Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Saison-Kurzarbeit, Kurzarbeit, Baugewerbe
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 5 AZR 310/08
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 22.04.2009
   
Leit­sätze: § 4 Nr. 6.1 Satz 2 des Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­trags für das Bau­ge­wer­be ver­pflich­tet den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung des Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­gelds in der ge­setz­li­chen Höhe un­abhängig da­von, ob die persönli­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen für das Kurz­ar­bei­ter­geld gemäß §§ 169, 172 SGB III erfüllt sind.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Kiel, Urteil vom 22.11.2007 - 5 Ca 917 a/07
Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 25.03.2008 - 2 Sa 5/08
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


5 AZR 310/08
2 Sa 5/08
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Schles­wig-Hol­stein

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

22. April 2009

UR­TEIL

Met­ze, Ur­kunds­be­am­ter

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Fünf­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 22. April 2009 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Müller-Glöge, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Mi­kosch und Brein­lin­ger so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Reh­wald und Dr. Dom­brow­sky für Recht er­kannt:
 


- 2 -

1. Auf die Re­vi­si­on des Klägers wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Schles­wig-Hol­stein vom 25. März 2008 - 2 Sa 5/08 - auf­ge­ho­ben.

2. Auf die Be­ru­fung des Klägers wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kiel vom 22. No­vem­ber 2007 - 5 Ca 917a/07 - ab­geändert.

3. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger 1.515,59 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins seit dem 1. Mai 2007 zu zah­len.


4. Der Kläger hat von den Kos­ten des ers­ten und des zwei­ten Rechts­zugs je­weils 1/4 zu tra­gen. Im Übri­gen hat die Be­klag­te die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.


Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über Vergütungs­ansprüche für Zeiträume, in de­nen die Ar­beit im Be­trieb der Be­klag­ten we­gen Kurz­ar­beit aus­ge­fal­len ist.


Der Kläger war seit 1999 im Bau­be­trieb der Be­klag­ten als Mau­rer beschäftigt. Er be­zog zu­letzt ei­ne Ar­beits­vergütung von mo­nat­lich 2.524,00 Eu­ro brut­to. Die Be­klag­te kündig­te das Ar­beits­verhält­nis mit Schrei­ben vom 30. Ja­nu­ar 2007, dem Kläger zu­ge­gan­gen am sel­ben Tag, „we­gen Ar­beits-man­gels“ zum 31. März 2007. Der Kläger reich­te am 20. Fe­bru­ar 2007 ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge beim Ar­beits­ge­richt ein. Im Fe­bru­ar und März 2007 fiel die Ar­beit bei der Be­klag­ten auf­grund von Kurz­ar­beit aus. Die Par­tei­en schlos­sen am 12. März 2007 ei­nen Ver­gleich, wo­nach das Ar­beits­verhält­nis bei Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung iHv. 1.500,00 Eu­ro zum 31. März 2007 en­de­te und die Be­klag­te den Kläger un­ter Fort­zah­lung der Vergütung, aber oh­ne An­rech­nung auf Ur­laub, für die letz­te März­wo­che frei­stell­te.
 


- 3 -

Die Be­klag­te hat­te für Fe­bru­ar 2007 Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld iHv. 1.133,47 Eu­ro zu­guns­ten des Klägers ab­ge­rech­net. Mit der März­ab­rech­nung brach­te sie die­sen Be­trag wie­der in Ab­zug. Für die Zeit vom 1. bis zum 12. März 2007 zahl­te die Be­klag­te kei­ne Vergütung. Sie rech­ne­te für den an­sch­ließen­den Zeit­raum bis zum 26. März 2007 Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall und für den rest­li­chen März 31 Nor­mal­stun­den ab.

