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Be­triebs­rat hat An­spruch auf rhe­to­ri­sche Schu­lung

Ar­beit­ge­ber muss Ver­an­stal­tung "Rhe­to­rik für Be­triebs­rä­te“ be­zah­len: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Be­schlüs­se vom 13.03.2009, 13 TaBV 181/08 und 13 TaBV 144/08
19.11.2009. Be­triebs­rä­te brau­chen vie­le Kennt­nis­se, um ih­re Auf­ga­ben zu er­fül­len. Da­her sie ge­mäß § 37 Abs. 6 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) ei­nen An­spruch dar­auf an Schu­lungs- und Bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen teil­zu­neh­men. Vor­aus­set­zung ist, dass die Ver­an­stal­tun­gen Kennt­nis­se ver­mit­teln, die für die Ar­beit des Be­triebs­rats er­for­der­lich sind.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm hat­te nun in zwei Par­al­lel­ver­fah­ren zu ent­schie­den, ob der der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de und sein Stell­ver­tre­ter bei zu­ge­spitz­ten be­trieb­li­chen Kon­flik­ten ei­nen An­spruch dar­auf ha­ben, ei­ne Rhe­to­rik­schu­lung be­su­chen, um den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Ar­beit­ge­ber ge­wach­sen zu sein, LAG Hamm, Be­schluss vom 13.03.2009, 13 TaBV 144/08, und Be­schluss vom 13.03.2009, 13 TaBV 181/08.

Reizthema Rhetorikschulung für Betriebsräte

Hat der Be­triebs­rat darüber be­ra­ten und be­schlos­sen, ein Be­triebs­rats­mit­glied zu ei­ner er­for­der­li­chen Schu­lungs­ver­an­stal­tung zu ent­sen­den, hat das in dem Be­schluss ge­nann­te Be­triebs­rats­mit­glied ei­nen An­spruch auf Frei­stel­lung un­ter Fort­zah­lung der Vergütung für die Dau­er der Schu­lungs­maßnah­me. Darüber hin­aus ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, die Lehr­gangs­kos­ten zu tra­gen so­wie, falls nötig, Rei­se- und Über­nach­tungs­kos­ten.

Die Recht­spre­chung be­tont zwar im Aus­gangs­punkt im­mer, dass der Be­triebs­rat ein vom Ge­richt nicht über­prüfba­res Er­mes­sen bei sei­ner Ent­schei­dung über die Durchführung von Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen hat, doch ist es mit die­sem Er­mes­sen nicht weit her. Die Ge­rich­te prüfen nämlich im Streit­fall, d.h. wenn der Ar­beit­ge­ber Schu­lungs­kos­ten nicht tra­gen will, sehr ge­nau selbst nach, ob der Be­triebs­rat die Gren­zen sei­nes (theo­re­ti­schen) Er­mes­sens ein­ge­hal­ten hat oder nicht. Im Er­geb­nis die­ser Recht­spre­chung kommt es da­her nicht dar­auf an, wel­che Schu­lungs­ver­an­stal­tun­gen der Be­triebs­rat für er­for­der­lich gemäß § 37 Abs. 6 Be­trVG hält, son­dern wel­che Ver­an­stal­tun­gen die Ar­beits­ge­rich­te als nötig an­se­hen.

Da­bei ori­en­tie­ren sich die Ge­rich­te an fol­gen­der Leit­li­nie:

  • Grund­la­gen­schu­lun­gen zum Be­triebs­ver­fas­sungs­recht und zu all­ge­mei­nen Fra­gen des Ar­beits­rechts sind oh­ne wei­te­res er­for­der­lich, falls das Be­triebs­rats­mit­glied, das an ei­ner sol­chen Schu­lung teil­neh­men soll, der­ar­ti­ge Ver­an­stal­tun­gen noch nicht be­sucht hat oder falls sei­ne Schu­lung schon lang zurück­liegt.
  • Al­le an­de­ren Schu­lun­gen wer­den da­ge­gen nur un­ter en­gen Vor­aus­set­zun­gen als er­for­der­lich an­ge­se­hen, falls nämlich die kon­kre­ten Verhält­nis­se im Be­trieb und im Be­triebs­rat ei­ne sol­che Schu­lung nötig ma­chen. Da­bei kommt es dar­auf an, ob die Schu­lungs­in­hal­te für die Auf­ga­ben­erfüllung durch den Be­triebs­rat der­zeit oder in na­her Zu­kunft nötig sind bzw. nötig wer­den.

