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Recht­zei­ti­ges Vor­brin­gen von Grün­den für die Un­wirk­sam­keit ei­ner Kün­di­gung ge­mäß § 6 KSchG

Im Kün­di­gungschutz­pro­zess müs­sen al­le denk­ba­ren Grün­de für die Un­wirk­sam­keit der Kün­di­gung bis zum En­de der ers­ten In­stanz vor­ge­tra­gen wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 08.11.2007, 2 AZR 314/06
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28.12.2007. In § 6 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) ist vor­ge­se­hen, dass der sich der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess noch "bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ers­ter In­stanz" auf Un­wirk­sam­keits­grün­de be­ru­fen kann, die er zu­nächst ein­mal, d.h. in­ne­halb der drei­wö­chi­gen Kla­ge­frist, noch nicht vor­ge­bracht hat.

Die­se Frist­be­stim­mung müs­sen Ar­beit­neh­mer und ih­re Pro­zess­ver­tre­ter ernst neh­men. Denn Un­wirk­sam­keits­grün­de, die man erst­mals vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt in der Be­ru­fung vor­trägt, kön­nen vom Ge­richt nicht mehr über­prüft wer­den.

Wer da­her als An­walt oder ge­werk­schaft­li­cher Rechts­se­kre­tär häu­fig in Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren tä­tig ist, soll­te auch sei­ne Mus­ter­kla­gen über­prü­fen und ggf. er­gän­zen, falls die­se kei­ne Be­ru­fung auf die prak­tisch wich­tigs­ten Un­wirk­sam­keits­grün­de au­ßer­halb von § 1 KSchG ent­hal­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 08.11.2007, 2 AZR 314/06.

Bis wann müssen Arbeitnehmer im Kündigungsschutzverfahren Gründe für die Unwirksamkeit der Kündigung vorbringen und wie müssen sie das tun?

Nach § 6 KSchG kann ein Ar­beit­neh­mer, der in­ner­halb von drei Wo­chen nach Zu­gang ei­ner Kündi­gung Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­ho­ben hat, in die­sem Ver­fah­ren „bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ers­ter In­stanz“ auch wei­te­re Un­wirk­sam­keits­gründe ge­gen die strei­ti­ge Kündi­gung vor­brin­gen, d.h. er kann sich auch noch nach Ab­lauf der dreiwöchi­gen Kla­ge­frist auf an­de­re Un­wirk­sam­keits­gründe be­ru­fen.

Auf die­se recht­li­che Möglich­keit „soll“ ihn das Ar­beits­ge­richt hin­wei­sen.

Die Pa­ra­gra­phenüber­schrift „Verlänger­te An­ru­fungs­frist“ ist da­her et­was ein­sei­tig, da die Möglich­keit, wei­te­re Gründe für die Un­wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung vor­zu­brin­gen, nach Be­en­di­gung der ers­ten In­stanz nicht mehr ge­ge­ben ist, d.h. der Ar­beit­neh­mer ist mit ei­nem sol­chen Vor­brin­gen ab der zwei­ten In­stanz aus­ge­schlos­sen (im Ju­ris­ten­deutsch: „präklu­diert“). § 6 KSchG ist da­her (auch) ei­ne Präklu­si­ons­vor­schrift.

Frag­lich ist, was das Ge­setz ei­gent­lich mit ei­nem „Be­ru­fen“ des Ar­beit­neh­mers auf ei­nen Grund für die Un­wirk­sam­keit meint und un­ter wel­chen Umständen das Ar­beits­ge­richt den kla­gen­den Ar­beit­neh­mer auf sein Recht zum Vor­brin­gen wei­te­rer Un­wirk­sam­keits­gründe hin­wei­sen muss.

Der Streitfall: Gekündigter Arbeitnehmer beruft sich erstmals vor dem Bundesarbeitsgericht auf seine tarifliche Unkündbarkeit

Der über 50 Jah­re al­te Kläger war seit 18 Jah­ren bei der be­klag­ten Ar­beit­ge­be­rin beschäftigt. Für das Ar­beits­verhält­nis galt ein Haus­ta­rif­ver­trag, der sei­ner­seits die An­wen­dung des BAT an­ord­ne­te.

Dar­aus er­gab sich die or­dent­li­che Unkünd­bar­keit des Klägers, da gemäß § 53 Abs.3 BAT Ar­beit­neh­mer nach ei­ner Beschäfti­gungs­zeit von 15 Jah­ren, frühes­tens je­doch nach Voll­endung des 40. Le­bens­jah­res or­dent­lich unkünd­bar sind.

Al­ler­dings hat­te die Ar­beit­ge­be­rin auf­grund ei­nes mas­si­ven Auf­trags­ein­bruchs ei­nen wei­te­ren Haus­ta­rif­ver­trag mit der ver.di ver­ein­bart („Not­la­gen­ta­rif­ver­trag“), der ei­ne zeit­lich be­grenz­te Aus­nah­me von der Unkünd­bar­keit vor­sah für Fälle, in de­nen Ar­beit­neh­mer im Zu­ge ei­ner Be­triebsände­rung be­triebs­be­dingt ent­las­sen wer­den, der Be­triebs­rat der Kündi­gung zu­stimmt und So­zi­al­plan­leis­tun­gen be­an­sprucht wer­den können.