Mit ei­nem Schrei­ben vom 17. April 2007 hat der Kläger sei­ne For­de­rung auf Vergütungs­zah­lung in Höhe des Kurz­ar­bei­ter­gelds von 1.133,47 Eu­ro für Fe­bru­ar 2007 und von 382,12 Eu­ro für März 2007 gel­tend ge­macht. Zur Be­gründung sei­nes An­spruchs hat er sich auf § 4 Nr. 6.1 Satz 2 Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­trag für das Bau­ge­wer­be (BRTV Bau) be­ru­fen. Die­se selbständi­ge An­spruchs­norm ver­pflich­te die Be­klag­te, das Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld in der ge­setz­li­chen Höhe zu zah­len, oh­ne dass es auf die so­zi­al­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hierfür an­kom­me. § 615 BGB wer­de durch die ta­rif­li­che Re­ge­lung nicht vollständig aus­ge­schlos­sen.


Der Kläger hat, so­weit in der Re­vi­si­on noch von In­ter­es­se, be­an­tragt, 


die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 1.515,59 Eu­ro nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 1. Mai 2007 zu zah­len.


Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. § 4 Nr. 6.1 Satz 2 BRTV Bau stel­le le­dig­lich ei­ne de­kla­ra­to­ri­sche Aus­zah­lungs­vor­schrift dar und ver­wei­se im Übri­gen auf die so­zi­al­recht­li­chen Nor­men. Da­nach wer­de Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld nur im un­gekündig­ten Ar­beits­verhält­nis ge­zahlt.


Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung des Klägers zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sei­nen An­spruch wei­ter.
 


- 4 -

Ent­schei­dungs­gründe


Die Re­vi­si­on ist be­gründet. Sie führt zur Auf­he­bung bzw. Abände­rung der Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen nebst Ver­ur­tei­lung der Be­klag­ten zu ei­ner Brut­to­zah­lung.


I. Der An­spruch be­ruht nicht auf § 615 iVm. § 611 Abs. 1 BGB. 


1. Nach § 615 Satz 1 BGB kann der Ar­beit­neh­mer die ver­ein­bar­te Vergütung ver­lan­gen, wenn der Ar­beit­ge­ber in An­nah­me­ver­zug kommt (§§ 293 ff. BGB). Zur Nach­leis­tung der Ar­beit ist der Ar­beit­neh­mer nicht ver­pflich­tet. Ent­spre­chen­des gilt, wenn die Ar­beit ausfällt und der Ar­beit­ge­ber das Ri­si­ko des Ar­beits­aus­falls trägt, § 615 Satz 3 BGB.

2. Die­se An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen lie­gen für die Zeit vom 1. Fe­bru­ar bis zum 12. März 2007 an sich vor. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en be­stand bis zum 31. März 2007 fort. Ei­nes An­ge­bots der Ar­beits­leis­tung nach § 293 BGB be­durf­te es nicht, da die Ar­beit wit­te­rungs­be­dingt aus­fiel. Das Ri­si­ko die­ses Aus­falls traf nach der ge­setz­li­chen Re­ge­lung die Be­klag­te (vgl. Se­nat 9. Ju­li 2008 - 5 AZR 810/07 - Rn. 23, 24, AP BGB § 615 Nr. 123 = EzA BGB 2002 § 615 Nr. 25).

3. Al­ler­dings entfällt bei ei­ner ge­genüber dem Ar­beit­neh­mer rechtmäßig und wirk­sam an­ge­ord­ne­ten Kurz­ar­beit die Ar­beits­pflicht des Ar­beit­neh­mers ganz oder teil­wei­se. An­nah­me­ver­zug tritt in­so­weit nicht ein (vgl. BAG 18. Ok­to­ber 1994 - 1 AZR 503/93 - zu I 1 und II der Gründe, AP BGB § 615 Kurz­ar­beit Nr. 11 = EzA BGB § 615 Kurz­ar­beit Nr. 2; ErfK/Preis 9. Aufl. § 615 BGB Rn. 14). Der Ar­beit­ge­ber trägt auch nicht mehr das vol­le Ri­si­ko des Ar­beits­aus­falls iSv. § 615 Satz 3 BGB. Der Ar­beit­neh­mer behält den Lohn­an­spruch in Höhe des Kurz­ar­bei­ter­gelds (BAG 11. Ju­li 1990 - 5 AZR 557/89 - BA­GE 65, 260, 262 ff.). Die Vergütungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers entfällt al­so nicht vollständig. Das ist ins­be­son­de­re von Be­deu­tung, wenn ein An­spruch auf Kurz­ar­bei­ter­geld nicht be­steht (BAG 11. Ju­li 1990 - 5 AZR 557/89 - aaO;
 