Be­son­ders um­strit­ten ist da­bei die Pflicht des Ar­beit­ge­bers, Rhe­to­rikse­mi­na­re zu be­zah­len, d.h. Schu­lun­gen zur Re­de- und Ver­hand­lungs­tech­nik. Im­mer­hin hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im Jah­re 1995 an­er­kannt, dass auch sol­che Rhe­to­rik­schu­lun­gen er­for­der­lich sein können, falls das Be­triebs­rats­mit­glied im Be­triebs­rat ei­ne so her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung ein­nimmt, dass es ge­ra­de auf sei­ne Fähig­keit zum Führen von Ver­hand­lun­gen an­kommt (BAG, Be­schluss vom 24.05.1995, 7 ABR 54/94 - Leit­satz 2).

Trotz die­ser im An­satz­punkt für Be­triebsräte po­si­ti­ven Grund­satz­ent­schei­dung ge­win­nen Ar­beit­ge­ber im­mer wie­der Ge­richts­pro­zes­se, in de­nen über die Er­for­der­lich­keit von Rhe­to­rikse­mi­na­ren ge­strit­ten wird. So ent­schie­den in letz­ter Zeit für den Ar­beit­ge­ber z.B. das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln (Be­schluss vom 10.12.2007, 10 TaBV 53/07) und das LAG Schles­wig-Hol­stein (Be­schluss vom 17.03.2009, 2 TaBV 36/08).

Nun­mehr hat­te das LAG Hamm in zwei Be­schlüssen vom 13.03.2009, die den­sel­ben Be­trieb bzw. den­sel­ben Be­triebs­rat be­tra­fen, über die Pflicht zur Kos­tenüber­nah­me für Rhe­to­rik­schu­lun­gen zu ent­schei­den (auf der Web­sei­te des LAG Hamm wird als Ent­schei­dungs­da­tum des Be­schlus­ses 13 TaBV 181/08 fälsch­lich der 12.10.2009 an­ge­ge­ben). Hier woll­te der Be­triebs­rat sei­nen Vor­sit­zen­den (13 TaBV 144/08) und sei­nen stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den (13 TaBV 181/08) zu ei­ner Rhe­to­rik­schu­lung ent­sen­den.

Der Fall des LAG Hamm: Streit über Verlängerung der Arbeitszeit

Der Ar­beit­ge­ber ist ein Großun­ter­neh­men mit 35 Re­gio­nal­ge­sell­schaf­ten. Ei­ne die­ser Re­gio­nal­ge­sell­schaf­ten beschäftigt et­wa 900 Ar­beit­neh­mer in 75 Fi­lia­len. Im Be­reich die­ser Re­gio­nal­ge­sell­schaft gibt es ein La­ger, ei­nen Fuhr­park und ei­ne ei­ge­ne Ver­wal­tung.

Die Ar­beit­neh­mer die­ser Re­gio­nal­ge­sell­schaft wur­den durch ei­nen 13köpfi­gen Be­triebs­rat ver­tre­ten. Der Vor­sit­zen­de des Be­triebs­rats war seit 2006 ein ge­lern­ter Koch, sein Stell­ver­tre­ter ein ge­lern­ter Schlos­ser. Bei­de Be­triebs­rats­mit­glie­der wa­ren als Kraft­fah­rer ein­ge­stellt.

