voll­endung der er­for­der­li­chen Beschäfti­gungs­zeit er­gibt sich bei Aus­le­gung der maßgeb­li­chen Vor­schrift. Da­bei kann, da die Bis­tums-KO­DA die in § 23 TVöD bzw. in § 23 TV-L nor­mier­ten An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen un­verändert über­nom­men hat, auf die für die Aus­le­gung von Ta­rif­verträgen gel­ten­den Grundsätze zurück­ge­grif­fen wer­den.

Die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teil ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges folgt den für die Aus­le­gung von Ge­set­zen gel­ten­den Re­geln. So­mit ist zunächst vom Ta­rif­wort­laut aus­zu­ge­hen, wo­bei der maßgeb­li­che Sinn der Erklärung zu er­for­schen ist, oh­ne am Buch­sta­ben zu haf­ten. Bei nicht ein­deu­ti­gem Ta­rif­wort­laut ist der wirk­li­che Wil­le der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en mit zu berück­sich­ti­gen, so­weit er in den ta­rif­li­chen Nor­men sei­nen Nie­der­schlag ge­fun­den hat. Ab­zu­stel­len ist fer­ner auf den ta­rif­li­chen Ge­samt­zu­sam­men­hang, weil die­ser An­halts­punk­te für den wirk­li­chen Wil­len der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en lie­fern und nur so der Sinn und Zweck der Ta­rif­norm zu­tref­fend er­mit­telt wer­den kann. Lässt dies zwei­fels­freie Aus­le­gungs­er­geb­nis­se nicht zu, können die Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen oh­ne Bin­dung an die Rei­hen­fol­ge wei­te­re Kri­te­ri­en wie die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Ta­rif­ver­tra­ges, ge­ge­be­nen­falls auch die prak­ti­sche Ta­rifübung ergänzend hin­zu­zie­hen. Auch die Prak­ti­ka­bi­lität denk­ba­rer Aus­le­gungs­er­geb­nis­se gilt es zu berück­sich­ti­gen; im Zwei­fel gebührt der­je­ni­gen Ta­rif­aus­le­gung der Vor­zug, die zu ei­ner vernünf­ti­gen, sach­ge­rech­ten, zweck­ori­en­tier­ten und prak­tisch brauch­ba­ren Re­ge­lung führt (BAG v. 23.09.2009 - 4 AZR 382/08 - AP Nr. 3 zu § 1 TVG Ta­rif­verträge: Arzt, m.w.N.).

Bei An­wen­dung die­ser Grundsätze er­gibt sich, dass ein An­spruch auf Ju­biläums­geld nur dann ent­ste­hen kann, wenn das Ar­beits­verhält­nis bei Voll­endung der maßgeb­li­chen Beschäfti­gungs­zeit zu­min­dest noch für die Dau­er ei­ner "lo­gi­schen Se­kun­de" fort­be­steht. Dies kommt im Wort­laut der von der Bis­tums-KO­DA über­nom­me­nen ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen da­durch deut­lich zum Aus­druck, dass nur "Beschäftig­te" ein Ju­biläums­geld er­hal­ten. En­det ein Ar­beits­verhält­nis - wie vor­lie-gend - gleich­zei­tig mit Voll­endung der er­for­der­li­chen Beschäfti­gungs­zeit, so ist der Ar­beit­neh­mer nicht mehr "Beschäftig­ter" im Sin­ne der Ta­rif­norm mit der Fol­ge, dass ein An­spruch auf Ju­biläums­geld nicht ent­steht (vgl. Spo­ner/St­ein­herr, TVöD, § 23 Rz. 53).

Der Ta­rif­wort­laut ist in­so­weit ein­deu­tig. Ent­ge­gen­ste­hen­de Ge­sichts­punk­te er­ge­ben sich we­der aus dem ta­rif­li­chen Ge­samt­zu­sam­men­hang noch aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Ta­rif­ver­tra­ges. Auch un­ter dem Ge­sichts­punkt der Prak­ti­ka­bi­lität be­ste­hen kei­ner­lei Be­den­ken ge­gen die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis.

III. Die Be­ru­fung des Klägers war da­her mit der sich aus § 97 Abs. 1 ZPO er­ge­ben­den Kos­ten­fol­ge zurück­zu­wei­sen.

Die Re­vi­si­on war we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung (§ 72 Abs. 2 Ziff. 1 ArbGG) zu­zu­las­sen.

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