- 5 -

ErfK/Preis § 615 BGB Rn. 15). Ob die An­ord­nung der Kurz­ar­beit ge­genüber dem Kläger rechtmäßig und wirk­sam war, be­darf kei­ner Ent­schei­dung, weil der Kläger Vergütung nur in Höhe des Kurz­ar­bei­ter­gelds ver­langt. Die­ser An­spruch steht ihm - ab­ge­se­hen von an­zu­wen­den­den ta­rif­li­chen Vor­schrif­ten - zu.


4. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­det der all­ge­mein­ver­bind­li­che BRTV Bau nach sei­nem in § 1 ge­re­gel­ten Gel­tungs­be­reich An­wen­dung. Die dar­ge­stell­te Rechts­la­ge wird des­halb durch § 4 Nr. 6.1 BRTV Bau mo­di­fi­ziert: Wird die Ar­beits­leis­tung ent­we­der aus zwin­gen­den Wit­te­rungs­gründen oder in der ge­setz­li­chen Schlecht­wet­ter­zeit aus wirt­schaft­li­chen Gründen unmöglich, entfällt der Lohn­an­spruch. So­weit der Lohn­aus­fall in der ge­setz­li­chen Schlecht­wet­ter­zeit nicht durch Auflösung von Ar­beits­zeit­gut­ha­ben aus­ge­gli­chen wer­den kann, ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, mit der nächs­ten Lohn­ab­rech­nung das Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld in der ge­setz­li­chen Höhe zu zah­len. Der Lohn­aus­fall für ge­setz­li­che Wo­chen­fei­er­ta­ge ist in vol­ler Höhe zu vergüten, wenn die Ar­beit an die­sen Ta­gen aus zwin­gen­den Wit­te­rungs­gründen oder in der ge­setz­li­chen Schlecht­wet­ter­zeit aus wirt­schaft­li­chen Gründen aus­ge­fal­len wäre. Da­mit ist § 615 Satz 3 BGB teil­wei­se ab­be­dun­gen und die Vergütungs­re­ge­lung in­so­weit auf ei­ne völlig neue Grund­la­ge ge­stellt.


II. Die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen von § 4 Nr. 6.1 Satz 2 BRTV Bau sind erfüllt.

1. Die Ar­beits­leis­tung des Klägers ist in der ge­setz­li­chen Schlecht­wet­ter­zeit (§ 175 Abs. 1 SGB III) unmöglich ge­wor­den. Die Par­tei­en ge­hen übe­rein­stim­mend da­von aus, dass dies auf zwin­gen­den Wit­te­rungs­gründen (§ 4 Nr. 6.2 BRTV Bau) oder auf wirt­schaft­li­chen Gründen (§ 170 SGB III) be­ruh­te. Die Ar­beits­agen­tur hat den Ar­beit­neh­mern der Be­klag­ten Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld ge­zahlt. Beim Kläger fehl­te es le­dig­lich an der persönli­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zung des § 172 Abs. 1 Nr. 2 SGB III, wo­nach das Ar­beits­verhält­nis nicht gekündigt oder durch Auf­he­bungs­ver­trag auf­gelöst sein darf.