Das Verhält­nis zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat war seit länge­rem an­ge­spannt, da der Be­triebs­rat ei­ner vom Ar­beit­ge­ber gewünsch­ten Ar­beits­zeit­verlänge­rung nicht zu­stim­men woll­te. In ei­nem in­ter­nen Stra­te­gie­pa­pier des Ar­beit­ge­bers hieß es da­her, die Fi­li­al­lei­ter soll­ten ei­ne hef­ti­ge Dis­kus­si­on mit dem Be­triebs­rat führen. Bei die­sen Dis­kus­sio­nen soll­te dem Be­triebs­rat die Ver­ant­wor­tung für Um­satz­ein­bußen und für die da­durch be­ding­te Gefähr­dung von Ar­beitsplätzen zu­ge­wie­sen wer­den. Darüber hin­aus plan­te der Ar­beit­ge­ber ei­ne Mit­ar­bei­ter-Un­ter­schrif­ten­ak­ti­on, mit der der Be­triebs­rat zum Ein­len­ken in der Fra­ge der Ar­beits­zeit­verlänge­rung ge­bracht wer­den soll­te.

Dar­auf­hin be­schloss der Be­triebs­rat An­fang 2008, dass sein Vor­sit­zen­der und des­sen Stell­ver­tre­ter an ei­nem einwöchi­gen Se­mi­nar zum The­ma Rhe­to­rik für Be­triebsräte teil­neh­men soll­ten. Der Ar­beit­ge­ber wei­ger­te sich, die dafür ent­ste­hen­den Kos­ten zu über­neh­men.

Im wei­te­ren Ver­lauf stritt man über die Kos­ten­tra­gungs­pflicht in zwei Be­schluss­ver­fah­ren vor dem Ar­beits­ge­richt Sie­gen. In bei­den Ver­fah­ren zog der Ar­beit­ge­ber den Kürze­ren und leg­te da­her Be­schwer­de zum LAG Hamm ein.

LAG Hamm: Bei rabiater Stimmungsmache gegen den Betriebsrat kann Rhetorikschulung erforderlich sein

Das LAG wies die bei­den Be­schwer­den zurück und ent­schied da­mit eben­falls ge­gen den Ar­beit­ge­ber. In bei­den Fällen wur­de die Rechts­be­schwer­de zum BAG zu­ge­las­sen.

Zur Be­gründung ver­weist das Ge­richt in bei­den Be­schlüssen auf die ag­gres­si­ve Art und Wei­se, mit der der Ar­beit­ge­ber in dem Kon­flikt mit dem Be­triebs­rat die be­triebsöffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung an­heiz­te. Auf­grund die­ser ra­bia­ten Stim­mungs­ma­che war für den Be­triebs­rat, so das LAG Hamm, ei­ne pro­fes­sio­nel­len Ver­mitt­lung der Grund­la­gen der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik er­for­der­lich. Denn nur bei fach­kun­di­ger Un­ter­wei­sung in die Kunst des frei­en und wirk­sa­men Re­dens und Ar­gu­men­tie­rens, so das Ge­richt, war es dem Be­triebs­rat hier nach La­ge der Din­ge möglich, sich auf Au­genhöhe mit den stra­te­gisch vor­be­rei­te­ten Ar­beit­ge­ber­ver­tre­tern aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Mit­ent­schei­dend war im vor­lie­gen­den Fall wohl auch, dass bei­de Be­triebs­rats­mit­glie­der ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer wa­ren und auch von ih­rer Aus­bil­dung her (Koch bzw. Schlos­ser) nicht die Gewähr dafür bo­ten, als Red­ner . Ob das BAG, das in nächs­ter Zeit über die bei­den Rechts­be­schwer­den zu ent­schei­den ha­ben wird, auch die recht­li­che Gleich­be­hand­lung der Schu­lung des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­dem und der Schu­lung sei­nes Stell­ver­tre­ters un­ter­schreibt, bleibt ab­zu­war­ten.

Fa­zit: Ar­beit­ge­ber, die in der Be­triebsöffent­lich­keit en­er­gisch Stim­mung ge­gen die Po­si­ti­on des Be­triebs­rats ma­chen, müssen da­mit rech­nen, dass sie die Kos­ten ei­ner vom Be­triebs­rat be­schlos­se­nen Rhe­to­rik-Schu­lung über­neh­men müssen.

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Letzte Überarbeitung: 5. Juli 2015

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