Die Be­klag­te kündig­te das Ar­beits­verhält­nis be­triebs­be­dingt un­ter den o.g. Vor­aus­set­zun­gen des „Not­la­gen­ta­rif­ver­trags“, wor­auf­hin der Kläger Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­hob.

Die Kla­ge be­gründe­te er da­mit, dass die Kündi­gung ge­gen § 1 KSchG ver­s­toße, d.h. so­zi­al­wid­rig sei, und außer­dem man­gels ei­ner Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ge­gen § 17 KSchG ver­s­toße. Fer­ner erwähn­te der Kläger in sei­nen Schriftsätzen, dass die o.g. Ta­rif­verträge auf sein Ar­beits­verhält­nis an­wend­bar sei­en.

Das Ar­beits­ge­richt Es­sen und das LAG Düssel­dorf wie­sen die Kla­ge ab. Da­bei setzt sich das LAG Düssel­dorf ausführ­lich mit der – vom Kläger al­ler­dings nicht auf­ge­wor­fe­nen! – Fra­ge aus­ein­an­der, ob die im Not­la­gen­ta­rif­ver­trag ent­hal­te­ne Ab­wei­chung von der Unkünd­bar­keits­re­ge­lung des § 53 Abs.3 BAT rech­tens sei; die­se Fra­ge wird be­jaht.

Erst­mals nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ers­ter In­stanz, nämlich in der Re­vi­si­on vor dem BAG, be­rief sich so­dann der Kläger aus­drück­lich dar­auf, dass er auf­grund des Haus­ta­rif­ver­trags bzw. des dar­in in Be­zug ge­nom­me­nen BAT or­dent­lich unkünd­bar sei.

Das BAG hat­te darüber zu ent­schei­den, ob die­ser Un­wirk­sam­keits­grund noch Be­ach­tung fin­den konn­te oder ob sei­ne Berück­sich­ti­gung we­gen § 6 KSchG nicht möglich wäre.

BAG: Die bloße Erwähnung eines Tarifvertrags ist noch kein "Sich-Berufen" auf eine im Tarif enthaltene Unkündbarkeitsregelung

Eben­so wie vor dem Ar­beits- und Lan­des­ar­beits­ge­richt hat­te der Kläger auch in der Re­vi­si­on vor dem BAG kei­nen Er­folg:

Das BAG stell­te zunächst fest, dass die ta­rif­li­che Unkünd­bar­keit als sons­ti­ger Un­wirk­sam­keits­grund gemäß § 6 KSchG bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ers­ter In­stanz gel­tend ge­macht wer­den muss.

Ein Sich-Be­ru­fen auf die ta­rif­li­che Unkünd­bar­keit liegt nach An­sicht des BAG of­fen­bar noch nicht dar­in, dass der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer die An­wend­bar­keit ei­nes Ta­rif­ver­trags auf das Ar­beits­verhält­nis zwar erwähnt, aber den ta­rif­ver­trag­li­chen Aus­schluss der or­dent­li­chen Kündi­gung nicht aus­drück­lich vor­bringt.

Al­ler­dings weist das BAG dar­auf hin, dass das Tat­sa­chen­vor­brin­gen des Ar­beit­neh­mers ei­ne Hin­weis­pflicht des Ar­beits­ge­richts nach § 6 Satz 2 KSchG auslösen kann, falls sich dar­aus An­halts­punk­te für an­de­re Un­wirk­sam­keits­gründe er­ge­ben.

Da das BAG je­doch ei­ne Be­ru­fung des Klägers auf ta­rif­li­che Unkünd­bar­keits­vor­schrif­ten vor­lie­gend „je­den­falls“ we­gen Versäum­ung der Fris­ten gemäß §§ 4 ff. KSchG für aus­ge­schlos­sen erklärt, ver­neint es wohl auch ei­ne Hin­weis­pflicht des Ar­beits­ge­richts je­den­falls im Er­geb­nis, da de­ren Ver­let­zung an­sons­ten zu­guns­ten des Klägers hätte berück­sich­tigt wer­den müssen.

Im Er­geb­nis sieht das BAG die Ausführun­gen des LAG Düssel­dorf zu der Fra­ge der mögli­chen ta­rif­li­chen Unkünd­bar­keit des Klägers auf­grund feh­len­der Be­ru­fung des Klägers auf die­sen Un­wirk­sam­keits­grund in der ers­ten In­stanz als pro­zes­su­al überflüssig an, da es ei­ne Stel­lung­nah­me zu die­ser Fra­ge ab­lehnt. Das ist für das LAG Düssel­dorf ein we­nig pein­lich, da es ge­ra­de mit Blick auf die­se Rechts­fra­ge die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen hat­te.

Fa­zit: Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter soll­ten ih­re Mus­ter­kla­gen über­prüfen und ggf. ergänzen, falls die­se kei­ne Be­ru­fung auf die prak­tisch wich­tigs­ten Un­wirk­sam­keits­gründe außer­halb von § 1 KSchG ent­hal­ten. Spricht das Ar­beits­ge­richt im Lau­fe des Ver­fah­rens, et­wa im Güte­ter­min, mögli­che Un­wirk­sam­keits­gründe an, die in der Kla­ge (noch) nicht erwähnt wur­den, soll­te der Kläger die­se schrift­lich auf­grei­fen, um da­durch ak­ten­kun­dig zu ma­chen, dass er sich auf sie be­ruft.

Ein­zel­hei­ten zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 26. Februar 2016

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