2. § 4 Nr. 6.1 Satz 1 BRTV Bau be­stimmt, dass der Lohn­an­spruch entfällt. Das führt aber nicht zu ei­nem er­satz­lo­sen Weg­fall des An­spruchs. Viel­mehr


- 6 -

ent­hal­ten die Sätze 2 und 3 Aus­gleichs­re­ge­lun­gen. Der Lohn­aus­fall für ge­setz­li­che Wo­chen­fei­er­ta­ge ist in vol­ler Höhe „zu vergüten“. Im Übri­gen ist er durch die Auflösung von Ar­beits­zeit­gut­ha­ben „aus­zu­glei­chen“. Der Ar­beit­ge­ber hat das Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld „zu zah­len“. Zwi­schen den Par­tei­en ist un­strei­tig, dass der Lohn­aus­fall des Klägers nicht durch die Auflösung von Ar­beits­zeit­gut­ha­ben aus­ge­gli­chen wer­den konn­te. Viel­mehr hat­te die Be­klag­te für Fe­bru­ar 2007 zunächst Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld in der ge­setz­li­chen Höhe zu­guns­ten des Klägers ab­ge­rech­net.

3. Ei­ne Aus­zah­lungs­pflicht enthält auch § 320 SGB III. Nach des­sen Abs. 1 Satz 1 und 2 hat der Ar­beit­ge­ber der Agen­tur für Ar­beit auf Ver­lan­gen die Vor­aus­set­zun­gen für die Er­brin­gung von Kurz­ar­bei­ter­geld nach­zu­wei­sen so­wie die­se Leis­tung kos­ten­los zu er­rech­nen und aus­zu­zah­len. Die Vor­schrift be­gründet aber le­dig­lich die Pflicht des Ar­beit­ge­bers, die durch die Ar­beits­agen­tur zur Verfügung ge­stell­ten Beträge an die Ar­beit­neh­mer wei­ter­zu­lei­ten (Hüne­cke in Ga­gel SGB III Stand Ja­nu­ar 2009 § 320 Rn. 15; Kro­del in Nie­sel SGB III 4. Aufl. § 320 Rn. 4, 6). Die Ar­beits­agen­tur hat für den Kläger im Hin­blick auf § 172 Abs. 1 Nr. 2 SGB III kei­ne Leis­tung er­bracht. Da­ge­gen konn­te der Kläger nicht ge­richt­lich vor­ge­hen (vgl. BSG 25. Mai 2005 - B 11a/11AL 15/04 R - NZA-RR 2006, 102). Darüber hin­aus spricht viel dafür, dass ei­nem An­spruch des Klägers auf Leis­tun­gen gem. § 175 SGB III in der Tat die Be­stim­mung des § 172 Abs. 1 Nr. 2 SGB III ent­ge­gen­steht. Hier­nach sind die persönli­chen An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen nur erfüllt, wenn das Ar­beits­verhält­nis nicht gekündigt oder durch Auf­he­bungs­ver­trag auf­gelöst ist. Der Kläger hat­te am 30. Ja­nu­ar 2007 ei­ne schrift­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten zum 31. März 2007 er­hal­ten, das Ar­beits­verhält­nis war des­halb im Fe­bru­ar und März 2007, auch schon vor dem Ver­gleichs­ab­schluss vom 12. März 2007, gekündigt. Al­ler­dings soll bei Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge bis zur Bestäti­gung der Kündi­gung für die Zeit ei­ner Wei­ter­ar­beit Kurz­ar­bei­ter­geld zu zah­len sein, da es so lan­ge im­mer­hin noch möglich und of­fen sei, ob der Ar­beits­platz er­hal­ten wer­de (Pet­zold in Hauck/Noftz SGB III Stand März 2009 § 172 Rn. 12; Ro­eder in Nie­sel SGB III 3. Aufl. § 172 Rn. 7, eben­so Kro­del in Nie­sel SGB III 4. Aufl. § 172 Rn. 7; Bie­back in Ga­gel SGB III § 172 Rn. 33; Rund­er­lass der

- 7 -

Bun­des­agen­tur zu § 172 SGB III DA 4.2. 2006/9 S. 57 ff.; aA Es­tel­mann in Ei­cher/Schle­gel SGB III Stand März 2009 § 172 Rn. 43, 45 ff.; Mutsch­ler in NK-SGB III 3. Aufl. § 172 Rn. 39). Dem­ge­genüber stellt die ge­setz­li­che Re­ge­lung al­lein auf die Tat­sa­che der Kündi­gung, nicht dar­auf ab, ob die­se noch ge­richt-lich über­prüft wird. Das gilt auch während der Dau­er der Kündi­gungs­frist.


4. Da­mit kommt es auf die Fra­ge an, ob § 4 Nr. 6.1 Satz 2 BRTV Bau ei­ne ei­genständi­ge Zah­lungs­ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers be­gründet oder ob der Ar­beit­ge­ber nur zur Aus­zah­lung des Be­trags ver­pflich­tet sein soll, den die Bun­des­agen­tur nach den so­zi­al­recht­li­chen Be­stim­mun­gen in ge­setz­li­cher Höhe leis­tet. Nach Auf­fas­sung des Se­nats be­steht ei­ne ei­genständi­ge Zah­lungs­pflicht un­abhängig vom Vor­lie­gen der persönli­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen gem. §§ 169, 172 SGB III.


a) Der Wort­laut, der Ar­beit­ge­ber müsse „das Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld zah­len“, ist nicht ein­deu­tig. Die Be­zug­nah­me auf das Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld des § 175 SGB III kann nicht be­deu­ten, dass der Ar­beit­ge­ber ei­ne ge­setz­lich ge­re­gel­te So­zi­al­leis­tung zu er­brin­gen hat. Der Ar­beit­ge­ber kann nur ent­we­der die­se Leis­tung für die Agen­tur für Ar­beit iSv. § 320 Abs. 1 Satz 2 SGB III an die be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer „aus­zah­len“ (auch vor­schuss­wei­se) oder ei­ne ei­ge­ne Vergütungs­leis­tung in Höhe des ge­setz­li­chen Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­gelds er­brin­gen. Die Ta­rif­norm be­gründet in je­dem Fal­le ei­ne Vor­schuss­pflicht des Ar­beit­ge­bers („mit der nächs­ten Lohn­ab­rech­nung“). Der Wort­laut schafft aber kei­ne Klar­heit darüber, ob der Ar­beit­ge­ber das Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld zwar un­abhängig von ei­ner be­reits er­folg­ten Leis­tung der Ar­beits­agen­tur, aber al­lein nach Maßga­be der, ggf. späte­ren, Leis­tung der Ar­beits­agen­tur an die Ar­beit­neh­mer zu zah­len hat.


b) Ge­gen ei­ne bloß de­kla­ra­to­ri­sche Re­ge­lung in dem be­zeich­ne­ten Sin­ne spricht, dass der Ta­rif­ver­trag aus­drück­lich ei­ne Zah­lungs­pflicht, nicht nur ei­ne Pflicht zur Aus­zah­lung be­gründet. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en sind of­fen­bar übe­rein­stim­mend da­von aus­ge­gan­gen, dass das Un­ter­blei­ben der An­zei­ge des Ar­beits­aus­falls an die Agen­tur für Ar­beit (§ 175 Abs. 1 Nr. 4 iVm. § 173 SGB III) der Zah­lungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers nicht ent­ge­gen­ste­hen soll. Der Ar­beit-
 


- 8 -

ge­ber fun­giert nicht le­dig­lich als Zahl­stel­le. Viel­mehr kann er sich ge­genüber ei­nem Zah­lungs­an­spruch nicht dar­auf be­ru­fen, ei­ne An­zei­ge sei nicht er­stat­tet wor­den. Wenn die Agen­tur für Ar­beit oh­ne An­zei­ge nicht leis­tet, der Ar­beit­ge­ber aber gleich­wohl zah­len muss, geht es nicht in je­dem Fal­le le­dig­lich um ei­nen Voll­zug der Rechts­fol­gen aus § 175 SGB III.

c) Die selbständi­ge Ver­pflich­tung zur Zah­lung spricht auch für ei­ne endgülti­ge Zah­lungs­pflicht. Der Ar­beit­ge­ber hat in je­dem Fal­le das Kurz­ar­bei­ter­geld „in der ge­setz­li­chen Höhe“ zu er­rech­nen und zu zah­len. Auf die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen für je­den ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer wird hier­bei nicht ab­ge­stellt, son­dern nur auf die ge­setz­li­che Höhe. Die Ver­knüpfung mit der Auflösung von Zeit­gut­ha­ben und der Zu­sam­men­hang mit der Re­ge­lung über den Lohn­aus­fall für ge­setz­li­che Fei­er­ta­ge le­gen eben­falls ei­ne ab­sch­ließen­de Re­ge­lung oh­ne Be­zug auf die persönli­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen beim Kurz­ar­bei­ter­geld na­he. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 175 Abs. 1 Nr. 1, 2 und Abs. 6 iVm. § 170 SGB III wer­den durch die Re­ge­lun­gen des § 4 Nr. 6.1 bis Nr. 6.4 BRTV Bau er­setzt. Eben­so wer­den die be­trieb­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ge­genüber § 175 Abs. 1 Nr. 3 iVm. § 171 SGB III selbständig ge­re­gelt. Die Ta­rif­norm verhält sich nicht zu den persönli­chen An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen auf das Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld nach § 175 Abs. 1 Nr. 3 iVm. § 172 SGB III. Dass sie still­schwei­gend die­se Vor­aus­set­zun­gen über­nimmt, er­sch­ließt sich je­den­falls aus dem Wort­laut und dem Zu­sam­men­hang der Ta­rif­re­ge­lung nicht. Näher liegt da­nach die An­nah­me, dass es auf die persönli­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen nicht an­kommt.


d) Ent­schei­dend ist der Zu­sam­men­hang mit der Ge­set­zes­la­ge. Der Ar­beit­neh­mer behält auch bei Kurz­ar­beit im Be­trieb den Lohn­an­spruch in Höhe des Kurz­ar­bei­ter­gelds (oben I 3). Das Kurz­ar­bei­ter­geld ist in­so­weit Lohn­er­satz. Der Ar­beit­ge­ber trägt das Ri­si­ko, dass es nicht ge­zahlt wer­den kann. Auch wenn § 615 BGB dis­po­si­tiv ist und so­wohl durch in­di­vi­du­al­recht­li­che wie durch kol­lek­tiv­recht­li­che Ver­ein­ba­run­gen aus­ge­schlos­sen wer­den kann, müssen die­se Ver­ein­ba­run­gen doch ein­deu­tig und klar sein (ErfK/Preis § 615 BGB Rn. 8 mwN). Die vollständi­ge Ab­be­din­gung des An­spruchs aus § 615 Satz 3 BGB


- 9 -

un­ter bloßem Ver­weis auf die er­satz­wei­se ein­tre­ten­den So­zi­al­leis­tun­gen bedürf­te ei­ner ein­deu­ti­gen Re­ge­lung, denn nicht al­le Ar­beit­neh­mer sind in den Be­zug des Kurz­ar­bei­ter­gelds ein­be­zo­gen. Die Ta­rif­norm lässt nicht hin­rei­chend deut­lich er­ken­nen, dass sie das Ri­si­ko des Ar­beits­aus­falls auch dann auf den Ar­beit­neh­mer ver­la­gern will, wenn kein Kurz­ar­bei­ter­geld ge­leis­tet wird, weil es an den persönli­chen Be­wil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen des § 172 Abs. 1 SGB III fehlt. Die in § 172 Abs. 1 bis 3 SGB III ge­re­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen be­tref­fen die be­son­de­ren Verhält­nis­se des Ver­si­cher­ten im Verhält­nis zur Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft. Sie ha­ben kei­nen aus­rei­chen­den Be­zug zu § 615 BGB. Des­halb sind die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen des § 615 Satz 3 BGB in­so­weit nicht mo­di­fi­ziert.

e) Sinn und Zweck der Re­ge­lung er­sch­ließen sich da­nach wie folgt: Nach § 4 Nr. 6.1 Satz 1 BRTV Bau wird zwar der Lohn­an­spruch ab­be­dun­gen. Die Sätze 2 und 3 ent­hal­ten aber ei­ne ei­genständi­ge Er­satz­re­ge­lung, da­mit der Ar­beit­neh­mer nicht auf ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch we­gen un­ter­blie­be­ner An­zei­ge oder be­triebs­be­ding­ter Kündi­gung sei­tens des Ar­beit­ge­bers an-ge­wie­sen ist, wenn er kei­nen An­spruch auf das ge­setz­li­che Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld hat. Die Ent­kop­pe­lung führt da­zu, dass der Ar­beit­ge­ber mit der ent­spre­chen­den Leis­tung un­abhängig da­von ein­tritt, ob die Ar­beits­agen­tur nach den öffent­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten das Kurz­ar­bei­ter­geld letzt­lich zah­len muss. Der Ar­beit­ge­ber ist im Re­gel­fall durch die Leis­tung (Er­stat­tung) der Ar­beits­agen­tur ent­las­tet.

5. Die ge­setz­li­che Höhe des Kurz­ar­bei­ter­gelds (§§ 178, 179 SGB III) ist zwi­schen den Par­tei­en nicht strei­tig. Die Be­klag­te hat­te für Fe­bru­ar 2007 be­reits 1.133,47 Eu­ro er­rech­net und aus­ge­zahlt. Ge­gen die Be­rech­nung iHv. 382,12 Eu­ro für März 2007 hat sie kei­ne Ein­wen­dun­gen er­ho­ben.


III. Aus der Ta­rif­re­ge­lung er­gibt sich nicht, dass der Ar­beit­ge­ber Ein­kom­men­steu­er und So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge zu über­neh­men ha­be. Viel­mehr zahlt der Ar­beit­ge­ber das Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld in der ge­setz­li­chen Höhe auch dann, wenn er Lohn­steu­er und Beiträge zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers abführt. Al­lein aus dem Be­griff „Sai­son-Kurz­ar­bei­ter­geld“ lässt sich



- 10 -

ei­ne Net­to-Vergütungs­pflicht nicht her­lei­ten. Da die Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen über die Steu­er- und Bei­trags­pflicht nicht zu ent­schei­den ha­ben und et­wai­ge Abzüge der Kläger zu tra­gen hat, kommt nur die Ver­ur­tei­lung zu ei­ner Brut­to-Zah­lung in Be­tracht (vgl. Se­nat 30. April 2008 - 5 AZR 725/07 - Rn. 20, AP SGB IV § 28g Nr. 4 = EzA BGB 2002 § 611 Net­to­lohn, Lohn­steu­er Nr. 3).


IV. Der Zins­an­spruch folgt aus § 286 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 1, § 288 Abs. 1 BGB.

V. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf den §§ 91, 92 ZPO. Der Kläger ob­siegt iHv. 1.515,59 Eu­ro. Mit dem in ers­ter und zwei­ter In­stanz ge­stell­ten An­trag auf Er­tei­lung von Ab­rech­nun­gen/Be­schei­ni­gun­gen ist er un­ter­le­gen. Die­ser An­trag wird ent­spre­chend der Fest­set­zung des Ar­beits­ge­richts mit 500,00 Eu­ro be­wer­tet.

Müller-Glöge 

Mi­kosch 

Brein­lin­ger

R. Reh­wald 

Dom­brow­sky

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 5 AZR 310/08  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880